Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenläden kamen und vor

das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja

geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mühe gaben, ihre

Aufregung zu unterdrücken; so ungeheuer war die Wirkung von dem

gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nämlich

eine Kürassieruniform, Küraß, Helm und Säbel, und sogar noch eine

Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da

wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie

betäubt, gingen sie nach Haus.

Zu Hause aber -- wie das die Art des Kleinen war -- lief der Kleine

gleich wieder mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: »Mama! --

Mama!« -- Und dann kletterte er ihr auf den Schoß und erzählte ihr ins

Ohr, was sie da gesehen hatten von der Kürassieruniform. Und dabei

zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so daß die Mutter ihn wieder

an sich drücken mußte und »rege Dich nicht so auf, Hänschen,« sagte, --

»rege Dich nicht so auf.«

Am nächsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt.

Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flüsterte

ihm zu: »Paß auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den

Kürassiergeneral!« Denn daß die Uniform nur für einen General sein

könnte, das stand für den Kleinen fest.

Und von dem Augenblick an wurde die Kürassieruniform geradezu der

einzige Gedanke in den Köpfen der Beiden, so daß sie sogar des Nachts

davon träumten. Der Aeltere aber faßte den Plan zu einem großartigen

Spiele, und als er es dem Schnudri erzählte, wurde der ganz Feuer und

Flamme.

Mit einigen von ihren Schulkameraden -- natürlich sollten das nur ihre

besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich alle

festgestellt -- wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je

nachdem das Wetter sein würde, zusammenthun zu einem Spiel »Pascher und

Grenzsoldat«. Sobald der Kleine das gehört hatte, fing er vor Entzücken

an, auf einem Beine herumzutanzen. »Famos! Und Du bist der General von

den Grenzsoldaten.«

Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die

Kürassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also

konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war

doch eigentlich zu schwach dafür und zu klein, während er sich im

Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Säbel durchs Feld galoppirte

und seine Soldaten gegen die Pascher anführte. Und dem Schnudri

leuchtete das auch gleich so ein, daß ihm gar kein anderer Gedanke kam,

zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem

famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, daß

er fragte: »Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder

Grenzsoldat?« Worauf der Andere erwiderte: »Natürlich bist Du auch

Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bist Du der

Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem

General.« Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz taumelig vor

Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den

Mund und machte »tütü! tütü!«, als wäre es schon die Trompete. Und

obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jämmerliches war im

Vergleich zu der ganzen herrlichen Kürassieruniform, die der Andere

bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es

schien ihm bloß ganz natürlich, daß der Andere die ganze Herrlichkeit

bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern

in dem kleinen Leibe war ein Gemüth größer, als das manches

Erwachsenen, in dem armen, kranken Körper eine Seele, so schön, so

gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken,

ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!

Und so rückte nun der heilige Abend immer näher, und es waren bis zu

ihm nur noch wenige Tage, und täglich standen die Beiden vor dem

Kalender und zählten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der

Aeltere sagte zu dem Schnudri: »Siehst Du,« sagte er, »das sind jetzt

die kürzesten Tage vom ganzen Jahr. Weißt Du, warum sie so kurz sind?

Weil sie wissen, daß sie eigentlich ganz überflüssig sind und dem

heiligen Abend bloß den Weg vertreten. Darum machen sie, daß sie so

schnell aus der Welt kommen als nur möglich.« Und wie der Schnudri an

den Späßen des Anderen immer ein großes Vergnügen empfand, so auch an

diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte

sich ausschütten vor Lachen: »Mama, jetzt gib mal Acht, weißt Du, wer

ich bin? Einer von den kürzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz --

>guten Morgen< sagen sie und dann gleich darauf >gute Nacht.<« Und

damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine

und lief davon. Aber es war merkwürdig -- die Mutter, die sonst immer

so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergnügt sah, blieb heute

ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie

verweinte Augen hätte, so daß ich immer bei mir denken mußte, sie hätte

da still in ihrem Zimmer über ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin

geweint. Worüber denn nur? Und dann fiel es mir ein, daß heute Morgen,

bevor der Vater auf das Gericht ging, da hatte ich Vater und Mutter so

laut mit einander sprechen hören, beinah heftig, als wenn sie sich

zankten. Als die Thür aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch

die letzten Worte der Mutter gehört: »Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt

nicht!« Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem

Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so

gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war,

daß irgend etwas wieder »abgeschmackt« in der Welt war, daß es in dem

Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich weiß nicht --

aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz -- wie

ein Vorgefühl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz

erdrückte, so daß er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich

bisher gefreut hatte.

Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden

sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo

aufgebaut wurde, drückten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine

immer am Schlüsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der

Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf, als die Mutter aus dem

Zimmer heraustrat, und als sie merkte, daß der Schnudri durch das

Schlüsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und

lächelte. Aber es war ein so schwaches Lächeln, gar kein recht

freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter ständen. Und wie

sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen,

als überlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um

ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm

allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und

endlich fing sie an, und man hörte, wie schwer es ihr wurde.

»Heut ist nun Weihnachten,« sagte sie, »und das, was ich Euch neulich

gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank saß, nicht wahr, das hast Du

behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge

sein? Daß Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und

Hänschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem

armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an.

Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr?« Dann schwieg sie. Und es

war, als wenn sie eigentlich noch mehr hätte sagen wollen, als ob sie

aber nicht recht gewußt hätte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn

sie sich davor fürchtete. Und weil der Junge auch nicht wußte, was er

erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf

und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide

Hände und küßte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drückte sie die Lippen

darauf, und es war ein so langer, langer Kuß -- beinah, wie wenn man

Jemand küßt, den man vor einer schweren Gefahr weiß, oder von dem man

Abschied nimmt. Ja -- wie wenn sie Abschied nähme -- so war es. Denn

während ihm sonst immer zu Muthe war, als küßte ihn das Leben selbst,

wenn die Mutter ihn küßte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren

Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Füßen.

Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und

kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der

Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine

Klingel, was so viel heißen wollte als: »Jetzt könnt Ihr kommen.« Und

die Klingel, die tönte so kurz, so grell und gar nicht wie eine

freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter

die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.

Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle

Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein

Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war

ja von Natur lang und groß, heute aber sah es aus, als wäre er noch

länger gewesen als gewöhnlich. Die Mutter ließ die Hände ihrer Jungen

los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinüber, die Beiden aber

blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, daß der Vater zwischen ihnen

und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte

sagen, und das that er denn auch. »Bevor Ihr an Eure Tische tretet,«

sagte er, »wünsche ich, daß Ihr Euch überlegt, was Weihnachten

bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr

zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im

Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anlaß zur Zufriedenheit gegeben

hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere der

Fall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am

Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach möge dann ein Jeder sich

für das nächste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlüsse fassen,

damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es

hätte sein sollen, dieses im nächsten Jahre anders und besser wird.«

Und während er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte,

als spräche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz

ausschließlich an den Aelteren, an den Großen. Und unter seinen Worten

stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen über ihn hin wie

ein eisiger Strom, und trotz der Wärme, die von dem brennenden Baume

kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht

und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die

schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren

unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas,

was immer da sein würde, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Und nun kommt heran,« sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.

Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum

frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten

sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwürdig,

daß der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut

von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und

blitzte es; das war der Kürassiergeneral, Küraß, Helm und Säbel; auch

die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem

Tische. Solch ein Entzücken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe

ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. »Der

Kürassiergeneral,« schrie er, »der Kürassiergeneral!« Dann galoppirte

er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem

hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Schoß und küßte sie,

wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit

seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreißen wollte. Er hatte eben

gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er die Uniform bekommen

könnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer groß; der Andere

würde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nicht

bekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bücher, die er für die Schule

brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernünftige, in der vom

Einhorne nichts stand, dann noch einige nützliche Gegenstände -- und

weiter nichts. Von Spielsachen nichts.

