»Noch nit,« erklärte die Bäuerin kurz und entschlossen, »erst haben wir
zwei noch was zu bereden.«
»Was denn, Mutter? Du tust ja so desperat.«
»Verstell dich nit, du scheinheiliger Dingerts. So was hat ja noch gar
kein Mensch erlebt!«
»Was willst du denn eigentlich?« Und des Bauern Augen waren Krater, aus
denen die Freudenfunken sprühten.
»Red! Wie hast du das Buch unter dem Mariele sein Kopfkissen gebracht?«
»Buch? Kopfkissen? Tja, Mutter -- -- --«
»Vater!« Sie stand, ganz verkörperte Entrüstung, vor ihm. »Das geht
über den Spaß!«
»Wenn ich nur wüßte, was?«
Da hatte die Bäuerin Zornestränen in den Augen.
»Schämst du dich denn gar nit?«
Der Bauer stand auf und wollte die Frau begütigend in den Arm nehmen.
»Laß die Faxen. Du in dem Mariele seiner Kammer!«
»Och, da war's noch ganz hübsch, aber im Keller war's nachher verdammt
kalt.«
»Im Keller? Mann, das ist ja rein zum Aus-der-Haut-Fahren mit dir. Im
Keller?!«
Die Tränen waren vertrocknet. Minna Korn ahnte, daß die Lage ganz
heillos komisch gewesen sein mußte, sah an ihres Mannes Gesicht, daß er
jauchzend noch mit beiden Beinen darin stand, daß es ihm unendlich viel
Vergnügen bereitet hatte, und lächelte halb versöhnt.
»So erzähl doch wenigstens, Mann.«
Nun duldete sie es, daß er sie in die Arme nahm. »Jetzt nit, Mutter.
Ich habe Hunger, und nachher muß ich wieder aufs Feld. Mußt schon bis
heute abend warten. Derweile rat nur selber weiter.«
»Ich denke nit daran. Aber wie oft willst du denn noch solche
Dummheiten machen?«
»Das war die letzte, weil's die schönste war.«
Es klang beinahe ein bißchen wehmütig.
Und dann war der Abend da. Die Hohlofenleute lagen im Bette. Heinrich
Korn hatte das Licht brennen lassen und erzählte. Seine Frau rief
einmal über das andere: »Es ist nit zu glauben!« lachte dazwischen
hinein wiederholt laut: »Vater, hör auf!« und war zuletzt halb
fröhlich, halb wehmütig. »Vater, ist es nit eigentlich traurig, daß das
notwendig war?«
Da legte ihr der Bauer den Arm um die Schulter und zog sie fest an
seine breite Brust. »Still, Mutter! Ich bin selber halb so und halb so
dabei gewesen, aber schön war's doch. Wie sie zusammenfuhren! Und wie
ich durch das Kellerfenster kroch! Jesses, Jesses! -- Schlaf jetzt,
Mutter. Nach der Heuernte ist Hochzeit. Dann -- braucht der Hohlöfner
keine Dummheiten mehr zu machen, dann wird er ein gesetzter Mann.«
»Alles glaub ich, Vater, aber das nit. -- Gute Nacht!«
Und andern Tages war es so ganz, ganz anders. Lehrer Siebert schickte
seine alte Aufwärterin und ließ den Hohlöfner zu sich bitten. Es ging
aufs Ende mit ihm. Nun wollte er, was er bislang aufgeschoben, in
Ordnung bringen.
Der Bauer wußte durch Philipp Engel, um was es sich handelte. Er saß
am Bette und nickte zu den Ausführungen des Kranken. Als der zu Ende
war, sprach Korn: »Wenn's denn sein muß, dann helfen Sie mir es auch
~ganz~ zu Ende bringen. Meinen Sie, daß es Ihnen der Herrgott
übelnimmt?« Und er entwickelte ihm seinerseits einen Plan.
Lehrer Siebert lächelte: »Das nimmt er mir nicht übel. Wie sollte er
denn? Aber Sie müssen rasch machen.«
Am Nachmittage war der Notar aus dem Städtchen da.
Lehrer Siebert machte Marie Berteles zur alleinigen Erbin seines
bescheidenen Vermögens. Die Summe betrug ausgerechnet so viel, daß,
mit dem zusammen, was das Mariele und Rudolf bereits besaßen, die
geforderten fünftausend Taler um zweihundert Mark überschritten waren.
Beim Fortgehen drückte der Bauer dem Kranken die Hand und hielt sie
fest. »Ich nehm's für ein Darlehn, und sobald alles in Ordnung ist,
gebe ich's der Schule. Dann kann dafür angeschafft werden, was Kantor
Ritter gern haben will. -- Gott helfe Ihnen, und: Schönen Dank für
alles!«
Draußen war er, weil ihm die Stimme brach. Als er die Abmachung seiner
Frau erzählt hatte, lief die ins Berteles-Häusel, nahm das Mariele in
beide Arme und küßte sie.
»Mariele, komm, der Lehrer stirbt. Wir wollen ihn noch einmal besuchen.«
Sie pflückten zusammen einen großen Fliederstrauß und gingen in die
Krankenstube. Der Maienmond schien. Lehrer Siebert war schmerzfrei und
fröhlich. Der Besuch war ihm der schönste Ausklang seines Lebens.
»Schwester,« sagte er, Marie Berteles lächelnd in die Augen sehend,
»Schwester -- ich darf's doch sagen?«
Das Mariele nickte. Zu sprechen vermochte sie nicht.
»Schlägt die Wachtel wieder?«
»Ja, gestern abend habe ich sie gehört,« kam es tränenerstickt aus des
Mädchens Munde.
»Wenn Sie morgen hinausgehen an den Rain, dann denken Sie daran, daß
ich sage: Behüt dich Gott.«
In demselben Augenblicke klang Philipp Engels Geige. Er stand unter der
Dorflinde und spielte in die Nacht hinaus.
»Philipp ist da!« jubelte der Kranke. »Jetzt ist alles, alles gut!«
Die Frauen gingen.