abzulassen. Da fing ein Gespenst drinnen an und sprach:
hättestu bei dir nicht Dosten
wollt ich dir das Bier helfen kosten.
und man hört diesen Reim noch in andern Geschichten wiederkehren.
[2] ~Origanum vulg.~ Wohlgemuth.
[3] ~Marrubium vulg.~ Helfkraut, Gotteshülf.
66.
Des Nixes Beine.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 533.
Eine Wehmutter bürtig von Eschätz, eine halbe Meile von Querfurt,
erzählte: zu Mitternacht sey in Merseburg ein Weib vor ein Balbiershaus
gekommen, der nahe am Wasser gewohnet und haben dem Fenster
hineingeschrien: die Wehemutter solle doch herausgehen, welches sie
anfänglich nicht thun wollen. Endlich sey der Balbier mitgegangen,
habe ein Licht bei sich gehabt und flugs nach des befürchteten Nixes
Beinen gesehen. Darauf es sich niedergeduckt. Wie solches der Balbier
gemerkt, da hat er es greulich ausgescholten und gehen heißen, darauf
es verschwunden.
67.
Die Magd bei dem Nix.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 498. 499.
Folgendes hat sich auf einem Dorf bei Leipzig zugetragen: eine
Dienstmagd kam unter das Wasser und diente drei Jahre lang bei dem Nix.
Sie hatte es an einem guten Leben und allen Willen, ausgenommen, daß
all ihr Essen ungesalzen war. Dies nahm sie auch zur Ursache, wieder
wegzuziehen. Allein sie sagte noch weiter: “nach dieser Zeit habe ich
nicht über sieben Jahre zu leben, davon bleiben mir jetzo noch dreie.”
Sonst war sie immer traurig und simpel. Prätorius hörte die Geschichte
im Jahr 1664.
68.
Die Frau von Alvensleben.
+Tenzel+ monatl. Unterr. 1689. S. 525.
+Hammelmann+ oldenb. Chronik.
Der vielförmige Hinzelmann. S. 313-316.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. S. 95. 101-104. u. Glückstopf S. 488. aus
mündlichen Sagen und aus:
+Cyriak ~Edinus~+ poematischen Büchern, die er vom Geschlecht der
Alvensleben 1581. in 4to. herausgegeben.
Vor etlichen hundert Jahren lebte zu Calbe in dem Werder aus dem
alvenslebischen Geschlecht eine betagte, gottesfürchtige, den Leuten
gnädige und zu dienen bereitsame Edelfrau; sie stand vornämlich den
Bürgersweibern bei in schweren Kindsnöthen und wurde in solchen Fällen
von jedermänniglich begehrt und hochgeehret. Nun ereignete sich aber
folgendes: zu nächtlichen Zeiten kam eine Magd vor das Schloß, klopfte
an und rief ängstlich: sie möge ihr doch nicht zuwider seyn lassen, wo
möglich alsobald aufzustehen und mit hinaus vor die Stadt zu folgen,
wo eine schwangere Frau in Kindesnoth liege, weil die äußerste Stunde
und Gefahr da sey und ihre Frau ihrem Leibe gar keinen Rath wisse. Die
Adelfrau sprach: “es ist gleich mitten in der Nacht, alle Stadtthore
sind gesperrt, wie wollen wir hinauskommen?” Die Magd antwortete: das
Thor sey schon im voraus geöffnet, sie solle nur fortmachen, (doch sich
hüten, wie einige hinzusetzen, an dem Ort, wo sie hingeführt werden
würde, nichts zu essen noch zu trinken, auch das ihr angebotene nicht
anzurühren). Darauf stand die adliche Frau aus dem Bett, zog sich an,
kam herunter und ging mit der Magd fort, welche angeklopft hatte;
das Thor fand sie aufgethan und wie sie weiter ins Feld kamen, war
da ein schöner Gang, der mitten in einen Berg führte. Der Berg stand
aufgesperrt und ob sie wohl sah, das Ding wäre unklar, beschloß sie
doch unerschrocken weiter zu gehen, bis sie endlich vor +ein kleines
Weiblein+ gelangte, das auf dem Bette lag in großen Geburtswehen. Die
adliche Frau aber reichte ihr Hülfe (nach einigen brauchte sie nur die
Hand ihr auf den Leib zu legen) und glücklich wurde ein Kindlein zum
Tageslicht geboren. Nach geförderter Sache sehnte sie sich wieder aus
dem Berg heimzugehen, nahm von der Kindbetterin Abschied (ohne etwas
von den Speisen und Getränken, die ihr geboten waren, berührt zu haben)
und die vorige Magd gesellte sich ihr aufs neue zu und brachte sie
unverletzt nach dem Schlosse zurück. Vor dem Thorweg aber stand die
Magd still, bedankte sich höchlich in ihrer Frauen Namen und zog einen
güldenen +Ring+ vom Finger herab, den verehrte sie der adlichen Frau
mit den Worten: “nehmet dies theure Pfand wohl in acht und lasset es
nicht von euch noch von euerm Geschlecht kommen; die von Alvensleben
werden blühen, so lange sie diesen Ring besitzen, kommt er ihnen
dermaleins ab, so muß der ganze Stamm erlöschen.” Hiermit verschwand
die Magd.
