schien nicht gesonnen, viel Zeit damit zu versäumen. Es war auch schon
ziemlich spät und damit heiß geworden, und je eher die Herren in ihre
kühlen Häuser kamen, desto besser. Nach der Liste rief er jetzt die oben
anstehenden Namen aus, -- es war eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und
zwei erwachsene Söhne, ein paar kräftige, feste Burschen, wenn auch
jetzt etwas hohlwangig und bleich, und was er in portugiesischer Sprache
verhandelte, kam den armen Leuten fast so vor, als ob er sie anpries,
denn er zeigte oft auf sie und wandte sich dann wieder an die
Brasilianer. Von diesen sprach jetzt Einer, dann der Andere; sie kamen
auch heran und betrachteten sich die Vorgeschlagenen näher, und es
konnte diesen zuletzt nicht mehr entgehen, daß sie hier ordentlich
verauctionirt wurden.
»Hol mich Dieser und Jener,« rief da einer der Burschen wieder, ein
etwas wüst aussehender Gesell, der auch auf dem Schiffe fortwährend
Streit gehabt, »wenn wir hier nicht ordentlich ausgeboten werden wie
sauer Bier. Na, wer mich kauft ist betrogen.«
Die Übrigen schwiegen erschrocken still, denn es war ihnen ein gar so
unheimlicher Gedanke, daß sie hier nicht wie freie Menschen, sondern wie
Sclaven oder Vieh ausgeboten und dem Meistbietenden zugeschlagen werden
sollten, und daß das in der That der Fall war, darüber konnte keine
Täuschung mehr stattfinden. Aber was wollten sie jetzt machen? -- sich
widersetzen? Wie konnten sie das, da sie der Sprache nicht einmal
mächtig waren, und die Einzigen, mit denen sie sich hätten verständigen
können, gerade zu ihren Gegnern gehörten.
»Oh, du lieber Gott,« seufzte Behrens' Frau, die sich erschöpft auf den
Arm ihres Mannes stützte, »wenn wir das in Deutschland gewußt hätten, --
lieber doch allen Jammer und alles Elend ertragen.«
»Laß gut sein, Mutter,« flüsterte ihr der Mann zu, »wir können nur für
das ausgemiethet werden, was wir abzuverdienen haben, und dürfen nachher
gehen, wohin wir wollen. Wenn ich nur den Schuft, den Herrn Kollboeker,
hier hätte.«
Der =Verkauf= oder die Auction der Deutschen ging indessen ziemlich
rasch von Statten, da die Bietenden zahlreich zugeströmt waren, und
selbst viele Bewohner der Hafenstadt Dienstboten zu nehmen wünschten,
die sie hier unter so günstigen Bedingungen erhalten konnten. Familien
konnte man freilich in der Stadt nicht gebrauchen, da man hier keine
Verwendung für die Kinder hatte. -- Die wurden sämmtlich den Facienderos
des Inneren überlassen, und die Familie Behrens erstand denn auch ein
Pflanzer, der allerdings erst lange an ihnen herummäkelte, aber zuletzt
doch auf die gestellten Bedingungen einging. Der Supercargo kannte
seinen Vortheil und ließ eben nicht nach.
Behrens' neuer Herr gefiel den Leuten nicht recht; er war nicht sehr
groß, aber entsetzlich mager, mit einer vollkommen lederartigen
Gesichtsfarbe, hatte auch um den Kopf, hinter den Ohren durch, ein
schmales schwarzseidenes Tuch gebunden, da er, wie sehr viele
Brasilianer, an Scropheln litt. Er sprach mit den Leuten gar nicht,
richtete nicht einmal ein paar freundliche Worte an sie, die ihnen doch
wohlgethan hätten, wenn sie auch die Sprache nicht verstanden. Als der
Handel abgeschlossen war, winkte er einen großen, blatternarbigen
Mulatten heran, dem er die verschiedenen Familienmitglieder bezeichnete,
und wandte sich dann noch einmal an den Supercargo, der unfern davon bei
einer anderen Gruppe stand. Dieser betrachtete sich den Mulatten und
schien von dem gewordenen Auftrag nicht recht erbaut, konnte ihn aber
auch vielleicht nicht gut abweisen und sagte, sich wieder gegen die
Deutschen kehrend: »Also dies, meine Leute ist Euer neuer Herr, Senhor
Almeira, wie er heißt, auf dessen Plantage Ihr jetzt -- wahrscheinlich
morgen früh -- befördert werden sollt. Dieser aber, der Mulatte, ist sein
Oberaufseher, dem Ihr, wenn der Herr nicht selber da ist, Eurem Contract
nach, zu gehorchen habt.«
»Dem gelben Kerl?« rief die Frau erschreckt.
