Ich hatte selten eine so zum Verweilen einladende Ausstattung gesehen,
und das kam daher, daß die Wände von oben bis unten mit Bildern bedeckt
waren. »Kupferstiche« hatte die Wirthschafterin in der Stadt
verbreitet, aber ich erkannte, daß es keine Kupferstiche, sondern
Radirungen waren, und auf Tischen und Stühlen lagen große Mappen,
anscheinend mit ähnlichen, noch nicht eingerahmten Blättern gefüllt.
Der Dämmer, der im Zimmer herrschte, ließ mich zunächst nur einen
allgemeinen Ueberblick gewinnen. Erst nachdem die Wirthschafterin die
große Hängelampe angezündet und noch mehr Licht gebracht hatte, wurde
es mir möglich, das Einzelne genauer zu erkennen. Es waren Alles Stücke
von künstlerischem Werth, einige von älteren, die Mehrzahl von neueren
Meistern, vorwiegend Landschaften, dann auch ganz phantastische Sachen,
mit der zartesten Empfindung, mit dem feinsten Verständniß ausgewählt
und zusammengestellt.
So etwas hier in der Stadt, an welcher der große, warme Strom der Kunst
vorüberging in weiter, weiter Ferne, kaum vernommen und kaum gesehen!
Ich war völlig verblüfft. Als ich mich umsah, stand der alte Graumann
hinter mir. Er war unhörbar herangetreten; seine Augen ruhten auf mir.
»Gefallen sie Ihnen?«
»Ja,« versetzte ich; »ich hätte nie geglaubt, daß ich hier am Orte so
etwas finden könnte.«
Ein grimmiges Lächeln huschte um seine Mundwinkel, als hätte er sagen
wollen: »Das glaube ich«, aber er sagte nichts, sondern ließ den Blick
schweigend neben dem meinigen über die Bilder wandern.
»Eine schöne Kunst,« sagte er nach einiger Zeit; »finden Sie auch?«
»Sie meinen -- das Radiren?« Er nickte.
»Eine tiefe, stille, einsame Kunst,« fuhr er, wie in Gedanken zu sich
selbst sprechend, fort. »Ganz, wie ich mir immer gedacht habe, daß
Kunst eigentlich sein muß. So vor seinem Brett sitzen; erst das Bild
sich herbeiholen aus seiner Phantasie; dann das Bild ausführen, Strich,
Strich nach Strich, so voll Andacht, voll Liebe, voll Liebe. Und
darüber Alles vergessen, was da draußen vor unseren Fenstern
vorbeiläuft, das ganze Menschenvolk, das da draußen umherstrampelt, in
seinen Alltagsgedanken und Eintagsgedanken« -- er brach ab.
Es fiel mir ein, was man mir vom Weinkeller des Herrn Kurzer erzählt
hatte und von der Figur der Löwenreiterin in dem Keller.
»Herr Regierungsrath üben die Kunst vielleicht selbst aus?« fragte ich.
Ein dumpfes Knurren, beinahe ein Fauchen war die Antwort.
»Wissen Sie nicht, daß ich Beamter gewesen bin? Beamter in Preußen und
Kunst machen! Ja! Nicht wahr?« Er schlurfte mit weiten Schritten im
Zimmer umher. Dann blieb er stehen. »Wenn ich nicht Beamter gewesen
wäre -- aber wer's einmal ist, der wird's nicht wieder los. Einmal
vielleicht« -- Abermals verstummte er, und wieder erschien der schwere,
trostlose Blick, den ich schon öfters an ihm bemerkt hatte. Dann schlug
er mit der Hand durch die Luft, als wenn er etwas abthun wollte, irgend
eine Erinnerung.
»Sie sind Referendar?« fragte er nach einiger Zeit.
»Ich bin Referendar.«
»Wollen also auch Beamter werden.« Er zuckte mit den Achseln, er wiegte
das Haupt. »Dann darf Ihnen so etwas« -- er warf die Hand nach den
Bildern hin -- »eigentlich gar nicht gefallen. Liegt seitab vom Weg.
Gibt's nicht, darf's nicht geben! Scheuklappen an den Kopf und vorwärts
und geradeaus! Nicht rechts noch links gesehen! Vorwärts und geradeaus!