Dieser Ring soll noch heutigestages richtig und eigentlich bei dem
Hause verwahrt werden und zu guter Sicherheit in Lübek hinterlegt seyn.
Andere aber behaupten, er sey bei der Theilung in zwei Linien mit Fleiß
entzwei getheilt Worden. Noch andere: die eine Hälfte sey zerschmolzen,
seitdem gehe es dem einen Stamm übel, die andere Hälfte liege bei
dem andern Stamme zu Zichtow. Auch wird erzählt: die hülfreiche Frau
war ein Ehweib, als sie drauf den folgenden Morgen ihrem Ehherrn die
Geschichte erzählt, die ihr Nachts begegnet, habe er ihrs nicht wollen
glauben, bis sie gesprochen: “ei wollt ihr mir nicht glauben, so holt
nur die Schlüssel zu jener Stube vom Tische her, darinnen wird der Ring
noch liegen.” Es befand sich so ganz richtig. Es ist ein wunderliches
um die Geschenke, die Menschen von den Geistern empfangen haben.
69.
Die Frau von Hahn und der Nix.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 100. 101.
Eine vornehme Frau von Adel aus dem Geschlechte der von Hahn wurde
einstmal durch einer Wassernixe Zofe abgerufen und genöthigt, mit
unter den Fluß zur Wehmutter zu gehen. Das Wasser theilte sich von
einander und sie geriethen auf einem lustigen Weg tief ins Erdreich
hinein, wo sie einem kleinen Weiblein in Kindesschmerzen hülfreiche
Hand leistete. Nachdem alles glücklich verrichtet und die Frau von Hahn
wegfertig war, willens nach Haus zu eilen, kam ein kleiner Wassermann
herein, langte ihr ein Geschirr voll Asche und sagte: sie solle für
ihre Mühe herausnehmen, so viel ihr beliebe. Sie aber weigerte sich und
nahm nichts; da sprach der Nix: “das heißt dich Gott sprechen, sonst
hätte ich dich wollen umbringen.” Darauf ging sie fort und wurde von
der vorigen Zofe rücklings nach Haus gebracht. Wie sie beide da waren,
zog die Magd +drei Stücke Goldes+ hervor, verehrte sie der adlichen
Frau und ermahnte: diesen Schatz wohl zu verwahren und nicht abhändig
kommen zu lassen, sonst werde ihr Haus ganz durch Armuth verderben, im
andern Fall aber Hülle und Fülle in allen Sachen haben. Drauf ging die
Zofe weg und die drei Stücke wurden unter die drei Söhne ausgetheilt;
noch heute blühen zwei Stämme des Hauses, die ihren Schatz sorgsam
aufheben; das dritte Stück hingegen soll neulich von einer Frau
verwahrlost worden seyn, drüber sie armselig in Prag verstarb und ihre
Linie eine Endschaft genommen hat.
70.
Das Streichmaß, der Ring und Becher.
~Memoires du marechal de Bassompierre († 1646.) Cologne 1666.
Vol. I. p. 4-6.~
Im Herzogthum Lothringen, als es noch lange zu Deutschland gehörte,
herrschte zwischen Nanzig und Luenstadt (~Luneville~) der letzte
Graf von Orgewiler. Er hatte keine Schwertmagen mehr und vertheilte auf
dem Todbette seine Länder unter seine drei Töchter und Schwiegersöhne.
