Hütchen erschien an dem Hofe des Bischof gar oft und hat ihn,

ungefragt, vor mancherlei Gefahr gewarnt. Großen Herrn offenbarte es

die Zukunft. Bisweilen zeigte es sich, wenn es sprach, bisweilen redete

es unsichtbar. Es hatte den großen Hut aber immer so tief in den Kopf

gedrückt, daß man niemals sein Gesicht sehen konnte. Die Wächter der

Stadt hat es fleißig in Acht genommen, daß sie nicht schliefen, sondern

hurtig wachen mußten. Niemand fügte es etwas Leid zu, es wäre denn

am ersten beschimpft worden; wer seiner aber spottete, dem vergaß es

solches nicht, sondern bewies ihm wiederum einen Schimpf. Gemeinlich

ging es den Köchen und Köchinnen zur Hand, schwatzte auch vielmal mit

ihnen in der Küche. Eine Mulde im Keller war seine Schlafstätte und es

hatte ein Loch, wo es in die Erde gekrochen ist. Als man nun seiner gar

gewohnt worden und sich niemand weiter vor ihm gefürchtet hat, begann

ein Küchenjunge es zu spotten und höhnen, mit Lästerworten zu hudeln

und so oft er nur vermogte, mit Dreck aus der Küche auf es loszuwerfen

oder es mit Spül-Wasser zu begießen. Das verdroß Hütchen sehr, weshalb

es den Küchenmeister bat, den Jungen abzustrafen, damit er solche

Büberei unterwegen ließe, oder er selbst müßte die Schmach an ihm

rächen. Der Küchenmeister lachte ihn aus und sprach: “bist du ein Geist

und fürchtest dich vor dem kleinen Knaben!” Darauf antwortete Hütchen:

“weil du auf meine Bitten den Buben nicht abstrafen willst, will ich

nach wenig Tagen dir zeigen, wie ich mich vor ihm fürchte;” und ging

damit im Zorn weg. Nicht lange darauf saß der Junge nach dem Abendessen

allein in der Küche und war vor Müdigkeit eingeschlafen; da kam der

Geist, erwürgte ihn und zerhackte ihn in kleine Stücke. Dann warf er

selbige vollends in einen großen Kessel und setzte ihn ans Feuer.

Als der Küchenmeister kam und in dem Kessel Menschen-Glieder kochen

sah, auch aus den übrigen Umständen merkte, daß der Geist ein fremdes

Gericht zurichten wolle, fing er an, ihn greulich zu schelten und zu

fluchen. Hütchen, darüber noch heftiger erbittert, kam und zerdrückte

über alle Braten, die für den Bischof und dessen Hofleute am Spieße

zum Feuer gebracht waren, abscheuliche Kröten, also daß sie von Gift

und Blut träufelten. Und weil ihn der Koch deßwegen wiederum schmähete

und schändete, stieß er ihn, als er einstens aus dem Thore gehen

wollte, von der Brücke, die ziemlich hoch war, in den Graben. Weil

man auch in Sorgen stand, er mögte des Bischofs Hof und andere Häuser

anzünden, mußten alle Hüter auf den Mauern, sowohl der Stadt, als des

Schlosses, fleißig wachen. Aus dieser und andern Ursachen suchte der

Bischof Bernhard seiner los zu werden und zwang ihn endlich auch durch

Beschwörung, zu weichen.

