Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herüber zu kommen und in gutem

Einverständniß mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest

entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die

eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und jetzt würdigte sie Keiner

dieser Leute, -- nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen

war, nur eines Grußes oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen

freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes,

unbehagliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr

von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen

auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, daß jetzt da

oben auf dem Quarterdeck ihr künftiges Schicksal entschieden werden

solle.

Hören konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur

einmal verstanden sie die lauter als gewöhnlich gesprochenen Worte des

Capitäns, daß er »die Passagiere aus dem Wege haben müsse, um zu ihrer

Fracht zu kommen. Er könne sie nicht länger an Bord behalten, denn sein

Contract wäre erfüllt, und weiter hätte er nichts mit dem Volk zu thun.«

Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten,

was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekündigt, ihre Sachen

zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren

werden sollten.

Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, daß sie erst das

enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten

könnten, -- jetzt war ihnen bänglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres

Schicksals rückte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, -- hätten

noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, -- aber es ging

eben nicht. Man ließ ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten

Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschließen, und

indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter

ihre Hände kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die

Betten wurden zusammengeschnürt, und kaum eine Stunde später lag das

obere Deck so gedrängt voll Gepäck, daß man sich kaum dazwischen

durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rücksichtslos genug, über

Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine

Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die

Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten.

Dann kam eine große Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und

in welche die verschiedenen Frachtstücke eben so rücksichtslos

hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei über die großen,

schweren, unbehülflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm

und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurück in

welcher sämmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land

geschafft wurden.

Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drückte wohl

ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs

befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitän wie

Supercargo kümmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon

vorher ans Land gefahren, wobei der Capitän, als er das Schiff verließ,

seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurück käme, müsse das Fahrzeug

=rein= sein.

Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten;

die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in

einemfort unverständliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander

lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in

einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen:

Brasilien ist nicht weit von hier! -- aber schwieg ordentlich

erschreckt, als auch kein Einziger der Übrigen mit einstimmte. Es war

ihnen nicht wie Singen zu Muthe.

Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten.

Was da für wundervolle Bäume am Ufer standen und wie herrlich das fremde

Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter beängstigten sie,

schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte,

und sich vielleicht über sie lustig machte, -- wer konnte es wissen. Und

als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer

von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gruß

entgegengerufen hätte? Ja, um sie her drängten sie, um sie besser

betrachten zu können, so dicht, daß sich die Kinder schon fürchteten und

zu weinen anfingen; aber Niemand kümmerte sich um sie. Sie wußten nicht

einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepäck gebracht --

und wie die Sonne dabei auf ihre Köpfe niederbrannte. Wie heiß das hier

in dem fremden Lande war.

Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt

hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen

wolle, und schüttelten nur die Köpfe.

Eine volle halbe Stunde mochten sie so rathlos und voll in der glühenden

Sonne dagestanden haben, als ihnen endlich Erlösung wurde.

»Nun, Ihr Leute,« rief der Supercargo ihres Schiffes, der sich durch die

Neugierigen zu ihnen drängte, »weshalb geht Ihr denn nicht zu Eurer

Wohnung? Wollt Ihr hier am Strand bleiben?«

»Ja, aber wir wissen ja gar nicht wohin,« sagte Behrens, »es hat uns

noch kein Mensch ein Wort gesagt.«

»Du lieber Gott, was man nicht selber thut, wird Einem auch nie

besorgt,« rief der Mann ärgerlich, »und Ihr seid auch so unbeholfen

dabei, wie nur möglich. Na, kommt, ich will Euch hinbringen, aber macht

ein wenig rasch, denn ich habe nicht lange Zeit.«

Die Deutschen griffen ihr Gepäck, die Frauen ihre Kinder auf, und manche

hatten schwer genug daran zu tragen, aber der Supercargo schritt so

rasch vor ihnen her, daß sie ihm in der heißen Sonne kaum zu folgen

vermochten. Er war ungeduldig geworden und schien die Zeit kaum erwarten

zu können, wo er seine ihm lästige Begleitung los wurde.

Sechstes Kapitel.

