Der weiße Mann war schon so ziemlich fertig; zwei Kohlenstücke waren

als Augen in seinen Kopf gesteckt; mit schwarzer Kohle war ihm eine

Nase und ein Mund gezeichnet, und aus dem Munde ragte, eine Cigarre

andeutend, ein Stück Holz. Aus dem Hause wurde ein Besen geholt und ihm

in den linken Arm gegeben. Und nun schien das Werk vollendet.

Brüderchen und Schwesterchen standen bewundernd davor. Nur eins noch

fehlte; Meister Schneemann hatte noch keine Kopfbedeckung. Eine

flüsternde Berathung der Geschwister, und dann lief der Junge abermals

ins Haus, um das fehlende Bekleidungsstück zu holen.

Im Augenblick aber, als er den Platz verließ, erschien von der Eisbahn

her eine Schar von Knaben, die Schlittschuhe über den Arm gehängt, in

ihrer Mitte, gewissermaßen den Kern bildend, zwei auffallend hübsche,

aber dreist blickende, dunkeläugige und dunkellockige Burschen von etwa

elf oder zwölf Jahren, die Jedermann in der Stadt kannte, weil es die

Söhne eines der reichsten und angesehensten Kaufleute des Orts und

einer überaus zärtlichen Mutter waren, »die die Rangen«, wie man sich

in der Stadt zuflüsterte, »kolossal verzog«. Immer sah man die Beiden

zusammen und als Dritten im Bunde stets einen großen, gelb-weißen

Bernhardiner, den der Vater ihnen geschenkt hatte, und der sie auf

Schritt und Tritt begleitete. Auch heute war der Hund mit ihnen auf der

Eisbahn gewesen, und mit der dicken Schnauze im Schnee wühlend trabte

er der Schar voraus.

Sobald nun die Jungen den Damm erstiegen hatten und des Schneemanns

drüben ansichtig geworden waren, entstand ein jauchzendes »Halloh«, und

im nächsten Augenblick war der ganze Schwarm vom Damm herab, über die

Straße hin, am Stacketenzaun des Vorgartens, mitten unter ihnen der

Bernhardiner, der sich auf den Hinterbeinen aufgerichtet hatte und die

Vorderpfoten auf den Zaun aufstützte.

Anfänglich begnügte man sich damit, den Schneemann, der einige Schritt

weit vom Stackete entfernt stand, schweigend zu bewundern; bald aber

wurde das langweilig, und die beiden Anführer griffen in den Schnee,

machten sich Schneebälle, die Anderen folgten ihrem Beispiel, und im

nächsten Augenblick eröffnete sich ein Bombardement von Schneebällen

auf den weißen Mann.

»Nicht schmeißen! Nicht kaput machen!« schrie das kleine Mädchen, das

allein auf dem Platze war, aber ein höhnendes Gelächter erstickte ihren

Ruf, denn gerade jetzt hatte ein wohlgezielter Wurf die Cigarre aus dem

Munde des Schneemannes geschleudert, und im nächsten Augenblick hatte

er nur noch ein Auge.

Jetzt kam der kleine Bruder aus dem Hause zurück. Von der Schwester,

die schon nah am Weinen war, auf das Unheil aufmerksam gemacht, das

ihrem Kunstwerk drohte, besann er sich nicht lange, steckte dem

Schneemann wieder die Cigarre in den Mund, das ausgeschossene

Kohlenauge wieder in den Kopf, stülpte ihm die alte, große Mütze, die

er mitgebracht hatte, auf den Kopf; dann griff auch er in den Schnee,

und klatsch -- hatte der eine von den Angreifern einen Schneeball

mitten im Gesicht.

Das gab dem »Ulk« eine neue Wendung; ein Schneeballkampf entstand, und

es dauerte nicht lange, so war der arme kleine Bursche da drinnen im

Vorgarten so mit Würfen und Schüssen zugedeckt, daß er mit dem

Schwesterchen, das er an der Hand nahm, bis an die Hausthür flüchten

mußte; für den Schneemann gab es nun keine Rettung mehr; das

ausdrucksvoll gemalte Gesicht war bald nur noch eine unförmliche Masse,

und alle Anstrengungen der Angreifer richteten sich darauf, ihm die

Mütze, die immer noch nicht herunter wollte, vom Kopfe zu schießen.