Sonst beging der Geist noch unterschiedliche, abentheuerliche Streiche,

welche doch selten jemand schadeten. In Hildesheim war ein Mann, der

ein leichtfertiges Weib hatte, als er nun verreisen wollte, sprach er

zu Hütchen: “mein guter Gesell, gib ein wenig Achtung auf mein Weib,

dieweil ich aus bin, und siehe zu, daß alles recht zugeht.” Hütchen

that es und wie das Weib, nach der Abreise des Mannes, ihre Buhler

kommen ließ und sich mit ihnen lustig machen wollte, stellte sich der

Geist allzeit ins Mittel, verjagte sie durch Schreckgestalten oder wenn

einer sich ins Bett gelegt, warf er unsichtbarer Weise ihn so unsauber

heraus, daß ihm die Rippen krachten. So ging es einem nach dem andern,

wie sie das leichtfertige Weib in die Kammer führte, so daß keiner ihr

nahen durfte. Endlich, als der Mann wieder nach Hause kam, lief ihm der

ehrbare Hüter voller Freuden entgegen und sprach: “deine Wiederkunft

ist mir trefflich lieb, damit ich der Unruhe und Mühe, die du mir

aufgeladen hast, einmal abkomme.” Der Mann fragte: “wer bist du denn?”

Er antwortete: “ich bin Hütchen, dem du bei deiner Abreise dein Weib in

seine Hut anbefohlen. Dir zu gefallen habe ich sie diesmal gehütet und

vor dem Ehebruch bewahret, wiewohl mit großer und unablässiger Mühe.

Allein ich bitte, du wollest sie meiner Hut nicht mehr untergeben,

denn ich will lieber der Schweine in ganz Sachsen als eines einigen

solchen Weibes Hut auf mich nehmen und Gewährschaft vor sie leisten, so

vielerlei List und Ränke hat sie erdacht, mich zu hintergehen.”

Zu einer Zeit befand sich zu Hildesheim ein Geistlicher, welcher

sehr wenig gelernt hatte. Diesen traf die Reihe, daß er zu einer

Kirchenversammlung von der übrigen Geistlichkeit sollte verschickt

werden, aber er fürchtete sich, daß er in einer so ansehnlichen

Versammlung durch seine Unwissenheit Schimpf einlegen mögte. Hütchen

half ihm aus der Noth und gab ihm einen Ring, der von Lorbeer-Laub

und andern Dingen zusammen geflochten war und machte dadurch diesen

Gesandten dermaßen gelehrt und auf eine gewisse Zeit beredt, daß sich

auf der Kirchenversammlung jedermann über ihn verwunderte und ihn zu

den berühmtesten Rednern zählte.

Einem armen Nagelschmiede zu Hildesheim ließ Hütchen ein Stück Eisen

zurück, woraus goldene Nägel geschmiedet werden konnten und dessen

Tochter eine Rolle Spitzen, von der man immer abmessen konnte, ohne daß

sie sich verminderte.

75.

Hinzelmann.

