gehaltener Mahlzeit auf den Abend das Weib einen Pfefferkuchen zum Obst
aus einem Kasten holen soll und bleibet lange außen. Da wird der Mann
scheltig und fluchet den gewöhnlichen Fluch, da verschwindet die Frau
von Stund an und war mit ihr aus. Da sie nun nicht wieder kommt, gehen
sie hinauf in die Kammer, zu sehen, wo die Frau bliebe. Da liegt ihr
Rock, den sie angehabt, halb mit den Ermeln in dem Kasten, das ander
Theil aber heraußen, wie sich das Weib hatte in den Kasten gebücket,
und war das Weib verschwunden und sider der Zeit nicht gesehen worden.
95.
Das Hündlein von Bretta.
Mündlich.
In der Rheinpfalz, besonders im Kraichgau, geht unter den Leuten
das Sprichwort um, wenn von übel belohnter Treue die Rede ist: “es
geschieht dir, wie dem Hündchen zu Bretten.” Die Volkssage davon
muß schon alt seyn und namentlich spielt auch Fischart an zwei
verschiedenen Stellen darauf an.
In dem Städtchen Bretten lebte vorzeiten ein Mann, welcher ein treues
und zu mancherlei Dienst abgerichtetes Hündlein hatte, das pflegte er
auszuschicken, gab ihm einen Korb ins Maul, worin ein beschriebener
Zettel mit dem nöthigen Gelde lag, und so langte es Fleisch und
Bratwurst beim Metzger, ohne je einen Bissen davon anzurühren. Einmal
aber sandte es sein Herr, der evangelisch war, an einem Freitag zu
einem Metzger, der catholisch war und streng auf die Fasten hielt.
Als nun der Metzger auf dem Zettel eine Wurst bestellt fand, hielt er
das Hündlein fest, haute ihm den Schwanz ab und legte den in den Korb
mit den Worten: “da hast du Fleisch!” Das Hündlein aber, beschimpft
und verwundet, trug den Korb treulich über die Gasse nach Haus, legte
sich nieder und verstarb. Die ganze Stadt trauerte und das Bild eines
Hündleins ohne Schwanz wurde in Stein ausgehauen übers Stadtthor
gesetzt.
Andere erzählen so: es habe seinem armen Herrn Fleisch und Würste
gestohlen zugetragen, bis es endlich ein Fleischer ertappt und mit dem
Verlust des Schwanzes gestraft.
96.
Das Dorf am Meer.
Mündlich, aus Holstein.
Eine Heilige ging am Strand, sah nur zum Himmel und bätete, da kamen
die Bewohner des Dorfs Sonntags Nachmittag, ein jeder geputzt
in seidenen Kleidern, seinen Schatz im Arm, und spotteten ihrer
Frömmigkeit. Sie achtete nicht darauf und bat Gott, daß er ihnen diese
Sünde nicht zurechnen wolle. Am andern Morgen aber kamen zwei Ochsen
und wühlten mit ihren Hörnern in einem nahgelegenen großen Sandberg
bis es Abend war; und in der Nacht kam ein mächtiger Sturmwind und
wehte den ganzen aufgelockerten Sandberg über das Dorf hin, so daß es
ganz zugedeckt wurde und alles darin, was Athem hatte, verdarb. Wenn
die Leute aus benachbarten Dörfern herbeikamen und das verschüttete
aufgraben wollten, so war immer, was sie Tags über gearbeitet, Nachts
wieder zugeweht. Das dauert bis auf den heutigen Tag.
97.
Die verschütteten Silber-Gruben.
Mündlich, am Harz.
Die reichsten Silberbergwerke am Harz waren die schon seit langen
Jahren eingegangenen beiden Gruben: der große Johann und der goldene
Altar (bei Andreasberg?). Davon geht folgende Sage. Vorzeiten, als die
Gruben noch bebaut wurden, war ein Steiger darüber gesetzt, der hatte
einmal, als der Gewinn groß war, ein paar reiche Stufen bei Seite
gelegt, um, wenn der Bau schlechter und ärmer seyn würde, damit das
fehlende zu ersetzen und immer gleichen Gewinn hervorzubringen. Was
er also in guter Absicht gethan, das ward von andern, die es bemerkt
hatten, als ein Verbrechen angeklagt, und er zum Tode verurtheilt.
