Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut

gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man

hören, wie es ihn schauderte und fror, daß ihm die Zähne im Munde

klapperten. Und dieses Alles hörte der Andere, und weil das

Laternenlicht von der Straße ins Zimmer schien, konnte er es auch

sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er

zusammengeringelt wie ein böses Thier, und Alles, was er dachte, war

nur, daß es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lächerlich.

Und wenn er voraus hätte sehen können in die Zukunft, so würde er

gewußt haben, daß einmal eine Zeit kommen würde, wo er sein halbes

Leben dafür hingegeben hätte, wenn er in der Nacht aufgestanden wäre

und dem kleinen Bruder gesagt hätte: »Fürchte Dich nicht! Ich will Dir

Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu fürchten

brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gönnen

Dir ja Deine Freude.« Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in

seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das

Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem

Kleinen gehörte und nicht ihm, dem Anderen.

Darauf nun, am nächsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war,

kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, daß sie

zusammen »Pascher und Grenzer« spielen wollten. Der Schnudri hatte

seine Kürassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer

stolz, sich so zeigen zu können. Für den Anderen aber, als er sah, wie

die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen

und nicht ihn, für den war das ein fürchterlicher Augenblick. Sie

fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen:

»Warum hast denn Du sie nicht gekriegt?« Erklären konnte er ja nichts;

dazu hätte er Dinge erklären müssen, die er selbst kaum verstand.

Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm

wieder die Scham über den Leib, vom Kopf bis zu Füßen, daß er blutroth

wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen

hätte, so daß er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie

denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.

Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie

sich berathen wollten, aber Niemand wußte etwas zu sagen. Alle sahen

auf die beiden Brüder, namentlich den Aelteren, was der sagen würde,

weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil

der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.

Endlich fragte Einer: »Aber, wer soll denn nun General sein?« Darauf

zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: »Na, wer? -- Da steht er

ja.« Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil

es ihm wie ein Hohn vorkam, daß der Kleine der Anführer sein sollte und

weil er wußte, daß die Anderen es auch so aufnehmen würden. Und so war

es auch. Denn der Schnudri war ja beinah der kleinste und schwächste

von Allen. Darum erschien es den übrigen Jungen wie eine Beleidigung,

daß er sie kommandiren sollte. Und außerdem erschien es ihnen überhaupt

ungerecht, daß er solch eine schöne Uniform bekommen sollte. Denn unter

den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, daß der Kleine ein

verzogenes Muttersöhnchen wäre, weil sie doch nicht wußten, daß er

krank war. Oder, wenn sie es gewußt hätten, würden sie vermuthlich doch

keine Rücksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen

wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stück krank, so gehört es nicht

mehr zu ihnen. Aber Rücksicht darauf nehmen -- das giebt es nicht.

Darum, als der Andere gesagt hatte: »Da steht er ja«, wurde ein

allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt

hatte, sagte: »Na, das wäre mir auch ein schöner General.« Und wie er

das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und

der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er

merkte, daß sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fühlte, daß

er zu schwach war, um sie anzuführen. Und wie er so dastand und den

Kopf hängen ließ, trat Einer auf ihn zu und sagte: »Weißt Du, was Du

thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem

Bruder geben; denn für den paßt sie doch viel besser als wie für Dich.«

Darauf stimmten alle die Uebrigen mit »ja! ja!« dem bei. Der Kleine

aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und

drückte die Hände über der Brust zusammen, wie um seinen Küraß fest zu

halten, weil er doch um alle Welt die schöne Uniform nicht hergeben

wollte. Der Andere aber, wie er gehört hatte, was für ein Vorschlag

gemacht worden war, und daß der Schnudri die Uniform hergeben sollte

für ihn -- mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: »Jetzt will

ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist

der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also

machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen

entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig

Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt« --

in der Mitte der Ebene war nämlich ein Hügel -- »dann hat er gewonnen.

Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen,

und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.«

Das war denn ein Vorschlag, der sofort zündete. »Ein famoses Spiel! Ein

famoses Spiel!« Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander.

