begleitenden Almeira, der ihm achselzuckend Einiges entgegnete, worauf
der Deutsche langsam mit dem Kopf nickte.
»Eure Nahrung oder Kost habt Ihr doch immer reichlich erhalten?« frug er
dann weiter.
»Ja, Herr,« sagte Behrens, »sie sollen uns auch wohl noch hungern
lassen?«
»Und überarbeiten werdet Ihr Euch nicht?«
»Überarbeitet? man überarbeitet kein Pferd den einen Tag, wenn man es am
nächsten wieder brauchen will -- übrigens können wir's ertragen. Aber ein
Ende möchten wir doch wissen, wann wir je mit unserm Contract zu Ende
kommen, denn auf die Art ist keins abzusehen, und wir sind am Ende gar
auf Lebenszeit verkauft.«
»Aber, Leute, =verkauft= hat Euch Niemand,« sagte der Consul; »es war
doch Euer freier Wille, als Ihr den Contract unterschriebt und auf ein
Schiff gingt.«
»Das schon,« sagte Behrens bitter, »aber wir wußten damals freilich
nicht, daß wir hier wie eine Heerde Schaafe auf offenem Markte
ausgeboten und verauctionirt werden sollten.«
»Verauctionirt?«
»Ja wohl, Herr Consul; fragen sie die Andern, und im Hafen sind auch
noch eine ganze Menge, die Ihnen das bezeugen können.«
»Hm,« sagte der Consul, »das -- das hat vielleicht nur so schlimm
ausgesehen; aber ich werde mich darnach erkundigen. Habt Ihr Euch über
sonst noch etwas zu beklagen?«
»=Sonst noch etwas?=« sagte Behrens, über diese Ruhe und
Gleichgültigkeit erstaunt; »aber ich dächte, =das= wäre schon genug,
wenn man unter den fremden Menschen für Nichts arbeiten soll, und noch
nicht einmal die Aussicht hat, etwas zu bekommen. Doch das nicht allein;
in unserm Contracte steht, daß ich ein Stück Land zu einem Garten soll
angewiesen bekommen, und der Herr hat's mir auch schon versprochen; aber
gekriegt haben wir's nicht, und werden's auch nicht kriegen, wenn Sie
sich nicht der Sache annehmen und uns zu unserem Recht verhelfen.«
»Ich werde mir den Contract zeigen lassen,« sagte der Consul.
»Und dann,« fuhr Behrens fort, »=wie= wohnen wir hier? Wenn sie nur
einmal von ihrem Pferd heruntersteigen wollten, Herr Consul, und sich
den Platz ansehen -- bei uns daheim haben ihn die Kühe genau so, und wie
die Neger wohnen, die nie ein anderes Leben gesehen haben, so sind wir
auch einquartiert, wobei es nur ein reines Wunder ist, daß wir noch
nicht Alle krank geworden.«
»Aber das Dach scheint doch dicht zu sein,« sagte der deutsche Herr,
indem er einen Blick über das Gebäude warf, ohne jedoch der Einladung
Folge zu leisten und näher zu treten.
