nach würde es doch Zeit, daß sie jetzt einmal für sich selber anfingen,
wenn sie nicht elend hier verkümmern sollen. Auch das heiße Klima dieser
Gegend sagt ihnen nicht zu. Der Mann da gleicht eher einem Skelett, als
einem lebenden Wesen.«
»Und was kann ich dazu thun?«
»Der Contract,« fuhr der Deutsche fort, »ist von schurkischen Agenten
zusammengestellt; die armen Teufel, denen man noch obendrein hier in
Brasilien goldene Berge versprach, glaubten ihrem Glück entgegenzugehen,
und rannten dadurch in ihr Unglück. Die Mutter der Kinder, das jüngste
Kind, ihre eigene Gesundheit haben sie dabei eingebüßt: lassen Sie es
damit genug sein und geben Sie die armen Menschen frei.«
»Sie haben vortrefflich reden, mein bester Herr,« lachte Almeira, »aber
so reich bin ich nicht, daß ich einen solchen Verlust aus meiner Tasche
tragen könnte und möchte. Ich gebe zu, daß beide Theile unter dem
Contract leiden, aber -- ich glaube Ihr könnt jetzt gehen, Freund, --
unsere =Geschäfte= sind so weit beendet, nicht wahr?«
Der Fremde nickte, und Behrens stand langsam auf, grüßte ehrfurchtsvoll
und wollte dann die Veranda verlassen, als die Senhora plötzlich
aufstand und rief: »Halt, Freund, -- Ihr seid sehr angegriffen, --
trinkt erst hier ein Glas Wein, das wird Euch gut thun.« Sie schenkte
auch augenblicklich ihr eigenes Glas voll und reichte es ihm hin, und
wenn auch Senhor Almeira gar nicht damit einverstanden schien, denn er
sah ziemlich finster dabei aus, so hinderte er es wenigstens nicht. Er
wußte außerdem recht gut, daß sich die Senhora nichts verbieten ließ.
Behrens kam in Verlegenheit, denn das war ihm noch nie in dem Hause
geboten, aber er nahm das Glas, trank es langsam aus, stellte es wieder
hin und dankte herzlich, hätte auch gern der jungen Frau die Hand
gereicht, aber das wagte er nicht. Er fühlte, daß er jetzt hier
überflüssig war, stieg mühsam die Treppe der Veranda hinab, und
schwankte seiner eigenen Wohnung wieder zu.
Der Fremde war ein stiller aber aufmerksamer Beobachter der ganzen Scene
gewesen; jetzt, als der Kranke den Platz wieder verlassen, sagte er
freundlich: »Sie unterbrachen sich vorhin in Ihrer Rede, verehrter Herr;
Sie wollten etwas sagen, was der -- Alte da nicht zu hören brauche.«
»Es betrifft die Verhältnisse unseres Landes,« erwiderte Almeira
gleichgültig.
»Und in wie fern, wenn ich fragen darf; so weit sie mit den
Parcerie-Arbeitern in Verbindung stehen?«
»Wir können uns nicht verhehlen,« fuhr der Pflanzer fort, »daß in den
nächsten Jahren diesem ganzen Reiche Veränderungen bevorstehen. Der in
Nordamerika gegen die Sclaverei ausgebrochene Krieg, -- wie sich nun
auch das Resultat stellt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Es giebt eine
Partei, die immer nur von zertretenen Menschenrechten faselt und der
einen Hälfte gerade die Rechte abstreiten möchte, die sie für die andere
verlangt. Möglich, daß uns hier noch ein wirklicher Ausbruch auf lange
Jahre hinaus erspart bleibt, möglich aber auch, daß er doch rascher
eintritt, als wir jetzt denken, und was soll aus dem Land selber werden,
wenn uns hier im Süden die Sclavenarbeit fehlt? Es müßte zu einer
Wildniß werden.«
»Und deshalb sehen Sie in den Parcerie-Arbeitern einen einigermaßen
nützlichen oder vielmehr völlig nothwendigen Ersatz?«
»Allerdings.«
»Und so wollt Ihr aus den armen verkauften Menschen Europas, die auf
betrügerische Weise hierher gelockt wurden, =weiße= Sclaven machen?«
frug die Französin, die selber mit äußerster Spannung der
Auseinandersetzung gefolgt war.
