giftiger Drache in der Wildniß des Innthals hauste und den Einwohnern
großen Schaden that, so machte sich Haymon auf, suchte und tödtete ihn.
Dafür unterwarfen sich die Bewohner des Innthals seiner Herrschaft.
Darnach erwarb er noch größern Ruhm, indem er die Brücke über den Inn,
daher die Stadt Innsbruck den Namen führt, fester baute, weshalb sich
viel fremde Leut unter ihn begaben. Der Bischof von Chur aber taufte
ihn und Haymon erbaute zu Christi Ehren das Kloster Wilten, wo er bis
an sein Ende lebte und begraben liegt.
Zu Wilten ist sein Grab zu sehen, vierzehen Schuh, drei Zwergfinger
lang, auf dem Grab ist seine Gestalt in Rüstung aus Holz geschnitten.
Auch zeigt man in der Sacristei die Drachen-Zunge, sammt einem alten
Kelch, worauf die Passion abgebildet ist, den man vor mehr als 1100
Jahren, wie man das Fundament des Klosters grub, in der Erde gefunden,
also daß der Kelch bald nach Christi Himmelfahrt gemacht war. Neben
Haymes Grab hängt eine Tafel, worauf sein Leben beschrieben steht.
140.
Die tropfende Rippe.
Wiener Litter. Zeitung. 1813. Febr. col. 191. 192.
Im Cillerkreise der Steiermark liegt ein Ort Oberburg, auf slavisch
Gornigrad, in dessen Kirche hangt eine ungeheure Rippe, dergleichen
kein jetzt bekanntes Landthier hat. Man weiß nicht, wann sie
ausgegraben worden, die Volkssage schreibt sie einer +Heidenjungfrau+
(slavisch: ajdowska dekliza) zu, mit der Anmerkung, daß von dieser
Rippe alljährlich ein einziger Tropfen abfällt und der jüngste Tag in
der Zeit komme, wo sie ganz vertröpfelt seyn wird.
141.
Jungfrau-Sprung.
Nach +Abraham+ a St. +Clara.+
Unweit Grätz in Steier liegt ein Ort, insgemein die Wand genannt,
daselbst ist ein hoher Berg, welcher den Namen +Jungfrausprung+ schon
von etlichen hundert Jahren her führt. Als nämlich auf eine Zeit ein
üppiger und gottloser Gesell einem ehrbaren Bauer-Mägdlein lang und
ungestüm nachstrebte und er sie zuletzt nach vielen Ausspähungen auf
besagtem Berg ertappte, erschrack sie und wagte einen Sprung. Sie
sprang von dem Berg über den ganzen Fluß, Mur genannt, bis auf einen
andern hohen Bühel jenseits. Davon heißt der Berg Jungfrausprung.
142.
Der Stierenbach.
~+Scheuchzer+ iter alp. p. 12.~ u. Kupfertafel 11.
Alpenrosen. 1813. S. 28. 29.
Mitten durch das Thal der Surenalp ergießt sich der +Stierenbach+,
der aus dem Surenersee entspringt und einer gemeinen Sage nach, die
sowohl die Leute in Uri, als in Engelsberg erzählen, durch folgende
Geschichte den Namen erhalten haben soll. Vor mehrern hundert Jahren
lebte hier ein Alpenhirt, der in seiner Heerde ein Lamm hatte, worauf
er besonders viel hielt und dem er so zugethan war, daß er darauf
verfiel, es taufen zu lassen und ihm einen Christennamen beizulegen.
