Mulatte und sagte ihnen etwas in seiner Sprache, auf das der junge
Bursch, der Pölke hieß, und der sich indeß wieder vollständig erholt
hatte, lachend erwiederte: »Ich danke Dir, Du erbsenbedroschenes
Gelbfell Du; wir befinden uns vollkommen wohl.«
Der Gelbe grinste, daß ein paar Reihen blendend weißer Zähne zum
Vorschein kamen, mochte sich aber doch auf keine weitere mündliche
Erörterung einlassen, sondern winkte ihnen nur mit der Hand, ihm zu
folgen.
Behrens zeigte jetzt fragend auf sich; der Mulatte wiederholte aber die
frühere Bewegung für Alle mit einander, -- nur die Frau nicht, die den
Säugling auf dem Schoß hatte; =sie= und das kleinste Kind, der
Christian, sollten da bleiben.
Natürlich folgten sie Alle der Aufforderung und glaubten auch, sie
würden nun zu dem Herrn geführt werden, um dort das Weitere mit ihm zu
besprechen. Das aber war nicht der Fall; der Mulatte brachte sie gleich
in das Feld hinaus, zwischen das Zuckerrohr, wo schon eine Anzahl von
Negern beschäftigt war, den Boden aufzuhacken. Werkzeug lag dort
ebenfalls, und die neuen »Arbeiter« wurden angewiesen, sich den übrigen
»Sclaven« anzuschließen.
Weigern durften sie sich nicht, -- waren sie doch auch nur deshalb nach
Brasilien gekommen, um jede ihnen übertragene Arbeit auszuführen, und
mit gutem Muth und heute auch wieder frisch gestärkt, begannen sie ihre
neue Beschäftigung. Lieber Gott, Arbeit waren sie ja von Jugend an
gewöhnt -- und harte Arbeit dazu -- in Deutschland hatte man ihnen
ebenfalls nichts geschenkt, und hier sollten sie ja nur schaffen, um
freie und selbstständige Menschen zu werden. Je früher sie also damit
begannen, desto rascher lief auch ihre Dienstzeit ab, und wenn sie erst
einmal für sich selber beginnen konnten, mußte auch das Schwerste
überstanden sein.
Achtes Capitel.
Der deutsche Consul.
So verging Tag nach Tag, ohne daß sich in ihrer sonstigen Lage etwas
geändert hätte. Regelmäßig wurden sie zur Arbeit gerufen, und regelmäßig
mit Dunkelwerden wieder nach Hause geschickt, aber eine andere Wohnung
bekamen sie nicht, und auch weder Tisch noch Stuhl hinein. Behrens
versuchte noch einmal, mit ihrem Mulatten-Aufseher anzuknüpfen. War er
aber früher nicht besonders gesprächig gewesen, so wich er jetzt
besonders jeder Unterhaltung oder Frage entschieden dadurch aus, daß er
einfach mit der einen Hand schüttelte, als ob er sagen wollte: »Laßt
mich zufrieden, ich verstehe ja doch nichts von Eurer Sprache.«
Einmal trafen sie den Herrn, gerade Mittags, als sie von ihrer Arbeit
nach Hause gingen, und Behrens wollte ihm denn auch das mit dem Garten
begreiflich machen; der aber winkte ihm gleich von vornherein ungeduldig
ab und zeigte auf seinen Aufseher. Was hatte er mit den deutschen
Knechten zu unterhandeln. Er wollte nichts von ihnen wissen -- und dabei
blieb es.
Auch Pölke wurde nicht anderswo einquartiert, obgleich der unruhige
Gesell der Familie nur zu lästig fiel. Es blieb eben Alles beim Alten
und die Leute mußten sich zuletzt darein finden. Ja, Behrens begann
sogar an einem der Sonntage, wo sie in der That nicht zu arbeiten
brauchten, sich selber Tisch und Stühle herzustellen, denn wenigstens
den Negern hatte er zuletzt begreiflich gemacht, was er eigentlich
wolle, und sie führten ihn zu einer kleinen, verfallenen Hütte im Wald
drinnen, in welcher die eine Wand aus zusammengenagelten Brettern
bestand. Allerdings schüttelte er hier mit dem Kopf, weil er sich nicht
getraute etwas davon abzureißen, aber die Schwarzen schienen nicht so
rücksichtsvoll. Im Nu waren ein paar von den Brettern losgebrochen.
