So hatte er denn in kaum einer halben Stunde die Schicksale der armen

Auswanderer genau und vollkommen kennen gelernt, aber er hörte ihm nur

zu, und versprach ihm nicht etwa, daß er ihm helfen und die Familie aus

ihrer traurigen Lage befreien wolle. Er war nur ein Reisender, wie er

sagte, der zufällig in diese Gegend gekommen, um das Land kennen zu

lernen und sich mit den Zuständen desselben bekannt zu machen. Was aber

in seinen Kräften stand, versprach er zu thun, um den Leuten Recht zu

verschaffen, sie sollten nur nicht glauben, daß das so schnell gehen

könne. Brasilien sei ein zu großes Land, und man müsse immer eine weite

Strecke von einem Ort zum anderen reisen, wenn man irgend etwas

erreichen wolle.

In dieser Zeit kamen auch die übrigen Leute von der Arbeit zurück, und

Behrens sah, wie Senhor Almeira ebenfalls an ihrer Hütte vorüber seinem

Hause zusprengte, plötzlich aber sein Thier herumwarf, als er das fremde

Pferd am Hause bemerkte.

»Das ist der Herr,« sagte der Arbeiter scheu zu seinem Gast, indem er

hinaus deutete, »der wird Sie jetzt mit sich hinauf nehmen.«

»Ach,« lächelte der Fremde, »da werde ich mich ihm vorstellen müssen; --

also habt guten Muth, Freund; es ist allerdings eine schwere Zeit, die

Ihr hier durchgemacht, aber vielleicht wird doch noch einmal Alles

besser. Ist das Eure Tochter?«

»Ja, Herr, meine Älteste.«

»Ein liebes, freundliches Kind. Nun, lebt wohl für jetzt; der Herr da

draußen wird ungeduldig, und wir dürfen ihn nicht böse machen --« und

damit nickte er den Deutschen zu und schritt hinaus zu seinem eigenen

Thier, neben welchem Senhor Almeira hielt und die Hütte schon mehrmals

mit »Hallo! He da drinnen!« angerufen hatte. Der Brasilianer schien auch

eben nicht besonders erfreut, den fremden, sehr anständig gekleideten

Herrn aus der Hütte seiner Arbeiter kommen zu sehen. Was hatte er mit

denen zu schaffen, daß er sich nicht vorher an ihn selber gewandt? Und

seine Stirn zog sich zuerst in düstere Falten. Der Fremde schien das

aber gar nicht zu beachten oder nur zu bemerken.

»Habe ich das Vergnügen, Senhor Almeira zu sehen?« sagte er, indem er

hinaustrat und ihn höflich, aber auch nur leicht grüßte.

»Das ist allerdings meine Name,« sagte der Brasilianer, »aber hier nicht

meine Wohnung, -- mein Haus liegt dort.«

»Ja, ich weiß,« lächelte der Fremde, »könnte mir auch nicht denken,

verehrter Herr, daß Sie selber in solch einem =Stall= wohnen würden.«

Es lag ein so eigener, trotziger Spott in den Worten, und doch war das

ganze Wesen des Fremden dabei so achtungsvoll und höflich, daß Almeira

nicht gleich wußte, was er aus ihm machen sollte. Jedenfalls mußte er

aber herausbekommen, was der Fremde hier bei ihm wolle, oder ob sein

Besuch nur eben zufällig, vielleicht auf der Durchreise nach irgend

einer anderen Facienda sei; auch sprach er das Portugiesische so

fließend, daß er über seine Landsmannschaft ganz irre wurde. Übrigens

verstand es sich, der gastlichen brasilianischen Sitte nach, ganz von

selber, daß jeder anständig gekleidete Reisende auch ohne Weiteres in

das Herrenhaus geladen wurde, wo er so lange blieb, als es ihm gefiel.

Die Facienderos im Inneren, auf ihren einsam und vereinzelt gelegenen

Plantagen, freuen sich ja nur überdies, die Monotonie ihres täglichen

Lebens manchmal durch einen Besuch unterbrochen zu sehen; hören sie dann

doch auch immer wieder etwas von der Welt da draußen.

