Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten

war und sehr eilig zu sein schien, sah über die Achsel nach den beiden

Leuten hinüber und nickte, während er ein Packet Schriften auf den Tisch

legte: »Oh, Behrens, das ist gut daß Ihr heute herein gekommen seid; es

wird die höchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die

Gelegenheit entschlüpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu

werden.«

»Ja, Herr Kollboeker, -- ich möchte Sie nur noch um Eins fragen,« sagte

der durch das geschäftsmäßige Benehmen eingeschüchterte Mann. Herr

Kollboeker hörte aber vor der Hand nicht auf ihn.

»Sind Briefe angekommen während ich fort war?«

»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult

liegenden deutend.

Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, -- einen davon warf er

wieder zurück. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß unfrankirte

Briefe refüsirt werden.«

»Ich habe das Porto noch nicht dafür gezahlt.«

»Gut, er geht zurück, -- das fehlte auch noch: man hat mit den

Geschäften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was

wolltet Ihr mir sagen?« frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn

er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen.

»Ja, Herr Kollboeker, -- wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch

etwas sagen, -- denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern

nur eine Verpflichtung --«

»Nun, steht das nicht auch darüber?« frug der Agent, ohne von seinem

Brief aufzusehen.

»Ja, allerdings, -- aber -- ich habe da mit einem Herrn Doctor

gesprochen, und der meinte --«

»So? mit einem Herrn Doctor?« frug Kollboeker, den Mann ansehend, »und

war der Herr schon einmal in Brasilien?«

»Nein, in Brasilien war er noch nicht.«

»Aha, und was weiß er denn nachher davon?« rief der Agent, »etwa mehr

als =wir= hier, die täglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen,

und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?«

»Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter --«

»=Der= hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr?« rief Herr

Kollboeker triumphirend aus, »na, das versteht sich doch von selbst,

denn daß es =den= Herren nicht recht ist, wenn ihre =Knechte= selber

einmal =Herren= werden, läßt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die

Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, daß sie nur über See zu

fahren brauchen, um selbständige Guts=besitzer= zu werden, nicht blos

Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch

wirklich merkwürdig, was es für gescheidte Leute auf der Welt giebt,«

und verächtlich mit dem Kopf schüttelnd, fuhr er in der Lectüre seines

Briefes weiter fort.

»Abgeredet hat er mir eigentlich nicht«, sagte Behrens, »aber der Herr

Doctor meinte, es wäre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders

die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht --«

»Kein Contract?« fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf -- »so soll ich mich

etwa heute auch noch mit Euch herumärgern, heh? -- Was ist denn das,

wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafür zu

arbeiten, bis es abverdient ist, heh? -- Was sind denn Eure

Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht

lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler für's ganze =Jahr= bekommt und sich

dafür das ganze geschlagene Jahr von Morgens früh drei oder vier Uhr bis

Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen

herunterarbeiten muß? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur

einen einzigen von all den großmäuligen Rittergutsbesitzern und

Pachtern, die Euch nur so viel hundert =Groschen= vorschössen, um Euch

zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier =Thaler= bekommt? Hab'

ich Recht oder nicht?«

»Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und läßt sich Nichts dagegen

einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so

muß man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in

der nächsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.«

»Na also -- und was wollt Ihr sonst noch?«

»Ja«, sagte Behrens verlegen -- »eins liegt mir doch noch auf dem Herzen,

und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.«

»Und das ist?« frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm

und aufbrach.

»Ich wollte doch gern,« fuhr Behrens der sich ein Herz faßte, fort, »so

nah wie möglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drüben

ist.«

»So? Ihr habt schon einen Bruder drüben? und wo steckt denn der?«

»In der Colonie Blumenau.«

»Na da geht doch hinüber,« meinte Herr Kollboeker kurz -- »es hindert

Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.«

»Wo man seine Passage auch abarbeiten kann?« frug Behrens rasch.

