Und auch an Geist waren die Menschen gebrochen, denn sie hatten in den

langen elenden Jahren Hoffnung und Vertrauen verloren. Behrens selber

saß auf der ganzen Reise still und in sich gekehrt, grübelte über das

Unglück nach das ihn =betroffen=, und das was noch für ihn in Aussicht

stand. Sein Bruder? -- er hatte die langen Jahre Nichts von ihm gehört;

wußte er denn überhaupt ob er noch lebe, und wär' er selber jetzt, mit

zerstörter Kraft und Gesundheit, selbst unter günstigeren Verhältnissen

noch im Stande wieder von Neuem eine schwere Arbeit zu beginnen?

Hannchen that ihr Bestes um ihn aufzuheitern, so weh ihr selber auch

dabei zu Muthe sein mochte. Es war vergebens. Der Mann hatte einmal die

feste Idee gefaßt daß sie in Brasilien verloren wären und nur von einem

Sclavenaufseher zum anderen geschafft würden. -- Und nach Deutschland

zurück? -- was hätte er dort jetzt noch gesollt, wo er, mit Allem

verloren was er einst sein nannte, nicht einmal mehr in Tagelohn gehen

konnte. Nein -- es war vorbei mit ihm und leise nur murmelten die

bleichen Lippen:

»Ach wenn ich doch drunten in der Erde bei der Sophie läge -- dann wäre

Alles gut -- Alles.«

Der kleine Dampfer -- allerdings kein besonderer Schnellläufer -- setzte

indessen munter seine Reise fort, aber selbst als er wieder vor dem Ort

seiner Bestimmung ankerte, als Behrens nun wußte daß sie endlich --

endlich, nach jahrelangem Sehnen ihr eigentliches Ziel erreicht, und

Fürchtegott der indessen hochaufgeschossen war, wenn er auch ebenso wie

die anderen mager und gelb aussah, die Sachen mit an Land schaffen

wollte, sagte der alte Behrens:

»Laß nur sein, Fürchtegott, wir wissen ja noch gar nicht wo es hinkommt.

Erst müssen wir doch wieder verauktionirt werden.« Er kümmerte sich

auch, in der Colonie selber angekommen, um gar nichts mehr und ließ die

Kinder für Alles sorgen; nicht einmal nach seinem Bruder frug er. Der

war todt -- so hatte sich ihm der Gedanken wenigstens in der letzten Zeit

in den Kopf gesetzt, und daß man ihm von allen Seiten freundlich

begegnete, daß ihm die Colonisten, die bald die Leidensgeschichte des

armen Mannes von den Übrigen erfahren, Lebensmittel in Masse brachten

und ihn in einem kleinen freundlichen Hause einquartierten, nahm er eben

ruhig, kaum dankend hin.

In der Leidenszeit hatte er noch, so viel es möglicher Weise ging, den

Kopf oben behalten und für sich und die Seinen gedacht, jetzt aber, mit

dem völligen Wechsel seines Lebens und der ruhigen Zeit an Bord war eine

Art Erschlaffung eingetreten, und es bedurfte starker Mittel ihn daraus

zu wecken -- aber es geschah.

Sein Bruder lebte wirklich noch und in den besten Verhältnissen auf

einer kleinen Seitencolonie, etwa zwei Stunden von Blumenau entfernt.

Fürchtegott hatte das auch bald ausgekundschaftet und Hannchen indessen

die Sorge für den Vater überlassend, war er hinausgeeilt um ihn

aufzusuchen.

Franz, wie dieser hieß, eilte auch augenblicklich mit dem neugefundenen

Neffen zurück nach Blumenau und unterwegs mußte ihm dieser die traurigen

Schicksale seiner Familie ausführlich erzählen. Auch von dem Zustand des

Vaters sprach er dabei, der jetzt theilnahmlos und ineinander gebrochen

und nur still vor sich hinbrütend da sitze und von Nichts mehr wissen

wolle. Bruder Franz aber nahm das sehr leicht. Solche derbe Naturen

können gewöhnlich wohl gebogen aber selten geistig gebrochen werden --

Carl Gottlieb war eben nur gebogen und den wollten sie schon wieder

gerade bringen.

Rührend war das Wiedersehen der beiden Brüder. Behrens selber weinte wie

ein Kind, und selbst dem wetterharten brasilianischen Landmann liefen

die Thränen an den Backen nieder, als er die Jammergestalt vor sich sah.