»Darf ich Sie dann bitten, mich zu begleiten?« sagte der Brasilianer

deshalb auch mit einer einladenden Bewegung seiner Hand nach dem Haus

hinauf, »wir haben nicht weit.«

»Wenn Sie mir erlauben, Senhor, mit dem größten Vergnügen,« und der

Fremde ging zu seinem Pferd, das schon einer der rasch herbeigesprungenen

Negerburschen losgemacht hatte, während er ihm die Steigbügel hielt,

und gleich darauf sprengten die beiden Herren dem großen Hause zu.

Zehntes Capitel.

Der neue Besuch.

Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß wir, gar nicht etwa so selten

im Leben, Menschen begegnen, die uns bei ihrem ersten Anblick abstoßen,

ja, die wir =hassen=, ohne uns den geringsten Grund dafür angeben zu

können. Woher das Gefühl kommt, wer kann es sagen; sie haben uns noch

nichts zu Leide gethan, ja sind höflich, vielleicht gar freundlich mit

uns gewesen, und trotzdem schnürt es uns in ihrer Gegenwart das Herz

zusammen, und wir fühlen eine Last von unserer Seele genommen, wenn sie

uns wieder verlassen.

Sonderbarer Weise bleibt auch diese Empfindung fast stets gegenseitig,

und eben so ist es mit dem Gegentheil der Fall, mit Liebe und

Freundschaft auf =einen= Blick, auf einen Händedruck geschlossen. Es

gehört das jedenfalls zu den unbegriffenen Räthseln unseres

Seelenlebens, die uns verborgen bleiben sollen, und die kein Denker je

ergründen wird.

Senhor Almeira hatte jedenfalls ein solches Gefühl, als er mit seinem

Gast dem Hause zuritt, und freundlicher wurde er dadurch wahrlich auch

nicht gegen ihn gestimmt, als er dort erfuhr, daß der Herr schon vorher

am Hause gewesen, und trotz der Einladung der Senhora wieder zu der

Hütte der deutschen Arbeiter zurückgeritten sei. Was kümmerten ihn die,

daß er ihre Gesellschaft sogar suchte? Aber das mußte sich bald

herausstellen, und vor allen Dingen durften die Formen der Höflichkeit,

die so Manches übertünchen, nicht außer Acht gelassen werden.

Der Gast lehnte indessen das noch immer seiner harrende Frühstück sehr

artig ab, da er erklärte, sich Provisionen von der letzten Facienda

mitgenommen und unterwegs sehr romantisch unter einer Palme gefrühstückt

zu haben. Nur ein Glas Wein konnte er nicht ausschlagen und eine

Cigarre, und unendlich liebenswürdig zeigte sich die junge Dame vom Haus

gegen ihn, als sie fand, daß er eben so gut Französisch als

Portugiesisch sprach. Außerdem kam er, wie er erzählte, direct aus der

Hauptstadt des Landes, aus Rio de Janeiro, -- =ihrem= Rio, wie sie

sagte, nach dem sie sich ewig und unendlich sehnte, und das Kleinste und

Geringste von dorther hatte ja das spannendste Interesse für sie, die

sie hier »weggesetzt in eine Wüste« saß, und, wie sie meinte, vor

Langeweile eines langsamen Todes stürbe.

Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht, und zog nur heftiger an

seiner Cigarre.

»Und was bringt =Sie= in diese =Wüste=, mein verehrter Senhor,« sagte er

nach einer Weile, »wenn meine arme Frau denn wirklich recht hätte,

unsere sonst so sehr freundlich gelegene Facienda so zu nennen. Wollen

Sie noch weiter in das Innere?«

»Ich glaube kaum, mein verehrter Herr,« erwiderte der Deutsche, »habe

auch, wie Sie sehen, als einziges Gepäck nur meine sehr kleine

Satteltasche mit etwas Wäsche bei mir. Die einzige Absicht auch, Senhor,

in der ich hierherkam, war, um mich nach den Verhältnissen einiger

deutscher Landsleute zu erkundigen, von denen ich in Porto Seguro,

ebenfalls von einem Landsmann, gehört, daß es ihnen sehr schlecht

ginge.«

»Doch nicht bei mir, wie ich hoffen will,« sagte Senhor Almeira mit

einem so finster drohenden Blick, daß seine Frau ordentlich darüber

erschrak.