»Es scheint allerdings so,« lächelte der Deutsche.
»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte aber Senhor Almeira, »denn
Euch Frauen läuft gewöhnlich das Gefühl mit dem Verstand davon. Thue mir
auch die Liebe und mische Dich nicht in Dinge, die Dir so fern liegen.«
»Und doch nicht so fern, als Sie vielleicht glauben oder wünschen,
Senhor,« rief die junge Frau, die sich in einer merkwürdigen Aufregung
zu befinden schien. »Als ich Ihr Haus betreten --«
»Entschuldigen Sie mich,« sagte der Deutsche, rasch von seinem Sitz
aufstehend, »ich möchte nicht Zeuge einer Familienscene sein, bei der
ich nicht einmal unparteiisch bleiben könnte. Ich habe Alles erfahren,
was ich zu erfahren wünschte, und wiederhole nur noch einmal die Frage
an Sie, Senhor, wollen Sie die deutschen Familien, nachdem sie =sechs=
Jahre für ihre Überfahrt gearbeitet, frei geben oder nicht?«
»Mein Herr,« rief nun aber auch der Brasilianer erbittert, »in
thörichter Gutmüthigkeit bin ich bis jetzt auf Ihre Forderung
eingegangen, den Arbeitern Auskunft über den Stand ihrer Angelegenheiten
zu geben; ich muß mir aber jede weitere Einmischung in meine
Verhältnisse auf das Ernstlichste verbitten. Wenn =ich= es an der Zeit
halte, den Leuten die Erfüllung ihres Contractes zu erlassen, werde ich
es thun, wünsche aber nicht von irgend Jemandem, wer es auch sei, dazu
getrieben zu werden, und sehe außerdem -- vor der Hand wenigstens --
noch nicht die geringste Veranlassung dazu.«
»Dann habe ich die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen,« sagte der
Fremde, »und nur Ihnen noch, gnädige Frau, muß ich herzlich für den
Antheil danken, den Sie an dem Schicksal meiner armen Landsleute
nehmen.«
»Bleiben Sie noch, Senhor,« sagte die junge Frau leidenschaftlich, »die
Bande, die mich an dieses Haus knüpfen --«
»Senhora!« rief Almeira fast erschreckt aus.
Der Deutsche wartete aber keine weitere Erklärung ab. Er hatte seinen
Hut aufgegriffen, und rasch die Veranda hinabeilend, trat er zu seinem
Pferd, das an einem, in einen Orangenbaum geschlagenen Ring befestigt
war, warf es los, schwang sich in den Sattel und sprengte dann, seinem
Thier die Sporen einsetzend, die Straße hinab. Am Hause des Deutschen
war es einmal, als ob er einzügeln wollte, aber er mußte sich eines
Anderen besonnen haben, denn er verfolgte seinen Weg und war bald, auf
einer Biegung der Straße, in dem dichten Laub der Bäume verschwunden.
Elftes Capitel.
Gerettet.
An dem nämlichen Tag, an welchem der Deutsche die Plantage verlassen
hatte, erlebte die Dienerschaft im Hause des Senhor Almeira eine sehr
ungewöhnliche und hier wahrlich ungewohnte Scene: einen Zank zwischen
ihrer Herrschaft, der ihnen, wenn sich die Parteien auch von der offenen
Veranda fort in ihre Zimmer zogen, doch nicht verborgen bleiben konnte.
Plötzlich gab die Senhora den Befehl, ihr Pferd zu satteln, und wenn
auch augenblicklich Gegenordre vom Herrn selber kam, bestand sie doch so
heftig darauf und drohte jetzt sogar =vor= den Leuten, =zu Fuß= die
nächste Plantage zu erreichen, daß ihr zuletzt gewillfahrtet werden
mußte.
Das Pferd stand schon gesattelt vor dem Haus, und noch war sie drinnen
beschäftigt, -- wie das kleine Mädchen nachher erzählte, ihre Koffer zu
packen, -- jetzt trat sie auf die Veranda. Auch das Pferd ihrer
Dienerin, einer jungen Mulattin, wurde gebracht.