Als er nun niederkniete und ihm das Haupt sollte abgeschlagen werden,
da betheuerte und beschwur er nochmals seine Unschuld und sprach: “so
gewiß bin ich unschuldig, als mein Blut sich in Milch verwandeln und
der Bau der Grube aufhören wird; wann in dem gräflichen Haus, dem
diese beiden Bergwerke zugehören, ein Sohn geboren wird mit Glas-Augen
und mit Reh-Füßen, und er bleibt am Leben, so wird der Bau wieder
beginnen, stirbt er aber nach seiner Geburt, so bleiben sie auf ewig
verschüttet.” Als der Scharfrichter den Hieb gethan und das Haupt
herabfiel, da sprangen zwei Milchströme statt des Bluts schneeweiß aus
dem Rumpf in die Höhe und bezeugten seine Unschuld. Auch die beiden
Gruben gingen alsbald ein. Nicht lange nachher ward ein junger Graf mit
Glas-Augen und Reh-Füßen geboren, aber er starb gleich nach der Geburt
und die Silberbergwerke sind nicht wieder aufgethan, sondern bis auf
diesen Tag verschüttet.
98.
Die Fundgrübner.
+Happel+ ~relat. curios. I. 758-760.~
Die reichsten Berggänge pflegen von armen und geringen Grübnern
entdeckt zu werden, darüber es mancherlei Sagen hat. In dem böhmischen
Bergwerk auf der Eule war ein Bergmann, des Namens +der rothe Leu+, so
reich geworden, daß er König Wenzel zu Gast lud, ihm eine Tonne Goldes
schenkte, und dem König Carl hundert geharnischte Reuter ausrüstete.
Dieser rothe Leu hatte anfangs sein ganzes Vermögen zugesetzt und schon
sein Weib ihren Schleier (ihr eingebrachtes) verkaufen müssen. Eines
Tags stieß sich die Frau von ungefähr blutrünstig in die Ferse an einem
großen Knauer. Der Mann wollte ihn wegstufen und traf auf gediegenes
Gold, wodurch er plötzlich reich wurde. Aber Stolz und Hochmuth kamen
über ihn, in seinem Hause mußte alles seiden, silbern und golden seyn
und das Weib sprach: es wäre Gott unmöglich, daß sie wieder arm werden
sollten. Nach und nach wurde der rothe Leu bettelarm und starb auf dem
Misthaufen.
Im salzburger Werk zu Gastein und Rauriß lebte ein mächtiger
Fundgrübner, genannt +der alte Weitmoser+. In der Stunde, wo er seinen
Schuldnern entlaufen wollte und schon in der Thür stand, wurde ihm
reicher Ausbruch und Handstein entgegen gebracht. Die hielten Gold und
Silber, wurden mit Macht geschüttet und gaben ihm und anderen bald
große Reichthümer. Und da ihm auf seinem Sterbebette schöne Handsteine
neuerdings aus der Grube getragen wurden, sagte er doch: “der rechte
und schönste Gang ist Jesus mein Herr und Heiland, auf dem will ich
bald eingehen ins ewige Leben.”
99.
Ein gespenstiger Reuter.
H. +Speidel+ in ~notabil. polit. f.~ 397.
+Prätorius+ im Glückstopf. S. 173. 174.
+Happel+ ~relat. curios. III.~ 521.
Ein unbekannter Mann hat sich gegen das Ende des 17. Jahrhunderts
bei einem Grafen von Roggendorf zum Bereiter angegeben und wurde,
nach geleisteter Probe, zu Diensten angenommen und ihm eine ehrliche
Bestallung gemacht. Es begab sich aber, daß einer von Adel bei Hof
anlangte und mit diesem Bereiter an die Tafel gesetzt wurde. Der
Fremde ersah ihn mit Erstaunen, war traurig und wollte keine Speise zu
sich nehmen, ob ihm wohl der Graf deßwegen freundlichst zugesprochen.