»Ne,« lachte Herr Kollboeker, daß das kleine Comptoir dröhnte -- »wenn

Ihr direkt dahin wollt, müßt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid

Ihr unbehülfliches Volk,« rief er, indem er seinen Brief auf das Pult

warf und sich gegen die an der Wand hängende kleine Weltkarte wandte.

»Seht einmal hier,« fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen

Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber

ihm vollkommen unverständliche Linien »hier ist Blumenau wohin =Ihr=

gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darüber, kaum

mehr wie ein =Zoll= davon entfernt, fängt die Provinz Minas Geraes an,

wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinübergeschafft

werdet.[3] Verlangt Ihr =noch= mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract

abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer,

die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust

habt? -- Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen

wollen, was =so= sonnenklar auf der offenen Hand liegt.«

»Aber der Herr Doctor,« sagte Behrens schüchtern, »meinte, die Provinz

wäre so sehr groß.«

»Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz groß oder klein ist,« rief

Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, »dann bleibt doch

meinetwegen in Deutschland -- was liegt =mir= dran. Der Herr Doctor wird

dann wahrscheinlich für Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt

und Ihr leben könnt, wie der liebe Gott in Frankreich.«

»Ja du lieber Gott,« seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus

erinnert wurde -- »für Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht

selber thun können. Also Sie meinen wirklich, daß es nicht so weit von

da wäre, wo mein Bruder ist?«

»Na, =ich= habe die Karte doch nicht gemacht,« sagte Herr Kollboeker,

»die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht,

=ist= richtig und muß richtig sein -- Und ist sonst noch etwas, das Ihr

auf dem Herzen habt?«

»Ja sehen Sie, Herr Kollboeker,« sagte Behrens, da der Agent das Erstere

als beseitigt zu betrachten schien, »wenn Sie nur einmal so gut sein

wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. --

Bitte schön.«

»Nun was ist mit dem?«

»Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit

einander für unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?«

»Nun? -- versteht sich denn das nicht von selbst?«

»Ja, in der Woche gewiß -- aber doch Sonntags« --

»Dummes Zeug -- glaubt Ihr denn, daß in Brasilien Sonntags gearbeitet

wird?« rief Herr Kollboeker -- »das ist ja ein streng katholisches Land

und hat noch außerdem eine Masse Fest- und Feiertage, die Euch ebenfalls

zu Gute kommen --«

»Danke Ihnen,« sagte der Mann -- »aber von einem Gärtchen steht kein

Wort drin, -- ein klein Stückchen Land müßte unser Einer doch haben,

damit er sich selber ein wenig Gemüse bauen und ein paar Hühner und

Schweine halten könnte. Das haben wir ja sogar hier in Deutschland

gehabt, wo das Land so theuer ist.«

»Du lieber Gott,« lachte Herr Kollboeker gerade heraus -- »das macht

Euch doch etwa keine Sorge -- ein Stück Land, wo der ganze Acker ein

paar Thaler kostet? Lieber Freund, das sollt Ihr haben, und das will ich

Euch, auf eigene Verantwortung auch noch in den Contract setzen, in

sofern Euch das beruhigen sollte. Gebt einmal her -- da ist ja gleich

noch Platz. »Der besagte Carl Gottlieb Behrens erhält von seinem neuen

Brodherrn auch noch ein Stück Land zur eigenen Bebauung angewiesen, um

sich darauf einen Garten anlegen zu können.« So, seid Ihr jetzt damit

zufrieden?«

»Ich danke Ihnen recht vielmals, Herr Kollboeker, damit ist mir ein

großer Stein vom Herzen. Wissen Sie, unser Einer ist an sein kleines

Gärtchen gewöhnt, und es würde uns hart anthun, wenn wir es in dem

fremden Land missen sollten.«

»Ei versteht sich von selbst, Behrens, versteht sich von selbst; aber

Ihr müßt mich entschuldigen -- ich habe noch sehr viel zu thun. Wenn Ihr

also weiter nichts zu bemerken habt, so könnt Ihr ja den Contract

unterschreiben und da lassen -- da ich doch morgen Briefe nach Antwerpen

schicke.«

»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Behrens etwas bestürzt, denn das kam ihm zu

