»Schön, -- mein Doctor ist zu Hause, ich habe ihn eben oben am Fenster

gesehen, -- der weiß Alles, ist auch schon einmal drüben in Amerika

gewesen, dem wollen wir das Papier zeigen, -- der kennt sich in solchen

Sachen aus.«

»Ja, aber,« sagte Behrens, »was wird sich der um unser Einen kümmern;

der hat mehr zu thun.«

»Laßt Ihr mich nur machen,« nickte aber Andres dem Freund zu, »wartet

hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,« und ohne eine weitere

Einrede anzuhören, ging er quer über den Hof und in das Haus hinüber,

und kam auch schon nach kaum zehn Minuten mit der Meldung zurück,

Behrens solle nur hinaufgehen, der Doctor wäre oben und wolle sein

Anliegen hören.

Dem Behrens schlug das Herz, aber der Doctor empfing ihn freundlich und

sagte: »Nun, mein Mann, Ihr wollt nach Brasilien hinüber? Das ist ein

wichtiger Schritt; habt Ihr Euch die Sache denn auch ordentlich

überlegt? Jemand, der hier in Deutschland sein Brod hat, sollte nicht

gerade leicht mit Frau und Kindern so ins Ungewisse hinübergehen.«

»Ja, lieber Herr,« seufzte Behrens, »mit dem Brod ist das so eine Sache,

-- heute haben wir welches und morgen keins, und wenn ich einmal krank

würde --«

»Dann glaubt Ihr wohl, giebt Euch Jemand in Brasilien was?« unterbrach

ihn der Doctor. »Aber Ihr sollt frei hinübergeschafft werden, wie ich

höre? Habt Ihr das Papier bei Euch?«

»Ja, Herr Doctor, -- dies hier.«

Der Doctor nahm es, las es aufmerksam durch und sagte dann: »Und =das=

Papier wollt Ihr unterschreiben? Wißt Ihr wohl, daß Ihr danach wie

verrathen und verkauft und einem ehrlichen Mann oder einem Schurken,

wie's gerade trifft, auf Gnade und Ungnade übergeben seid?«

»Ja, aber, Herr Doctor,« sagte der Mann erschreckt.

»Das ist ein sogenannter Parcerie-Vertrag,« fuhr der Doctor fort, »das

heißt ein Vertrag, wonach Ihr angeblich Mittheilhaber an dem Ertrag des

Gewinnes seid, der durch Eure Arbeit erworben wird, und hier steht

sogar, Ihr bekämt die =Hälfte= des Verdienstes; daß das eine Lüge ist,

könnt Ihr Euch doch wohl denken.«

»Ja, aber da steht es doch schriftlich,« sagte Behrens scheu.

»Bah!« rief der Doctor, »wo arbeitet Ihr jetzt?«

»Beim Herrn Rittergutspachter Frommann.«

»Nun gut. -- Denkt Euch einmal, Ihr hättet mit =dem= einen solchen

Contract gemacht. Nun beschäftigt Euer Pachter eine Menge von Leuten,

nicht wahr?«

»Ja, Herr Doctor.«

»Außerdem hat er ein großes Capital in dem Gut stecken; er hat viel

Vieh, Pferde, Rinder und Schafe, und manchmal verdient er viel damit,

manchmal hat er auch Unglück. Es fällt ihm ein Pferd, ein Rind, oder die

Ernte geräth einmal nicht, kurz, er hat viel Risico bei der Sache, d. h.

er wagt sein Vermögen daran, oder er nimmt dann auch wieder in manchem

Jahre sehr viel ein, was den Schaden deckt, -- nun soll er Euch für

=Eure= Tagelöhner-Arbeit die Hälfte seines Verdienstes geben?«

»Ja, das ist aber auch wohl so nicht gemeint,« sagte Behrens.

»Gewiß nicht,« erwiderte der Doctor, »aber trotzdem steht es da, und

auch nichts Anderes, nach dem man herausfinden könnte, =wie= diese

Hälfte gemeint ist, denn von einem bestimmten Tagelohn ist keine Rede.