Nachdem nun die Tafel aufgehoben war und der Graf den Fremden nochmals
nach der Ursache seines Trauerns befragte, erzählte er, daß dieser
Bereiter kein natürlicher Mensch, sondern vor Ostende ihm an der Seite
erschossen sey, auch von ihm, dem Erzähler, selbst zu Grabe begleitet
worden. Er gab auch alle Umstände an: des Todten Vaterland, Namen,
Alter und das traf alles mit dem, was der Bereiter von sich selbst
gesagt, ein, so daß der Graf daran nicht zweifeln konnte. Er nahm
daher Ursach, diesem Gespenst Urlaub zu geben mit Vorwenden, daß seine
Einkünfte geringert und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen. Der
Bereiter sagte, daß ihn zwar der Gast verschwätzt, weil aber der
Graf nicht Ursache hätte ihn abzuschaffen, und er ihm getreue Dienste
geleistet und noch leisten wolle, bitte er ihn ferner an dem Hofe zu
erdulden. Der Graf aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub.
Deßwegen begehrte der Bereiter kein Geld, wie bedingt war, sondern ein
Pferd und Narren-Kleid mit silbernen Schellen, welches ihm der Graf
gerne geben ließ und noch mehr wollte reichen lassen, das der Bereiter
anzunehmen verweigerte.
Es fügte sich aber, daß der Graf nach Ungarn verreiste und bei Raab,
auf der Schütt, diesen Bereiter mit vielen Kuppel-Pferden in dem
Narren-Kleid antraf, welcher seinen alten Herrn, wie er ihn erblickte,
mit großen Freuden begrüßte und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf
bedankt sich und will es nicht nehmen, als der Bereiter aber einen
Diener ersieht, den er sonst am Hof wohl gekannt, gibt er diesem das
Pferd. Der Diener setzt sich mit Freuden drauf, hat es aber kaum
bestiegen, so springt das Pferd in die Höh und läßt ihn halb todt auf
die Erde fallen. Zugleich ist der Roßtäuscher mit seiner ganzen Kuppel
verschwunden.
100.
Der falsche Eid.
~M. +Schneider+ Titius contin. L. 11. sect. 2. cap. 3. p. 416~.
Im Odenwald beim Kloster Schönau liegt ein Ort, genannt +zum falschen
Eid+. Da hat auf eine Zeit ein Bauer geschworen, der Acker gehöre
sein, alsbald öffnete sich der Erdboden unter seinen Füßen und er
versank, daß nichts übrig blieb, als sein Stab und zwei Schuhe. Davon
hat die Stelle den Namen erhalten.
Sonst weiß man auch von Meineidigen, daß ihnen die aufgerichten
Finger erstarren und nicht mehr gebogen werden mögen, oder daß
sie verschwarzen; auch daß sie nach dem Tod der Leute zum Grab
herauswachsen.
101.
Zwölf ungerechte Richter.
~+Zeilleri+ epist. 58.~
+Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 455.
Nah bei westphälisch Minden liegt ein Grund, davon wird erzählt, zwölf
Richter hätten den Boden einem zugesprochen, dem er nicht gehörig,
darüber sich die Erde aufgethan und sie bis an die Knie alsbald
verschluckt; wie dessen noch Wahrzeichen vorhanden sind.
102.
Die heiligen Quellen.
Morgenblatt. 1808. Nr. 247. S. 987.
Das schweizer Landvolk redet noch von den heiligen Quellen, die im
Rütli plötzlich entsprungen, als da der große Eidschwur geschah, und
wie einem der Schwörenden, der den Bund verrathen, sogleich Feuer zu
Mund und Nase ausgefahren sey, auch sein Haus von selbst angefangen
habe zu brennen.
103.
Der quillende Brunnen.
+Happel+ ~relat. curios. V. 43.~ aus ~+Mich. Piccard,+ orat. acad. 4.~
An einem Berge in Franken quillet ein Brunnen, wobei ein vornehmes
adliches Geschlecht sein Stammhaus hat. Das ganze Jahr über hat er
schönes, lauteres, überflüssiges Wasser, das nicht eher aufhöret,
als wenn jemand aus demselbigen Geschlecht soll sterben. Alsdann
vertrocknet er so gar, daß man auch fast kein Zeichen oder Spur mehr
findet, es sey jemals ein Brunn daselbst gewesen. Als zur Zeit ein
alter Herr des gedachten adlichen Stammes in fremden Landen tödlich
niederlag, und bereits achtzigjährig seinen baldigen Tod muthmaßte,
fertigte er in seine Heimath einen Boten ab, der sich erkundigen
sollte: ob der Brunn vertrockne? Bei der Ankunft des Boten war das
Wasser versiegt, allein man gebot ihm ernstlich, es dem alten Herrn zu
verschweigen, vielmehr zu sagen: der Brunn befinde sich noch richtig
und voll Wassers; damit ihm keine traurige Gedanken erweckt würden.