Endlich war »der große Wurf gelungen«, ein Schneeball hatte die Mütze

getroffen, ein zweiter, dritter schlug an der gleichen Stelle ein; ein

Triumphgeschrei erhob sich, und in das Geschrei der Knaben mischte sich

das tiefe, vergnügte Gebell des Bernhardiners. Der Hund wollte auch

dabei sein und sollte es auch. Im Augenblick, als die Mütze vom Kopfe

des Schneemanns herabglitt, packte einer von den beiden wilden Burschen

den Bernhardiner am ledernen Halsband, und indem er auf die Mütze

zeigte, die dunkelfarbig vom weißen Schnee abstach, rief er: »Allons,

apporte, Nero! Apporte!« Mit gellendem Jubel wurde der Gedanke

aufgenommen; »apporte, Nero, faß' Nero!« Der Hund, von allen Seiten

angefeuert, gebärdete sich wie rasend und machte die verzweifeltsten

Anstrengungen, über den Stacketenzaun hinüber zu kommen. »Wir müssen

ihm helfen,« hieß es; sämmtliche Knaben vereinigten ihre Hände unter

dem Leibe des Hundes, und indem sie das schwere, mächtige Thier

emporhoben, verschafften sie ihm die Möglichkeit, hinüber zu gelangen.

Ein letztes, aufgeregtes Geblaff, und dann, halb selber springend, halb

geschleudert, flog der Bernhardiner über den Stacketenzaun in den

Schnee des Vorgartens, in dem er sich überschlug. Im nächsten

Augenblick stand er hochaufgerichtet an dem Schneemann, in den er seine

breiten Pfoten einschlug, während er mit dem Maule nach der Mütze

schnappte, die auf der Schulter des Schneemanns liegen geblieben war.

Jetzt aber, aller Furcht vor etwaigen Schneebällen vergessend, kam der

kleine Junge wieder nach vorn gerannt. Die Mütze war offenbar die eines

erwachsenen Mannes, wahrscheinlich die seines Vaters, die er sich,

während der Vater außer Haus war, eigenmächtig geholt hatte. Wenn sie

in den Zähnen des Hundes entzwei ging, standen dem kleinen Kerl die

bedenklichsten Folgen in Aussicht. In voller Verzweiflung warf er sich

daher dem Hunde entgegen, um die Mütze zu retten. Aber es war zu spät;

der Hund hatte sie schon gepackt, und nun griff der Junge zu, um sie

dem Thier wieder zu entreißen. Ein Ringkampf entstand zwischen beiden,

zum brüllenden Ergötzen der Burschen draußen, die vor Entzücken über

ihr gelungenes Thun jauchzten und quietschten. Der Bernhardiner, nicht

bösartig von Natur, aber tollpatschig, wie solche große Hunde sind,

mochte glauben, daß der Knabe mit ihm spielen wollte; je mehr der

Gegner an der Mütze zog, um so fester packte er sie mit den Zähnen.

Beide Kämpfer drängten sich in den Schneemann hinein; der Schneemann

kam ins Wanken, und plötzlich, wie ein Schneeberg, fiel er über sie,

beide für einen Augenblick unter seiner Masse begrabend.

Der Jubel da draußen, den dieses Schauspiel hervorrief, artete zu einem

wahrhaft höllenmäßigen Lärm aus, und in den Lärm mischte sich das

Zetergeschrei des kleinen Mädchens, das jetzt auch herangekommen war

und sich, unter strömenden Thränen, bemühte, den Bruder zu befreien,

der prustend, selbst wie ein kleiner Schneemann aussehend, unter der

Lawine hervorgekrochen kam.

In diesem Augenblick jedoch erscholl ein Laut, der sowohl den

Freudenlärm wie das Zetergeschrei jählings verstummen machte. Auf dem

Balkon seiner Wohnung, der sich über dem Hauseingange befand, war der

alte Graumann erschienen. Und mit einer Stimme, die wirklich furchtbar,

wie die eines angeschossenen Bären, klang, brüllte er in den Kampf

hinunter.