»Mancal,« sagte der Supercargo, »ist ein braver, ordentlicher Mensch,
mit dem sich schon auskommen läßt (er hatte ihn heute zum ersten Mal in
seinem Leben gesehen). Seid nur freundlich gegen ihn und thut hübsch,
was er Euch sagt. Je fleißiger Ihr dabei seid, desto früher seid Ihr im
Stande den Platz wieder zu verlassen, -- wenn er Euch später nicht so
gefallen sollte, daß Ihr ganz da bleiben wollt. Nachher aber macht Ihr
Euren eigenen Contract.«
»Spricht er denn deutsch?« frug die Frau.
»Das nicht,« lachte der Supercargo, »aber das bischen Portugiesisch
lernt Ihr bald; das ist eine sehr leichte Sprache.«
Der Mulatte sagte jetzt selber etwas zu dem Supercargo und dieser rief:
»Ja, das ist nothwendig. Wo habt Ihr denn Euer Gepäck? Zeigt das doch
einmal dem Mann, weil die Sachen ins Innere transportirt werden müssen.«
»Kommen wir denn weit ins Land hinein?«
»Nein, nicht weit, -- nur ein paar Legoas. Dort wird's Euch schon
gefallen.«
Sie zeigten jetzt ihr Gepäck, und der Mulatte, der bis dahin keine Miene
verzogen hatte, lachte laut und hell auf, als er die drei großen,
riesigen Kisten sah. Er hatte auch vielleicht Ursache dazu, denn er
kannte die Wege und Beförderungsmittel des Landes und wußte recht gut,
daß es unmöglich sein würde, =solche= Collis auf Maulthieren über die
schmalen und steilen Bergpfade zu schaffen.
Den Deutschen wurde das jetzt gesagt, und der Supercargo, der den Blick
umherwarf und überall ähnliche Kasten bemerkte, erledigte die Sache
dadurch, daß er versprach, noch heute Abend ein paar Matrosen vom
Schiff, von denen der eine sogar portugiesisch sprach, herüber zu
senden, um das Gepäck in Ordnung bringen zu lassen. Senhor Almeira
sollte dann auch einen von seinen Maulthiertreibern hersenden, und so
würden sie Alles rasch in Ordnung bekommen.
Damit wandte er sich ab, denn seine Vermittlung wurde jetzt von allen
Seiten in Anspruch genommen. Es herrschte überhaupt eine entsetzliche
Verwirrung auf dem Plan, da die Deutschen durcheinander liefen und viele
der Frauen zu weinen und zu jammern anfingen. Aber was konnte das jetzt
helfen; die Sache war abgemacht, -- überdies brannte die Sonne und die
Herren eilten, um wieder in die Stadt zu kommen.
Nur den für die Stadt »gemietheten« Leuten -- von denen man aber
natürlich Keinen gefragt hatte, in welcher Beschäftigung er verwandt
werden wolle -- wurde aufgegeben, ihre Sachen zusammen zu packen, da sie
noch heute Abend einziehen sollten. Den übrigen gab man Zeit bis morgen
früh.
Siebentes Capitel.
Die Reise in's Innere.
Das war ein recht trauriger, schmerzlicher Tag für die armen Leute, die
hier, im wahren Sinn des Worts »verrathen und verkauft«, in dem fremden
Lande saßen und Niemanden in der weiten Welt hatten, bei dem sie sich
Rath und Hülfe erbitten konnten.