Was geschieht? Der Himmel, um diesen Frevel zu rächen, wandelte das
Lamm in ein scheußliches Gespenst, welches bei Tag und Nacht auf der
fruchtbaren Alpe umherging, alle Gräser und Kräuter abweidete und
den Strich so verheerte, daß die Engelsberger fürder kein Vieh mehr
darauf halten konnten. Zu denen von Uri kam aber ungefähr ein fahrender
Schüler und rieth, wie sie das Unthier zu vertreiben hätten. Nämlich
sie sollten neun Jahr lang ein Stier-Kalb mit purer Milch auffüttern,
das erste Jahr von einer einzigen Kuh, das zweite von der Milch zweier,
das dritte dreier Kühe und so fort; nach Ablauf der neun Jahre den
solchergestalt mit Milch auferzogenen Ochsen durch eine reine Jungfrau
auf die Alpe führen lassen. Die Urer hofften auf guten Lohn von den
Engelsbergern und nährten einen solchen Stier auf der Alpe Waldnacht,
wo man noch heut zu Tag seinen Stall weist, genannt den +Stiergaden+.
Wie nun der Stier zu seinen Jahren gekommen war, leitete ihn eine
unbefleckte Jungfrau über den Felsengrat und ließ ihn da laufen. Der
Stier, als er sich frei sah, ging sogleich auf das Gespenst los und
fing einen Kampf mit ihm an. Der Streit war so hart und wüthig, daß
der Stier zwar das Ungeheuer zuletzt überwand, aber der Schweiß von
seinem Leib heruntertroff. Da stürzte er zu einem vorbeifließenden
Bach und trank so viel Wasser, daß er auf der Stelle des Todes war.
Davon hat der Bach seitdem den Namen +Stierenbach+ und außerdem zeigen
die Einwohner noch jetzo die Felsen und Steine vor, in denen sich die
Hinterklauen des Stiers, während des heftigen Kampfes, eingedrückt
haben.
143.
Die Männer im Zottenberg.
+Seyfried’s+ ~medulla. p.~ 478-481.
~+Nic. Henelius ab Hennenfeld+~ in ~Silesiographia renovata c. 11. §.
13.~
Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 59-63.
+Valvassor+ Ehre von Crain I. 247.
Im 16. Jahrhundert lebte in Schweidnitz ein Mann, Johannes Beer
genannt. Im Jahr 1570, als er seiner Gewohnheit nach zu seiner
Lust auf den nah gelegenen Zottenberg ging, bemerkte er zum
erstenmal eine Oeffnung, aus der ihm beim Eingang ein gewaltiger
Wind entgegenwehte. Erschrocken ging er zurück, bald darauf aber,
am Sonntag Quasimodogeniti, beschloß er von neuem die Höhle zu
untersuchen. Er kam in einen engen, geraden Felsengang, ging einem
fernschimmernden Lichtstrahl nach und gelangte endlich zu einer
beschlossenen Thüre, in der eine Glasscheibe war, die jenes wundersame
Licht warf. Auf dreimaliges Anklopfen ward ihm geöffnet und er sah
in der Höhle an einem runden Tisch drei lange abgemergelte Männer in
altdeutscher Tracht sitzen, betrübte und zitternde. Vor ihnen lag ein
schwarzsammtenes, goldbeschlagenes Buch. Hierauf redete er sie mit:
“~pax vobis!~” an und bekam zur Antwort: “~hic nulla pax!~” Weiter
vorschreitend rief er nochmals: “~pax vobis in nomine domini!~”
erzitternd mit kleiner Stimme versetzten sie: “~hic non pax.~” Indem
er vor den Tisch kam, wiederholte er: “~pax vobis in nomine domini
nostri Jesu Christi!”~ worauf sie verstummten und ihm jenes Buch
vorlegten, welches geöffnet den Titel hatte: ~liber obedientiae~. Auf
Beer’s Frage: wer sie wären? gaben sie zur Antwort: sie kennten sich
selber nicht. “Was sie hier machten?” -- “Sie erwarteten in Schrecken
das jüngste Gericht und den Lohn ihrer Thaten.” -- “Was sie bei
Leibes-Leben getrieben?” Hier zeigten sie auf einen Vorhang, hinter dem
allerlei Mordgewehre hingen, Menschen-Gerippe und Hirnschädel. “Ob sie
sich zu diesen bösen Werken bekennten?” -- “Ja!” -- “Ob es gute oder
böse?” -- “Böse.” -- “Ob sie ihnen leid wären?” Hierauf schwiegen sie
still, aber erzitterten: “sie wüßtens nicht!”