Aus dem Buche: der vielförmige Hinzelmann oder umständliche und

merkwürdige Erzählung von einem Geist, der sich auf dem Hause

Hudemühlen und hernach zu Estrup im Lande Lüneburg unter vielfältigen

Gestalten und verwunderlicher Veränderung -- sehen lassen. 379 S. in

12. Von dem Pfarrer +Feldmann+ zu Eickelohe zuerst abgefaßt.

Auf dem alten Schlosse Hudemühlen, das im Lüneburgischen nicht weit

von der Aller liegt und von dem nur noch Mauern stehen, hat sich lange

Zeit ein wunderlicher Haus-Geist aufgehalten. Zuerst ließ er sich

im Jahr 1584 hören, indem er durch bloßes Poltern und Lärmen sich zu

erkennen gab. Darnach fing er an bei hellem Tag mit dem Gesinde zu

reden, welches sich vor der Stimme, die sich hören ließ, ohne daß

jemand zu sehen war, erschreckte, nach und nach aber daran gewöhnte und

nicht mehr darauf achtete. Endlich ward er ganz muthig und hub an vor

dem Haus-Herrn selbst zu reden und führte Mittags und Abends während

der Mahlzeit mit den Anwesenden, fremden und einheimischen, allerhand

Gespräche. Als sich nun die Furcht verlor, ward er gar freundlich

und zutraulich, sang, lachte und trieb allerlei Kurzweil so lang ihn

niemand bös machte; dabei war seine Stimme zart, wie die eines Knaben

oder einer Jungfrau. Als er gefragt wurde, woher er sey und was er

an diesem Ort zu schaffen habe, sagte er, daß er aus dem böhmischen

Gebürg gekommen wäre und im Böhmer-Walde seine Gesellschaft hätte, die

wolle ihn nicht leiden; daher sey er nun gezwungen, sich so lang zu

entfernen und bei guten Leuten Zuflucht zu suchen, bis seine Sachen

wieder besser ständen. Sein Name sey +Hinzelmann+, doch werde er auch

+Lüring+ genannt; er habe eine Frau, die heiße +Hille Bingels+. Wann

die Zeit gekommen, wolle er sich in seiner wahren Gestalt sehen lassen,

jetzt aber wäre es ihm nicht gelegen. Uebrigens wäre er ein guter und

ehrlicher Geselle, wie einer.

Der Haus-Herr, als er sah, daß sich der Geist je mehr und mehr zu

ihm that, empfand ein Grauen und wußte nicht, wie er ihn los werden

sollte. Auf Anrathen seiner Freunde entschloß er sich endlich, sein

Schloß auf eine Zeit zu verlassen und nach Hannover zu ziehen. Auf dem

Weg bemerkte man eine weiße Feder, die neben dem Wagen herflog, wußte

aber nicht, was sie zu bedeuten habe. Als der Edelmann zu Hannover

angelangt war, vermißte er eine goldene Kette von Werth, die er um den

Hals getragen hatte, und warf Verdacht auf das Gesinde des Haus-Wirths;

dieser aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Genugthuung für

die ehrenrührige Anklage. Der Edelmann, der nichts beweisen konnte,

saß unmuthig in seinem Zimmer und überlegte, wie er sich aus diesem

verdrießlichen Handel ziehen könnte, als er auf einmal neben sich

Hinzelmanns Stimme hörte, der zu ihm sprach: “warum bist du so traurig?

ist dir etwas widerwärtiges begegnet, so entdecke mir’s, ich weiß dir

vielleicht Hülfe. Soll ich auf etwas rathen, so sage ich, du bist wegen

einer verlorenen Kette verdrießlich.” “Was machst du hier? antwortete

der erschrockene Edelmann, warum bist du mir gefolgt? weißt du von

der Kette?” Hinzelmann sagte: “freilich bin ich dir gefolgt und habe

dir auf der Reise Gesellschaft geleistet und war allzeit gegenwärtig.

Hast du mich nicht gesehen? ich war die weiße Feder, die neben deinem

Wagen flog. Wo die Kette ist, will ich dir sagen: such nur unter dem

Haupt-Kissen in deinem Bett, da wird sie liegen.” Als sie sich da

gefunden hatte, ward dem Edelmann der Geist noch ängstlicher und

lästiger und er redete ihn heftig an, warum er ihn durch die Kette mit

dem Hauswirth in Streit gebracht, da er doch seinetwegen schon die

Heimath verlassen. Hinzelmann antwortete: “was weichst du vor mir?

ich kann dir ja allenthalben leichtlich folgen und seyn, wo du bist!

Es ist besser, daß du in dein Eigenthum zurückkehrst und meinetwegen

nicht daraus entweichst. Du siehst wohl, wenn ich wollte, könnte ich

das deinige all hinwegnehmen, aber darauf steht mein Sinn nicht.” Der

Edelmann besann sich darauf und faßte den Entschluß zurückzugehen und

dem Geist, im Vertrauen auf Gott, keinen Fuß breit zu weichen.

