Auch auf der Nordseite des Harzes wohnten einst viele tausend

Zwerge oder Kröpel, in den Felsklüften und den noch vorhandenen

Zwerglöchern. Bei Seehausen, einem magdeburgischen Städtchen, zeigt

man ebenfalls solche Kröppellöcher. Aber nur selten erschienen sie den

Landesbewohnern in sichtbarer Gestalt, gewöhnlich wandelten sie, durch

ihre Nebelkappen geschützt, ungesehen und ganz unbemerkt unter ihnen

umher. Manche dieser Zwerge waren gutartig und den Landesbewohnern

unter gewissen Umständen sehr behülflich; bei Hochzeiten und Kindtaufen

borgten sie mancherlei Tischgeräthe aus den Höhlen der Zwerge. Nur

durfte sie niemand zum Zorn reizen, sonst wurden sie tückisch und

bösartig und thaten dem, der sie beleidigte, allen möglichen Schaden

an. In dem Thal zwischen Blankenburg und Quedlinburg bemerkte einmal

ein Becker, daß ihm immer einige der gebackenen Brote fehlten und doch

war der Dieb nicht zu entdecken. Dieser beständig fortdauernde geheime

Diebstahl machte, daß der Mann allmählig verarmte. Endlich kam er auf

den Verdacht, die Zwerge könnten an seinem Unheil Schuld seyn. Er

schlug also mit einem Geflechte von schwanken Reisern so lange um sich

her, bis er die Nebelkappen einiger Zwerge traf, die sich nun nicht

mehr verbergen konnten. Es wurde Lärm. Man ertappte bald noch mehrere

Zwerge auf Diebereien und nöthigte endlich den ganzen Ueberrest des

Zwergvolkes auszuwandern. Um aber die Landeseinwohner einigermaßen für

das gestohlene zu entschädigen und zugleich die Zahl der Auswandernden

überrechnen zu können, wurde auf dem jetzt sogenannten Kirchberg bei

dem Dorfe Thale, wo sonst Wendhausen lag, ein groß Gefäß hingestellt,

worin jeder Zwerg ein Stück Geld werfen mußte. Dieses Faß fand sich

nach dem Abzuge der Zwerge ganz mit alten Münzen angefüllt. So groß

war ihre Zahl. Das Zwergvolk zog über Wahrnstedt (unweit Quedlinburg)

immer nach Morgen zu. Seit dieser Zeit sind die Zwerge aus der Gegend

verschwunden. Selten ließ sich seitdem hier und da ein einzelner sehen.

154.

Die Zwerge bei Dardesheim.

+Otmar+.

Dardesheim ist ein Städtchen zwischen Halberstadt und Braunschweig.

Dicht an seiner nordöstlichen Seite fließt ein Quell des schönsten

Wassers, welcher der +Smansborn+ (Leßmannsborn) heißt und aus einem

Berge quillt, in dem vormals die Zwerge wohnten. Wenn die ehmaligen

Einwohner der Gegend ein Feierkleid oder zu einer Hochzeit ein seltenes

Geräthe brauchten, so gingen sie vor diesen Zwergberg, klopften

dreimal an und sagten mit deutlicher, vernehmlicher Stimme ihr

Anliegen, und

frühmorgens eh die Sonn aufgeht,

schon alles vor dem Berge steht.

Die Zwerge fanden sich hinlänglich belohnt, wenn ihnen etwas von den

festlichen Speisen vor den Berg hingesetzt wurde. Nachher allmälig

störten Streitigkeiten das gute Vernehmen des Zwergvolks und der

Landeseinwohner. Anfangs auf kurze Zeit, aber endlich wanderten die

Zwerge aus, weil ihnen die Neckworte und Spöttereien vieler Bauern

unerträglich waren, so wie der Undank für erwiesene Gefälligkeiten.

Seit der Zeit sieht und hört man keine Zwerge mehr.

155.

Schmidt Riechert.

+Otmar+.