»Dicht ist's,« sagte jetzt die Frau hinter ihres Mannes Schulter vor;
»nur an der einen Ecke schlägt der Regen etwas herein; aber sonst
gehören keine Menschen hinein, das weiß Gott -- aber Gott weiß hier
eigentlich überhaupt nichts mehr von uns, denn in eine Kirche sind wir
nicht mehr gekommen seit dem letzten Mal daheim, und wenn einer von uns
krank wird, so fragt auch kein Arzt nach uns, und wenn wir sterben --
nun so kommen wir wohl auch in so ein Loch, wie das ist, wo hinein sie
die Neger werfen.«
»Ihr guten Leute,« sagte der Consul, indem er auf seinem Sattel
umherrückte, »Ihr scheint mir über Alles unzufrieden zu sein. Daß Ihr
mitten im brasilianischen Urwald in keine Kirche gehen konntet, mußtet
Ihr doch vorher gewußt haben. Macht nur Eurem Herrn das Leben nicht zu
schwer.«
»Ja, =wir= machen's ihm schwer,« lachte der Mann bitter vor sich hin,
»der hat sich zu beklagen. Sogar dafür, daß der Junge, der Pölke, ihm
weggelaufen ist, wollte er uns verantwortlich machen, und dem seine
Rechnung auf =unsere= Kosten ausgleichen -- aber da müßte ja doch keine
Gerechtigkeit mehr auf der Welt sein, und das wollten wir einmal sehen.«
»Ihr dürft keinen Streit hier anfangen, Leute,« wehrte aber der Consul
ab, »das kann Eure Lage nur verschlimmern -- ich will mit Senhor Almeira
über all Eure Verhältnisse sprechen. Er ist ein sehr braver, billig
denkender Mann; er wird sein Möglichstes thun, um Euch gerecht zu
werden; verlaßt Euch darauf und fahrt nur ruhig und unverdrossen in
Eurer Arbeit fort, ohne den Herrn durch Widersetzlichkeit zu reizen.«
»Ja wohl, Herr Consul,« sagte Behrens bitter -- »ungefähr sowie ich's
mir gedacht habe -- es bleibt eben Alles beim Alten.«
»Das wollen wir erst sehen,« sagte der Consul, indem er sein Pferd
wandte -- »ich werde mir Euren Contract vorlegen lassen und selber
nachsehn. Ich bringe Euch dann noch Antwort, ehe ich gehe,« und zu den
beiden Brasilianern hinüber reitend, die sich indessen mit einander
unterhalten hatten, sprengten die drei Herren wieder zum Haus zurück, wo
indessen, auf der schattigen Veranda, das Frühstück war servirt worden.
»Nun, Senhor,« lachte Almeira, als sie den Platz verließen, »haben sie
Ihnen die Ohren recht voll geklagt?«
»Lieber Gott,« erwiederte der Consul, »ich bin schon daran gewöhnt. Die
Leute sind nie zufrieden, wohin man sie auch bringt, weil sie mit zu
großen Hoffnungen herüber kommen. Übrigens lassen sie sich leicht
behandeln und mit ein wenig Nachsicht werden Sie gewiß mit ihnen fertig
werden. Sie arbeiten doch fleißig?«
»Ich will mich darüber nicht beklagen,« sagte der Brasilianer
gleichgültig, »wenn mir auch =ein= Neger gerade so viel fertig bringt,
wie zwei Deutsche; wenigstens sind sie zuverlässig, und was die
Hauptsache ist, trinken nicht.«
»Dürfte ich Sie nachher wohl einmal um den Contract bitten?«
»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen, -- aber jetzt lassen wir die
langweilige Gesellschaft, denn ich sehe, daß unser Frühstück bereit
ist.«
In der luftigen Veranda des Hauses saßen die drei Herren allein bei
allen Delicatessen, die das reiche Land erzeugte, lachten, plauderten
und tranken den gekühlten Wein dazu. Drinnen in der elenden Negerhütte,
den Kopf in beide Hände gestützt, saß Behrens, der deutsche Arbeiter,
und stierte still und schweigend vor sich nieder, während Keines der
Seinen auch nur ein Wort zu ihm zu reden wagte -- hatte man ihnen doch
eben auch ihre =letzte= Hoffnung genommen.
Wie rasch der Herr Consul übrigens seine Inspectionen beendet, sollten
sie schon am nächsten Mittag erfahren, wo Hannchen die Nachricht nach
Hause brachte, daß der Deutsche mit Tagesgrauen den Platz verlassen
habe, um in der Kühle einen Theil des Weges nach dem Hafen zurück zu
legen. Aber in etwas schien er trotzdem für die Deutschen gewirkt zu
haben, denn Mancal, der Mulatte, betrat bald darauf ebenfalls die Hütte,
und theilte Behrens mit, er werde ihm heute Abend einen Gartenplatz
anweisen, den er für sich benutzen und darauf bauen könne was er wolle.