Immer die Leiter 'rauf! Immer die Leiter 'rauf! Und das ein Lebenlang«
-- er fing wieder an auf- und abzugehen, und seine Worte verloren sich
in einem unverständlichen Gemurmel, das fast wie Grunzen klang.
Inzwischen war der Kaffee fertig geworden. Die Wirthschafterin räumte
behutsam die Mappen von dem großen Tische, der in der Mitte des Zimmers
stand und setzte die dampfende Kanne, Tassen und Teller auf.
»Jetzt Kaffee, Kinder, Kaffee!« rief der alte Graumann. Er nahm das
kleine Mädchen unter die Arme, setzte es auf einen Stuhl und rückte den
Stuhl an den Tisch. Desgleichen den Jungen. Die Wirthschafterin
schenkte ihnen die Tassen voll.
»Und jetzt einstippen, Kinder!« sagte er. Er schob ihnen den
Kuchenteller zu, und als er sah, daß die Kinder zu schüchtern waren
zuzulangen, steckte er jedem von ihnen ein Stück Kuchen in die Hand.
Nun kam die Sache in Gang. Ich stand in der dunklen Ecke des Zimmers.
Plötzlich faßte mich der alte Mann beim Arm. Mit einem Blick, als
sollte ich leise sein, deutete er mit dem Kopfe nach dem Tische hin, an
dem die Kleinen saßen, ihren Kuchen in den Kaffee tauchten und eifrig
und immer eifriger zu essen begannen. Seine Lippen bewegten sich, so
leise, daß ich ihn kaum verstand: »Wie das aufthaut! Wie das 'rauskommt
aus dem Boden! Wie das Mensch wird!« Als wenn er ein Wunder gewahrte,
so blickte er zu den Kindern hinüber. Das kleine Mädchen hatte
ausgetrunken. Noch bevor die Wirthschafterin ihm zuvorkommen konnte,
war der alte Graumann heran und schenkte ihr die Tasse wieder voll.
Dann setzte er sich selbst an den Tisch, den Kindern gegenüber. Das
Licht der Hängelampe fiel auf sein Gesicht; sein großes, plumpes
Gesicht leuchtete.
»Schmeckt es, Kinder?« fragte er. »Schmeckt es?«
Die beiden kleinen Gesichter erhoben sich zu ihm. Ein glückliches
Lächeln strahlte aus ihren Augen. »Ja -- gut,« sagte der Junge mit
einem Tone des gesättigten Behagens. Der alte Graumann wischte sich mit
der breiten, flachen Hand über den Mund. »Und Dir? schmeckt Dir es
auch?« wandte er sich an das Mädchen. »Ja, Herr Regierungsrath, sehr
gut,« erwiderte die kleine, piepende Stimme.
Der alte Graumann lachte wie ein vergnügter Bär. Er sprang auf, nahm
die kleinen Köpfe, einen nach dem anderen, in seine Hände und drückte
sie. »Ihr Kinder!« sagte er, »Ihr Kinder!« Dann plötzlich stürzte er
ans Fenster, schüttelte die geballte Faust nach der dunklen Straße zu,
als stände da draußen Jemand. »Ihr Menschen,« brüllte er, »o Ihr --
Canaillen!«
Die Kinder fuhren erschrocken auf. Vom Fenster kam er zu ihnen zurück;
er streichelte sie, klopfte sie auf Kopf und Rücken.
»Habt Ihr Taschen an den Röcken? Nein --. Also packen wir den Kuchen
wieder in die Tüte. Gehört Euch; nehmt Ihr mit zu Vater und Mutter.« Er
raffte die Ueberbleibsel des Kuchens in dem Papier zusammen und gab sie
dem kleinen Mädchen in die Hand. Die Kleinen hatten sich erhoben; er
stand vor ihnen.
»Nächstens kommt Ihr wieder zu mir 'rauf. Wollt Ihr wieder zu mir 'rauf
kommen? Trinkt Ihr wieder Kaffee bei mir. Wollt Ihr wieder Kaffee
trinken?«
Die Kinder standen und blickten stumm und rathlos zu ihm auf. Dann mit
unwillkürlicher Bewegung erhob der Knabe den rechten Arm und streckte
dem alten Mann die kleine Hand hin. Der alte Graumann legte die kleine
Hand in die Fläche seiner rechten Hand und deckte die linke darüber,
als wenn er eine Kostbarkeit in seiner Hand verschlösse. »Wir bedanken
uns auch schön,« piepte das kleine Mädchen.
