Sie setzte sich neben die Mutter und nahm sie wieder in den Arm. »Du
kannst's noch nit glauben, aber es ist doch wahr, und übers Jahr habe
ich den Rudolf! -- Mußt nit so bange sein, gelt, Mutter!«
»Tu das Geld wieder in den Strumpf.«
»Nein, Mutter, das tu ich in mein seid'nes Tuch, und dann leg ich's
ganz unten in meine Lade.«
»Du bist nit gescheit! In die Lade! Daß ich alle Augenblicke die Treppe
hinaufsteigen muß, zu sehen, ob's auch noch da ist!«
Das Mariele siegte schließlich, das Geld wanderte in ihre Lade, aber
als Rudolf nach dem Abendessen kam, um die zwei auf den Hohlofenhof
zu holen, weigerte sich die Mutter standhaft, mitzugehen. An seinem
Halse hängend, berichtete ihm das Mariele jubelnd von der Einkehr des
Weihnachtsmannes. Rudolf schüttelte den Kopf und lachte. »Er kann's
doch nit lassen.«
Das Mädchen aber sagte weise: »Jetzt ist er wieder der alte Hohlöfner,
und wenn er das nit sein kann, dann ist er krank.«
»Hast recht, Mädel. -- Also Ihr geht nit mit, Berteles-Mutter?«
»Nein, ich bleibe daheim.«
Auf dem Hohlofenhofe erzählte das Mariele eine Weile später so
ganz beiläufig, sie sei heute ungeschickt gewesen und habe eine
Fensterscheibe eingestoßen.
Dabei hatte sie spitzbübische Augen und suchte den Hohlöfner.
Der aber stand just hinter ihr und zupfte sie herzhaft.
»Au,« schrie das Mariele und lachte dabei dem Bauern vielsagend in das
Gesicht.
»Das ist für die kaputte Fensterscheibe.« Und Heinrich Korn saßen
hundert Schelmengeister in den Augenwinkeln.
Da wußte die Hohlöfnerin, daß zwischen den beiden ein neckisches Spiel
hin und her ging. »Was habt ihr denn miteinander?« fragte sie.
»Nix,« trotzte der Bauer und setzte sich behaglich auf seinen Stuhl.
Am andern Morgen aber wußte es die Bäuerin. Sie hatte eine Kleinigkeit
mit der Berteles-Mutter zu bereden. Da sah sie auf der Ruhbank in der
Ecke einen vergessenen Strumpf liegen; und -- der war ihr doch bekannt.
Sie langte danach, las das: Fürs Heiratzgut, drehte sich um, sah in
die lachenden Augen des Mariele, die ihr zurief: »Ich wollt's gerade
erzählen,« und wies mit dem Strumpf auf die Fensterscheibe. Das Mädchen
nickte ihr lachend zu: »Ja, da durch.«
»Es ist nit zu glauben!«
Da warf sich ihr das Mariele ungestüm an den Hals. »Nit böse sein,
gelt?«
Minna Korn strich ihr über den Scheitel. »Wo werde ich denn? Aber den
Strumpf nehme ich mit.«
Das Mittagessen war auf dem Hohlofenhofe vorüber, da sagte die Bäuerin:
»Wart noch einen Augenblick, Vater, es gibt noch etwas.«
Sie ging hinaus, kam mit einer verdeckten Terrine zurück und stellte
sie vor den Hausherrn. »So, Vater, extra für dich.«
Der hob den Deckel, nahm den Strumpf heraus, stimmte in das übermütige
Lachen von Frau und Sohn ein, warf der Frau den Strumpf leicht in das
Gesicht: »Ja, Dunnerlichting, was soll ich machen, wenn's nit anders
geht?«
In freudiger Stimmung traf der wieder genesene Paul Ender die
Hohlofenleute noch, als er eine Viertelstunde später eintrat.
Sie stutzten über den Besuch, aber Ender ließ ihnen keine Zeit, zu
raten, weswegen er kam. Er ging gerade auf sein Ziel los.