Senhor Almeira folgte ihr und suchte sie noch einmal zurückzuhalten. Sie
antwortete ihm gar nicht. Von der Treppenstufe herab sprang sie in den
Sattel und schon im nächsten Moment sprengte der kleine, muthige
Schimmelhengst mit ihr die Straße hinab, daß ihr die Mulattin kaum
folgen konnte.
Von dem Tage an hatten die in unmittelbarer Nähe des Herrn befindlichen
Sclaven eine schwere Zeit, denn so hart war er noch nie mit ihnen
verfahren. Er war wohl immer rauh und heftig mit ihnen gewesen, aber nie
grausam; jetzt ließ er ein Paar, nur wegen leichter Vergehungen, auf das
Unbarmherzigste peitschen, und ein junger Bursch, der ihm Morgens aus
Versehen die Chocolade über das Beinkleid goß, wurde zur Strafe den
ganzen Tag draußen in der brennenden Sonne an einen Pfahl gebunden.
So vergingen drei lange schwere Wochen, und Behrens hatte sich indessen
wenigstens so weit von seiner Krankheit erholt, um doch wieder leichte
Arbeiten zu verrichten, wozu ihn der Mulattenaufseher schon lange
gedrängt. Es wurde ihm auch selber zu einsam in dem öden Hause, denn
selbst die Kinder mußten jetzt den ganzen Tag draußen im Baumwollenfeld
sein, um die reifgewordene Baumwolle aus den aufgesprungenen Kapseln zu
pflücken.
Senhor Almeira hatte in der Zeit kaum sein Haus verlassen und
außergewöhnlich viel in seinen großen Büchern geschrieben und gerechnet.
Saß er doch manchmal bis spät in die Nacht darüber und Niemand durfte
ihn dann stören. Ja, selbst wenn er zum Essen gerufen werden mußte,
hatte der Diener strengen Befehl, nur eben draußen an die Thür zu
klopfen.
Es war Sonnabend Nachmittag geworden und das Corps der Arbeiter und
Sclaven -- wenn überhaupt zwischen Beiden ein Unterschied stattfand --
noch draußen im Feld beschäftigt, als eine kleine Cavalcade von Reitern
auf der Straße sichtbar wurde. Ein Negerbursche hatte den Zug schon
entdeckt, wie er sich nur eben durch das dunkle Grün der Kaffeebäume
wand und seinem Herrn Meldung davon machen wollen, auch ein paar Mal
schüchtern an die Thür desselben geklopft, aber keine Antwort erhalten,
und dann natürlich auch nicht gewagt weiter vorzudringen. Jetzt
sprengten sie den Weg hinauf, der nach dem Hause zuführte; der Herr
drinnen im Hause mußte sie ja selber hören, und nun stiegen sie ab und
warfen den herbeispringenden Negerburschen die Zügel zu. Und wahrhaftig,
der Fremde, der an dem Tag hier gewesen, an welchem die Senhora das Haus
verlassen, befand sich auch wieder unter ihnen, was die armen Teufel von
Negern nicht wenig erschreckte. Daß =der= dem Herrn keine Freude machen
würde, fühlten sie schon heraus, und wer anders mußte es nachher
entgelten, als ihr armer Rücken, -- an dem weißen Senhor durfte er ja
seinen Zorn nicht auslassen.
Almeira hatte in der That das Gestampf der Pferde auf dem sonst so
stillen Platz gehört und war in die Thür seiner Veranda getreten. Er
mußte auch den Besuch von früher erkannt haben, denn er erbleichte und
trat unwillkürlich einen Schritt zurück, -- aber zu spät; die eben
Gekommenen hatten ihn schon bemerkt, und wenn er auch einige Bekannte
aus Porto Seguro darunter erkannt, beunruhigte ihn doch die kalte
Höflichkeit, mit der man ihn grüßte, denn es verrieth, daß der Besuch
kein freundschaftlicher sein konnte.
