auf der Brücke, wo er sein End genommen, ein eisern Kreuz zum ewigen
Gedächtniß aufgerichtet. Unterdessen konnte niemand ersinnen, woher das
Gold zu der Glocke gekommen, bis der Wittib Sohn mit Freuden und großem
Reichthum beladen nach Haus kehrte und vergeblich betrauerte, daß sein
Gold zween um das Leben gebracht, einen unschuldig und einen schuldig,
gleichwohl hat er dieses Gold nicht wieder verlangt, weil ihn Gott
anderwärts reichlich gesegnet.
Längst hernach hat das Wetter in den Kirchthurm geschlagen und wie
sonst alles verzehret, außer dem Gemäuer, auch die Glocke geschmelzt.
Worauf in der Asche Erz gefunden worden, welches an Gehalt den
Goldgülden gleich gewesen, woraus derselbige Thurm wieder hergestellt
und mit Blei gedeckt worden.
127.
Die Müllerin.
Mündlich, aus Oestreich und nach einem fliegenden Blatt.
Zwischen Ems und Wels in Oestreich auf einer einsamen Mühle lebte ein
Müller, der war an einem Sonntag Morgen, nach üblicher Weise, mit
allen seinen Knechten in die Kirche gegangen und nur seine Frau, die
ihre Niederkunft bald erwartete, daheim geblieben. Als die Müllerin so
allein saß, kam die Hebamme, gleichsam zum Besuch, zu sehen, wie es
mit ihr stehe. Die Müllerin war ihr freundlich, trug etwas auf und sie
setzten sich zusammen an den Tisch. Während sie aßen, ließ die Hebamme
das Messer fallen und sprach: “hebt mir einmal das Messer auf!” “Ei!
antwortete die Müllerin, ihr redet wunderlich, ihr wißt doch, daß mir
das Bücken saurer wird, als euch,” doch ließ sie’s hingehen, hob das
Messer auf, reichte es ihr, und wie sie es reichte, noch im Bücken,
faßte die Hebamme das Messer in die Faust, zückte und sprach: “nun
gebt mir euer Geld, das baar bei euch liegt, oder ich stech euch die
kalte Klinge in die Brust!” Die Müllerin erschrack, faßte sich aber
und sagte: “kommt mit mir hinüber in die Kammer, da liegt im Schrank,
was wir haben, und nehmts.” Die Hebamme folgte ihr, nahm das Geld
aus dem Schrank und, weil es ihrer Habsucht nicht genug war, suchte
sie noch weiter in andern Gefächern. Diesen Augenblick benutzte die
Müllerin, trat schnell hinaus und schloß die Thüre fest zu, und da
vor den Fenstern starke eiserne Gitter standen, so war die Hebamme in
der Kammer eingefangen. Nun rief die Frau ihr siebenjähriges Söhnlein
und sprach: “eil dich und lauf zum Vater in die Kirche, ich bät ihn,
eilends mit seinen Knechten heimzukommen, ich wär in großer Gefahr.”
Das Kind lief fort, aber nicht weit von der Mühle traf es auf den Mann
der Hebamme, der verabredetermaßen kam, den Raub fortzutragen. Als er
das Kind sah, faßte er’s und riß es mit sich zur Mühle zurück. Die
Müllerin, die, ihren Mann erwartend, am Fenster stand, sah ihn kommen,
verschloß alsbald die Hausthüre und schob alle Riegel vor. Als der
Mann heran war, rief er, sie sollte ihm die Thüre öffnen und, da sie
es nicht that, stieß er wüthend dagegen und hoffte sie einzutreten.