Die schlesische Chronik gedenkt eines Raubschlosses auf dem
Zottenberge, dessen Ruinen noch zu sehen sind.
144.
Verkündigung des Verderbens.
+Prätorius+ Weltbeschr. II. 38.
Als die Magdeburger im Jahr 1550 am 22. September mit dem Herzog Georg
von Mecklenburg Schlacht halten sollten, ist ihnen bei ihrem Auszuge
vor dem Dorf Barleben, eine Meile Wegs von der Stadt ein langer,
ansehnlicher, alter Mann, der Kleidung nach einem Bauersmanne nicht
unähnlich, begegnet und hat gefragt, wo sie mit dem Kriegs-Volk und der
Kriegs-Rüstung hinausgedächten? Und da er ihres Vorhabens berichtet
worden, hat er sie gleich mit aufgehobenen Händen herzlich gebäten
und gewarnt, von ihrem Vorsatze abzustehen, wieder heim zu kehren,
ihre Stadt in Acht zu nehmen und ja des Orts und sonderlich in dieser
Zeit nichts zu beginnen, weil eben auch vor zweihundert Jahren die
Magdeburger auf den St. Moriz Tag und an demselben Orte, an dem Wasser
Ohra geschlagen worden; wie ein jeder, der es wüßte, in der Tafel der
St. Johannes Kirche zu Magdeburg lesen könnte. Und würde ihnen, wofern
sie fortführen, gewiß auch diesmal glücklicher nicht ergehen. Ob nun
wohl etliche sich über das Wesen und die Rede des Mannes verwunderten,
so haben doch ihrer sehr viel ihn gespottet und die Warnung höhnisch
verlacht, von welchen Spöttern hernach doch keiner in der Schlacht
unerschlagen oder ungefangen geblieben seyn soll. Man sagt, er sey
als ein gar alter eis-grauer Mann erschienen, aber solches schönen,
holdseligen, röthlichen und jungen Angesichtes, daß es zu verwundern
gewesen. Und demnach es leider gefolgt, wie er geweißagt, hat man
allenthalben Nachforschung nach solchem Manne gehabt, aber niemand
erfahren können, der ihn zuvor oder nachher gesehen hätte.
145.
Das Männlein auf dem Rücken.
+Prätorius+ Weltbeschr. II. 584. 585.
Als im März 1669 nach Torgau hin ein Seiler seines Wegs gewandelt, hat
er einen Knaben auf dem Felde angetroffen, der auf der Erde zum Spiel
niedergesessen und ein Bret vor sich gehabt. Wie nun der Seiler solches
im Ueberschreiten verrückt, hat das Knäblein gesprochen: “warum stoßt
ihr mir mein Bret fort? mein Vater wirds euch danken!” Der Seiler
geht immer weiter und nach hundert Schritten begegnet ihm ein klein
Männlein, mit grauem Bart und ziemlichem Alter, von ihm begehrend,
daß er es tragen möge, weil es zum Gehen ermüdet sey. Diese Anmaßung
verlacht der Seiler, allein es springet auf seine Schultern, so daß
er es ins nächste Dorf hocken muß. Nach zehn Tagen stirbt der Seiler.
Als darüber sein Sohn kläglich jammert, kommt das kleine Bübchen zu
ihm, mit dem Bericht, er solle sich zufrieden geben, es sey dem Vater
sehr wohl geschehen. Weiter wolle er ihn, benebenst der Mutter, bald
nachholen, denn es würde in Meißen eine schlimme Zeit erfolgen.
146.
Gottschee.
Volks-Sagen. Eisenach. 1795. 173-188.
In der unter-crainischen Stadt Gottschee wohnen Deutsche, die
sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr von den anderen Crainern
unterscheiden. Nahe dabei liegt eine alte, denselben Namen tragende
und dem Fürsten Auersperg zuhörende Burg, von der die umwohnenden
Leute mancherlei Dinge erzählen. Noch jetzt wohnt ein Jägersmann mit
seinen Hausleuten in dem bewohnbaren Theil der verfallenen Burg und
dessen Vorfahren einem soll einmal ganz besonders mit den da hausenden
Geistern folgendes begegnet seyn.