Aber Höllenfeuer war es, und von dem Teufel angezündet, der einstmals

dem Kain zugeflüstert hatte: »Schlage deinen Bruder Abel todt.« Wenn er

hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehören

dürfen -- jawohl -- aber sie wußten, daß er nicht hinaufkommen würde,

daß sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen würden, den

armen, schwachen, kleinen Kerl.

Ein Spiel nannten sie das, -- und es war kein Spiel, sondern etwas

Ernsthaftes, Furchtbares, Gräßliches, ein Stück Menschenniedertracht,

die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil

sie sich schämt und fürchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele;

Neid, höllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte,

während er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wölfe

verwandelte, in habgierige Bestien. Und daß so etwas vorging, daß er

plötzlich umgeben und umringt war wie von Wölfen, das muß er gefühlt

haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er

umhersah, so kläglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem großen

Bruder, ob ihm der nicht zu Hülfe kommen würde. Aber der -- von dem

ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr

und wahrhaftig der Teufel los, daß er nichts Anderes mehr denken

konnte, als daß die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte,

ihm nun für einige Zeit wenigstens doch gehören würde, doch!

Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und

wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht

mitgespielt hätte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wäre,

weit davon. Aber das Alles war nun nicht möglich, und die Jungen würden

ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: »Hier,

wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig

Schritt zurück. Dann wird gezählt eins -- zwei -- drei -- und bei drei

fängst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher.« Und

damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurück, und indem sie

gingen, zählten sie laut ihre Schritte, bis daß sie zwanzig gezählt

hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zählte ganz

laut eins -- zwei -- drei. Und im Augenblick, als das »Drei« heraus

kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen -- und Jeder schrie,

so laut er schreien konnte: »Fangt den General! Fangt den General!« Und

wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorübergegangen wäre und es mit

angesehen hätte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen über die Kinder

denken, würde er wahrscheinlich gesagt haben: »Sieh' Einer, wie die

munteren Jungen sich amüsiren«, -- und nicht geahnt würde er haben, daß

das, was er für ein Vergnügen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um

Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen

sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine

vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten muß er gefühlt haben,

daß es eine verlorene Sache war, daß sie ihn einholen würden. Wie er

das Geschrei hinter sich hörte, muß es ihm gewesen sein als käme eine

Indianerhorde hinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen würde, so

daß ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach

den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz

kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als

wenn er »nein! nein! nein!« schrie. Sie sollten ihm das nicht thun,

sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natürlich hörte Keiner darauf,

sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er

zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darüber her, aber der Andere

stieß sie alle fort; Keiner außer ihm sollte den Helm haben und die

Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem »Hussah«

weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein

toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem weiß, was er

früher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beißt.

Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken

konnte und fühlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen

hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer näher

hinter sich hörte und das keuchende Laufen und die Stimmen, die schon

ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er plötzlich

stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich

zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drückte das

Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick

waren sie über ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder über den

Bruder.

Die Schnallen, mit denen der Küraß an den Schultern des Kleinen fest

gemacht war, schnallte er auf. Das Säbelkoppel, das der Kleine um den

Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack -- rack -- rack. Alles mit

ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hände vor

Leidenschaft flogen, wie ein Räuber, der Jemanden überfallen hat und

ausplündert. Und dann eben so rasch den Küraß an die eigenen Schultern,

das Säbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Säbel herausgerissen.

Und »hurrah« -- jetzt war er der General! Und »hurrah«, jetzt hatten

sie einen Anführer, wie es sich gehörte. Jetzt konnten sie spielen.

Jetzt wollten sie spielen, »Pascher und Grenzsoldat«, gehörig, so daß

man sich am Kragen kriegte und raufte und prügelte; denn sie waren Alle

wild geworden, wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde,

die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrückt, und schluchzte

und wimmerte, daß der kleine Körper gegen den Erdboden stieß. Aber --

ach was -- das Muttersöhnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er

würde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und

nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spaß muß doch Jeder

verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwärts, daß wir zum

Spiel kommen! Fort -- denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, daß sie

eine Art Grauen fühlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen --

ich weiß es nicht -- aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war

es so, daß sie fühlten, sie hätten da etwas gethan, was sie lieber

nicht hätten thun sollen, nicht hätten thun sollen.

Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wüthig wie nur

möglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich

kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hälserecken,

ein Fragen von Einem zum Anderen -- war denn der Kleine nicht

nachgekommen? Nein -- der Kleine war nicht nachgekommen. Also in einem

Hui ging es nach der Stelle zurück, wo vorhin, -- aber die Stelle war

leer. Er war nicht mehr da -- war fort -- wo denn hin? Und darauf, als

nach all' dem Lärm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz

lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus -- er glaubte -- er hätte

gesehen, wie der Kleine ganz allein übers Feld gegangen wäre -- nach

der Stadt zu -- nach Hause zu. -- Und da mit einem Mal -- wie wenn

Jemand in einem wüsten Rausch gewesen ist und plötzlich zur Besinnung

kommt -- so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. »Nach der

Stadt zu wäre er gegangen?« -- »Ja! -- Als ob er eins getrunken gehabt

hätte -- ganz taumelig -- und die Hände am Kopf.«

Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen über den Leib und sauste und

brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die

Kehle war ihm wie zugeschnürt. Ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte er

sich den Küraß ab, und den Säbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom

Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so

wüthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten hätte er sie

von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem

Kleinen sein Eigenthum. Also mußte er sie dem Kleinen wieder bringen,

nach Haus. Und indem er das dachte -- nach Haus -- war ihm, als wenn

eine Hand in seiner Brust gewesen wäre, mit langen, eisernen Fingern,

die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrückten, langsam

wie eine Schraube.

Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie

eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurück. Es war

ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine

Ahnung davon. Wie sie nun in die Nähe der Stadt kamen und die Stadt vor

ihnen lag und der graue Himmel über den Dächern, den Ziegeldächern, auf

denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so daß Alles

in einander verschwamm, so öde, so grau in grau -- wie er das Alles sah

-- da war es ihm -- da überkam es ihn -- als wenn da etwas Todtes vor

ihm läge -- wie ein todtes Gesicht, das er früher gekannt, das ihm

zugenickt und gelächelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen

auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein würde, nie

wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur -- wie ein großer, stummer,

todter Leib, so sah es aus, daß er denken mußte, so müßte es aussehen,

wenn die Mutter vor Einem läge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu

Muth; und so stark fühlte er das, so furchtbar, daß er nicht weiter

gehen konnte, sondern stehen bleiben mußte. Und dabei schlugen der

Küraß und der Helm und der Säbel, die er in den Händen trug, an

einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne

Glocke. Und da war es ihm, als wäre irgendwo, wo er sie nicht sehen

konnte, eine Uhr, eine große Uhr, und als schlüge die Glocke in der Uhr

mit einem Tone, wie er nie einen gehört, so tief, so dumpf, so schwer.

Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, weiß ich, wo

die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte -- in seiner Seele -- und

was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.

Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, daß er am liebsten gar

nicht in die Stadt zurück und nach Hause gegangen wäre, sondern in die

Welt, irgend wohin -- vielleicht noch lieber in den See, in das kalte

Wasser hinunter und den Tod. Ja -- so war ihm, so war ihm zu Muthe.

Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Händen wie Blei lagen, weil

er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mußte sie

doch zurück bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in

die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in

der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Straße kam

und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, daß er

nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstraße

ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort,

die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betäubt, wie ein verwildertes

Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurück getraut.

Essen und Trinken -- Hunger und Durst -- danach fragte er nicht, daran

dachte er nicht, davon wußte er nichts. Erst als es dunkler und immer

dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der

Straße bleiben konnte in der Nacht, und weil er so müde geworden war,

daß er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wäre und

liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause, ganz langsam,

leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die

Nähe von dem Hause käme, dann würde darin ein Lärmen und Toben sein,

und bis auf die Straße hinaus würde er die Stimme hören, vor der er

sich so fürchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er

kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: »Wo

steckt der Bengel? Wo bleibt er?« Und als er nun an das Haus heran kam,

lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu

hören, kein Laut. Eigentlich hätte ihm das ja lieb sein müssen -- aber

dennoch war es ihm nicht lieb, sondern -- er wußte selbst kaum, warum

-- unheimlich, unheimlich.