Die Müllerin schrie nun mit allen Kräften zu einem Fenster hinaus nach
Hülfe, aber, weil die Mühle zu fern, auch mit Gebüsch umwachsen lag,
ward sie von niemand gehört. Indeß wich die Thüre den Stößen des Mannes
nicht und da er sah, in welche Gefahr er und seine Frau gerathe, wenn
er sich so lang aufhalte, bis der Müller aus der Kirche komme, zog er
sein Messer und rief der Müllerin: “wo ihr nicht gleich öffnet, so
stech ich das Kind vor euern Augen nieder und zünde die Mühle euch
über dem Kopf an;” faßte auch das Kind, daß es laut zu schreien
anfing. Da eilte die Müllerin und wollte die Thüre öffnen, aber wie sie
davor stand, ging ihr der Gedanken durchs Herz, daß der Mörder sie nur
herauslocken wolle, um sie selbst und mit ihr das Kind in ihrem Leibe
zu tödten, so daß sie ein paar Augenblicke schwankte. Der Mann zauderte
nicht, stach dem Knaben das Messer in die Brust, lief dann um die Mühle
und suchte einen Eingang. Da fiel der Müllerin, die von dem allem
nichts wußte, ein, sie wollte die Räder in Bewegung setzen, vielleicht
lockte das am Sonntag ungewöhnliche Klappern Menschen zu ihrer Hülfe
herbei. Der Mörder aber wollte gerade durch das stehende Rad in die
Mühle sich eindrängen, hatte eben den Fuß auf eine Speiche gesetzt und
wär ohne Zweifel hineingeschlüpft, als in dem nämlichen Augenblick,
nach Gottes wundervoller Schickung, das losgelassene Rad anhub sich zu
drehen, ihn hinunterschlug und jämmerlich zermalmte.
Bald darauf kam der Müller mit seinen Knechten heim. Als er die Kammer
aufschloß, worin die Hebamme gefangen war, lag sie todt auf der Erde
und war vor Angst und Schrecken vom Schlag gerührt.
128.
Johann Hübner.
Stilling’s Leben. I. 51-54.
Auf dem Geissenberge in Westphalen stehen noch die Mauern von einer
Burg, da vor Alters Räuber gewohnt. Sie gingen Nachts in’s Land
umher, stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof, wo
ein großer Stall war und darnach verkauften sie’s weit weg an fremde
Leute. der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hieß +Johann Hübner+.
Er hatte eiserne Kleider an und war stärker als alle andere Männer im
ganzen Land. Er hatte nur ein Auge und einen großen krausen Bart und
Haare. Am Tage saß er mit seinen Knechten in einer Ecke, wo man noch
das zerbrochene Fenster sieht, da tranken sie zusammen. Johann Hübner
sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher; wenn er dann
einen Reuter sah, da rief er: “heloh! da reitet ein Reuter! ein schönes
Roß! Heloh!” Dann zogen sie hinaus, gaben acht, wann er kam, nahmen
ihm das Roß und schlugen ihn todt. Nun war ein Fürst von Dillenburg,
der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann, der hörte viel
von den Räubereien des Johann Hübners, denn die Bauern kamen immer
und klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen
Knecht, der hieß +Hanns Flick+, den schickte er über Land, dem Johann
Hübner aufzupassen. Der Fürst aber lag hinten im Giller und hielt sich
da mit seinen Reutern verborgen, dahin brachten ihm auch die Bauern
Brot und Butter und Käse. Hanns Flick aber kannte den Johann Hübner
nicht, streifte im Land umher und fragte ihn aus. Endlich kam er an
eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden, da stunden viele Wagenräder
an der Wand, die auch beschlagen werden sollten. Auf dieselben hatte
sich ein Mann mit dem Rücken gelehnt, der hatte nur ein Auge und ein
eisernes Wams an. Hanns Flick ging zu ihm und sagte: “Gott grüß dich,
eiserner Wams-Mann mit einem Auge! heißest du nicht Johann Hübner vom
Geissenberg?” Der Mann antwortete: “Johann Hübner vom Geissenberg liegt
auf dem Rad.” Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz und
sagte: “war das kürzlich?” “Ja, sprach der Mann, erst heut.” Hanns