Da lachte der Alte und strafte sich selbst, daß er von dem Brunnen
abergläubisch zu wissen gesuchet, was im Wohlgefallen Gottes stände,
schickte sich zu einem seeligen Abschied an. Plötzlich aber wurde es
besser mit seiner Krankheit und nicht lange, so kam er dieses Lagers
völlig wieder auf. Damit der Brunnen nicht vergebens versiegte und ihm
seine seit langen Jahren eingetroffene Bedeutung bestünde, trug es sich
zu, daß des Geschlechts ein Junger von Adel von einem untreuen Pferde
abgeworfen, gleich zu der nämlichen Zeit Todes verfuhr.
104.
Hunger-Quelle.
+Dreyhaupt+ Hall. Chronik. I. 1106.
vgl. +Stalder+ Schweiz. Idiot. v. Hunger-Brunnen.
Zu Halle auf dem Markt an dem rothen Thurm ist ein Quell-Brunnen, der
an der Mitternacht-Seite zu Tag ausfließet und für eine Hunger-Quelle
ausgegeben wird, indem aus dessen starkem oder schwachem Ueberlaufen
der gemeine Mann Theurung oder wohlfeile Zeit weißagt.
105.
Der Liebenbach.
Mündlich, aus Hessen.
Die Stadt Spangenberg in Hessen erhält ihr Trinkwasser durch
einen Bach, welcher die gute Quelle des gegenüber liegenden Bergs
herbeileitet. Von der Entstehung dieses Bachs wird folgendes erzählt.
Ein Jüngling und ein Mädchen in der Stadt liebten sich herzlich, aber
die Eltern wollten lange nicht zu ihrer Verheirathung einwilligen.
Endlich gaben sie nach, unter der Bedingung, daß die Hochzeit erst
dann solle gefeiert werden, wenn die zwei Liebenden die gute, frische
Quelle von dem gegenüber liegenden Berge ganz allein herüber geleitet
hätten: dadurch würde die Stadt Trinkwasser erhalten, woran sie bisher
Mangel gelitten. Da fingen beide an, den Bach zu graben und arbeiteten
ohn Unterlaß. So haben sie vierzig Jahre gegraben, als sie aber fertig
waren, starben sie beide in demselben Augenblick.
106.
Der Helfenstein.
+Grundmann+ Geschichtschule. Görliz. 1677. S. 779-782.
Eine Meile von Trautenau in Böhmen, auf dem Riesenberg, liegt der
Helfenstein, ein hoher Fels, auf dem sonst ein Raubschloß gestanden,
nachher aber versunken ist und weiß niemand, wo die Menschen, die
darin lebten, hingekommen sind. Im Jahr 1614 war, viertelwegs davon,
zu Maeschendorf, eine junge Magd, die ging nicht weit von diesem Fels
Vieh hüten und hatte noch mehr Kinder bei sich. Zu diesen sprach sie:
“kommt, laßt uns hin zum Helfenstein, ob wir ihn vielleicht offen
finden und das große Weinfaß sehen.” Da sie hingehen, ist der Felsen
offen und eine Eisenthür aufgethan, daran ein Schloß mit vielen
Schlüsseln hängt. Aus Neugierde treten sie näher und endlich hinein.
Es ist ein ziemlich weites Vorgemach, aber hinten wieder eine Thür.
Sie gehen durch, in dem zweiten Gemach liegt allerhand Hausrath,
besonders ein groß zehneimerig Faß Wein, davon waren die meisten Tauben
abgefallen, allein es hatte sich eine Fingersdicke Haut angesetzt, so
daß der Wein nicht herauslaufen konnte. Als sie es alle vier mit Händen
angriffen, schlotterte es und gab nach, wie ein Ei mit weichen Schalen.