Zu Hudemühlen zeigte sich Hinzelmann nun gar zuthätig und fleißig in

allerhand Arbeit. In der Küche handthierte er Nachts und wenn die

Köchin Abends nach der Mahlzeit Schüssel und Teller unabgewaschen

durch einander in einen Haufen hinsetzte, so waren sie Morgens wohl

gesäubert, glänzend wie Spiegel, in guter Ordnung hingestellt. Daher

sie sich auf ihn verlassen und gleich Abends nach der Mahlzeit ohne

Sorgen zu Ruhe legen konnte. Auch verlor sich niemals etwas in der

Küche, oder war ja etwas verlegt, so wußte es Hinzelmann gleich in der

verborgnen Ecke, wo es steckte, wieder zu finden und gab es seinem

Herrn in die Hände. Hatte man fremde Gäste zu erwarten, so ließ sich

der Geist sonderlich hören und sein Arbeiten dauerte die ganze Nacht:

da scheuerte er die Kessel, wusch die Schüsseln, säuberte Eimer

und Zuber. Die Köchin war ihm dafür dankbar, that nicht nur, was

er begehrte, sondern bereitete ihm freiwillig seine süße Milch zum

Frühstück. Auch übernahm der Geist die Aufsicht über die andern Knechte

und Mägde, gab Achtung, was ihre Verrichtung war, und bei der Arbeit

ermahnte er sie mit guten Worten fleißig zu seyn. Wenn sich aber jemand

daran nicht kehrte, ergriff er auch wohl den Stock und gab ihm damit

die Lehre. Die Mägde warnte er oft vor dem Unwillen ihrer Frau und

erinnerte sie an irgend eine Arbeit, die sie nun anfangen sollten. Eben

so geschäfftig zeigte sich der Geist auch im Stalle: er wartete der

Pferde, striegelte sie fleißig, daß sie glatt anzusehen waren wie ein

Aal, auch nahmen sie sichtbarlich zu, wie in keiner Zeit, also daß sich

jedermann darüber verwunderte.

Seine Kammer war im obersten Stockwerk zur rechten Seite und sein

Hausgeräthe bestand aus drei Stücken. Erstlich aus einem Sessel oder

Lehnstuhl, den er selbst von Stroh in allerhand Farben gar kunstreich

geflochten, voll zierlicher Figuren und Kreuze, die nicht ohne

Verwunderung anzusehen waren. Zweitens aus einem kleinen runden Tisch,

der auf sein vielfältiges Bitten verfertigt und dahin gesetzt war.

Drittens aus einer zubereiteten Bettstatt, die er gleichfalls verlangt

hatte. Man hat nie ein Merkmal gefunden, daß ein Mensch darin geruht,

nur fand man ein kleines Grüblein, als ob eine Katze da gelegen. Auch

mußte ihm das Gesinde, besonders die Köchin, täglich eine Schüssel voll

süßer Milch mit Brocken von Weißbrot zubereiten und auf sein Tischlein

stellen, welche hernach rein ausgegessen war. Zuweilen fand er sich an

der Tafel des Hausherrn ein, wo ihm an einer besonderen Stelle Stuhl

und Teller gesetzt werden mußte. Wer vorlegte, gab ihm die Speise auf

seinen Teller und ward das vergessen, so gerieth der Haus-Geist in

Zorn. Das vorgelegte verschwand und ein gefülltes Glas Wein war eine

Weile weg und wurde dann leer wieder an seine Stelle gesetzt. Doch

fand man die Speisen hernach unter den Bänken oder in einem Winkel des

Zimmers liegen.

In der Gesellschaft junger Leute war Hinzelmann lustig, sang und machte

Reime, einer der gewöhnlichsten war:

Ortgieß läßt du mick hier gan,

Glücke sallst du han;

Wultu mick aver verdrieven

Unglück warst du kriegen.