Die älteste Tochter hatte Simons von Bestein, die mittlere Herr von
Crouy und die jüngste ein deutscher Rheingraf geheurathet. Außer den
Herrschaften theilte er noch seinen Erben drei Geschenke aus, der
ältesten Tochter einen Streichlöffel (Streichmaas), der mittleren einen
Trinkbecher und der dritten einen Kleinodring, mit der Vermahnung, daß
sie und ihre Nachkömmlinge diese Stücke sorgfältig aufheben sollten, so
würden ihre Häuser beständig glücklich seyn.
Die Sage, wie der Graf diese Stücke bekommen, erzählt der Marschall
von Bassompierre (Bassenstein), Urenkel des Simons, selbst: der Graf
war vermählt, hatte aber noch eine geheime Liebschaft mit einer
wunderbaren schönen Frau, die wöchentlich alle Mondtage in ein
Sommerhaus des Gartens zu ihm kam. Lange blieb dieser Handel seiner
Gemahlin verborgen, wann er sich entfernte, bildete er ihr ein, daß
er des Nachts im Wald auf den Anstand ginge. Aber nach ein Paar
Jahren schöpfte die Gräfin Verdacht und trachtete die rechte Wahrheit
zu erfahren. Eines Sommermorgens frühe schlich sie ihm nach und kam
in die Sommerlaube. Da sah sie ihren Gemahl schlafen in Armen eines
wunderschönen Frauenbilds, weil sie aber beide so sanfte schliefen,
wollte sie sie nicht wecken, sondern nahm ihren Schleier vom Haupt
und breitete ihn über der Schlafenden Füße. Als die schöne Buhlerin
erwachte und des Schleiers innen ward, that sie einen hellen Schrei,
hub an jämmerlich zu klagen und sagte: “hinführo, mein Liebster, sehen
wir uns nimmermehr wieder, nun muß ich hundert Meilen weit weg und
abgesondert von dir bleiben.” Damit verließ sie den Grafen, verehrte
ihm aber vorher noch obgemeldte drei Gaben für seine drei Töchter, die
möchten sie niemals abhanden kommen lassen.
Das Haus Bassenstein hatte lange Zeit durch aus der Stadt Spinal
(~Epinal~) einen Fruchtzins zu ziehen, wozu dieser Maaslöffel
(~cuilliere de la mesure~) stets gebraucht wurde.
71.
Der Kobold.
Unterredungen vom Reich der Geister I. 503.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 315-320.
+Luther’s+ Tisch-Reden S. 103.
An einigen Orten hat fast jeder Bauer, Weib, Söhne und Töchter, einen
Kobold, der allerlei Haus-Arbeit verrichtet, in der Küche Wasser
trägt, Holz haut, Bier holt, kocht, im Stall die Pferde striegelt, den
Stall mistet und dergleichen. Wo er ist, nimmt das Vieh zu und alles
gedeiht und gelingt. Noch heute sagt man sprüchwörtlich von einer Magd,
der die Arbeit recht rasch von der Hand geht: “sie hat den Kobold.” Wer
ihn aber erzürnt mag sich vorsehen.
Sie machen, eh sie in die Häuser einziehen wollen, erst eine Probe. Bei
Nachtzeit nämlich schleppen sie Säge-Späne ins Haus, in die Milchgefäße
aber bringen sie Koth von unterschiedenem Vieh. Wenn nun der Hausvater
genau achtet, daß die Späne nicht zerstreut, der Koth in den Gefäßen
gelassen und daraus die Milch genossen wird, so bleibt der Kobold im
Haus, so lange nur noch einer von den Hausbewohnern am Leben ist.
Hat die Köchin einen Kobold zu ihrem heimlichen Gehülfen angenommen,
so muß sie täglich um eine gewisse Zeit und an einem besondern Ort im
Haus ihm sein zubereitetes Schüsselchen voll gutes Essen hinsetzen und
ihren Weg wieder gehen. Thut sie das, so kann sie faullenzen, am Abend
früh zu Bette gehen und wird dennoch ihre Arbeit früh Morgens beschickt
finden. Vergißt sie das einmal, so muß sie in Zukunft nicht nur ihre
Arbeit selbst wieder thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche
Hand, indem sie sich im heißen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr
zerbricht, das Essen umschüttet, also daß sie von ihrer Herrschaft
nothwendig ausgescholten wird. Darüber hat man den Kobold öfters
lachen und kichern gehört.