Der Deutsche aber fuhr eben so höflich fort: »Allerdings, Senhor. Unsere

Regierungen daheim fangen doch nachgerade an, auf die hier in Brasilien

mit deutschen Auswanderern abgeschlossenen Verträge aufmerksam zu

werden, was ich ihnen nicht einmal zum Verdienst anrechne, denn sie

hätten es schon lange thun sollen, und es bleibt da immer interessant,

sich einmal an Ort und Stelle nach den Verhältnissen derselben zu

erkundigen.«

»Und haben Sie eine =Vollmacht=, das zu thun?«

»Nein, Senhor,« sagte der Deutsche freundlich, »nicht die geringste,

denn die könnte auch nur, wie Sie selber recht gut wissen, von Ihrer

eigenen Regierung ausgehen, da keine andere hier im Lande Geltung haben

würde.«

Almeira lachte laut auf. »Und was brachte Sie auf die wunderliche Idee,«

rief er, »zu glauben, daß wir hier verpflichtet sind jedem

herge--kommenen Fremden die Verhältnisse unserer Arbeiter vorzulegen?«

»Verpflichtet gar nicht, verehrter Herr,« lächelte der Deutsche, »nur

Ihrem eigenen Ermessen soll es überlassen bleiben, ob Sie mir den

Contract und den gegenwärtigen Stand der Schulden der Familie vorlegen

wollen.«

»Ich danke Ihnen.«

»Bitte, gar nichts zu danken, -- die armen Leute sind nicht im Stande,

sich einen klaren Einblick in die über ihre Schuld und ebensowohl über

ihr Guthaben geführten Bücher zu verschaffen, und haben mich deshalb

gebeten, es für sie zu thun.«

»=Sie?=«

»Allerdings, -- denn dazu sind Sie allerdings durch die Gesetze des

Landes verpflichtet, dem Arbeiter jeder Zeit --=wenigstens= doch jedes

Jahr einmal -- einen Abschluß Ihrer Bücher, so weit es die Arbeiter

selber betrifft, vorzulegen.«

»Und wer sagt Ihnen, daß ich überhaupt Bücher darüber geführt habe?«

»Sie scherzen,« lächelte der Deutsche wieder, »es wäre die größte

Beleidigung, die ich gegen Sie aussprechen könnte, wenn sie auch nur die

=Vermuthung= enthielte, daß Sie es =nicht= gethan. Sie wissen doch

gewiß, daß =Zuchthausstrafe= auf einem solchen Vergehen stünde.«

Almeira erbleichte, denn es lag so etwas Bestimmtes, Entschiedenes in

dem Wesen des Fremden, daß es ihm, wie er sich auch dagegen sträuben

mochte, imponirte.

»Sie haben Recht,« sagte er nach einer kleinen Pause, während welcher

ihn der Deutsche freundlich und wie erwartend ansah, »allerdings ist

Buch über jeden für die Leute verausgabten Reïs, wie über Alles, was sie

mir geleistet haben, geführt, aber ich glaube kaum, daß ich Ihrem Wunsch

willfahren kann, Ihnen, einem vollkommen fremden Menschen, Einblick

dahinein zu gestatten, da es Ihnen zugleich einen Einblick in mein

ganzes Geschäft gewähren würde.«

»Wie Sie darüber denken, verehrter Herr,« erwiderte der Fremde mit

demselben Lächeln, »es fällt mir auch nicht ein Sie darin zu drängen.

Sie haben mir nur einfach, ehe ich die Facienda wieder verlasse, zu

sagen, ob Sie mir den Stand der Ihnen überlassenen deutschen Arbeiter

vorlegen wollen, oder ob Sie es mir verweigern, -- weiter nichts.«

Almeira war aufgestanden und ging mit untergeschlagenen Armen hastig und

finster vor sich hinbrütend ein paar Mal auf der Veranda auf und ab.

»Und wenn ich es Ihnen verweigere?« sagte er plötzlich, indem er vor

seinem Gast stehen blieb und ihn fest ansah.

»Dann setze ich mich einfach auf mein Pferd,« lächelte dieser, »und

reite nach Porto Seguro zurück. Sie haben vollständig Ihren freien

Willen.«

Die Worte klangen so harmlos, wie nur möglich, aber selbst die Senhora

fühlte, daß ein tieferer und drohenderer Sinn darin lag, und unruhig und

scheu flog ihr Blick von einem der Männer zum anderen.