Flick glaubte doch nicht recht und blieb bei der Schmiede und gab auf
den Mann acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmied ins
Ohr, er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so daß das vorderste
Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmied that es und Johann Hübner
ritt weg. Wie er aufsaß, sagte er dem Hanns Flick: “Gott grüß dich,
braver Kerl, sage deinem Herrn, er solle mir Fäuste schicken, aber
keine Leute, die hinter den Ohren lausen.” Hanns Flick blieb stehen und
sah, wo er übers Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo
er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, aber Johann Hübner ritt
hin und her, die Kreuz und Queer und Hanns Flick wurde bald in den
Fußtapfen des Pferdes irre, denn wo jener hingeritten war, da gingen
die Fußtapfen zurück. Also verlor er ihn bald und wußte nicht, wo er
geblieben war. Endlich aber ertappte er ihn doch, wie er Nachts bei
Mondenschein mit seinen Knechten auf der Heide im Wald lag und geraubt
Vieh hütete. Da eilte er und sagte es dem Fürsten Christian, der ritt
in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald und sie hatten den
Pferden Moos unter die Füße gebunden. So kamen sie nah herbei, sprangen
auf ihn zu und kämpften miteinander. Der schwarze Christian und Johann
Hübner schlugen sich auf die eisernen Hüte und Wämser, daß es klang,
endlich aber blieb Johann Hübner todt und der Fürst zog in das Schloß
auf dem Geissenberg. Den Johann Hübner begruben sie in einer Ecke, der
Fürst legte viel Holz um den großen Thurm und sie untergruben ihn auch.
Am Abend, als im Dorfe die Kühe gemolken wurden, fiel der Thurm um und
das ganze Land zitterte von dem Fall. Man sieht noch die Steine den
Berg hinunter liegen. Der Johann Hübner erscheint oft um Mitternacht,
mit seinem einen Auge sitzt er auf einem schwarzen Pferd und reitet um
den Wall herum.
129.
Eppela Gaila.
+Fischart+ im Garg. (springen) über Eppelins Heuwagen.
+Rentsch+ Antiquitäten des Burggrafthums oberhalb Gebirg, aus einer ihm
1684 vom Pfarrer Meyer zu Muggendorf mitgetheilten Nachricht.
Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 149.
+Edward Brown+ sonderbare Reisen S. 67.
+E.M. Arndt+ Bruchst. einer Reise von Baireuth nach Wien im Sommer
1798. Leipz. 1801. 8. S. 27. 28. 96.
Eppelein von Gailingen, ein Schauspiel von +Hansing+. Leipz. 1795. 8.
Vor nicht lang sangen die nürnberger Gassenbuben noch diesen alten Reim:
Eppela Gaila von Dramaus
reit allzeit zum vierzehnt aus;
und:
Da reit der Nürnberger Feind aus
Eppela Gaila von Dramaus.
In alten Zeiten wohnte im Baireuthischen bei Drameysel (einem kleinen,
nach Muggendorf eingepfarrten Dörfchen) +Eppelin von Gailing+, ein
kühner Ritter, der raubte und heerte dort herum und sonderlich
aufgesessen war er den Nürnbergern, denen schadete er, wo er mochte. Er
verstand aber das Zaubern und zumal so hatt’ er ein Rößlein, das konnte
wohl reiten und traben, damit setzte er in hohen Sprüngen über Felsen
und Risse und sprengte es über den Fluß Wiesent, ohne das Wasser zu
rühren, und über Heuwagen auf der Wiese ritt er, daß seines Rosses Huf
kein Hälmlein verletzte. Zu Gailenreuth lag sein Hauptsitz, aber rings
herum hatte er noch andere seiner Burgen und im Nu wie der Wind flog er
von einer zur andern. Von einer Bergseite war er flugs an der gegenüber
stehenden und ritt oftmals nach Sanct Lorenz in Muggendorf. Zu Nürnberg
hielten ihn weder Burgmauern auf, noch der breite Stadtgraben und
viel ander Abentheuer hat er ausgeübt. Endlich aber fingen ihn die
Nürnberger und zu Neumarkt ward er mit seinen Helfershelfern an den
Galgen gehängt. In der nürnberger Burg stehen noch seine Waffen zur
Schau und an der Mauer ist noch die Spur vom Huf seines Pferdes zu
sehen, die sich eingedrückt hatte, als er darüber sprang.