Die Frau dieses Jägers war in die Stadt hinunter gegangen, er selbst,
von Schläfrigkeit befallen, hatte sich unter eine Eiche vor dem Schloß
gestreckt. Plötzlich so sah er den ältesten seiner beiden Knaben, die
er schlafend im Haus verlassen, auf sich zukommen, wie als wenn er
geführt würde. Zwar keinen Führer erblickte er, aber das fünfjährige
Kind hielt die Linke stets in der Richtung, als ob es von jemanden
daran gefaßt wäre. Mit schnellen Schritten eilte es vorbei und einem
jähen Abgrund zu. Erschrocken sprang der Vater auf, sein Kind zu
retten Willens, faßte es rasch und mühte sich, die linke Hand von
dem unsichtbaren Führer loszumachen. Mit nicht geringer Anstrengung
bewerkstelligte er das zuletzt und riß die Hand des Kindes los aus
einer andern, die der Jäger nicht sah, aber eiskalt zu seyn fühlte.
Das Kind war übrigens unerschrocken und erzählte: wie daß ein alter
Mann gekommen sey, mit langem Bart, rothen Augen, in schwarze Kleider
angethan und ein ledernes Käppchen auf, habe sich freundlich angestellt
und ihm viel schöne Sachen versprochen, wenn es mit ihm gehen wolle,
darauf sey es ihm an der Hand gefolgt.
Abends desselben Tags hörte der Jäger sich bei seinem Namen rufen; als
er die Thüre aufmachte, stand der nämliche Alte draußen und winkte.
Der Jäger folgte und wurde an eben denselben Abgrund geleitet. Der
Felsen that sich auf, sie stiegen eine Steintreppe ab. Unterwegs
begegnete ihnen eine Schlange, nachher gelangten sie in eine immer
heller werdende Gruft. Sieben Greise, mit kahlen Häuptern, in tiefem
Schweigen saßen in einem länglichten Raume. Weiter ging der Jäger
durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe, wo er einen kleinen
Sarg stehen sah, dann in ein größeres, wo ihm der Greis 28 große
Särge zeigte, in den Särgen lagen Leichname beiderlei Geschlechts.
Unter den Verblichenen fand er einige bekannte Gesichter, wovon er
sich jedoch nicht zu erinnern wußte, wo sie ihm vorgekommen waren.
Nach diesem wurde der Jäger in einen hellerleuchteten Saal geführt,
worin 38 Menschen saßen, worunter vier sehr junge Frauen, und ein
Fest begingen. Allein alle waren todtenblaß und keiner sprach ein
Wort. Durch eine rothe Thür führte der Alte den Jäger zu einer Reihe
altfränkisch gekleideter Leute, deren verschiedene der Jäger auch zu
erkennen meinte, der Greis küßte den ersten und den letzten. Nunmehr
beschwor der Jäger den Führer, ihm zu sagen, wer diese alle seyen und
ob ein Lebendiger ihnen die noch entbehrte Ruhe wiedergeben könne?
“Lauter Bewohner dieses Schlosses sind es, versetzte hohlstimmig der
Alte, die weitere Bewandniß kannst du aber jetzt noch nicht erfahren,
sondern wirst es demnächst einmal.” Nach diesen Worten wurde der Jäger
sanft hinausgeschoben und merkte, daß er in einem naßfeuchten Gewölbe
war. Er fand eine alte verfallene Treppe und diese in die Höhe steigend
gelangte er in einen etwas weiteren Raum, von wo aus er durch ein
kleines Loch vergnügt den Himmel und die Sterne erblickte. Ein starkes
Seil, woran er stieß und das Rauschen von Wasser ließ ihn muthmaßen,
er befinde sich auf dem Grunde einer hinter dem Schlosse befindlichen
Cisterne, von wo aus man das Wasser mittelst eines Rades hinaufwand.