»Weshalb auch nicht,« sagte Almeira plötzlich leichthin und lachend,

»die Zumuthung kam mir allerdings im ersten Augenblick sonderbar vor,

wenn es die Deutschen aber selber wünschen, sehe ich nicht den

geringsten Grund dafür, es Ihnen zu verweigern (der Fremde verbeugte

sich leicht) und wenn es Ihnen recht ist, können wir gleich daran gehen,

um die unangenehme Sache zu beseitigen.«

»Wie Sie es wünschen, Senhor,« lautete die Antwort, »ich muß Sie dann

noch bitten, Einen der Arbeiter dazu zu rufen, weil ich selber doch mit

den hiesigen Verhältnissen nicht bekannt bin.«

»Die Leute sind jetzt wieder an der Arbeit,« sagte der Brasilianer kurz.

»Der Eine, der Behrens, den ich vorhin gesprochen, ist zu Haus, weil er

sich noch nicht wohl befindet.«

»Das weiß Gott,« seufzte Almeira, »die Familie kostet mich schon viel

Geld, und ich wollte, ich hätte sie im Leben nicht gesehen.«

»Wären Sie vielleicht so freundlich, einen Neger hinüber zu senden, es

würde die Sache vereinfachen.«

Die Senhora warf einen fragenden Blick auf den Brasilianer. Dieser

schien nicht recht mit der Zumuthung einverstanden, aber er sah auch

wohl, daß es sich nicht mehr umgehen ließ, -- er nickte, und ein kleines

Mädchen wurde augenblicklich abgesandt, um den verlangten Arbeiter

herbei zu holen.

»Monsieur,« sagte aber die junge Französin, »Sie haben mich sehr

getäuscht.«

»Ich würde unendlich bedauern --«

»Ich erwartete und =hoffte= mit Ihnen eine langersehnte und angenehme

Unterhaltung führen zu können, und statt dessen brechen Sie uns sogar

noch mit entsetzlichen Geschichten ins Haus, die Sie vielleicht eine

volle Stunde in Anspruch nehmen, während ich darauf brenne, mehr und

Ausführlicheres über Rio de Janeiro zu hören.«

»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte der Fremde artig, »daß wir =sehr= rasch

über unser langweiliges Geschäft hinwegkommen werden. Ich verspreche

Ihnen sogar, es so viel als möglich zu beeilen, -- so weit das nämlich

in =meinen= Kräften steht. Nicht wahr, Senhor, Sie fühlen auch kein

besonderes Bedürfniß, sich lange damit zu befassen?«

»Ich müßte es lügen,« sagte der Brasilianer trocken, »aber da kommt

unser Mann. Bitte, liebes Kind, laß uns einen Augenblick allein, damit

wir die Sache beenden. -- Du interessirst Dich doch nicht dafür, und ich

möchte Dich der -- Gesellschaft entheben.«

»Wenn Sie es mir erlauben, Senhor« sagte die junge Frau, »so bleibe ich

hier und höre ein wenig zu. Man muß sich mit =allen= Verhältnissen ein

wenig bekannt machen und drüben -- langweile ich mich nur =noch= mehr.«

Der Brasilianer zuckte mit den Achseln; er wußte recht gut daß er nur zu

widersprechen brauchte, um die junge Frau noch mehr in ihrer Absicht zu

bestärken. =So= hoffte er, daß sie es bald von selber satt bekommen

würde.

So nickte er denn einem der Negerknaben zu, ihm zu folgen und kehrte

bald wieder mit diesem, der ein paar große Bücher auf dem Arm trug und

auf den nächsten Tisch legte, zurück.

Auch Behrens war indessen herangekommen und blieb mit dem Hut in der

Hand unten an der Verandatreppe in der Sonne stehen.

Almeira mußte ihn auch jedenfalls bemerkt haben, sagte aber nichts, und

der Fremde schien absichtlich darauf gewartet zu haben. Jetzt, sich

plötzlich gegen den Deutschen wendend, rief er diesem zu, herauf und in

den Schatten zu kommen. Sie wollten seine Rechnung durchsehen und er

sollte dabei sein, damit man ihn im Nothfalle über Einzelnes fragen

könne.