Den dardesheimer Zwergberg zieht auf der östlichen Seite ein Stück

Acker hinan. Dieses Feld hatte einst ein Schmidt, Namens +Riechert+,

mit Erbsen bestellt. Er bemerkte, als sie am wohlschmeckendsten waren,

daß sie häufig ausgepflückt wurden. Um dem Erbsendieb aufzulauern,

baute sich Riechert ein Hüttchen auf seinen Acker und wachte Tags und

Nachts dabei; bei Tage entdeckte er keine Veränderung, aber alle Morgen

sah er, daß seines Wachens unerachtet über Nacht das Feld bestohlen

war. Voll Verdruß über seine mißlungene Mühe, beschloß er, die noch

übrigen Erbsen auf dem Acker auszudreschen. Mit Tagesanbruch begann

Schmidt Riechert seine Arbeit. Aber noch hatte er nicht die Hälfte der

Erbsen ausgedroschen, so hörte er ein klägliches Schreien, und beim

Nachsuchen fand er auf der Erde unter den Erbsen einen der Zwerge, dem

er mit seinem Dreschflegel den Schädel eingeschlagen hatte, und der nun

sichtbar wurde, weil ihm seine Nebelkappe verloren gegangen war. Der

Zwerg floh eilends in den Berg zurück.

156.

Grinken-Schmidt.

Mündlich, im Münsterland.

In den Detterberge, drei Stunden von Mönster, do wuhrnde vor ollen

Tieden en wilden Man, de hedde Grinken-Schmidt, un de lag in en deip

Lok unner de Erde, dat is nu ganz met Greß un Strüker bewassen; men man

kann doch noch seihn, wo et west is. In düt Lok hadde he sine Schmiede,

un he mock so eislike-rohre Saken, de duerden ewig, un sine Schlörter

konn kien Mensk orpen kriegen sonner Schlürtel. An de Kerkendöhr to

Nienberge sall auk en Schlott von em sien, do sind de Deiwe all vör

west, men se könnt et nich to Schande maken. Wenn der denn ne Hochtied

was, queimen de Bueren un lenden von Grienken en Spitt, do mosten se

em en Broden vör gierwen. Kam auk es en Buer vör dat Lok un sede:

“Grinken-Schmidt, giff mi en Spitt” -- “krigst kien Spitt, giff mi en

Broden” -- “krigst kinen Broden, holt dien Spitt.” Do word Grienken so

hellig aße der to, un reep: “wahr du, dat ik kienen Broden nierme.” De

Buer gonk den Berg enbilink no sin Hues, do lag sien beste Perd in en

Stall un een Been was em utrierten, dat was Grinken-Schmidt sien Broden.

* * * * *

+wuhrnde, nierme, utrierten+: wohnte, nehme, ausgerissen.

+eislike-rohr+: sehr rar. +sunner+: ohne. +Spitt+: Spieß. +Broden+:

Braten. +so hellig aße der to+: so böse als möglich. +enbilink+:

entlang.

157.

Die Hirtenjungen.

+Spieß+ Vorrede zum Hans Heiling.

Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln

nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen und erblickten unten

an demselben eine kleine Thüre offenstehen. Die Neugierde trieb sie

hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen, eine geöffnet, die

andere verschlossen. In der offnen lag ein großer Haufen Geld, sie

griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein voll. Drauf kams

ihnen greulich; sie eilten nach der Thüre, glücklich trat der erste

durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die Angel fürchterlich,

er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle, die Thüre fuhr

schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines linken Schuhes

ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld ihren erfreuten

Eltern heim.

158.

Die Nußkerne.

Mündlich, aus dem Corvei’schen.

Zwei junge Bursche, der Peter und Knipping zu Wehren im Corvei’schen,

wollten Vogelnester suchen, der Peter aber, weil er erstaunend faul

war, nachdem er ein wenig umgeschaut, legte sich unter einen Baum und

schlief ein. Auf einmal wars ihm, als packte ihn einer an den Ohren,

so daß er aufwachte und herumsah, aber niemand erblickte. Also legte

er den Kopf wieder und schlief aufs neue ein. Da kams zum zweitenmal

und packte ihn an den Ohren, als er aber niemand gewahr werden konnte,

schlief er zum drittenmal ein. Aber zum drittenmal ward er wieder

gezupft, da war er das Ding müde, stand auf und wollte sich einen

andern Ort suchen, wo er in Ruhe liegen könnte. Auf einmal aber sah er

vor sich das Fräulein von Willberg gehen, das knackte Nüsse entzwei

und steckte die Schalen in die Tasche und warf die Kerne auf die Erde.