»Ihr Schlingel, Ihr infamen,« schrie er zu den Jungen hinüber, die

draußen am Stacketenzaun standen, »was macht Ihr da? Wollt Ihr gleich

Euren Köter fortrufen, Euren verfluchten!«

Die Erscheinung des alten Mannes, der sich, blauroth vor Zorn im

Gesicht, über die Brüstung des Balkons gebeugt hatte, und der Ton

seiner Stimme wirkten so erschreckend, daß für einen Augenblick

allgemeine Stille eintrat und die von Winterluft und Aufregung

glühenden Gesichter der Knaben erblaßten. Dann aber, von den beiden

Rädelsführern ausgehend, erhob sich ein höhnisches Flüstern und

Kichern, »der olle Graumann! der olle, verdrehte Graumann!« Ob das

Gekicher bis zu ihm hinauf drang, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls

aber richtete sich der Alte plötzlich auf, und indem er die Glasthür

des Balkons schmetternd hinter sich zuwarf, verschwand er im Innern

seiner Wohnung. Kaum eine Minute darauf kam er durch die Hausthür unten

wieder zum Vorschein, eine große Lederpeitsche in den Händen, mit der

er sich sofort, unter wüthenden Hieben, auf den Bernhardiner stürzte.

Der Hund stieß ein klägliches Geheul aus, und mit eingezogenem Schweif

floh er rund um den Garten, von dem alten Graumann unablässig verfolgt.

Aus dem, was als ein Spaß begonnen hatte, schien jetzt bitterböser

Ernst werden zu wollen. Die Jungen draußen, namentlich die beiden

Besitzer des Bernhardiners, geriethen auch ihrerseits in eine wilde

Erregung, und als der Alte jetzt dicht am Stacket vorbei kam, schrie

ihn der eine der beiden Buben, indem er wüthend beide Fäuste ballte,

kreischend an: »Herr Graumann, ich werde es meinem Vater sagen, wenn

sie unseren Hund schlagen! Sie dürfen unseren Hund nicht schlagen, Herr

Graumann! Und ich werde es meinem Vater sagen!«

Der alte Mann blieb jählings stehen, und mit einer schweren Bewegung

drehte er das Gesicht zu dem Jungen herum. »Deinem Vater wirst Du es

sagen? Du rotznäsiger, frecher, infamer Schlingel! Erst werde ich mit

Dir ein Wort sprechen, Du --« und mit den Worten griff er über den Zaun

hinweg, nach dem Kragen des Jungen, der sich nur durch einen schnellen

Sprung vor dem Griffe zu retten vermochte.

»Ihr Canaillen,« donnerte der Regierungsrath, indem er dicht an den

Zaun herantrat, »das, was Ihr verdient, das ist die Karbatsche!«

Er schwang auch wirklich die Peitsche empor, als wenn er mitten unter

die Knabenschar hineinhauen wollte, und bei der Aufregung, in der er

sich befand, würde er sein Vorhaben sicherlich ausgeführt haben, wenn

nicht in diesem Augenblick eine Frauenstimme ertönt wäre, die seinen

erhobenen Arm langsam niedersinken ließ. Es war die Mutter der beiden

»Rangen«, die heraus gekommen war, ihre Söhne von der Eisbahn

abzuholen, und die sie nun hier in einem solchen Conflict vorfand.

»Aber Herr Regierungsrath« -- die ohnehin energische Stimme der Dame

klingelte förmlich in gellender Erregtheit --, »ich würde es doch nicht

für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen

hätte, daß Sie auf offener Straße mit der Peitsche nach meinen Knaben

schlagen!« Der alte Graumann verneigte sich mit höhnischer

Beflissenheit, indem er die grüne Sammetkappe lüftete, die er auf dem

Kopfe trug: »Und ich würde es nicht für möglich gehalten haben, gnädige

Frau, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, daß sich Ihre

Musjehs von Söhnen auf offener Straße wie Strolche und Einbrecher

benehmen würden.«

»Wie -- Einbrecher?« Die Dame brachte es beinah mit einem Schrei

hervor, indem sie fragend die Augen auf ihre Jungen richtete. Jetzt

drängten sich diese an die Mutter, und indem der Rückschlag der

bisherigen Aufregung eintrat, brachen sie in Thränen aus. »Es haben

welche einen Schneemann gebaut,« berichteten sie, »und ihm eine Mütze

aufgesetzt, und die Mütze ist heruntergefallen, und dann ist Nero über

den Zaun gesprungen und hat die Mütze apportirt.«

»Lüge nicht, Du Galgenstrick!« donnerte der alte Graumann dazwischen.

