Der andere lachte. »Das kann ich mir denken, wenn du mir auch
dazumal gesagt hast, du wolltest mich aufsuchen. Hast's natürlich
nicht gemacht. -- Ich bin der Ludwig Hempel, und wir sind seinerzeit
miteinander auf der Grube gewesen und sind miteinander weggegangen, als
wir den Frieders begraben hatten.«
Jetzt wußte Rudolf Bescheid. Die beiden gingen miteinander weit über
den gepflegten Park hinaus, kamen auf die Landstraße, stapften
weiter und wurden es nicht gewahr, wie die Stunden vergingen und die
Entfernung von dem Stadtinnern größer wurde.
Sie hatten beide heiße Köpfe und rangen ernsthaft miteinander. Der
Bergmann war ein ehrlicher Mensch, der sich mühte, seine Meinung für
sich zu haben. Er war den Einwendungen Rudolfs nicht unzugänglich, aber
er lehnte ihre Wahrheit mit einer Beredsamkeit ab, daß der Bauernsohn
ins Gedränge kam.
Schwach begrünt lagen Saatfelder zur Rechten und zur Linken. Aus ihnen
her kam dem Bauern die Kraft, die er vergeblich in sich gesucht,
solange der Atem der Stadt herwehte. Ganz Bauer ward er, ganz Mensch,
und Rein-Menschliches war es, das er dem Manne, der neben ihm ging,
bot. Dies Menschliche nahm den Bergmann gefangen.
Nichts erzählte Rudolf Korn, das außerhalb seines eigenen Erlebens
gelegen hätte, nichts, das er an Anschauungen und Urteilen aufgelesen,
sei es bei Grete Frieders oder in den Versammlungen oder in den kleinen
Heften, die ihm die Witwe des Freundes in die Hand gedrückt.
Und nicht Bauern~arbeit~ war es, die den Bergmann still und
nachdenklich machte, sondern Bauern~art~.
Irgendwie kommt jeder Mensch von der Erde her und ist erdgebunden. Und
wenn die Wurzeln durch Jahrhunderte gehen, in des Blutes Wellen trägt
der Mensch das Erdhafte durch die Zeiten.
Schlicht und warmherzig sprach der Bauer von der Scholle, die sein
und doch nicht sein war, von der inneren Sorge, wenn die Gewitter am
Himmel auftürmten, von der Freude, wenn die Saat schoßte und die Flur
im bunten Funkellicht unter dem siebenfarbigen Bogen lag. Es ward ihm
nicht bewußt, daß er jetzt: »Der arme Acker,« nachher: »Ein liebes
Gewitter,« dann: »Die gute Wiese« sagte, aber es pochte an das Herz
des Mannes, der ein Suchender war und fühlte, daß Mensch zum Menschen
wollte, menschlich, brüderlich, eins im Tiefsten.
Immer krauser ward seine Stirn, schwerer der Atem, langsamer der
Schritt.
Mitten auf der Straße blieb er stehen und sah Rudolf in das Gesicht.
»Ich weiß, daß du die Wahrheit sagst, wie ich dir die Wahrheit sagte,
aber nun weiß ich eins nicht: Warum kommen wir nicht zusammen?«
»Wir werden zusammenkommen.«
»Aber das wird verdammt schwer sein.«
»Im Anfang ja. Haben wir erst den Boden, auf dem wir uns finden können,
wird es rascher gehen.«
»Was hältst du für den richtigen Boden?«
»Den Willen, uns so zu sehen, wie wir wirklich sind.«
»Mensch, das sagst du so, als wenn's ein Dreck wäre, und es ist doch,
weiß Gott, das allerletzte.«
»Hättest du nicht Lust, ein Jahr lang Bauer zu werden?«
»Ich weiß nicht. Dazu bin ich zu alt. Aber meinen Jungen kannst du
kriegen. Er ist sechzehn und ist ein gewitzter Kerl.«
»Der scheint mir zu jung. Es können hüben wie drüben nur Kerle in
Frage kommen, die weder das Land noch die Stadt verlassen wollen.