Indem sie nun solches betrachten, kommt ein wohlgeputzter Herr aus
einer schönen Stube, rothen Federbusch auf dem Hut, in der Hand eine
große zinnerne Kanne, Wein zu holen. Beim Thür-Aufmachen hatten sie
gesehen, daß es in der Stube lustig hergehet, an zwei Tischen schöne
Manns- und Weibsbilder, haben Musik und sind fröhlig. Der aber den Wein
zapft, heißt sie willkommen und in die Stube gehen. Sie erschrecken
und wünschen sich weit davon, doch spricht die eine, sie wären zu
unsauber und nicht angeschickt, zu so wohlgeputzten Leuten zu gehen.
Er bietet ihnen dennoch Trinken an und reicht die Kanne. Wie sie sich
entschuldigt, heißt er sie warten, bis er für sie eine andere Kanne
geholt. Als er nun weg ist, spricht die Älteste: “laßt uns hinausgehen,
es möchte nicht gut werden; man sagt, die Leute seyen in den Bergen hie
verfallen.” Da gehen sie eilends heraus, hinter sich hören sie nach
wenig Schritten ein Knallen und Fallen, daß sie heftig erschrecken.
Nach einer Stunde sagt die Älteste wieder: “laßt uns noch einmal hin
und sehen, was das gewesen ist, das so gekracht hat.” Die andern
wollten nicht, da aber die Große so kühn war, allein hinzugehen,
folgten die andern nach. Sie sehen aber weder Eingang noch eiserne
Thür, der Fels war fest zu. Wie sie das Vieh eingetrieben, erzählen sie
alles den Eltern, diese berichten es dem Verwalter; allein der Fels
blieb zu, so oft man ihn auch in Augenschein genommen.
107.
Die Wiege aus dem Bäumchen.
Wiener Litter. Zeitung. 1813. Sept. 277.
vgl. +Gottschalk+ Ritterburgen. II. 103-105. aus +Gaheis+ Wanderungen
um Wien. 1803.
Bei Baden in Oesterreich stehen die Trümmer des alten Bergschlosses
Rauheneck. In diesen soll ein großer Schatz verborgen liegen, den aber
nur der heben kann, der als Kind in einer Wiege geschaukelt seyn wird,
die aus dem Holz des Baumes gezimmert worden ist, der jetzt nur erst
als ein schwaches Reiß aus der Mauer des hohen Thurmes zu Rauheneck
sprießt. Verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so muß die
Hebung des Schatzes warten, bis es von neuem ausschlägt und wieder
wächst.
108.
Hessenthal.
+Münchhausen+ im Freymüthigen. 1806. Nr. 47. S. 186.
Die alte Burg Schellenpyrmont liegt nun in Trümmern, da soll der Sage
nach vormals Thusneldens Sitz gewesen seyn. Thusnelde hatte einen
Vogel, der reden konnte. Eines Tags kam er aus dem Hessenthal, einem
Waldgrunde am Burgberg, herauf und schrie in einem fort:
“Hessenthal blank, Hessenthal blank!”
damit die in dies Thal schon vorgedrungenen Römer in ihren blanken
Rüstungen anzudeuten, und die Deutschen gewannen nun Zeit, sich gegen
den Ueberfall des Feindes zu rüsten.
109.
Reinstein.
+Happel+ ~relat. curios. III.~ 784.
Unter der uralten Burg Reinstein unweit Blankenburg am Harz liegt ein
großes Felsenloch, angefüllt mit allerhand kleinen Steinen, wie man sie
sonst nicht auf Gebürgen, sondern blos in Ebenen findet. Wenn jemand
von solchen Steinen viel oder wenig nimmt, führt, oder trägt, so kommen
sie doch wieder an denselben Ort, da sie sind weggenommen worden,
so daß die Höhle immer voll von Steinen bleibt. Es soll aber noch
keinem gefrommt haben, dergleichen Steine wegzubringen. Auf dem Fels,
sonderlich um die Gegend der Höhle, hört man zur Mittagsstunde oft
Schellen läuten, zuweilen auch ein Gehämmer wie von vielen Schmieden.
110.
Der stillstehende Fluß.
+Winkelmann+ Beschr. von Hessen. S. 59.