Also klinkte er die Hausthür auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann

auf den Fußspitzen, wie ein Verbrecher schlüpfte er hinein. Und im

Hause war Alles dunkel, und so, wie es draußen gewesen war, so war es

drinnen, ganz still Alles, daß man keinen Laut hörte, fast todtenstill.

Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der

Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich über den Flur nach dem

Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammen schlief; da wollte er

hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die

Thür ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der

nach der Küche führte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte

Köchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehört haben

mochte, daß Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die

Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war -- und wie

sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll

Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, daß ich es malen könnte, so

genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, ließ sie die Hand

herab und sagte -- und auch das, wie sie sprach, höre ich heute noch

ganz deutlich und genau -- und sagte -- kein Vorwurf war in dem Ton,

wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so

Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten --

und sagte: »Wo bist denn Du gewesen? Weißt Du denn nicht, was hier

geschehen ist? Und daß Hänschen im Sterben liegt?«

So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als würde

ihm ein Nagel, ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen

Leib geschlagen und nagelte ihn am Fußboden fest. Und was man den

kalten Schweiß nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.

Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern

hinein, aber da faßte ihn die alte Köchin am Arm und sagte, und diesmal

sprach sie ganz hastig, ganz flüsternd, ganz angstvoll: »Nein, nein, da

darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und

Niemand darf hinein.« Und dann, wie der Junge am Thürpfosten lehnte,

selber so starr und steif wie ein Stück Holz, machte sie die Thür zu

dem Zimmer auf, wo die Brüder schliefen und leuchtete hinein und sagte:

»Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu

machen.«

Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da

sah er, daß das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war,

und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was

damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden,

ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck! Sechzig Jahre sind hingegangen

seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefüllt;

nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem

kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich

nicht schlafen kann!

Dann bewegt es die Lippen, dann hör' ich's: »Kann nicht mehr spielen

mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajüte und den Arm um Dich

schlingen und zuhören, wenn Du erzählst von dem großen Wald und dem

Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr -- nie mehr -- --«

Die Erzählung brach ab.

Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzählung gekommen war, kam es

hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen

Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich saß, warf er die Arme,

auf die Arme fiel sein graues Haupt. »O Bruder! O Brüderchen! O armer,

kleiner Bruder!«

Ein Stöhnen durchschütterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den

Sturmwind schüttelt, als wenn er ihn brechen wollte.

»Und am nächsten Tage« -- aber er vollendete den Satz nicht. Vom Stuhl,

auf den er niedergesunken war, sprang er auf. »Aber das kann ich nicht

erzählen! Kann ich nicht erzählen!« Im Zimmer stürmte er auf und ab.

»Wie er an der Thür stand, an der Thür des Zimmers, wo sie ihn hinein

getragen hatten, den Kleinen, in seinem Bett. Wie er hinein wollte und

nicht hinein konnte, weil die Thür von innen verriegelt war. Wie er an

der Thür klinkte und hinein wollte, mit Gewalt. Bis daß wieder die alte

Köchin kam und ihn am Arme nahm und zurückzog und sagte: >Mach doch

keinen solchen Lärm. Es darf ja kein lautes Wort gesprochen werden im

Haus.< Wie er dann stehen blieb auf dem Flur, immer die Augen auf der

Thüre und sein Schluchzen verschluckte und seine Thränen, daß ihm ein

Geschmack im Munde wurde und in der Kehle, als wenn er Gift hinunter

würgte. Und wie die alte Köchin immer wieder kam und versuchte, ihn von

der Stelle fortzubringen und wie er nicht fortzubringen war, sondern

auf den Küraß zeigte und den Helm und den Säbel, die er den ganzen Tag

nicht aus den Händen ließ, und sagte: >Ich muß ihm doch seine Sachen

wieder bringen, seine Sachen wieder bringen.< Worauf dann die Alte

sagte: >Ach laß doch die Sachen; was soll er denn damit? Er weiß ja von

nichts mehr etwas.< Worauf es ihm erst ganz klar wurde, wie es um den

kleinen Bruder stand, und daß er ihn vielleicht nie wieder sehen würde.