Als die Nüsse zu Ende gingen, war sie verschwunden. Der Peter aber war

immer hinter ihr hergegangen, hatte die Nüsse aufgelesen und gegessen.

Darauf kehrte er um, suchte den Knipping und erzählte ihm alles, was er

gesehen hatte. Da gingen sie nach Haus, holten noch andere zur Hilfe

und fingen an, da, wo das Fräulein verschwunden war, zu graben und

kamen auf eine alte Küche, darin noch altes Kochgeräth stand, endlich

in einen Keller mit Tonnen voll Geld. Sie nahmen so viel, als sie

tragen konnten und wollten den andern Tag wieder kommen, aber alles war

fort und sie konnten die Stätte gar nicht wieder finden, sie mochten

suchen, wie sie wollten. Der Peter baute sich von seinem Geld ein Haus,

darin er noch lebt.

159.

Der soester Schatz.

+Simplicissimus+ Buch ~III. cap.~ 13.

Im dreißigjährigen Krieg befand sich unweit der Stadt Soest in

Westphalen ein altes Gemäuer, von dem die Sage ging, daß darin eine

eiserne Truhe voll Geldes wäre, welche ein schwarzer Hund hütete,

sammt einer verfluchten Jungfrau. Nach der Erzählung der Großeltern

werde einstens ein fremder Edelmann ins Land kommen, die Jungfrau

erlösen und mit einem feurigen Schlüssel den Kasten eröffnen. Mehrere

fahrende Schüler und Teufelsbanner hätten sich bei Mannsgedenken

dahin begeben, um zu graben, wären aber so seltsam empfangen und

abgewiesen worden, daß es seithero niemand weiter gelüstet; besonders

nach ihrer Eröffnung, daß der Schatz keinem zu Theil werden könne,

der nur ein einziges mal Weibermilch getrunken. Vor kurzer Zeit noch

wäre ein Mägdlein aus ihrem Dorf nebst etlichen Geisen an den Ort zu

weiden gewesen, und, als deren eine sich in das Gemäuer verlaufen,

nachgefolgt. Da sey eine Jungfrau inwendig im Hof gewesen und habe es

angeredet: was es da zu schaffen? auch nach erhaltenem Bescheid, auf

ein Körblein Kirschen weisend, weiter gesagt: “so gehe und nimm dort

von dem, was du vor dir siehest, mit sammt deiner Gais, komm aber

nicht wieder, noch sieh dich um, damit dir nichts Arges beschehe!”

Darauf habe das erschrockene Kind sieben Kirschen ertappet und sey in

Angst aus der Mauer gekommen; die Kirschen seyen aber sogleich zu Geld

geworden.

160.

Das quellende Silber.

+Happel+ ~relat. curios. III.~ 529.

Im Februar des Jahrs 1605. unter dem Herzog Heinrich Julius von

Braunschweig trug sich zu, daß eine Meile Wegs von Quedlinburg, zum

Thal genannt, ein armer Bauer seine Tochter in den nächsten Busch

schickte, Brenn-Holz aufzulesen Das Mädchen nahm dazu einen Trag-Korb

und einen Hand-Korb mit und als es beide angefüllt hatte und nach

Haus gehen wollte, trat ein weißgekleidetes Männlein zu ihm hin und

fragte: “was trägst du da?” “Aufgelesenes Holz, antwortete das Mädchen,

zum Heizen und Kochen.” “Schütte das Holz aus, sprach weiter das

Männlein, nimm deine Körbe und folge mir; ich will dir etwas zeigen,

das besser und nützlicher ist, als das Holz.” Nahm es dabei an der

Hand, führte es zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, etwa

zweier gewöhnlichen Tische breit, ein schön lauter Silber von kleiner

und großer Münze von mäßiger Dicke, darauf ein Bild, wie eine Maria

gestaltet und rings herum ein Gepräge von uralter Schrift. Als dieses

Silber in großer Menge gleichsam aus der Erde hervorquoll, entsetzte

sich das Mägdlein davor und wich zurück; wollte auch nicht seinen

Hand-Korb von Holz ausschütten. Hierauf thats das weiße Männlein

selbst, füllte ihn mit dem Geld und gab ihn dem Mägdlein und sprach:

“das wird dir besser seyn, als Holz.” Es nahm ihn voll Bestürzung und

als das Männlein begehrte, es sollte auch seinen Trag-Korb ausschütten

und Silber hinein fassen, wehrte es ab und sprach: “es müsse auch Holz

mit heim bringen, denn es wären kleine Kinder daheim, die müßten eine

warme Stube haben und dann müßte auch Holz zum Kochen da seyn.” Damit

war das Männlein zufrieden und sprach: “nun so ziehe damit hin” und

verschwand darauf.