Verändert sich auch das Gesinde, so bleibt er doch, ja die abziehende
Magd muß ihn ihrer Nachfolgerin anempfehlen, damit diese sein auch
warte. Will diese nicht, so hat sie beständiges Unglück, bis sie wieder
abgeht.
Man glaubt, sie seyen rechte Menschen, in Gestalt kleiner Kinder, mit
einem bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, daß sie theils Messer im
Rücken hätten, theils noch anders und gar gräulich gestaltet wären,
je nachdem sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vorzeiten
umgebracht wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im
Hause Ermordeten.
Zuweilen ist die Magd lüstern, ihr Knechtchen, +Kurd Chimgen+ oder
+Heinzchen+, wie sie den Kobold nennen, zu sehen und wenn sie nicht
nachläßt, nennt der Geist den Ort, wo sie ihn sehen solle, heißt sie
aber zugleich einen Eimer kalt Wasser mitbringen. Da begibt sichs
dann, daß sie ihn etwa auf dem Boden auf einem Kißchen nackt liegen
sieht, und ein großes Schlacht-Messer ihm im Rücken steckt. Manche ist
so sehr erschrocken, daß sie ohnmächtig niedergefallen, worauf der
Kobold alsbald aufsprang und sie mit dem kalten Wasser über und über
begoß, damit sie wieder zu sich selbst kam. Darnach ist ihr die Lust
vergangen, den Kobold zu sehen.
72.
Der Bauer mit seinem Kobold.
+Tenzel+ monatl. Unterred. Jan. 1689. S. 145.
Ein Bauer war seines Kobolds ganz überdrüssig geworden, weil er
allerlei Unfug anrichtete, doch mogte er es anfangen, wie er immer
wollte, so konnte er ihn nicht wieder los werden. Zuletzt ward er
Raths, die Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte und ihn
zu verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei
dem letzten Karrn zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wohl
versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich der
Bauer von ungefähr um, siehe, da saß der Kobold hinten auf dem Karrn
und sprach: “es war Zeit, daß wir herauskamen! es war Zeit, daß wir
herauskamen!” Mußte also wieder umkehren und den Kobold behalten.
73.
Der Kobold in der Mühle.
+Valvassor+ Ehre von Crain B. 3. Cap. 28. I. 420-421.
Aus mündlicher Erzählung.
Es machten einmal zwei Studenten von Rinteln eine Fußreise. Sie
gedachten in einem Dorfe zu übernachten, weil aber ein heftiger Regen
fiel und die Finsterniß so sehr überhand nahm, daß sie nicht weiter
konnten, gingen sie zu einer in der Nähe liegenden Mühle, klopften und
baten um Nacht-Herberge. Der Müller wollte anfangs nicht hören, endlich
gab er ihren inständigen Bitten nach, öffnete die Thüre und führte
sie in eine Stube. Sie waren beide hungrig und durstig und da auf dem
Tisch eine Schüssel mit Speise und eine Kanne mit Bier stand, baten sie
den Müller darum und waren bereitwillig, es zu bezahlen. Der Müller
aber schlugs ab, selbst nicht ein Stück Brot wollt er ihnen geben und
nur die harte Bank zum Ruh-Bett vergönnen. “Die Speise und der Trank,
sprach er, gehört dem Haus-Geist, ist euch das Leben lieb, so laßt
beides unberührt, sonst aber habt ihr kein Leid zu befürchten, lärmts
in der Nacht vielleicht, so bleibt nur still liegen und schlafen.” Mit
diesen Worten ging er hinaus und schloß die Thüre hinter sich zu.
Die zwei Studenten legten sich zum Schlafe nieder, aber etwa nach
einer Stunde griff den einen der Hunger so übermächtig an, daß er
sich aufrichtete und die Schüssel suchte. Der andere, ein Magister,
warnte ihn, er sollte dem Teufel lassen, was dem Teufel gewidmet wäre,
aber er antwortete: “ich habe ein besser Recht dazu als der Teufel,”
setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust, so daß wenig von dem
Gemüse übrig blieb. Darnach faßte er die Bierkanne, that einen guten,
pommerschen Zug und nachdem er also seine Begierde etwas gestillt,
legte er sich wieder zu seinem Gesellen. Doch als ihn über eine
Weile der Durst aufs neue plagte, stand er noch einmal auf und that
einen zweiten so herzhaften Zug, daß er dem Haus-Geist nur die Neige
hinterließ. Nachdem er sichs also selbst gesegnet und wohl bekommen
geheißen, legte er sich und schlief ein.