Säge, Hammer und Nägel führte er selber bei sich, und er konnte doch
jetzt wenigstens einen Tisch und ein paar Bänke, und später auch sogar
ein Bettgestell für seine Frau und das Kind herrichten.
Die Arbeit ging indessen fort, Monat nach Monat, -- Zuckerrohr wurde
gehackt und geschnitten, Baumwolle gepflückt, Kaffee eingesammelt,
gereinigt und ausgemahlen, Cacao gesammelt und getrocknet, und die
Männer erhielten nun ihre Hauptbeschäftigung im Wald mit der Axt, da der
Besitzer der Plantage noch mehr Land urbar machen und besonders seine
Kaffeepflanzung erweitern wollte. Damit verging ein volles Jahr, und
wenn Behrens und seine Frau, wie überhaupt die älteren Deutschen, auch
noch fast so wenig von dem Portugiesischen verstanden, als an dem ersten
Tag, an welchem sie hier eingerückt, so hatten es die Kinder doch viel
rascher aufgegriffen, und die Jüngsten besonders waren schon gar nicht
mehr dazu zu bringen, ein Wort deutsch zu reden. Sie verstanden es
natürlich, aber fortwährend in Gesellschaft der Schwarzen, eigneten sie
sich vollständig deren Portugiesisch an und sprachen es genau so
schlecht, wie diese.
Nur Hannchen, Behrens' älteste Tochter, hatte größere und bessere
Fortschritte darin gemacht als die Anderen, denn überhaupt ein begabtes
Kind, war sie auch häufig im Hause von Senhor Almeira und dessen Familie
verwandt worden, und die Senhora hatte solchen Gefallen an ihr gefunden,
daß es ihr selber Freude machte, sie dann und wann zu unterrichten.
Anfangs schien auch Senhor Almeira gar nichts dagegen zu haben, denn es
lag ihm sogar daran, endlich einmal Jemanden zu bekommen, durch welchen
ein Verständniß mit den »dickköpfigen« Deutschen möglich wurde. Als sich
aber die Kinder so gelehrig zeigten und die Jungen schon bald zu
Dolmetschern verwandt werden konnten, zankte er oft, wenn er das junge
Mädchen im Haus bei einem Buch oder mit der Feder fand, und schickte sie
dann jedes Mal zu einer oder der anderen Arbeit.
Dem alten Behrens fraß indessen der Gedanke an seinen ihm vorenthaltenen
Garten am Herzen. Vor der Arbeit scheute er sich nicht, -- sie war
schwer, ja, und wurde in der heißen Sonne noch schwerer, und angenehm
war dabei ebenfalls nicht, daß sie mit den Negern in einem Feld schaffen
mußten und mit ihnen unter =einer= Aufsicht standen; aber auch das würde
er willig ertragen haben und ertrug es ja auch, wenn ihm nur sein
=Recht= nicht dabei verkümmert wäre. Wie deshalb nur die Kinder ein
klein wenig Portugiesisch verstanden, mußten sie schon fragen, =wann= er
den Garten bekäme, und fortwährend darauf hinweisen, daß er im
=Contract= stände, -- aber ohne Erfolg. Der Mulatte nickte und lachte,
der Herr selber gab gar keine Antwort und es blieb beim Alten.
Weit über ein Jahr waren sie solcher Art schon in ihrer Arbeit gewesen,
und Behrens' Frau hatte indessen, von ihrem Mann unterstützt, genaues
Buch über die gelieferte Arbeit gehalten. Ungefähr glaubten sie ihre
Schuld auch etwa berechnen zu können, denn was die Passage auf dem
Schiff gekostet, wußten sie ja bei Heller und Pfennig und demnach mußten
sie das ihnen vorgeschossene Geld, wenn sie wirklich den niedrigsten
Arbeitssatz für Brasilien annahmen -- und darüber hatte ihnen Herr
Kollboeker Manches erzählt -- schon bald abgearbeitet haben. Es konnte
nur noch eine sehr kurze Frist daran fehlen. Sollte er der paar Wochen
wegen nun noch Streit um einen Garten anfangen? Es war nicht mehr der
Mühe werth, denn sobald ihre Zeit ablief, gedachte der Mann wieder einen
neuen Contract mit dem Herrn zu machen, um sich noch etwas baares Geld
zu verdienen, und dann endlich, wenn sie =noch= etwa ein Jahr so
gearbeitet hätten, selbstständig zu beginnen.