Kennenlernen, aber jedem seine Art lassen.«
»Donnerwetter, du hast mich ganz konfus gemacht. Bekehren willst du
mich nicht -- -- --«
»Du bist, wie mir scheint, nach der einen Seite genau so bekehrt wie
ich nach der andern.«
»Das heißt, gar nicht?«
»Ja und nein. Du sagst: Ich bleibe in der Stadt und lasse denen auf dem
Lande ihre Art, ich sag's umgekehrt, aber jeder von uns zweien läßt den
andern in seiner Art gelten.«
Ein Lokomotivenpfiff ließ sie auffahren. Da wurden sie gewahr, daß es
dunkelte. Zu Fuß konnten sie den Rückweg nicht gut machen. So fuhren
sie mit der Bahn, und jeder saß still und in sich gekehrt.
Als sie in der Stadt gemeinsam durch die Straßen gingen, sagte Hempel
ernst: »Du, der Nachmittag war nicht umsonst. Wenn du willst, können
wir uns in acht Tagen wieder treffen.«
»Gern, Hempel. Dann bringe ich Grete Frieders mit. Die weiß mehr als
wir beide miteinander.«
»Meinetwegen, wenn das Frauenzimmer wirklich so vernünftig ist.«
Der Plan, einander bei der Arbeit kennenzulernen, verdichtete sich in
Rudolf Korn wieder so stark, daß er einmal nach Feierabend den alten
Herrn Schmidt aufsuchte. Der kluge, erfahrene Mann goß ihm viel Wasser
in den Wein, aber er sah zuletzt Rudolf doch freundlich in das Gesicht.
»Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Korn, daß, wenn ich zwanzig
Jahre jünger wäre, ich die Sache ernsthaft mitmachen würde. Nunmehr
muß ich sie Jüngeren überlassen, aber ich werde in unseren Kreisen
ein gutes Wort für Ihre Idee einlegen und glaube, daß es an uns nicht
fehlt, wenn -- die andere Seite will.«
* * * * *
Der Frühling kam. Über Nacht trieben die Erlen am Schönbach grüne
Spitzen, Amseln und Drosseln jubelten, die Stare kehrten wieder, und
die Pflüge wühlten sich ins Land.
Rüstig, ganz der frohe Mann, der er früher gewesen war, und doch einen
großen Schritt weiter, marschierte Heinrich Korn hinter seinen Gäulen
her, kommandierte: Halt, Vorwärts, Rechtsum, Linksum, und pfiff dabei,
daß es über die Felder schallte.
Die Saat war der Erde anvertraut, in den Bäumen stieg der Saft, da
schlug Heinrich Korn mit seinem Knecht zusammen das Holz, das er zum
Fällen bestimmt. Er hätte gut und gerne noch ein paar Jahre warten
können, aber -- das Mariele sollte in das Haus. Bei dem Gedanken kraute
er sich den Kopf. Es paßte ihm allerlei nicht. Hätte er damals nicht
fünf-, sondern dreitausend Taler gesagt, es hätte auch gelangt. So
viel, daß die ganze Summe erreicht ward, konnte er bei dem kleinen
Waldstück bei dem besten Willen nicht beiseitebringen, und -- Philipp
Engels Plan, den er ihm am Neujahrsmorgen entwickelt, ging ihm gegen
den Strich, sosehr er ihn anfangs gefangengenommen.
Lehrer Siebert ging es nicht gut. Er hatte sich in den ersten
Februarwochen beurlauben lassen, wartete auf seinen Tod und wunderte
sich, daß der so lange auf sich warten ließ. Wer am Schulhause
vorüberging, sah den jungen Menschen still an seinem Fenster sitzen,
und es lag ein Zug heimlicher Freude auf seinem Gesicht.
Zu seiner Vertretung war ein junger Mann gekommen, den die Schönbacher
lieber heute als morgen wieder gehen gesehn hätten. Er war hochmütig
und hielt sein Amt auf dem Dorfe für eine Verbannung.
Im April hatte Lehrer Siebert einige Tage fest gelegen. Obwohl ihm die
alte Henriette Drescher keine schlechte Aufwärterin war, vermochte sie
ihm doch nichts, gar nichts für das Herz zu bringen. Da suchte ihn die
Hohlöfnerin vorerst allein auf, dann brachte sie das Mariele mit, und
so fügte es sich von selber, daß das Mädchen schließlich den kranken
Menschen auch allein aufsuchte, ihm aus Büchern vorlas und mit ihm
plauderte. Auch die Bauern kamen an den Abenden, vorab der Hohlöfner.