Es blieb alles ruhig bis zu Mitternacht, aber kaum war die herum,
so kam der Kobold mit großem Lärm hereingefahren, wovon beide mit
Schrecken erwachten. Er brauste ein paar Mal in der Stube auf und ab,
dann setzte er sich, als wollte er seine Mahlzeit halten, zu dem Tisch
und sie hörten deutlich, wie er die Schüssel herbeirückte. Gleich drauf
setzte er sie, als wär er ärgerlich, hart nieder, ergriff die Kanne und
drückte den Deckel auf, ließ ihn aber gleich wieder ungestüm zuklappen.
Nun begann er seine Arbeit, wischte den Tisch, darnach die Tisch-Füße
sorgfältig ab und kehrte dann, wie mit einem Besen, den Boden fleißig
ab. Als das geschehen war, ging er noch einmal zur Schüssel und Kanne
zurück, ob es jetzt vielleicht besser damit stehe, stieß aber beides
wieder zornig hin. Darauf fuhr er in seiner Arbeit fort, kam zu den
Bänken, wusch, scheuerte, rieb sie, unten und oben; als er zu der
Stelle gelangte, wo die beiden Studenten lagen, zog er vorüber und
nahm das übrige Stück unter ihren Füßen in die Arbeit. Wie er zu Ende
war, fing er an der Bank oben zum zweitenmal an und überging auch zum
zweitenmal die Gäste. Zum drittenmal aber, als er an sie kam, strich
er dem einen, der nichts genossen hatte, über die Haare und den ganzen
Leib, ohne ihm im geringsten weh zu thun. Den andern aber packte er
an den Füßen, riß ihn von der Bank herab, zog ihn ein paarmal auf dem
Erdboden herum, bis er ihn endlich liegen ließ und hinter den Ofen
lief, wo er ihn laut auslachte. Der Student kroch zu der Bank zurück,
aber nach einer Viertelstunde begann der Kobold seine Arbeit von neuem:
kehrte, säuberte, wischte. Die beiden lagen da, in Angst zitternd, den
einen fühlte er, als er an ihn kam, ganz lind an, aber den andern warf
er wieder zur Erde und ließ hinter dem Ofen ein grobes und spottendes
Lachen hören.
Die Studenten wollten nun nicht mehr auf der Bank liegen, standen auf
und erhuben vor der verschlossenen Thüre ein lautes Geschrei, aber es
hörte niemand darauf. Sie beschlossen endlich, sich auf den platten
Boden hart nebeneinander zu legen, aber der Kobold ließ sie nicht
ruhen. Er begann sein Spiel zum drittenmal, kam und zog den schuldigen
herum und lachte ihn aus. Dieser war zuletzt wüthend geworden, zog
seinen Degen, stach und hieb in die Ecke, wo das Gelächter her
schallte, und forderte den Kobold mit Drohworten auf, hervor zu kommen.
Dann setzte er sich mit seiner Waffe auf die Bank, zu erwarten, was
weiter geschehen würde, aber der Lärm hörte auf und alles blieb ruhig.
Der Müller verwies ihnen am Morgen, daß sie seiner Ermahnung nicht
nachgelebt und die Speise nicht unangerührt gelassen; es hätte ihnen
leicht das Leben kosten können.
74.
Hütchen.
Mündliche Erzählungen.
Der vielförmige Hinzelmann 39-50.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus. 792-798.
+Prätor+. Weltbeschr. I. 324. 325.
+Joh. Weier+ ~de praestig. daemon. c.~ 22. deutsche Uebers. 64-66.
+Happel+ ~relat. curios.~ 4. 246.
Stiftische Fehde, ~+Leibnitz+ SS. RR. brunsvic. II. 791. III. 183.
258 b.~
Volks-Sagen. Eisenach. I. 127-170. IV. 209-237.
