»Ja, Mutter, auf zwei Tage.« Rudolf führte sie an der Hand in die
Stube. Ein Jagdhund kam ihm entgegengesprungen, er streichelte ihn. Im
Vorbeigehn reichte er dem Knechte und den Mägden die Hand mit einem
munteren Worte, zog in der Stube die Jacke aus, fuhr in die Filzschuhe
und setzte sich hinter den Tisch.
»Gesund seid ihr, ich bin's auch. Das ist die Hauptsache. Grete
Frieders läßt euch schön grüßen.«
»Rudolf,« die Mutter wies auf seine Hand, auf der eine Wunde am
Verheilen war, »was hast du denn da gemacht?«
»Ach, das ist nit viel. Faules Fleisch, das übrig war.«
»Hast nit viel Fleisch auf dem Leibe.«
Der Sohn lachte. Es war ein starkes, frisches Lachen.
»Für mich langt's.« Er dehnte die Arme, stand mit kurzem Rucke auf.
»Vater, ich will einmal auf den Getreideboden geh'n. Brauchst keine
Angst zu haben, ich nehme die Stallaterne.«
»Ich gehe mit.«
»Laß mich allein gehn. Ich -- habe doch alles gesät.«
Er stieg die Treppe hinauf, ging von Haufen zu Haufen, nahm von jedem
eine Handvoll und prüfte die Körner. Schon hatte er sich gewandt,
zurückzukehren. Da nahm ihm einer die Laterne aus der Hand. Es war
einer, den niemand sah, auch der alte Hohlöfner nicht, der beobachtend
auf der Bodentreppe stand. Ruckweise ging Rudolf Korn in die Knie,
beugte sich langsam vornüber und legte sich still mitten in den Weizen
hinein, lag einen Augenblick, ward rot im Gesicht, schämte sich vor
sich selber, stand auf, nahm die Wurfschaufel und ebnete den Haufen
wieder. Als er herabstieg, schnappte hinter dem alten Hohlofenbauer
leise die Kammertür ins Schloß, und als sich Vater und Sohn hernach
beim Abendbrot gegenübersaßen, waren des Bauern Augen so hell wie
Christbaumkerzen, seine Stimme war so voll wie eine Glocke und sein
Atem so frei wie Frühlingswind. Der Herrenmantel war ihm von den
Schultern geglitten, der Vater zum Freunde des Sohnes geworden.
»Nun erzähle was von der Stadt, Rudolf,« drängte er. »Man ist doch
neugierig.«
»Was soll ich erzählen, Vater? Ich weiß nit, wo ich anfangen und wie
ich's sagen soll.«
»Dann scheint nit viel herauszuspringen,« wußte der Vater.
»Oder so viel, daß man's eben nit sagen kann.«
Der Hohlofenbauer berichtete nun seinerseits von den Abenden mit dem
jungen Lehrer. Rudolf hörte bedächtig zu. Er warf aber kaum ein Wort
ein. Da kam der Bauer allmählich ins Stocken. Rudolf sah ihn an. »Das
ist gut und schön, Vater, daß ihr euch das anhört, und wenn ich wieder
daheim bin, werde ich auch manches erzählen können, aber --,« er
schüttelte den Kopf, »nein, es ist nit zu sagen.« Seine Augen gingen
in die Ferne. »Gestern abend hat's auch bei uns geschneit. Ich mag das
gern und bin allein aus der Stadt hinausgegangen. Da habe ich halt eine
halbe Stunde gestanden, und dann bin ich wieder heimgegangen.«
»Und?« Der Vater neigte sich ihm entgegen.
