Es ist Sage, daß, wenn ein Erb-Dieb, dem das Stehlen durch Herkunft aus

einem Diebs-Geschlecht angeboren ist, oder dessen Mutter, als sie mit

ihm schwanger ging, gestolen, wenigstens groß Gelüsten dazu gehabt,

(nach andern, wenn er zwar ein unschuldiger Mensch, in der Tortur

aber sich für einen Dieb bekennet) und der ein reiner Jüngling ist,

gehenkt wird und das Wasser läßt (~aut sperma in terram effundit~), so

wächst an dem Ort der +Alraun+ oder das +Galgen-Männlein+. Oben hat er

breite Blätter und gelbe Blumen. Bei der Ausgrabung desselben ist große

Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, heult und schreit er

so entsetzlich, daß der, welcher ihn ausgräbt, alsbald sterben muß. Um

ihn daher zu erlangen, muß man am Freitag vor Sonnen-Aufgang, nachdem

man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder Pech wohl verstopft, mit einem

ganz schwarzen Hund, der keinen andern Flecken am Leib haben darf,

hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und die Erde rings

herum abgraben, so daß die Wurzel nur noch mit kleinen Fasern in der

Erde stecken bleibt. Darnach muß man sie mit einer Schnur dem Hund an

den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen und eilig davon laufen.

Der Hund, nach dem Brot gierig, folgt und zieht die Wurzel heraus,

fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, alsbald todt hin.

Hierauf nimmt man sie auf, wäscht sie mit rothem Wein sauber ab,

wickelt sie in weiß und rothes Seiden-Zeug, legt sie in ein Kästlein,

badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumond ein neues weißes

Hemdlein. Fragt man nun den Alraun, so antwortet er und offenbart

zukünftige und heimliche Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen. Der Besitzer

hat von nun an keine Feinde, kann nicht arm werden und hat er keine

Kinder, so kommt Eheseegen. Ein Stück Geld, das man ihm Nachts zulegt,

findet man am Morgen doppelt; will man lang seines Dienstes genießen

und sicher gehen, damit er nicht abstehe oder sterbe, so überlade man

ihn nicht, ein halben Thaler mag man kühnlich alle Nacht ihm zulegen,

das höchste ist ein Ducaten, doch nicht immer, sondern nur selten.

Wenn der Besitzer des Galgen-Männleins stirbt, so erbt es der jüngste

Sohn, muß aber dem Vater ein Stück Brot und ein Stück Geld in den Sarg

legen und mit begraben lassen. Stirbt der Erbe vor dem Vater, so fällt

es dem ältesten Sohn anheim, aber der jüngste muß eben so schon mit

Brot und Geld begraben werden.

84.

~Spiritus familiaris.~

+Trutz Simplex+ Leben der Landstörzerin Courage. Cap. 18. u. 23.

Der Leipziger Avanturieur. Frkft. u. Lpz. 1756. Th. 2. S. 38-42.

Er wird gemeinlich in einem wohlverschlossenen Gläslein aufbewahrt,

sieht aus nicht recht wie eine Spinne, nicht recht wie ein Skorpion,

bewegt sich aber ohne Unterlaß. Wer ihn kauft, in dessen Tasche bleibt

er, er mag das Fläschlein hinlegen, wohin er will, immer kehrt es von

selbst zu ihm zurück. Er bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze

sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Krieg

fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Besitzer immer den Sieg hat,

auch behütet es vor Haft und Gefängniß. Man braucht ihn nicht zu

pflegen, zu baden und kleiden, wie ein Galgen-Männlein.

Wer ihn aber behält, bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum

sucht ihn der Besitzer wieder zu verkaufen. Er läßt sich aber nicht

anders verkaufen, als immer wohlfeiler, damit ihm einer bleibe, der ihn

nämlich mit der geringsten Münze eingekauft hat.

Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefährlichen Geist

kennen lernte, warf ihn seinem vorigen Besitzer vor die Füße und eilte

fort; als er zu Haus ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht

besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf.