Der Deutsche ließ ihm aber nicht lange Zeit, sich mit Vermuthungen zu
quälen, denn die Treppe zu der Veranda ersteigend, sagte er, sehr
höflich aber auch sehr ernst: »Senhor Almeira, ich war vor einiger Zeit
als flüchtiger Besuch bei Ihnen und nahm da Gelegenheit, mit Ihnen über
die Verhältnisse Ihrer deutschen Parcerie-Arbeiter zu sprechen.«
»Und was mit denen, Herr?« fuhr Almeira heftig auf.
»Bitte, ereifern Sie sich nicht unnöthig,« erwiederte ruhig der
Deutsche, »Sie verweigerten damals ihre Freilassung. Jetzt komme ich --
in Begleitung dieser Gerichtsbeamten mit einer Anklage zu ihnen, die ich
selber in Rio anhängig gemacht, daß Sie -- =falsches Buch= über Ihre
Ausgaben und Einnahmen in Betreff dieser unglücklichen Menschen geführt,
und die mich begleitenden Gerichtsbeamten sind beauftragt worden, der
Sache auf den Grund zu gehen.«
Almeira war bei der Beschuldigung emporgefahren, aber auch jeder
Blutstropfen hatte seine Wangen verlassen und nur mit fast tonloser
Stimme rief er aus: »Das ist eine niederträchtige Lüge!«
»Es wird sich jetzt zeigen wer sie gesprochen,« nickte der Deutsche,
»Senhores, ich ersuche Sie, keine Zeit zu versäumen und die Revision
vorzunehmen.«
»Und wer hat das Recht, sich in meine Angelegenheiten zu drängen?«
zischte der Brasilianer zwischen den Zähnen durch, »regieren auf einmal
die Fremden hier im Land oder =wir= noch?«
»Seien Sie vernünftig Almeira,« sagte einer der Beamten, »der Herr hat
eine Vollmacht von Seiner Majestät selber unterzeichnet, und wir müssen
der Genüge leisten. Wo sind Ihre Bücher?«
»Also sollen =alle= unsere Rechte untergraben werden?« rief der Pflanzer
höhnisch aus, »beim Himmel, es ist weit gekommen, wenn man das einem
brasilianischen Gutsherrn auf seinem eigenen Besitzthum bieten kann.«
Der Beamte zuckte die Achseln, es war ihm aller Wahrscheinlichkeit nach
selber nicht recht, aber der Deutsche, der den Befehl mit dem letzten
Dampfer gebracht, schien genau zu wissen, was er thue, und das Schreiben
des Ministeriums war ebenfalls in so scharfen bestimmten Ausdrücken
abgefaßt, daß selbst ein Verschleppen der Sache zur Unmöglichkeit wurde,
-- sie wären auch sonst wahrlich nicht so rasch mit hier herausgeritten.
Übrigens hatte Senhor Almeira lange nicht mehr so viele Freunde als er
glaubte; denn schon ehe dieser Befehl aus der Hauptstadt eintraf, der
den Verdacht eines Verbrechens auf ihn warf, -- wenn das auch bei den
übrigen Kaffeepflanzern wohl schwerlich sehr hoch angeschlagen wäre --
hatte sich ein bis jetzt noch dumpfes und unbestimmtes Gerücht in Porto
Seguro verbreitet, nach welchem die finanziellen Verhältnisse des
Pflanzers durch seine übergroße Verschwendung einen bedenklichen
Charakter sollten angenommen haben. Daß jene junge Französin, die ihn
aus Rio hierher begleitet, gar nicht seine wirkliche Frau gewesen,
schien man ziemlich allgemein gewußt zu haben, und es verhinderte das
gar nicht den Besuch der ersten und angesehensten Familien; aber daß sie
ihn jetzt plötzlich verlassen hatte, bestärkte die Leute in dem schon
überhaupt gefaßten Verdacht, denn den wahren, edlen Beweggrund traute
ihr Niemand zu.
So gingen denn die Beamten williger an ihre Pflicht, als sie es
vielleicht unter anderen Umständen gethan hätten, und zwei volle Stunden
lang blätterten und rechneten sie in Almeira's Büchern und verglichen zu
derselben Zeit mitgebrachte Preiscourante der verflossenen Jahre mit den
angegebenen Zahlen.