Das Mädchen brachte den Korb voll Silber nach Haus und erzählte,

was ihm begegnet war. Nun liefen die Bauern haufenweis mit Hacken

und anderm Geräth in das Wäldchen und wollten sich ihren Theil vom

Schatz auch holen, aber niemand konnte den Ort finden, wo das Silber

hervorgequollen war.

Der Fürst von Braunschweig hat sich von dem geprägten Silber ein Pfund

holen lassen, so wie sich auch ein Bürger aus Halberstadt, N. Everkan,

eins gelöst.

161.

Goldsand auf dem Unterberg.

Brixener Volksbuch.

Im Jahr 1753. ging ein ganz mittelloser, beim Hofwirth zu St. Zeno

stehender Dienstknecht, Namens Paul Mayr, auf den Berg. Als er unweit

dem Brunnenthal fast die halbe Höhe erreicht hatte, kam er zu einer

Steinklippe, worunter ein Häuflein Sand lag. Weil er schon so manches

gehört hatte und nicht zweifelte, daß es Goldsand wäre, füllte er sich

alle Taschen damit und wollte voll Freude nach Haus gehen; aber in dem

Augenblick stand ein fremder Mann vor seinem Angesicht und sprach:

“was tragst du da?” Der Knecht wußte vor Schrecken und Furcht nichts

zu antworten, aber der fremde Mann ergriff ihn, leerte ihm die Taschen

aus und sprach: “jetzt gehe nimmer den alten Weg zurück, sondern einen

andern und sofern du dich hier wieder sehen läßt, wirst du nicht mehr

lebend davon kommen.” Der gute Knecht ging heim, aber das Gold reizte

ihn also, daß er beschloß, den Sand noch einmal zu suchen, und einen

guten Gesellen mitnahm. Es war aber alles umsonst und dieser Ort ließ

sich nimmermehr finden.

Ein andermal verspätete sich ein Holzmeister auf dem Berge und mußte

in einer Höhle die Nacht zubringen. Anderen Tages kam er zu einer

Steinklippe, aus welcher ein glänzend schwerer Goldsand herabrieselte.

Weil er aber kein Geschirr bei sich hatte, ging er ein ander Mal hinauf

und setzte das Krüglein unter. Und als er mit dem angefüllten Krüglein

hinweg ging, sah er unweit dieses Orts eine Thüre sich öffnen, durch

die er schaute, und da kam es ihm natürlich vor, als sehe er in den

Berg hinein und darin eine besondere Welt mit einem Tageslicht, wie

wir es haben. Die Thüre blieb aber kaum eine Minute lang offen; wie

sie zuschlug, hallte es in den Berg hinein, wie in ein großes Weinfaß.

Dieses Krüglein hat er sich allzeit angefüllt nach Haus tragen können,

nach seinem Tode aber ist an dem Gold kein Seegen gewesen. Jene Thüre

hat in folgender Zeit niemand wieder gesehen.

162.

Gold-Kohlen.

Brixener Volksbuch.

Im Jahr 1753 ging von Salzburg eine Kräutel-Brockerin auf den

Wunderberg; als sie eine Zeit lang auf demselben herumgegangen war,

kam sie zu einer Steinwand, da lagen Brocken, grau und schwarz, als wie

Kohlen. Sie nahm davon etliche zu sich und als sie nach Haus gekommen,

merkte sie, daß in solchen klares Gold vermischt war. Sie kehrte

alsbald wieder zurück auf den Berg, mehr davon zu holen, konnte aber

alles Suchens ungeachtet den Ort nicht mehr finden.

163.

Der Brunnen zu Steinau.

+Bange+ thüring. Chronik. Bl. 105.

Im Jahr 1271. waren dem Abt Berold zu Fulda seine eignen Unterthanen

feind und verschworen sich wider sein Leben. Als er einmal in der St.