»Nicht heruntergefallen ist die Mütze! herunter geschmissen habt Ihr

sie, mit Euren Schneebällen!«

»Aber ist denn das ein so himmelschreiendes Unrecht,« hob die erzürnte

Vertheidigerin ihrer Sprößlinge wieder an, »wenn Kinder mit

Schneebällen nach einem Schneemann werfen?«

»Jawohl, gnädige Frau!« -- der Alte schrie ihr seine Worte jetzt ohne

alle Höflichkeit ins Gesicht -- »jawohl ist es ein himmelschreiendes

Unrecht, wenn ein Paar Bengel, die von ihrer Mutter wie Chenille-Affen

verzogen werden, die Alles geschenkt bekommen, was sie sich nur denken

können, und viel mehr, als ihnen gut ist, wenn solche Bengel einem Paar

armer Kinder, die nichts von all' dem haben, was _sie_ haben, das arme,

kleine bißchen Vergnügen stören und zunichte machen, was solche arme

Kinder haben! Jawohl, gnädige Frau! Eine Niederträchtigkeit, das ist

es, was Ihre Musjehs gemacht haben! Daß solch ein Schneemann keine

große Kostbarkeit ist, das weiß ich; jawohl, gnädige Frau, ich bin so

frei, es zu wissen. Aber darauf kommt es nicht an. Denn der Schneemann

gehörte den beiden Kleinen, und darauf kommt es an. Gehörte nicht Ihren

Musjehs, gehörte den beiden Kleinen, die ihn sich gemacht hatten! Ihre

Jungen haben Schlittschuhe und Schlitten und einen Hund, so groß wie

der Chimborasso, und die Kleinen haben nichts. Und daß Ihre Jungens

ihnen nicht das einmal gönnen wollen, das ist eine Niederträchtigkeit!

Daß sie ihren großen Köter auf die Kleinen hetzen, das ist eine

Niederträchtigkeit!«

»Aber, wer hat denn mit Hunden gehetzt?«

»Ihre Herren Jungens, gnädige Frau. Jawohl, gnädige Frau, bin so frei;

Ihre Herren Söhne haben den Chimborasso auf die Kleinen gehetzt! Und

dafür soll sie der Teufel fricassiren, gnädige Frau! Bin so frei, Ihnen

das zu sagen.«

Die Augen der beleidigten Dame verdrehten sich förmlich und richteten

sich abermals auf die Knaben.

»Nicht gehetzt,« schrieen beide wie mit einem Munde. »Nero ist von

selber über den Zaun gesprungen!«

Jetzt kam die Reihe, die Augen zu verdrehen, an den alten Graumann, und

er that es so, daß man nur noch das Weiße darin sah.

»Ihr -- Lügenbolzen,« sagte er keuchend, »Ihr habt ihn nicht gehetzt?

Von selber ist er gesprungen? Mit Euren eignen Händen habt Ihr den

Köter aufgehoben, Ihr sammt Euren Cumpanen, und ihn hinüber geworfen

über den Zaun!«

»Herr Regierungsrath« -- unterbrach die Dame. Aber der Alte ließ sich

nicht unterbrechen.

»Das habe ich gesehen! Mit meinen eigenen Augen gesehen!«

»Herr Regierungsrath,« -- wiederholte die Dame, und sie bemühte sich,

ihren Worten den scharfen und kühlen Ton zu geben, mit dem man im

Weltverkehr Ungebildeten den Unterschied zwischen ihnen und den

Gebildeten klar macht, »Ihren Behauptungen stehen die Worte meiner

Söhne entgegen, und meine Söhne lügen nicht.«

Der Alte ließ sein bekanntes, beinah teuflisches Lachen hören.

