Aber wie fremd kamen sich die Armen schon hier im eigenen Vaterland vor,

wie sie nur erst die Marken ihres heimischen Dorfes hinter sich hatten.

Da war kein bekanntes Gesicht mehr, auf das ihr Auge fiel, kein

menschliches Wesen, das sich um sie bekümmert hätte oder nach ihnen

gefragt. Nur die Bahnbeamten schoben sie manchmal, wenn der Zug

gewechselt wurde, da und dort hinüber, und wollten wissen, ob sie auch

ihre Fahrbillette hätten; dann ging's weiter, immer weiter, in eine

endlose Ebene hinaus, mit Dörfern und Wiesen und blauem Himmel wie

daheim, aber doch so fremd Alles, so entsetzlich fremd.

Tag und Nacht fuhren sie so durch; die Kinder, die sich Anfangs über die

Reise gefreut, wurden ungeduldig und fingen an zu weinen, das Kleinste

schrie viel, und die Mitpassagiere ärgerten sich darüber und sprachen

oder lachten auch wohl untereinander. Endlich stiegen Leute ein die eine

ganz fremde Sprache redeten, und Canäle durchzogen das Land, das fast

nur aus grünen Wiesen bestand, auf denen zahllose Heerden weideten, --

und zuletzt erreichten sie eine große mächtige Stadt an einem Strom, so

breit, wie die Deutschen noch gar keinen in ihrer Heimath gesehen, und

von hieraus mußten sie nun auf dem großen Wasser fahren, vor dem sich

die Frau im Stillen immer gefürchtet hatte.

Wie ihnen Herr Kollboeker daheim gesagt, sollten sie auch hier einen

Mann treffen, der sich ihrer weiter annehmen und ihre Beförderung auf

das Schiff besorgen würde; wie der sie aber aus der ungeheuren

Menschenmenge, die da auf und ab wogte, herausfinden konnte, begriff

Behrens nicht, und noch stand er, das jüngste Kind auf dem Arm, während

sich die anderen um ihn und die Mutter drängten, auf dem Perron, und sah

rathlos und scheu in das ihn umtobende Gewühl hinein, als ein junger,

sehr elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und freundlich sagte:

»Familie Behrens aus Groß-Emmen?«

»Ja, du lieber Gott,« rief die Frau, ordentlich erschreckt, »woher

wissen =Sie= denn das schon?«

Der junge Mann lächelte und während er -- aber in einer Sprache, welche

die Auswanderer nicht verstanden -- einen der Packträger, der eine Nummer

an der Mütze trug, herbeiwinkte, frug er Behrens nach seinem

Gepäckschein, der Jenem übergeben wurde, und lud dann die Auswanderer

ein mit ihm zu kommen, daß er sie in ein Wirthshaus führe, wo sie

übernachten könnten, denn sie sollten erst morgen früh an Bord des

Schiffes gebracht werden.

Die Frau wollte allerdings den Bahnhof nicht verlassen, ohne ihre Sachen

mitzunehmen; der junge Fremde beruhigte sie aber darüber, und brachte

sie auch endlich so weit, daß sie ihm folgten.

Von jetzt ab gingen die Deutschen wie in einem Traum herum, denn wenn

auch noch in Europa, fanden sie sich doch in einer vollkommen fremden

Welt, in der sie sich nicht zu rathen und zu helfen wußten. Da sahen sie

rings um sich Menschen in einer anderen Tracht, die eine andere Sprache

redeten, -- selbst an den Häusern die Schilder konnten sie nicht lesen,

und ordentlich erstaunt blieben sie stehen, als oben von dem einen Thurm

ein Glockenspiel die Stunde anzeigte.

Glücklicher Weise brachte sie ihr Führer zu Deutschen, und forderte dann

Behrens auf, mit ihm auf das Comptoir zu gehen, um dort ihre

Angelegenheit zum Schluß zu bringen.

Behrens folgte ihm willenlos, und wenn er auch manchmal gern stehen

geblieben wäre, um sich in den Straßen umzusehen, wo wunderliche

Frauengestalten mit langen Strickstrümpfen und hohen Mützen in

Holzpantoffeln vor den Thüren saßen, und mit einander erzählten und

plauderten, ließ ihm sein Führer doch keine Zeit dazu.