Jacobs Capelle Messe las, überfielen ihn die Herrn von Steinau, von

Eberstein, Albrecht von Brandau, Ebert von Spala, und Ritter Conrad

und erschlugen ihn. Bald hernach wurden diese Räuber selbdreißig, mit

zwanzig Pferden, zu Hasselstein auf dem Kirchenraub betrappt, mit dem

Schwert hingerichtet und ihre Wohnungen zerbrochen. Dieser That halben

haben die Herrn von Steinau in ihrem Wappen hernachmals drei Räder

mit drei Scheermessern führen müssen und an der Stätte, da sie das

Verbündniß über den Abt gemacht, nämlich bei Steinau (an der Straße im

Hanauischen) an einem Brunnen auf einem Rasen wächst noch zur Zeit kein

Gras.

164.

Die fünf Kreuze.

Mündlich, aus Höxter.

Vor dem Klausthor in Höxter, welches nach Pyrmont führt, gleich linker

Hand stehen an dem Wege fünf alte Steine, welche die fünf Kreuze

heißen, vermuthlich weil es versunkene Kreuze sind. Nun geht die

Sage, es seyen fünf Hühnen dabei erschlagen worden; nach andern fünf

Grafen von Reischach; wieder nach andern sind fünf Bürger von Tilly im

dreißigjährigen Krieg aufgehängt worden.

165.

Der Schwerttanz zu Weißenstein.

+Winkelmann+ hess. Chronik S. 375. aus dem Mund alter Leute.

Unfern Marburg liegt ein Dorf Wehre und dabei ein spitzer Berg, auf

dem vor alten Zeiten eine Raubburg gestanden haben soll, genannt der

Weißenstein, und Trümmer davon sind noch übrig. Aus diesem Schloß

wurde den Umliegenden großer Schaden zugefügt, allein man konnte den

Räubern nicht beikommen, wegen der Feste der Mauer und Höhe des Bergs.

Endlich verfielen die Bauern aus Wehre auf eine List. Sie versahen sich

heimlich mit allerhand Wehr und Waffen, gingen zum Schloß hinauf und

gaben den Edelleuten vor, daß sie ihnen einen Schwerttanz[6] bringen

wollten. Unter diesem Schein wurden sie eingelassen; da entblößten

sie ihre Waffen und hieben das Raubvolk tapfer nieder, bis sich die

Edelleute auf Gnaden ergaben und von den Bauern sammt der Burg ihrem

Landesfürsten überliefert wurden.

[6] Die Sitte des hessischen Schwerttanzes, sammt dem Lied der

Schwerttänzer wird anderswo mitgetheilt werden.

166.

Der Steintisch zu Bingenheim.

+Winkelmann+ Beschr. von Hessen S. 184. aus dem Mund des dauernheimer

Pastors Draud.

In dem hessischen Ort Bingenheim in der Wetterau wurden ehmals vor

dem Rathhaus unter der Linde jährlich drei Zentgerichte gehalten,

wozu sich viel vornehmer Adel, der in der fuldischen Mark angesessen

war, leiblich einfand. Unter der Linde stand ein steinerner Tisch,

von dem erzählt wurde: er sey aus dem hohen Berg, einem gegen Staden

hin gelegenen Walde, dahin gebracht worden. In diesem Walde hätten

früherhin wilde Leute gehaust, deren Handgriffe man noch in den Steinen

sähe und von denen sich noch drei ausgehöhlte Steinsitze vorfänden. Im

Jahr 1604. bei Sommerszeit habe man in gedachtem Wald an hellem Tag

drei Leute in weißer Gestalt umwandern sehen.

167.

Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof.

+Widmann+ in der Höfer Chronik.

Vor diesem Sterben (der Pest zu Hof im Jahr 1519.) hat sich bei Nacht

ein großer, schwarzer, langer Mann in der Mordgasse sehen lassen,

welcher mit seinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gassen

betreten und mit dem Kopf hoch über die Häuser gereicht hat; welchen

meine Ahnfrau Walburg Widmännin, da sie einen Abend durch gedachte

Gasse gehen müssen, selbst gesehen, daß er den einen Fuß bei der

Einfurt des Wirthshauses, den andern gegenüber auf der andern Seite bei

dem großen Haus gehabt. Als sie aber vor Schrecken nicht gewußt, ob

sie zurück oder fortgehen sollen, hat sie es in Gottes Namen gewagt,

ein Kreuz vor sich gemacht, und ist mitten durch die Gasse und also

zwischen seinen Beinen hindurch gegangen, weil sie ohne das besorgen

müssen, solch Gespenst mögte ihr nacheilen. Da sie kaum hindurch

gekommen, schlägt das Gespenst seine beiden Beine hinter ihr so hart

zusammen, daß sich ein solch groß Geprassel erhebet, als wann die

Häuser der ganzen Mordgasse einfielen. Es folgte darauf die große Pest

und fing das Sterben in der Mordgasse am ersten an.