Von der Fulde heißt es, so oft ein Fürst aus dem Lande Hessen,
sonderlich ein regierender Herr oder dessen Gemahlin bald sterben soll,
daß sie wider ihren natürlichen Lauf ganz still stehe und gleichsam
der Strom seine Trauer zu erkennen gebe. Man hält das für eine sichere
Todesanzeige und haben es die Einwohner mehrmals beobachtet.
111.
Arendsee.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 97. aus mündlicher Sage.
Von dem Arendsee in der Altmark wird folgendes erzählt: an der Stelle,
wo jetzt der See und der Ort dieses Namens liegt, stand vor Alters
ein großes Schloß. Dieses ging urplötzlich unter und nicht mehr kam
davon, als ein Mann und ein Weib. Wie die beiden nun fortgingen, sah
sich das Weib ungefähr um und ward der schleunigen Veränderung innen.
Verwundert brach sie in die Worte aus: “+Arend see!+” (Arend sieh! denn
jenes war ihres Mannes Name) und darum gab man nachher dem Städtlein
die Benennung, das an dem See auferbaut wurde. In diesem See ragt der
feinste, weiße Streusand hervor und wann die Sonne hell scheint, soll
man (wie auch beim See Brok neben dem Ossenberg) noch alle Mauern
und Gebäude des versunkenen Schlosses sehen. Einige haben einmal
vorgehabt, das Wasser zu gründen, und ein Seil eingelassen; wie sie
das herauszogen, fand sich ein Zettel dran mit dem Gebote: lasset ab
von euerem Unternehmen, sonst wird euerm Orte widerfahren, was diesem
geschehen ist.
112.
Der Ochsenberg.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 96. aus mündlicher Erzählung seiner Mutter,
die in der Gegend gebürtig war.
In der alten Mark, nicht weit vom zertrümmerten Schloß Alvensleben,
liegt ein großes, wacker lustiges, Dorf, mit Namen Ursleben. Einen
Büchsenschuß hinter dem Dorf stehet ein großer See, genannt Brock
(Bruch), an dessen Stätte war vor alten Zeiten ein schönes Schloß,
das hernach unterging und seitdem war das große Wasser aufgekommen.
Nämlich es sollen alle Leute drinnen versunken seyn, ausgenommen eine
einzige Edeljungfer, die ein Traum kurz vorher warnete. Als nun das
Vieh und die Hühner sonderlich traurige Zeichen eines bevorstehenden
großen Unglücks laut werden ließen, setzte sich diese Jungfrau auf
einen Ochsen und ritt davon. Mit genauer Noth erreichte sie einen
dabei gelegenen Hügel, hinter ihr drein sank das Schloß zusammen, und
wie sie auf dem Ochsen sitzend sich vom Hügel umsah, war das Gewässer
überall aufgestiegen. Davon heißt der Hügel noch +Ossenberg+ bis auf
den heutigen Tag.
113.
Die Moor-Jungfern.
+Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. I. 144. II. 36-39.
Auf der Rhöne ist ein Sumpf, genannt das rothe Moor. Nach der Volkssage
stand daselbst vorzeiten ein Dorf, Namens +Poppenrode+, das ist nunmehr
versunken. Auf der Moorfläche bei Nacht schweben Lichtchen, das sind
Moor-Jungfern. An einem andern Ort ebendaselbst liegt auch das schwarze
Moor, schon in alten Urkunden so genannt, und die Sage weiß auch hier
von einem versunkenen Dorf, von welchem noch ein Pflaster übrig ist,
Namens: +die steinerne Brücke+.
114.
Andreas-Nacht.
Mündlich.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus.
+Bräuner’s+ Curiositäten S. 91-93.
+Goldschmid’s+ höll. Morpheus. Hamb. 1698. S. 173. 174.
Es ist Glaube, daß ein Mädchen in der Andreas-Nacht, Thomas-Nacht,
Christ-Nacht und Neujahrs-Nacht seinen zukünftigen Liebsten einladen
und sehen kann. Es muß einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber
keine Gabeln dabei seyn. Was der Liebhaber beim Weggehen zurückläßt,
muß sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es
besitzt und liebt sie heftig. Es darf ihm aber nie wieder zu Gesicht
kommen, weil er sonst der Qual gedenkt, die er in jener Nacht von
übermenschlicher Gewalt gelitten und er des Zaubers sich bewußt wird,
wodurch großes Unglück entsteht.
