Aber mit dem Bilde, das hatte sie durchgesetzt. Das war ihr ein

Bedürfniß gewesen. So etwas liebte sie. Wie sie denn überhaupt gar

nicht abstrakt war. Sondern sie hatte etwas, was er nicht hatte, wovon

er keine Ahnung hatte, was er gar nicht verstand, Phantasie! Phantasie!

Phantasie!

Und damals, als das Bild gemalt wurde, war überhaupt Alles noch gut.

Wenigstens so ziemlich. Da saßen die beiden Brüder noch einträchtig

beisammen und hatten einander lieb. Während später -- aber das ist

eigentlich nicht richtig -- denn der Kleine hat den Andern immer lieb

gehabt, auch später. Aber der Andere -- -- An dem Tage aber war auch

der Andere dem Kleinen noch gut und hielt ihn an der Hand und sagte:

»Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen, sonst kann der Maler Dich nicht

malen.« Und da lachte der Kleine. Und wenn er lachte, das war immer so

rührend anzusehen, weil es immer aussah, als thäte ihm das Lachen

eigentlich weh. Und es sah auch gar nicht bloß so aus, sondern

wahrscheinlich war es wirklich so, weil der arme, kleine Junge

innerlich krank war, was der Andere damals freilich noch nicht wußte.

Das hat er später erst erfahren, und als er es später erfuhr, war es zu

spät; da war Alles vorbei -- Alles vorbei.

An dem Tage aber, als er sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen,«

da war der Kleine ganz glücklich. Denn er hörte es so gern, daß der

Bruder ihn Schnudri nannte; denn das war ihm ja ein Zeichen, daß ihm

der Bruder gut war. Und mehr wollte er ja gar nicht. Nur gut sollte er

ihm sein; denn es war eine so zärtliche Seele in dem kleinen Jungen,

eine so feine!

Und daß er an dem älteren Bruder hing, das kam vielleicht auch daher,

daß er ihn bewunderte. Denn der konnte alles Mögliche, was er nicht

konnte. Der war größer und stärker als er und hatte runde, rothe Backen

und eine breite Brust, und er hatte schmale Backen und eine

eingesunkene, kleine Brust. Wenn sie neben einander her gingen, konnte

der Schnudri kaum Schritt halten mit dem Anderen und fing an zu

keuchen. Und dann nahm ihn der Andere an der Hand und ging langsamer.

Das heißt, das that er früher; später nicht mehr. Später, wenn er

hörte, daß der Kleine neben ihm einher keuchte, that er, als hörte er

es nicht, gab ihm auch nicht die Hand und ging nicht langsamer. Weil er

ein Hund geworden war und schlecht, eine Canaille!

Aber das allein, daß der Bruder größer und stärker war als er, das war

es nicht, was das Brüderchen an ihm bewunderte. Sondern es war noch

etwas Anderes. Nämlich der Andere wußte immer sehr schöne Spiele

anzugeben, die sie zusammen spielten. Immer fiel ihm was Neues ein, und

das dachte er sich dann im Stillen so aus, und dem Kleinen -- das war

merkwürdig -- fiel nie etwas ein. Sondern wenn sie zusammen hinaus

gingen in Wald und Feld, oder auch wenn sie bei schlechtem Wetter zu

Hause spielten, wartete er immer ganz still und geduldig, was der

Andere heute Neues angeben würde. Und wenn der es ihm dann gesagt

hatte, leuchteten ihm die Augen, und dann mit dem allergrößesten Eifer

machte er sich daran, daß er das neue Spiel nur ja recht genau

ausführte und so, daß der Bruder zufrieden war.

Da wurde alles Mögliche gespielt. Zum Beispiel »Kaufmann«. Dazu gingen

wir am See entlang, an dem unsere Stadt lag. Und an einer Stelle des

Ufers lagen eine Masse Kieselsteine. Unter denen suchten wir uns welche

aus, und jeder Kieselstein bedeutete ein Geldstück: einen

Silbergroschen, ein Fünfgroschen-, ein Zehngroschenstück -- damals

gab's noch keine Markrechnung -- und die schönsten waren Thaler. Dann

wurde gezählt bis Hundert, und wer bis dahin die schönsten Kiesel

zusammen gesucht hatte, der war der reichste Kaufmann und hatte

gewonnen. Und zu Hause hatten wir einen kleinen Verkaufsladen; den

hielt die Mutter unter Verschluß. Da war alles Mögliche drin: Mandeln

und Rosinen, Pfeffermünzkügelchen und Lakritzenstangen und

Mehlweißchen, was so eine Art Pfefferkuchen war; und mit unseren

Kieselsteinen kauften wir uns dann von der Mutter aus dem Laden. Denn

die Mutter, die spielte mit uns, aber der Vater nicht. Sondern wenn der

dazu kam, störte er uns.