168.

Krieg und Frieden.

+Gottfr. Schulz+ Chronik. S. 542.

+Bräuner’s + Curiositäten S. 279.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 665.

Im Jahr 1644. am achtzehnten August zog Kurfürst Johann Georg der Erste

an der Stadt Chemnitz vorbei. Da fingen seine Leute in dem Gehölz der

Gegend ein wildes Weiblein, das nur eine Elle groß, sonst aber recht

menschlich gestaltet war. Angesicht, Hände und Füße waren glatt, aber

der übrige Leib rauch. Es fing an zu reden und sagte: “ich verkündige

und bringe den Frieden im Lande.” Der Kurfürst befahl, man sollte

es wieder frei gehen lassen, weil vor etwa fünf und zwanzig Jahren

auch ein Männlein von gleicher Gestalt gefangen worden, welches den

Unfrieden und Krieg verkündiget.

169.

Rodensteins Auszug.

Mündlich.

vgl. Zeitung f. die eleg. Welt. 1811. Nr. 126.

und Reichsanzeiger 1806. Nr. 129. 160. 198. 206.

Nah an dem zum gräflich erbachischen Amt Reichenberg gehörigen Dorf

Oberkainsbach, umweit dem Odenwald, liegen auf einem Berge die Trümmer

des alten Schlosses Schnellerts; gegenüber eine Stunde davon, in

der rodsteiner Mark, lebten ehemals die Herrn von Rodenstein, deren

männlicher Stamm erloschen ist. Noch sind die Ruinen ihres alten

Raubschlosses zu sehen.

Der letzte Besitzer desselben hat sich besonders durch seine Macht,

durch die Menge seiner Knechte und des erlangten Reichthums berühmt

gemacht; von ihm geht folgende Sage. Wenn ein Krieg bevorsteht, so

zieht er von seinem gewöhnlichen Aufenthalts-Ort Schnellerts bei

grauender Nacht aus, begleitet von seinem Hausgesind und schmetternden

Trompeten. Er zieht durch Hecken und Gesträuche, durch die Hofraithe

und Scheune Simon Daum’s zu Oberkainsbach bis nach dem Rodenstein,

flüchtet gleichsam als wolle er das seinige in Sicherheit bringen.

Man hat das Knarren der Wagen und ein ho! ho! Schreien, die Pferde

anzutreiben, ja selbst die einzelnen Worte gehört, die einherziehendem

Kriegsvolk vom Anführer zugerufen werden und womit ihm befohlen wird.

Zeigen sich Hoffnungen zum Frieden, dann kehrt er in gleichem Zuge vom

Rodenstein nach dem Schnellerts zurück, doch in ruhiger Stille und man

kann dann gewiß seyn, daß der Frieden wirklich abgeschlossen wird[7].

Ehe Napoleon im Frühjahr 1815. landete, war bestimmt die Sage, der

Rodensteiner sey wieder in die Kriegburg ausgezogen.

[7] Bei dem erbachischen Amt Reichenberg zu Reichelsheim hat man

viele Personen deshalb abgehört; die Protokolle fangen mit

dem Jahr 1742 an und endigen mit 1764. Im Juli 1792 war ein

Auszug. Im Jahr 1816 erneuern sich in der Rheingegend ähnliche

Gerüchte und Aussagen. Einige nennen statt des Rodensteiners den

+Lindenschmied+, von dem das bekannte Volkslied anhebt: “es ist

noch nicht lang, daß es geschah, daß man den Lindenschmied reiten

sah auf seinem hohen Rosse, er ritt den Rheinstrom auf und ab, er

hats gar wohl genossen.” Andere sagen, daß Schnellert aus seiner

Burg nach dem Rodenstein auszöge, um seinen geschwornen Todfeind,

den Rodensteiner, auch noch als Geist zu befehden.

170.

Der Tannhäuser.