Und so kam es auch. So geschah es auch. Aber das Alles kann ich nicht

mehr erzählen! Was ich keinem Menschen erzählt habe, das habe ich Ihnen

erzählt. Aber das kann ich nicht, das können Sie nicht verlangen!

Sechzig Jahre lang hat das Alles begraben gelegen da drinnen in mir.

Sprechen muß der Mensch. Nicht nur zu sich selbst; wenn er immer nur zu

sich selbst spricht, das macht verrückt. Sprechen muß der Mensch zu

einem anderen Menschen. Sechzig Jahre lang habe ich keinen gefunden, --

Sie sind ein weicher Mensch, ein guter Mensch, ein feiner Mensch, -- zu

Ihnen habe ich gesprochen. Darum habe ich das Grab aufgebrochen, worin

die alten Geschichten liegen, die schrecklichen Geschichten. Nun sind

sie wieder wach geworden, die Todten wieder lebendig geworden. Nun ist

es wieder da, und ich wieder drin, mitten drin, in der Hölle! In der

Hölle! Und das Wort ist wieder da -- hier in meinen Ohren -- das

gräßliche, das er nachher mir gesagt hat, der Mann von Stein, der Mann

von Eis -- >Daran, daß Dein kleiner Bruder gestorben ist, daran --

bist --<, und der Schrei ist wieder da, mit dem die Mutter sich dem

Manne entgegen warf, als er das sagte -- mit einem Gesicht -- wie ich

es nie an ihr gesehen -- so verzerrt, so -- so -- gar nicht mehr das

Gesicht meiner Mutter, meiner sanften, süßen Mutter -- wie sie den Arm

gegen ihn ausstreckte, ganz lang: >Es ist nicht Dein Kind nur, sondern

meines auch! Und meinem Kinde das Leben vergiften -- das sollst Du

nicht! das darfst Du nicht! das -- das --<, und wie sie dann -- krach

-- zur Erde fiel, ganz starr, ganz weiß, wie mit einem Schlage, bevor

Jemand sie aufzufangen vermochte, -- das Alles erzähle ich Ihnen nicht,

erzähle ich nicht. Wie soll ein Mensch das erzählen, ein Mensch von

Fleisch und Blut, -- wie kann er das? Aber zeigen will ich Ihnen --

kommen Sie mit --, Ihnen, dem ich Alles gesagt, Ihnen will ich zeigen,

was kein Mensch gesehen, -- kommen Sie mit.«

Er nahm die Lampe auf, die auf dem Tische stand, und wandte sich nach

dem Schlafzimmer. Als er bemerkte, daß dort bereits eine Lampe stand,

setzte er jene wieder nieder. »Kommen Sie.« Er schritt mir voran; ich

folgte ihm. Indem ich aufstand, fühlte ich, daß mir die Glieder so

schwer geworden waren, daß ich Mühe hatte, mich zu erheben.

In dem Schlafzimmer, an der Wand, dem Bette gegenüber, war ein Vorhang

von schwerem, dunkelgrünem Stoff. Es fiel mir ein, daß man mir von

einem solchen erzählt hatte.

Der Vorhang war geschlossen. Er trat heran, und mit einem Griff schlug

er ihn auseinander. Das Licht der Lampe, die unter dem Bilde der

beiden Brüder stand, fiel auf die Stelle; an der Wand, im stillen

Lichte leise blinkend, hingen die Stücke einer Kinderuniform, einer

Kürassieruniform, ein kleiner Helm, ein Küraß, ein Säbel und eine

verbogene Trompete, -- wie so etwas ausgesehen hatte vor sechzig

Jahren.

Neid · 第 7 / 8 段