Das Resultat mußte ein, für den Brasilianer nicht sehr günstiges sein,
denn sie schüttelten dabei oft sehr bedenklich die Köpfe. Endlich stand
der Eine von ihnen auf, winkte dem Deutschen, ihm zu folgen und schritt
mit ihm draußen ein Stück die Straße hinauf, die in das Innere führte.
»Senhor,« sagte er hier, »der von Ihnen angeregte Verdacht war nicht
ganz unbegründet --«
»Ich wußte es vorher.«
»Und Senhor Almeira --?«
»Wird ins Zuchthaus wandern müssen.«
Der Brasilianer schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder,
endlich blieb er stehen, sah seinen Begleiter voll an und sagte:
»Welchen Zweck verfolgen Sie eigentlich bei der Sache?«
»Welchen Zweck? Nun den, einen Schurken zu entlarven und seiner Strafe
zu überliefern.«
»Und diesen wirklich nur allein?«
»Ei, Gott bewahre; die Hauptsache ist, daß diese armen, unglücklichen
Menschen, deren Arbeitskraft nicht nur, wie deren ganzes Leben der Bube
gemißbraucht hat, wieder freie Menschen und für ihre Arbeit bezahlt
werden.«
»Schön,« sagte der Brasilianer, »Sie scheinen mir ein vernünftiger Mann
und mit den brasilianischen Verhältnissen ziemlich vertraut, auch im
Ganzen =practisch= zu sein, eine Eigenschaft, die Ihren Landsleuten
sonst gewöhnlich abzugehen pflegt. Ich glaube, wir bringen Senhor
Almeira, nach den heutigen Erfahrungen, ohne große Schwierigkeit dazu,
seine Ansprüche auf die Dienste der deutschen Arbeiter aufzugeben.«
»Ei, zum Teufel, Herr, das glaube ich auch, aber --«
»Bitte, lassen Sie mich ausreden: wir werden aber keine Vergütung für
sie von ihm verlangen.«
»Ist auch gar nicht nöthig; die Vergütung werden die Gerichte nachher
schon feststellen.«
»Also werden Sie wirklich einen Proceß anstrengen?«
»Aber, verehrter Herr, ist denn das nicht eine sonderbare Frage? =haben=
denn die Gerichte die Sache nicht schon in die Hand genommen?«
»Wie man das so nimmt,« sagte der Beamte achselzuckend. »Dem Ministerium
liegt besonders daran, die deutschen Arbeiter -- da Sie selber scheinen
beim Kaiser Gehör gefunden zu haben -- von einer Ungerechtigkeit zu
erlösen und die Sache damit abzumachen. Sagt man jetzt Almeira, daß er
noch das Ganze beilegen kann, ohne viel Lärm zu machen, so wird er nicht
so thöricht sein und sich weigern. Verlangt man aber etwas von ihm, was
er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leisten =kann=, Geldzahlungen
nämlich, denn seine Vermögensverhältnisse sind in der That zerrüttet, so
=muß= er es auf einen Proceß ankommen lassen, der drei, vier Jahre
dauern mag, während die Arbeiter bis zu dessen Entscheidung gezwungen
wären, in ihren alten Verhältnissen zu bleiben. Doch das nicht allein;
würde der Proceß auch -- wie ich gar nicht bezweifle -- zu ihren Gunsten
entschieden, und die Passiva überstiegen die Activa, so gehen, wie Sie
recht gut wissen, die Hypotheken vor und Ihre Landsleute bekämen doch
keinen Reïs, -- trotz all ihren gerechten Ansprüchen.«
»Aber damit deuten Sie nichts Geringeres an,« rief der Deutsche, »als
daß der Verbrecher -- denn wahrlich, er hat ein Verbrechen an den
unglücklichen Menschen verübt -- vollkommen straffrei ausgehen solle.«
»Ändern Sie Brasilien,« sagte der Beamte zu dem Deutschen achselzuckend;
»ich will auch eingestehn, daß wir faule Schäden im Lande haben, die