Behrens folgte schüchtern der Einladung und grüßte höflich nach allen

Seiten. Die Senhora dankte ihm auch mit einem freundlichen Nicken.

Senhor Almeira aber würdigte ihn keines Blicks, und nur erst als ihm der

Fremde einen Stuhl hinschob, -- denn er sah, daß der Mann vor Schwäche

kaum noch stehen konnte, -- blitzte er ihn zornig mit den Augen an, --

ließ sich aber auch =das= gefallen; es ging ja jetzt Alles in Einem hin.

»Dürfte ich Sie vor allen Dingen um den Contract bitten, Senhor?«

Almeira zögerte einen Moment, nahm ihn aber gleich darauf aus einem

Couvert heraus und schob ihn auf den Tisch.

Der Fremde las ihn kopfschüttelnd durch und sagte dann lächelnd zu

Almeira: »Man sollte es kaum für möglich halten, daß irgend ein Mensch,

der nur noch einen Funken von Verstand in seinem Hirn herum trägt, einen

=solchen Contract= unterschreiben könnte. Ich brauche den Mann auch gar

nicht zu fragen, ob ihm Alles gehalten wurde was darin steht, denn es

ist ihm nichts versprochen. Nur eine Frage: hat Behrens denn seine

Arbeit ordentlich und stet gethan, Senhor?«

»-- Ich glaube, ja --« erwiderte der Brasilianer nach einigem Zögern,

»unbehülflich sind die Leute zwar und entsetzlich langsam, aber doch so

ziemlich willig. Nur mit ihren vielen Krankheiten haben sie mir zu

schaffen gemacht und entsetzliches Geld für den Doctor gekostet, der

jedes Mal fünfundzwanzig Milreïs für einen Ritt hier heraus bekommt.«

»Hm,« sagte der Fremde, »und zahlt das der Arbeitgeber oder der Arbeiter

selber?«

»Wenn er nach dem Doctor verlangt, gewiß der Arbeiter,« lautete die

Antwort, »wie käme =ich= dazu, für Jemanden den Arzt zu zahlen, der bei

mir nur auf Theilung des Gewinns dient.«

»Ach ja, so. Entschuldigen Sie. Halt, hier ist dem Mann aber wirklich

etwas versprochen für Gartenplatz. Habt Ihr den angewiesen bekommen,

Freund?«

»Ja, Herr,« sagte Behrens, »aber erst nach langer Zeit, und dann hat ihn

uns der Herr, als wir ihn urbar gemacht, wieder weggenommen und uns ein

anderes wildes Stück Land dafür gegeben.«

Der Fremde zuckte die Achseln und sagte -- vielleicht absichtlich -- in

portugiesischer Sprache: »Ja dagegen läßt sich nichts machen, Freund.

Euer Herr ist da, =diesem= Contract nach, ganz in seinem Recht. Erstlich

ist gar nicht darin gesagt, =wann= Ihr das Land bekommen solltet, und

dann steht nur darin, daß Euch »»ein Stück Land«« =angewiesen= würde,

nirgends aber, daß Ihr es auch zur steten Benutzung behalten sollt.«

»Versteht sich von selber,« bestätigte Almeira, »aber das ist eben das

Unglück mit solchen Leuten, daß sie nie an den Nutzen ihres Herrn,

sondern nur immer an den eigenen denken.«

»Aber wenn der Mann das Land doch für sich selber bekommen,« sagte die

Senhora erstaunt, »und für sich selber urbar gemacht hat, so sollte ich

denken --«

»Das verstehst Du nicht mein liebes Kind,« unterbrach sie aber der

Brasilianer, »der ganze Vertrag ist ja auf Gegenseitigkeit gegründet,

und während der Garten zur Kaffeeplantage geschlagen wird, bekommt er ja

doch auch seinen Nutzen davon. José, bring noch eine Flasche Wein aus

dem Keller herauf.«

Behrens verstand nur unvollständig, was dort gesprochen wurde, aber so

nahe es ihn auch selber anging, er war in den langen Jahren abgestumpft

gegen Alles geworden, sah auch jetzt, daß =der= Deutsche hier nicht viel

besser, als der frühere sei, wenn er sich auch mit ihm unterhalten

hatte.