wiewohl er auch die Lieder und Sprüche anderer wiederholte zur Kurzweil

oder um sie damit aufzuziehen. Als der Pfarrer Feldmann einmal auf

Hudemühlen zu Gast geladen war und vor die Thüre kam, hörte er oben

im Saal jemand singen, jauchzen und viel Wesens treiben, weshalb er

dachte, es wären Abends vorher Fremde angekommen, die oben ihre Zimmer

hätten und sich also lustig bezeigten. Er sagte darum zu dem Hofmeier,

der auf dem Platz stand und Holz gehackt hatte: “Johann, was habt

ihr droben vor Gäste?” Der Hofmeier antwortete: “niemand fremdes,

es ist unser Hinzelmann, der sich so lustig stellt, es wird sonst

kein lebendiger Mensch im Saal seyn.” Als der Pfarrer nun in den Saal

hinaufstieg, sang ihm Hinzelmann entgegen:

“mien Duhme (Daumen), mien Duhme,

mien Ellboeg sind twey!”

Der Pfarrer verwunderte sich über diesen ungewöhnlichen Gesang und

sprach zu Hinzelmann: “was soll das für eine Musik seyn, damit du nun

aufgezogen kommst?” “Ei, antwortete der Geist, das Liedlein hab ich von

euch gelernt, denn ihr habt es oft gesungen und ich hab es noch vor

etlichen Tagen, als ihr an einem gewissen Ort zur Kindtauf waret, von

euch gehört.”

Hinzelmann neckte gern, ohne aber jemand Schaden dabei zu thun.

Knechte und Arbeits-Leute, wenn sie Abends beim Trank saßen, brachte

er in Handgemeng und sah ihnen dann mit Lust zu. Wenn ihnen der Kopf

ein wenig warm geworden war und es ließ einer etwa unter den Tisch

etwas fallen und bückte sich darnach, so gab er ihm rückwärts eine

gute Ohrfeige, seinen Nachbar aber zwickte er ins Bein. Da geriethen

die beiden an einander, erst mit Worten, dann mit Werken und nun

mischten sich die andern hinein, so daß jeder seine Schläge austheilte

und erhielt und am andern Morgen die blauen Augen und geschwollenen

Gesichter als Wahrzeichen überall zu sehen waren. Daran ergötzte sich

Hinzelmann von Herzen und erzählte hernach, wie er es angefangen,

um sie hintereinander zu bringen. Doch wußte er es immer so zu

stellen, daß niemand am Leben oder an der Gesundheit Schaden litt.

Auf dem fürstlichen Schlosse zu Ahlden wohnte zu der Zeit Otto Aschen

von Mandelslohe, Drost und braunschweigischer Rath; diesem spielte

Hinzelmann auch zuweilen einen Possen. Als einmal Gäste bei ihm waren,

stiftete er einen Zank, so daß sie zornig auffuhren und nach ihren

Degen greifen wollten. Keiner aber konnte den seinigen finden und

sie mußten es bei ein paar Quer-Hieben mit der dicken Faust bewenden

lassen. Dieses Streichs hat sich Hinzelmann gar sehr gefreut und mit

vielem Lachen erzählt, daß er Urheber des Zanks gewesen, vorher aber

alles tödliche Gewehr versteckt und bei Seite gebracht. Er habe dann

zugeschaut, wie ihm sein Anschlag so wohl gelungen wäre, daß sie sich

weidlich herum geschmissen.

Zu einer Zeit war ein Edelmann zu Hudemühlen eingetroffen, welcher sich

erbot, den Haus-Geist auszutreiben. Als er ihn nun in einem Gemach

merkte, dessen Thüren und Fenster überall fest geschlossen waren, ließ

er erst diese Kammer, so wie das ganze Haus, mit bewaffneten Leuten

besetzen und ging darauf selbst, von einigen begleitet, mit gezogenem

Degen hinein. Sie sahen nichts, fingen aber an links und rechts nach

allen Seiten zu hauen und zu stechen in der Meinung, den Hinzelmann,

wo er nur einen Leib habe, damit gewißlich zu erreichen und zu tödten;