Es war ein einziger Lichtblick in ihr trauriges Dasein.
Und welchen Platz wies ihm der Gelbe an? -- ein Stück Wald neben der
nächsten Kaffeepflanzung, etwa tausend Schritt von ihrer Hütte entfernt,
und noch mit vielen hohen Bäumen bestanden. Wie mußte er da erst
arbeiten, ehe er nur daran denken konnte den Boden zu benutzen. Doch
murrte er nicht; er war selbst für das Wenige dankbar, und da ihm der
Aufseher sagte, daß er sich da ausbreiten könne soweit er wolle, ging er
mit seinen Kindern schon am nächsten Sonntag an die Arbeit, um das
Ausroden zu beginnen.
Neuntes Capitel.
Die Folgen des Contracts.
Von da an gab es keine Sonntage mehr für die Familie, denn jeder freie
Augenblick mußte benutzt werden, um ihren »Garten« in Stand zu setzen,
und da sie Alle mit größtem Eifer angriffen, ja die nächste Familie
ebenfalls dazugezogen wurde, um den Platz nachher gemeinschaftlich zu
benutzen, rückten sie auch rasch vorwärts.
In zwei Monaten hatten sie schon die Bäume, die nothwendig gefällt
werden mußten, umgeworfen und aus dem Weg gerollt, kleine Fruchtbäume
konnten jetzt schon gepflanzt und der Boden hergerichtet werden, und
noch zwei Monate, und ihr heiß ersehntes Ziel war endlich erreicht, --
der Gartenplatz wenigstens fertig und wurde nun besäet und besteckt.
Die gewöhnliche Arbeit ging indessen fort, wieder ein ganzes Jahr, --
aber die Frau fing an zu kränkeln, -- das feuchte und doch so heiße
Klima sagte ihr nicht zu, und sie wurde häufig von Fiebern heimgesucht,
-- auch das jüngste Kind wollte sich nicht recht kräftigen und machte
ihnen viele Sorge.
Schweres Unglück hatte aber auch in diesem Jahr das Herrenhaus
betroffen, denn Senhora Almeira war gestorben und von all ihren Sclaven
und Dienern auf das Aufrichtigste beweint worden, -- nur nicht von ihrem
Gatten, der sich die letzte Zeit fast gar nicht um sie gekümmert, und
ihre Pflege allein der jungen Deutschen und einer alten, treuen Negerin
überlassen hatte.
Hannchen führte indessen drüben die Wirthschaft im Hause, und zwei
Monate etwa schien das gut zu gehen, -- da kam sie eines Mittags zu ihren
Eltern mit verweinten Augen herüber, und erklärte, daß sie das
Herrenhaus nicht wieder betreten würde.
Die Eltern frugen nicht weshalb, und als Mancal an dem Nachmittag
herunter kam und sie wieder zu ihrem bisher besorgten Dienst schicken
wollte, wies sie ihn mit so zornigen Worten ab und erklärte so bestimmt,
nie wieder anders, als in Gemeinschaft mit ihren Eltern und Geschwistern
zu arbeiten, daß er ordentlich scheu vor dem indessen hoch
aufgeschossenen, bildschönen Mädchen zurücktrat und sie in der Hütte
ließ. Von da ab wurde sie nie wieder in das Herrenhaus gerufen.
Senhor Almeira verließ am nächsten Tag seine Pflanzung. Sie sahen ihn
nach dem Hafen zu reiten, und glaubten, daß er nur einen seiner
gewöhnlichen Besuche dort abstatte, aber er kam nicht zurück. Woche nach
Woche verging, Monat nach Monat, und er ließ sich nicht wieder da
draußen sehen. Aber die Arbeit ging fort und Behrens, der indessen doch
auch ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, verlangte von ihrem Aufseher
zu erfahren, wie ihre Rechnung stand. Dieser freilich zuckte die
Achseln, und meinte, davon wisse er gar nichts. Sein Herr sei mit dem
Dampfer nach Rio Janeiro gefahren und habe ihm nur den Befehl
hinterlassen, die Arbeiten bis zu seiner Rückkunft in der gewöhnlichen
Art fortzuführen. Er könne aber kaum mehr lange ausbleiben, und dann
möge er mit ihm selber sprechen, -- bis dahin müßten sie sich gedulden.