Der treue Zusammenhalt, die Liebe der Kleinen, die ihrem Lehrer
Frühlingsblumen in die Krankenstube schickten, bewirkten, daß auch
nicht ein einziges hämisches Wort gegen das Mariele fiel. -- -- --
Der Hohlöfner hatte sein Holz geschlagen und verkauft. In seiner
Lade wartete ein Sparkassenbuch, das auf den Namen Marie Berteles
ausgestellt und in dem ein hoher Betrag eingetragen war, darauf, in die
richtigen Hände zu gelangen.
Wochenlang hatte der Bauer schon darüber gegrübelt, wie es anzufangen
sei, ohne daß er einen Weg gefunden, der ihm gepaßt hätte.
Es war ein milder Sonntagabend im Maien. Am Bache blühten die
Vergißmeinnicht, prahlten die Sumpfdotterblumen. Die Wiesen wurden
von Tag zu Tag mehr zu dem bunten Teppich, den zu scheren jedem
Bauer zugleich Freude und Schmerz ist. Aus den Fliedersträuchern
im Berteles-Garten stiegen die ersten blauen, roten und weißen
Duftmelodien.
Das Sparkassenbuch in der Jackentasche, war der Hohlöfner durch
Felder und Wiesen geschlendert. Ganz weit hatte er sein Bauernherz
dem stillen Abendgebet der Flur aufgetan. Langsam überquerte er die
Bodenwiese, sprang mit kurzem Satze über den Bach und hielt auf das
Berteles-Häuschen zu. Kam ihm heute die Gelegenheit zu Scherz und
Überraschung, war es ihm recht. Kam sie nicht, mußte er weitergrübeln.
So stieg er gemächlich den Weg hinan. Auf einmal fuhr es ihm durch den
Kopf: Dunnerlichting! Wenn sie ein Stubenfenster auflassen, dann ist ja
geholfen!
Schon stand er am Zaun des Berteles-Gartens. Hopp, war er darüber.
Der Zaun hatte zwar geprasselt, aber er hatte gehalten. Der Weg war
grasbewachsen, und die Laube war dunkel. Da saß der Hohlöfner und
lauerte. Hurra, das Fenster nach dem Garten blieb offenstehen. Jetzt
hörte man das Mariele und seine Mutter die Treppe hinansteigen. In
zwei Kammern, zwischen denen eine unerleuchtete Stube lag, ward Licht.
Nach einer Weile öffnete das Mariele das Fenster, lehnte sich einen
Augenblick auf den Fensterstock und ließ die weißen Arme vom Maienwinde
streicheln. Dann schloß sie das Fenster wieder, und auch ihr Licht
erlosch.
Jetzt noch ein Weilchen warten, bis sie fest schlafen, dann kann der
Hohlöfner wie ein Dieb durch das Fenster steigen, dann ist's wieder --
Weihnachten!
Die Frösche quaken aus den Teichen inmitten der Wiesen her, als könnten
sie sich gar nicht genugtun vor lauter Lust und Wonne; der Bach rauscht
und plaudert, über dem Berge steht der helle Mond, und -- der Hohlöfner
lauert, hundert Schelmengeistlein in den Augenwinkeln.
Jetzt -- ist es wohl so weit. Langsam, vorsichtig erhebt er sich. Da
-- saust einer auf dem Rade heran, das Gartentürchen wird aufgedrückt,
Rudolf schreitet, ebenso leise wie vorhin der Vater, in den Garten.
Dunnerlichting, denkt der Hohlöfner, das hat gefehlt. Und:
Dunnerlichting, so ein scheinheiliges Volk miteinander! Wer weiß, wie
oft der Junge schon dagewesen ist, aber keinmal ist er heimgekommen!
Und das Mariele!
Er drückt sich in die finsterste Ecke der Laube, macht sich so klein,
wie er kann, aber -- wohin gehn verliebte Leute in Maiennächten?
Allemal in die Lauben. Dunnerlichting!
Draußen ein leises Hantieren, dann vorsichtige Schritte auf dem Wege.
Heinrich Korns Augen werden groß und größer, er kann sogar einen
herzhaften Schnaufer nicht ganz unterdrücken.
Rudolf kommt daher, trägt eine Leiter, lehnt sie ganz leise und
vorsichtig an das Haus -- sie reicht gerade bis an des Marieles
Kammerfenster -- und steigt hinauf. Heinrich Korn drückt sich die
Hand fest auf den Mund, um nicht laut hinauszufluchen, und denkt: Das
Sparkassenbuch steckt gut, wo es steckt. Ich will's euch zweien schon
weismachen!