Er hätte ihn auch gewiß im Leben nicht wieder erkannt, aber er war auch

praktischer Natur und gab sich nicht lange doch nutzlosen

Gefühlsäußerungen hin.

Behrens mußte mit ihm hinaus auf die Facienda oder Farm, und dort selber

ein Stück Land bekommen, daß er wieder Lust am Leben und -- was bei ihm

bis jetzt ja gleichbedeutend gewesen -- am Arbeiten fand. Und was für

rüstige Kräfte standen ihm dabei zur Seite. Fürchtegott sah jetzt

allerdings elend genug aus, aber in vier Wochen sollte sich der schon

wieder herausfüttern -- Hannchen war ein prächtiges Mädchen geworden,

und ja auch, selbst in Minas Geraes, immer gesund geblieben, der

Christian konnte ebenfalls schon tüchtig mit zufassen, und die Lisbeth

versprach vollkommen in Hannchens Fußtapfen zu treten. Mit vier

=solchen= Kindern brauchte er hier Nichts zu fürchten, und wenn er

selber auch keinen Schlag Arbeit mehr that. Hatte er früher für =sie=

nach besten Kräften geschafft, so durften und mußten sie das jetzt auch

für ihn thun, und Lust und Liebe dazu hatten sie ja Alle.

Und wie freundlich war das ganze Land hier, auf dem nicht die drückende

Hitze lag, die ihnen in Minas Geraes und mitten in jenem

engeingeschlossenen Thal, das Mark in den Knochen vertrocknet hatte. Es

war Winter -- Winter allerdings nicht wie bei uns mit Schnee und Eis,

aber ein Winter wie in Deutschland der Monat Mai, mit erfrischenden

Regen und kühlen, herrlichen Nächten und doch wieder heiteren sonnigen

Tagen dazwischen.

Und wie heimelte sie das Land selber an. Nicht mehr von lauter

widerlichen Negersclaven sahen sie sich umgeben, die in der fremden

Sprache nur mit ihnen verkehrten. Nur deutsche so lang entbehrte

deutsche Laute grüßten hier ihr Ohr und wohin das Auge fiel traf es auf

freundliche, wohnliche Häuser, auf blühende Gärten, auf fruchtbare

gutgehaltene Felder die den Wohlstand ihrer Eigenthümer bezeugten, und

als sie endlich des Bruders Platz erreichten, wollten sie kaum glauben

daß sie =jetzt= da wohnen sollten -- wohnen einmal wieder wie Menschen

und von wackeren Verwandten geliebt und gepflegt.

Die Colonie Blumenau ist in der That eine der bestgehaltensten und am

Besten bewirthschafteten in ganz Süd-Brasilien. Der Direktor dort, der

_Dr._ Blumenau hat auch fast sein ganzes Leben daran gewandt sie zu

pflegen und emporzubringen und da die brasilianische Regierung sogar ein

Verbot gegen Sclaverei in diesen deutschen Colonien erlassen hat, behält

die freie Arbeit nicht allein ihren Werth, sondern die Deutschen sind

auch der unangenehmen Gesellschaft der Neger enthoben, von denen sich

nur Einzelne, aber ebenfalls frei, als Dienstboten unter ihnen

aufhalten.

Franz Behrens, während er den Bruder vor der Hand vollkommen sich selber

überließ, sorgte indeß für ihn und ging selber zum Direktor um mit

diesem zu berathen wie der Familie am Besten und Leichtesten geholfen

werden könne, und wo ein =Wille= ist, giebt es auch gewöhnlich ein

Mittel.

Nicht weit von dort, wo sich Franz Behrens angesiedelt hatte, lag eine

kleine schon bebaute Facienda, mit einem wohnlichen Haus darauf, die der

jetzige Besitzer, der gern nach einer anderen Colonie übersiedeln

wollte, weil sich seine einzige Tochter dorthin verheirathet, zum

Verkauf ausgeboten. Die Summe war allerdings nicht unbedeutend und

Behrens besaß durch die in Rio für ihn veranstaltete Sammlung wohl ein

=kleines= Capital, aber nicht annährend genug um das zu zahlen -- doch

das schadete Nichts. Der Eigenthümer war selber ein wohlhabender Mann,

der das Geld nicht nothwendig gebrauchte, und verstand sich gern dazu

dem Käufer lange Termine zu stellen, in denen er das erstandene

Grundstück abbezahlen konnte. Der Direktor ebenso, der ihnen jede in

seinen Kräften stehende Hülfe zusagte, unterstützte sie im Anfang mit

allem nothwendigen Ackergeräth, wie auch der Bruder in vielen Stücken

aushalf und ihnen mit Rath und That beistand. Und jetzt erst gewann

Behrens selber das vollständig verlorene Vertrauen wieder.