130.
Der Blumenstein.
Kurhess. Magazin 1804. Nr. 30.
Als auf dem Blumenstein bei Rotenburg in Hessen noch Ritter lebten,
wettete eines Abends ein junges, muthiges Bauernmädchen in dem
benachbarten Dorf Höhnebach, daß es um Mitternacht bei Mondschein
hinaus auf die furchtbare Burg gehen und ein Ziegelstück herabholen
wollte. Sie wagte auch den Gang, holte das Wahrzeichen und wollte
eben wieder zurückgehen, als ihr ein Hufschlag in der stillen Nacht
entgegenklang. Schnell sprang sie unter die Zugbrücke und kaum stand
sie darunter, so kam auch schon der Ritter herein und hatte eine schöne
Jungfrau vor sich, die er geraubt und deren köstliche Kleidungsstücke
er hinten aufgepackt hatte. Indem er über die Brücke ritt, fiel ein
Bündel davon herab, den hob das Bauernmädchen auf und eilte schnell
damit fort. Kaum aber hatte sie die Hälfte des Spisses, eines Berges,
der zwischen Höhnebach und dem Blumenstein liegt, erstiegen, so
hörte sie, wie der Ritter schon wieder über die Zugbrücke ausritt
und wahrscheinlich den verlorenen Bündel suchen wollte. Da blieb ihr
nichts übrig, als den Weg zu verlassen und sich in den dicken Wald
zu verbergen, bis er vorüber war. Und so rettete es seine Beute und
brachte das Wahrzeichen glücklich nach Haus.
131.
Seeburger See.
Neues hanöv. Magazin 1807. St. 13. u. St. 40.
Zwei kleine Stunden von Göttingen liegt der seeburger See. Er
vermindert sich jährlich, ist jetzt 30-40 Fuß tief und von einer guten
halben Stunde Umkreis. In der Gegend sind noch mehr Erdfälle und
gefährliche Tiefen, die auf das Daseyn eines unterirdischen Flusses
vermuthen lassen. Die Fischer erzählen folgende Sage.
In alten Zeiten stand da, wo jetzt der See ist, eine stolze Burg, auf
welcher ein Graf, Namens Isang, wohnte, der ein wildes und gottloses
Leben führte. Einmal brach er durch die heiligen Mauern des Klosters
Lindau, raubte eine Nonne und zwang sie, ihm zu Willen zu seyn. Kaum
war die Sünde geschehen, so entdeckte sich, daß diejenige, die er in
Schande gebracht, seine bis dahin ihm verborgen gebliebene Schwester
war. Zwar erschrack er und schickte sie mit reicher Buße ins Kloster
zurück, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott, sondern er
begann aufs neue nach seinen Lüsten zu leben. Nun geschah es, daß er
einmal seinen Diener zum Fischmeister schickte, einen Aal zu holen, der
Fischmeister aber dafür eine silber-weiße Schlange gab. Der Graf, der
etwas von der Thier-Sprache verstand, war damit gar wohl zufrieden,
denn er wußte, daß, wer von einer solchen Schlange esse, zu allen
Geheimnissen jener Sprache gelange. Er hieß sie zubereiten, verbot
aber dem Diener bei Lebensstrafe, nichts davon zu genießen. Darauf aß
er so viel, als er vermogte, aber ein weniges blieb übrig und wurde auf
der Schüssel wieder hinausgetragen; da konnte der vom Verbot gereizte
Diener seiner Lust nicht widerstehen und aß es. Dem Grafen aber fielen
nach dem Genuß alsbald alle je begangenen Sünden und Frevel aufs
Herz und standen so hell vor ihm, daß die Gedanken sich nicht davon
abwenden konnten und er vor Angst sich nicht zu lassen wußte. “Mir
ist so heiß, sprach er, als wenn ich die Hölle angeblasen hätte!” Er
ging hinab in den Garten, da trat ihm ein Bote entgegen und sprach:
“eben ist eure Schwester an den Folgen der Sünde, zu der ihr sie
gezwungen habt, gestorben.” Der Graf wendete sich in seiner Angst nach
dem Schloßhof zurück, aber da ging alles Gethier, das darin war: die
Hühner, Enten, Gänse, auf und ab und sprachen untereinander von seinem
ruchlosen Leben und entsetzlichen Frevel, den er all vollbracht, und
die Sperlinge und die Tauben auf dem Dache mengten sich in das Gespräch
und riefen Antwort herab. “Nun aber, sagten sie, haben die Sünden ihr
volles Maas und das Ende ist gekommen: in kurzer Stunde werden die
prächtigen Thürme umfallen und die ganze Burg wird versunken seyn.”