Ein Augsburgischer Roßtäuscher und Fuhrmann zog in eine berühmte

deutsche Stadt ein. Der Weg hatte seine Thiere sehr mitgenommen, im

Thor fiel ihm ein Pferd, im Gasthaus das zweite und binnen wenig

Tagen die übrigen sechs. Er wußte sich nicht zu helfen, ging in der

Stadt umher und klagte den Leuten mit Thränen seine Noth. Nun begab

sichs, daß ein anderer Fuhrmann ihm begegnete, dem er sein Unglück

erzählte. Dieser sprach: “seyd ohne Sorgen, ich will euch ein Mittel

vorschlagen, dessen ihr mir danken sollt.” Der Roßtäuscher meinte, das

wären leere Worte. “Nein, nein, Gesell, euch soll geholfen werden. Geht

in jenes Haus und fraget nach einer Gesellschaft, die er ihm nannte,

der erzählt euern Unfall und bittet um Hilfe.” Der Roßtäuscher folgte

dem Rath, ging in das Haus und fragte einen Knaben, der da war, nach

der Gesellschaft. Er mußte auf Antwort warten, endlich kam der Knabe

wieder und öffnete ihm ein Zimmer, in welchem etliche alte Männer an

einer runden Tafel saßen. Sie redeten ihn mit Namen an und sagten:

“dir sind acht Pferde gefallen, darüber bist du niedergeschlagen und

nun kommst du, auf Anrathen eines deiner Gesellen, zu uns, um Hilfe zu

suchen: du sollst erlangen, was du begehrst.” Er mußte sich an einen

Neben-Tisch setzen und nach Verlauf weniger Minuten überreichten sie

ihm ein Schächtelein mit den Worten: “dies trage bei dir und du wirst

von Stund an reich werden, aber hüte dich, daß du die Schachtel, wo

du nicht wieder arm werden willst, niemals öffnest.” Der Roßtäuscher

fragte, was er für dieses Schächtelein zu zahlen habe, aber die Männer

wollten nichts dafür; nur mußte er seinen Namen in ein großes Buch

schreiben, wobei ihm die Hand geführt ward. Der Roßtäuscher ging heim,

kaum aber war er aus dem Haus getreten, so fand er einen ledernen Sack

mit dreihundert Ducaten, womit er sich neue Pferde kaufte. Ehe er die

Stadt verließ, fand er in dem Stalle, wo die neuen Pferde standen, noch

einen großen Topf mit alten Thalern. Kam er sonst wohin und setzte das

Schächtlein auf die Erde, so zeigte sich da, wo Geld verloren oder

vorzeiten vergraben war, ein hervordringendes Licht, also daß er es

leicht heben konnte. Auf diese Weise erhielt er ohne Diebstal und Mord

große Schätze zusammen.

Als die Frau des Roßtäuschers von ihm vernahm, wie es zuging, erschrack

sie und sprach: “du hast etwas böses empfangen, Gott will nicht, daß

der Mensch durch solch verbotene Dinge reich werde, sondern hat gesagt,

im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ich bitte dich

um deiner Seeligkeit willen, daß du wieder nach der Stadt zurückreisest

und der Gesellschaft deine Schachtel zustellst.” Der Mann, von diesen

Worten bewogen, entschloß sich und sendete einen Knecht mit dem

Schächtelein hin, um es zurückzuliefern, aber der Knecht brachte es

wieder mit der Nachricht zurück, daß diese Gesellschaft nicht mehr

zu finden sey, auch niemand wisse, wo sie sich gegenwärtig aufhalte.

Hierauf gab die Frau genau Acht, wo ihr Mann das Schächtlein hinsetze

und bemerkte, daß er es in einem besonders von ihm gemachten Täschchen

in dem Bund seiner Beinkleider verwahre. In einer Nacht stand sie auf,

zog es hervor und öffnete es: da flog eine schwarze sumsende Fliege

heraus und nahm ihren Weg durch das Fenster hin. Sie machte den Deckel

wieder darauf und steckte es an seinen Ort, unbesorgt, wie es ablaufen

würde. Allein von Stund an verwandelte sich all das vorige Glück in

das empfindlichste Unglück. Die Pferde fielen um oder wurden gestolen.