Der Capitän des Schiffes? Wie durften sie sich an den wenden, den gingen
sie weiter nichts an, als daß er sie hier herüber beförderte. Und hatte
er je auf der ganzen langen Reise auch nur ein einziges freundliches
Wort mit ihnen gesprochen? Nie. Er betrachtete sie als Fracht, und noch
dazu als eine lästige Fracht, und würde nie daran gedacht haben, sich in
ihre Angelegenheiten zu mischen oder ihnen gar gegen seinen
Cajütenpassagier, den Supercargo, mit dem er immer sehr befreundet
gewesen, beizustehen.
Und der Deutsche etwa, der schon bei ihnen an Bord gewesen? Das war ein
vornehmer Herr und hatte ihnen deutlich genug gezeigt, daß er nichts mit
ihnen zu thun haben wollte. Ein paar von ihnen redeten ihn allerdings
an, -- er war der Einzige, der für sie sprechen konnte, -- aber er
antwortete ihnen nicht einmal, zeigte nur auf den Supercargo, daß sie
sich nur an den wenden sollten, und drehte ihnen dann den Rücken. Und
der war ein Landsmann, -- aber leider finden wir das gar häufig bei den
Deutschen im Ausland, daß sie sich ihrer Nation und ihres Volkes
schämen. Wir können uns allerdings damit trösten, daß alle Solche, =die=
es thun, auch jedesmal Lumpen sind, und von den Fremden, unter denen sie
leben, eben so verachtet werden, wie sie selber ihr Vaterland verachten;
trotzdem bleibt es immer traurig, daß dem wirklich so ist.
So konnten denn die armen Leute nichts anderes thun, als sich in das
Unvermeidliche eben fügen und über sich ergehen zu lassen was da komme.
Sie besaßen nicht mehr die Macht es zu ändern.
Auch der Abend war noch bös, denn als die Matrosen eintrafen, die ihr
Gepäck ordnen sollten, gingen diese entsetzlich rauh mit ihren Sachen
um, und die Brasilianer, die umherstanden, wollten sich noch dazu
todtlachen über all den Plunder, den sie mitgebracht, und der jetzt wild
umhergestreut vor der Hütte lag.
Es ist allerdings wahr, die Deutschen schleppen Dinge mit in die Fremde,
an die ein Anderer nicht einmal denken würde; aber arme Leute, die genau
wissen, wie sauer es ihnen geworden, sich auch nur das Geringste in
ihrem Hausrath anzuschaffen, und die dann nachrechnen, wie viel
Arbeitstage an jedem Gegenstand hingen, trennen sich auch entsetzlich
schwer von ihrem Eigenthum, und haben viel zu wenig Erfahrung in der
Welt, um zu wissen, daß sie nutzloses Gepäck oft wieder doppelt und
dreifach bezahlen müssen, um es nur an Ort und Stelle zu bekommen.
Auch Behrens' Frau hatte eingepackt, was sie nur noch irgend jemals zu
benutzen glaubte, Töpfe und Tiegel, ja, sogar irdenes Geschirr
dazwischen, das schon in Scherben in der Lade herum lag, Quirle und
hölzerne Löffel, eine alte, zerbrochene Kaffeemühle, die hier Niemand
repariren konnte, schweres, eisernes Werkzeug dazwischen, und Hausgeräth
bis auf den Wischlappen hinunter. Dazwischen räumten die Matrosen jetzt
mit ihren rohen Fäusten und roheren Scherzen auf. Was zerbrach, zerbrach
eben und brauchte nicht mit verpackt zu werden, und die Arrieros oder
Maulthiertreiber schnürten dann noch das Ganze mit rohhäutenen Riemen
derart zusammen, daß Alles, was nur einigermaßen ruinirt werden
=konnte=, auch seinem Schicksal sicher nicht entging.
Die Kisten selber wurden als vollkommen werthlos bei Seite geworfen; sie
mochten höchstens noch als Brennholz dienen.
Ein Trost war für Behrens wohl noch der, daß eine andere, ziemlich
ordentliche Familie denselben Herrn bekommen hatte und also ihr
Schicksal theilen würde, aber der junge, wilde Bursch, der sich
vermessen, daß, wer ihn kaufe, auch betrogen sein solle, begleitete sie
ebenfalls, und dessen Gesellschaft war Keinem von Allen angenehm, ließ
sich aber auch nicht ändern und mußte eben ertragen werden, wie das
Übrige.