Ihr seid also förmlich der Willkür Eures neuen Herrn überlassen, wobei

Ihr Euch noch außerdem verpflichten müßt, und zwar für Euch und Eure

Familie, seinen oder seines Verwalters =Befehlen= getreulich

nachzukommen. Der schlimmste Passus ist aber noch der letzte, wo es

heißt, daß Ihr während der Dauer des ganzen Contracts, also auf eine

ganz unbestimmte Zeit hinaus, denn es ist gar keine Dauer festgesetzt,

Eure =ganze= Zeit und Aufmerksamkeit dem Euch übertragenen Dienst zu

widmen habt, also nicht eine Minute derselben für Euch selber arbeiten

und nur das Nothwendigste verrichten könnt. Unterschreibt Ihr =das=

Papier, so seid Ihr nichts als ein Sclave, und es kann Euch nachher

Niemand mehr helfen.«

»Ja,« sagte Behrens schüchtern, »das hat unser Schulmeister auch

gemeint, daß wir die Sonntage frei und einen Garten haben müssen, in dem

wir uns selber Kaffee und Zucker bauen könnten.«

»Lieber Freund,« seufzte der Doctor, »Ihr schleppt eine Menge

phantastischer Ideen im Kopf herum, und Euer Schulmeister scheint Euch

noch darin bestärkt zu haben.«

»Aber wenn das nun in den Contract kommt.«

»Aber bester Mann, =ist= das ein Contract?« rief der Doctor. »Ihr seid

unglückselige Menschen. Wenn Ihr nur ein beschriebenes Papier bekommt,

das Ihr unterschreiben könnt, so bildet Ihr Euch nachher gewöhnlich ein,

Ihr hättet einen =Contract= gemacht und könntet nun nicht mehr betrogen

werden. In diesem Papiere, obgleich hier fälschlicher Weise steht

»»während der Dauer des =Contracts=««, und hier oben »»der

=contractlich= eingegangenen Verpflichtung««, ist von einem Contract

weiter gar nicht die Rede, als daß jene Person, der Ihr überliefert

werdet, das Geld zahlt, um Euch in die Hände zu bekommen, und dann

nachher mit Euch machen kann was sie will. -- Außerdem,« fuhr der Doctor

fort, als Behrens betroffen schwieg, »wißt Ihr aber auch noch gar nicht

einmal, wie viel die Reise für so viele Personen kosten kann, -- wie

viel Euch wenigstens dafür aufgeschrieben wird, und seid nicht sicher

eine Schuldenlast auf den Hals zu bekommen, an der Ihr Eure besten

Lebensjahre arbeiten mögt, um sie wieder abzuschütteln. Nein, Freund, --

es ist mir lieb daß ich einmal einen solchen Parcerie-Vertrag in die

Hände bekomme; ich habe bis jetzt viel darüber gehört und gelesen, aber

noch nie einen gesehen. Jetzt begreife ich die Entrüstung die darüber

herrscht, denn es ist in der That nichts, als ein Menschenhandel, und

Alle, die sich damit befassen, sollten als Seelenverkäufer gebrandmarkt

werden.«

»Aber der Herr, mit dem wir es zu thun bekommen, soll ein ganz braver,

ehrlicher Mann sein,« sagte Behrens leise.