An dem Hofe des Bischof Bernhard von Hildesheim hielt sich ein Geist
auf, der sich vor jedermann in einem Bauernkleide unter dem Schein
der Freundlichkeit und Frömmigkeit sehen ließ: auf dem Haupt trug
er einen kleinen Filz-Hut, wovon man ihm den Namen +Hütchen+, auf
Niedersächsisch +Hödeken+ gegeben hatte. Er wollte die Leute gern
überreden, daß es ihm viel mehr um ihren Vortheil, als ihren Schaden zu
thun wäre, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er dem
andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust und
Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte und
antwortete gar gesprächig und freundlich.
Zu dieser Zeit wohnte auf dem Schlosse Winzenburg ein Graf Namens
Hermann, welcher das Amt als eine eigene Grafschaft besaß. Einer seiner
Diener hatte eine schöne Frau, auf die er ein lüsternes Auge warf und
die er mit seiner Leidenschaft verfolgte, aber sie gab ihm wenig
Gehör. Da sann er endlich auf schlechte Mittel und als ihr Mann einmal
an einen weit entlegenen Ort verreist war, raubte er ihr mit Gewalt,
was sie ihm freiwillig versagte. Sie mußte das Unrecht verschweigen,
so lang ihr Mann abwesend war, bei seiner Rückkehr aber eröffnete
sie es ihm mit großem Schmerz und wehmüthigen Gebärden. Der Edelmann
glaubte, dieser Schandflecken könne nur mit dem Blute des Thäters
abgewaschen werden, und da er die Freiheit hatte, wie ihm beliebte,
in des Grafen Gemach zu gehen, so nahm er die Zeit wahr, wo dieser
noch mit seiner Gemahlin zur Ruhe lag, trat hinein, hielt ihm die
begangene That mit harten Worten vor und als er merkte, daß jener sich
aufmachen und zur Gegenwehr anschicken mögte, faßte er sein Schwert
und erstach ihn im Bette an der Seite der Gräfin. Diese entrüstete
sich aufs allerheftigste, schalt den Thäter gewaltig und da sie gerade
schwangeres Leibes war, sprach sie dräuend: “derjenige, den ich unter
dem Gürtel trage, soll diesen Mord an dir und den Deinigen rächen, daß
die ganze Nachwelt daran ein Beispiel nehmen wird.” Der Edelmann, als
er die Worte hörte, kehrte wieder um und durchstach die Gräfin wie
ihren Herrn.
Graf Hermann von Winzenburg war der letzte seines Stammes und demnach
mit seinem und der schwangern Gräfin Tod das Land ohne Herrn. Da trat
Hütchen in selbiger Morgenstunde, in welcher die That geschehen war,
vor das Bett des schlafenden Bischofs Bernhard, weckte ihn und sprach:
“steh auf, Glatzkopf, und führe dein Volk zusammen! die Grafschaft
Winzenburg ist durch die Ermordung ihres Herrn ledig und verlassen,
du kannst sie mit leichter Mühe unter deine Bothmäßigkeit bringen.”
Der Bischof stand auf, brachte sein Kriegs-Volk eilig zusammen,
und besetzte und überzog damit die Grafschaft, so daß er sie, mit
Einwilligung des Kaisers, auf ewig dem Stift Hildesheim einverleibte.
Die mündliche Sage erzählt noch eine andere, wahrscheinlich frühere
Geschichte. Ein Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die in Unfrieden
lebten; um einen Streit wegen der Erbschaft abzuwenden, war mit dem
Bischof zu Hildesheim festgemacht, daß derjenige mit der Grafschaft
belehnt werden solle, welcher zuerst nach des Vaters Tod sich darum
bei dem Bischof melden würde. Als nun der Graf starb, setzte sich
der ältste Sohn gleich auf sein Pferd und ritt fort zum Bischof, der
jüngste aber hatte kein Pferd und wußte nicht, wie er sich helfen
sollte. Da trat Hütchen zu ihm und sprach: “ich will dir beistehen,
schreib einen Brief an den Bischof und melde dich darin um Belehnung,
er soll eher dort seyn, als dein Bruder auf seinem jagenden Pferd.” Da
schrieb er ihm den Brief und Hütchen nahm und trug ihn auf einem Wege,
der über Gebürge und Wälder geradausging, nach Hildesheim, und war in
einer halben Stunde schon da, lange eh der älteste herbeigeeilt kam und
gewann also dem jüngsten das Land. Dieser Pfad ist schwer zu finden
und heißt noch immer +Hütchens Renn-Pfad+.