Rudolf Korn hatte gekündigt. In vierzehn Tagen war seine Zeit um. Dann
ging er heim und heiratete das Mariele, einerlei, ob die fünftausend
Taler beisammen waren oder nicht.
Der alte Herr Schmidt begegnete ihm, als Rudolf aus der Schreibstube
trat.
»Nun, Korn? Was haben Sie denn da drin zu tun gehabt?«
»Ich habe gekündigt.«
»Ihre Zeit ist um? -- Kommen Sie noch einen Augenblick her.«
Es war still in dem bescheidenen Arbeitsraum des reichen Mannes.
»Setzen Sie sich, Korn,« nötigte er.
Und dann: »Sie gehen wieder heim in Ihren Kreis, aus dem Sie eigentlich
nie fortgegangen sind. Ich wünsche Ihnen, daß Sie wenigstens in Ihrem
Dorfe erreichen, was Sie erreichen möchten. Sie glauben, die Stadt
zu kennen, und kennen Sie wohl auch bis zu einem gewissen Grade. Nun
aber lassen Sie sich nicht verleiten, beide auf die gleiche Ebene
bringen zu wollen. Das geht nicht. Ebenso falsch aber wäre es, eines
über das andere zu stellen. Sie sind verschieden und werden und müssen
verschieden bleiben. Wir haben nie ein Wort gesprochen über die
Gegensätze, die absichtlich, zu eigennützigen Zwecken, hineingetragen
werden. Sie sind aber da, und wir müssen mit ihnen rechnen. Was Sie
wollen, Bauer und Arbeiter als Menschen einander näherbringen, ist so
vernünftig, daß es -- bekämpft werden wird. Ich würde Sie bedauern,
wenn Sie darin Ihres Lebens Hauptaufgabe sehen würden, aber ich freue
mich, wenn Sie sie neben Ihrem Beruf, Brot zu schaffen, zu erfüllen
versuchen. -- Leben Sie wohl, Korn.«
Das waren Worte, die Rudolf Korn viel zu schaffen machten.
Am letzten Sonntag -- den Sonnabend darauf wollte Rudolf heimfahren --
führte ihn Grete Frieders in ein Kirchenkonzert, das in der größten
Kirche der Stadt gegeben wurde. Das Gotteshaus war bis auf den letzten
Platz gefüllt.
Kinderstimmen sangen wie Engelschöre, die Orgel jubelte und brauste,
und über die Stadt ging ein schweres Gewitter mit laut hallenden
Donnerschlägen nieder.
Die Menschen aber schienen der Erde entrückt. Sie hatten
Jenseitsgesichter, die Leute der Stadt, von denen auch Rudolf einst
geglaubt hatte, sie hätten nur Sinn für Tand und Spiel. Viele, viele
hielten den Kopf tief gesenkt und waren ganz in sich hineingekrochen.
Musik und Kirchenhalle, Kinderstimmen und Donnergrollen, Altarkerzen
und still versunkene Menschen, das gab einen Zusammenklang, der Rudolf
Korn erschütterte und ihm die tiefste Offenbarung der Stadt bedeutete.
Als sie das Gotteshaus verließen, nahm er Grete Frieders Hand. »Ich
danke Ihnen. -- Damit will ich heimgehen.«
* * * * *
Auch über Schönbach ging das Gewitter nieder, und in allen Häusern
verschränkten sich die Hände der Frauen: »Lieber Gott, laß es nit
wieder hageln!«
Es hagelte nicht, aber die Wasser stürzten muldenweise vom Himmel. Der
Bach ward binnen Ja und Nein zum Unhold.
Und den Ender traf das Unglück am schwersten. Das Wasser riß ihm den
Schuppen weg und führte Sämaschine, Pflug und Wagen davon. Zertrümmert
lag das eine am Berteles-Garten, das andere auf den Bodenwiesen.
Verstört, von innerem Frost geschüttelt, stand der Mann auf seinem Hofe
und blickte den Trümmern nach.
Eine Weile später kam der Hohlöfner des Weges, um sich das Unheil
anzusehen. Kopfschüttelnd stand er da. »Herrgott, das ist zu viel! Da
muß man zugreifen.«
Als er eben in das Haus treten wollte, sah er Ender durch die
Bodenwiesen auf den Wald zu laufen. Mitten durch die Wiesen ging der
Mann mit herrischen Schritten, und es war, als flöge ein unheimlicher
Geist über ihm.
Es gab dem Hohlofenbauern einen Ruck. Mit langen Sätzen lief er den
gleichen Weg. Warum? Er wußte es nicht, aber er mußte.
»Ender,« schrie er. Der Mann schritt weiter, herrisch und ungestüm.
Jetzt war er im Walde. Heinrich Korn hub an zu laufen. Als er in den
Wald trat, war der Nachbar weder zu sehen noch zu hören. In heller
Angst rannte der Hohlöfner hierhin und dorthin. Der Schweiß troff ihm
von der Stirn, er keuchte, die Lippen waren ihm dürr.
Er stand am Kreuzwege. Wohin? Dahin! Weil er mußte!
Da steht die krumme Kiefer, und -- da hängt der Ender.
»Heiliger Gott!« Der Strick fällt zerschnitten zur Erde. Korn hat den
Mann in den Armen. Er legt ihn nieder auf das Moos.
Was, sagt der Volksglaube, sei mit einem zu tun, der sich erhängt? Es
ist ein brutales Mittel, aber der Glaube gebietet es.
Plauz, gibt der Hohlöfner dem Manne eine Ohrfeige, die einen Lebenden
niedergeworfen hätte. Und siehe, der Körper zuckt auf, die Nasenflügel
weiten sich, die Brust holt Atem, langsam, ruckweise, dann tief und
rascher.