In Brasilien.

Mit dem Supercargo an der Spitze, der außerdem der portugiesischen

Sprache mächtig war, hatte sich die Menge dem Zug geöffnet, und die

deutschen Auswanderer passirten zunächst eine Art offenen Marktplatzes,

unmittelbar am Meeresstrand, auf dem alle Schätze tropischen

Fruchtreichthums aufgespeichert lagen. Ach, was für verlangende Blicke

warfen die armen seemüden Wanderer, die sich bis dahin von Salzfleisch

und trockenen Erbsen genährt, nach den goldglänzenden Orangen und Ananas

und all den sonstigen fremden Herrlichkeiten hinüber; aber ihr Führer

ließ ihnen keine Zeit, um auch nur mehr als einen flüchtigen Blick

darauf zu werfen. Fort ging es -- hindurch, mitten in die Stadt hinein,

und eine heiße, vollständig schattenlose Straße entlang, die sich wie

endlos vor ihnen ausdehnte, bis ein paar der Frauen in ihren dicken

Kleidern ermattet niedersanken.

Jetzt erst wurde der langbeinige hagere Bursche vorn darauf aufmerksam

gemacht, daß sie ihm in diesem Tempo nicht mehr folgen könnten, und

mürrisch und verdrießlich fügte er sich endlich der Nothwendigkeit,

wenigstens langsamer zu gehen, -- von einem Aufenthalt wollte er aber

nichts wissen.

Doch auch dieser Weg nahm mit der Straße ein Ende. Gleich draußen, wo

wieder freundliche Gärten lagen, erreichten sie eine Gruppe schattiger

Fruchtbäume und Palmen, und dort hindurch brachte sie ihr Führer zu zwei

allein stehenden, halb verfallenen Häusern, vor denen sie schon von

Weitem ihre Kisten und Koffer bunt und wild aufgeschichtet fanden.

»Und was nun? -- Hier sollten sie die Nacht zubringen,« sagte ihnen ihr

Führer, »da weiter keine Räumlichkeit für sie hergerichtet sei; morgen

oder übermorgen würden sie dann spätestens zu dem Ort ihrer Bestimmung

abgeführt werden.«

»Wo das sei? -- Wo sie bleiben, wohin sie geschafft werden sollten?«

alle Fragen stürmten auf ihn ein. Der Mann zuckte nur die Achseln.

»Darüber hätte der hiesige Agent zu bestimmen,« wie er sagte, »und er

selber weiter nichts zu thun, als sie hierher zu schaffen. Sie müßten

Geduld haben und kämen noch zeitig genug an ihre Arbeit.«

Damit ging er fort und ließ sie allein, um sich dort einzurichten, so

gut es eben gehen wollte.

Hatten sie übrigens keine Zeit bekommen, sich am Lande Früchte

einzukaufen, so folgten ihnen die Verkäufer derselben rasch genug

hierher, denn die Leute wußten aus Erfahrung, wie sich Reisende nach

einem solchen Labsal sehnen. Es dauerte nicht lange, so waren sie von

Negern und Negerfrauen ordentlich umschwärmt, die ihnen die herrlichen

Früchte des Landes zum Verkauf anboten, und die einzige Schwierigkeit

blieb nur die, daß sie kein hiesiges Geld besaßen, um dafür zu zahlen.

Die Neger betrachteten kopfschüttelnd die ihnen gebotenen Münzen, und

nur für Silber ließen sich Einzelne, die wußten, daß sie es an Bord des

Schiffes wieder einwechseln konnten, herbei, ihnen Apfelsinen und einige

andere Früchte abzulassen. Und wie gierig fielen die armen Menschen über

dies einzige Labsal her, das ihnen geboten wurde, während sie das Beste,

die unreifen Cocosnüsse, mit denen sie ihren Durst hätten löschen

können, zurückwiesen, weil sie mit den großen, harten, grünen Kugeln

nichts anzufangen wußten.

