Keiner Bewegung fähig, wortlos stand ich da. Diese armen, kleinen

Ueberbleibsel lang vergangener Zeit, diese Erinnerungszeichen an Dinge

und Menschen, von denen auf Gottes weiter Welt nur ein Mensch noch, ein

einziger, etwas wußte, -- so hatte dieser Mensch sie festgehalten und

bewahrt in seinem liebeverlangenden, liebeberaubten, tiefen,

unglücklichen Herzen!

Zwischen der Lampe und dem Vorhang, mitten im Zimmer, stand ein Stuhl;

auf diesen Stuhl hatte er sich gesetzt, beide Arme auf der Lehne, das

Gesicht in die Arme gedrückt, so daß das graue Haupt gerade vor mir

war. Eine unwillkürliche Regung erfaßte mich, ich beugte mich nieder

und drückte die Lippen auf sein graues Haar. Er blickte nicht auf, er

nickte nur, und es sah aus, als hätte er gesagt: »Ja, nicht wahr? Ja,

nicht wahr?«

Als ich sah, daß er keine Bewegung machte, aufzustehen, und weil ich

fühlte, daß er für heute nichts mehr zu sagen hatte, beugte ich mich zu

seinem Ohr. »Lassen Sie mich jetzt gehen,« sagte ich, »aber wenn Sie

erlauben, komme ich wieder!« Statt aller Antwort griff er nach meiner

Hand, und seine Hand sagte, was sein Mund nicht aussprach: »Komm

wieder! Laß mich nicht allein! Komm wieder!«

Geräuschlos verließ ich ihn. Ueber die dunkle Treppe tappte ich mich

hinunter. Die Hausthür war geschlossen; ich mußte den Vater der Kinder,

durch die ich heute die Bekanntschaft des alten Mannes gemacht hatte,

herausklopfen, damit er mir aufschloß. Am Nachmittag war ich gekommen

-- als ich über die Brücke zur Stadt zurück ging, schlug es von den

Thürmen Mitternacht. Tief, dumpf und schwer kam der Klang über das

Wasser. Ich blieb stehen. An die Uhr mußte ich denken, von der er mir

gesagt hatte, die unsichtbare, die in seiner Seele Schicksal,

Schicksal, Schicksalsstunde geschlagen hatte. Ueber das Brückengeländer

sah ich hinunter in den winterlichen Strom, auf dessen grauem Rücken

die Eisschollen dahin rauschten. Von der Strömung getrieben, stürmten

sie, wie ein angreifender Haufen, gegen das Ufer, auf dem die Häuser

der Stadt lagen. Aber das Bollwerk stand fest; machtlos prallten sie

dagegen, und zerschellend setzten sie ihren Lauf fort. Gegen die

Elemente hat der Mensch Schutzwehr und Dämme gefunden -- wer schützt

den Menschen wider den Menschen? Wer schützt ihn gegen sich selbst? Der

Stern, der in Jahrtausenden immer einmal aufgeht aus einem göttlichen

Herzen, der heilige Stern, den wir Liebe und Vergebung nennen, wann

endlich bleibt er am Himmel, um nicht wieder unterzugehen? Das Wort,

das ich heute vernommen hatte, als letzten aus sechzig Jahren

qualvoller Erfahrung gekelterten Lebensspruch, wann endlich wird es

Gebot für jeden Einzelnen -- »Fülle das Herz Deines Nebenmenschen mit

Glück?«

[Illustration]

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Dichtungen von

Ernst von Wildenbruch.

geh. geb.

M. Pf. M. Pf.

#Der Astronom.# Erzählung. 7. Aufl. 2,-- 3,--

#Das edle Blut.# Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit

Zeichnungen von _Carl Röhling_. 59. Tausend.

Kart. M. 1,50 2,20

#Claudia's Garten.# Eine Legende. Neue Ausgabe mit

Zeichnungen von _Carl Röhling_. 13. Aufl.

Kart. M. 1,50 2,20

#Die Danaide.# Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit

Zeichnungen von _Herm. Vogel_. Kart. M. 1,50 2,20

#Francesca von Rimini.# Erzählung. 2. Aufl. 2,-- 3,--

#Unter der Geißel.# Erzählung. 6. Tausend.

Kart. M. 2,20 3,--

#Kinderthränen.# Zwei Erzählungen. (Der Letzte.

-- Die Landpartie.) 18. Aufl. 2,-- 3,--

#Lachendes Land.# Humoresken und Anderes.