Nach dem alten Volkslied in +Prätorius+ Blocksberg. Lpzg. 1668. S.

19-25.

+Agricola+ Sprichwort 667. p. m. 322 b.

Der edle Tannhäuser, ein deutscher Ritter, hatte viele Länder

durchfahren und war auch in Frau Venus Berg zu den schönen Frauen

gerathen, das große Wunder zu schauen. Und als er eine Weile darin

gehaust hatte, fröhlich und guter Dinge, trieb ihn endlich sein

Gewissen, wieder herauszugehen in die Welt und begehrte Urlaub. Frau

Venus aber bot alles auf, um ihn wanken zu machen: sie wolle ihm eine

ihrer Gespielen geben zum ehlichen Weibe und er möge gedenken an ihren

rothen Mund, der lache zu allen Stunden. Tannhäuser antwortete: kein

ander Weib gehre er, als die er sich in den Sinn genommen, wolle nicht

ewig in der Hölle brennen und gleichgültig sey ihm ihr rother Mund,

könne nicht länger bleiben, denn sein Leben wäre krank geworden. Und

da wollte ihn die Teufelin in ihr Kämmerlein locken, der Minne zu

pflegen, allein der edle Ritter schalt sie laut und rief die himmlische

Jungfrau an, daß sie ihn scheiden lassen mußte. Reuevoll zog er

die Straße nach Rom zu Papst Urban, dem wollte er alle seine Sünde

beichten, damit ihm Buße aufgelegt würde und seine Seele gerettet wäre.

Wie er aber beichtete, daß er auch ein ganzes Jahr bei Frauen Venus im

Berg gewesen, da sprach der Papst: “wann dieser dürre Stecken grünen

wird, den ich in der Hand halte, sollen dir deine Sünden verziehen

seyn, und nicht anders.” Der Tannhäuser sagte: “und hätte ich nur noch

ein Jahr leben sollen auf Erden, so wollte ich solche Reu und Buße

gethan haben, daß sich Gott erbarmt hätte;” und vor Jammer und Leid,

daß ihn der Papst verdammte, zog er wieder fort aus der Stadt und von

neuem in den teuflischen Berg, ewig und immerdar drinnen zu wohnen.

Frau Venus aber hieß ihn willkommen, wie man einen langabwesenden

Buhlen empfängt; danach wohl auf den dritten Tag hub der Stecken an zu

grünen und der Papst sandte Botschaft in alle Land, sich zu erkundigen,

wohin der edle Tannhäuser gekommen wäre. Es war aber nun zu spät, er

saß im Berg und hatte sich sein Lieb erkoren, daselbst muß er nun

sitzen, bis zum jüngsten Tag, wo ihn Gott vielleicht anderswohin weisen

wird. Und kein Priester soll einem sündigen Menschen Mißtrost geben,

sondern verzeihen, wenn er sich anbietet zu Buß und Reue.

171.

Der wilde Jäger Hackelberg.

+Hans Kirchhof+ im Wendunmuth. IV. Nr. 283. S. 342. 343.

Vorzeiten soll im Braunschweiger Land ein Jägermeister gewesen seyn,

+Hackelberg+ genannt, welcher zum Waidwerk und Jagen solch große

Lust getragen, daß, da er jetzt an seinem Todbett lag, und vom Jagen

so ungern abgeschieden, er von Gott soll begehrt und gebeten haben

(ohnzweifellich aus Ursach seines christlichen und gottseeligen Lebens

halber, so er bisher geführt), daß er für sein Theil Himmelreich bis

zum jüngsten Tag am Sölling mögt jagen. Auch deßwegen in ermeldte

Wildniß und Wald sich zu begraben befohlen, wie geschehen. Und wird

ihm sein gottloser, ja teuflischer Wunsch verhängt, denn vielmal wird

ein gräulich und erschrecklich Hornblasen und Hundsgebell die Nacht

gehört: jetzt hie, ein andermal anderswo in dieser Wildniß, wie mich

diejenigen, die solch Gefährd auch selbst angehört, berichtet. Zudem

soll es gewiß seyn, daß, wenn man Nachts ein solch Jagen vermerkt und

am folgenden Tag gejagd wird, einer ein Arm, Bein, wo nicht den Hals

gar bricht, oder sonst ein Unglück sich zuträgt.

Deutsche Sagen · 第 14 / 26 段