»Und welche Auslagen hatten Sie für diese Familie? Sie entschuldigen,

ist es die einzige oder haben Sie deren mehr?«

»Ich war damals thöricht genug, zwei anzunehmen.«

»In der That? Aber wir wollen uns vor der Hand nur mit dieser einzigen

beschäftigen, -- also welche Auslagen hatten Sie, außer denen, die hier

auf dem Contract noch nicht einmal ausgefüllt stehen?«

»Diabo!« sagte der Brasilianer, »mehr, als die Leute in der nächsten

Zeit im Stande sein werden, abzuverdienen, denn fortwährend quälen sie

mich um Baumwollenzeug, Schuhe, Hüte und tausend andere Dinge, von denen

ich kaum genug herbeischaffen kann. Dies sind hier die ersten Auslagen:

Schiffstransport, auch die Reise in Deutschland selber bis an Bord, und

der Aufenthalt dort im Gasthof vier Tage.«

»Entschuldigen Sie, waren die Auswanderer selber Schuld an dieser

Verzögerung von vier Tagen?«

»Wie soll =ich= das hier wissen? Diese Summe mußte ich dem Agenten als

Auslagen zurückerstatten.«

»Ah so, das wäre also Sache des Agenten gewesen -- und dann weiter?«

»In Milreïs gerechnet macht das die runde Summe von 520 Milreïs. Dazu

kommt nun noch der Aufenthalt in Porto Seguro, wo ich sie mußte

beköstigen lassen, und der Transport hier heraus auf Maulthieren.«

»Wir sind zu Fuß gegangen,« sagte Behrens, der ruhig dabei stand und

zuhörte.

»In der That, den ganzen Weg?«

»Aber Euer Gepäck habt Ihr wohl etwa auf den Schultern getragen, wie?«

sagte Almeira, ohne den Deutschen dabei anzusehen.

»Wir hatten an den Kindern genug zu schleppen in der Hitze,« seufzte

Behrens.

»Aber Eure Frau ist geritten.«

»Gott hab sie selig,« sagte Behrens scheu, »ja, wie sie es endlich nicht

mehr ermachen konnte und zusammenbrach. Es war zu viel für sie und die

Kinder, und sie hat den Marsch nie überwunden.«

»Die armen Leute,« sagte mitleidig die junge Frau.

Der Fremde erwiderte aber gar nichts darauf, sondern ging nur weiter und

sagte: »Und damit hörten Ihre Unkosten wohl auf?«

»Glauben Sie, daß sie in den fünf oder sechs Jahren nichts gegessen und

keine Kleider gebraucht haben?« lachte Almeira.

»Aber das Essen, sollte ich denken --«

»So wie ich ihnen einen Antheil am Gewinn gebe, muß ich sie doch auch

mit den Kosten belasten, nicht wahr?«

»Allerdings, -- das klingt nicht mehr als billig.«

»Sie sehen selber, daß sie niedrig genug angeschlagen sind, -- natürlich

nur das, was mich die Production selber kostet.«

»Versteht sich -- und das Übrige?«

»Für Kleidung und Schuhwerk.«

»Alle Wetter, Ihr Leute,« rief der Fremde, »Ihr habt viel verbraucht,

ich dachte gar nicht, daß Ihr hier einen solchen Staat im Lande macht.«

»Staat?« sagte Behrens wehmüthig und sah auf seine Lumpen nieder, »ja,

wir gehen wirklich zum Staat herum.«

»Aber was ist denn das für ein Posten?« fuhr der Fremde, ohne weiter

darauf einzugehen, fort, »da stehen ja noch einmal 130 Milreïs extra.

Wofür haben sie das gebraucht?«

»Das ist für Einen der sauberen Gesellschaft,« sagte Almeira finster,

»für einen jungen Burschen, der mir gleich im ersten Jahre davon lief,

und für den die Übrigen natürlich mit haften müssen.«

»War das einer von Euren Söhnen, Behrens?«

»Wer?« frug der Deutsche, der das nicht Alles verstanden hatte.

»Nun, der Weggelaufene.«

»Von meinen Söhnen? Nein, wahrlich nicht, lieber Herr; ein

nichtsnutziger Gesell war es, den wir aber erst auf dem Schiff kennen

gelernt haben, und den sie uns mit in das Haus legten, so sehr wir auch

baten, allein zu bleiben.«

»So viel ich im Contract sehe, Senhor Almeira,« sagte der Fremde, »so

sind die Leute nur für ihre eigene Familie solidarisch verpflichtet, der

junge Bursch war aber ein Fremder und geht sie nichts an.«

»Ich habe ihn als zu ihrer Familie gehörig mit überkommen,« rief der

Brasilianer.