Das Korn auf dem Boden verdarb, das Haus brannte zu dreienmalen ab und

der eingesammelte Reichthum verschwand zusehends. Der Mann gerieth in

Schulden und ward ganz arm, so daß er in Verzweiflung erst seine Frau

mit einem Messer tödtete, dann sich selbst eine Kugel durch den Kopf

schoß.

85.

Das Vogelnest.

+Michaeler+ Vorrede zum Iwein. Wien 1786. S. 54.

+Simplicissimus+ Springinsfeld ~cap.~ 23.

Noch jetzt herrscht in mehrern Gegenden der Glaube, daß es gewisse

Vogelnester (auch Zwissel- und Zeisselnestlein genannt) gebe, die,

selbst gewöhnlich unsichtbar, jeden, der sie bei sich trägt, unsichtbar

machen. Um sie nun zu finden, muß man sie zufällig in einem Spiegel

oder Wasser erblicken. Vermuthlich hängt die Sage mit dem Namen einer

Gattung des +Zweiblatts+, ~bifoglio~, zusammen, die in fast allen

europäischen Sprachen +Vogelnest+ heißt und etwas alraunhaft zu seyn

scheint. Den näheren Verlauf ergibt der angeführte Roman des 17. J.H.

am deutlichsten, gewiß aus volksmäßiger Quelle:

Unter solchem Gespräch sah ich am Schatten oder Gegenschein eines

Baums im Wasser etwas auf der +Zwickgabel+ liegen, das ich gleichwohl

auf dem Baum selbst nicht sehen konnte, solches wies ich meinem Weib

Wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt,

darauf es lag, kletterte sie auf den Baum und holets herunter, was wir

im Wasser gesehen hatten. Ich sah ihr gar eben zu und wurde gewahr,

daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen

Schatten (Abbild) wir im Wasser erblickt, in die Hand genommen hatte;

allein ich sah noch wohl ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den

Baum wieder abkletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielt,

das sie vom Zwickast herunter genommen. Ich fragte sie: was sie für ein

Vogelnest hätte? Sie hingegen fragte mich: ob ich sie denn sähe? Ich

antwortete: “auf dem Baum selbst sehe ich dich nicht, aber wohl deine

Gestalt im Wasser.” “Es ist gut, sagte sie, wenn ich herunterkomme,

wirst du sehen, was ich habe.” Es kam mir gar verwunderlich vor, daß

ich mein Weib sollte reden hören, die ich doch nicht sah, und noch

seltsamer, daß ich ihren Schatten an der Sonne wandeln sah und sie

selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte,

so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr

außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konnte ich gar nichts

mehr von ihr merken, außer, daß ich ein kleines Geräusch vernahm,

welches sie beides mit ihrem Fußtritt und ihrer Kleidung machte,

welches mir vorkam, als ob ein Gespenst um mich her gewesen wäre;

sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand, sobald ich

dasselbige empfangen, sah ich sie wiederum, hingegen sie aber mich

nicht; solches probirten wir oft mit einander und befanden jedesmal,

daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Drauf

wickelte sie das Nestlein in ein Nasentüchel, damit der Stein, oder

das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befand und solche Wirkung

in sich hatte, nicht herausfallen sollte und etwan verloren würde, und

nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum,

wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen; das Nestnastüchel sahen wir

nicht, konnten es aber an demjenigen Ort wohl fühlen, wohin sie es

geleget hatte.

86.

Der Brutpfenning.