Der alte Graumann ließ die Hand des Knaben fahren, drückte die Köpfe
der beiden Kinder an einander und sein Gesicht darauf, so daß er beide
mit den Lippen berührte. »Ach,« sagte er, »ach, ach, ach.«
Er richtete sich auf und drehte sich nach mir um. »Ich muß mit ihnen
hinuntergehen,« erklärte er. »Sie wissen, wegen der Mütze. Sie schenken
sich eine Tasse Kaffee unterdessen ein. Nicht wahr? Kuchen ist nicht
mehr da. Aber eine Cigarre vielleicht?« Er stellte die Cigarrenkiste
vor mich auf den Tisch.
»Gern,« sagte ich, denn ich fühlte, daß er mich noch haben wollte.
Der Regierungsrath trat zwischen die beiden Kleinen, nahm den Jungen an
der rechten, das Mädchen an der linken Hand, so zu Dreien verließen sie
das Zimmer.
Ich schaute ihnen nach. Wie sie neben ihm einhertrippelten, die kleinen
Geschöpfe, immer noch befangen, kaum im Klaren darüber, was sich
eigentlich mit ihnen begeben hatte, und doch vertrauensvoll, weil er
wie ein Schutzgeist zwischen ihnen ging, der sie vor dem Zorn ihres
Vaters bewahren würde! »Der alte, böse Mann« ihr Schutzgeist! Ich hatte
Zeit, dem Gedanken nachzuhängen, denn ich blieb eine Weile allein. Wie
merkwürdig das Alles! Gestern noch war er mir als eine Spukgestalt
erschienen und heute so nahe und so lebendig. Und indem ich dieses
Mannes gedachte, dieses sonderbaren, scheinbar aus Widersprüchen
zusammengesetzten, erlebte ich, was man erlebt, wenn man zum ersten
Male in die Atmosphäre eines ungewöhnlichen Menschen tritt: man bekommt
ein unbestimmtes, aber starkes Allgemeingefühl von seiner
Persönlichkeit. Ich fühlte, indem ich seiner gedachte, eine Wärme,
beinahe eine Gluth; nicht anders, als wenn ein Ofen vor mir stände, in
dem unausgesetzt ein mächtiges Feuer brannte. Alles, was mir die
stummen, heißen Augen angedeutet hatten, wenn ich auf dem Spaziergang
an ihm vorüber schritt, bestätigte sich: ein Mensch, der über seinem
Innern stand wie über einem brodelnden Kessel; darin herumwühlend in
unablässigem Sinnen; Erinnerungen heraus fischend, Gedanken daraus
schöpfend. Und das alles stumm, in stummer, verschlossener Brust. Bis
daß eine Stunde kam, da ein Mensch ihm erschien, der ihm Vertrauen
einflößte. Und da wuchs der dunkle Strom, der sein Inneres durchwogte,
wuchs und schlug an die Wände der Brust, als wenn er sie sprengen und
durchbrechen wollte. Wie ein dumpfer Ruf erhob es sich aus dem dunklen
Strom, wie ein Hülfeschrei: »Höre mich an!«
Sollte ich ihn nicht anhören? Ja -- ich sollte, ich sollte.
Durch eine andere Thür, als durch die wir eingetreten waren, durch das
Schlafzimmer, das an den Vorderraum anstieß, kam er zurück. Ein
Kopfnicken begrüßte mich, als er mich rauchend am Tische sah. Dann,
seiner Gewohnheit folgend, durchmaß er ein paarmal schweigend das
Zimmer.
»Einmal vor Jahren,« hob er an, »als der Oberpräsident der Provinz
Brandenburg eine Inspectionsreise machte und sich seine Beamten
vorstellen ließ, hat er mir die Hand gegeben. Eine kolossale Ehre,
nicht wahr?« Er war stehen geblieben und sah mit höhnisch zwinkernden
Augen zu mir herüber. »Und vorhin, sehen Sie, als der Junge seine
kleine Pfote aufhob und nach meiner Hand langte, ist mir zu Muthe
gewesen, als wenn mir eine zehnmal größere Ehre angethan würde als
damals, wo der Herr Oberpräsident mir seine kalte, schwammige Hand zu
drücken erlaubte. Mangel an Standes- und Beamtenbewußtsein -- das haben
sie mir in die Conduitenliste geschrieben, ich weiß es. Sehen Sie, die
haben mich erkannt. Es ist wahr; in Preußen, wenn der Mensch Geheimrath
wird, wird er bekanntlich klug. Schade, daß ich's nicht geworden bin;
hätte vielleicht noch was aus mir werden können.« Unter innerlichem
Lachen nahm er seine Wanderung durch die Stube wieder auf.