»Und woher wißt Ihr das, oder woher weiß =der= das,« rief der Doctor,

»der Euch das gesagt hat? denn hier in dem Wisch steht nur, daß der

Agent in Antwerpen -- und Antwerpen gerade ist der verrufenste Ort für

derartige Agenturen -- mit =irgend= einem Plantagenbesitzer einen

Contract über Euch abschließen soll, bei dem =Ihr= dann natürlich gar

nicht mehr gefragt werdet.«

»Ja, aber --«

»Das =kann= ein ehrlicher Mann sein, ja,« fuhr der Doctor fort, »ich

gebe auch zu, daß ein solcher =Contract= in einzelnen Fällen ehrlich

gemeint sein mag: daß manchem großen Plantagenbesitzer wirklich daran

liegt, gute und brauchbare Kräfte auf sein Land zu bekommen, und der sie

nachher nicht allein gut behandelt, sondern ihnen auch einen

entsprechenden Lohn für ihre Arbeit giebt, damit sie in einer bestimmten

Zeit, und zwar in einer Zeit, die sie selber berechnen, wieder frei und

unabhängig von ihm werden. Aber warum heißt es da nicht: Du bekommst so

und so viel für den Tag Arbeit, und machst Dich nur verbindlich bei

keinem Anderen in Dienst zu treten, bis Du das Geld, was ich für Dich

ausgelegt habe, wieder abverdient hast? Aber das wollen die Herren gar

nicht. Es liegt ihnen nicht allein daran Arbeiter in ihr weites Land zu

bekommen, nein, sie wollen sich die Leute auch speciell sichern und an

ihnen =verdienen=, und das eben ist nachher das Unglück für den armen

Arbeiter selber, der vielleicht etwas vor sich bringen könnte, wenn ihm

die Hände nicht gebunden wären. Ja, selbst den Fall genommen =daß= er es

ehrlich meint, wer steht Euch denn dafür, daß er nicht plötzlich stirbt

und sein Besitzthum an einen gewissenlosen Verwandten oder Fremden

übergeht? =Ihr= seid dann für =diesen= so gut gebunden, wie für Jenen,

Ihr geltet nur als Inventar, denn Ihr habt Eure Schulden noch nicht

abbezahlt, und müßt aushalten bis das geschehen ist, so lange es auch

dauern mag.«

»Aber Herr Doctor,« sagte Behrens, der ganz bestürzt geworden war, denn

das, was ihm =der= Herr hier sagte, warf des Schulmeisters ganze

Lobreden wieder um, und er hatte nur noch das Eine, an das er sich

anklammern konnte -- »mein Bruder ist ja auch die langen Jahre drüben in

dem Brasilien, und dem geht's so gut dort. Er hat mir ja auch

geschrieben, daß ich nur sobald als möglich zu ihm kommen soll.«

»So? --« frug der Doctor, »wo ist denn Euer Bruder?«

»In der Colonie Blumenau« sagte der Mann.

»Und dann wollt Ihr Euch nach der Provinz Minas Geraes schicken lassen,

wie es hier in dem Contract steht? -- und wißt dabei noch nicht einmal,

in welchen Theil desselben, denn die Provinz ist riesengroß und läuft in

die heißesten Districte hinauf. Das ist reiner Wahnsinn. -- Aber lieber

Freund -- es thut mir leid -- meine Zeit ist beschränkt, und ich muß

jetzt einen Besuch bei einem gefährlichen Kranken machen, den ich nicht

länger aufschieben kann. Ich bin auch nicht im Stande Euch einen anderen

Rath zu geben als: Unterschreibt =das= Papier auf keinen Fall. Wollt Ihr

zu Eurem Bruder nach Blumenau, so müsset Ihr nach der Insel Santa

Catherina gehen, von wo sich häufig Gelegenheit findet. In der Provinz

Minas Geraes seid Ihr beinah noch so weit von dort entfernt, wie hier in

Deutschland, könntet wenigstens eben so leicht oder so schwer dorthin

kommen, wie von hier ab auch. Dorthin wird Euch aber wohl Niemand

Passage geben, und wenn Ihr denn durchaus hinübergehen =wollt= und

denkt, daß Ihr dort Eure Umstände verbessert, so laßt Euch auch einen

wirklichen Contract aufsetzen, in dem deutlich geschrieben steht, an

welchen Ort und zu welchem Herrn Ihr kommen sollt -- nicht auf's

Gerathewohl, wie hier steht: auf eine Colonie in der Provinz Minas

Geraes. Und wie viel =Tagelohn= Ihr für Euch und Eure Leute zu erwarten

habt, bis das Vorgeschossene abverdient ist, muß ebenfalls fest und

deutlich in dem Papier angegeben werden. Nachher seht Ihr ein Ende vor

Euch, und könnt selber etwa berechnen, was Ihr verdient habt und wie

lange Eure Dienstzeit dauert.«

»Nun, ich danke Ihnen auch schön, Herr Doctor, für Ihre Freundlichkeit,«

sagte Behrens, »ich will mir gewiß merken was Sie gesagt haben, und mit

dem Herrn das ausmachen.«

»Thut das,« sagte der Doctor, »aber laßt Euch auch nicht wieder breit

schwatzen, -- =solche= Contracte könnt Ihr alle Tage machen,« und damit

nahm er seinen Hut und verließ das Zimmer, während Andres, der bei der

ganzen Unterredung kein Wort gesprochen und nur immer, wenn der Doctor,

sein Herr, etwas sagte, zustimmend mit dem Kopf genickt hatte, seinen

Landsmann beim Ärmel ergriff und mit ihm langsam die Treppe hinunter und

wieder auf den Hof ging.