Die Frau wurde indessen kränker, und Behrens verlangte einen Arzt.
Mancal versprach ihm, nach der Stadt zu schicken, und am nächsten Tag
ging auch ein Zug mit einigen vierzig Maulthieren dorthin ab, um den
vorräthigen Kaffee nach dem Hafenplatz zu senden, -- aber es dauerte
viele Tage, bis diese dort eintrafen, und als der Doctor endlich
wirklich ankam, fand er Jammer und Thränen in der Hütte, aber keinen
Patienten mehr.
Das Kind war zuerst gestorben und die Mutter, deren Zustand der
furchtbare Schmerz nur noch verschlimmerte, ihm bald gefolgt.
Und wieder vergingen Monate -- Monate voll schwerer Arbeit, als Senhor
Almeira eines Tages -- so plötzlich, wie er gegangen, auf sein Gut
zurückkehrte und eine neue Frau, eine junge Französin, mitbrachte.
Begleitet war er dabei von einer ganzen Gesellschaft von Herren und
Damen aus Porto Seguro, und die Festlichkeiten nahmen kein Ende. Die
Deutschen wollten jetzt mit ihm sprechen, aber wo hätte er Zeit gehabt
sie anzuhören; sie wurden auf später vertröstet, und er ließ ihnen nur
sagen, sie sollten sich beruhigen, ihre Zeit sei noch nicht um -- wenn
sie es wäre, würde er es ihnen selber mittheilen.
Die Deutschen weigerten sich jetzt zu arbeiten, aber sie verschlimmerten
nur dadurch ihren Zustand, denn Mancal drohte die Neger gegen sie zu
bewaffnen und Militär aus der Stadt holen zu lassen; dazu wurde das
frische Fleisch und Mehl zurückgehalten und die wenigen Menschen fühlten
wohl, daß sie hier nichts mit =Gewalt= ausrichten konnten. Sie waren
auch schon geistig wie körperlich so gebrochen, daß sie nicht wagten, es
auf das Schlimmste ankommen zu lassen.
Senhor Almeira verkehrte von da an nie wieder selber mit ihnen, oder
erwiderte nur selbst ihren Gruß, wenn sie ihm begegneten, und seine
junge Frau dachte nur an Putz und Festlichkeiten. Sie waren auch nur
selten zu Hause, denn das Leben auf der abgeschiedenen Hacienda mochte
ihr wohl, als sie der Besuch verlassen, zu einsam sein. Bald ritten sie
da, bald dort hin und dann kamen große Sendungen aus dem Hafen, ganze
Maulthierzüge mit neuen Meublen, Tapeten, Geschirren und anderen Dingen,
um die stille Pflanzerwohnung in einen Palast zu verwandeln.
Behrens der jetzt wohl fühlte wie sie mit ihrem Herrn standen, dachte
auf Flucht -- aber er hätte doch nicht mit seiner ganzen Familie
entfliehen können, und sollte er allein fliehen, um in der Hauptstadt
des Landes Schutz und Recht bei seinen Landsleuten zu suchen, wie wäre
es indessen den Seinen ergangen, und wie durfte er selber hoffen, ohne
die geringsten Mittel die ferne Stadt zu erreichen? Es wäre ein
verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen gewesen.
So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des
Brasilianers den höchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein
Aufseher -- denn er selbst ließ keinen der Deutschen mehr vor sich --
nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht
die erhofften Preise gebracht, und sie müßten sich noch gedulden.
Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten
in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid,
aber auch der war nicht im Stande etwas für sie auszurichten, und sie
sahen in der That ihres Jammers kein Ende.