indessen fühlten sie nicht, daß ihre Klingen etwas anders, als die

leere Luft durchschnitten. Wie sie glaubten, ihre Arbeit vollbracht

zu haben und müd von dem vielen Fechten hinausgehen wollten, sahen

sie, als sie die Thüre des Gemachs öffneten, eine Gestalt gleich einem

schwarzen Marder hinausspringen und hörten die Worte: “ei! ei! wie

fein habt ihr mich doch ertappt!” Hernach hat sich Hinzelmann über

diese Beleidigung bitterlich beschwert und gesagt: er würde leicht

Gelegenheit haben sich zu rächen, wenn er nicht den beiden Fräulein im

Hause Verdruß ersparen wollte. Als dieser Edelmann nicht lang darauf

in eine leere Kammer des Hauses ging, erblickte er auf einer wüsten

Bettstatt eine zusammengeringelte große Schlange liegen, die sogleich

verschwand, aber er hörte die Worte des Geistes: “bald hättest du mich

erwischt!”

Ein anderer Edelmann hatte viel von Hinzelmann erzählen gehört und war

begierig, selbst etwas von ihm zu erfahren. Als er nun nach Hudemühlen

kam, ward sein Wunsch erfüllt und der Geist ließ sich in dem Zimmer

aus einem Winkel bei einem großen Schrank hören, wo etliche leere

Wein-Krüge mit langen Hälsen hingesetzt waren. Weil nun die Stimme

zart und fein war und ein wenig heiser, gleich als spräche sie aus

einem hohlen Gefäße, so meinte der Edelmann, er sitze vielleicht in

einem dieser Krüge, lief hinzu, faßte sie und wollte sie zustopfen,

um auf diese Weise den Geist zu erhaschen. Als er damit umging, fing

Hinzelmann an überlaut zu lachen und sprach: “hätte ich nicht vorlängst

von andern Leuten gehört, daß du ein Narr wärst, so könnte ichs nun

selbst mit ansehen, weil du meinst, ich säße in den leeren Krügen und

deckst sie mit der Hand zu, als hättest du mich gefangen. Ich achte

dich nicht der Mühe werth, sonst wollt ich dich schon witzigen, daß du

eine Zeit lang meiner gedenken solltest. Aber ein wenig gebadet wirst

du doch bald werden.” Damit schwieg er und ließ sich nicht wieder

hören, so lange der Edelmann da war; ob dieser hernach wirklich ins

Wasser gefallen, wird nicht gemeldet, doch ists zu vermuthen.

Es kam auch ein Teufels-Banner, ihn auszujagen. Als dieser mit seinen

Zauber-Worten die Beschwörung anhub, war Hinzelmann zuerst still

und ließ nichts von sich hören, aber wie jener nun die kräftigsten

Sprüche gegen ihn ablesen wollte, riß er ihm das Buch aus den Händen,

zerstückelte es, daß die Blätter in dem Zimmer herum flogen, packte

den Banner dann selbst und drückte und kratzte ihn, daß er voll Angst

fortlief. Auch hierüber beklagte er sich und sprach: “ich bin ein

Christ, wie ein anderer Mensch und hoffe selig zu werden.” Als er

gefragt wurde, ob er die Kobolde und Polter-Geister kenne, antwortete

er: “was gehen mich diese an? das sind Teufels-Gespenster, zu welchen

ich nicht gehöre. Von mir hat sich niemand Böses, vielmehr alles Gute

zu versehen. Laßt mich unangefochten, so werdet ihr überall Glück

spüren: das Vieh wird gedeihen, die Güter in Aufnahme kommen und alles

wohl von Statten gehen.”

Laster und Untugenden waren ihm zuwider: einen von den Haus-Genossen

strafte er wegen seiner Kargheit oft mit harten Worten und sagte den

übrigen, daß er ihn um seines Geizes willen gar nicht leiden könnte.