* * * * *

Die ersten Wochen allerdings war es fast als ob er gar keinen Theil mehr

an den Arbeiten der Kinder nehmen wolle, und nur erst, wie er das die

langen Jahre gewohnt gewesen, -- auf den Negertreiber wartete, der sie

zur gezwungenen Arbeit rief -- aber das hielt nicht lange an. Mit der

Zunahme seiner fast erschöpft gewesenen Kräfte, erwachte auch die alte

Lust zum Schaffen in ihm, und noch war kein Monat vergangen als er das

drückende Gefühl der Knechtschaft, das bis dahin auf ihm gelegen,

vollständig abgeschüttelt hatte. Er konnte freilich nicht gleich fassen

und begreifen daß das Land auf dem er jetzt -- und nicht etwa mehr als

er je gethan, arbeitete, mit dieser Arbeit in kurzer Zeit sein Eigenthum

werden, und wenn er einmal starb, seinen Kindern gehören solle -- Du

lieber Gott, er war ja gar nicht gewohnt gewesen irgend etwas eigen zu

haben, als sein eigenes Elend, aber endlich lebte er sich auch selbst

dahinein, und mit welcher Lust und Liebe griff er von da an zu, und wie

rasch kräftigte sich der fast aufgeriebene Körper.

* * * * *

Und dabei blieb es nicht; Hannchen heirathete zwei Jahre später einen

jungen deutschen Bauer, der eine der größten Facienden in der ganzen

Colonie hatte. Dieser aber unterstützte den Schwiegervater dafür auch

durch ein halb Dutzend Milchkühe, die er ihm eines Morgens auf den Hof

trieb und während die indeß auch sechzehn Jahre gewordene Lisbeth jetzt

die häusliche Wirthschaft führte, hatte der Fleiß des alten Behrens wie

seiner beiden Söhne sie so rasch vorwärts geschafft daß er, mit einigen

glücklichen Erndten und guten Preisen, schon nach fünf Jahren das ganze

Landgut freigearbeitet hatte.

Auch die andere Familie war in der Colonie untergebracht worden, und

wenn sie auch nicht so rasch vorrückte wie Behrens mit Hülfe seiner

erwachsenen Knaben, so lebten sie doch hier sorgenfrei und jedes Zwangs

enthoben und sahen dabei wie sich ihre Umstände zusehens von Jahr zu

Jahr verbesserten.

So waren denn wenigstens diese zwei Familien vom augenscheinlichen

Verderben gerettet worden, dem sie sicher, in der Gewalt jenes

gewissenlosen Sclavenhalters, entgegen gingen. Die freien schönen

Colonien von Süd-Brasilien boten ihnen ein unbeschränktes Feld für ihre

Thätigkeit und in einem gesunden Klima sahen sie einer frohen Zukunft

entgegen.

Aber die Regierung konnte freilich nicht all den Unglücklichen helfen,

die auf falsche und betrügerische Versprechungen hin thöricht genug

gewesen waren, derartige Verträge mit den Sclavenhaltern der heißen

Provinzen oder deren Helfershelfern, den hiesigen Agenten einzugehen. Wo

ihr bestimmte und motivirte Klagen vorgelegt wurden, war sie im Stande,

einzuschreiten, und das geschah nicht selten. Leider aber blieb das

ähnliche Unglück von Tausenden, die in dem weiten Land zerstreut waren,

ihr verborgen, und sie that das Einzige, was ihr da noch übrig blieb:

sie ließ die Deutschen selber vor dem Abschluß solcher Parcerie-Verträge

warnen.

Druck von Otto Wigand in Leipzig.