13. vermehrte Auflage der »Humoresken« 4,-- 5,--

#Eifernde Liebe.# Roman. 13. Tausend 4,-- 5,--

#Lieder und Balladen.# 7. Aufl. 4,-- 5,--

#Der Meister von Tanagra.# Eine Künstlergeschichte

aus Alt-Hellas. 9. Aufl. 2,-- 3,--

#Novellen.# (Francesca von Rimini. -- Vor den

Schranken. -- Brunhild.) 7. Aufl. 4,-- 5,--

#Neue Novellen.# (Das Riechbüchschen. -- Die

Danaide. -- Die heilige Frau. -- Das Wunder.)

9. vermehrte Aufl. 4,-- 5,--

#Sedan.# Ein Heldenlied in drei Gesängen. 3. Aufl. 1,-- 2,--

#Vice-Mama.# Eine Erzählung. 9. Tausend. Kart. 3 M. 3,60

#Vionville.# Ein Heldenlied in drei Gesängen. 4. Aufl. 1,-- 2,--

#Tiefe Wasser.# Fünf Erzählungen. 6. Aufl. 4,-- 5,--

#Der Zauberer Cyprianus.# Eine Legende. 4. Aufl. 3,-- 4,--

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Dramen von

Ernst von Wildenbruch.

geh. geb.

M. Pf. M. Pf.

#Der Fürst von Verona.# Trauerspiel 2,-- 3,--

#Das neue Gebot.# Schauspiel. 6. Aufl. 2,-- 3,--

#Der Generalfeldoberst.# Trauerspiel. Neue Ausgabe 2,-- 3,--

#Gewitternacht.# Tragödie 2,-- 3,--

#Harold.# Trauerspiel. 7. Aufl. 2,-- 3,--

#Die Haubenlerche.# Schauspiel. 3. Aufl. 2,-- 3,--

#Heinrich und Heinrichs Geschlecht.# Tragödie.

12. Aufl. 3,-- 4,--

#Der neue Herr.# Schauspiel. 4. Aufl. 2,-- 3,--

#Die Herrin ihrer Hand.# Schauspiel 2,-- 3,--

#Der Junge von Hennersdorf.# Volksstück 2,-- 3,--

#Jungfer Immergrün.# Volksstück 1,-- --

#Die Karolinger.# Trauerspiel. 18. Aufl. 2,-- 3,--

#König Laurin.# Tragödie 2,-- 3,--

#Das heilige Lachen.# Märchenschwank. 2. Aufl. 2,-- 3,--

#Christoph Marlow.# Trauerspiel. 2. Aufl. 2,-- 3,--

#Meister Balzer.# Schauspiel 2,-- 3,--

#Der Menonit.# Trauerspiel. 5. Aufl. 3,-- 4,--

#Die Quitzows.# Schauspiel. Neue Ausgabe mit

Zeichnungen von _Hugo L. Braune_. 18. Aufl. 2,-- 3,--

#Die Tochter des Erasmus.# Schauspiel. 5. Aufl. 2,-- 3,--

#Väter und Söhne.# Schauspiel. 4. Aufl. 2,-- 3,--

#Willehalm.# Dramatische Legende 2,-- 3,--

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[Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit

folgenden Ausnahmen:

Seite 14:

"Ä" zu "Ae" vereinheitlicht

(so eine Art von Aehnlichkeit mit dem älteren)

Seite 18:

"Ä" zu "Ae" vereinheitlicht

(Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches)

Seite 29:

"«" angefügt

(»Gut nennen Sie das?«)

Seite 39:

"sie" geändert in "Sie"

(Da werden Sie gesehen haben)

Seite 41:

"eineinander" geändert in "einander"

(>Kinder, liebet einander<)

Seite 42:

"überfluthtete" geändert in "überfluthete"

(Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände)

Seite 44:

"iu" geändert in "in"

(die beiden Anführer griffen in den Schnee)

Seite 45:

"nnd" geändert in "und"

(ein Schneeballkampf entstand, und es dauerte nicht lange)

Seite 69:

"«" verschoben

(»Schmeckt es Kinder?« fragte er.)

Seite 99:

"sonstgar" geändert in "sonst gar"

(ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt)

Seite 102:

"«" angefügt

(ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«)

Seite 118:

"uud" geändert in "und"

(daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen)

Seite 123:

"«" verschoben

(»Post und Reise will ich nicht wieder spielen.«)

Seite 124:

"dreie" geändert in "Dreie"

(so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort)

Seite 144:

"," eingefügt

(eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen)]

Neid · 第 8 / 8 段