Allein unglücklicherweise kam niemand in drei ganzen Tagen zum Brunnen,
erst am Abend des vierten ging des Jägers Frau hin, die sehr staunte,
als sie in dem schweren Eimer ihren todtgeglaubten Mann herauszog.
Die Verheißung des alten Wegweisers blieb indessen unerfüllt, doch
erfuhr der Jäger, daß er ihn in dem Vorgeben, diese Geister seyen
die alten Schloßbewohner, nicht belogen hätte. Denn als er einige
Zeit darauf in dem fürstlichen Saal die Bilder der Ahnen betrachtete,
erkannte er in ihren Gesichtszügen die in der Höhle gesehenen Leute und
Leichen wieder.
147.
Die Zwerge auf dem Baum.
Mündlich aus dem Haslithal, in +Wyß+ Volkssagen S. 320.
Des Sommers kam die Schaar der Zwerge häufig aus den Flühen herab
ins Thal und gesellte sich entweder hülfreich oder doch zuschauend
den arbeitenden Menschen, namentlich zu den Mädern im Heuer (der
Heuernte). Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf den langen und
dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Einmal aber kamen boshafte
Leute und sägten bei Nacht den Ast durch, daß er blos noch schwach am
Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe sich am Morgen darauf
niederließen, krachte der Ast vollends entzwei, die Zwerge stürzten auf
den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten sich heftig und schrien:
O wie ist der Himmel so hoch
und die Untreu’ so groß!
heut hierher und nimmermehr!
Sie hielten Wort und ließen sich im Lande niemals wiedersehen.
148.
Die Zwerge auf dem Felsstein.
Mündlich aus der Gegend von Gadmen mitgetheilt durch +Wyß+ S. 320.
Es war der Zwerglein Gewohnheit, sich auf einen großen Felsstein zu
setzen und von da den Heuern zuzuschauen. Aber ein Paar Schälke
machten Feuer auf den Stein, ließen ihn glühend werden und fegten dann
alle Kohlen hinweg. Am Morgen kam das winzige Volk und verbrannte sich
jämmerlich; rief voll Zornes:
“O böse Welt, o böse Welt!”
und schrie um Rache und verschwand auf ewig.
149.
Die Füße der Zwerge.
Aus dem Mund eines bernerischen Bauern mitgetheilt in +Wyß+
Volkssagen S. 101-118.
Vor alten Zeiten wohnten die Menschen im Thal und rings um sie in
Klüften und Höhlen die Zwerge, freundlich und gut mit den Leuten, denen
sie manch schwere Arbeit Nachts verrichteten; wenn nun das Landvolk
frühmorgens mit Wagen und Geräthe herbeizog und erstaunte, daß alles
schon gethan war, steckten die Zwerge im Gesträuch und lachten hell
auf. Oftmals zürnten die Bauern, wenn sie ihr noch nicht ganz zeitiges
Getreide auf dem Acker niedergeschnitten fanden, aber als bald Hagel
und Gewitter hereinbrach und sie wohl sahen, daß vielleicht kein
Hälmlein dem Verderben entronnen seyn würde, da dankten sie innig dem
voraussichtigen Zwergvolk. Endlich aber verscherzten die Menschen
durch ihren Frevel die Huld und Gunst der Zwerge, sie entflohen und
seitdem hat sie kein Aug wieder erblickt. Die Ursache war diese: ein
Hirt hatte oben am Berg einen trefflichen Kirschbaum stehen. Als die
Früchte eines Sommers reiften, begab sich, daß dreimal hintereinander
Nachts der Baum geleert wurde und alles Obst auf die Bänke und Hürden
getragen war, wo der Hirt sonst die Kirschen aufzubewahren pflegte. Die
Leute im Dorf sprachen: “das thut niemand anders, als die redlichen
Zwerglein, die kommen bei Nacht in langen Mänteln mit bedeckten Füßen
daher getrippelt, leise wie Vögel und schaffen den Menschen emsig ihr
Tagwerk. Schon vielmal hat man sie heimlich belauscht, allein man
stört sie nicht, sondern läßt sie kommen und gehen.” Durch diese Reden
wurde der Hirt neugierig und hätte gern gewußt, warum die Zwerge so
sorgfältig ihre Füße bärgen und ob diese anders gestaltet wären, als
Menschenfüße. Da nun das nächste Jahr wieder der Sommer und die Zeit
kam, daß die Zwerge heimlich die Kirschen abbrachen und in den Speicher
trugen, nahm der Hirt einen Sack voll Asche und streute die rings um
den Baum herum aus. Den andern Morgen mit Tagesanbruch eilte er zur
Stelle hin, der Baum war richtig leer gepflückt, und er sah unten in
der Asche die Spuren von vielen Gänsfüßen eingedrückt. Da lachte der
Hirt und spottete, daß der Zwerge Geheimniß verrathen war. Bald aber
zerbrachen und verwüsteten diese ihre Häuser und flohen tiefer in den
Berg hinab, grollen dem Menschengeschlecht und versagen ihm ihre Hülfe.