»Rudolf, wann fährst du wieder zurück?«
»Um sieben geht mein Zug.«
»Willst du mich mitnehmen?«
»Was willst denn ~du~ in der Stadt?«
»Nit das, was du willst. Dazu bin ich nit der Kerl, und es ist mir
egal, wie sie hüben und drüben voneinander denken. Ich will Geld
verdienen. Könnte ich nit auf eurer Gießerei Arbeit kriegen?«
»Das würde sich am Ende machen lassen, aber leicht ist's nit da.«
»Ich kann arbeiten.«
»Ach, die Arbeit! Mit der wirst du fertig, aber es geht nit so
friedlich her wie bei uns. Und: Du hast keine Bodenwiese und keinen
Schönbach und keinen Angeracker.«
»Das muß ausgestanden werden. -- So geht's nit mehr. Unsere Wirtschaft
trägt nit soviel Leute. Von den Kleineren kann noch keiner auf die
Arbeit gehn, also muß ich hinaus.«
»Ist da nix in der Nähe?«
»Erstens ist nix da, und zweitens will ich mehr verdienen, als die
Bauern zahlen können. -- Einer von uns kann die Wirtschaft bloß
übernehmen, und jeder kriegt's schwer. Das ist so bei uns Bauern. Die
kleinen Höfe tragen nit soviel Kinder.«
Es klang bitter, und Rudolf Korn legte dem Menschen die Hand auf den
Arm. »Versuch's, Paul, ich will dir helfen.«
Mit festen Schritten ging der Besucher fort. Die Scholle mußte einen,
der sie liebhatte, gehen lassen, weil sie ihn nicht erhalten konnte.
Marie Berteles bat Rudolf beim Abschied, ihn einmal in der Stadt
besuchen zu dürfen. Er riet ab. »Warte, Mariele, bis wir geheiratet
haben. Dann fahren wir miteinander hin.«
»Wann ist das, Rudolf?«
»Ich denke, kurz vor der Heuernte.« --
Der Hohlofenhof schien leer zu sein, und wären nicht das Mariele und
der junge Lehrer ein- und ausgegangen, besonders aber an den Abenden
dagewesen, Heinrich Korn hätte wieder zu sinnieren begonnen, so leicht
es ihm sonst um das Herz war, wenn er an seinen mannhaft gewordenen
Sohn dachte.
Es war am Silvesterabend. Marie Berteles und ihre Mutter waren da. Der
Hohlöfner saß mit Lehrer Siebert auf dem Sofa, und sie plauderten. Es
ging auf Mitternacht zu.
Eben hatte der Hohlöfner gesagt: »Der Bauer soll seins machen und der
Arbeiter seines. Holt sich jeder Schwielen an den Händen, aber das Herz
ist bei einem wie beim andern. Wenn jeder ein richtiger Kerl ist, dann
müßte es mit dem Deibel zugehen, wenn wir nit zusammenkommen wollten.«
Da klang unter dem Fenster eine Geige. Es waren kaum drei oder vier
Töne, aber sie waren von einer Innigkeit, daß Lehrer Siebert wußte: So
führt nur einer den Bogen.
Er sprang auf. »Philipp Engel ist da!« und wollte aus dem Hause stürzen.
Der Bauer drückte ihn in die Sofaecke zurück. »Das wäre gerade das
richtige für Sie. Es sind fünfzehn Grad Kälte draußen. Ich hole den
Lipp herein.«
Und richtig, da stand Philipp Engel im Hoftor und klemmte die Geige
unter den Arm. Als er den Bauern auf sich zukommen sah, wollte er
davongehen. Der Hohlöfner aber hielt ihn fest. »Was soll denn das
heißen, Lipp? Seit wann reißt du denn vor mir aus?«
»Seit du Menschenherzen wie Kieselsteine behandelst.«
»Bist du denn ganz verrückt geworden?«
Die Worte überstürzten sich nicht in Philipp Engels Munde, aber sie
troffen von Bitterkeit. »Weißt du noch, als der Flieder blühte -- -- --«
Ganz still stand der Bauer, aber er nahm Philipp Engels Hand. »Hast
recht, Lipp, aber der Herrgott hat's doch gutgemacht. Komm, drin sitzen
der junge Lehrer und das Mariele. -- Nit, nein, nein. Es ist nit so,
wie du denkst, aber es geht doch alles in der Ordnung, und wenn der
Flieder wieder blüht, heiraten sie, der Rudolf und das Mariele.«
Da ließ sich der Geiger still in das Haus führen. Lehrer Siebert ging
ihm mit ausgestreckten Händen entgegen, sie sanken einander in die
Arme, und Siebert vermochte ein kurzes Aufschluchzen nicht ganz zu
unterdrücken.