Behrens indessen, der auch ein deutsches Zehngroschenstück daran gewandt

hatte, um seinen Kindern und seiner Frau ein paar von den Apfelsinen zu

kaufen, und sich dabei wunderte, wie theuer er sie bezahlen mußte, da

ihm doch die Leute daheim gesagt, daß man sie hier überall im Walde nur

auflesen könne, ging indessen daran mit seinem Jungen und der ältesten

Tochter, die Kisten in das Haus zu schaffen und sich einen Schlafplatz

herzurichten. Er fürchtete allerdings nichts von dem Wetter, aber er

traute den fremden schwarzen Menschen nicht und wollte die Sachen gern

noch vor Dunkelwerden in Sicherheit schaffen.

Einige folgten seinem Beispiel, Andere aber, zu lässig, oder auch zu

erschöpft, ließen ihr Eigenthum draußen stehen, und erklärten, die Nacht

im Freien schlafen zu wollen, denn in den Häusern sei es doch zu dumpf

und schwül.

Aber wie rasch das dunkelte; kaum war die Sonne hinter den Palmenwipfeln

verschwunden, als sich auch schon die Nacht auf die Erde legte, und

indessen hatte Niemand nach ihnen hier draußen gesehen oder ihnen zu

essen und zu trinken gebracht.

Allerdings fanden ein paar junge Burschen, die in der Nachbarschaft

umhergestreift waren, einen Bach und konnten von dorther wenigstens

Trinkwasser holen, aber weiter bekamen sie nichts. Sie mußten rein

vergessen sein, und nur der Schiffszwieback, den sich noch einige vom

Bord mitgenommen, stillte ihnen heute Abend den Hunger.

Eine wahre Unzahl von Mücken gab es ebenfalls, -- sie kannten den

spanischen Namen »Mosquitos« noch nicht dafür, -- die sie mit der

Dämmerung umschwärmten und empfindlich stachen. Besonders die Kinder

hatten darunter zu leiden, schliefen unruhig und manche schrieen die

halbe Nacht hindurch. Aber es sollte noch besser kommen.

Mitternacht mochte vorüber sein, als sich der Himmel plötzlich umzog,

und gegen ein Uhr zuckte der erste grelle Blitz nieder, dem ein

Kanonenschlag ähnlicher Donner folgte. Alle fuhren erschreckt in die

Höhe, -- da rasselte es auf das nur an wenigen Stellen vollkommen dichte

Blätterdach nieder; es regnete nicht, es schüttete im wahren Sinn des

Wortes, und eine entsetzliche Verwirrung entstand jetzt, als die im

Freien Lagernden nicht allein in das Haus und zwischen die Schläfer

stürmten, sondern auch noch ihre Kisten und Kasten dort im Trocknen

unterbringen wollten. Die Frauen jammerten dazu, die Männer fluchten,

die Kinder schrieen und ein wahrer Heidenlärm entstand.

Auch die in den Häusern Befindlichen waren nicht immer besser daran,

denn Einige von ihnen fanden sich mit ihren Betten unter einer

ordentlichen Dachtraufe und sahen sich dabei nicht einmal im Stande,

nach rechts oder links zu weichen.

Zu viel Unheil auf einmal bringt aber oft bei den davon Betroffenen die

entgegengesetzte Wirkung hervor, und das junge Volk unter den

Auswanderern, das sich auch weit eher unterbringen konnte, und weder mit

Gepäck noch Kindern behelligt war, fiel plötzlich, mitten in den

allgemeinen Lärm, wieder in sein altes Lied »Halli, Hallo! Brasilien ist

nicht weit von hier!« ein, was den Übrigen auch noch die letzte

Möglichkeit raubte, an Schlaf zu denken.

So verging ihnen die erste Nacht und der nächste Morgen brachte ihnen

insofern eine Linderung, als der Regen mit Tagesanbruch aufhörte und die

heiße Sonne ihnen verstattete, die über Nacht etwa naßgewordenen Betten

und Kleider leicht und rasch wieder zu trocknen.

Jetzt kam auch der Supercargo ihres Schiffes und entschuldigte sich, daß

ihnen gestern Abend keine Nahrung gesandt worden. Er habe den Auftrag

gegeben, ehe er an Bord zurück ging, aber er sei mißverstanden worden.