Eben als der Hahn gewaltig auf dem Dache krähte, trat der Diener, der
von der Schlange gegessen hatte, herzu und der Graf, der ihn versuchen
wollte, fragte: “was ruft der Hahn?” Der Diener, der in der Angst
sich vergaß und es wohl verstand, antwortete: “er ruft: eil! eil! eh
die Sonne untergeht, willst du dein Leben retten, eil! eil! aber zieh
allein!” “O du Verräther, sprach der Graf, so hast du doch von der
Schlange gegessen, packe zusammen, was du hast, wir wollen entfliehen.”
Der Diener lief hastig ins Schloß, aber der Graf sattelte sich selbst
sein Pferd und schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der
Diener zurückkam, leichen-blaß und athemlos ihm in die Zügel fiel und
flehentlich bat, ihn mitzunehmen. Der Graf schaute auf und als er sah,
wie die letzte Sonnen-Röthe an den Spitzen der Berge glühte und hörte,
wie der Hahn laut kreischte: “eil! eil! eh die Sonne untergeht, aber
zieh allein!” da nahm er sein Schwert, zerspaltete ihm den Kopf und
sprengte über die Zugbrücke hinaus. Er ritt auf eine kleine Anhöhe bei
dem Städtchen Gieboldehausen, da schaute er sich um, und als er die
Thurmspitzen seines Schlosses noch im Abendroth glänzen sah, däuchte
ihm alles ein Traum und eine Betäubung seiner Sinne. Plötzlich aber
fing die Erde an, unter seinen Füßen zu zittern, erschrocken ritt er
weiter und als er zum zweitenmal sich umschaute, waren Wall, Mauern und
Thürme verschwunden und an des Schlosses Stelle ein großer See.
Nach dieser wundervollen Errettung bekehrte sich der Graf und büßte
seine Sünden im Kloster Gieboldehausen, welchem er seine übrigen
reichen Besitzungen schenkte. Nach seiner Verordnung werden noch jetzt
reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. In dem
Dorfe Berenshausen stiftete er den Chor und die Altarstühle, worüber
sogar noch ein Schenkungs-Brief da seyn soll. Auch werden noch jetzt
aus dem See behauene Quadern und Eichenbohlen herausgeholt; vor einiger
Zeit sogar zwei silberne Töpfe mit erhabenen Kränzen in getriebener
Arbeit, von denen der Wirth in Seeburg einen gekauft hat.
132.
Der Burgsee und Burgwall.
+Kosegarten+ Rhapsodien. II. 110.