»Die Menschen,« begann er von Neuem, »da schreiben sie dicke Bücher,
haspeln sich die Seele aus dem Leibe in parlamentarischem Geschwätz,
ganze Zeitungen schreiben sie voll, wie die Noth abgeschafft und der
Menschheit geholfen werden kann. Ihr Dummköpfe und flachen Herzen!
Steht's nicht geschrieben auf dem Gesicht Eures Mitmenschen? Könnt
Ihr's nicht lesen, was da steht, das einzige Mittel, das helfen kann
und helfen würde, das Jeder brauchen könnte, wenn Ihr's nur brauchen
wolltet: Fülle Deines Nebenmenschen Herz mit Glück!«
Er hatte das so laut gesagt -- »gebrüllt« würde der Weinhändler Kurzer
gesagt haben --, daß ich mich unwillkürlich im Stuhle aufreckte. Mitten
im Zimmer stand er, die glühenden Augen ins Leere gerichtet, den
rechten Arm in unbewußter Bewegung emporgestreckt, wie ein Bußprediger
der alten Zeit, mächtig, feierlich, ergreifend.
In schweigendem Staunen blickte ich auf den alten, wundersamen Mann.
Langsam ließ er den Arm sinken, langsam kamen seine Augen aus der Ferne
zurück, zu mir herüber.
»Langweilt Sie das Alles?« fragte er mit schwerem Ton.
»Nein,« erwiderte ich rasch, »durchaus nicht.«
Seine Augen ruhten auf mir wie eine körperliche Last, seine Brust hob
sich, er trat einen Schritt auf mich zu.
»Ich muß Ihnen etwas sagen, -- Sie gefallen mir.« Dreimal, als wenn er
das Wort bestätigen und bekräftigen wollte, nickte er mit dem grauen
Haupte vor sich hin. »Wir sind uns manchmal auf dem Spaziergange
draußen begegnet. Wenn wir uns begegnet sind, sind Sie immer anders
gewesen als die Anderen. Die Anderen gehen ja fast niemals allein,
immer wie die Dohlen, in ganzen Schwärmen, immer schwatzend. Wenn mir
so ein Haufen begegnet, stoßen sie sich unter einander an: >da kommt
der verrückte alte Kerl< und dann grinsen sie, als sollten ihnen die
Gesichter auseinander klappen. Kommt zufällig mal einer allein, dann
grinst er, solange wir noch weit von einander sind, und wenn er nahe
'ran ist, macht er, daß er vorbei kommt, als wenn er sich fürchtete.
Sie sind manchmal an mir vorbei gegangen, nicht wie ein flacher, leerer
Mensch, der auf nichts Acht gibt, denn Sie hatten mich wohl bemerkt,
das habe ich gesehen. Aber Sie haben es gemacht wie ein ernster,
nachdenklicher Mensch. Haben nicht gegrinst und sich auch nicht
gefürchtet. >Wirst ihn nicht stören, den alten Kerl<, so sind Sie an
mir vorüber gegangen, aufmerksam und still und anständig. Ich habe das
wohl bemerkt. Sie haben's vielleicht nicht gedacht, aber ich habe es
bemerkt. Ich weiß, was die Menschen von mir sagen. Aber es ist nur halb
richtig, wie Alles immer nur halb richtig ist, was sie sagen, die
Menschen, die Alles immer nur von außen ansehen. Ich bin ein Grobian,
das ist wahr; aber ich will Ihnen etwas sagen, -- nur von außen, --
innerlich vielleicht nicht.«
Bei den letzten Worten hatte sich seine Stimme beinahe zum Flüstern
gesenkt. Dennoch hatte ich ihn verstanden, und indem ich ihm von der
Seite zusah, wie er wieder auf- und niederzugehen anfing, und indem ich
an Alles dachte, was ich heute mit ihm erlebt hatte, begriff ich, was
er meinte, und gab ihm schweigend Recht.