Ein schönes Mädchen in Östreich begehrte einmal um Mitternacht, unter
den nöthigen Gebräuchen, seinen Liebsten zu sehen, worauf ein Schuster
mit einem Dolche daher trat, ihr denselben zuwarf und schnell wieder
verschwand. Sie hob den nach ihr geworfenen Dolch auf und schloß ihn in
eine Truhe. Bald kam der Schuster und hielt um sie an. Etliche Jahre
nach ihrer Verheirathung ging sie einstmals Sonntags, als die Vesper
vorbei war, zu ihrer Truhe, etwas hervorzusuchen, das sie folgenden Tag
zur Arbeit vornehmen wollte. Als sie die Truhe geöffnet, kommt ihr
Mann zu ihr und will hineinschauen; sie hält ihn ab, aber er stößt sie
mit Gewalt weg, sieht in die Truhe und erblickt seinen verlornen Dolch.
Alsbald ergreift er ihn und begehrt kurz zu wissen, wie sie solchen
bekommen, weil er ihn zu einer gewissen Zeit verloren hätte. Sie
weiß in der Bestürzung und Angst sich auf keine Ausrede zu besinnen,
sondern bekennt frei, es sey derselbe Dolch, den er ihr in jener Nacht
hinterlassen, wo sie ihn zu sehen begehrt. Da ergrimmte der Mann und
sprach mit einem fürchterlichen Fluch: “Hur! so bist du die Dirne, die
mich in jener Nacht so unmenschlich geängstiget hat!” und stößt ihr
damit den Dolch mitten durchs Herz.
Diese Sage wird an verschiedenen Orten von andern Menschen erzählt.
Mündlich: von einem Jäger, der seinen Hirschfänger zurückläßt; in dem
ersten Wochenbett schickt ihn die Frau über ihren Kasten, Weißzeug zu
holen und denkt nicht, daß dort das Zauber-Geräth liegt, das er findet
und womit er sie tödtet.
115.
Der Liebhaber zum Essen eingeladen.
+Prätorius+ Weihnachtsfratzen. ~prop.~ 53.
+Bräuner’s+ Curiositäten. 97.
+Valvassor+ Ehre von Crain. II. 479.
Zu Saalfeld in Thüringen war eine Schösserin (Steuereinnehmerin), die
sich heimlich in ihren Schreiber verliebte. Durch Zauberei aber wollte
sie ihn gewinnen, ließ ein frisches Brot backen und steckte mitten
in der heiligen Christnacht kreuzweise zwei Messer hinein, indem sie
etliche Worte dazu murmelte. Darauf kam der Schreiber aus dem Schlafe
ganz nackigt zur Stube hereingesprungen, setzte sich nieder am Tisch
und sah sie scharf an. Sie stand auf und lief davon, da zog er beide
Messer aus dem Brot und warf sie hinter ihr drein und hätte sie bald
sehr verletzet. Hernach ging er wieder zurück; eine Muhme, die in
der Stube zugegen war, erschrack so heftig, daß sie etliche Wochen
krank niederliegen mußte. Der Schreiber soll den folgenden Tag zu den
Hausleuten gesagt haben: er möchte nur gern wissen, welche Frau ihn
verwichene Nacht so geängstet habe; er wäre so abgemattet, daß er es
kaum sagen könne, denn er hätte sollen mit fortkommen und sich nicht
gnugsam erwehren können; er hätte auch bäten mögen, was er gewollt, so
wäre er getrieben worden.
Dieselbe alte Frau, die diese Geschichte erzählte, fügte hinzu: auch
zu Coburg haben einmal einige Edeljungfrauen von neunerlei Essen etwas
aufgehoben und um Mitternacht aufgestellt und sich dabei zu Tische
gesetzt. Darauf kamen ihre Liebsten alle, jeder brachte ein Messer mit
und wollten sich zu ihnen niederlassen. Darüber entsetzten sich die
Jungfrauen und flohen; einer aber nahm das Messer und warf hinterher;
sie schaute um, blickte ihn an und hob das Messer auf. Ein andermal
soll statt des eingeladenen Buhlen der leibhaftige Tod in die Stube
gekommen seyn und sein Stundenglas bei einer niedergesetzt haben, die
denn auch das Jahr über verstarb.