ausgeschnitten werden könnten, aber sie hängen innig und unzertrennbar
mit der Productionskraft des Landes zusammen, und es begegnen sich in
ihnen so viele und zahlreiche Interessen, daß es Jeder gern so lang es
möglich vermeidet, die Hand daran zu legen. Folgen Sie deshalb meinem
Rathe. Ist es Ihnen ernstlich darum zu thun, den armen Deutschen =bald=
zu helfen, so überlassen Sie =mir= die Sache, und ich glaube, daß ich
damit zu Stande komme; wollen Sie aber die strenge, unnachsichtliche
Verfolgung mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge, so --
werden wir jetzt nach Porto Seguro zurückreiten und einen getreuen
Bericht über den befundenen Thatbestand absenden; danach wird dort
berathen und nachher --«
»Ich bitte Sie um Gotteswillen,« rief der Fremde, »halten Sie ein; ich
habe vollkommen genug. Der Himmel bewahre uns Alle vor einem
brasilianischen Proceß, -- die deutschen sind schlimm genug und ich
verspüre nicht die geringste Lust, sie hier zu provociren. Wenn =Ihnen=
nichts daran liegt, einen anerkannten Lump und Betrüger frei herumlaufen
zu lassen, =mir= kann's gewiß recht sein, -- also bitte um Regulirung
der Sache sobald als möglich. Nur noch eins; was wird aus den armen
Familien, wenn sie hier, ohne die geringsten Mittel in Händen zu haben,
fort sollen?«
»Dafür liegt ein specieller Befehl der Regierung bei,« sagte der Beamte,
»sie mit dem nächsten Dampfer nach Rio zu senden, von wo aus sie auf
Regierungskosten nach Santa Chatarina und Blumenau geschickt werden
sollen. Dem Schriftstück nach scheint es, als ob das der besondere
Wunsch der Deutschen wäre.«
»Gut -- ich verlange nicht mehr,« sagte der Deutsche, »etwas bringen wir
auch in Rio für sie zusammen. Wann kann ich also Antwort haben?«
»In einer halben Stunde,« sagte der Beamte, augenscheinlich selber sehr
erfreut, die fatale Sache noch auf eine so ausgleichende Weise beigelegt
zu haben, »verlassen Sie sich darauf.«
»Und ich kann mit den Deutschen sprechen?«
»Auf =meine= Verantwortung; sie sind von diesem Augenblick an frei.«
Als sie zum Herrenhaus der Plantage zurückkehrten, suchte der Beamte
augenblicklich Senhor Almeira auf, während der Deutsche, ohne auch nur
das Gebäude wieder zu betreten, so rasch er konnte, zu seinen armen
Landsleuten hinab eilte.
Und sollte ich versuchen, die Scene jetzt zu beschreiben, als er ihnen
mittheilte, daß sie =frei= wären, -- daß sie von jetzt an keinen =Herrn=
mehr hätten, und die Regierung selber sie mit dem nächsten Dampfer in
ein gesunderes Klima, ja gerade dorthin senden wolle, wohin sie sich die
lange schwere Zeit immer gesehnt, und wo sie nun doch noch vielleicht
einen Theil der Hoffnungen verwirklichen konnten, die sie in dieß ferne
Land geführt?
Senhor Almeira schien auch in der That nicht die geringsten
Schwierigkeiten gemacht zu haben, denn die Gründe, die ihm der Beamte
vorgelegt, mußten doch wohl zu überzeugend gewesen sein. Kaum eine halbe
Stunde später erschien dieser selbst, um den Deutschen anzuzeigen, daß
sie am nächsten Morgen ihr Gepäck nach Porto Seguro verladen möchten, da
in den nächsten Tagen das vom Norden kommende Dampfboot dort erwartet
würde. Kosten hätten sie dabei nicht, ja, es sollte sogar Jedem ein
Reitthier geliefert werden, um den ziemlich entfernten Hafenplatz zu
erreichen.