Die Packen waren geschnürt, -- selbst, die Betten, obgleich die Frau sie
gern herausbehalten hätte, weil sie jetzt nicht einmal wußten, wo und
wie sie die Nacht schlafen sollten. Nur für das Jüngste war ein kleines
Unterbett gerettet worden, und die Leute trösteten sich damit, daß es ja
doch wohl nur für eine oder höchstens zwei Nächte sein würde.
An dem Abend nahmen noch die von ihnen Abschied, die in der Stadt
blieben und vor Sonnenuntergang mit ihrem Gepäck abgeholt wurden. Sie
hatten es verhältnißmäßig am besten, und doch schien ihnen das Herz
ziemlich schwer, als sie ihren alten Reisegefährten Lebewohl sagen
sollten. Aber lange konnten sie sich auch dabei nicht aufhalten, denn
Jeder bekam gerade genug mit sich selber zu thun.
Übrigens wurde an dem Abend noch das eine Haus fast ganz geleert, denn
einen Theil der deutschen Arbeiter beorderte man sogar noch mit
einbrechender Dämmerung auf das eingelaufene kleine Dampfschiff, das die
Küste befuhr. =Wohin= das sie brachte und zu wem sie kamen, wußten sie
gar nicht; sie frugen darnach, erhielten aber keine Antwort, und man
schien sie eben in der That als nichts weiter wie Leibeigene zu
betrachten, bei denen von einer eigenen Meinung, einem eigenen Willen
keine Rede sein konnte.
Die Nacht regnete es wieder entsetzlich und besonders arg zeigten sich
die Mücken. Die armen Auswanderer verbrachten sie trüb genug auf den
zusammengeschnürten Ballen ihrer Habseligkeiten und den Brettern ihrer
zerschlagenen Kisten -- man mußte sich eben einrichten, und sie ging ja
auch vorüber. Am nächsten Morgen trafen endlich die Maulthiere ein, --
nicht etwa früh, denn die Leute nehmen sich zu solchen Sachen immer Zeit
und es ging schon auf Mittag, ehe sie nur geladen waren und fort
konnten; Behrens erstaunte übrigens, als er nicht die geringsten
Beförderungsmittel für sich und seine Familie sah. Kein kleiner Wagen,
kein Pferd oder Maulthier. Sollten sie den ganzen Weg zu Fuß gehen? Es
konnte eben nicht weit sein und dann ging sich's vielleicht auch besser
auf den schlechten Wegen, als sie gefahren wären.
Die Maulthiertreiber ritten aber sämmtlich, -- auch der Mulatte mit den
Blatternarben, der sie hinauf begleiten sollte. Die Frau wäre aber zu
schwach gewesen, das jüngste Kind zu tragen, und Behrens schnürte es
sich selber in ein Tuch auf den Rücken; da spürte er die leichte Last
gar nicht.
Das war ein entsetzlich heißer Marsch in dem flachen Land, das sich an
der Küste ausdehnte. Eine kleine Strecke im Inneren, als sie erst die
unmittelbare Nähe der Stadt und die offenen Felder verließen, kamen sie
allerdings streckenweise unter schattige Waldbäume, aber es dauerte
immer nicht lange, so mußten sie wieder eine offene Plantage passiren,
und dort brannte die Sonne gar so arg.
Behrens frug den einen Maulthiertreiber ein paar Mal, wie weit sie
hätten; aber der schüttelte nur mit dem Kopf, er verstand nicht was der
Deutsche zu ihm sagte, und zeigte nur auf eine vor ihnen liegende
Plantage. War das schon ihr Ziel? Nein, sie sollten nur hier
übernachten. Ein besonderes Haus war freilich nicht für sie
aufzutreiben, und sie mußten in der Maniokmühle einquartiert werden,
aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig und reinlich, und sie
bekamen auch reichlich zu essen, Bohnen und Maniokmehl und etwas
getrocknetes Fleisch, da die Leute wahrscheinlich nicht frisch
geschlachtet hatten. Am nächsten Morgen aber wurde lange vor Tageslicht
zum Aufbruch gerufen, und es schien doch jetzt, als ob man die
Morgenkühle zu ihrem weiteren Marsch benutzen wolle.