Da geschah das Äußerste, was Behrens bis jetzt für möglich gehalten,
denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kündigte ihm an, daß sein
Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu
der Kaffeeplantage geschlagen werden müsse, an welche er stieß. Die
Deutschen sollten aber dafür ein ebenso großes Stück Land dicht daneben
angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen.
Behrens lief jetzt, wahrhaft außer sich, nach dem Herrenhause hinüber,
und wäre in =diesem= Augenblick vielleicht zu Allem fähig gewesen. Herr
und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht
Tagen nicht zurück erwartet, und schon am nächsten Morgen stellte der
Mulatte seine Neger an, um die als Umzäunung dienenden Hölzer
fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und
junge Kaffeebäume dicht neben einander dort einzupflanzen.
Als Behrens an dem Tag nach Hause zurück kam, ergriff ihn ein hitziges
Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte
dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, daß ein paar Negerburschen
zu Hülfe gerufen werden mußten, um ihn nur zu bändigen. Endlich, nach
einer der schlimmsten Nächte dieser Art, verhielt er sich ruhig, -- es
war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt öfter, der
jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort
blieb, wieder besuchte, erklärte er ihn außer Gefahr und verordnete nur
noch gute Pflege.
Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Körper noch,
und er hatte mit den Übrigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So
saß er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn
mit einem Tuch umwunden, vor der Thür seiner Hütte im Schatten, und sog,
seinen trüben und düsteren Gedanken nachhängend, an einer Apfelsine, als
Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg
herabsprengte, der auf das Herrenhaus zuführte. Als er den Mann dort vor
der Hütte sitzen fand, zügelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor
Almeira zu Hause sei.
»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte der Deutsche in sehr gebrochenem
Portugiesisch, »wir erfahren hier nichts davon.«
Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann
plötzlich in deutscher Sprache: »Seid Ihr etwa Einer von den deutschen
Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?«
»Leider, Herr,« erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache
aus seiner Apathie aufrütteln konnte. Was lag auch daran, es war
vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige genützt, hatten
sie erfahren.
»Leider?« frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen,
sondern stieg ab, hing den Zügel seines Thieres über den nächsten
Baumzweig, und trat näher zu dem Deutschen. »Ihr seid krank, Freund?«
»Ich =war= krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin
aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der
Hütte zurückgeblieben.«
»Ist das Eure Wohnung?«
»Ja, Herr.«
»Und wie lange haust Ihr jetzt schon etwa hier?«
»Es wird nahe an die sechs Jahre gehen.«
»Sechs Jahre? Das ist eine lange Zeit. Und habt Ihr Euch indessen was
Ordentliches verdient?«
»Verdient?« frug der Mann, und ein eigenes, trübes Lächeln zuckte um
seine Lippen, »wenn wir nicht noch in =Schulden= wären, brauchten wir
wenigstens nicht länger unter einem Mulattenaufseher zu arbeiten, wie
die anderen Sclaven auch.«
»So?« sagte der Mann, und sah ihn rasch und aufmerksam an, »und habt Ihr
fleißig gearbeitet in der Zeit?«
»Wie wir's von daheim gewohnt waren, Herr, -- wir haben als
rechtschaffene Leute unsere Pflicht gethan. Der einzige Fehler war nur,
daß ich meinen Namen unter eine Schrift auf ein Stück Papier setzte. Ich
wußte wohl, was drin stand, aber doch nicht so recht, die Sache hatte
einen kleinen Haken, und was mir gute Menschen darüber sagten, glaubte
ich nicht, -- oder doch wenigstens nicht, daß andere Menschen so
=schlecht= sein könnten. Mit meinem Namenschreiben habe ich damals mich
und meine Familie für ewige Zeit verkauft, -- verauctionirt wurden wir
auch gleich, so wie wir nur nach Brasilien herkamen.«
»So?« sagte der Fremde wieder und sah dabei still vor sich nieder, »und
habt Ihr vielleicht das Papier oder eine Abschrift davon bei der Hand,
auf daß Ihr Euren Namen gesetzt?«
»Nein, Herr, das Papier haben sie uns abgenommen; es war auch eigentlich
nicht für uns, sondern für den =Käufer=; aber mein Name steht richtig
darauf und jetzt ist an der Sache nichts mehr zu thun, wie sie mir es
auch in Deutschland vorhergesagt. Wir =sind= einmal verkauft und bleiben
verkauft.«
Der Deutsche schwieg; er hatte sich neben Behrens -- sehr zu dessen
Verwunderung -- auf die Bank gesetzt und sah still vor sich nieder,
endlich frug er: »Wie viel seid Ihr Eurer?«
»Nun,« sagte der Mann, »ein Paar wenigstens haben's schon hinter sich.