Einem andern verwies er seine Hoffahrt, die er von Herzen hasse. Als

einmal zu ihm gesagt wurde, wenn er ein guter Christ seyn wolle, so

müßte er Gott anrufen und die Gebäte der Christen sprechen, fing er

an das Vater unser zu sagen und sprach es bis zur sechsten Bitte, die

Worte “erlöse uns von dem Bösen,” murmelte er nur leise. Er sagte

auch den christlichen Glauben her, aber zerrissen und stammelnd. Denn

als er zu den Worten gelangte: “ich glaube eine Vergebung der Sünden,

Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben,” brachte er sie mit

heiserer und undeutlicher Stimme hervor, also daß man ihn nicht recht

hören und verstehen konnte. Der Prediger zu Eickelohe, weiland Hr.

Marquard Feldmann, berichtet, daß sein Vater um die Zeit der Pfingsten

auf Hudemühlen zu Gast gebeten worden; da habe Hinzelmann den schönen

Gesang: “nun bitten wir den heiligen Geist” wie eine Jungfrau oder

ein junger Knabe mit sehr hoher und nicht unangenehmer Stimme bis

ganz zu Ende gesungen. Ja, nicht allein diesen, sondern viele andere

geistliche Gesänge, habe er auf Verlangen angestimmt, besonders wenn

ihn diejenigen darum begrüßt, die er für seine Freunde gehalten und mit

welchen er vertraulich gewesen.

Darum ward der Geist gewaltig bös, wenn man ihn nicht ehrlich und

nicht als einen Christen behandelte. Einmal reiste ein Edelmann aus

dem Geschlecht von Mandelsloh nach Hudemühlen. Er stand wegen seiner

Gelehrsamkeit in großem Ansehen, war Domherr bei dem Stift Verden und

Gesandter bei dem Kurfürst von Brandenburg und dem Könige von Dänemark.

Als er nun von dem Haus-Geist hörte, und daß er als ein Christ wollte

angesehen seyn, sprach er, er könnte nicht glauben, daß es gut mit ihm

stehe, er müsse ihn vielmehr für den bösen Feind und den Teufel halten,

denn Menschen solcher Art und Gestalt habe Gott nicht erschaffen, die

Engel aber lobten Gott ihren Herrn und schirmten und schützten die

Menschen; damit stimme das Poltern und Toben und die abentheuerlichen

Händel des Geistes nicht überein. Hinzelmann, der während seiner

Anwesenheit sich noch nicht hatte hören lassen, machte ein Geräusch

und sprach: “was sagst du, Barthold? (also hieß der Edelmann) bin ich

der böse Feind? Ich rathe dir, sage nicht zu viel, oder ich werde dir

ein anderes zeigen und dir weisen, daß du ein andermal ein besseres

Urtheil von mir fällen sollst.” Der Herr entsetzte sich, als er,

ohne jemand zu sehen, eine Stimme sprechen hörte, brach die Rede ab

und wollte nichts mehr von ihm hören, sondern ihn in seinen Würden

lassen. Zu einer andern Zeit kam ein Edelmann, welcher bei Tisch, als

er den Stuhl und den Teller für Hinzelmann sah, ihm nicht zutrinken

wollte. Darüber beschwerte sich der Geist und sprach: “ich bin ein so

ehrlicher und guter Gesell als dieser: warum trinkt er mich vorüber?”