Brasilien war wirklich ein außerordentlich fruchtbares und reiches Land,
=darin= hatten die Berichte nicht gelogen, und wer hier arbeiten wollte
-- und gesund blieb, konnte schon was vor sich bringen. Ein trauriges,
elendes Leben hatten sie freilich das erste Jahr führen müssen, und
=daß= sie eben gesund geblieben, konnten sie selber nicht recht
begreifen. Mit dem zweiten Jahr mußte sich das nun aber auch bessern,
denn sobald Behrens einmal seine Schuld abverdient, gedachte er sich
selber ein kleines Häuschen zu bauen und das wohnlicher einzurichten,
und dazu gab ihm der Herr auch gewiß die Zeit oder er bedung sich
dieselbe noch besser gleich in dem neuen Contract aus.
So verging wieder ein Monat -- und noch ein Monat, ohne daß sich das
Geringste in ihrer Lage verändert hätte -- nur die Arbeit war schwerer
geworden, denn die Männer wurden jetzt fast einzig dazu verwandt, Wald
urbar zu machen, um neuen Boden zu gewinnen.
Nur einen angenehmen Zwischenfall hatten sie; der junge Pölke, ein
fauler und nichtsnutziger Gesell, der ihnen viel Kummer bereitet und
auch ewig Streit und Unfrieden anstiftete, war eines Morgens
verschwunden. Anfangs glaubten die Deutschen, daß er im Walde vielleicht
verunglückt sei, bald aber stellte sich heraus, daß er Behrens' besten
Rock und zwei gute Hemden mitgenommen hatte, und es blieb ihnen jetzt
kein Zweifel mehr über sein Verschwinden. Er war eben fortgelaufen und
wenn Senhor Almeira, der sehr zornig darüber schien, auch berittene
Neger nach verschiedenen Seiten aussandte, um ihn wieder einzufangen,
ja, Mancal, der Aufseher selber, fortritt und eine volle Woche ausblieb,
fanden sie keine Spur von ihm. Nach Porto Seguro war er wenigstens nicht
gekommen, und wenn ihm auf der Flucht kein Unglück zugestoßen, hatte er
=seinen= Vertrag wenigstens gelöst.
Behrens' Frau jammerte allerdings über das Gestohlene, da sich die
Wäsche gerade hier im Land so schwer ersetzen ließ; im Grund aber waren
sie selbst um =diesen= Preis zufrieden, ihn los geworden zu sein, und
nach vierzehn Tagen wurde gar nicht mehr von ihm gesprochen.
Aber nahm ihr Contract denn gar kein Ende? -- Zur Arbeit wurden sie
täglich gerufen, aber nie ein Wort davon gesagt, =wann= ihre Zeit
eigentlich abgelaufen sei, und Hannchen bekam jetzt den Auftrag, ihren
Herrn zu fragen, wie sie mit ihrem Lohn ständen. Sie erhielt jedoch nur
eine ausweichende Antwort und scheute sich die Sache zu drängen. Und
noch ein Monat verging, und jetzt wurde der alte Behrens -- etwas sehr
Seltenes bei einem Deutschen -- ungeduldig.
Wieder mußte Hannchen fragen und sollte sich jetzt an die Frau wenden,
die immer gut und freundlich gegen sie gewesen; aber die Frau des
Pflanzers wagte nicht sich in dessen Angelegenheiten zu mischen, -- er
war nicht gut mit ihr, wie Hannchen daheim erzählte, er schalt oft und
zankte und behandelte sie rauh, -- die Frau kränkelte auch und fürchtete
jede Aufregung.