Sie freuten sich alle des Besuches. Es war keiner, der den stillen,
scheuen Geiger, der doch ein armer Landfahrer war, nicht von Herzen
gern gehabt hätte, weil sie alle seine innere Vornehmheit fühlten und
die Schicksalsrunen in dem edelgeformten Mannesantlitz eindringlich
genug redeten. Die Männer setzten sich miteinander in eine fernere
Stubenecke, und eine halbe Stunde darauf trat Engel, der genug
vernommen und das übrige aus leisen Untertönen erraten hatte, lächelnd
und frei auf Marie Berteles zu, strich ihr über das Blondhaar und
sagte: »Das ist schön. Ja, das ist schön!«
Die Neujahrsglocken huben an zu läuten, Minna Korn nahm das Mariele an
ihr Herz: »Übers Jahr, Mariele, ist alles ganz beieinander.«
Der Hohlöfner vermochte nicht viel zu sagen, und hätte er so
ernst gesprochen, wie es ihm um das Herz war, die Augen wären ihm
übergegangen. So nahm er denn des Mariele beide dicke Zöpfe in seine
große Hand. »Du nixnutziges Mädel, mach mir im neuen Jahr nit wieder
soviel Not wie im alten.«
Marie Berteles Augen aber schimmerten feucht. Sie vermochte nicht
auf den Scherz einzugehen, brachte kein Wort heraus, drückte nur dem
Hohlöfner fest die Hand. Da mußte der trösten. »Wird schon alles gut
werden. Vielleicht wird derweile noch einmal Weihnachten.« Da mußte
auch das Mädchen lächeln.
Abseits aber standen zwei Männer, still, wehmütig lächelnd, Hand in
Hand.
Der Hohlöfner trat mitten in die Stube und begann mit seiner starken
Stimme zu singen: »Nun laßt uns gehn und treten.« So war es Brauch auf
dem Hofe, und so war es schon zu Vaters und Großvaters Zeiten gewesen.
Als das letzte Geläut verstummte und die Glocke den Ablauf der ersten
Jahresstunde verkündete, gingen Lehrer Siebert und der Geiger.
Draußen nahm der junge Lehrer des Freundes Arm. »Ich habe nicht
geglaubt, dich noch einmal zu sehen.«
Engel zuckte die Schultern. »Es war auch wahrhaftig nicht meine
Absicht, noch einmal herzukommen -- aber kannst du dafür? Ich bin im
Kreise gelaufen. Der Mensch bleibt ein Narr, solange er lebt. Das ist
wie mit dem Magneten, und hier sind es ihrer drei, du, das Mädel und
der Bauer. Du warst der stärkste, und auf einmal stand ich halt vor
dem Dorfe.« Als wäre er unzufrieden mit sich selber, schüttelte er den
Kopf. »Wenn man sich das Herzhaben abgewöhnen könnte! Aber da kriegt
man so ein verdammtes Erbteil mit, ohne gefragt zu werden, ob man es
haben will. Sieh zu, wie du damit fertig wirst. -- Wir wollen schlafen
gehen, Kleiner.«
»Philipp,« bat Siebert herzlich und eindringlich, »spiele!«
»Du bist verrückt, Kleiner! Klapperst wie ein Hund und willst dich in
die kalte Kirche setzen.«
»Philipp, tu mir die Liebe.«
Des Hohlöfners Knecht kam daher. Lehrer Siebert drückte ihm ein
Geldstück in die Hand. »Wollen Sie eine Stunde die Bälge treten?«
»Meinetwegen.«
Engel schüttelte den Kopf. »Kleiner, du bist wie ein Kind,« aber er
ließ sich in die finstere Kirche ziehen, stieg zum Orgelchor hinauf und
begann zu spielen.
Die Kirchentür war offen geblieben. Lehrer Siebert ging vor bis an den
Altar, setzte sich auf die unterste Stufe und legte das Gesicht auf
seine Knie. Die Orgeltöne aber wallten die Dorfstraße hinauf und hinab,
pochten zuerst an die Fenster des Hohlofenhofes und riefen die Leute
heraus, pochten von Haus zu Haus und fanden Gehör. Leise, ganz leise
kamen sie, traten in die Kirche, schoben sich in die Bänke, rückten zu,
machten einander Platz. Philipp Engel spielte, und des kommenden Jahres
ernste und frohe Stunden wanderten vorüber, die Sonne leuchtete, und
der Donner grollte, die Saat sproßte, und die Sichel rauschte.
Kein lauter Atemzug im Kirchenschiffe, Stille, als wäre es leer. Und
mitten durch die Hörer ging nach einer Weile Lehrer Siebert wie ein
Nachtwandler, hörte und sah keinen, stand draußen, wartete auf den
Freund, unter dessen Händen eben die Orgel verstummte, und war bis
in das Herz erschüttert, als er die stillen Menschen hernach an sich
vorüberziehen und in den Häusern verschwinden sah.