Jetzt hatten sie aber auch die Berge dicht vor sich, nicht etwa sehr
hohe Gebirge, so weit sich von hier aus erkennen ließ, sondern eine
niedere, bewaldete Hügelkette, in die sich der Weg hinaufzog, und die
zuletzt so eng und steil wurde, daß sich Einer hinter dem Anderen halten
mußte. Und wie schwer es sich da ging, -- aber es sollte noch schwerer
werden, denn mitten am Tag setzte der Regen wieder ein und die Frau war
zuletzt so erschöpft, daß sie kaum noch vorwärts konnte. Einer der
Maulthiertreiber fühlte wohl Mitleiden mit ihr und wollte sie eine
Strecke reiten lassen, -- aber das ging auch nicht, denn sie hatte noch
in ihrem Leben auf keinem Thier gesessen, und hier Berg auf und ab war
das noch außerdem schwierig genug, sich oben zu halten. Als sie das
nächste Haus erreichten, was in einem der Thäler lag, mußten sie
nothgedrungen Halt machen, und der Mulatte, der damit gar nicht
einverstanden war, schickte das Gepäck voraus, ohne sich darum zu
bekümmern, was die armen Wanderer wohl noch unterwegs davon gebrauchen
würden.
Am nächsten Tag derselbe Marsch, bei dem die Frau endlich ihre Kräfte
verließen. Sie kam nicht mehr zu Fuß weiter und =mußte= jetzt auf ein
Thier gesetzt werden, das der Mulatte am nächsten Platz für sie
miethete. Behrens und seine Tochter gingen dann nebenher und hielten sie
im Sattel, bis sie nach und nach die Bewegung gewohnt wurde und sich
schon selber ein wenig helfen konnte. Aber endlos dehnte sich der Weg
aus, -- Tag nach Tag verging, und noch immer erreichten sie ihr Ziel
nicht. Die Kinder bekamen schon Blasen unter die Füße und wimmerten
unterwegs. Anfangs hatten sie sich über den herrlichen Wald, die
prachtvollen Bäume und die vielen bunten merkwürdigen Vögel und
Schmetterlinge gefreut, jetzt achteten sie gar nicht mehr darauf und
schleppten sich nur mühsam über den nassen, klebrigen Boden hin.
Am siebenten Tag wurden die Auswanderer von zwei Reitern überholt, einem
Weißen mit seinem schwarzen Diener hinten, der im Galopp heransprengte.
Es war Senhor Almeira, ihr Herr, der sehr erstaunt und auch unwillig
schien, sie noch auf der Straße zu finden. Er sprach heftig mit dem
Mulatten, und dieser entschuldigte sich, ebenfalls nicht in besonderer
Laune. Der Herr warf einen Blick auf die kranke Frau, redete aber die
Deutschen nicht an, sondern setzte seinem Thier die Sporen ein und
sprengte vorüber.
An dem Tag wanderten sie bis spät in die Nacht hinein, die Kinder
konnten ihre Füße kaum noch vom Boden heben und weinten still vor sich
hin, und Hannchen, die älteste Tochter, obgleich selber müde genug,
huckte dennoch ihr jüngstes Brüderchen, den fünfjährigen Christian, auf
und schleppte ihn weiter, bis sie, zum Tode erschöpft, wieder die
Wohnung menschlicher Wesen erreichten, und dort die armen mißhandelten
Glieder ein paar Stunden konnten rasten lassen.
Und =wieder= weiter ging es am nächsten Morgen, aber heute war der
Mulatte freundlicher mit ihnen, zeigte voraus und nickte und lachte, --
die Plantage seines Herrn konnte nicht mehr fern sein, und als sie, etwa
um 10 Uhr Morgens, wieder einen der jetzt immer steiler und höher
werdenden Bergkämme erreicht hatten, breitete sich ein weites,
herrliches Thal vor ihnen aus, und dort unten lagen eine Anzahl Gebäude,
auf die jetzt ihr Führer deutete und ihnen etwas zurief.