Von jetzt an hatte die Noth der Armen aufgehört. Eine schwere Stunde
stand ihnen freilich noch bevor: der Abschied von den Gräbern ihrer
Lieben, von denen sie sich ja auf immer trennen mußten, und bittere
Thränen wurden dort geweint, aber auch das überstanden sie, wie sie so
Manches in diesem Aufenthalt der Qual überstanden hatten, und am
nächsten Morgen mit Tagesanbruch wurden die Thiere herbeigetrieben, auf
denen sie die Plantage verlassen sollten.
Senhor Almeira machte ihnen allerdings den Abschied insofern leicht, als
er sich nicht mehr vor ihnen sehen ließ, aber sie verlangten auch nicht
nach ihm, und als sie im Hafen angelangt das eben eingetroffene
Dampfboot bestiegen, und mit diesem wieder hinaus in die offene See --
in die frische, kühle Luft hinein hielten, war ihnen fast so zu Muthe,
als ob sie nicht einen anderen Platz in dem fernen Reich aufsuchen
wollten, sondern aufs Neue der Heimath entgegen steuerten.
Zwölftes Capitel.
In der Colonie Blumenau.
Schluß.
Der kleine Dampfer, der die armen mißhandelten deutschen Arbeiter nach
dem südlichen Theil des Reiches also in ein kälteres und auch weit
gesünderes Land führen sollte, brauchte doch mehrere Tage ehe er selbst
nur Rio de Janeiro, die Hauptstadt erreichte, und die Deutschen, die
dort an Land mußten, sahen sich hier wieder in einer neuen und
vollkommen fremden Welt. Aber nicht mehr allein und freundlos standen
sie da, denn das Schicksal der Unglücklichen hatte schon die allgemeine
Theilnahme nicht allein vieler ihrer Landsleute, sondern auch mancher
Brasilianer selber wach gerufen, und während sie, bis der andere Dampfer
nach der Colonie befördert werden konnte, von der Regierung am Land
einquartiert und beköstigt wurden, veranstaltete man in der Stadt
Sammlungen für sie, um die vollkommen Abgerissenen und von Jedem
Entblößten nur erst einmal in etwas wieder auszustatten.
Dann kam die zweite Reise. In Rio wurden sie wieder eingeschifft,
brauchten aber selbst von da an noch zwei und einen halben Tag, bis sie
ihr Ziel erreichten, und Behrens sah jetzt recht deutlich wie schändlich
und nichtswürdig sie jener gewissenlose Agent in Deutschland belogen,
als er ihnen auf der Karte zeigte, welche kleine Entfernung nur die
beiden Plätze von einander trennte. Er selber hatte auch zu gleicher
Zeit genug von dem Brasilianischen Urwald gesehn, um zu wissen, wie
vollständig unmöglich es gewesen wäre, die Strecke durch diese =Wildniß=
hin, zurückzulegen.
Und was hatte jener Mann in Deutschland dabei gehabt, seine eigenen
Landsleute so schändlich zu hintergehen und in die Hände eines
gewissenlosen Fremden zu liefern? -- Nichts in der Gotteswelt als die
paar Thaler =Kopfgeld=, die er für jedes seiner Opfer bekam und welchen
Gewinn er dann mit einem ebensolchen Schurken in Antwerpen theilte.
Von Rio de Janeiro aus bekamen sie noch Reisegesellschaft; frische
Auswanderer aus Deutschland, welche diese Gelegenheit benutzen konnten
um ihr vorgestecktes Ziel in Brasilien, die deutschen Colonien zu
erreichen. Das waren auch keine Leute die sich durch einen Contract
gebunden hatten; frei und unabhängig zogen sie hinüber in das fremde
Land und wenn sie auch gerade nicht viel Geld in den Taschen trugen,
sahen sie sich doch nicht an Händen und Füßen gebunden und konnten sich
auf ihren Fleiß und ihre derben Fäuste schon mit gutem Vertrauen
verlassen.
Und welch ein Unterschied zwischen ihnen und den armen
Parcerie-Arbeitern. Sie hatten noch ihre frischen rothen Backen mit von
Deutschland gebracht, und die Kinder sahen dick und gesund aus, während
die Deutschen die aus Minas Geraes herunterkamen, eher hohlwangigen und
nur mit gelber Haut überzogenen Skeletten glichen.