Droben poch, poch an das Fenster. Das Mariele schreit leise auf. Da ist
sie an der Scheibe, öffnet den Flügel und die weißen Arme leuchten.
»Rudolf!«
»Pst, nit so laut! Komm herunter!«
Husch ist der Bursche die Leiter herab an der Haustür. Der alte
Hohlöfner kraut sich in den Haaren: »Ich weiß wirklich nit, ob ich das
auch so gemacht hätte,« und das Sparkassenbuch sitzt wieder lockerer.
Einen Augenblick hat der Bauer die Sorge, daß die zwei in die Laube
kommen könnten, vergessen. Nun sie wieder da ist, findet sie einen
lachenden Mann. Hei, das gibt einen Spaß, wenn sie kommen, ihn nicht
gleich sehen, und er mitten in das Kosen und Küssen mit einem:
Dunnerlichting, jetzt langt's! fährt. Und wenn sie ihn dann fragen, was
er hier macht, dann wird er sagen: Auf das Mariele aufpassen für den
Fall, daß gewisse Leute etwa durch das Fenster klettern wollen.
So sitzt er und lacht innerlich, und von drüben her kommen leise
Stimmen.
»Woher kommst du denn auf einmal, Rudolf?«
»Aus der Stadt.«
»Aber das hast du doch noch gar nit gemacht.«
»Nein, ist das erste- und letztemal, denn meine Zeit geht auf die
Neige. -- Ich war heute mit Grete Frieders und Hempel spazieren, da
sagte die Frau auf einmal: Rudolf, Sie sind ein langweiliger Kerl. An
Ihrer Stelle säße ich jetzt lange auf dem Rade und führe zu meinem
Schatz. -- Das ging mir durch die Knochen. So ein schöner Abend! Und
wie weit ist's denn? Drei Stunden bin ich gefahren. Hempel bot mir sein
Rad an. Da bin ich. Und was kriege ich jetzt?«
»Nit viel, dummer Rudolf. Da.«
Das kennt man, denkt der Hohlöfner.
»Das langt nit,« spricht Rudolf. »Ich will mehr haben.«
Da wickelt ihm das Mädchen ihre Zöpfe um den Hals. Und wieder -- -- --
Das kennt man.
Dunnerlichting! Der Rudolf ist zwar ein langweiliger Kerl, aber
~die~ Sache versteht er. Früher war es übrigens einmal ähnlich,
bloß daß seinerzeit Minna Heidrich nicht so lange Zöpfe hatte.
Auf einmal durchzuckt es den Hohlöfner wie ein Blitz. Die zwei da
drüben haben offenbar nicht die Absicht, in die Laube zu kommen, drüben
aber steht die Leiter, droben ist des Mariele Kammer und -- so gut
paßt es im Leben nicht wieder!
Husch, ist der Bauer aus der Laube, leise wie ein Fuchs, schleichend
wie ein Marder. An der Leiter ein Augenblick des Zögerns und Lauerns
und von drüben -- -- -- Das kennt man. Heidi, die Leiter hinauf, das
linke Bein über das Fensterbrett, das rechte nachgezogen.
Sackerlot, die zwei kommen in den Garten. Und -- Rudolf nimmt die
Leiter weg. Um ein Haar hätte der Bauer laut aufgelacht. Er ist nicht
einen Augenblick mehr verlegen. Das Glück steht ihm bei, so oder so.
Der Mann sieht sich in dem Stübchen um. Ein rührend einfaches Stübchen,
selbst für Bauerngewohnheit. Da steht das Bett, da die Lade, dort der
Schrank. Wohin nun mit dem Buche? Das Mariele soll darauf schlafen.
Unter das Kopfkissen. Husch, ist es darunter, und der Hohlöfner
streicht mit linder Hand, ein sinniges Lächeln im Gesicht, darüber.
Schlaf gut auf deinem »Heiratzgut«, braves Mariele.
Nun der Rückzug. Der Bauer hat Stiefel an, und wenn er auch fast
lautlos die Leiter hinaufklettern und in das Stübchen steigen konnte,
die Treppe hinab kommt er nicht ohne Lärm, und er ~muß~ hinab!