»Vielleicht interessirt es Sie, gnädige Frau« -- und er machte abermals

seine höhnische Verbeugung --, »zu erfahren, daß Ihre Herren Söhne

lügen wie gedruckt.«

»Sie irren sich! Meine Söhne lügen nicht, Herr Regierungsrath!« Das

Taschentuch wurde aus dem Pelzmuff gerissen und fuchtelte in zuckenden

Bewegungen in der Luft herum. Der alte Graumann trat so nahe an den

Stacketenzaun heran, als er vermochte. »Gnädige Frau,« -- und er bohrte

die großen, runden, glühenden Augen in das aufgeregte Gesicht der Frau,

-- »Sie hören, daß ich es Ihnen sage, und ich bin ein alter Mann,

und« --

»Und das sind meine Söhne, und meine Söhne sind anständiger Leute Kind

und lügen nicht, und Sie --« die Stimme der Frau, die beinah zum

Ueberschnappen gestiegen war, brach ab.

»Und ich?«

»Und Sie -- Sie müssen mir das nicht übel nehmen, Herr Regierungsrath,

alle Welt weiß das -- Sie -- sind ein aufgeregter alter -- Mann.«

In diesem Augenblick trat ich heran. Ich hatte den Wortwechsel vom

ersten bis zum letzten Worte mit angehört. Ein Gefühl sagte mir, daß

ich eingreifen mußte, wenn etwas Unangenehmes auf offener Straße

vermieden werden sollte.

»Erlauben Sie einem Unparteiischen das Wort, gnädige Frau, der, vom

Zufall geführt, den Vorgang von Anfang bis zu Ende mit angesehen hat.«

Die Augen aller Kriegführenden richteten sich in überraschtem Schweigen

auf mich.

»Ich habe den Vorgang, wie gesagt, in allen Einzelheiten verfolgt und

muß bestätigen, daß es sich genau so zugetragen hat, wie Herr

Regierungsrath Graumann gesagt hat. Der Hund ist nicht von selbst

gesprungen; die Knaben haben ihm mit eigenen Händen über den Zaun

geholfen und ihn auf die Mütze gehetzt, die der Schneemann auf dem

Kopfe trug.«

Eine Stille trat nach diesen Worten ein, als wenn eine Granate geplatzt

wäre und Alles sich umsähe, wer verwundet und todt und wer noch am

Leben sei. Dann, mit einem Griff, faßte die lautlos gewordene Mutter

ihre beiden Söhne an der Hand, drehte sich herum, daß die Schleppe

ihres schwerstoffenen Kleides wie ein zorniger Drachenschweif durch den

Schnee fegte, und ohne Wort und Gruß, nicht einmal mit einem

Kopfnicken, trat sie mit ihren Jungen den Rückzug nach der Stadt zu an.

Der alte Graumann sah ihr nach, öffnete die Thür des Gartenzauns, jagte

den Bernhardiner, der sich immer noch hinter ihm herumdrückte, zum

Garten hinaus, und dann, als er sah, daß auch ich meines Wegs gehen

wollte, streckte er mir über den Zaun die Hand hin.

»Bitte, kommen Sie doch herein.«

Ob es nur mein Dazwischentreten in seiner Streitsache oder was es sonst

war, das ihn zu der Aufforderung veranlaßte, ich weiß es nicht. Ebenso

wenig war ich mir klar darüber, was ich bei ihm sollte und wollte; aber

der tiefe Klang seiner Stimme, die von der Aufregung heiser geworden

war, hatte etwas Gebieterisches. Ich trat ein.

Im Vorgarten standen die beiden Kleinen, dicht an einander gedrückt,

die Mütze in Händen, auf die sie unter stummen Thränen niederblickten.

Der alte Graumann nahm ihnen die Mütze aus der Hand. »Hm! Ist wohl

kaput gegangen?« fragte er.