»Und heute,« fuhr er, hin und her wandelnd fort, »bei dem, was heute
geschehen ist, und wie Sie dabei gewesen sind, das hat mir gefallen.
Ich muß es Ihnen sagen, hat mir gefallen. Sie hatten es mit angesehen,
was sich da anspann mit den beiden Kleinen, die sich ihren Schneemann
gebaut hatten, und den rüden Bengeln, die ihnen das Vergnügen störten.
Hundert Andere wären einfach vorüber gegangen. Natürlich. Sind ja
Kinder. Alles Kinderei. Wie wird sich ein vernünftiger Mensch um so
etwas kümmern. Ihr Flachköpfe! Wer von den Kindern nicht lernt, von den
Erwachsenen lernt so Einer gewiß nichts. Die Erwachsenen sind ja gar
keine Menschen mehr. Jeder hat einen Beruf, und der Beruf, das wird
seine Natur. Eine wirkliche Natur hat so Einer gar nicht mehr. Das
Kind, das ist die Menschenpflanze, wie sie aus der Erde kommt, das hat
noch gar nichts Anderes als seine angeborene Natur, das ist der Mensch.
Wer darin zu lesen versteht, der kann Dinge erfahren -- merkwürdige --,
die er sein ganzes Leben lang nicht wieder vergißt.«
Wieder verloren sich diese letzten Worte in einem murmelnden Geflüster,
und ich fing an zu bemerken, daß dieses Flüstern immer da eintrat, wo
seine Worte und Gedanken sich auf ihn selbst richteten. Durch die
Schlafstubenthür, die bei seinem Wiedereintreten offen geblieben war,
konnte ich in das Schlafzimmer hineinsehen. Auf einem kleinen Tische an
der Hinterwand, mir gerade gegenüber, hatte die Wirthschafterin, indem
sie davonging, eine Lampe aufgestellt, und diese Lampe beleuchtete ein
Bild, das darüber an der Wand hing. Ein Oelbild, zwei Knaben
darstellend, mit runden, rothen Wangen, mit feurigen Augen der eine,
der größere, mit schmalem, blassem Gesicht, mit wehmüthig bittenden
Augen der andere, der kleinere. Das Bild, von dem ich gehört hatte, das
ihn darstellte, den alten Graumann, wie er ausgesehen hatte als Kind.
Und der Andere -- sein Bruder? Meine Augen hingen an dem Bilde. Die
Dinge, »die man ein Leben lang nicht wieder vergißt« -- ob sie im
Zusammenhang stehen mochten mit dem Bilde da drüben?
Ob er es bemerkt hatte, daß das Bild meine Aufmerksamkeit fesselte, --
ich weiß es nicht; jedenfalls sagte er nichts. Er setzte seine
Stubenwanderung und sein Selbstgespräch fort.
»Sie haben es anders gemacht als die Andern, sind nicht vorbeigegangen,
sind stehen geblieben, haben sich die Geschichte angesehen. Von meinem
Fenster habe ich Alles sehen können. Das ist ein Mensch, habe ich mir
gesagt, der nimmt die Kinder ernst; denn daß Sie nicht aus bloßer
Neugier stehen geblieben sind, habe ich an Ihrem Gesichte bemerkt. Das
muß ein Mensch sein, habe ich mir gesagt, der innerlich Zeit hat; denn
wer Kindern zusehen will, muß Zeit haben. Darum kann es kein Streber
sein, denn ein Streber hat nie Zeit. Das muß ein innerlich feiner
Mensch sein, habe ich mir gesagt, denn wer Kinder ernst nehmen will,
muß innerlich fein sein. Und das eben ist das Unglück,« -- er brach
plötzlich wieder in seinen Donnerlaut aus -- »daß es so gräßlich wenig
innerlich feine Menschen giebt! Wenn man so alt geworden ist wie ich,
-- es ist gräßlich, wenn man zurückdenkt und sieht, wie wenig innerlich
feine Menschen Einem begegnet sind auf der Welt! Alles so gar nicht da
für den Nebenmenschen! Alles nur immer vor sich hinstierend auf den
eigenen Weg! So roh, so ordinär, so knotig! Ja, Knoten --, das sind
sie, die Menschen, alle, wie sie gebacken sind, Beamtenknoten,
Geldknoten, Berufsknoten! Und am knotigsten, wenn sie sich Lackstiefel
anziehen, einen Frack darüber hängen und womöglich ein paar Orden dran
stecken und sich einbilden, jetzt wären sie fein. O Du Herrgott im
Himmel, was für eiserne Seelen, was für erbarmungslose Gemüther laufen
unter den schwarzen Fräcken und hinter den weißen Hemdenbrüsten umher!