rasch, und so weit war er noch nicht einmal mit sich im Reinen, ob er

überhaupt gehen wollte oder nicht, »so geschwind geht's doch freilich

nicht. Es ist gar so ein wichtiger Schritt, den ich vorher noch reiflich

mit meiner Alten überlegen möchte.«

»Na ich dächte, Ihr hättet Zeit genug zum Überlegen gehabt, aber wie Ihr

denkt; =ich= wäre der Letzte der Euch dazu drängte, denn was hab =ich=

dabei, ob Ihr geht oder da bleibt; mir kann's einerlei sein. So überlegt

Euch denn meinetwegen die Sache noch eine ganze Woche lang, bis Ihr

selber abreist, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr den Contract auch erst in

Antwerpen selber unterschreiben, wenn Ihr einmal das Schiff gesehen

habt. Das bleibt sich gleich, und bei uns geht Alles offen und ehrlich

zu, aber in =einer= Sache kann ich Euch nicht helfen, wenn Ihr überhaupt

mitwollt, -- heute ist Mittwoch, bis morgen Abend spätestens muß Euer

Gepäck, was Ihr unterwegs mitnehmen wollt, d. h. die großen Kisten, hier

sein. Kleinigkeiten könnt Ihr bei Euch behalten, denn übermorgen früh

mit dem Packzug um acht Uhr, geht Alles, was =ich= zu befördern habe,

nach Antwerpen ab, um gleich verladen zu werden.«

»Morgen Abend schon?«

»Ja, =spätestens=,« sagte Herr Kollboeker, »denn wegen Euch allein und

extra kann ich doch keine Fracht abschicken; das sieht ein Kind ein.

Alles was später kommt, müssen die verschiedenen Eigenthümer auf ihre

eigenen Kosten transportiren lassen, und =viel= später hilft's ihnen

nicht einmal mehr was, denn wenn das Schiff erst einmal geladen ist,

dann werden die Luken zugemacht und versiegelt, damit unterwegs nichts

wegkommen kann, und dann wird keine Fracht mehr angenommen. -- Sind Sie

denn noch nicht mit den paar Briefen fertig, Meier, das dauert ja eine

wahre Ewigkeit.«

»Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.«

»Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, -- Maulaffen feil halten, wenn ich

den Rücken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin

ich wieder zurück, damit ich sie dann unterschreiben kann. -- Also bis

morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pünktlich um sieben Uhr wird

zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und muß auch bei einem

solchen Geschäft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. -- Apropos,

will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?«

»Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein --«

»Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl,« und ohne sich weiter um die

Beiden zu bekümmern, verließ der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend

seine weiteren Maßregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, -- er wußte,

daß das Gift jetzt wirkte.

Behrens war das gar nicht recht, denn er hätte am liebsten noch eine

längere Zeit zum Überlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit

dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch

nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging

auch mit zurück. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und

Niemand wußte wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten

Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf

auch nicht thun konnte.

Es war dabei schon spät geworden und Behrens mußte an den Heimweg

denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte.

Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Käse mit

Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nächsten Restauration

zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter

aufnöthigte, -- dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln

gequält den langen Weg nach Groß-Emmen zurück, um mit seiner braven Frau

zu berathen, was sie nun thun, -- ob sie bleiben und das bisherige karge

Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortführen oder

auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath

nie -- nie wiederzusehen.

Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber

Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, -- nur =leben= wollten sie,

-- nur nothdürftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und

Angst sein, um das Nothdürftigste für sich und die Kinder

herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit --

und da noch ein Kind dazu gekommen -- nicht mehr im Stand gewesen, zu

erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier

zur drückendsten Last, während noch außerdem die Frau an zu kränkeln

fing, da sie in ihrem schwächlichen Zustand jeder stärkenden Nahrung und

kräftigen Kost entsagen mußte.