Fußnoten

[1] Das Wort Parcerie, was eigentlich in den brasilianischen Verträgen

_Parçarie_ heißen sollte, nach dem portugiesischen Wort _parçaria_, ein

Antheil, eine gemeinschaftliche Gesellschaft -- bedeutet eine Art von

Contract nach welchem sich hiesige Arbeiter gewöhnlich verpflichten,

nach unentgeltlicher Überfahrt in einen fremden Welttheil, so lange für

ihren neuen Herrn zu arbeiten, bis sie die, durch ihren Transport

angewachsenen Kosten abverdient haben. Sie bekommen aber dafür keinen

bestimmten Tagelohn, sondern sind auf einen Antheil am =Gewinn=

beschränkt, der in den betrügerischen Contracten gewöhnlich so

hingestellt ist, daß der Arbeiter glauben soll, er bekomme die Hälfte

vom Gewinn des Ganzen, während es aber doch nur meint daß er die Hälfte

dessen bekommen soll was er etwa verdient. Aber selbst das ist

eingebildet, denn er verdient eben Nichts wenn sein Herr beweisen kann

daß er selber keinen Nutzen in einem Jahr gehabt hat und in tausend

Fällen sind deshalb schon diese Verträge von gewissenlosen Pflanzern

gemißbraucht worden.

[2] Das betreffende Document ist =wörtlich= -- mit Ausschluß der Namen

-- einem derartigen Parcerie-Vertrag entnommen, und mag als Beweis

dienen, wie leichtsinnig zahllose Menschen derartige Schriftstücke

unterzeichnen, und sich dadurch binden, ohne eine Ahnung über deren

Tragweite zu haben.

[3] Ich kann Auswanderer nicht genug davor warnen, sich von =irgend=

einem Agenten Entfernungen auf den Karten zeigen und erklären zu lassen.

Denn Nichts auf der Gottes Welt ist unzuverlässiger als ein solcher

Beweis, Leuten gegenüber, die kein Verständniß über die Schwierigkeiten

und Entfernungen in fremden, besonders wilden Ländern haben können. Ich

will hier nur =ein= Beispiel anführen. Die deutsche Colonie Pozuzo in

Peru liegt auf der großen Weltkarte nur etwa drei Viertel-Zoll von Lima

entfernt, und ich gebrauchte =allein= und =ohne= Gepäck nur mit meiner

Satteltasche und theils zu Pferd, theils zu Fuß, weil die Wege zu

entsetzlich waren, unter den größten Beschwerden und selbst Gefahren

=achtzehn= Tage um sie zu erreichen. Solche Kunstgriffe, wie hier Herr

Kollboeker anwendet, sind aber nur zu häufig von schurkischen Agenten

gebraucht und benutzt worden, um arme unwissende Menschen dorthin zu

schaffen wo =sie= einen Nutzen von ihnen erwarteten. Was aus den Armen

nachher wurde, kümmerte sie wahrhaftig nicht.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene

Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden

durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche

Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln und in der Zeichensetzung

wurde der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen

Änderungen befindet sich hier am Buchende, Änderungen bei falsch gesetzten

oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht aufgeführt.

Das Inhaltsverzeichnis ist im Original nicht enthalten und wurde

hinzugefügt.

Änderungen

Seitenangabe

originaler Text

geänderter Text

Seite X

wieder mit gewaffneter Macht in Aurakanien eingefallen

wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien eingefallen

Seite 14

unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56" S. Br.)

unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S. Br.)

Seite 17

Die Stadt -- ein kleine Residenz in Thüringen

Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thüringen

Seite 19

der Wohnung des Doctor Maller, Andreas' Brodherrn, zu

der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, zu

Seite 60

die doch dicht gedrängt um die Fallreeptstreppe

die doch dicht gedrängt um die Fallreepstreppe

Seite 74

eine Familie aus Hessen, Mann Frau und zwei erwachsene Söhne

eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und zwei erwachsene Söhne

Seite 82

aber der Aufenhalt war dort wenigstens luftig

aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig

Seite 118

Auch daüber freute sich Senhor Almeira nicht

Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht

Seite 127

denn wenn sie länger in Brasilien sind

denn wenn Sie länger in Brasilien sind

Seite 138

Dem Ministerium liegt besondes daran

Dem Ministerium liegt besonders daran

Seite 139

mit einer Entschädigungsklage für Ihr Schützlinge

mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge

Seite 143

dann wäre Alles gut -- Alles

dann wäre Alles gut -- Alles. ]

End of Project Gutenberg's Ein Parcerie-Vertrag, by Friedrich Gerstäcker

Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde · 第 11 / 11 段