Jener Hirt, der sie verrathen hatte, wurde siech und blödsinnig fortan
bis an sein Lebensende.
150.
Die wilden Geister.
+Hormaier’s+ Geschichte Tyrols. I. 141. 142.
Unter den vicentinischen und veronesischen Deutschen wagts von der
zweiten Hälfte December bis gegen das Ende der ersten Jännerhälfte
selbst der kühnsten Jäger keiner, die Wildbahn zu besuchen. Sie
fürchten den +wilden Mann+ und die +Waldfrau+. Die Hirten treiben zu
dieser Zeit das Vieh nicht, Kinder hohlen das Wasser in irdenen Gefäßen
von der nächsten Quelle und die Heerden werden im Stall getränkt. Auch
spinnen die Weiber der +Waldfrau+ ein Stück Haar am Rocken und werfen
es ihr ins Feuer, um sie zu versühnen. Am Vorabend des Festes wird
die Hausküche und jeder Ort, wo ein Rauchfang ist oder eine Öffnung
aus der Luft herabfährt, mit Asche bestreut. Dann achtet man auf die
+Fußtritte+ in der Asche und sieht an ihrer Lage, Größe und zumal
daran: ob sie ein- oder ausgehen? welche gute oder böse Geister das
Haus besuchen.
151.
Die Heilingszwerge.
+Spieß+ Vorrede zu seinem Hans Heiling.
Am Fluß Eger zwischen dem Hof Wildenau und dem Schlosse Aicha ragen
ungeheuer große Felsen hervor, die man vor Alters den +Heilingsfelsen+
nannte. Am Fuß derselben erblickt man eine Höhle, inwendig gewölbt,
auswendig aber nur durch eine kleine Oeffnung, in die man den Leib
gebückt kriechen muß, erkennbar. Diese Höhle wurde von kleinen
Zwerglein bewohnt, über die zuletzt ein unbekannter alter Mann, des
Namens +Heiling+, als Fürst geherrscht haben soll. Einmal vorzeiten
ging ein Weib aus dem Dorfe Taschwitz bürtig, am Vorabend von Peter
Pauli, in den Forst und wollte Beeren suchen; es wurde ihr Nacht und
sie sah neben diesem Felsen ein schönes Haus stehen. Sie trat hinein
und als sie die Thüre öffnete, saß ein alter Mann an einem Tische,
schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um Herberge und wurde willig
angenommen. Außer dem alten Mann war aber kein lebendes Wesen im
ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in allen Ecken, der Frau ward
greulich und schauerlich und sie fragte den Alten: “wo bin ich denn
eigentlich?” Der Alte versetzte: “daß er Heiling heiße, bald aber auch
abreisen werde, denn zwei Drittel meiner Zwerge sind schon fort und
entflohen.” Diese sonderbare Antwort machte das Weib nur noch unruhiger
und sie wollte mehr fragen, allein er gebot ihr Stillschweigen und
sagte nebenbei: “wäret ihr nicht gerade in dieser merkwürdigen Stunde
gekommen, solltet ihr nimmer Herberge gefunden haben.” Die furchtsame
Frau kroch demüthig in einen Winkel und schlief sanft und wie sie den
Morgen mitten unter den Felssteinen erwachte, glaubte sie geträumt zu
haben, denn nirgends war ein Gebäude da zu ersehen. Froh und zufrieden,
daß ihr in der gefährlichen Gegend kein Leid widerfahren sey, eilte
sie nach ihrem Dorfe zurück, es war alles so verändert und seltsam.