»Siehst Du,« flüsterte er ihm dabei zu, »das ist ein Herr der Haare auf

den Zähnen hat, und der verstehts. Was =der= sagt hat Hand und Fuß, und

man kann schnurstraks darauf hingehen. Das sind faule Fische mit dem

Papier; da darfst Du Dich nicht darauf einlassen.«

»Weißt Du was, Andres,« nickte da Behrens, der nachdenkend, sein Kinn

mit der rechten Hand streichend, im Hof stehen geblieben war und vor

sich niedergesehen hatte, »Du hast doch Alles mit angehört was der Herr

Doctor gesagt, und kannst es mir bezeugen, und nun komm einmal mit zu

dem Herrn der die Schrift besorgt, und dann wollen wir mit ihm sprechen,

und ihm die Sache auseinandersetzen, daß es so nicht geht. Wie?«

»Meinetwegen,« sagte Andres, »ich geh' auch mit. Zwei sind immer besser

als Einer, denn was der Eine nicht weiß, das fällt dem Anderen ein. Also

komm, Gottlieb, dem wollen wir die Sache gleich besorgen.«

Und die beiden Freunde gingen langsam die Straße hinunter und dem Hause

zu, in welchem der besagte Herr wohnte.

Da hörten sie rechts von sich in einer engen Seitengasse lautes Jubeln

und Singen, und als sie erstaunt stehen blieben, um dem ungewohnten

Geräusch zu horchen, sahen sie einen kleinen Trupp Menschen den engen

Weg herunter kommen, die auf das Wunderlichste aufgeputzt gingen.

Es waren etwa zehn oder zwölf junge Burschen; von vielleicht achtzehn

oder neunzehn Jahren, Bauernsöhne wahrscheinlich ihrem ganzen Aussehen

nach, die, von irgend einem Gelage kommend, mit gerötheten Gesichtern

und fröhlich und keck blitzenden Augen Arm in Arm durch die Straßen

wanderten. Sie trugen auch noch ihre heimischen Bauerntrachten, kurze

Jacken und lederne Hosen, aber dazu aufgekrämpte Hüte mit künstlich

gemachten ordinären Blumen daran, mit Glasperlen und unächtem Schmuck,

und auf den Schultern einläufige Pirschbüchsen oder Doppelflinten, und

Hirschfänger an den Seiten, als ob sie zu irgend einem Freicorps

gehörten und augenblicklich in den Krieg ziehen wollten. Dazu sangen sie

-- mit oder ohne Harmonie, was kam darauf an, -- ein wildes, jubelndes

Lied, und neugieriges Volk hatte sich ihnen von allen Seiten

angeschlossen, so daß die Menschenmenge die ganze Straße füllte.

Behrens und Andres blieben stehen um sie vorbei zu lassen, und als sie

näher kamen, konnten sie auch Beide die Worte des Liedes unterscheiden,

die ihnen bald keinen Zweifel mehr ließen, wen sie vor sich hätten.

»Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier,

Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit.«

klang der Refrain, und bald darauf setzte wieder eine tiefe Baßstimme in

Solo ein:

»Ade, ade, mein liebes Vaterland,

Ade, ade, nun lebe ewig wohl!

Was fragen wir nach Gut und Geld,

Wir wandern fröhlich in die Welt,

Brasi--lien ist unsre Seligkeit!

Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!

Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«

Es war ein ganz eigenes Gefühl das Behrens durchzuckte, als er die Worte

hörte, die ihm wie aus der eigenen Seele heraustönten, und fast

unwillkürlich rief er die ihm Nächsten an: »Heda, Kameraden, -- wollt

Ihr =auch= nach Brasilien?«

»=Auch= nach Brasilien? na, versteht sich,« lachte einer der jungen

Burschen zurück, indem der Schwarm Halt machte. »Gehst Du auch mit,

Kamerad? Das ist Recht. Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von

hier!«

»Na,« seufzte Behrens, »weit ist's doch wohl, aber was kann's helfen;

die Reise nimmt ja auch einmal ein Ende.«

»Da hast Du Recht, alter Junge!« jubelte Einer der Burschen, »und

nachher leben wir, wie der liebe Gott in Frankreich. Mit welchem Schiff

gehst Du?«

»Ja, ich weiß noch nicht,« sagte Behrens, über die vertrauliche Anrede

des jungen Volks weniger erstaunt, als über die bestimmte Voraussetzung

seiner Reise, denn des Doctors abmahnende Worte hatten ihn doch wieder

ganz schwankend gemacht.

»Und von welchem Hafen aus?«

»Doch wohl von Antwerpen, wie der Ort heißt.«

»Hurrah, ein Reisegefährte!« jubelte die Schaar. »Komm her, daß wir Eins

zusammen trinken. Nun hat die elende Schinderei daheim ein Ende, und wir

kommen ins Paradies.«

»Ins Paradies?« Das stimmte freilich nicht mit dem, was Behrens von dem

Doctor gehört, aber er konnte auch nicht der fröhlichen Einladung

folgen, denn geschenkt mochte er nichts nehmen, und Geld zum Vertrinken

hatte er noch nie im Leben gehabt.

»Ich kann nicht,« sagte er deshalb freundlich, »ich muß erst noch meinen

Contract in Richtigkeit bringen, daß ich mit komme; aber wohin geht

Ihr?«

»In den Löwen; so komme nachher hin, daß wir den Abend beieinander sind!

Hurrah, Brasilien soll leben!«

Und mit dem Halli, Hallo! des neu beginnenden Liedes setzte sich die

Schaar wieder in Bewegung und marschirte die Straße hinab, dem ihrem

neuen Reisegefährten bezeichneten Wirthshaus zu.

Behrens blieb mit seinem Begleiter, als ihn die Schaar verlassen hatte,

noch eine ganze Weile wie betäubt auf der Straße stehen, denn wie ein

Traum, wie ein Gruß aus der fernen, fabelhaften Welt, die er bis jetzt

nur in seinen Träumen gesehen, kam ihm das Ganze vor. Ein Paradies! --

und er selbst war im Begriff, dorthin aufzubrechen, -- aber wer hatte

nun Recht? Das junge, jubelnde Volk, vor dem das Leben noch offen lag

und ihm nur seine bunten Bilder zeigte, oder der alte mürrische Herr,

der voll Mißtrauen hinausblickte? Behrens wußte es nicht, und nur

unwillkürlich legte er seine Hand wieder in Andres Arm und schritt mit

ihm die Straße hinunter, dem Hause des Auswanderungsagenten zu.

Drittes Capitel.

Herrn Kollboeker's Comptoir.

Sie brauchten nicht so lange mehr zu gehen, als sie das Haus, oder

vielmehr das »Comptoir« des Agenten vor sich sahen, denn er selber

wohnte draußen in einer kleinen Spelunke der Vorstadt, und hatte sich

nur im »Geschäftstheil« der Residenz ein Local gemiethet, um inmitten

des Verkehrs zu sein und sich keine »Gelegenheit« entgehen zu lassen.

Die Thür war auch kenntlich genug durch eine Anzahl von Schildern

bezeichnet, die den verschiedensten Lebenszwecken zu dienen schienen.

Den Mittelpunkt derselben bildete freilich ein großes, über der Thür

angebrachtes und in Öl ausgeführtes Gemälde, das ein großes,

dreimastiges Schiff unter vollen Segeln aber bei dem Winde zeigte.

Plätschernde Wellen erhoben sich darum her, aber still und unbewegt

verfolgte das Fahrzeug seine Bahn und eine Anzahl von Personen in rothen

Hemden, die über Bord hinaus auf das Meer sahen, sollten andeuten, daß

es reichlich mit Passagieren besetzt sei, die eine ruhige Fahrt nach

einem fernen Welttheil hatten.

Das Schiff selber führte eine Bremer Flagge, -- die roth und weißen

Streifen und Quadrate, -- darüber aber im blauen Himmel stand deutlich

mit goldenen Buchstaben:

=Schiffsgelegenheit nach allen Welttheilen=,

und wie um das zu illustriren, waren links und rechts von der Thür noch

große Tafeln aufgehangen, auf welchen die verschiedensten Reisen nach

Nordamerika, Australien und Brasilien specificirt wurden.