»=Schlimmer= kann es dort auch nicht sein,« lautete auch zuletzt das

Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer

=kann= es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in

dem fremden Lande haben und -- wir brauchen nicht zu fürchten, daß

unsere Kinder =betteln= gehen müssen, wenn ihnen der Vater einmal

plötzlich wegsterben sollte.

Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren

Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie

schwerem Herzen gehen sie fort! -- O, wie gern, -- wie gern wären sie

daheim geblieben.

Viertes Capitel.

Die Abreise.

Am nächsten Tag hatte Behrens und seine Familie alle Hände voll zu thun,

um ihr weniges Eigenthum in Kisten zu packen. Behrens war an dem Morgen

wieder zweifelhaft geworden was er thun sollte, denn die Warnungen des

Doctors und selbst Herrn Frommann's Einwürfe fielen ihm wieder ein und

ließen ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen -- aber das Gepäck

=mußte= fort, der Agent hatte es ihm ja gesagt, wenn er nicht die ganze

Fracht dafür bezahlen wollte, und wie wäre er das im Stande gewesen?

Mußte er nicht sogar das mühsam aufgefütterte Schwein, seine paar Hühner

und manches Andere verkaufen, um nur ein paar Thaler in die Hände zu

bekommen und die nöthigsten Ausgaben damit zu decken?

Herr Frommann vom Gut ließ ihm die Sachen in die Stadt fahren, oder gab

ihm vielmehr einen Rüstwagen und ein paar Pferde dazu, daß er es selber

besorgen konnte, und Herr Kollboeker stand schon in der Thür und wartete

darauf, besorgte auch sogleich, daß sie mit anderen, schon dort

stehenden Kisten an den Bahnhof gefahren wurden. Er hatte einen

besonderen Waggon für seine Güter genommen, die augenblicklich

eingeladen und noch mit dem nächsten Zug befördert wurden.

Nach dem Contract frug ihn der Agent aber gar nicht wieder, das hatte

Zeit und drängte nicht, denn =jetzt= waren ihm die Leute sicher genug.

Ihr ganzes Gepäck hätten sie doch nie im Stich gelassen.

Behrens fuhr still und schweigend, ohne nur ein einziges Mal in der

Stadt einzukehren, nach Groß-Emmen zurück, und scheute sich fast seine

eigene Wohnung zu betreten, so wüst und leer sah es an dem Abend darin

aus.

Nur die nothwendigsten Betten für das Kind hatten sie zurückbehalten;

für die andere Familie war Stroh im Schlafzimmer aufgeschüttet worden,

das ihm der Pachter ebenfalls geborgt. Es that ihm leid einen braven

Arbeiter zu verlieren, denn er hatte Behrens immer gern gehabt, hütete

sich aber auch wohl, ihm von dem, wie es schien fest gefaßten Plan

abzureden, denn wäre es ihm später einmal schlecht gegangen, so hätte er

sich am Ende gar, wenn auch noch so ungerechten Vorwürfen ausgesetzt,

der Familie in ihrem »Glück« hinderlich gewesen zu sein. Es war das eine

Sache, die Jeder mit sich selber ausmachen, aber dann auch selber

vertreten mußte.

Den Freitag und Sonnabend hätte Behrens gern noch mit auf dem Gut

gearbeitet, um wenigstens die paar Tage Lohn zu verdienen -- aber es

ließ ihm keine Ruh. War es, daß er jetzt ein paar Thaler in der Tasche

hatte -- war es das Gefühl, nun bald für immer von so vielen lieb

gewonnenen Plätzen Abschied nehmen zu müssen, aber rastlos wanderte er

am nächsten Tag von Fleck zu Fleck, bald hinaus auf das Feld, bald zum

Schulmeister, bald zum Kirchhof, wo seine Eltern und ein vor drei Jahren

gestorbenes Kind ruhten, und wohl eine volle Stunde lang saß er auf dem

nächsten Hügel der das kleine Dorf überschaute, und blickte hinab auf

die Häusergruppe mit ihren rothen Ziegeldächern, auf den alten

Kirchthurm, die Pfarrwohnung und seine eigene kleine Hütte, in welcher

er so viele, viele traurige Stunden, aber doch auch wieder manche

glückliche verlebt, und gerade diese gingen jetzt an seinem inneren

Geiste vorüber.