+Happel+ ~relat. curios. I. 522.~

Der Brutpfenning oder Heckegroschen soll auf folgende heillose Weise

erlangt werden: die sich dem Teufel verbinden wollen, gehen auf

Weihnachts-Abend, so es beginnet zu dunkeln, nach einem Scheideweg

unter dem offenbaren Himmel. Mitten auf diesem Flecken legen sie

dreißig Pfenninge oder auch Groschen, Thaler, in einem runden Ring der

Reihe nach neben einander hin und heben an, die Stücke vorwärts und

rückwärts zu zählen. Dies Zählen muß gerade geschehen in der Zeit,

wenn man zur Messe läutet. In dem Zählen nun sucht der höllische Geist

durch allerhand schreckliche Gesichter von glühenden Ofen, seltsamen

Wagen und hauptlosen Menschen irre zu machen, denn wenn der Zählende im

geringsten wankt und stolpert, wird ihm der Hals umgedreht. Wofern er

aber richtig vor- und nachgezählt, so wirft der Teufel zu den dreißig

Stücken das ein und dreißigste in gleicher Münze hin. Dieser ein und

dreißigste Pfenning hat die Eigenschaft, daß er alle und jede Nacht

einen gleichen ausbrütet.

Eine Bäuerin zu Pantschdorf bei Wittenberg, die einen solchen

Brutpfenning hatte, wurde auf diese Art als Hexe kund gemacht: sie

mußte einmal nothwendig ausgehen und hieß die Magd, die Milch von der

gemelkten Kuh (eh sie die andern melkte) alsbald sieden, auf weiß Brot

in einer dastehenden Schüssel gießen und in eine gewisse Kiste setzen,

welche sie ihr zeigte. Die Dienstmagd vergaß das entweder oder dachte,

es wäre gleichviel, ob sie die Milch vor oder nach dem Melken der

anderen Kühe aufkochte, und that also erst ihre ganze Arbeit. Nachher

nahm sie die siedende Milch vom Feuer und in der einen Hand den Topf

haltend, mit der andern im Begriff, die bezeichnete Kiste zu öffnen,

sah sie in dieser ein pechschwarz Kalb sitzen, das den Mund aufsperrte.

Vor Schrecken goß sie die gesottene Milch in seinen Rachen und in

selbem Augenblick floh das Kalb davon und steckte das ganze Haus in

Brand. Die Frau wurde eingezogen und bekannte; ihren Brutpfenning haben

die Bauern noch lange Zeit in der gemeinen Cassa aufbewahret.

87.

Wechselkind mit Ruthen gestrichen.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 365. 366.

Im Jahr 1580. hat sich folgende wahrhaftige Geschichte begeben: nahe

bei Breslau wohnet ein nahmhaftiger Edelmann, der hat im Sommer viel

Heu und Grummet aufzumachen, dazu ihm seine Unterthanen fröhnen müssen.

Unter diesen ward auch berufen eine Kindbetterin, so kaum acht Tage im

Kindbett gelegen. Wie sie nun siehet, daß es der Junker haben wollte

und sie sich nicht weigern kann, nimmt sie ihr Kind mit ihr hinaus,

legt es auf ein Häuflein Gras, geht von ihm und wartet dem Heumachen

ab. Als sie ein gute Weile gearbeitet, und ihr Kindlein zu säugen

gehet, siehet sie es an, schreiet heftig und schlägt die Hände überm

Kopf zusammen, und klaget männiglich, dies sey nicht ihr Kind, weil es

geizig ihr die Milch entziehe und so unmenschlich heule, das sie an

ihrem Kinde nicht gewohnt sey. Wie dem allen, so behielt sie es etlich

Tag über, das hielt sich so ungebührlich, daß die gute Frau gar nahe zu

Grund gerichtet wäre. Solches klaget sie dem Junker, der sagt zu ihr:

“Frau, wenn es euch bedünket, daß dies nicht euer Kind, so thut eins

und tragt es auf die Wiese, da ihr das vorige Kind hingeleget habt, und

streichet es mit der Ruthe heftig, so werdet ihr Wunder sehen.”

Die Frau folget dem Junker, ging hinaus und strich das Wechselkind

mit der Ruthe, daß es sehr geschrien hat; da brachte der Teufel ihr

gestolen Kind und sprach: “da hasts!” und mit dem nahm er sein Kind

hinweg.

Diese Geschicht ist lautbar und beiden Jung und Alten in derselbigen

Gegend um und in Breslau landkündig.

88.

Das Schauen auf die Kinder.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 124.