Es würde nicht wieder geschehen und jeder Einzelne von jetzt an Morgens

seinen Kaffee und Schiffszwieback, und Mittags und Abends zu essen

bekommen.

Die Leute beklagten sich allerdings über den schlechten Zustand der

Dächer, und frugen, wie lange sie noch hier liegen bleiben sollten. Er

zuckte die Achseln und behauptete, es nicht zu wissen, da noch zwei

Herren aus dem inneren Land erwartet würden, die Arbeiter »bestellt«

hätten. Was die Dächer beträfe, so ließen sich die ja leicht wieder in

Stand setzen; es gäbe breite Blätter dort genug, und die Leute hätten ja

auch nichts weiter zu thun.

Damit ging er, und ihre Nahrungsmittel bekamen sie von der Zeit an in

der That regelmäßig, aber auch eine Kost, an die sie nicht gewöhnt

waren, und in die sie sich nicht so bald hineinfinden konnten: frisches

oder gesalzenes Schweinefleisch, Bohnen und Maniokmehl. Mit dem Mehl

wußten sie anfangs gar nicht umzugehen, und einige versuchten sogar,

Brod davon zu backen; aber es war zu grob und schmeckte nicht. Übrigens

wurden ihnen einige Fruchtbäume in der Nachbarschaft -- die jedenfalls

zu den leerstehenden Gebäuden gehörten, angewiesen, wo sie sich

unentgeltlich holen konnten, was sie wollten, und auch fleißig

benutzten. -- Aber die Zeit verging ihnen entsetzlich langsam, denn Tag

und Nacht verstrich, ohne daß eine Änderung in ihrer Lage eingetreten

wäre. Dabei regnete es fast täglich und oft die ganze Nacht hindurch,

und wenn sie sich auch die größte Mühe gaben, die Dächer dicht zu

bekommen, so gelang ihnen das nur sehr unvollständig.

Ein paar Frauen erkrankten noch außerdem, und ein brasilianischer Arzt

kam zu ihnen, den sie nicht verstehen konnten. Er gab ihnen aber

trotzdem Medicin, denn er wußte vielleicht schon, welchen Krankheiten

frisch eingetroffene Europäer am schnellsten ausgesetzt waren, und nahm

die Sache außerordentlich leicht.

Endlich, am elften Tage, nachdem das Schiff, das sie hierher gebracht,

seine ganze Fracht gelöscht und neue Ladung dafür an Bord genommen

hatte, erfreute sie der Supercargo, der sie aber in der Zeit nur sehr

selten besuchte, mit der Meldung, daß die erwarteten Herren eingetroffen

wären und sie wahrscheinlich schon morgen, spätestens übermorgen, ihre

Reise in das innere Land antreten könnten. Sie sollten sich auf morgen

früh nur Alle sauber anziehen und bereit halten, da die Herren hier

herauskommen würden, um sie zu besuchen und selber mit ihnen zu

sprechen.

Behrens frug ihn jetzt, wie es denn eigentlich mit ihren Contracten

wäre, die sie noch immer nicht wieder bekommen hätten, obgleich ihnen

das an Bord versprochen wäre.

»Und was wollt Ihr damit?« frug der Supercargo lakonisch, »das sind nur

Contracte, durch die =Ihr= Euch Eurem zukünftigen Herrn gegenüber

verbindlich macht, ihm treu zu dienen, bis Ihr das vorgeschossene Geld

abbezahlt habt, weiter nichts, -- sie können =Euch= gar Nichts nützen.«

Behrens schüttelte erstaunt mit dem Kopf, denn er begriff das Alles

nicht, und gar nichts stimmte außerdem mit Allem, was ihnen Herr

Kollboeker -- der doch Alles gerade so genau wissen wollte, gesagt. Da

sich der Supercargo aber schon wieder zum Gehen wandte und ihm =eine=

Frage besonders noch schwer auf der Seele lag, so faßte er sich ein Herz

und sagte:

»Ach bitte, lieber Herr; möchten Sie mir wohl über =eine= Sache Auskunft

geben?«

»Und die wäre?« frug der Mann, indem er stehen blieb und den Kopf nach

Behrens zurückdrehte.