»Ich habe gedacht: Jetzt stehe ich gerade da, wo Richard Frieders
erschlagen ward. Da arbeitet jetzt ein anderer. Und vielleicht fällt
gerade wieder ein Stein. Und fällt er nit heute, so fällt er ein
andermal. Und fällt er nit da, so fällt er woanders, heute oder morgen
oder übers Jahr. Deswegen aber arbeiten in der Grube doch zwölfhundert
Menschen. Bei uns arbeiten sechshundert. Alles arbeitet, arbeitet, und
wenn der Mensch nit arbeitet, hat ihn etwas anderes beim Wickel. Er
kommt nit mehr zu sich selber. Und weil er nit bei sich selber ist,
weiß er nix mit sich anzufangen. So will er gar nit mehr bei sich sein,
hört sich nit mehr und sieht sich nit mehr. -- Aber manchmal wacht er
auf, und da ist das Elend da, und er will heraus. Es ist nit wahr, daß
sie den Hals nit voll kriegen können. Die ihn nit voll kriegen, werden
überhaupt nit satt, und wenn ihnen heute einer die Hände voll Geld
stopft, sind sie morgen leer. Mit denen ist nix mehr anzufangen. Die
andern aber wollen nit Geld, sie wollen sich selber und können doch nit
zu sich finden. Es ist zu viel Lärm in der Stadt, der nit nötig wäre.
Aber der Lärm muß sein, daß man das Schreien nit hört.«
»Jesus, Rudolf,« rief die Mutter erschrocken.
Der Sohn lächelte sie freundlich an. »Ist nit so gefährlich, wie es
aussieht, Mutter. Den meisten ist es recht so. Und es fehlt ihnen
nix, und sie möchten es nit anders haben. Aber ~ich~ seh halt
immer unsere Felder und Wiesen vor mir und denke: Was würde der Mensch,
der jetzt auf Gott und die Welt schimpft, sagen, wenn er statt der
Kammer im Hinterhaus nur ein Häusel wie das Berteles-Häusel hätte? --
Und hätte er das nit, wenn er wenigstens eine Stube hätte, in der er
daheim wäre. Es sind zu viele, die nit mehr daheim sind. Vater, es
kommt alles darauf an, ob einer noch was will, und ob er weiß, wo er
aufhören muß mit dem Wollen. Nit anfangen, nein, aufhören. -- Als ich
allein auf dem Felde stand, da habe ich die Stadt lauter gehört als auf
der Hauptstraße. Ich will nit sagen, daß ich Erbarmen mit ihr gehabt
hätte. Sie braucht kein Erbarmen. Achtung habe ich vor ihr gehabt und
habe denken müssen: Laßt die heraus, die heraus wollen, und denen, die
hinein wollen, denen zeigt zuerst die Hinterhäuser und die Krankensäle,
die Grube und die Eisengießerei. Wenn sie das vertragen können, dann
können sie auch die Schaufenster vertragen.« Rudolf Korn holte tief
Atem. »Das habe ich alles gar nit sagen wollen, ist auch noch lange nit
das richtige, aber ihr wolltet halt mein Gesicht sehen. Da habt ihr es.«
Er schwieg, sah vor sich hin, und der Vater vermochte die Augen nicht
zu lösen von der hageren Hand mit der verheilenden Wunde.
Als er die Augen hob und sie in die des Sohnes senkte, lachte der ihn
an. »Vater, so eine Ernte weiß ich nit, so alt wie ich bin. Es ist ein
Staat.« Wieder reckte er die Arme. »Wenn ich erst wieder hinter dem
Pfluge gehe!« Und tief ernst: »Vater, und wenn ich hundertmal mit euch
und dem Lehrer zusammengesessen und hundert Bücher gelesen hätte, es
wäre nix, gar nix gegen vier Wochen vor dem Schmelzofen. Wie ich jetzt
auf die Erde horchen werde!« Er langte über den Tisch und nahm des
Vaters Hand. »Vater, du hättest gar nix Gescheiteres machen können als
-- -- --«
»Die Dummheit,« setzte der Hohlöfner rasch hinzu. Es schwang in der
Tiefe ein ganz feiner, wehmütiger Ton, aber wie voller Orgelklang brach
ihm die Freude aus den Augen, als Bauernhand die Bauernhand drückte.