Da faßte sich Behrens eines Sonntags ein Herz, und mit seinem ältesten
Jungen Fürchtegott, der die Landessprache jetzt vollkommen gut verstand,
ging er selber zum Herrenhaus hinüber, um die Sache ins Reine zu
bringen. Der Herr wollte ihn allerdings nicht vorlassen, er habe keine
Zeit, wie er ihm durch eine Negerin heraussagen ließ. Behrens aber,
einmal zu dem Entschluß gekommen, war nicht so leicht wieder davon
abzubringen. Er ließ noch einmal hinein sagen, er =müsse= den Herrn
sprechen, denn er habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen, und
verdrießlich willfahrtete dieser endlich dem Arbeiter.
Fürchtegott war indessen vorher genau von seinem Vater instruirt worden,
was er zu sagen hatte, und selber ein ziemlich anstelliger Junge,
brachte er das auch richtig und ordentlich heraus. Das Gesicht des
Senhor Almeira aber, das schon bei ihrem Eintritt finster genug
ausgesehen hatte, wurde bei der Anrede nicht freundlicher, und als der
junge Bursche geendet hatte, sagte er, während sich seine Stirn in
düstere Falten legte:
»Und weiß Dein Vater auch, welche Summe ich für ihn und Euch Alle
ausgelegt habe, daß er jetzt schon, wo er kaum ein Jahr oder etwas
darüber in meinen Diensten ist, davon spricht, sie abgetragen zu haben?
Weiß er, was für ein Risico ich gehabt habe, als ich Euch Alle aus Eurem
Lande herauskommen ließ, wo Ihr das Brod kaum hattet zum Leben? Geht an
Eure Arbeit und kümmert Euch um nichts weiter; wenn Eure Zeit um ist,
werde ich's Euch selber wissen lassen.«
»Aber Senhor,« sagte der kleine Bursch, »wir haben ja doch Alle so viel
geschafft, daß wir schon ein hübsches Stück Geld verdient haben müssen,
wenn Sie nur ganz geringen Tagelohn annehmen.«
»Tagelohn?« rief aber der Brasilianer, »was habt =Ihr= mit Tagelohn zu
thun? Euer Contract lautet auf Antheil an dem Verdienst, und die
Kaffeepreise sind im letzten Jahre so erbärmlich schlecht gewesen, daß
ich, da uns auch eine ganze Ladung draußen in See verunglückt ist, eher
Verlust als Nutzen bei der ganzen Ernte gehabt habe. Wer ersetzt mir
jetzt den? =Ihr= etwa? Wahrscheinlich nicht, und ich werde es schwer
genug finden, nur das wieder aus Euch herauszubringen, was ich an Euch
selber verloren.«
»Aber verloren haben Sie doch gewiß nichts an uns, Senhor!«
»Nichts, so? Wohl nicht die ganzen Unkosten, die mir der nichtsnutzige
Bursch verursacht hat, der noch dazu jetzt weggelaufen ist. Glaubt Ihr,
daß Ihr das Alles in ein paar Monaten wieder abverdienen könnt?«
»Aber, guter Gott,« rief der Knabe erschreckt aus, während der Vater
dabei stand und doch nichts von der Rede verstand, »dafür, daß der
fremde Mensch davon lief, können =wir= doch nicht leiden, und Sie werden
doch gewiß nicht verlangen, daß wir die vielen, vielen Monate umsonst
gearbeitet und Schuhe und Kleidung zerrissen haben sollen?«
»Was sagt er?« frug der Mann.
»Und seid Ihr denn etwa schlechter daran, als ich selber?« frug der
Brasilianer höhnisch. »Wenn =Ihr= nichts verdient, verdiene =ich= denn
etwas? Laßt mich mit Euren ewigen Quälereien zufrieden, denn ich bin es
müde, fortwährend gestört zu werden. -- Dieses Jahr wird es auch besser
gehn,« setzte er dann ruhiger hinzu, »die Kaffeepreise sind gestiegen,
sag das Deinem Vater, und wenn Ihr fleißig seid, so bringen wir das
vielleicht in der nächsten Zeit ein, was wir in der letzten verloren
haben.«
»Was sagt er?« frug Behrens noch einmal.