Jetzt sind wir noch unser Fünf.«
»Ist Jemand von Euch gestorben?«
»Nur die Mutter der Kinder, Herr, -- es hat nicht viel zu bedeuten,«
lachte Behrens bitter vor sich hin, »und dann das Jüngste, -- war ein
kleiner, lieber herziger Kerl und unser Aller Freude, -- jetzt ist ihm
wohl; er hat's überstanden, und wir -- werden's ja mit Gottes Hülfe auch
einmal überstehen.«
Der Fremde sprang von seinem Sitz auf und ging ein paar Mal mit raschen
Schritten vor dem Mann auf und ab.
»Und hat Niemand in der ganzen langen Zeit nach Euch gesehen?« sagte er
nach einer Weile.
»O ja, doch,« lautete die Antwort, »es war einmal ein deutscher Consul
hier, sind aber schon viele Jahre her, ein sehr vornehmer Herr; dort an
derselben Stelle, wo Sie Ihr Pferd angebunden haben, da hielt er, und
wir durften wohl eine halbe Stunde mit ihm sprechen. Nachher habe ich
freilich nichts weiter von ihm gesehen; er hatte wohl viel zu thun und
konnte sich nicht so lange um solche arme Teufel bekümmern.«
»Er stieg gar nicht vom Pferde?«
»O ja, doch, -- oben beim Haus, und da haben sie mitsammen gegessen und
getrunken.«
»So? Ja, lieber Freund,« sagte der Fremde, »dann will ich nur auch
einmal zum Haus hinaufreiten, -- aber ich komme wieder,« setzte er
hinzu, als er den schmerzlichen Blick bemerkte, den der Mann ihm zuwarf,
und damit trat er zu seinem Pferde, warf den Zügel ab und sprengte zum
Haus hinauf.
»Das hat der Andere auch gesagt,« nickte Behrens vor sich hin, »ich
komme wieder, -- ich glaube, es waren genau dieselben Worte, aber er
soll heute noch wieder kommen. Ja, wenn ich nur an dem unglückseligen
Tag nicht meinen Namen unterschrieben hätte.«
Es dauerte aber in der That nur wenige Minuten, als er das Pferd schon
wieder hörte. Es war der Fremde, der aus dem Sattel sprang und dabei
ausrief: »Das ist eigentlich schneller gegangen als ich dachte, aber
vielleicht auch besser so. Euer Herr ist nicht zu Haus, -- er ist einmal
hinaus zu seinen Arbeitern geritten und unter der Zeit können wir
mitsammen plaudern: Übrigens habe ich hier in meiner Satteltasche noch
eine halbe Flasche Wein, -- ein Glas Wein, sollte ich meinen, müßte Euch
gut thun, -- es ist vortrefflicher Medoc. Habt Ihr ein Glas im Haus?«
»Eins muß noch da sein,« sagte Behrens, ganz bestürzt über das
Anerbieten, »die meisten haben die Kinder freilich in den langen Jahren
zerbrochen, aber eins war neulich wenigstens noch ganz. Wir brauchen sie
hier nicht viel; wir trinken unser Wasser aus den Kalebassen, und die
wachsen ja glücklicher Weise an den Bäumen.«
Er war aufgestanden und in das Haus gegangen, kam auch gleich darauf mit
dem gefundenen Glas zurück und der Fremde betrachtete sich indessen, in
der Thüre stehend, den öden inneren Raum.