Ein glaubwürdiger Bürger aus Leipzig erzählte: als sein erstes

Kind schon etliche Wochen alt gewesen, habe man es zu drei

unterschiedlichen Nächten in der Wiege aufgedeckt und in der Quer

liegend gefunden, da doch die Wiege hart vor dem Wochenbette der

Mutter gestanden. Der Vater nahm sich also vor, in der vierten Nacht

aufzubleiben und auf sein Kind gute Acht zu haben. Er harrte eine

lange Weile und wachte stetig bis nach Mitternacht, da war dem Kinde

noch nichts begegnet, deswegen, weil er +es selber betrachtet und

angeschauet hatte+. Aber indem fielen ihm die Augen ein wenig zu und

als die Mutter kurz darauf erwachte und sich umsah, war das Kind wieder

in die Quer gezogen und das Deckbett von der Wiege mitten über ihr Bett

geworfen, da sie es sonsten nur immer aufzuschlagen und zu Füßen des

Kinds in der Wiege zu legen pflegen, nach allgemeinem Gebrauche. Denke

einer in so geschwinder Eile, daß sich alle verwundern mußten. Aber

weiter hatte das Ungethüm keine Macht zum Kinde gehabt.

89.

Die Roggen-Muhme.

+Tharsander (G.W. Wegner)+ Schauplatz I. 433. 434.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 125. 126.

In der Mark Brandenburg geht unter den Landleuten eine Sage von

der Roggen-Muhme, die im Kornfeld stecke, weshalb die Kinder sich

hineinzugehen fürchten.

Im Jahr 1662 erzählte auch die saalfelder Frau dem Prätorius: ein

dortiger Edelmann habe eine Sechswöchnerin von seinen Unterthanen

gezwungen, zur Erntezeit Garben zu binden. Die Frau nahm ihr junges,

säugendes Kindlein mit auf den Acker und legte es, um die Arbeit zu

fördern, zu Boden. Ueber eine Weile sah der Edelmann, welcher zugegen

war, ein Erdweib mit einem Kinde kommen und es um das der Bäuerin

tauschen. Dieses falsche Kind hob an zu schreien, die Bäuerin eilte

herzu, es zu stillen, aber der Edelmann wehrte ihr und hieß sie

zurückbleiben, er wolle ihr schon sagen, wanns Zeit wäre. Die Frau

meinte, er thäte so der fleißigeren Arbeit wegen und fügte sich mit

großem Kummer. Das Kind schrie unterdessen unaufhörlich fort, da kam

die +Roggen-Mutter+ von neuem, nahm das weinende Kind zu sich und

legte das gestohlene wieder hin. Nachdem alles das der Edelmann mit

angesehen, rief er der Bäuerin und hieß sie nach Hause gehen. Seit der

Zeit nahm er sich vor, nun und nimmermehr eine Kindbetterin zu Diensten

zu zwingen.

90.

Die zwei unterirdischen Weiber.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 123. 124.

Folgende Begebenheit hat Prätorius von einem Studenten erfahren, dessen

Mutter gesagt hatte, sie sey zu Dessau geschehen.

Nachdem eine Frau ein Kind zur Welt gebracht, hat sie es bei sich

gelegt und ist noch vor dessen Taufe in einen tiefen Schlaf verfallen.

Zur Mitternacht sind zwei +unterirdische Weiber+ gekommen, haben Feuer

auf dem Hausheerde gemacht, einen Kessel voll Wasser übergesetzet, ihr

mitgebrachtes Kind darin gebadet und abgewaschen, solches hernach in

die Stube getragen und mit dem andern schlafenden Kind ausgetauschet.

Hierauf sind sie damit weggegangen, bei dem nächsten Berg aber um das

Kind in Streit gerathen, darüber es eine der andern zugeworfen und

gleichsam damit geballet haben, bis das Kind darüber geschrien und

die Magd im Hause erwachet. Als sie der Frauen Kind angeblickt und

die Verwechselung gemerkt, ist sie vors Haus gelaufen und hat die

Weiber noch also mit dem gestohlenen Kind handthieren gefunden, darauf

sie hinzugetreten und hat mit gefangen, sobald sie aber das Kind in

ihre Arme bekommen, ist sie eilends nach Haus gelaufen und hat die

Wechselbutte vor die Thür geleget, welche darauf die Bergfrauen wieder

zu sich genommen.