Ender schlägt die Augen auf, fährt sich mit der rauhen Hand über das
Gesicht, murrt: »Ich -- danke dir nit dafür.«
Da faßt ihn der Hohlöfner am Kragen und setzt den schwächlichen Mann
auf.
»Brauchst mir auch nit zu danken, armer Teufel.« Ender schwankt noch so
stark hin und her, daß ihn Korn in den Arm nehmen und an sich drücken
muß.
»Halt still, Nachbar, und nun wollen wir die Geschichte ins reine
bringen. Was mit Geld zu machen ist, darf kein Menschenleben kosten.
Ich brauche ~dich~, du brauchst mich.«
Nach einer Weile gehen die beiden miteinander zurück und -- treten in
das Berteles-Häusel.
»Mariele,« sagt der Hohlöfner, »da bringe ich dir einen, dem geholfen
werden muß, und du sollst ihm helfen.«
»Gerne, wenn ich das kann.«
»Ich könnt's wohl auch, aber dir macht's mehr Freude. Bring deine
Sparkassenbücher. -- So, jetzt, Ender, wollen wir miteinander sehen,
was das Mädel beieinanderhat. Das stammt vom Rudolf, das ist ihres und
das -- hat sie von dem Lehrer geerbt. Macht zusammen fünftausend Taler
und zweihundert Mark. Stimmt's?«
»Freilich stimmt's.«
»Und nun, Mariele, das borgen wir dem Ender.« Er drückt dem Manne ein
Sparkassenbuch in die Hand. »Wenn's nit langt, bin ich auch noch da.
Für das in dem Buche zahlst du keine Zinsen. Die schreibe ~ich~
dir gut, Mariele. Abzahlen kannst du's, wie's paßt, Nachbar. Red nit!
Dummes Zeug! Das wär noch schöner, wenn wir dich nit wieder auf die
Beine brächten.«
Der arme Mann ist wie zerschlagen. »Lieber Gott,« sagt er aus der Tiefe
herauf, »jetzt kann ich ja mein Zeug behalten!«
Der Hohlöfner will weich werden, sosehr er sich auch dagegen wehrt. Da
steht er auf, räuspert sich, macht ein grimmiges Gesicht, geht auf das
Mariele zu, nimmt es in den Arm und zupft es an seinen langen Zöpfen.
»Heut über fünf Wochen wird geheiratet, daß du's weißt.«
Aufjauchzend fällt ihm das Mädchen um den Hals und gibt ihm einen Kuß.
Lachend wischt der Hohlöfner den Schnurrbart beiseite.
»Ender, das hast du nit gesehn.«
Der Scherz bannt die dumpfe Last, die auf dem Manne liegt. »Nein, das
hab ich nit gesehn.« Ein müdes Lächeln huscht über sein Gesicht.
»Dann können wir gehn. -- Lebt wohl, ihr zwei.«
Draußen sieht der Hohlöfner dem Nachbar freundlich ernst in das
Gesicht. »Ender, es ist nit alles ganz ehrlich zugegangen, aber
betrogen hab ich auch nit.«
»Hohlöfner, wenn ich das Wort ungesagt machen könnte -- -- --«
»Ja nit,« wehrte Korn ab, »ja nit! Jetzt weiß ich erst, was ich an
meinem Jungen habe!«
* * * * *
Die Hochzeitsglocken läuten, die alten Donnerbüchsen krachen. Es ist
Wahrheit geworden, Rudolf heiratet das Mariele. Laß sie schwatzen, daß
es nicht recht gewesen wäre, daß der junge Lehrer dem Mädel ein solch
unmenschliches Geld vermacht. Es ist so, und daran ist nichts zu ändern.
Am Abend ist des Wirtes Saal so voll wie sonst kaum zur Kirmes. Der
Hohlöfner hält die Gemeinde frei, und selbst die ältesten Weiber holt
er in seinem Übermut und schwenkt sie herum, daß sie juchzen. Da tritt
auf einmal der Ender mitten in den Saal.
»Nachbarn, ich habe seinerzeit mit dem Hohlöfner eine Wette gemacht.
Er hat sie gewonnen. Das Mariele hat sein Geld beieinander, ich kann's
bezeugen. Und ist nit ein unrechter Pfennig dabei.«
»Ordnung muß sein,« schallt es aus der Ecke her. Das ist der lachende
Hohlöfner, der nun mit langen Schritten an des Enders Stelle tritt.
»Nachbarn, ihr wißt, daß meine Schwiegertochter das Geld von dem jungen
Lehrer geerbt hat. Wir haben mehr mit dem Menschen verloren, als wir
heute wissen. Nehmt's an, Nachbarn, was ich euch bieten will.«
Er stiftet genau den Betrag, den das Mariele wirklich von dem Lehrer
geerbt, der Schule, damit die Kinder lernen können, »daß die Welt nit
in Schönbach zu Ende ist«.
Schmunzelnd tritt er zurück. Sein Weib erhascht seine Hand und zieht
ihn herab. »Bleibst doch der alte -- Hohlöfner!«
Da lacht er und klopft ihr den Rücken. Eben setzt die Musik wieder ein.
Heinrich Korn geht auf das Mariele zu und holt sie zum Tanze.
Im lustigen Wirbel zupft er sie herzhaft an den Zöpfen.
»Dunnerlichting, die sitzen ja ~immer noch fest~!«
Das Mariele errötet, aber sie hebt dem Schwiegervater die lachenden,
leuchtenden Augen entgegen.
»Und bleiben nun auch, wo sie sind.«