»Auf der Auction erstanden, wie? Ist aber doch wohl ein Irrthum. Die

Summe werden Sie streichen müssen.«

»Ehe ich das thue, werde ich die Sache jedenfalls noch näher

untersuchen.«

»Gewiß -- und das Andere? Wie viel hat die Familie nun wohl in den sechs

Jahren verdient?«

»Mein lieber Herr,« sagte der Brasilianer achselzuckend, »wir leiden da

Beide gemeinschaftlich, denn wenn Sie länger in Brasilien sind, werden

Sie wissen, daß der Kaffee noch nie einen so geringen Preis gehabt hat,

als in dieser Zeit. Und Bohnen waren gar nicht abzusetzen, sie sind uns

im Lagerhaus selber gefault.«

»In der That? Dürfte ich mir erlauben zu fragen, was Sie hier für Kaffee

bekommen haben? Ich verstehe selber auch nicht viel davon, interessire

mich aber sehr dafür.«

»Hier haben Sie die Preise ausgeworfen,« sagte der Brasilianer

gleichgültig, indem er das eine Buch aufschlug.

»In der That,« rief der Deutsche erstaunt aus, »das ist sehr wenig, da

hat ja die Arroba in Rio acht und neun Milreïs mehr getragen.«

»Rechnen Sie nur unseren Transport, -- außerdem ist mir in den Jahren

eine ganze Schiffsladung voll verloren gegangen.«

»Welchen Verlust die Arbeiter natürlich mit zu tragen haben.«

»Natürlich, -- ihr ganzer Contract beruht ja auf den Antheil.«

»Der etwas unbestimmt mit =Hälfte des Gewinnes= ausgedrückt ist.«

»Allerdings sehr unbestimmt,« sagte Almeira achselzuckend, »denn man

weiß nicht einmal von was die Hälfte.«

»Also würde nach dieser Übersicht die Familie wohl kaum die Aussicht

haben, in diesem Jahre frei zu kommen.«

»In =diesem= Jahre?« rief Senhor Almeira erstaunt aus, »sie schulden mir

jetzt fast noch mehr, als an dem Tag, an welchem sie auf die Facienda

kamen. Aber was verlangen sie auch mehr? Sie haben zu leben, was sie in

ihrem eigenen Vaterland =nicht= hatten, sonst würden sie es wohl

schwerlich auf einen solchen Contract hin verlassen haben.«

»Es ist freilich immer hart für die armen Leute,« sagte der Deutsche,

»wenn man bedenkt, daß sie eigentlich sechs Jahre hier für =nichts=

gearbeitet haben sollen und dann noch das Gefühl mit sich herumschleppen

müssen, bis über die Ohren in Schulden zu stecken. -- Hattet Ihr

Schulden in Deutschland, Behrens?«

»Nie einen Pfennig, Herr,« sagte Behrens, der mit zitternden Lippen

seinem hier gefällten Urtheil gelauscht, aber auch nicht eine Sylbe

dagegen eingewendet hatte. -- Was half es ihm auch, -- dort stand Alles

schriftlich und sein eigener Name, von ihm selbst geschrieben unter dem

Contract, -- was war da zu machen? Sie =waren= verkauft und blieben

verkauft; selbst der deutsche Herr konnte nichts dagegen thun. Und nicht

einmal den Tod durfte er sich dabei wünschen, denn was sollte dann aus

seinen Kindern werden.

»Ich dachte es mir,« nickte der Fremde. »Recht traurig das, -- aber

wissen Sie wohl, Senhor Almeira, daß Sie da ein gutes Werk thun

könnten?«

»Ich, Senhor? Inwiefern?«

»Die Deutschen haben Ihnen doch, wie Sie selber sagen, wacker gearbeitet

und sind eigentlich unschuldig an den vielen Mißfällen, welche Sie

betroffen.«

»Ich habe ihnen auch nichts davon zur Last gelegt oder es sie entgelten

lassen.«

Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde · 第 9 / 11 段