91.

König Grünewald.

Hess. Denkwürdigk. IV. 2, 295-297. vom Prof. +Schwarz+ aus der Sage

alter Leute aufgenommen.

Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor Alters ein König und

stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine einzige Tochter, auf

die er gar viel hielt und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal

sein Feind, ein König, der hieß +Grünewald+ und belagerte ihn in

seinem Schlosse, und als die Belagerung lange dauerte, so sprach dem

König im Schlosse seine Tochter immer noch Muth ein. Das währte bis

zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das

feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr

angst und bang, denn sie wußte, daß alles verloren war und sagte ihrem

Vater:

Vater gebt euch gefangen,

der grüne Wald kommt gegangen!

Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie

ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu

mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie

ihren eigenen Vater, packte ihn drauf sammt ihren besten Schätzen und

zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fortgegangen

waren, sprach die Königstochter: “hier +wollemer+ ruhen!” Daher hat ein

Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom Christenberg,

in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse hin ins Gebirg,

bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die Königstochter:

“+hier hat’s Feld!+” und da blieben sie und bauten ein Schloß und

nannten es Hatsfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen Tag die

Ueberbleibsel und die Stadt dabei hat auch von der Burg den Namen.

(Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg, gegen vier Stunden vom

Christenberge westlich).

92.

Blümelis-Alp.

+Scheuchzer+ Naturgesch. der Schweiz. Zürich 1746. II. 83.

+Wyß+ Volkssagen. Bern 1815. aus mündl. Ueberlieferung.

Mehr als eine Gegend der Schweiz erzählt die Sage von einer jetzt in

Eis und Felstrümmern überschütteten, vor alten Zeiten aber beblümten,

herrlichen und fruchtbaren Alpe. Zumal im Berner Oberland wird sie von

den Klariden (einem Gebirg) berichtet:

Ehmals war hier die Alpweide reichlich und herrlich, das Vieh gedieh

über alle Maaßen, jede Kuh wurde des Tages dreimal gemolken und

jedesmal gab sie zwei Eimer Milch, den Eimer von dritthalb Maas.

Dazumal lebte am Berg ein reicher, wohlhabender Hirte, und hob an,

stolz zu werden und die alte einfache Sitte des Lands zu verhöhnen.

Seine Hütte ließ er sich stattlicher einrichten und buhlte mit

Cathrine, einer schönen Magd, und im Uebermuth baute er eine Treppe ins

Haus aus seinen Käsen und die Käse legte er aus mit Butter und wusch

die Tritte sauber mit Milch. Ueber diese Treppe gingen Cathrine, seine

Liebste, und Brändel, seine Kuh, und Rhyn, sein Hund, aus und ein.

Seine fromme Mutter wußte aber nichts von dem Frevel und eines

Sonntags im Sommer wollte sie die Senne ihres Sohns besuchen. Vom Weg

ermüdet ruhte sie oben aus und bat um einen Labetrunk. Da verleitete

den Hirten die Dirne, daß er ein Milchfaß nahm, saure Milch hineinthat

und Sand darauf streute, das reichte er seiner Mutter. Die Mutter aber,

erstaunt über die ruchlose That, ging rasch den Berg hinab und unten

wandte sie sich, stand still und verfluchte die Gottlosen, daß sie Gott

strafen mögte.

Plötzlich erhob sich ein Sturm und ein Gewitter verheerte die

gesegneten Fluren. Senne und Hütte wurden verschüttet, Menschen und

Thiere verdarben. Des Hirten Geist, sammt seinem Hausgesinde, sind

verdammt, so lange, bis sie wieder erlöst worden, auf dem Gebirg

umzugehen, “ich und min Hund Rhyn, und mi Chuh Brandli und mine

Kathry, müssen ewig uf Klaride syn!” Die Erlösung hangt aber daran,

daß ein Senner auf Charfreitag die Kuh, deren Euter Dornen umgeben,

stillschweigend ausmelke. Weil aber die Kuh, der stechenden Dörner

wegen, wild ist und nicht still hält, so ist das eine schwere Sache.