»Es is Vatern seine,« erwiderte schluchzend und stockend der kleine

Junge, »und wenn Vater nach Haus kommt --« »Dann gibt's Prügel!«

ergänzte der alte Graumann, indem er sich zu mir wandte. Er klopfte dem

Jungen den Schnee ab, der noch immer, wie ein weißer Ueberzug, an

seinem Rock und in seinen Haaren klebte. »Ihr hättet die Mütze von

Eurem Vater nicht zu so etwas gebrauchen sollen,« sagte er, indem er

sich zu den Kindern niederbeugte; »denn was für die Menschen ist, das

ist doch nicht für die Schneemänner, nicht wahr?« Er stand zwischen den

Beiden, indem er sie mit dem rechten und dem linken Arme an sich

drückte. »Aber laßt nur jetzt das Weinen sein,« fuhr er fort, »Ihr seid

nicht schuld dran, daß die Mütze entzwei gegangen ist, das werde ich

Eurem Vater sagen, und dann werde ich Vatern eine neue Mütze kaufen,

und dann ist Alles wieder gut, und er wird Euch nichts thun.«

Er war mit den Kleinen in das Haus eingetreten. Zu ebener Erde befand

sich die Wohnung, in der die Kinder mit ihren Eltern wohnten. Er

klopfte; Niemand gab Antwort. Die Thüre war nicht verschlossen; er

öffnete, und hinter ihm stehend blickte ich in die leere, ärmliche

Behausung.

»Ist denn Eure Mutter nicht zu Hause?« fragte der alte Graumann.

»Mutter is auf Wäsche in die Stadt,« gab das kleine Mädchen mit dünner,

piepsender Stimme zur Antwort. Der alte Graumann ließ den Kopf

niederhängen, und dann, mit der eigenthümlichen schweren Bewegung, die

ich vorhin an ihm wahrgenommen hatte, drehte er das Gesicht zu mir

herum; in seinen Augen brannte wieder das finstere Glühen, das ich an

ihm kannte. »Sehen Sie,« sagte er mit unterdrücktem Laut, »so ist es

nun. Solche Lümmel --« und er deutete mit dem Kopfe nach der Stadt

zu --, »das geht nach Hause, und zu Hause zieht ihnen die Frau Mama

trockene Stiefel an und trockene, warme Kleider, und dann, statt der

Karbatsche, die sie verdient hätten, gibt's Kaffee oder Thee oder

womöglich Choc'lade, und das hier muß in die alte, finstre Kabache

kriechen, wo nicht Vater und Mutter und Niemand auf sie wartet, und

Niemand ihnen einen anderen Rock gibt, und einen Schluck Warmes, und

womöglich nachher noch Prügel.«

In diesem Augenblicke trat, den Schnee von den Füßen trampelnd, zur

Hausthür die Wirthschafterin des Regierungsraths herein, die von ihren

Nachmittagsbesorgungen kam. Ein Freudenschein ging über das Gesicht des

alten Graumann.

»Sie kommen zur rechten Zeit,« sagte er. »Nu mal gleich hinauf und

Kaffee gekocht! Aber ordentlich, eine ganze große Kanne voll! Hier sind

zwei Herrschaften, die welchen haben wollen. Nicht wahr, meine

Herrschaften? Wir wollen Kaffee haben?« Dabei faßte er die Kleinen

unters Kinn und hob ihre blassen, verfrorenen Gesichter empor. Die

beiden Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen staunend an. »Und dann

zum Bäcker,« fuhr er zu der Wirthschafterin fort, »oder vielmehr nicht

zum Bäcker, zum Conditor, über die Brücke, an der Ecke, Sie wissen ja,

und Kuchen geholt, für eine ganze Mark; da haben Sie eine Mark. Hier

sind zwei Herrschaften, die Kuchen haben wollen. Nicht wahr, meine

Herrschaften, wir wollen Kuchen haben?« Wieder wurden die beiden

kleinen Gesichter emporgehoben. Der Bruder sah die Schwester, die

Schwester den Bruder an. Dann richteten sich beider Augen auf den

unbegreiflichen alten Mann, und ein schüchtern-verschämtes, beinahe

mißtrauisches Lächeln stieg in den Gesichtern auf und färbte ihre

Wangen mit leiser Röthe. War es ein Traum, was sie erlebten? War das

»der alte, böse Regierungsrath«, von dem man im Hause nur flüsternd

sprach, weil das ganze Haus sich vor ihm fürchtete? Der alte Graumann

hatte den Ausdruck in den Kindergesichtern bemerkt. Er winkte der

Wirthschafterin, daß sie sich auf den Weg machen sollte, dann drehte er

sich wieder zu mir herum.