»Laßt nur sein, Vater,« beruhigte ihn aber Fürchtegott, »ich erzähl es
Euch Alles nachher, draußen.«
»Und mit dem Garten? -- Er steht im Contract.«
»Ja, Senhor,« begann der Knabe noch einmal, »der Vater hat Sie schon
lange um ein Stück Land für einen Garten gebeten. Es ist mit ausgemacht
und steht im Contract.«
»Ich dächte, er hätte draußen gerade genug zu hacken und zu graben,«
erwiderte mürrisch der Pflanzer, »aber ich will sehen, -- er kann ein
Stück Land bekommen, -- wenn ich einmal Zeit habe, werde ich ihm einen
Platz aussuchen. Und nun geht, -- Ihr wißt jetzt, was Ihr wissen
wolltet, -- ich habe zu thun,« und damit wandte er sich ab und verließ
selber das Zimmer, so daß den beiden Leuten nichts Anderes übrig blieb
als seinem Beispiel zu folgen.
Draußen erzählte Fürchtegott dem Vater, was ihm der Brasilianer da
drinnen gesagt, und daß sie ihre Arbeit gar nicht nach Tagelohn rechnen
dürften, sondern, ihrem eigenen Contract nach, auf Theilung angewiesen
wären, im vorigen ganzen Jahre aber gar =nichts= verdient hätten, und
der Mann schlug vor Entsetzen die Hände zusammen, denn von diesem
Augenblick zuerst an sah er kein Ende ihres Contractes ab.
Er ging in die elende Hütte, die schon die lange Zeit seine Heimath
bildete, setzte sich auf eine Bank, stützte das Gesicht in seine Hände
und weinte bitterlich, und die arme Frau vermochte nicht einmal ihn zu
trösten.
Was nun? =Wie= hatten sie hier gearbeitet, unverdrossen, von Morgens an
bis in die späte Nacht, und dabei nichts, gar nichts gehabt, was ihnen
auch nur die geringste Erholung oder eine Freude bieten konnte. Dieser
abgeschiedene Punkt der Erde war ihre ganze Welt gewesen; mit ihrem
sauren Schweiß hatten sie den Boden gedüngt, und nun Alles, Alles
umsonst, -- um nichts weiter, als daß ihnen ihr =Herr= sagte, sie hätten
nichts, gar nichts verdient, und müßten von vorn wieder anfangen. Und
wenn er ihnen nun im nächsten Jahre die nämliche Antwort gab? Wenn er
sie auf ein drittes Jahr vertröstete?
»Den Garten sollt Ihr haben, Vater,« flüsterte da Fürchtegott, um ihn
wenigstens in etwas zu beruhigen, »er hat's mir versprochen, er will
Euch selber den Platz dazu aussuchen.«
Der Mann nickte nur schweigend und trostlos mit dem Kopf, und jetzt --
jetzt erst, und wie lange zu spät, fühlte er, daß der Doctor daheim mit
jedem -- oh, mit jedem schweren Wort, das er ihm gesagt und ihn gewarnt
hatte, Recht -- furchtbar Recht gehabt.
Was wußte er selber denn von der Welt? Er, ein armer und unwissender
Mann, aber ehrlich und brav und keinem Menschen etwas Schlechtes
zutrauend, weil er selber dessen unfähig gewesen; war es da so schwer
gewesen ihn zu betrügen? -- und wie hatte ihm der Agent, der doch seiner
Meinung nach die Verhältnisse hier genau kennen =mußte=, wenn er so
viele Leute hier herüberschickte -- er wäre ja sonst ein ganz
gewissenloser Lump gewesen -- wie hatte =der= ihm zugeredet, hierher zu
gehen und sein Glück zu machen. Und was war es das er hier gefunden?
=Verkauft= wurden sie, wie sie nur das Land betraten, öffentlich
verkauft, wie eine Heerde Schlachtvieh, den Meistbietenden zugeschlagen,
dann -- genau so, wie gekauftes Vieh -- zu Fuß in die heißen Berge
getrieben, und nun? -- nun waren sie Sclaven, wie die anderen Sclaven
auch, und deshalb -- deshalb mußten sie die alte, liebe Heimath, das
Grab ihrer Eltern, die Stätte ihrer Jugend verlassen?