Er hielt auch nicht eher, als bis sie wieder ein schmales, in der

unmittelbaren Nähe des Strandes gelegenes Haus erreichten, an dessen

Thür sich ebenfalls viele Schilder befanden, die Behrens aber auch nicht

lesen konnte. Dort traten sie ein, und der arme Tagelöhner fand sich

plötzlich in einem langen, wenn auch ziemlich schmalen Saal, in welchem

wohl zwölf oder vierzehn Herren emsig schrieben und keine Seele sich um

ihn bekümmerte. Dort wurde er hindurch geführt, ohne daß ihn auch nur

Einer angesehen hätte, in ein anderes, kleines Gemach, in welchem

kostbare Möbel standen und zwei ältliche Herren an ihren Pulten saßen.

Dem Einen von diesen meldete Behrens' Führer seine Ankunft, ohne daß der

Herr aber nur den Kopf gehoben hätte, so war er in ein Papier vertieft,

in dem er gerade las. Endlich sah er Behrens über seine Brille an, und

ohne ein Wort zu sprechen, betrachtete er ihn wohl über eine halbe

Minute, so daß der arme Teufel ganz verlegen wurde. Endlich sagte er auf

deutsch, aber mit einem etwas fremdartigen Ausdruck: »Wo ist Euer

Contract?«

»Hier, Herr,« erwiderte Behrens, und überreichte ihm das Papier, in das

jener einen flüchtigen Blick warf.

»Ihr habt ja noch nicht unterschrieben.«

»Ja, sehen Sie --« sagte Behrens, und hätte jetzt gern noch einige

Bedenklichkeit, über die er unterwegs gegrübelt, vorgebracht, aber es

ging nicht. Erstlich fiel ihm nicht einmal gleich ein, was er eigentlich

sagen wollte, und dann hatte der Herr vor ihm mit der grünen Brille, dem

er nicht einmal in die Augen sehen konnte, so entsetzlich viel zu thun,

daß er sich kaum mit ihm abgeben mochte. Der alte Herr ließ ihn aber

auch gar nicht ausreden.

»Leben die Personen noch alle, die hier auf dem Papier stehen?«

»Wer?« frug Behrens erschreckt.

»Nun, all diese Familienglieder.«

»Gott wolle verhüten, daß Eines davon gestorben wäre,« rief der arme

Mann, bestürzt die Hände über den Hut faltend.

»Und sind sie Alle mit Euch hierher gekommen?«

»Jawohl, -- gewiß --«

»Gut -- dann unterschreibt einmal den Contract. Ihr könnt doch

schreiben?«

»Meinen Namen, ja.«

Der alte Herr erwiderte nichts weiter, -- er trat einen Schritt zur

Seite und reichte Behrens eine von den auf dem Pult liegenden Federn,

die er vorher für ihn eintauchte, und Behrens setzte mit zitternder Hand

und gar keine Widerrede mehr wagend, seinen Namen an die bezeichnete

Stelle auf das Papier.

Der alte Herr sah ihm zu, nahm dann, als Behrens fertig war, das

Document und streute blauen Sand über den frisch und etwas dick

geschriebenen Namen, faltete es nachher zusammen und legte es auf sein

Pult.

»Ja aber,« sagte Behrens etwas verwundert, »bekomme ich denn das Papier

nicht wieder?«

»Das muß der Capitän haben, um zu sehen ob die Anzahl der Personen

trifft,« sagte der alte Herr, »an Bord wird man es Euch nachher

wiedergeben,« und als ob Behrens nicht weiter auf der Welt existire,

drehte er sich von ihm ab, und beschäftigte sich wieder mit seiner

früheren Arbeit.

Der junge Mann zupfte dabei Behrens am Ärmel, daß er ihm folgen möge,

und Beide schritten wieder, ohne daß der Alte des Bauern Gruß erwidert

oder nur bemerkt hätte, durch den langen Saal hinaus ins Freie.

Von jetzt an hatte Behrens aufgehört selbstständig zu handeln, und war

einzig und allein auf die Hülfe fremder Leute angewiesen. Aber gutes

kräftiges Essen bekamen sie wenigstens in dem Wirthshaus, wie es die

Familie seit Jahren, vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt.

Eine gute Suppe, Fleisch im Überfluß, so viel sie davon genießen

wollten, und was für ein herrliches Fleisch, und Kaffee mit Zucker und

Weißbrod, ja sogar eine Flasche Wein ließ sich der junge Mann geben, der

ihn dort hineingebracht und der viel anständiger aussah als Herr Meier,

bei dem Auswanderungsagenten daheim -- und schenkte Behrens ein großes

Glas davon ein.