Leise zieht er die Stiefel aus, nimmt sie in die Hand, riegelt die
Tür auf, probiert -- sie kreischt glücklicherweise nicht in den
Angeln. Er steht auf dem Hausboden, aber er weiß keinen Bescheid im
Berteles-Häusel, ist zum erstenmal darin, und es ist finster. Jetzt hat
er die Treppe, jetzt setzt er einen Fuß vor den andern. Da -- knarrt
eine Stufe! Der Hohlöfner quittiert seinen Schreck mit innerlichem
Lachen. Die alte Bertelessin scheint einen guten Schlaf zu haben. Der
Bauer steht im Hausflur und sucht die Tür zu gewinnen.
Rudolf und das Mariele gehen draußen auf und ab, immer hin und her
zwischen Garten und Haustür. Wenn sie sich einmal ein paar Minuten
drüben verhalten, wird der Hohlöfner mit raschem Sprunge den kleinen
Hof überqueren.
Die zwei aber verhalten sich nicht, und die Zeit zwischen Hin und Her
ist zu kurz, sich in Sicherheit zu bringen.
Wozu in aller Welt hat der liebe Gott die Lauben erfunden, wenn nicht
für Liebesleute! Aber das ist ganz der Rudolf! Immer hin und her wie
ein Uhrenperpendikel!
Jetzt stehn sie an der Haustür. Rudolf redet vom Heimfahren. Heinrich
Korn hat gerade noch Zeit, den kleinen Steinflur entlang zu huschen. Er
erreicht die Kellertür und steht auf der Kellertreppe, entschlossen,
wenn es not tut, noch ein paar Stufen hinabzusteigen.
Rudolf und das Mariele stehen im Hausflur. Es geht ans Scheiden, aber
wenn Liebesleute Abschied nehmen, so gehn sie deswegen noch lange nicht
auseinander.
»Mariele,« sagt Rudolf, »was hättest du denn gemacht, wenn ich durch
das Fenster gestiegen wäre?«
Da war ich auch noch da, denkt der Hohlöfner. So leicht wäre das nicht
gewesen.
»Was ich gemacht hätte?« sagt das Mädchen dagegen, halb im Scherz, halb
im Ernst. »Meine Zöpfe hätte ich mir abgeschnitten. Ratzekahl. Die
hätten dann nit mehr für mich gepaßt.«
Will ich mir merken, denkt der Hohlöfner. Ist eine gute Probe aufs
Exempel.
»Bist nit gescheit! Hast mich lieb, Mariele?«
»Gar nit!«
»Womit beweist du das?«
»Damit.«
Das kennt man.
Die Kellerstufen sind kalt, aber -- jetzt reden sie von dir, Hohlöfner.
»Du glaubst gar nit, wie gut der Vater ist,« spricht das Mariele.
»Ich weiß schon. Hat halt seine Raupen im Kopfe. Aber ich muß sagen,
ohne die Raupen wäre er nit der Hohlöfner.«
Dunnerlichting, es ist recht nett, wenn man hört, was andere Leute von
einem denken.
»Aber ich weiß wirklich nit, wie wir das Geld zusammenbringen sollen,«
sagt das Mariele.
»Das weiß ich auch nit, aber vielleicht wird derweile noch einmal
Weihnachten.«
Ja, droben liegt's. Wenn ich's nur wiederholen könnte! Der Hohlöfner.
»Mariele, hast mich gern?«
Dunnerlichting, so eine dumme Fragerei! Das ist nun schon wenigstens
das zehntemal, daß er fragt. Liebesleute sind ein zu dummes Volk! Die
Kellerstufen sind mordskalt, die Bertelessin aber schläft wie ein
Murmeltier. Sie soll sich doch nicht stellen, als hätte sie nichts
gehört. Das hätte ja ein Toter vernommen, aber die Weiber! Wenn sie
kuppeln können, bringen sie es auch fertig -- zu schlafen.
»Hast mich lieb, Mariele?«
Sackerlot, jetzt wird's zu bunt, und jetzt -- purzelt, plauz, pardauz,
dem Hohlöfner ein Stiefel aus der Hand.
»Was war das?« fragt das Mariele erschrocken.
»Hab nix gehört.«
»Doch, es hat auf der Kellertreppe gepumpert.«
»Wird die Katze gewesen sein.«
»Rudolf, tu mir die Liebe und sieh nach. Ich fürchte mich.«
Jetzt geht die Uhr richtig. Husch, ist der Hohlöfner die Treppe hinab.
Dabei stößt er an seinen Stiefel und rafft den empor. Droben flammt ein
Streichholz auf.
»Da siehst du, daß nix da ist.«
Sie gehn und -- riegeln die Kellertür ab.