Einmal hatte einer schon den halben Eimer vollgemolken, als ihm

plötzlich ein Mann auf die Schulter klopfte und fragte: “schäumts auch

wacker?” Der Melker aber vergaß sich und antwortete: “o ja!” da war

alles vorbei und Brändlein, die Kuh, verschwand aus seinen Augen.

93.

Die Lilie.

+Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 14. u. 15.

Im Land zu H. war ein Edelmann, A. v. Th. genannt, der konnte

Köpfe abhauen und wieder aufsetzen. Er hatte bei sich beschlossen,

hinfort des teuflischen, gefährlichen Dings müßig zu gehen, eh er

einmal darüber in ein Unglück geriethe, wie dann doch geschahe. Bei

einer Gasterei ließ er sich von guten Gesellen überreden, diese

Ergötzlichkeit ihnen noch einmal zu guter Letzt zu zeigen. Nur wollte,

wie leicht zu erachten, niemand gern seinen Kopf dazu leihen; letztlich

ließ sich der Haus-Knecht dazu brauchen, doch mit dem gewissen Geding,

daß ihm sein Kopf wieder fest gemacht würde. Nun hieb ihm der Edelmann

den Kopf ab, aber das Wieder-Aufsetzen wollte nicht gehen. Da sprach er

zu den Gästen: “es ist einer unter euch, der mich verhindert, den will

ich vermahnt haben und gewarnt, daß er es nicht thue.” Darauf versuchte

ers abermal, konnte aber nichts ausrichten. Da vermahnte und dräute er

zum andernmal, ihn unverhindert zu lassen. Da das auch nicht half und

er beim drittenmal den Kopf nicht wieder aufsetzen konnte, ließ er auf

dem Tisch eine Lilie wachsen, der hieb er das Haupt und die Blume oben

ab. Alsbald fiel einer von den Gästen hinter sich von der Bank und war

ihm der Kopf ab. Nun setzte er dem Haus-Knecht den seinen wieder auf

und flohe aus dem Lande, bis die Sache vertragen ward und er Verzeihung

erhielt.

94.

Johann von Passau.

+Luther’s+ Tisch-Reden. 105.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 357. 358.

Wendunmuth. V. 312. Nr. 256.

Doctor Martinus Luther erzählt: ein Edelmann hatte ein schön jung Weib

gehabt, die war ihm gestorben, und auch begraben worden. Nicht lange

darnach, da liegt der Herr und der Knecht in einer Kammer beieinander,

da kommt des Nachts die verstorbene Frau und lehnet sich über des

Herren Bette, gleich als redete sie mit ihm. Da nun der Knecht sah,

daß solches zweimal nach einander geschah, fraget er den Junkherrn,

was es doch sey, daß alle Nacht ein Weibsbild in weißen Kleidern vor

sein Bett komme, da saget er nein, er schlafe die ganze Nacht aus, und

sehe nichts. Als es nun wieder Nacht ward, gibt der Junker auch acht

drauf und wachet im Bette, da kömmt die Frau wieder vor das Bett, der

Junker fraget: wer sie sey und was sie wolle? Sie antwortet: sie sey

seine Hausfrau. Er spricht: “bist du doch gestorben und begraben!”

Da antwortet sie: “ja, ich habe deines Fluchens halben und um deiner

Sünden willen sterben müssen, willst du mich aber wieder zu dir haben,

so will ich wieder deine Hausfrau werden.” Er spricht: “ja, wenns nur

seyn könnte;” aber sie bedingt aus und vermahnet ihn, er müsse nicht

fluchen, wie er denn einen sonderlichen Fluch an ihm gehabt hatte, denn

sonst würde sie bald wieder sterben; dieses sagt ihr der Mann zu, da

blieb die verstorbene Frau bei ihm, regierte im Haus, schlief bei ihm,

aß und trank mit ihm und zeugete Kinder.

Deutsche Sagen · 第 9 / 26 段