Außerdem schien aber Herr Kollboeker, wie der Auswanderungsagent hieß,

noch außerordentlich vielseitig in anderen Geschäftszweigen. Er hatte

die Agentur für Sächsische Renten-, Berliner und Gotha'sche

Lebensversicherung, ebenso eine Niederlage von Daubitz's Kräuterliqueur

und aromatischer Gichtwatte, und Behrens wurde ganz irr an den vielen

Schildern, die überall die Wand und sogar die aufgeschlagenen

Fensterladen bedeckten. Aber es konnte nichts helfen, hinein mußte er

doch, denn die Zeit verging, und nachdem er und Andres -- während die

Beiden indessen von drinnen durch ein paar junge kichernde Leute

beobachtet waren -- eine Weile die verschiedenen Placate

durchbuchstabirt hatten, sagte Behrens, seines Begleiters Arm

ergreifend: »So komm, Andres, hier werden wir doch nicht draus klug und

drinnen müssen wir ja erfahren woran wir sind. Da oben ist ja auch das

Schiff gemalt, mit dem wir fahren sollen, -- guck einmal wie groß es

ist; das sieht ordentlich gefährlich aus -- und so weit übers Wasser muß

man damit.«

Behrens schüttelte freilich mit dem Kopf, als er das Haus betrat; es war

ihm noch so vieles bei der ganzen Sache, von der er sich gar keine

richtige Idee machen konnte, unerklärlich, und er fühlte ordentlich das

Bedürfniß, endlich einmal Jemanden darüber zu hören, der Alles ganz

genau wußte.

Gleich rechts im Hausflur war eine Thür, an welcher auf einem ovalen

schwarzen Schild das Wort stand: »Comptoir«, aber weiter befand sich

kein Name oder sonstiges Abzeichen daneben, und die Beiden zögerten

noch, ob sie hier anklopfen sollten, als die Thür aufging und ein

blutjunger Mensch mit auf der Mitte gescheitelten fuchsrothen Haaren

heraussah.

»Wollen Sie zu der Auswanderungs-Agentur?«

»Ja wohl«, nickte Behrens.

»Na, da kommen sie nur hier herein, -- hier ist's.«

Beide betraten das Zimmer. Es war ein nicht sehr großes und etwas

düsteres Gemach. In der Mitte stand ein hohes, doppeltes Schreibpult aus

polirtem Erlenholz, an dem an jeder Seite zwei Menschen arbeiten

konnten, und an den Wänden waren eine Menge Gefache angebracht, in

welchen die verschiedenartigsten Dinge lagen: kleine Broschüren,

Papiere, etiquettirte Flaschen, Packete und Gott weiß was sonst noch. An

den Wänden aber hingen, wo nur noch irgend ein Platz frei geblieben,

Fahrpläne von Eisenbahnen und Dampfschiffen, eine große Karte mit den

beiden Erdhälften und andere von Australien, Südamerika, Brasilien,

Nordamerika, Rußland und Ungarn, denn Herrn Kollboeker's Thätigkeit war

eine sehr ausgebreitete, und er schaffte Menschen fort, wohin sie eben

wollten, oder -- wohin er sie gerade bereden konnte. Hatte er doch

intime Verbindungen in allen Theilen der Welt, wenn er auch alle Theile

der Welt nur dem Namen nach kannte.

Herr Kollboeker selber war leider gerade nicht zu Hause, und die beiden

jungen Herren im Comptoir, -- wahrscheinlich ein paar Lehrlinge, junge,

aufknospende Auswanderungs-Agenten, die ihren Ehrgeiz darin setzten,

später ebenfalls ein volles Schiff unter Segeln über ihrer eigenen Thür

gemalt zu sehen, -- schienen die freie Zeit benutzt zu haben, um an die

Fenster zu hauchen und unmögliche menschliche Figuren darauf zu

zeichnen. Beide trugen aber Federn hinter den Ohren, als Zeichen, daß

sie jeden Augenblick zu deren Dienst bereit wären, und der Ältere von

ihnen, der den Beiden auch die Thür geöffnet hatte, nahm jetzt das Wort

und sagte: »Nun, Gevatter, wie geht's? Wollt Ihr nach Amerika oder nach

Australien und Gold graben? Jetzt ist die Gelegenheit günstig; in der

nächsten Woche geht ein Schiff.«

»Ist Herr Kollboeker nicht zu Haus?« frug Behrens, der durch die

vertrauliche Anrede »Gevatter« etwas stutzig geworden war, denn er hatte

den jungen Burschen, so weit =er= sich erinnerte, noch in seinem ganzen

Leben nicht gesehen.