»Sehen Sie,« sagte er halblaut, »so ist das nun mit dem Menschen. So

verprügelt, daß er es gar nicht glauben kann, daß man ihm einmal was

Gutes thun will. So trampeln sie auf einander herum, diese Menschen,

diese Canaillen; so läßt Einer den Andern neben sich verkommen und

erfrieren, bis daß er ein Eiszapfen wird!« Plötzlich trat er wieder auf

die Kleinen zu. »Seid Ihr Schneemänner? Nein, Ihr seid doch keine

Schneemänner. Seid Ihr kleine Menschen? Ja, Ihr seid doch Menschen! Das

wißt Ihr doch, daß Ihr Menschen seid?« Die Kinder brachten keinen Laut

hervor; die Freudigkeit war von ihren Gesichtern wie weggewischt.

Jetzt, wo er so polternd auf sie einsprach, Dinge, die sie nicht

verstanden, war es doch wieder der alte, böse Mann, zu dem sie

furchtsam emporschauten.

Der alte Graumann legte seine beiden großen Hände auf die kleinen

blonden Köpfe; seine dicken Finger trommelten leise auf ihrem Haar. Es

war eine unbehülfliche, beinahe hülflose Bewegung. Was sie Alles zu

sagen hatten, die schweren fingernden Hände! Wie wenn Jemand auf einem

stummen Klavier spielt, so sah es aus, dem er Musik entlocken möchte,

und das keine Töne von sich gibt. Was er Alles zu sagen haben mochte,

der alte Mann, der über die beiden Kinderhäupter hin in die Ecke des

Flurs starrte, mit einem so in sich versunkenen, so in das eigene

Innere gerichteten trostlosen Blick? Ich konnte die Augen nicht von ihm

lassen. Was er Alles zu sagen hatte und nicht sagen konnte, weil er in

lebenslanger Einsamkeit gewissermaßen die Sprache verlernt hatte, so

daß sie nur noch stoßweise, in gewaltsamen Ausbrüchen, beinah im

Gebrüll herauskam, den Hörer im Zweifel lassend, ob Haß oder Liebe,

Zorn oder Güte aus ihm sprach!

An der Flurwand stand eine Bank, und auf diese ließ der alte Graumann

sich niederfallen, indem er die Kinder zu sich heranzog. Er drückte

ihre Stirnen an seine Schläfen, zur Rechten den Knaben, zur Linken das

Mädchen; zwischen den beiden kleinen Köpfen hing sein großer, grauer,

schwerer Kopf herab.

Er sprach zu den Kindern, aber weil diese lautlos blieben und keine

Antwort hervorbrachten, war es wie ein murmelndes Selbstgespräch.

»Das ist Dein Bruder? Nicht wahr? Und das ist Deine Schwester? Also

seid Ihr Geschwister. Habt Ihr Euch lieb? Ja, nicht wahr, Ihr habt Euch

lieb. Alle Menschen müssen sich lieb haben. Aber Geschwister, das ist

noch was besonderes, die müssen sich noch mehr lieb haben. Werdet Ihr

daran denken? Ja, nicht wahr, Ihr werdet daran denken.«

Er hob das Haupt empor; wieder erschien der dumpfe, trostlose Blick von

vorhin. »Geschwister, die sich nicht lieb haben, die kommen in die

Hölle.« Und da er nach diesen Worten verstummte, auch Niemand anders

sprach, entstand eine Stille, in der das düstere Wort nachzuzittern

schien, das er da eben ausgesprochen hatte.

Die Hausthür klappte, die Wirthschafterin kam zurück, mit einer großen

Kuchentüte in den Händen. Der alte Graumann erhob sich.

»Jetzt wollen wir Kaffee trinken gehen,« sagte er. Seine schweren Augen

gingen zu mir herüber. »Trinken Sie vielleicht auch eine Tasse mit?«

Es würde mir unmöglich gewesen sein, nein zu sagen. »Gern, Herr

Regierungsrath,« erwiderte ich. Er hielt mir plötzlich die Hand hin.

»Danke Ihnen.« Und ich fühlte meine Hand mit einem Druck erfaßt, wie

ich mich eines gleichen kaum zu erinnern vermochte.

Die beiden Kleinen trappelten die Treppe hinauf, uns voraus; wir

folgten. Und im nächsten Augenblicke also stand ich in dem

geheimnißvollen Raum, den das Gemunkel und Geflüster der Stadt wie die

Behausung eines bösen Geistes umschlich.

Neid · 第 2 / 8 段