Es war jedenfalls ein neues Leben, das er damit begonnen hatte und wenn

das so fort ging, konnte er recht wohl zufrieden damit sein. Trotzdem

kam es ihm unheimlich bei den Fremden vor, denn wenn auch einzelne Leute

in dem Haus deutsch miteinander sprachen, so unterhielten sie sich doch

nur über Dinge, von denen er kein Wort verstand: von Schiffen, von

Fracht und Ladung, von Havarie und anderen ähnlichen Sachen. Aber die

Ruhe that ihm und den Seinen wohl, und wenn er sich auch nicht aus dem

Haus hinausgetraute, weil er fürchtete, daß er den Rückweg nicht wieder

finden würde, erfreute er sich der regelmäßigen Mahlzeiten und war sogar

nicht böse darüber, als sie am nächsten Tag hörten, sie könnten noch

nicht an Bord gehen, da das Schiff noch nicht ganz segelfertig sei, was

ihren Aufenthalt in dem Wirthshaus um einige Tage verlängerte.

Es kam ihm wohl dabei einmal der Gedanke, daß er das, was er hier mit

den Seinen bei seinem gar nicht selber verschuldeten Aufenthalt verzehrt

habe, am Ende mit seiner Hände Arbeit würde wieder bezahlen müssen --

aber er gab sich dem nicht lange hin. Sie waren einmal unterwegs, und

jetzt mochte der liebe Gott weiter helfen.

Fünftes Capitel.

Auf See und an Land.

Am dritten Tag kam endlich ein Wagen vor die Thür, der ihre Sachen

abholen sollte. Es standen schon eine Anzahl großer unbehülflicher

Kisten darauf, wie sie die Deutschen gewöhnlich mit in ein fremdes Land

schleppen, und dann, an Ort und Stelle angekommen, nicht wissen, was sie

damit anfangen sollen. Dem Wagen folgten sie zu Fuß -- Geld wurde ihnen

dabei im Wirthshaus gar nicht abverlangt. Der junge Mann aus dem

Geschäft kam nur wieder, ließ sich die Rechnung geben, dann begleitete

er sie selber zu einem kleinen Dampfer, der bestimmt war sie an Bord

ihres Schiffes zu bringen, das schon weiter unten im Strom, in der

Schelde lag.

Von da an kamen sie eigentlich nicht mehr recht zu sich selbst; denn wie

sie nur das breitere Wasser erreichten und das Schiff an zu schaukeln

fing, waren sie kaum im Stande ihr Gepäck zurecht zu rücken und sich

selber in ihrem Schlafplatz auf die ausgebreiteten Betten zu werfen.

Dann wurden sie krank und behielten nichts als das Gefühl ihres Elends

viele Tage lang.

Es war auch in der That eine böse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich

hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind,

fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und draußen wehte schon an dem

nämlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum.

Die Wellen schlugen über Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf

den Planken, die laut geschrieenen Befehle ängstigten die unglücklichen

Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern

sein Gutes, daß er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefährlichen Wasser

des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See

allerdings noch hoch, aber der Wind ließ doch nach und die Wellen

beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage -- wie das

nach einem sehr heftigen Unwetter häufig der Fall ist, Windstille ein,

und als sich die See glättete und die halbtodten Passagiere an Deck

hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schöpfen,

waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen draußen auf dem weiten,

öden Meer.

In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Körper hatte

sich auch indessen an das Schaukeln gewöhnt und der so lang vollständig

vernachlässigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten

die Reisegefährten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte

sich Keiner um den Anderen bekümmert.

Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands,

auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen

gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem

Schmuck an den Hüten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so

übermüthig und keck gewesen waren. -- Aber lieber Gott, wie traurig und

niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der überstandenen Seekrankheit,

aus, wie bleich und hohläugig, und nie im Leben würde er aus diesen

Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals

wiedererkannt haben, wäre es nicht eben an dem bunten Flitterputz

gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg

mitgenommenen Hüten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr;

ineinander gebrochen saßen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang,

bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten.

Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen

Kindern -- und alle wollten nach Brasilien, alle hatten ähnliche

Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller

Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit

Sorge oder Verdacht erfüllt hätte; kein Mensch, der von unvollständigen

oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die

alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und

kleinherzigen Rücksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein

neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein.

Sonderbar nur, daß Keiner der Passagiere angeben konnte =wohin= er ging.

Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darüber untereinander

aussprachen, daß Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wußte, und

eigentlich nur das Wort »Brasilien« der Sammelpunkt war, den sie sich

bis dahin gedacht -- aber wo in Brasilien würde ihr künftiger Aufenthalt

sein?

Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen

frischen Gesicht, aber schneeweißen Haaren und einem eben solchen Barte,

hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefähren Begriff von

Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und

berechnete ihnen die ungefähre Größe des gewaltigen Reiches nach den

angegebenen Graden.

Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt

waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach

Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete

natürlich, daß das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde,

wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen.

Und wie es in dem fremden Lande werden würde? -- Keiner der Auswanderer

hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen

Klima und den paradiesischen Früchten gehört, daß sie die Zeit kaum

erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort

und Stelle selber sehen würden.

So verträumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plänen, in die ihnen

Niemand einen Mißton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und

freundliches Wetter mit günstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue

Himmel selbst die letzten Sorgen fort.

Eigenthümlich war, daß sämmtliche Passagiere ihre »Contracte« hatten in

Antwerpen abliefern müssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand,

was die Arbeit=geber= im Geringsten hätte gegen =sie=, die Arbeiter

binden können, so hängt doch der Deutsche nun einmal mit merkwürdiger

Zähigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an

den Capitän gewesen, ihnen die Papiere zurückzugeben.

Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie müßten erst eingetragen

werden, und das hätte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile

zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann

hinein -- ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur für einen

Cajütspassagier gehalten, der ihnen aber erklärte, daß er der Supercargo

des Schiffes und Bevollmächtigter des Hauses in Antwerpen wäre. Dieser

erklärte ihnen -- nachdem sie etwa vier Wochen in See waren -- daß die

Contracte erst Jedem ausgeliefert würden, wenn sie an Land kämen, um

sich bei ihren neuen »Brodherren« zu legitimiren. Hier auf See brauchten

sie dieselben doch nicht, und sie könnten nur vielleicht verloren gehn,

was nachher die größte Verwirrung herbeiführen würde.

Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie mußten sich,

wohl oder übel, damit begnügen.

Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen günstig, denn sie

hatten jetzt lange die nordöstlichen Passate erreicht, die sie der neuen

Heimath entgegenführten, aber diese wehten außerordentlich schwach und

sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich

-- endlich bekamen sie das erste Zeichen, daß sie sich wirklich dem

Festland näherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu

sehen ob sie Grund fänden, da sich an vielen Küsten, besonders an den

amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach

der Tiefe des Meerbodens beurtheilen läßt, die man findet.

Zwei Tage später rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top

gesandt wurde: =Land!= Wenn die Passagiere aber auch sämmtlich an Deck

standen und dort hinüber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur

das Geringste entdecken, was =ihrer= Vorstellung von Land nur

einigermaßen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Höhen zu

entdecken, keine Städte noch Dörfer, und wo da =Land= sein sollte, wußte

Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich,

nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen

lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke

sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen

verschmolz er mit dem überdies dunklen Rand des Horizonts, der sich

stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen

günstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrückten, desto mehr hob sich

der Rand in die Höhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die

Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher

hervortraten und höher wurden.

Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu

erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles,

funkelndes Licht von dort herüberglimmen, -- den Leuchtthurm, der ihnen

die Stelle kündete, wo sie anzufahren hatten.

Und =alle= Passagiere standen in der wunderbar schönen milden Nacht an

Deck und schauten nach dem Licht hinüber, das ihnen von der

brasilianischen Küste entgegen funkelte, und welch ein eigenthümlich

beängstigendes Gefühl war es, das dabei ihre Herzen erfüllte! Dort war

das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem

geheimnißvollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die

kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an

der Küste hinzogen, wohnten Menschen, -- wohnten wirkliche Brasilianer,

zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber

lagen die Berge mit ihren düsteren Waldungen und Schatten, mit wilden

Thieren, Indianern, bunten Vögeln und großen, giftigen Schlangen, und

das Alles sollten sie jetzt sehen, -- in dem Allen sollten sie mitleben,

das so ganz Anders wie die Heimath war.

Und wie würde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal

gestalten? -- es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und

selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch übermüthig

und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend

geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander

flüsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinüber, die ihnen von

dort drüben entgegenwinkten.

Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Küste zu, sondern

kreuzte daran auf und ab, da der Capitän den Hafen zu wenig kannte, um

dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und

freundlich, daß er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den

Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern.

Und der Morgen kam. -- Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die

Sonne ihr Licht und übergoß die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen

Schimmer -- und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitän schon

von vier Uhr früh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die

einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grün der Bäume

erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen

der Palmen hervor und schüttelten ihre gefiederten Blätter im Wind.

Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber

gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen.

»Was fragen wir nach Gut und Geld!

Wir wandern fröhlich in die Welt.

Brasi--lien ist unsre Seligkeit.

Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier.

Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«

sangen die jungen Burschen jubelnd dem nahen Land entgegen, und selbst

von den Alten stimmten jetzt Viele in das Lied mit ein.

Brasilien war jetzt allerdings nicht weit; schon konnte man einzelne,

sich bewegende Gestalten am Land erkennen, und jetzt -- ein merkwürdiges

Geräusch dröhnte durch das Schiff, wie das Rasseln einer schweren Kette.

Es war der auslaufende Anker und gleich darauf schwang das wackere

Fahrzeug herum, und die Reise war beendet.

Jetzt allerdings entstand eine scheinbare Verwirrung an Bord, denn Alles

lief durcheinander und die Auswanderer sahen sich schon bestürzt an,

weil sie glaubten, es könne irgend ein Unglück geschehen sein. Aber

jeder der Matrosen wußte was er zu thun hatte, und während die Jüngeren

an den Wanten hinaufliefen, um die Segel fest zu machen, waren Einige

mit dem Anker beschäftigt, indeß Andere des Capitäns Jölle in See

herabließen. Aber dieser selber ging noch nicht an Land, denn er mußte

vorher den Besuch der Hafenpolizei abwarten, die auch nicht lange

ausblieb.

Das Schiff, das man bald als ein Fahrzeug mit Emigranten erkannte, war

schon mit Tagesanbruch beobachtet worden, und kaum schoß der Anker in

die Tiefe, als auch ein Boot vom Lande abstieß, das ihm entgegenruderte.

Über den hintern Theil desselben war ein Sonnenzelt gespannt, daß man

die darunter Sitzenden nicht erkennen konnte, vorn aber ruderten vier,

bis zum Gürtel nackte Neger, die schwarzen Wollköpfe mit kleinen

Strohhüten bedeckt, und zogen natürlich die Aufmerksamkeit der Deutschen

vor allem Anderen auf sich. Waren es doch die ersten Schwarzen, die sie

zu sehen bekamen.

Jetzt legten sie an, -- die Fallreepstreppe war schon vorher hinunter

gelassen, und nach einer vorherigen Anfrage, ob Alles wohl an Bord sei,

kletterten die Brasilianer daran in die Höhe.

Das waren wirklich ächte, -- wie braun und sonnverbrannt sie aussahen,

und was für breiträndige Strohhüte und luftige, dünne, seidene, helle

Röcke und weite Hosen sie trugen -- und der Eine von ihnen -- die Frauen

kicherten untereinander -- ging sogar in gestickten Pantoffeln und hatte

doch ein großes Loch hinten im Strumpf.

Der Capitän verstand kein portugiesisch, aber der Herr, den er in seiner

Cajüte mitführte, -- der sogenannte Cargadeur des Schiffes oder

Supercargo, wie er auch genannt wird, -- und dieser unterhielt sich eine

Weile mit den Brasilianern, und jedenfalls sprachen sie hauptsächlich

über ihre »lebendige Fracht«, die Auswanderer. Die Neger kamen indessen

nicht mit an Deck herauf, sondern blieben unten im Boot auf ihren

Plätzen sitzen, und als die Deutschen neugierig nach ihnen über die

Schanzkleidung hinabsahen, lachten sie ihnen zu und schnitten ihnen so

furchtbare Gesichter, daß sie die Frauen und Kinder fürchten machten.

Sie kokettirten ordentlich mit ihrer scheußlichen Häßlichkeit.

Das dauerte aber nicht lange. Der Brasilianer mußte doch wohl die ihm

vorgelegten Papiere alle in Ordnung befunden haben, denn er trank ein

Glas Wein mit dem Capitän und Supercargo, da der Cajütendiener rasch

Flaschen und Gläser herbeigeschafft hatte, und stieg dann wieder in sein

Boot hinab, wo die Neger jetzt so ernsthaft und ehrerbietig saßen, als

ob sie nie ein Wasser getrübt, oder ein Gesicht geschnitten hätten, und

fort schoß das schlanke Fahrzeug gegen die Stadt zu. Aber ehe ihm der

Capitän in seiner Jölle folgen konnte, wurde es von zwei anderen

abgelöst, die, ebenfalls von Negern gerudert, herbeiglitten.

Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und

unter diesen befand sich auch ein Deutscher, -- er redete wenigstens den

Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste

Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrängt um die

Fallreepstreppe standen. Sie grüßten nicht einmal etwas, das zum

»Zwischendeck« gehörte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck,

wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schüttelten. --

Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herübergekommen waren

um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, -- und doch that

es den armen Deutschen weh.

Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde · 第 4 / 11 段