Weil sie eine Hornhaut über ihrem Inneren haben, die immer dicker wird,
je weiter sie hineinkommen in das Leben! In dieses Leben, das gar kein
eigentliches Leben mehr ist, sondern so eine Art von Wettlauf zwischen
zwei Reihen von Schutzmännern, die Acht geben, daß Keiner dem Andern
das Portemonnaie aus der Tasche holt und den Andern todtschlägt. Und
unterdessen wird das da drinnen, was man die Seele nennt, die
Menschenseele, was etwas so Schönes ist, wenn es aus Gottes Händen zur
Erde herunter kommt, etwas so Zartes, Empfängliches und
Empfindliches --, das wird nun immer härter und holziger, bis daß es
zur Borke wird, zur fühllosen Borke! Da giebt's keine Augen mehr für
das blasse Gesicht, das neben uns hergeht, keine Ohren mehr, wenn etwas
neben uns seufzt; da wird zugegriffen, und wenn man dabei einem Andern
ins Herz greift, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Griff
gekommen. Da wird drauf los gegangen, und wenn man dabei einen Andern
unter die Füße tritt, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Weg
gekommen. Und wenn das zufällig ein Kind war, -- ja, Du mein Gott -- es
ist ja so etwas Kleines; wer hat denn Zeit, auf so ein Pflänzchen zu
achten. Und wenn es wirklich einen Tritt abbekommen hat, -- na, mein
Gott -- wird ja nicht dran sterben, ist ja noch so jung, das wächst
sich ja Alles wieder aus.«
Er war stehen geblieben.
»Und das ist eben der Irrthum! Das ist nicht wahr! Es wächst sich nicht
wieder aus. Es gibt Seelen, die können Fußtritte nicht vertragen. Wenn
die einmal wund geworden sind, bleiben sie wund, ihr Lebenlang; ihr
Lebenlang.«
Er war an den Tisch getreten, an dem ich saß. Er stützte die Hände auf;
das Licht der Lampe spiegelte sich in seinen Augen. Seine Augen gingen
über mich hinweg; seine Brust arbeitete, als wühlte darinnen ein
Entschluß. Wie ein Gefäß sah er aus, wie ein übervolles, aus dem der
Inhalt heraus will, und auf das man den Deckel niederdrückt, weil
nichts heraus soll. Ich gab keinen Laut von mir. Verstohlen, von der
Seite blickte ich ihn an. Mir ahnte, daß, wenn ich ein Wort spräche,
ich die Seele, die da vor mir kämpfte und rang, stören würde,
zurückschrecken und wieder stumm machen würde, diese merkwürdige Seele,
die hinter Borsten und Stacheln der Außenseite versteckt lag wie ein
Geheimniß, weich, beinah hülflos wie ein Kind.
»Sie sind ein Mensch,« fing er wieder an, »der innerlich Zeit hat. Mit
solchen Menschen kann man sprechen. Solche Menschen können zuhören.
Wollen Sie zuhören?«
Er hatte mich nicht angesehen, indem er sprach.
»Wenn Sie sprechen wollen,« erwiderte ich, »gern; wirklich gern.«
Wieder, wie er vorhin gethan hatte, nickte er dreimal mit dem grauen
Haupte vor sich hin. Er sah mich auch jetzt nicht an. Vom Tische trat
er zurück, in die dunkle Ecke des Gemaches, hinter mich. Ob er stand,
ob er sich setzte, ich weiß es nicht. Ich fühlte, daß er nicht
angesehen sein wollte; ich sah mich nicht um. Und aus der dunklen Ecke
hinter mir, so wie ich es hier wiedergebe, mit allen Kreuz- und
Quersprüngen und Sonderbarkeiten, kam nun das, was er mir an dem Abend
erzählte, der alte Graumann.
»Es waren einmal zwei Kinder. Zwei Knaben. Brüder. Geschwister. Die
Kinder hatten Eltern.
Wenn man so von Eltern spricht, dann klingt das immer, als wäre das so
ein Ding, gewissermaßen ein Mensch. In Wahrheit ist das ganz anders.
Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich, und die Menschen sind
verschieden. Sehr. Der Vater also von den Beiden war ein Beamter. Ein
Jurist. Und Juristen sind noch mehr Beamte als Andere. Was ein guter
Jurist sein will, das muß denken können wie ein Mathematiker, ganz
unkörperlich, was man so abstrakt nennt. Und wer ein ganzes Leben lang
so abstrakt denkt, wird es zuletzt selbst; und dann sieht er die Welt
wie ein Schachbrett an und die Menschen darauf wie Schachfiguren, die
jede ihre vorgeschriebene Gangart haben, im Uebrigen aber sich nicht
unterscheiden, weil sie alle von Holz oder von Elfenbein oder von
irgend einer Masse überhaupt sind. Und wenn so eine Schachfigur einen
anderen Gang gehen will, als die Regel befiehlt, dann -- dann geht das
einfach nicht. So eine ist abgeschmackt. Ist abgeschmackt -- es gibt ja
schlimmere Worte -- aber wenn er so vom Gericht kam, die Acten unterm
Arm, in seinem schwarzen Gerichtsfrack -- denn damals trugen sie ja
noch Fräcke -- und unzufrieden war mit irgend etwas, dann kam das: »es
ist abgeschmackt«, und das war dann jedesmal, als wenn Eis zerhackt
würde, und die Eissplitter flogen umher und trafen, wohin es war, in
das Gesicht, in die Augen, aber immer dahin, wo es wehe that.
Er war nämlich ein Rath am Gericht, an einem Oberlandesgericht, und ein
sehr angesehener, ein Senatspräsident.
Vielleicht wäre er gern Gerichtspräsident gewesen, und es wurmte ihn
heimlich, daß er's nicht war. Denn er war ehrgeizig und stolz und
eigentlich furchtbar leidenschaftlich. Aber er zeigte das nicht, hatte
sich immer in der Gewalt, wie wenn er immer am Tische säße als
Senatspräsident, schluckte Alles in sich hinein. Und so etwas ein Leben
lang. Das ist wie eine Feuersbrunst in einem Bergwerk, wo man die
Schächte zubaut, damit sie erstickt. Inwendig frißt das doch weiter,
und einmal, bei Gelegenheit bricht das doch heraus, und dann wird so
etwas fürchterlich.
In seiner Jugend mußte er ein stattlicher Mann gewesen sein, schlank
und groß; daher wird es sich erklärt haben, daß er solch' eine Frau
bekommen hat, wie er sie gehabt hat. Denn die Frau -- das war eine
herrliche Frau.
Ich weiß nicht -- daß heißt, ich habe es immer scheußlich gefunden,
wenn Menschen von ihrer »schönen Mutter« sprechen. Ein Muttergesicht
ist ganz etwas Anderes als schön, das ist heilig. Ich bin jetzt nahe an
die siebzig Jahre und wenn ich denke, wie lange das her ist, daß sie
nicht mehr da ist, dann ist mir, als wäre es eine Ewigkeit. Aber noch
jetzt, wenn ich so einsam für mich hingehe oder des Nachts liege und
nicht schlafen kann, dann sehe ich ihr Gesicht. Dann ist mir wie an dem
Tage, als das Bild da gemalt wurde, von den beiden Brüdern. Das war an
einem Sommertag. Und da setzte sie sich uns gegenüber, damit wir hübsch
still hielten. Ihren Strohhut hatte sie an den Bändern -- denn damals
banden die Frauen die Hüte noch unterm Kinn zusammen -- um den Arm
gehängt und eine Häkelarbeit vorgenommen. Und immer über die Arbeit sah
sie zu uns hinüber und freute sich und sah so glücklich aus wie später
niemals wieder, niemals wieder.
Daß nämlich das Bild gemalt wurde, das war ihr Werk gewesen, das hatte
sie durchgesetzt, während er es eigentlich gar nicht hatte haben
wollen. Wenigstens, daß auch der ältere von den beiden Jungen auf dem
Bilde war, daran lag ihm nun schon gewiß gar nichts, denn --
Aber wie gesagt -- denn ihren Willen hatte sie auch; nur daß es eine
ganz andere Art war als wie der seine. So eine Art warmer Südwind, bei
dem die Geschöpfe aufleben, gegen einen harten, kalten Nordost, der
Alles erfrieren macht.