Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nähe wir aufblühen; und was man die

großen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende

aufblühen, während an dem gewöhnlichen Menschen nur eine oder ein paar.

Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns

herüberweht, so daß wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es

damals gewesen, daß der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines

Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er

sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschloß wie ein hartherziger

Schuft!

Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt,

die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und

tausendmal, daß er krank war, der Kleine, und gestorben sein würde so

wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich

geheimnißvollen Stunde, wo uns die Dinge gegenüber treten, so, wie sie

sind, wo kein Tageslärm die Stimme des Gewissens übertönt, und kein

Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewußtsein

über mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: »Es ist nicht wahr,

was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bösen,

finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher,

kleiner Bruder!« Und daß er mir das später ins Gesicht gesagt hat, der

Mann -- er -- der Eishacker -- so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht

hinein, ohne alle Rücksicht, das hat einen Riß zwischen uns gemacht,

über den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben

vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in

Feindschaft seines Vaters gedenkt.

Als nun die Eltern merkten, daß der Kleine immer blässer wurde und

immer elender, da natürlich schlossen sie ihn immer zärtlicher in ihr

Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie

nach, woher es kommen möchte, daß es so bergab mit ihm ging. Aber

zunächst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte

nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschloß er in

seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz

natürlich noch kränker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer,

wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der

Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann

zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Körper, und sein Gesicht wurde

ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie

das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jämmerlicher

Anblick, daß die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte; und darum

kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wüthend gegen den Anderen

losfuhr, daß sie aufstand und sagte: »Aber Graumann« -- denn das war

merkwürdig, daß sie ihn nie beim Vornamen nannte --, »aber Graumann,

denk doch an Hänschen! Sieh doch Hänschen an!« Und dann brach der Vater

in seinem Strafgericht ab und nahm Hänschen unters Kinn und streichelte

ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gönnte er darum doch kein gutes

Wort, so daß alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in

ihre Arme nahm und ihn küßte. Und dabei weinte sie -- weinte, -- denn

sie fühlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; daß das etwas

Böses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter

immer stiller und immer trauriger.

Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, muß ihm

doch das Herz übergegangen sein, und er muß der Mutter erzählt haben,

wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu

gekommen ist -- ich weiß es nicht -- aber soviel ist sicher, er hatte

es auch erfahren. Und sobald er es erfahren hatte, muß ihm gleich die

Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, daß das ganze Haus

erdröhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand

und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den

Kopf zur Erde senkte, da muß er sich jedenfalls gedacht haben, daß es

ein böser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders

sprechen dürfe, als mit äußerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in

dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm

vorgestellt hätte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder

that, vielleicht, daß dann Alles geschmolzen wäre, was sich in der

verrauchten Seele zu verhärten angefangen hatte, daß Alles noch gut

geworden wäre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als

wäre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen

sollte. »Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder!

Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher

nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht

hast, sprechen wir uns anders!«

Und damit wies er uns hinaus. Und ich mußte den Schnudri an der Hand

nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie

zitterte! Die Hand des Brüderchens zitterte in des Bruders Hand! Und

der Bruder fühlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen

darüber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine

Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen,

kleinen Geschöpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern

nur Gefühl für das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die

eigene Kränkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, daß es der kleine

Bruder gewesen war, der ihm das eingerührt hatte. Darum gewann der

Teufel Macht über ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein

scheußlicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie

brauchten, wenn sie »Post und Reise« spielten, und sprach kein Wort,

und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus

gekommen waren, sagte er: »Wir wollen Post und Reise spielen, setz'

Dich ein«. Und obwohl man dem Kleinen ansah, daß er sich fürchtete,

wirklich fürchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere

befohlen hatte, und setzte sich still in das Wägelchen. Nur mit den

Händen hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft.

Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei

sich: »Das soll Dir doch nichts helfen«. Darauf nahm er die Deichsel

des Wagens in die Hände und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich

her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das

so über Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing

der Kleine an zu merken, daß das gar kein Spiel mehr war wie früher,

sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien,

ganz laut, ganz kläglich. Aber der Andere that, als hörte er es nicht,

und plötzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit

einem Krach warf er den Wagen um, so daß der kleine Kerl hinausflog und

mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an

der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwürdig lange Zeit,

daß es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete,

da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der

Andere ihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er

mit der Stirn aufgeschlagen.

Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niederträchtig

er auch schon geworden war, so that ihm das Brüderchen in dem

Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht

abwischen und ihm gut zureden.

Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die

Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor

sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trösten wollte,

schüttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht

kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wäre und dem Anderen

eine Strafpredigt gehalten hätte wegen seiner Schändlichkeit, so wäre

es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der

immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wären die Gedanken

darin so trostlos gewesen, daß kein Mund sie aussprechen konnte. Darum

blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu

sagen und wartete, bis daß der Kleine von selbst aufstand und anfing,

nach Hause zu gehen. Und auf dem Nachhauseweg gingen sie neben einander

her; der Kleine faßte nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm

auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das

zwischen den Brüdern war, redete eine Sprache -- eine Sprache --

Zu Hause natürlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch

heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange,

so wußte auch der Vater, was geschehen war.

Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft

immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht

mehr halten läßt, sondern herausbricht. Denn für gewöhnlich hatte er so

kalte Augen und Züge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehört

hatte, was geschehen war, wurden die Augen -- ganz gräßlich wurden sie,

-- die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke

die Mutter dazwischen gefahren wäre -- mit einem Schrei kam sie

zwischen beide -- so glaube ich, er hätte den Jungen am Halse genommen

und erwürgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und

wollte etwas sagen. Denn zuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar

war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: »Solch ein

niederträchtiger Lümmel!« Und als der Junge das hörte und den Vater vor

sich stehen sah und fühlte, wie der Vater ihn haßte, da kam etwas über

ihn, -- als wenn er verrückt geworden wäre in dem Augenblick -- als

wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen hätte und plötzlich

heraus kam. Da vergaß er, daß der Mann ihm gegenüber sein Vater war,

daß der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem

Streich in Grund und Boden hätte schmettern können. Er hob beide Fäuste

auf und ballte sie und stieß damit in die Luft nach dem Vater hin und

schrie, -- so laut er konnte, schrie er: »An dem Allen bist Du schuld!

Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele

haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu

nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen

genommen. Und hast gesagt, ich wäre ein großer Bengel. Und hast sie an

den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzählt habe von dem

Einhorn in dem großen Walde, das wäre alles Unsinn, hast Du gesagt. Und

darum kann ich ihm nichts mehr erzählen. Und weiß nicht mehr, was ich

mit ihm spielen soll. Und daß das Alles so gekommen ist --«

In dem Augenblick aber stürzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine

Verzweifelte stürzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hände, beide

weiche Hände, vor den Mund, -- ja -- es sind sechzig Jahre her, -- und

noch jetzt fühle ich, wie weich die Hände waren, die sie dem Jungen vor

den Mund drückte. Und als der Junge die Hände an seinem Gesicht fühlte,

fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fühlte, was er an dem kleinen

Bruder gethan hatte, und fühlte, wie gräßlich das Alles war, daß er so

sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und

als er so zu heulen anfing, drückte die Mutter seinen Kopf an sich,

fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren

Shawl -- denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie

auch in der Stube immer einen Shawl -- ihren Shawl, den wickelte sie

förmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte.

Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleicht auch, weil

sie ihn schützen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das

Keuchen konnte ich hören, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich

drückte, so fest, so fest, so fest. Dann riß sie ihn fort, aus dem

Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, ließ sie ihn

los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losließe, sondern

die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine

Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob

sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr

Kopf fiel hinten über an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr

Gesicht wurde so blaß, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wäre,

und der Mund ging ihr halb auf, so daß sie aussah wie eine Todte. Als

der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah,

wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie

die Augen auf, riß sie auf, und die Augen waren so verstört, so

verstört. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern

winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen

ihren Knieen, und umfaßte ihre Kniee mit seinen beiden Armen. Und sie

beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hände auf seinen Kopf, faltete

die Hände auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hände drückte sie das

Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so

furchtbar, daß ihr ganzer Leib sich schüttelte und zuckte. Und während

sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so daß

der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als

wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in

dem Augenblick gebetet für die Seele ihres Kindes, für die arme,

verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in

die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein würde,

um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat

geahnt, was für eine Zeit das für ihn sein würde, was für ein Leben!

Was für ein Leben!

Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehört hatte, that sie die Hände vom

Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu

sich herauf, so daß sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte

sie: »Weißt Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? Daß Kindern,

die nach ihren Eltern schlagen, die Hände aus dem Grabe wachsen? Wie

konntest Du denn nur die Fäuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du

denn jetzt so? So häßlich und böse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst

Du denn nicht, wie er sich grämt? Weil er Dich doch so lieb hat!

Hänschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm

sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so daß er sich

Beulen an den Kopf schlägt. Weißt Du denn nicht, daß Du Deiner Mutter

das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn

Deine Mutter gar nicht ein bißchen lieb?«

Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche

Brust gedrückt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide,

ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und

doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft

athmete und ihre sanften, traurigen Worte hörte und daran dachte, wie

er sie da eben hatte sitzen sehen, so blaß, beinahe als wenn sie todt

gewesen wäre, und eine Ahnung ihm kam, daß das Alles, was er da umfaßt

hielt, die Güte, die Liebe, die Mutter, daß ihm das Alles einmal

verloren gehen könnte und er dann nichts mehr haben würde, nichts, da

kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein

Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele

verhärtet hatte, all' das Böse, Schlechte, Niederträchtige wurde noch

einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus

war er nicht schlecht, war es nicht, -- nur Fußtritte konnte er nicht

vertragen. Darum, statt daß er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an,

bitterlich zu weinen, und küßte die Mutter ins Gesicht, immer wieder

und noch einmal.

Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich

gesagt habe, daß die Menschen daran aufblühen und warm und lebendig

werden, so mochte sie wohl fühlen, daß es jetzt nicht gut gewesen wäre,

wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern daß es am besten war,

wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und küßte ihn und

sagte nur: »Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie früher mit

Hänschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein

lieber Junge?«

Und darauf nickte der Junge, -- Alles wollte er thun, Alles.

Und alsdann ging sie in die Stube zurück und kam dann wieder heraus und

führte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie

inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine

Gesicht unter dem weißen Verbande beinahe verschwand, sah das so

jämmerlich aus, so jämmerlich, daß der Andere wieder zu weinen anfing.

Aber da sagte die Mutter: »Hör' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist

Hänschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr,

Hänschen?« Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der

Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und

sagte: »Post und Reise will ich nicht wieder spielen.« Und die Mutter

drückte ihn an sich, ganz vorsichtig, daß sie ihm nicht wehe that, und

sagte: »Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja

noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hände, gebt

Euch die Hände.«

Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich fürchtete, und es

zuckte ihm durch den Leib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm

sprach, vor dem er sich auch immer fürchtete. Darum nahm die Mutter

seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte:

»Komm her und gib Hänschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie

wieder weh thun.« Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand

des Brüderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheißen.

Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen

hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Schoß, und den Anderen winkte

sie heran, daß er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit

dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um

den Anderen geschlungen, und so saßen die Dreie, und keines sprach ein

Wort, so daß eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag

gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht

angezündet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so

zwischen den beiden Brüdern, ihren Kindern saß, mit dem Kopfe

zurückgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend -- wer weiß, was

sie da Alles gedacht haben mag --, da schimmerte ihr Gesicht durch das

Dunkel ganz weiß, fast schneeweiß, so daß es dem Jungen, indem er zu

ihr aufblickte so erschien, als säße da ein Engel zwischen ihnen, wie

er sich immer vorgestellt hatte, daß die Engel aussehen müßten,

schneeweiß von Kopf zu Füßen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach

einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort

gewesen wäre, weit fort, und nun zurück käme. Dann richtete sie den

Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen,

die linke auf des Anderen Haupt und drückte sie zueinander, daß ihre

Stirnen sich berührten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh'

that, und auf die beiden Köpfe drückte sie die Lippen, so daß sie beide

zugleich berührte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz

anders klang als gewöhnlich, so wunderbar, so tief: »Meine Kinder,

meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut

war und ohne Neid -- Menschen müssen nicht neidisch sein auf einander,

alle Menschen müssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle

Anderen, die müssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich

nicht lieb haben, kommen sie in die Hölle.«

So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar,

so feierlich, daß mir in dem Augenblick war, als spräche Gott selber

vom Himmel herab, so daß ich das Wort nie wieder vergessen konnte,

sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in

den sechzig Jahren habe ich erfahren, daß es die Wahrheit gewesen ist,

was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!

Von da an gingen die beiden Brüder wieder mit einander spazieren, neben

einander und Hand in Hand, so daß es aussah wie früher. Aber es war

doch nicht mehr, wie es früher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem

Anderen sagte, so war es doch so: sie fürchteten sich vor einander. Der

Kleine -- das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was für

eine feine Seele in dem Kinde war -- der Kleine zwar wollte den Anderen

vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und

bemühte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so

stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine plötzliche

Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er

unwillkürlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es früher nie

gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, daß

der Kleine sich zwang, und daß im Grunde seiner Seele das Mißtrauen

saß. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein böses

Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit

ihm zu spielen, die sie früher gespielt hatten, weil er immer dachte,

daß das Brüderchen sich vor ihm fürchten würde. Und an das Erzählen,

wie früher in der Cajüte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf

seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.

Und trotz alledem -- wenn damals -- denn die Seele eines Menschen, in

der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestürzter Acker, wo es

nur darauf ankommt, was hineingesät wird -- wenn damals ein Säemann

gekommen wäre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat

gestreut hätte, aus der das Heil für die Menschen aufgeht, einzig und

allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten

Zeugs, was so schöne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung,

heilsame Strenge, und wie es heißt -- es hätte damals -- auch damals

noch, Alles -- aber --

Und die Gelegenheit war eigentlich so günstig.

Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter

zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rückte die

Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare

Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die

krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich

gefühlt haben, lernen wieder fühlen, daß sie schließlich doch Alles nur

durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern

heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch

eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.

Und so, als der heilige Abend heranrückte, ging es auch den beiden

Kindern, den verstörten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren

Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller,

zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezündet war,

lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller

Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war,

und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fänden, daß der

Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.

Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straßen der

Stadt spazieren. In den Straßen war es ja jetzt viel schöner, als da

draußen. Da waren die vielen Läden mit den herrlich erleuchteten

Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen.

Namentlich die Spielwaarenläden. Vor denen blieben die Beiden schier

stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen

Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Köpfen machten sie sich

förmlich ein Verzeichniß, so daß sie am nächsten Tage immer genau

wußten, was alles neu hinzu gekommen war.

Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken

und sie dem kleinen Bruder zu erzählen. Wenn sie eine Eisenbahn im

Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste

hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange

Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so daß den Kleinen das

Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drückte. Oder durch alle

Hauptstädte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich

bei einem »ganz berühmten« Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von

mindestens zwanzig Gerichten auftischen ließen. Und wenn sie alsdann

nach Haus gingen, sagte der Schnudri: »Jetzt sieh nur, was ich für

einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem

berühmten Hotel zu Mittag gegessen.« Dabei zeigte er auf seinen Leib,

und der kleine Leib war so mager, so mager -- denn obschon der Kleine

jetzt wieder ganz vergnügt geworden war, wollte es doch körperlich gar

nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.

Neid · 第 5 / 8 段