»Wie weit haben wir denn von hier nach Blumenau?«

»Nach Blumenau?« sagte der Supercargo erstaunt -- »nach welchem

Blumenau?«

»Nun, nach der deutschen Colonie, wo mein Bruder ist -- kann man da von

hier aus zu Land bequem hinkommen?«

»Ihr seid wohl nicht recht bei Trost,« lachte der Supercargo »-- durch

=den= Wald? Na, kommt nur erst einmal hinein. Blumenau liegt weit von

hier. Da müßt Ihr erst wieder zu Schiff gehen und nach Rio Janeiro

fahren und von da wieder ein anderes Schiff nehmen, wenn eins da ist,

und das kostet viel Geld.«

»Aber du mein Gott!« rief der arme Mann erschreckt aus, »dann sind ja

das =lauter= Lügen, was uns der Herr Kollboeker daheim gesagt hat.«

Der Supercargo hörte aber schon gar nicht mehr auf ihn; er hatte andere

Dinge zu thun, als sich mit dem Auswanderer in ein langes Gespräch

einzulassen, und schritt langsam nach der Stadt zurück. Behrens aber --

das Herz so entsetzlich schwer und mit einer noch unbegriffenen Angst,

die ihn dabei erfaßte, setzte sich auf einen dicht dabei liegenden

Baumstamm, stützte die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die offenen

Hände und zum ersten Mal kam ihm eine volle und wie furchtbare Ahnung,

daß sie wirklich verrathen und verkauft seien und jetzt ihr Schicksal zu

ertragen hätten.

Den anderen Auswanderern war ebenfalls nicht gerade leicht zu Sinn, wenn

sie auch noch nicht vollkommen ihre Lage begriffen; es schien ihnen nur

so, als ob hier nicht Alles in Ordnung wäre. Hatte man ihnen denn nicht

in Deutschland gesagt, sie brauchten in Brasilien so nothwendig

Arbeiter, und man würde sie dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt

lagen sie hier schon elf Tage müßig und verzehrten jedenfalls ihr

eigenes Geld, da man ihnen das gewiß anrechnen würde, und kein Mensch

hatte sich um sie bekümmert oder ihnen auch nur die Hand zum Willkommen

geboten. Waren denn das Alles nur lauter Lügen gewesen?

Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer

vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die

Nacht regnete es wieder tüchtig, aber der nächste Morgen fand sie Alle

früh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr

nächstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen

ihre Kinder mit zum nächsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und

zogen ihnen reine Wäsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor

-- lieber Gott, sie wußten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder

ein Werktag sei -- und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den

Besuch zu empfangen.

Es wurde aber fast elf Uhr, ohne daß sich irgend wer bei ihnen hätte

blicken lassen, -- die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewöhnlich ihr

Frühstück brachten. Da wurde plötzlich Pferdegetrappel laut, und gleich

darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls

zu Pferde, gefolgt, die Straße herab und gerade auf die Hütten zu, und

dort sprangen sie aus den Sätteln, überließen die Zügel ihren Dienern

und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu,

die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Häusern gesammelt hatten,

um die Nahenden zu erwarten.

Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am

ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um

die armen Landsleute gekümmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt

und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er geläufig

redete, während er auch ganz wie sie gekleidet ging.

Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein

Geistlicher aussah, nur daß er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen

und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er

zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen »guten Morgen«

boten, was ein halb freundliches, halb spöttisches Lächeln über seine

sonst ziemlich strengen Züge rief.

Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend

antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: »Nun will ich

Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich

aus, daß man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder

in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so

ein, daß die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr

einmal dahin. Wo sind Euere Leute?«

»Die Frau ist nicht ganz wohl, -- sie liegt drinnen auf dem Bett.«

»Ist sie krank?«

»Nein, krank gerade nicht, aber --«

»Na, da laßt sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder

hinlegen. Wir müssen einmal sehen, wen wir hier haben, man weiß ja sonst

gar nicht wer zusammen gehört. So, das ist recht -- und die einzelnen

jungen Burschen alle hier hinüber. Wer aber bei seiner Familie bleiben

will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher

für nichts.«

»Alle Wetter,« lachte der eine junge Bursch, »das sieht ja beinahe so

aus als ob wir verkauft werden sollten.«

Der Supercargo wandte sich ab und ging zu den Brasilianern zurück, die

indessen auch etwas näher getreten waren, um die Auswanderer zu mustern.