Philipp Engel trat aus der Tür, legte Siebert den Arm um den Nacken,
zog ihn fort: »Komm, Kleiner, ich schlafe die Nacht bei dir.«
Er nahm aber weder Bett noch Sofa an, schlief auf dem Teppich vor
Sieberts Bett, hatte dessen herabhängende, heiße Rechte in seiner
Hand und -- erzählte sein Leben. Es war ein Leben, dem Liebe gelogen.
Künstlerschicksal, hart, bitter, voll grausamer Lebensironie und doch
überstrahlt von dem Lichte, das unmittelbar aus des Herrgotts Herzen
kommt und das, ob seines Ursprungs willen, im Tiefsten ein Glaube ist,
den kein Sturm zerbricht.
Als der Freund geendet, tat auch Lehrer Siebert sein junges Herz auf,
und es war so viel Schönes, das er zu berichten wußte, daß Engel ihm
immer wieder die Hand drücken mußte. Und einen Plan hatte der junge
Mensch, einen schönen, lieben Plan, und es war bitter, daß er beides,
das er gern tun ~wollte~, kaum würde tun können.
Philipp Engel jedoch wußte Rat.
Der Hohlöfner war am andern Morgen überrascht, als der Landfahrer
urplötzlich vor ihm stand, ihn am Arme nahm und sagte: »Wir müssen
etwas bereden.«
Als sie auseinandergingen, wischte sich Heinrich Korn die Augen.
»Herrgott, wie gern sie alle das Mädel haben!«
9.
Es war Rudolf Korn diesmal beinahe schwerer, sich an die Stadt
zu gewöhnen, als das erstemal. Er biß die Zähne zusammen und tat
seine Arbeit. Gewiß, es ging, aber wenn er vor der Weißglut der
Schmelzöfen stand, sah er die stille Bauernstube auf dem väterlichen
Hofe vor sich. Mitten im Rasseln und Klirren der Ketten hörte er die
Dorfkirchenglocken, und wenn er mit Grete Frieders plauderte, sehnte er
sich nach dem Mariele.
Paul Ender hatte auf Rudolfs Fürsprache Arbeit in der Gießerei erhalten
und enttäuschte nicht. Die Schulkameraden trafen sich fast an jedem
Tage nach der Arbeit, hatten gemeinsamen Weg, kamen auch an den
Abenden zusammen, und Rudolf erkannte schon nach wenigen Wochen, daß
Ender nicht wieder auf das Dorf zurückkehren werde. Es gefiel ihm in
der Stadt, er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, daß einer der
Brüder das Vatererbe übernehmen werde, und hörte nicht den Schrei der
Scholle, fühlte nicht ihren bittenden Blick, atmete nicht ihre Treue,
sah nur ungelohnte Mühe und Plage, und die Erinnerung an daheim war
ihm nichts als das Gedenken an freudlose Tage und ein friedloses Haus.
Freudlos und friedlos, das war der Enderhof. Die Not war größer als die
Kraft der Scholle. Der alte Ender wußte sich seiner Erde noch so fest
verwurzelt, daß er eher sterben würde als sie aufgeben. Seine Söhne
hatten nicht einzuwurzeln vermocht. Einer war gegangen, der zweite
hatte in allem die Art des älteren Bruders, und von dem dritten wußte
man noch nicht recht, wie er sich innerlich einstellen werde.
Paul Ender konnte harte Urteile über Dorfheimat und Bauerntum anhören,
ohne daß ihm die Röte in die Wangen schoß. Er versuchte weder ruhig und
sachlich zu überzeugen, noch Heimat und Stand mit flammenden Worten
zu verteidigen. Lachend ging er entweder beiseite oder sagte ebenso
lachend: »Jeder redet, wie er es versteht.«
Rudolf Korn sah das mit tiefem Schmerze, und sein Plan, den er einst
dem Vater entwickelt, ward stark erschüttert. Wäre Grete Frieders mit
ihrem Lebensmut und ihrer warmherzigen Klugheit nicht gewesen, die
Stadt wäre dem Sohne des Hohlöfners zur Qual geworden. An der Hand der
Frau aber schritt er weiter und -- fand einen Weggenossen, der ihn über
alle Enttäuschungen hinwegbrachte.
Es war in den ersten Märztagen. Von den Hausgiebeln pfiffen die
Amseln. Rudolf Korn ging am Sonntagnachmittag spazieren. Da traf er
den Bergmann, mit dem er bei Richard Frieders Beerdigung vom Friedhofe
gegangen war. Der Mann trat auf Rudolf zu. »Sieht man dich auch einmal
wieder?«