Draußen war er. Minna Korn aber stieg die Treppe hinauf; denn jetzt
war sicher wieder die ganze Wäsche durcheinandergewühlt. Aber siehe
da, kein Stückchen angerührt. Es herrschte eine Ordnung, die, wenn der
Bauer wirklich über den Schrank gekommen, ganz unbegreiflich war. Und
dort! Da war doch in dem Bett gewühlt?!
Minna Korn stieg die Treppe hinab und schüttelte den Kopf. Ob der Vater
nicht wieder eine Dummheit vorhat? Laß ihn seine Dummheiten machen. So
nur ist er wieder der Hohlöfner.
Heinrich Korn schritt im Dunkeln die Straße hinab, und der schwere
Strumpf schlug ihm hart gegen das Bein. Es war alles vorbereitet für
einen lustigen Streich. Auf dem Strumpfe stand, aus ausgeschnittenen
großen Zeitungsbuchstaben zusammengesetzt und aufgeklebt: Fürs
Heiratzgut.
Aber wie den Strumpf anbringen? Der Hohlöfner wußte es auch jetzt
nicht, aber er wußte, daß er seinem Jungen danken mußte, und vertraute
seinem guten Stern.
Es war ein bitterkalter, stiller Winterabend. In den meisten Stuben
waren die Fenster dick gefroren, obwohl das Feuer den ganzen Tag nicht
ausging. Der und jener kam, dick eingemummelt, die Straße daher,
zog die Schultern ein und hastete weiter. Keiner hielt den rasch
dahinschreitenden Hohlöfner auf.
Der lief das Dorf hinab, bog hinüber zum Berteles-Häuschen, schwankte
einen Augenblick, ob er lieber von dem Streiche abstehn oder ihn
ausführen sollte, stand am Hause der Witwe Berteles und dachte:
Dunnerlichting, das paßt! Die Fenster sind ja so dick wie die Bretter,
da sieht mich niemand.
Und wieder schwankte er. Wie denn? Als Weihnachtsmann hereinpoltern?
Oder das Mariele herausrufen? Oder den Ballen einfach vor die Tür
legen? Alles nichts.
Er breitete in Gedanken die Arme aus: Herrgott, Junge, komm her, du
machst mir Freude! nahm das Mariele gleich noch mit in seine langen
Arme und: Hui, war ihm der Strumpf aus der Hand gerutscht. Kling, klirr
machte die Fensterscheibe, aber es klang nur dumpf. »Jesus,« schrie
die alte Bertelessin und: »Der Vater!« jubelte das Mariele, das den
hereinpolternden Ballen flink aufgehoben und die Aufschrift gelesen
hatte.
»Dunnerlichting, der ist nix weiszumachen,« knurrte der Hohlöfner und
trollte sich lachend mit eingezogenen Schultern davon.
Flink schnitt das Mariele einen Pappdeckel zurecht und setzte ihn an
die Stelle der zerbrochenen Scheibe.
»Das ist gerade so gut wie Glas.«
»So, und wer zahlt jetzt die Scheibe?« knurrte die Mutter.
»Ich, Mutter.« Die Tochter lachte über das ganze Gesicht.
»Du hätt'st das Geld dazu.«
»Da!« Marie schwenkte den schweren Ballen.
»Wird viel drin sein. Ist auch wieder so ein Jux vom Hohlöfner.«
Inzwischen hatte das Mädchen den zusammengebundenen Strumpf aufgeknüpft
und schüttelte ihn auf dem Tische aus.
Hei, wie das klirrte, klimperte, rollte, knisterte. Da war auch Mutter
Berteles bei der Hand, hob die herabgerollten Stücke auf, hielt ihrer
Tochter rasche Hände, die in dem Häuflein wühlten, fest: »Bist du nit
gescheit? Mach leise. Wenn das jemand draußen hört, holen sie es dir
in der Nacht weg,« lief hinaus, riegelte die Haustür zu, dann die
Stubentür, kam wieder und war besorgt: »Mariele, ob das auch nit ein
Irrtum ist?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Zu sprechen vermochte sie nicht, denn
sie zählte, häufelte, glättete die Scheine. Dann ging sie mit spitzen
Fingern über die einzelnen Posten hin, und als sie fertig war, sahen
sich zwei blaßgewordene Frauen in das Gesicht. »Wirst dich verzählt
haben,« wußte die Mutter. Sie hatte sich niedersetzen müssen, so war
ihr der Schreck in die Knie geschlagen. Jetzt stand sie auf und zählte
mit. Dabei waren ihre Hände eiskalt und ihre Augen schier traurig. Die
Tochter aber hatte sich wieder hinaufgeschnellt in Glück und Glauben.
»Es stimmt, es stimmt, ich habe mich nit verzählt! Mutter!« Sie nahm
sie um die Hüften und wollte mit ihr durch die Stube wirbeln, aber die
alte Bertelessin wehrte ab. »Unband du! Ich bin doch eine alte Frau!«
»Mein Mutterl bist,« jubelte das Mariele, umhalste, drückte und küßte
sie. »Der gute Vater! Nun dauert's nit mehr lange!«
Mutter Berteles saß wieder auf der Bank. »Wieviel war's, Mariele?«
Und als die Tochter vor Freude laut werden wollte: »Pst, nit so laut.
Sollen's denn die Leute durchaus wissen?«
Da nahm das Mariele der Mutter rechtes Ohrläppchen, zog es übermütig
ein wenig herab und jauchzte es in das Ohr hinein: »Sechshundertzwanzig
Taler, Mutter, achtzehnhundertsechzig Mark!«
»Du lieber Gott,« die Bertelessin faltete die Hände, »gibt's denn
überhaupt so viel Geld? -- Ich habe in meinem Leben nit soviel
beisammen gesehn. -- Und morgen ist erst zweiter Feiertag! Da ist keine
Kasse auf. Das Geld muß zwei Nächte im Hause bleiben! Mariele, ich kann
kein Auge zumachen.«