Er unterhielt sich auch mit dem Deutschen, aber nur in der fremden

Sprache, so daß die Leute nicht verstehen konnten, was er zu ihm sagte.

Indessen ordneten sich die Auswanderer, so gut es eben gehen wollte, auf

dem Plan vor den Häusern, -- Familien immer beisammen und nur die Frauen

und Mädchen hielten sich noch schüchtern hinter den Männern und wollten

nicht recht heraustreten. Es war ihnen ein gar peinliches Gefühl, hier

so von all den fremden Leuten angestarrt zu werden. Aber das half ihnen

nichts; so wie sich der Supercargo ihnen wieder zudrehte, zog er sie

eigenhändig vor.

»Alle in eine Reihe, Leute, -- das Hinterkriechen hilft Euch nichts; wir

müssen sehen wen wir haben und ob Niemand fehlt. Erschwert uns die Sache

nicht, denn je williger Ihr Euch zeigt, desto rascher kommen wir damit

zu Ende.«

»Und nun, Senhores,« wandte er sich an die Brasilianer, indem er sein

Taschenbuch und einen Bleistift herausnahm, »bitte ich Sie, Acht zu

haben. Ich werde vorher die einzelnen Personen abrufen, um zu sehen ob

Niemand fehlt, und dann ersuche ich Sie, die Gebote auf

zusammengehörende Familien zu machen. -- Einzelne aus Familien heraus

können nicht abgegeben werden, Sie würden auch selber nur Unruhe und

Last von ihnen haben, -- es müßte denn sein, daß sie sich freiwillig

dazu verständen. Bleibt die Familie beisammen, so ist sie leicht

zufrieden gestellt und arbeitet dann auch mehr und williger: wird sie

getrennt, so bleibt sie mürrisch und verdrossen und bekommt eine

deutsche Krankheit, -- das sogenannte Heimweh. Also erlauben Sie, daß

ich erst die Namen abrufe.«

»Ihr Leute,« wandte sich der Supercargo dann wieder in deutscher Sprache

an die Auswanderer, »ich werde jetzt einzeln Eure Namen ablesen, wie Ihr

in der Schiffsliste eingetragen waret, und Jeder von Euch, wenn er

seinen Namen nennen hört, antwortet mir mit lauter Stimme: =hier!= Habt

Ihr mich verstanden? -- Gut,« fuhr er fort, als ein halblautes Murmeln

durch die Reihen lief, und die Ablesung begann jetzt in der gewöhnlichen

Art. Nur zwei fehlten, die drinnen in der Hütte wirklich fieberkrank

lagen und nicht herauskommen konnten.

Die Brasilianer waren indessen an der Reihe auf und ab gegangen, um sich

die Einzelnen zu betrachten, und der lange Herr in dem schwarzen Rock

sagte endlich, als der Supercargo fertig war, zu diesem: »Die Leute

sehen sonst gut aus, aber verwünscht viel Kinder haben sie mitgebracht.

Das wimmelt ja ordentlich von ihnen.«

»Mein lieber Herr,« erwiderte der Angeredete lächelnd, »Sie wissen recht

gut, daß das kein Schaden für Sie ist, denn erstlich können sie

dieselben, bis fast zu dem Kleinsten herunter, zum Baumwollpflücken und

Kaffeeauflesen verwenden, und dann halten die größeren Unkosten, die Sie

für Beköstigung haben, -- und die nicht einmal so bedeutend sind -- auch

die Eltern so viel länger in Ihrem Dienst.«

Der lange Herr nickte leise und wie überlegend mit dem Kopf und schritt

langsam weiter.

Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde · 第 5 / 11 段