Das endlich -- endlich war der so heiß ersehnte -- und fast auch
gefürchtete Platz, der sich dort vor ihnen ausbreitete, -- das war der
erste Blick auf ihre neue Heimath in dem fremden Lande, -- dort sollten
sich alle die Hoffnungen erfüllen, die sie weit weg über das Meer, aus
ihrem Vaterland hierher geführt, -- dort sollte jede Sorge schwinden und
ein neues, frisches Leben für sie beginnen? Und war der Anfang so
gewesen, daß sie dem mit froher Zuversicht entgegen sehen durften? Hatte
sich bis jetzt auch nur =eine= dieser Hoffnungen, -- nur irgend etwas
bestätigt, das ihnen im alten Vaterland von eigennützigen oder
unwissenden Menschen versprochen worden?
Behrens war kein Mann, der, mit irgend welcher Phantasie begabt, dunkle
Bilder vor sich heraufbeschworen hätte, und doch schnürte ihm ein
unheimliches Gefühl die Brust zusammen, als er ihrer letzten Behandlung
-- als er auch daran dachte, daß von jetzt ab dieser gelbe, häßliche und
rohe Mensch ihr Aufseher sein sollte. Aber er hütete sich wohl, der
armen, noch überdies so schwachen Frau ein Wort zu sagen, -- er glaubte,
daß sie das vielleicht nicht eben so scharf und peinlich fühle, als er
selbst, und schweigend, Jeder mit seinen eigenen trüben Gedanken
beschäftigt, schauten die Auswanderer auf das vor ihnen ausgebreitete
Landschaftsbild hinab.
Es wurde ihnen aber nicht lange Pause gegönnt, denn der Mulatte drängte,
den Platz endlich zu erreichen, da er wußte daß ihn sein Herr schon
ungeduldig dort erwarte. Auch die Deutschen rafften ihre letzten Kräfte
zusammen, -- es war ja jetzt bald überstanden, und wanderten, so rüstig
es gehen wollte, den schrägen Hang hinab, der sie hinunter in die Ebene
führte. Aber sie hatten die Plantage schon weit früher erreicht, als sie
glaubten, und fanden sich plötzlich in einem Wald, der nur aus
angepflanzten Bäumen zu bestehen schien, da überall Reihen
hindurchliefen. Allerdings hatten sie schon unterwegs einige solche
passirt, aber in ihrer Ermattung gar nicht darauf geachtet.
Jetzt deutete der Mulatte mit einem Zweig, den er in der Hand hielt, um
seinem Thier die Fliegen damit abzuwehren, hinüber auf die Bäume und
sagte: »_Café!_«
»Kaffee?« rief Behrens verwundert.
»_Sim!_ -- _cafezal_.«
»Das sind ja Kirschbäume, Vater,« sagte Hannchen, und die Deutschen
betrachteten verwundert die mit kleinen, rothen und grünen Früchten
bedeckten Bäume. Der Mulatte aber, der jetzt glaubte, ihnen jede nöthige
Aufklärung gegeben zu haben, spornte sein Thier an und sprengte rasch
voraus, um jedenfalls die Ankunft des Trupps zu melden.
Jetzt lichtete sich der Kaffeewald, -- denn es waren in der That
Kaffeebäume, durch welche sie hinwanderten und das Ganze ein sogenannter
Cafezal oder Kaffeegarten. Sie betraten wieder das offene Land mit einem
Baumwollenfelde zur Linken und einer Zuckerrohranpflanzung zur Rechten.
Voraus konnten sie schon die Gebäude erkennen, -- ein niederes, breites,
aber luftig gebautes Haus mit einer großen Veranda, die ringsherum lief
und von einem Hain fruchttragender Orangen umgeben und zu beiden Seiten
desselben, aber durch das Gebüsch vollständig bedeckt, niedere, aus Holz
aufgeführte kleine Häuser, in denen, wie sie später fanden, die auf die
Plantage gehörenden Neger ihre Wohnung hatten.