Wie trüb -- wie entsetzlich trüb verging ihnen der Sonntag, und als die
Frau das Essen aufsetzte -- denn schon seit längerer Zeit bekamen sie
nur Fleisch, Bohnen und Maniokmehl geliefert und mußten sich selber ihre
Mahlzeiten kochen -- mochte Keiner von ihnen auch nur einen Bissen davon
anrühren. Aber was konnten sie thun? bei wem sich über ihr geschehenes
Unrecht beklagen? Sie waren allein zwischen den fremden Menschen und
mußten ertragen, was über sie verhängt wurde; einen anderen Ausweg gab
es für sie nicht.
Am nächsten Morgen begannen die Arbeiten von neuem, -- Monate lang, ohne
daß die geringste Veränderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Der andere
Deutsche war allerdings einmal mit einem großen Transport Kaffee in
Porto Seguro gewesen, und hatte dort einen deutschen Kaufmann getroffen,
der sich da kürzlich niedergelassen. Da er zwei Tage im Hafen blieb,
veranlaßte er auch denselben, bei dem dortigen Präfecten eine Klage
gegen ihren Herrn anzubringen, hatte aber nichts damit ausgerichtet. Die
Antwort lautete, daß die in Deutschland abgeschlossenen Contracte hier
ihre Gültigkeit hätten; wäre etwas darin, das ihnen nicht gefiele, so
sei das ihre eigene Schuld, warum hätten sie dieselben unterschrieben;
sie wären von keinem Brasilianer je dazu gezwungen worden.
Auch den Garten bekam Behrens nicht, ob es der Herr gleich versprochen
hatte; er erinnerte noch ein paar Mal daran, wurde aber immer auf die
»nächste Woche« vertröstet, und die nächste Woche wollte nie erscheinen.
Da kam eines Tages Hannchen nach Haus und berichtete, es sei von Porto
Seguro ein deutscher Consul eingetroffen, der hier hergekommen wäre, um
sich nach den Verhältnissen der deutschen Colonisten zu erkundigen, und
jetzt zum ersten Mal brach ein Hoffnungsstrahl in die Nacht der Armen,
denn =der= Herr war von den deutschen Regierungen beauftragt worden,
sich seiner Landsleute anzunehmen, und der mußte und würde ihnen helfen.
Eine andere Trauernachricht brachte aber auch Hannchen mit, denn Senhora
Almeira war recht schwer erkrankt und sie konnte auch nur wenige Minuten
bei den Ihrigen bleiben, weil sie zurück mußte, um die Leidende zu
pflegen. Sie war in der That nur auf einen Sprung aus dem Herrenhaus
fortgelaufen, um den Eltern anzuzeigen, wer der eben gekommene Fremde
wäre, damit sie sich vorbereiten könnten mit ihm zu sprechen.
Ein deutscher Consul! Endlich -- endlich, jubelten die armen Leute. Sie
hatten sich schon von den deutschen Regierungen vollständig verlassen
und aufgegeben geglaubt, und ihnen doch jetzt so großes Unrecht damit
gethan. Jetzt kam wirklich ein Beamter derselben hier in das fremde
Land, um zu sehen, daß die armen Leute nicht ungerecht behandelt würden,
-- das war brav und gut, und Behrens ihnen recht von Herzen dankbar
dafür.
An diesem Tage ließ der deutsche Consul sich freilich noch nicht bei den
Auswanderern blicken, und sie wohnten doch eigentlich so dicht bei dem
Herrenhaus -- kaum etwa hundert fünfzig Schritt davon entfernt -- aber
freilich hatte er auch wohl viel mit Senhor Almeira zu sprechen, denn
solche Herren haben immer sehr viel zu thun und müssen sich nach Allem
ganz genau erkundigen, damit sie recht ausführliche Berichte abstatten
können: morgen kam er gewiß, denn so viele Deutsche waren ja doch nicht
auf der Plantage, -- aber am nächsten Tag kam er auch noch nicht.
Fürchtegott mußte sich erkundigen, ob er vielleicht am Ende gar wieder
abgereist wäre, =ohne= sie zu sprechen, das war aber nicht der Fall. Die
Herren sollten nur über Land geritten sein, um eine andere Hacienda zu
besuchen, und hatten dabei einige Neger und Gewehre mitgenommen, --
möglich, daß sie auch unterwegs jagen wollten.