In der Stubniz auf der pommerschen Insel Rügen liegt ein mächtiger
Erdwall, von hohen Buchen bewachsen und einen langrunden Kreis
umschließend, in dessen Mitte mancherlei Baumwurzeln und Steine
verstreut liegen. Hart neben dem östlichen Rande des Walles fließt
in einem runden und tiefen Kessel ein See, der +schwarze See+, oder
+Burgsee+ genannt. Jener Wall heißt der +Burgwall+. Nach der Landsage
soll in diesem Wall vor alten Zeiten der Teufel angebetet und zu seinem
Dienst eine Jungfrau unterhalten worden seyn. Wann er der Jungfrau
überdrüssig wurde, so führten sie seine Priester zu dem schwarzen See
und ersäuften sie darin.
133.
Der heil. Niclas und der Dieb.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 200. 201. aus
+Michael Saxe+ ~alphab. hist. p.~ 383.
Zu Greifswald in Pommern stund in einer Kirche St. Niclasen Bild. Eines
Nachts brach ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten berauben und rief
den Heiligen an: “o heiliger Niclaus, ist das Geld mein oder dein?
komm, laß uns wettlaufen darum, wer zuerst zum Gotteskasten kommt,
soll gewonnen haben.” Hub damit zu laufen an, aber das Bild lief auch
und überlief den Dieb zum drittenmal; der antwortete und sprach: “mein
heil. Niclaus, du hasts redlicher gewonnen, aber das Geld ist dir doch
nicht nutz, bist von Holz und bedarfst keines; ich wills nehmen und
guten Muth dabei haben.” -- Bald darauf geschah, daß dieser Räuber
starb und begraben wurde, da kamen die Teufel aus der Hölle, holten
den Leib aus dem Grab, warfen ihn bei den beraubten Gotteskasten
und hängten ihn zuletzt vor der Stadt an eine Windmühle auf. Diese
Windmühle soll nachher immer links umgelaufen seyn.
134.
Riesensteine.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 591-593.
Man findet hin und wieder greuliche Steine, worin die Male von Händen
und Füßen eingedrückt sind und wovon die Sage ist, dieses rühre von
Riesen her, die sich vor Alters damit geworfen, oder darauf gestanden.
Ein solcher Stein liegt zu Leipzig beim Kuhthurm am Wege und die Spur
einer großen Hand mit sechs Fingern steht daraufgedruckt. Ein anderer
großer Stein ist auf dem Wege von Leipzig nach dem Dorf Hohentiegel zu
finden, dem Dorfe näher als der Stadt, darauf man ein Schmarre sieht,
als wäre sie mit einem Schlachtschwerte eingehauen.
Als Salzwedel vor uralters hart belagert wurde von einem grausamen
Feind, der sie doch nicht einbekommen mochte, weil Engel auf der
Stadtmauer hin und hergegangen, die Pfeile auffingen und die Stadt
behüteten; da erbitterte der Feldherr und wie im Lager ein großer Stein
vor ihm lag, zog er sein Schlachtschwert und sprach: “soll ich die
Stadt nicht gewinnen, so gebe Gott, daß ich in diesen Stein haue, wie
in einen Butterweck.” Als er nun hieb, gab der Stein nach, als ob er
ganz weich wäre. Dieser Stein wurde dem Prätorius an derselben Stelle
im Jahr 1649 gezeigt, auf dem Wege zwischen Salzwedel und Tielsen, und
er betastete ihn und sah mit eigenen Augen die tiefe Spalte, die er
durch die Mitte hatte.
135.
Spuren im Stein.
Mündlich, aus Hessen.
Bei der Mindner Glashütte ist ein Wald, der heißt der Geismar-Wald, da
hat vor dem dreißigjährigen Krieg eine Stadt Namens Geismar gestanden.