Zwei davon standen leer und wurden den beiden Familien angewiesen, wobei
Behrens auch noch den, freilich jetzt sehr kleinlauten Burschen
zugetheilt bekam. Behrens wollte dagegen protestiren, da er nicht mit zu
ihrer Familie gehörte, aber man verstand ihn entweder nicht, oder wollte
ihn auch nicht verstehen, und vor der Hand ließ sich nichts weiter in
der Sache thun. Das regulirte sich doch wohl, wenn sie erst einmal an
Ort und Stelle waren.
Für heute fühlten sich Alle so ermüdet, und kaum im Stande ihr Gepäck
selber in die ihnen angewiesene Wohnung zu schaffen. Und sollten sie
hier etwa für immer bleiben? Wie wüst und öde der Ort aussah, mit weiter
keinem Fußboden, als der bloßen, hartgestampften Erde, aus der sogar an
einigen Stellen, da er wohl lange nicht bewohnt gewesen, Grashalme
emporsproßten, mit durchsichtigen Reisigwänden und keinem einzigen
Möbel, weder Tisch noch Stuhl, darin. Nur an der hinteren Wand waren ein
paar in den Boden eingerammte Bettgestelle aus rohen Pfosten und Stangen
angebracht, mit Riethstücken darüber gelegt, und auf dem einen von
diesen lag eine alte, mit blauem Zeug überzogene, ziemlich harte
Matratze, aber so von Schmutz starrend, daß sie Behrens nur gleich
hinaus vor die Thür zog, weil Niemand darauf liegen mochte.
Das war ein trauriger Aufenthalt inmitten dieser wunderbaren Vegetation,
-- und ein Garten? Hinter dem Haus lag ein Platz von vielleicht zehn
Schritt Länge und Breite, den die früheren Bewohner dieser Hütte zu
einem Düngerhaufen benutzt zu haben schienen, weiter nichts, denn
dahinter begannen schon die Orangenbäume, und darin hatte Herr Meier in
Europa also doch Recht gehabt, denn von denen lagen hier so viel herum,
daß sie den Boden fast bedeckten und dorten faulten. Und trotzdem
scheuten sich die Deutschen am ersten Tage davon zu nehmen, bis eine
alte Negerfrau zu ihnen kam, und den Kindern eine ganze Schürze voll
davon ins Haus schüttete.
Und wie sollten sie sich jetzt mit irgend Jemandem verständigen? Behrens
hätte so gern gefragt, ob sie nicht einen Tisch und ein paar Stühle
wenigstens bekommen könnten, und er suchte der alten Negerfrau das
begreiflich zu machen. Sie verstand ihn auch vielleicht, denn er drückte
sich pantomimisch deutlich genug aus, schüttelte aber mit dem Kopf und
begann dann eine solche Menge von wunderlichen Gesticulationen, daß es
Behrens endlich in Verzweiflung aufgab, irgend einen Bescheid von ihr zu
erhalten. Die Kinder fürchteten sich dabei vor ihr, und Christian schrie
gerade hinaus, wenn sie nur in seine Nähe kam. Aber sie lachte
gutmüthig, nickte ihnen freundlich zu und ging dann wieder in ihre
eigene Wohnung hinüber. Mit den Fremden war ja doch nichts anzufangen.
Essen bekamen sie heute gebracht, die nämliche Kost, die sie unterwegs
erhalten: Bohnen und Maniokmehl, aber ein Stück frisches Fleisch dazu,
-- Alles in einer großen hölzernen Schüssel, in welcher blecherne Löffel
staken. Sie mußten sich dann darum her auf die Erde niederkauern, um
daraus zu essen.
Behrens und seine Frau glaubten nun allerdings, daß ihnen dies trostlose
Local nur für den Augenblick zur Wohnung angewiesen sei, da man nicht
Zeit gehabt, eine bessere Behausung so rasch für sie in Stand zu setzen,
und in dieser Vermuthung wurden sie dadurch bestärkt, daß man sie auch
am nächsten Tag noch zu keiner Arbeit aufforderte, sondern ihnen
vollständig Zeit ließ, sich von dem beschwerlichen und ermüdenden Marsch
zu erholen. Gewiß bereitete man indessen ein neues kleines Haus für sie
vor, an dem sich dann auch ein Garten befand, denn das hatte ja Herr
Kollboeker daheim dem Auswanderer noch ganz besonders in seinen Contract
gesetzt.