Am dritten Tag kamen sie endlich zurück, müde von dem langen,
beschwerlichen Ritt, und schliefen bis zum Diner, nach welchem natürlich
keine Rede mehr von Geschäften sein konnte. Endlich brach der =vierte=
Tag an, ein Sonntag, und Morgens um acht Uhr schon, noch in der Kühle
des Tages, da die Sonne noch keine Zeit bekommen auf die Erde
niederzubrennen, sahen sie die drei Herren den Weg her, der vom
Herrenhaus zu ihnen führte, auf ihren =Pferden= angeritten kommen. Die
Entfernung war allerdings sehr gering, und wie gesagt, kaum
hundertfünfzig Schritte, aber in diesem Clima geht ein =Weißer= nicht
gern auch nur die kleinste Strecke zu Fuß, weil man jede Anstrengung
fürchtet. =Arbeiter= machten natürlich davon eine Ausnahme, denn
Anstrengung war gerade ihr Beruf, und sogar den eben erst eingetroffenen
=weißen= Frauen und Kindern hatte man damals zugemuthet, den entsetzlich
weiten Weg von Porto Seguro bis hier heraus zu Fuß zurückzulegen.
Behrens hatte in der Thür gestanden und sie kommen sehen; aber er trat
in das Haus zurück, denn er wollte sie nicht da draußen anreden. Der
deutsche Consul mußte ja doch auch einmal das Innere =dieser= Wohnung in
Augenschein nehmen, um dann selber beurtheilen zu können, wie man
deutsche Arbeiter hier in Brasilien behandelt.
Die Reiter kamen näher; jetzt hielten sie dicht vor der Thür, und als
sich da noch immer Niemand von den Deutschen zeigte, wurde ein Neger
abgeschickt, um sie herauszurufen. Er mußte melden, daß der Herr die
Leute zu sprechen wünsche.
Behrens schüttelte mit dem Kopf; er hatte sich den Besuch eines
deutschen Consuls in den fernen brasilianischen Colonien anders gedacht,
aber er gehorchte doch dem direct gegebenen Befehl, und trat im bloßen
Kopf in die Thür, -- der andere Deutsche war gerade nicht zu Haus,
sondern nach trockenem Holz in das nächste Dickicht gegangen, und Frau
und Kinder drängten sich neugierig nach.
Draußen vor der Thür hielten die Reiter, Senhor Almeira, ein anderer
Brasilianer aus Porto Seguro, wie sich später herausstellte, der Beamte
des Hafens, und der fremde Deutsche, der sie augenblicklich mit einem
freundlichen: »Guten Tag, ihr Leute, wie geht's?« anredete.
Es war ein noch junger, ziemlich elegant gekleideter Herr, in einem
leichten, hellen Rock und einen großen, feinen Panamahut auf. Er trug
eine goldene Brille und viele Ringe an den Fingern, und eine schwere,
goldene Uhrkette. Er hatte auch ein gutmüthiges Gesicht und blaue Augen,
und die Anrede allein gewann ihm schon die Herzen; lieber Gott, es waren
ja die ersten deutschen Laute, die seit langer, langer Zeit zu den Ohren
der armen Auswanderer drangen, und =der= Mann gerade sollte ihnen
helfen.
»Ja, wie geht's, Herr,« seufzte Behrens, »was soll man da sagen. Gesund
sind wir noch bis jetzt, Gott sei Dank, und gearbeitet haben wir
rechtschaffen, und auch noch gerade keine Noth gelitten.«
»Nun, ich denke,« lächelte der Consul, »dann ließe es sich schon
aushalten, und Ihr könntet immerhin antworten: =gut!= Ist das Eure
Familie?«
»Ja, Herr,« erwiderte Behrens, »von dem =gut= ist's aber doch noch ein
großes Stück weit weg, denn wir haben einen Contract, von dem wir kein
Ende absehen können, und neulich hat uns der Herr da gesagt, daß wir im
ganzen vorigen Jahre, trotz unserer schweren Arbeit keinen Pfennig
verdient hätten, und also noch immer, wie früher, in seiner Schuld
wären, und das ist doch entsetzlich hart.«