Dunnerlichting! Nun ist alles in Ordnung, alles! Jetzt hört der Spaß
auf, jetzt wird's dumm und ärgerlich.
Ach nein, es wird gleich wieder lustig. Vater Berteles hat sich einen
luftigen Keller mit weiten Fenstern gebaut. Da steht ein Waschfaß.
Das ist rasch umgedreht, das Fenster aufgemacht, es geht nach der
Bodenwiese zu, draußen ist der Hohlöfner.
Er klopft und streicht leicht am Anzuge, husch, die Stiefel an, links
am Hause hin, da ist er auf dem Fahrwege. Wer will behaupten, daß er
nicht eben vom Felde kommt?
Aber er kommt leise und vorsichtig. An der Tür des Berteles-Häuschens
sind sie eben bei dem letzten -- -- -- Nun, das kennt man. Vielleicht
sollte es auch erst der drittletzte Kuß sein. Jedenfalls stehn sie
zwischen Tür und Angel.
»Nanu,« sagt auf einmal eine barsche, laute Stimme. »Was soll denn das
heißen?«
»Der Vater!« schreit das Mariele auf.
»Freilich, der Vater!« Der Hohlöfner spricht es noch grimmiger und
grollender. »Komm dir wohl ungelegen? Sind ja nette Geschichten, die
du da treibst. -- Da war doch eben ein Kerl bei dir?«
Rudolf ist hinter die Tür getreten.
Das Mariele kichert leise. »Hab keinen gesehn, wirst dich verguckt
haben.«
Und nun der Bauer ganz laut: »Willst du mich dumm machen? Das sage ich
dir: Zwischen uns beiden ist's aus. Morgen schreibe ich's dem Rudolf.«
»Aber, der weiß das doch schon,« kichert das Mädchen.
»Sooo?«
»Nit so laut,« bittet das Mariele, »daß es die Mutter nit hört.«
Der Bauer kann sich zwar das Lachen kaum noch verkneifen, aber er
stellt sich nach wie vor entrüstet und barsch.
»Die Mutter soll's nit wissen? Heimlichkeiten sind Schlechtigkeiten.«
»Ja, ich bin grundschlecht.« Wieder kichert das Mädchen, langt durch
die Tür. »Jetzt wird's Zeit, Rudolf.«
Heinrich Korn prallt scheinbar zurück, denn da steht sein Sohn und
lacht über das ganze Gesicht.
»Wo kommst du denn her, Vater?«
»Das will ich ~dich~ fragen. Ich -- komme vom Felde.«
»So spät noch? -- Und ich komme daher, wo ich jetzt am längsten gewesen
bin.«
»Ja, Dunnerlichting, warum kommst du denn da nit heim?«
»Weil ich nit viel Zeit habe. Bloß eine reichliche Stunde für das
Mariele.«
»Hast du denn das schon oft so gemacht?«
»Oft?« Rudolf lacht wieder. »Wird wohl das zehntemal sein.«
»Glaub's nit.« Das Mariele steht dicht vor dem Bauern. »Es ist das
erstemal.«
»Das mach einem weis, der dümmer ist als ich. -- Jetzt scher dich
ins Bett, Mädel, wohin du um die Zeit längst gehörst. Und du,
leichtfertiger Bruder, kommst mit heim zur Mutter.«
»Geh derweil voraus, Vater, ich komme gleich nach.«
Der Hohlöfner stapft langsam davon, streicht sich den Schnurrbart und
kann sich nicht erinnern, jemals im Leben solch einen Spaß gehabt zu
haben.
Es dauert ein Weilchen, ehe Rudolf kommt; denn er muß noch etliche
Male fragen, ob ihn das Mariele gern habe, und von dem andern, das man
kennt, kriegt er auch nit satt.
Schließlich aber ist er da und schiebt das Rad neben sich her. »Ist
die Mutter gesund? -- Ja? -- Du bist's auch. Dann weiß ich genug.
Auf den Hof kann ich nit erst kommen, ich muß morgen früh um sechs
wieder an der Arbeit sein und habe drei Stunden zu fahren. Daß du aber
nix Schlechtes denkst, Vater. Ich bin heute wirklich zum erstenmal
dagewesen.«
»Wer das glaubt!«
»Kannst's schon glauben. Und -- kann's nit bald einmal wieder
Weihnachten werden?«
»Ja, in sieben Monaten, wenn's geschneit hat.«
So polterig es klingt, Rudolf weiß, daß der Vater dabei lächelt.