Im Dorf waren die Häuser neu und anders aufgebaut, die Leute, die ihr
begegneten, kannte sie nicht und wurde auch nicht von ihnen erkannt.
Mit Mühe fand sie endlich die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die
war besser gebaut; nur dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche
einst ihr Großvater dahin gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube
treten wollte, ward sie von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde
vor die Thüre gewiesen und lief weinend und klagend im Dorf umher. Die
Leute hielten sie für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo
sie verhört und ihre Sache untersucht wurde; siehe da, es fand sich in
den Gedenk- und Kirchenbüchern, daß grad vor hundert Jahren an eben
diesem Tag eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren
gegangen, nicht wieder heimgekehrt sey und auch nicht mehr zu finden
gewesen war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahr
im Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden war.
Sie lebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos aus und wurde von
der ganzen Gemeinde anständig verpflegt zum Lohn für die Zauberei, die
sie hatte erdulden müssen.
152.
Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke.
+Otmar+’s Volkssagen.
Die kleinen Höhlen in den Felsen, welche man auf der Südseite des
Harzes, sonderlich in einigen Gegenden der Grafschaft Hohenstein
findet, und die größtentheils so niedrig sind, daß erwachsene Menschen
nur hineinkriechen können, theils aber einen räumigen Aufenthaltsort
für größere Gesellschaften darbieten, waren einst von Zwergen bewohnt
und heißen nach ihnen noch jetzt Zwerglöcher. Zwischen Walkenried
und Neuhof in der Grafschaft Hohenstein hatten einst die Zwerge zwei
Königreiche. Ein Bewohner jener Gegend merkte einmal, daß seine
Feldfrüchte alle Nächte beraubt wurden, ohne daß er den Thäter
entdecken konnte. Endlich ging er auf den Rath einer weisen Frau bei
einbrechender Nacht an seinem Erbsenfelde auf und ab und schlug mit
einem dünnen Stabe über dasselbe in die bloße Luft hinein. Es dauerte
nicht lange, so standen einige Zwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte
ihnen die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen. Zitternd
fielen die Zwerge vor ihm nieder und bekannten: daß ihr Volk es
sey, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die
äußerste Noth sie zwänge. Die Nachricht von den eingefangenen Zwergen
brachte die ganze Gegend in Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich
Abgeordnete und bot Lösung für sich und die gefangenen Brüder, und
wollte dann auf immer das Land verlassen. Doch die Art des Abzuges
erregte neuen Streit. Die Landeseinwohner wollten die Zwerge nicht mit
ihren gesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen und das
Zwergvolk wollte bei seinem Abzuge nicht gesehen seyn. Endlich kam
man dahin überein, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Neuhof
ziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einen
bestimmten Theil seines Vermögens, als Abzugszoll werfen sollte, ohne
daß einer der Landesbewohner zugegen wäre. Dies geschah. Doch einige
Neugierige hatten sich unter die Brücke gesteckt, um den Zug der Zwerge
wenigstens zu hören. Und so hörten sie denn viele Stunden lang das
Getrappel der kleinen Menschen; es war ihnen als wenn eine sehr große
Heerde Schaafe über die Brücke ging. -- Seit dieser letzten großen
Auswanderung des Zwergvolks lassen sich nur selten einzelne Zwerge
sehen. Doch zu den Zeiten der Elterväter stahlen zuweilen einige in den
Berghöhlen zurückgebliebene aus den Häusern der Landesbewohner kleine
kaum geborene Kinder, die sie mit Wechselbälgen vertauschten.
153.
Der Zug der Zwerge über den Berg.
+Otmar’s+ Volkssagen.