In diesem Augenblick kam ein junges Negermädchen, was es nur laufen
konnte, den Weg entlang vom Herrenhaus herunter, und redete, ganz außer
Athem, den Fremden an.
»O, Senhor, -- die Senhora läßt Euch bitten, zum Haus zu kommen, der
Herr muß gleich zurückkehren; die Senhora ist sehr böse, daß die anderen
dummen Schwarzen den fremden Herrn wieder fortgeschickt haben.«
»Sage Deiner Senhora, mein Töchterchen,« erwiderte der Fremde, »daß sie
mich gar nicht fortgeschickt hätten, ich wäre von selber gegangen, weil
ich hier mit dem Mann etwas zu sprechen habe. Wenn es mir die Senhora
erlaubt, werde ich ihr nachher meine Aufwartung machen.«
»Aber das Frühstück steht auf dem Tisch, Senhor.«
»Ich danke Dir, mein Kind, ich habe schon gefrühstückt,« und dabei
schenkte er Behrens ein Glas Wein ein, und reichte es ihm.
Das kleine Negermädchcn sah vor lauter Erstaunen mit offenem Munde zu.
Der fremde Senhor gab dem »weißen Nigger« Wein; so etwas hatte sie noch
nie erlebt, und noch viel rascher, als sie von dem Haus herunter
gekommen, lief sie dorthin zurück, um die merkwürdige Neuigkeit zu
erzählen.
Der Fremde, ohne sich weiter um das Negermädchen zu bekümmern, trat mit
dem Deutschen in das Haus, und sich dort einen Stuhl zu dem roh
gearbeiteten Tisch rückend, sagte er ruhig und freundlich: »Und nun,
Kamerad, wie heißt Ihr gleich?«
»Behrens, Herr --«
»Also nun, Behrens, erzählt mir einmal Eure ganze Lebensgeschichte,
wenigstens von der Zeit an, wo Ihr den Entschluß gefaßt habt, nach
Brasilien auszuwandern. Macht es so kurz und einfach wie möglich, denn
ich weiß auch schon ein wenig Bescheid, und brauche die Einzelheiten
nicht alle zu wissen, und scheut Euch nicht im Mindesten, mir die
=volle= Wahrheit zu sagen. Ich meine es gut mit Euch, und es ist
möglich, daß ich Euch nützen kann.«
Behrens schüttelte dazu freilich den Kopf, der Fremde aber, indem er
seine Brieftasche und einen Bleistift herausnahm, drängte noch einmal:
»Erzählt mir nur, ich werde Euch nicht unterbrechen, aber ich muß eben
Alles wissen, und wir haben vielleicht nicht so sehr lange Zeit.«
Behrens sah noch eine kleine Weile still vor sich nieder. Lang
vergangene, schon fast vergessene Bilder tauchten vor ihm auf, -- sollte
er noch einmal in die alten Wunden greifen? Und weshalb nicht? Wühlte er
doch das ganze Jahr darin herum, und der Fremde sah ihn ja so gut und
freundlich an. So faßte er sich denn ein Herz und erzählte ihm von
Anfang bis zu Ende die Geschichte seiner Auswanderung, und wie es ihm
hier gegangen. Er setzte dabei nichts hinzu, ja, er ging sogar in einem
ganz richtigen Gefühl über eine Masse von Nebensachen leicht hinweg, und
war deshalb im Stande, dem Besucher in kurzen aber scharfen Umrissen ein
Bild all ihrer Schicksale zu geben. Der Fremde unterbrach ihn auch mit
keinem Wort, -- nur manchmal, wenn er irgend eine Ergänzung brauchte,
warf er eine kurze Frage ein, die ihm dann Behrens eben so kurz und
bündig beantwortete.