Am Feierabend kamen nachher viele der frühern Kameraden zu ihm, um mit

ihm über Brasilien zu sprechen -- =er= mußte es ja doch jetzt wissen,

denn er ging hin in das weite, fremde Land; aber ihm selber war viel zu

weh ums Herz, als daß er einem Andern hätte zureden mögen, einen

gleichen Entschluß zu fassen; er blieb einsilbig und niedergeschlagen,

und der Besuch ging unbefriedigt fort.

Es ist eigenthümlich, mit welcher fabelhaften Zähigkeit die menschliche

Seele an alt Gewohntem hängt, und wir verlassen mit fast eben so

schwerem Herzen einen Ort, in dem wir uns elend gefühlt, und aus dem wir

uns tausend und tausend Mal hinausgesehnt, wie eine Stelle, die nur

glückliche Erinnerungen für uns trägt.

Am nächsten Morgen ging Behrens noch einmal in die Stadt, um mit Herrn

Kollboeker die genaue Abfahrtszeit zu besprechen und noch Manches über

das fremde Land, und wie er sich besonders in der Seestadt zu benehmen

habe, zu erfragen. So redselig Herr Kollboeker aber auch früher über

Brasilien gewesen war, als es noch galt die Lust zur Auswanderung in dem

Mann rege zu machen, so wenig Zeit hatte er jetzt sich mit ihm

einzulassen.

»Mein lieber Freund,« sagte er, in seinem Comptoir zwischen einer Unzahl

von Papieren herumkramend -- »Sie kommen mir heute =sehr= ungelegen. Die

Abfahrtszeit wissen Sie jetzt -- Sie müssen Sonntag Morgen Punkt halb

Zwölf =spätestens= hier am Bahnhof sein, denn um zwölf Uhr zwanzig geht

der Zug. Auf Weiteres kann ich mich aber für jetzt nicht einlassen, denn

ich habe bis zur nächsten Post noch einige zwanzig Briefe zu schreiben

und zu dictiren.«

»Aber meinen Contract --«

»Den nehmen Sie mit nach Antwerpen. Dort am Bahnhof wird Jemand sein der

Sie empfängt, und dort erfahren Sie auch Alles, was Sie zu wissen

brauchen. Bitte, Meier, stellen Sie sich einmal dahin und schreiben Sie,

damit wir das nur endlich fertig kriegen.«

Behrens ging; er sah ein, daß er den so sehr beschäftigten Herrn

Kollboeker heute nicht stören dürfe. Er schüttelte den Kopf; der Mann

war früher so herzlich und theilnehmend gegen ihn gewesen, und jetzt auf

einmal so kalt und vornehm -- aber du lieber Gott, er hatte wohl den

Kopf voll -- zwanzig Briefe -- das war keine Kleinigkeit und er wußte

recht gut, welche Mühe und Arbeit es seiner sonst in Allem so flinken

Frau gemacht, wenn sie nur einmal einen einzigen hatte schreiben müssen.

Wie er die Straße langsam und traurig hinunterschritt, begegnete er dem

Doctor, der ihn augenblicklich wieder erkannte.