Daneben ist ein anderer Berg, welcher der Todtenberg heißt und dabei
ist eine Schlacht vorgefallen. Der Feldherr war anfänglich geschlagen,
hatte sich in den Geismar-Wald zurückgezogen, saß da auf einem Stein
und dachte nach, was zu thun am besten wäre. Da kam einer seiner
Hauptleute und wollte ihn bereden, die Schlacht von neuem anzufangen
und den Feind muthig anzugreifen, wo er jetzt noch siege, sey alles
gerettet. Der Feldherr aber antwortete: “nein, ich kann so wenig
siegen, als dieser Stein, auf dem ich sitze, weich werden kann!” Mit
diesen Worten stand er auf, aber seine Beine und selbst die Hand, womit
er sich beim Aufstehen auf den Stein gestützt, waren darin eingedrückt.
Wie er das Wunder sah, ließ er zur Schlacht blasen, griff den Feind mit
frischer Tapferkeit an und siegte. Noch heut zu Tag steht der Stein und
man sieht die Spuren darin ausgedrückt.
136.
Der Riesen-Finger.
vgl. Taschenbuch für Freundschaft und Liebe 1815. S. 279-281.
Am Strand der Saale, besonders aber in der Nähe von Jena, lebte ein
wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf
dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen
Löffel fallen ließ. Er war auch gegen seine Mutter gottlos und wenn
sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und
schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge
hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wüthend, daß er
mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Gräuel verfinsterte
sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher und der Donner
krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen
die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der
kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein
langer schmaler Thurm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsthurm
heißt.
137.
Riesen aus dem Unterberge.
Brixener Volksbuch.
Alte Männer aus dem Dorfe Feldkirchen, zwei Stunden von Salzburg, haben
im Jahr 1645 erzählt, als sie noch unschuldige Buben gewesen, hätten
sie aus dem Wunderberge Riesen herabgehen gesehen, die sich an die
nächst dieses Berges stehende Grödicher Pfarrkirche angelehnt, daselbst
mit Männern und Weibern gesprochen, dieselben eines christlichen
Lebens und zu guter Zucht ihrer Kinder ermahnt, damit diese einem
bevorstehenden Unglück entgingen. Sodann hätten sich diese Riesen
wiederum nach ihrem Wunderberg begeben. Die Grödicher Leute waren von
den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes
Unglück zu sichern.
138.
Der Jetten-Bühel zu Heidelberg.
~+Freher+ orig. palat.~ I. 50.
+Kaiser+ Schauplatz von Heidelberg S. 19. 20. u. 169. 170. und andere.
Der Hügel bei Heidelberg, auf dem jetzt das Schloß stehet, wurde sonst
der +Jetten-Hügel+ genannt und dort wohnte ein altes Weib, Namens
Jetta, in einer Capelle, von der man noch Ueberreste gesehen, als der
Pfalzgraf Friedrich Kurfürst geworden war und ein schönes Schloß (1544)
baute, das der neue Hof hieß. Diese Jetta war wegen ihres Wahrsagens
sehr berühmt, kam aber selten aus ihrer Capelle und gab denen, die sie
befragten, die Antwort zum Fenster heraus, ohne daß sie sich sehen
ließ. Unter andern verkündigte sie, wie sie es in seltsamen Versen
vorbrachte, es wäre über ihren Hügel beschlossen, daß er in künftigen
Zeiten von königlichen Männern, welche sie mit Namen nannte, sollte
bewohnt, beehrt und geziert und das Thal unter demselben mit vielem
Volk besetzt werden.
Als Jetta einst bei einem schönen Tag nach dem Brunnen ging, der sehr
lustig am Fuß des Geißbergs nah am Dorf Schlürbach, eine halbe Stunde
von Heidelberg liegt und trinken wollte, wurde sie von einem Wolf, der
Junge hatte, zerrissen. Daher er noch jetzt der +Wolfsbrunnen+ heißt.
Nah dabei ist unter der Erde ein gewölbter Gang, von dem Volk das
Heidenloch genannt.
139.
Riese Haym.
+Matth. Holzwart+ Lustgart. newer deutscher Poeterei. Strasb. 1568.
~f.~ S. 164-166.
~+Pighius+ hercules prodic.~ 167.
vgl. +Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 98. N. 81.