»Nein, Herr Kollboeker ist ausgegangen. Kann ich es nicht besorgen, wenn

Ihr über irgend etwas Auskunft wünscht?«

»Ich weiß doch nicht,« sagte Behrens, »ich -- ich komme wegen der Reise

nach Brasilien.«

»Nach Brasilien, so? Wo seid Ihr denn her?«

»Von Groß-Emmen.«

»Ach, das ist die Familie, die mit der Rosalie nach Porto Seguro soll,«

sagte der Jüngste, »wie heißt Ihr denn?«

»Behrens -- Carl Gottlieb Behrens.«

»Ja, ganz Recht. Ihr habt ja wohl noch Euren Contract zu

unterschreiben.«

»Ja -- aber -- ich wollte doch vorher gern erst noch einmal mit dem

Herrn Kollboeker sprechen.«

»Ach, das ist nicht nöthig,« sagte der junge Mann mit den rothen

gescheitelten Haaren, »das können wir auch besorgen. Habt Ihr den

Contract mitgebracht?«

»Den hätt' ich schon,« meinte Behrens, indem er in die Tasche griff und

das Papier herausholte, »aber --«

»Da kommt Ihr in ein prachtvolles Land,« nahm der Kleinste die

Unterhaltung wieder auf, »Donnerwetter, da muß es himmlisch sein, -- wo

haben Sie denn den Brief, Meier, in dem die Beschreibung steht?«

»Dort auf dem Pult liegt er,« sagte Herr Meier, indem er selber darnach

unter einem Haufen von Papieren herumwühlte und auch bald einen großen,

auf bläulichem, sehr dünnem Papier eng geschriebenen Brief zum Vorschein

brachte. »Ja, allen Respect, das muß ein Land sein, Kaffee, Vanille,

Cacao, Alles wächst da wild, die Apfelsinen kann sich Jeder von den

Bäumen schütteln, wo er nur will, und Ananas, wo hier das Stück drei

Thaler kostet, wachsen wie bei uns die Kohlrüben und die Runkeln.«

»Und dort in den Bergen haben sie auch neulich die großen Diamanten

gefunden, und ein Deutscher soll beim Graben einen Goldklumpen von zwei

Pfund Gewicht herausgeschaufelt haben.«

»Hm,« sagte Andres, der dem Allen aufmerksam zugehört hatte, »das ist

aber merkwürdig; und da zahlen Sie Einem noch Geld, wenn man nur

hingeht?«

»Jawohl,« nickte Herr Meier, »weil es dort an ordentlichen deutschen

Bauern fehlt, die was von der Landwirthschaft verstehen. Die Kerle sind

da so dumm, und wissen gar nicht, was sie mit ihren Feldern anfangen

sollen.«

Behrens hörte das Alles wie in einem halben Traum; es war ihm, als ob er

von einem Zauberland sprechen, ein Märchen erzählen höre, und er konnte

es sich kaum denken, daß er selber im Begriff stehe dort hinüber zu

gehen und das Alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, -- aber

der Contract, --

»Ja,« sagte er verwirrt, »das ist Alles gewiß ganz wunderschön und

herrlich, aber ich -- ich muß doch vorher noch einmal mit dem Herr

Kollboeker sprechen, denn --«

»Ach, da kommt er selber,« rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter

das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der

Kleine war blitzschnell an seinen »Marterpfahl« gefahren, wie er den

Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewöhnlich nannte, wenn der Principal

nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im

nächsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger

Briefe beschäftigt, daß sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten.

»Herr Kollboeker,« sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, »da ist

Behrens aus Groß-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu

sprechen wünscht.«

Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde · 第 2 / 11 段