»Heh?« sagte er, indem er stehen blieb, »ist das nicht unser

Brasilianer? -- Nun, wie ist's? Den Contract habt Ihr doch nicht

unterschrieben?«

»Nein, Herr Doctor,« sagte der Mann, und wurde bis hinter die Ohren

roth, -- »ich kann's mir noch eine Weile überlegen.«

»Das ist gescheut,« nickte der alte Herr, »und noch gescheuter wär's,

Ihr bliebet ganz hier, denn wenn sie Euch auch einen bessern Contract

aufsetzen, so ist =hier= doch Deutschland und drüben Amerika, und was

=hier= gilt, kann möglicher Weise dort drüben auch nicht einen

Stecknadelknopf werth sein.«

»Ja« sagte Behrens mit einem Seufzer, »das ist wohl wahr. Nun ich soll

ja aber in Antwerpen ganz genau erfahren, wie es damit wird.«

»In Antwerpen? -- was wollt Ihr denn =dort=?«

»Ja da liegt ja das Schiff, und unsere Sachen sind schon voraus

gegangen.«

»Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt?« rief der Doctor in blankem

Erstaunen aus, »und noch keinen ordentlichen und anständigen Contract in

den Händen?«

»Der Herr Kollboeker meinte das hätte bis dort Zeit.«

»Natürlich,« nickte der Arzt, »weil sie Euch jetzt sicher genug in der

Tasche haben, denn =Ihr= lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann

glückliche Reise, Freund. Wer nicht hören will muß fühlen« und ihm

zunickend ging er ärgerlich die Straße hinab.

Behrens schaute ihm verdutzt nach. »Wer nicht hören will muß fühlen,«

hatte der alte Herr gesagt, -- sollte er denn wirklich einen dummen

Streich gemacht haben? -- Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte

allerdings keinen freien Willen mehr und mußte nach, und daß er von dort

nicht wieder zurück konnte, war ebenso gewiß. Ein Gutes hatte aber

dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn

bis dahin immer noch gequält. Jetzt, nachdem die Würfel gefallen, half

auch kein Überlegen und kein Grübeln mehr, und zum ersten Mal, als er

weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fühlte

die Kraft in sich, seine Familie mit Fleiß und Ausdauer -- wo es auch

sei und unter welchen Verhältnissen, eben so gut -- und jedenfalls besser

durchzubringen wie hier im Vaterland. »Es hat einmal so sein sollen,«

tröstete er sich, »der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja

auch schon weiter helfen.«

Von jetzt an betrieb er das Nöthige vor der Abreise mit Ruhe und

Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrückte, und seine

Frau bitterlich weinend auf dem Wagen saß, den ihnen Einer der Bauern

zur Verfügung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau

fortzubringen, da liefen auch ihm die Thränen an den wetterbraunen

Wangen nieder.

Ja, wär es ein stürmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter,

wo die Windsbraut über die Felder jagte und düstere Wolken den Horizont

beengten, Behrens hätte sich vielleicht leichter hineingefunden, -- aber

der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft,

Glockengeläute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren

Gräber ließ, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle

zunickten und den davon Ziehenden mit den Tüchern nachwinkten. Das faßte

ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath

und Freundesgruß schwammen in seinen Thränen zusammen, während es ihm

war, als ob bei dem Geläute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal

zu Grabe getragen würde, was er je in der Welt verloren.

Aber auch das wich von ihm, -- weit in der Ferne verhallten die Töne,

über das rauhe Straßenpflaster der Stadt rasselte der Rüstwagen, und

fremde, geschäftige Menschen umdrängten ihn, als er den Bahnhof endlich

erreichte und nun für sich und all die Seinen denken mußte. Da war keine

Zeit mehr, sich dumpfem Brüten hinzugeben; Herr Meier, aus Kollboeker's

Geschäft, hatte die Beförderung der Auswanderer überkommen und schleppte

ihn bald da, bald dort mit hin, um zunächst das mitgeführte Reisegepäck,

dann ihn selbst und die Seinen unterzubringen. Und nicht lange, so

läutete die Glocke das Zeichen zur Abfahrt, -- die Maschine pfiff, und

fort wurden sie gerissen durch das weite Land, der unbekannten Ferne

entgegen.

Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde · 第 3 / 11 段