Zwar für gewöhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch,

um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen

und erkundigte sich, wie das Spiel wäre, und was es für Regeln hätte.

Und weil nun, wie das gewöhnlich der Fall war, der Aeltere von den

Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der

Kleine, so sagte der Vater: »Das ist ja abgeschmackt; natürlich ist da

der große Bengel dem Kleinen voraus.« Und dabei griff er ohne Weiteres

in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem

Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes

Gesicht und sah sich ganz ängstlich nach dem Bruder um, als ob er es

nicht annehmen wollte, weil er fühlte, daß das doch alles Spiel

zerstörte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn faßte und sagte:

»Na, was besinnst Du Dich denn, Hänschen« -- denn in Wirklichkeit hieß

der Schnudri Hans -- da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an,

davon zu essen. Dabei aber sah er sich immer wieder nach dem Bruder um.

Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu

und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr:

»Das gilt ja nicht; das weiß ich ja; ich habe auch nur ganz wenig

Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun.« Und damit

lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was

ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen,

ganz verschüchtert, als hätte er ein Unrecht begangen, und wie er den

Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, daß der Bruder mit

keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin,

da fragte er ganz kleinlaut: »Wollen wir denn jetzt nicht weiter

spielen?« Darauf aber schüttelte der andere den Kopf und sagte: »Nein!

Und ich will überhaupt gar nicht mehr spielen!«

Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz still, und dann mit einem

Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und

steckte den Kopf in ihren Schoß und sagte: »Ich kann doch nichts dafür!

Ich kann doch nichts dafür!«

Und der Andere -- der Andere -- wenn er damals gewußt hätte, der

Andere, was er jetzt weiß -- daß er den Ton, mit dem es heraus kam,

das: »Ich kann doch nichts dafür!« hören und wieder hören würde, ein

Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in

so mancher, mancher schlaflosen Nacht -- dann würde er gekommen sein

und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: »Nein, nein, Du

kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will

Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu

tragen gegeben ist.« Aber weil er das Alles damals nicht wußte, kam er

nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn

rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: »Sei doch nicht so

häßlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grämt« --

auch da kam er nicht, sondern schüttelte den Kopf und lief zur Stube

hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein böser, verstockter. Denn

es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Fußtritt bekommen

hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehört hatte: »Natürlich ist

da der große Bengel dem Kleinen voraus!« und der Ton, mit dem das Wort

heraus gekommen war, der kalte, scheußliche Ton, der ihm jetzt auch

noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein

Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem »Kaufmannsspiel«, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch

andere: »Pascher und Grenzsoldat«, »Jagd« und »Post und Reise«, was der

Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen

gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die »Post« an Hindernisse

kam, schmiß der Wagen um; und weil das immer die nämlichen Stellen

waren, wußte der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden würde,

und fürchtete sich immer ein bißchen, aber er freute sich doch noch

mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche

vor lauter Vergnügen.

Das schönste von allen Spielen aber war das »Matrosenspiel«, das

konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der

Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald

hinaus. In dem Walde stand eine alte, große Linde; und auf die

kletterten wir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir

in die Nähe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: »Alle Mann an

Bord!« und dann krähte der Kleine hinter drein: »Alle Mann an Bord!«

und lief, so schnell er laufen konnte, daß er an den Baum und hinauf

kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige

der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch für den kleinen Jungen

zu hoch; darum mußte ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war

und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und

an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hieß es: »Matrosen

in die Toppen!« und der Schnudri krähte wieder nach. Dann wurde weiter

hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind

den Mastbaum packte und herüber beugte und hinüber, dann war das ein

herrliches Vergnügen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und

aneinander schlugen, dann hieß es: »Die Taue knarren!« und: »Die Taue

knarren!« wiederholte der Kleine. »Es ist ein mächtiger Sturm« -- »es

ist ein mächtiger Sturm.« Dann holten wir unsere Taschentücher hervor

und faßten die Zipfel zusammen und hielten sie so, daß sich der Wind

hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. »Jetzt segeln wir!«

sagte der Aeltere; »jetzt segeln wir!« sagte der Kleine. »Hü -- wie das

geht!« »Hü -- wie das geht!«

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal

den Baum hinauf, immer höher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am

schönsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so daß

eine ziemlich große Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander

drängten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajüte.

Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer

ein bißchen fürchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten,

mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und

wenn er sich so an mich drückte, dann konnte ich sein Herz an meinem

Leibe schlagen fühlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck;

beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es

das Pendel einer Uhr gewesen wäre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber

das Alles habe ich mir erst später gesagt, als die Uhr abgelaufen war

und das Pendel stand. Damals gab ich nicht Acht darauf. Damals war ich

ja selbst noch ein Kind, und daran, daß ein Kind sterben könnte, daran

denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajüte

saßen und der Wind sie wiegte herüber -- hinüber, herüber -- hinüber,

dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: »Wo fahren

wir denn jetzt?« Denn er wußte, daß er so fragen mußte, weil das zum

Spiel gehörte. Und dann sagte der Andere: »Jetzt fahren wir an

Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol« oder: »Jetzt fahren wir nach

Ostindien.« Und jedesmal wußte der Schnudri, was er darauf zu sagen und

zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnürchen. Wenn es

hieß: »Nach Spitzbergen!« dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn

fröre, und rief: »Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da

kommt ja schon ein Eisbär gelaufen! Den müssen wir schießen. Puff -- da

liegt er.« Dagegen, wenn es hieß, daß wir nach Indien führen, dann fing

er an zu schnaufen wie vor Hitze: »Na ja,« sagte er dann, »da sehe ich

ja schon die große Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der

Großmogul. Guten Morgen, Herr Großmogul, wie haben Sie geschlafen?« Und

jedesmal, wenn er den Großmogul begrüßte, war ihm das so komisch, daß

er lachte, lachte, daß sein magerer, kleiner Körper an meinem Leibe

schütterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr

er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzählte er

ihm, und Alles, was er erzählte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor

Augen. »Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean,« hieß es; »der ist

so blau, daß, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus,

als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt hätte. Der ist so tief -- wohl

zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschön. Da

sind große Wiesen, aber die sind nicht grün wie die hier oben, sondern

ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermänner spazieren und auf

die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen

sie da unten nach Fischen. Aber natürlich nicht mit Flinten; die würden

ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spießen. Und die Spieße sind

ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen

wir aus,« hieß es weiter, »und jetzt sind wir in China. Da laufen die

Chinesen herum, und die sind so gelb, daß ihre Köpfe aussehen wie

Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze

Rosinen. Jetzt kommen wir an die große Mauer. Und auf der großen Mauer

da laufen immerfort die Wächter auf und ab und lassen Niemanden heraus

und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole weiß. Und die Parole,

die heißt: >Plumpudding<.«

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hörte, wurde er ganz schwach vor

Lachen und drückte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und

stöhnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: »Oh -- oh -- oh!«

»Und weil wir die Parole gewußt haben,« erzählte der Andere weiter,

»sind wir durch die große Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in

einem Wald, der ist so groß, daß er gar kein Ende hat; so groß wie ganz

Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann:

Löwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann

noch eines, das ist das merkwürdigste von allen, ein Thier, das es

sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn.« Und jedesmal, wenn der

Kleine von dem Einhorn hörte, machte er ganz große Augen und hörte ganz

lautlos zu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als hätte er

es eben erst gesehen: »Das ist ein Thier ungefähr wie ein Pferd und

ganz weiß. Aber nicht wie ein Schimmel so weiß, sondern viel weißer

noch, wie es sich gar nicht beschreiben läßt. Auf der Stirn hat es ein

Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz

grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist

der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie

eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie

Mama welche um den Hals trägt.« Unsere Mutter trug nämlich einen

Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzählen, machte dem Anderen

solches Vergnügen, daß er oft gar nicht aufhören konnte und es manchmal

beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten

und alsdann -- was hast Du, was kannst Du -- machten, daß sie nach

Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehört hatte, war der Kleine

dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, daß er es gar nicht

aushielt, sondern losschießen mußte gegen irgend Jemanden. Das war dann

gewöhnlich die Mutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und

prustete vor Lachen: »Mama, Mama, weißt Du, wie die Parole heißt, damit

sie Einen durchlassen durch die große Mauer? >Plumpudding!

Plumpudding!<«

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergnügt war,

nahm sie ihn dann manchmal auf den Schoß und ließ sich noch mehr von

ihm erzählen, und wenn sie dann hörte, was sich ihr Aeltester Alles

ausgedacht hatte, schüttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich

nach ihm um und lächelte. Das war dann jedesmal so merkwürdig

anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so

schön, so -- so -- Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem

Schoße saß und ihr gerade erzählte, was er von dem Einhorn gehört

hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer.

Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er plötzlich sagte:

»Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug?« da merkten wir, daß er da

war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der

Vater zu ihm sprach, faßte er ihn wieder unters Kinn und sagte: »Wer

hat Dir denn das Alles erzählt, Hänschen?« Darauf drehte der Schnudri

ganz ängstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte

die Achseln, wie wenn er sagen wollte: »Na ja! -- Das ist doch die

Abgeschmacktheit in der Potenz,« sagte er darauf zu dem Anderen, »daß

Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzählst! Besser, als daß Du

Dich mit Einhörnern und solchem Zeug abgiebst, wäre es, wenn Du Dich

mit Deinen Rechnenaufgaben beschäftigtest. Deine Censur im Rechnen und

Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing,

wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die

Thür wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf

geschlagen da. Er schämte sich. Aber nicht darüber, daß er im Rechnen

und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in

ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heißes Feuer stieg sie in

seinem Innern auf und ging ihm über den ganzen Leib, daß er feuerroth

wurde von Kopf zu Füßen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet,

sondern im Gegentheil ein rauchiges, das Alles dunkel machte da

drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen

entwickelte -- wenn ich überlege -- ganz hat er sich eigentlich nie

wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.

Denn das Schlimmste war, daß er eigentlich nicht sagen konnte, warum er

sich schämte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenüber

hieß er ja immer »der Große«. Aber er war noch nicht groß, war auch

noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzählte von dem indischen Ocean, von

dem großen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwärtig

gewesen, daß er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder

nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in

der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine

geheimnißvolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem

kleinen Bruder erzählte er es, und dem band er es auf die Seele: »Du

darfst Niemandem davon sagen, höchstens der Mama.«

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es

heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alles war dummer

Unsinn! Darum schämte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um

sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenüber stand;

er wußte damals noch nicht, daß gar nicht Alles Unsinn ist, was solch

einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzählungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt,

in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem

Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein

Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich

gesagt habe; und er grämte sich, grämte sich.

Zwar am nächsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den

Baum, und als sie in der Cajüte saßen, wollte er wieder anfangen, zu

erzählen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als

hörte er das von gestern: »Das ist ja die Abgeschmacktheit in der

Potenz« -- ganz deutlich, mit dem kalten, verächtlichen, gräßlichen Ton

-- und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom

indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die

graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte. Und

als der kleine Bruder ganz schüchtern fragte: »Fahren wir denn heute

nicht?« sagte er kurz und wild: »Nein -- kann nicht mehr,« und stieg

vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm

nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem

Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen -- daß das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch

eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen

wäre, hätte er sich ja sagen müssen, daß der Kleine gar nicht schuld

daran war. Der Mama hatte er es erzählt, und das hatte er ihm ja selbst

erlaubt, und hatte nicht gemerkt, daß der Vater hinzugekommen war. Weil

er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles

ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles hätte er sich sagen

müssen, wenn er gerecht gewesen wäre. Aber er war nicht gerecht. Er

hatte vom Vater das Temperament geerbt, das böse, heftige, während der

Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was

da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der

finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld. Und

von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas

Schreckliches, so eine Art von Haß gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Haß, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel

gefühlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: daß der Kleine dem

Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das

nämliche Temperament spürte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich

böse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; während der

Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament

von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als

der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere

Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch

immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel

ordentlicher, überhaupt in Allem viel gründlicher, so daß es eigentlich

gar nicht zu verwundern war, daß der Vater ihn lieber mochte als den

Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, daß sie keine

Vernunftgründe haben, um ihrem Gefühle aufzuhelfen, wenn es verwundet

wird. Und darum -- wer ein Kind in seinem Gefühle verwundet, der begeht

ein Verbrechen -- ein -- ein --

Und darum, weil der Junge fühlte, daß sein Vater häßlich gegen ihn war

und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch

den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der

Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei

sich: »So -- also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe,

und nun bin ich Dir gut dazu, daß ich Dir auch noch zu Gefallen sein

soll?« Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich

daran hängen wollte, zog er die Hand zurück und gab sie ihm nicht. Wenn

der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder

einmal »Schnudri« nennen würde, nannte er ihn »Hans«, und wenn er

wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in

die Cajüte steigen und durch die Welt reisen würden, biß er die Zähne

auf einander und spielte nicht und erzählte ihm nichts.

Und nun weiß ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewußt

war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine weiß ich, daß

er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja

krank, und solche kranken Kinder -- das ist ja, als wenn sie schon vom

jenseitigen Licht etwas in den Augen hätten, daß sie wie kleine

Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl möglich darum,

daß er wohl geahnt hat, was für ein Wurm an dem Herzen des Bruders

fraß. Und wenn er es gefühlt hat, was muß sie dann gelitten haben, die

arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fühlte, daß er nicht schuld

war und nicht ändern konnte, nicht helfen!

Damals habe ich erfahren, daß die Seelen der Menschen einander ansehen

können, ohne daß sie die Augen, mit einander sprechen können, ohne daß

sie den Mund brauchen; habe erfahren, daß der Mensch für den

Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann --

oder den Tod.

Neid · 第 4 / 8 段