Und vor dem Tische stand er nun, und das weiße Tischtuch, das von den

paar Büchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weißes,

leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er

konnte sich kaum entschließen, eins der Bücher zu berühren. Endlich

that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah,

weil er sich fürchtete und sich schämte. Denn die schreckliche Scham

von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in

ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder

schier närrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz

sonderbares Gefühl, -- als gehörte er gar nicht mehr mit dem kleinen

Bruder zusammen, als wären sie gar nicht Brüder mehr, als wäre der

Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wäre er

ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz da draußen, ganz

allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm

durch den Kopf, als wenn schwarze Flügel ihm um die Ohren schlugen.

Darum fühlte er zunächst kaum einen Kummer, überhaupt nichts

Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betäubung.

Und wie er so stand und gar nicht wußte, was er mit sich anfangen

sollte, fühlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das

waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht

schob, das war wieder die Mutter, und sie flüsterte ihm ins Ohr, so

leise, als ob Niemand außer ihm es hören sollte: »Du bist mein lieber

Junge -- das weißt Du -- nicht wahr?« Aber er regte kein Glied, er

konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter

fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes

Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: »Komm mit mir, der

Vater erwartet, daß Du Dich bedankst,« setzte er keinen Widerstand

entgegen, sondern ließ sich führen, ganz willenlos, ganz mechanisch --

ja -- mechanisch -- denn heute noch fühle ich, wie das war, als er die

paar Schritte da hinüberging zu dem langen, schwarzen Mann in dem

langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Füße eingeschlafen sind, so

daß man sie gar nicht fühlt, sondern immer denkt, sie müßten unten

Einem abbrechen wie Stücke Holz, so war das.

Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung

vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, ließ

er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum,

sondern sagte nur: »Nun?« Darauf sagte die Mutter für mich: »Er will

sich bedanken.« Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit

den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: »Das glaube ein

Anderer.« Alsdann, nach einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken, wandte

sich herum und sagte: »Daß Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich

Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst

Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, daß dieses

Jahr mit einem gehörigen Defizit abschließt. Laß Dir das jetzt als eine

heilsame Lehre dienen für das kommende Jahr und sorge dafür, daß das

nächste Jahr besser abschließt.« Und nachdem er das gesagt hatte, nahm

er seine Zeitung wieder auf und fing an, weiter zu lesen. Der Junge

aber, als er hörte, daß der Vater nicht weiter sprach, richtete das

Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, daß

der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war

es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben würde, vor

dem er solches Entsetzen empfände wie vor dem Manne, der da saß, und

der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem

Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der

Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wäre

das eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen, die er

gar nicht kannte, und als wäre das Alles, was er erlebte, ein

gräßlicher, gräßlicher Traum.

Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Küraß

anlegten, den Säbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der

Körper des kleinen Jungen war viel zu mager und dürftig für die Sachen,

so daß sie ihm alle nicht paßten. Der Helm rutschte ihm beinahe über

das kleine Gesicht, der Küraß und das Säbelkoppel waren zu weit; die

Sachen waren eben auf einen größeren Jungen berechnet. Und als er sah,

daß der Kleine ein betrübtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer

des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine

Weihnachtsfreude.

Aber die Mutter wußte der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar

alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar

Ballen unter den Küraß, dann holte sie einen Hammer und einen runden

Nagel und schlug damit noch ein paar Löcher in den Riemen des

Säbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt

wurden, saß Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im

Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergnügen, daß sein Gesicht fast noch

heller glänzte als der Küraß, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er

da stand -- unterm Weihnachtsbaum -- so froh, so glücklich, ohne eine

Ahnung, daß Jemand es ihm mißgönnen könnte, weil er selbst von Neid

nichts wußte, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach

sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brüderchen, dem er seine Freude

nicht gönnte, -- seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein

sollte -- in seinem armen, kleinen unschuldigen Leben -- der Andere --

die Canaille, der Satan, der Hund!

Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfüllt gewesen,

daß er noch an gar nichts Anderes hatte denken können. Erst nachdem er

sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er

ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schönes bekommen hatte. Und

als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er

ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und über den Tisch hin

blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah.

Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen.

Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war,

daß sie mit den Schulkameraden »Pascher und Grenzer« spielen wollten,

und daß der Andere der General hatte sein sollen -- und nun war es so

gekommen, und das Alles war doch nicht mehr möglich.

Was sollte denn nun werden? Er wußte sich keinen Rath. Er grämte sich

für den Bruder -- das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die

Freude nicht unterdrücken, daß er die Uniform bekommen hatte -- das sah

man ihm auch an. Und plötzlich, weil er den Drang fühlte, irgend etwas

zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu

sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Händen trug. Die wollte er

ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem

Kleinen so gut gemeint, wie nur möglich, aber es kam zur unrechten

Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als

General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der

schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als

Kürassiergeneral erscheinen würde, kam es vor wie eine furchtbare

Beschimpfung, daß er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da,

der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der

Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der

kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, riß er sie ihm aus der Hand,

-- wie ein böser Affe riß er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war

eine Wuth, ein Haß und ein Neid -- mit beiden Händen packte er die

Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen

konnte, verbog er sie, so daß sie einen Knick bekam und nicht mehr zu

gebrauchen war. Das Alles geschah ganz lautlos, so daß die Eltern

nichts davon hörten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der

wurde leichenblaß, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem

Augenblick aber kam dem Anderen das Bewußtsein, was er gethan hatte,

und die erbärmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und

unwillkürlich sah er hinüber, wo der saß, ob der auch nichts gesehen

hätte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den

Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. -- Solch ein Kind war das!

Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei

hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb

ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder

an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, daß Niemand sie

finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den

Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem

Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und

überhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht

mehr und freute sich nicht mehr, und so blaß, wie er in dem Augenblick

geworden war, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den

ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der

Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen,

eine Angst --

Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich

immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel über

seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach

ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so daß er am ganzen Leibe

zitterte, als die Mutter ihm sagte: »Jetzt, Hänschen, denk' ich, gehen

wir zu Bett!« Und als sie ihm den Helm abnahm und den Küraß und den

Säbel, fing er plötzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche

kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drückte und

fragte: »Warum weinst Du denn, Hänschen?« sagte er: »Aber morgen gehört

sie mir doch wieder?« Darauf lächelte die Mutter, und als sie fühlte,

wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Schoß: »Wem soll

sie denn sonst gehören? Freilich doch gehört sie Dir. Meinst Du denn,

es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen?« Und so etwas Aehnliches war

es gewiß, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drückte seinen

kleinen Kopf an die Mutter, und allmählich hörte er auf, zu weinen.

In der Nacht aber -- die Brüder schliefen nämlich in einem und

demselben Zimmer, und für gewöhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich

hingelegt hatten -- in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht

einschlafen, weil ihn die bösen Gedanken wach hielten. Und wie er so

wach dalag, merkte er, daß auch der Kleine nicht schlief, sondern es

war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort

in Angst gewesen wäre, daß plötzlich etwas Schreckliches geschehen

würde, daß Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen würde, so war

es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still

war, da muß in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thür aufgestanden und

zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, -- es kam von dem

Weihnachtszimmer ein Geräusch.

Im Augenblick also, wie das Geräusch kam, war der Kleine in seinem

Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und

ohne Schuh und Strümpfe, lief er aus dem Schlafzimmer hinaus, auf den

dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinüber. Gleich

darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte

etwas, und da war es der Helm, der Küraß, der Säbel, die ganze

Kürassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett

legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint hätte, daß

er anders nicht sicher gewesen wäre und doch Jemand kommen und sie ihm

fortnehmen würde.

Neid · 第 6 / 8 段