Darauf antwortete der Edelmann: “weiche von hinnen und trinke mit

deinen höllischen Gesellen, hier hast du nichts zu schaffen!” Als

Hinzelmann das hörte, ward er so heftig erbittert, daß er ihn bei dem

Schnall-Riemen packte, damit er nach damaliger Sitte seinen Mantel

unter dem Halse zugeschnallt hatte, nieder zur Erde zog und also

würgte und drückte, daß allen Anwesenden angst wurde, er mögte ihn

umbringen und jener, nachdem der Geist von ihm abgelassen, sich erst

nach einigen Stunden wieder erholen konnte. Wiederum reiste einmal ein

guter Freund des Hausherrn bei Hudemühlen vorbei, trug aber Bedenken

wegen des Haus-Geistes, von dessen Schalkheit ihm vieles war erzählt

worden, einzukehren und schickte seinen Diener, um zu melden, daß er

nicht einsprechen könne. Der Haus-Herr ließ ihn inständig bitten, bei

ihm die Mittags-Mahlzeit zu nehmen, aber der Fremde entschuldigte sich

höflich damit, daß er sich nicht aufhalten dürfte; doch setzte er

hinzu, es errege ihm zu großen Schrecken, mit einem Teufels-Gespenst an

einem Tisch zu sitzen, zu essen und zu trinken. Bei dieser Unterredung

draußen hatte sich Hinzelmann auch eingefunden, denn man hörte, nachdem

sich der Fremde also geweigert, die Worte: “warte, mein guter Geselle,

die Rede soll dir schon bezahlt werden!” Als nun der Reisende fortfuhr

und auf die Brücke kam, welche über die Meisse geht, stiegen die Pferde

mit den vordern Füßen in die Höhe, verwickelten sich ins Geschirr,

daß wenig fehlte, so wäre er mit Roß und Wagen ins Wasser gestürzt.

Wie alles wieder zurecht gebracht war und der Wagen einen Schuß weit

gefahren, wurde er zwischen Eickelohe und Hudemühlen auf ebener Erde in

dem Sand umgekehrt, doch ohne daß die darin Sitzenden weiteren Schaden

nahmen.

Wie Hinzelmann gern in Gesellschaft und unter Leuten war, so hielt

er sich doch am liebsten bei den Frauen auf und war mit ihnen gar

freundlich und umgänglich. Auf Hudemühlen waren zwei Fräulein, Anna

und Katharine, welchen er besonders zugethan war, ihnen klagte er sein

Leid, wenn er war erzürnt worden und führte sonst allerhand Gespräche

mit ihnen. Wenn sie über Land reisten, wollte er sie nicht verlassen

und begleitete sie in Gestalt einer weißen Feder allenthalben. Legten

sie sich Nachts schlafen, so ruhte er unten zu ihren Füßen auf dem

Deckbett und man sah am Morgen eine kleine Grube, als ob ein Hündlein

da gelegen hätte. Beide Fräulein verheiratheten sich nicht, denn

Hinzelmann schreckte alle Freier ab. Manchmal kam es so weit, daß eben

die Verlobung sollte gehalten werden, aber der Geist wußte es doch

immer wieder rückgängig zu machen. Den einen, wenn er bei dem Fräulein

seine Worte vortragen wollte, machte er ganz irre und verwirrt,

daß er nicht wußte, was er sagen wollte. Bei dem andern erregte er

solche Angst, daß er zitterte und bebte. Gemeinlich aber machte er an

die gegenüber stehende weiße Wand eine Schrift mit großen goldenen

Buchstaben ihnen vor die Augen: “nimm Jungfer Anne und laß mir Jungfer

Katharine.” Kam aber einer und wollte sich bei Fräulein Anne beliebt

machen und um sie werben, so veränderte sich auf einmal die goldene

Schrift und lautete umgekehrt: “nimm Jungfer Katharine und laß mir

Jungfer Anne.” Wenn sich jemand nicht daran kehrte und bei seinem

Vorsatz blieb, und etwa im Hause übernachtete, quälte er ihn so und

narrte ihn im Dunkeln mit Poltern, Werfen und Toben, daß er sich aller

Heiraths-Gedanken entschlug und froh war, wenn er mit heiler Haut davon

kam. Etliche hat er, wenn sie auf dem Rückweg waren, mit den Pferden

über und über geworfen, daß sie Hals und Bein zu brechen meinten und

nicht wußten, wie ihnen geschehen. Also blieben die zwei Fräulein

unverheirathet, erreichten ein hohes Alter und starben beide innerhalb

acht Tagen.

Deutsche Sagen · 第 7 / 26 段