»Das hab ich von meinem Vater.«
»Haben Sie die Stadt noch nicht satt?«
»Nein. Ich werde sie auch nit satt kriegen.«
»Das ist recht, und ich will mir derweile überlegen, wie Sie die
Winterabende so hinbringen können, daß Sie etwas davon haben.«
»Damit bin ich einverstanden.«
8.
Der Sommer verging. Heinrich Korn ward äußerlich wieder der alte. Er
ging dann und wann in das Wirtshaus und plauderte, aber er neckte
selten. Innerlich war der Mann in Not.
Seine Frau sah es mit tiefer Sorge. Sie war es nun, die kaum eine
Gelegenheit zu heiterem Scherz vorübergehen ließ, und sie hatte sich
das Mariele als Bundesgenossen geworben.
»Daß nur der Vater nit ins Sinnieren kommt,« hatte sie ihr gesagt.
»Lieber noch eine Dummheit, Mariele, als das Sinnieren. Tu, was du
kannst, daß er lacht. Der Vater muß mit Lachen säen und ernten und mit
frohem Gesicht aufstehen und sich niederlegen. Der Herrgott hat ihn zum
Frohsein geschaffen. Nur wenn er das ist, geht ihm die Arbeit von der
Hand und gedeiht ihm, was er anfängt. Mariele, der Mann stirbt uns,
wenn er nit wieder lachen lernt.«
Heinrich Korn lachte, aber es kam nicht aus dem Herzen herauf und hatte
zumeist einen grimmigen Unterton. Seine Frau hatte nach ihrer Rückkehr
aus der Stadt in dem Bericht, den sie ihrem Mann erstattet, klug alles
vermeiden wollen, das ihn hätte belasten können, aber er hatte mit dem
Herzen gehört und die feinen Schwingungen des anderen verstanden. Und
wer brächte es fertig, jeden Fehler zu vermeiden, wenn das Herz vor
sich selber auf der Lauer ist? Der Selbstmord des Bankiers, der Besuch
bei Grete Frieders, das Zusammentreffen mit dem erregten Menschenhaufen
vor der Bank, es waren Angelegenheiten gewesen, mit denen der Hohlöfner
fertig wurde, ob er auch keine von ihnen mit einem Kopfschütteln abtat.
Als aber die Frau in der Absicht, ihren Sohn zu erhöhen und zu zeigen,
wie weit er schon war, erzählte, daß Rudolf gesagt, er werde als
derselbe Lehrling wiederkommen, als der er gegangen sei, während er
doch in Wirklichkeit bereits sein Rüstzeug viel besser gebrauchen
gelernt, als er meine, da hatte der Mann wohl das eine gehört, nicht
aber das andere. Und das machte ihm Not. Rudolf glaubt als derselbe
Lehrling wiederzukommen, als der er gegangen ist? O weh! Er irrt. Als
er ging, vertraute er sich selber. Wenn er wiederkommt, wird er das
Selbstvertrauen verloren haben. Er kommt nicht als derselbe, er kommt
als ein Ärmerer. Diese Armut wächst herauf aus bitteren Enttäuschungen.
Die tun weh, machen schlaflose Nächte, lähmen die Kräfte. Alles kann
der Mensch verlieren, aber das Vertrauen zu sich selber darf er nicht
verlieren. Was soll aus ihm werden? Er sieht alles unter einem grauen
Schleier. Wehe dem Bauern, der bei der Saat an kommenden Hagelschlag
denkt. Der Sämann ist verloren, dem in dem Augenblicke, da ihm die
Körner aus der Hand sinken, Hoffen nicht zum Glauben ward. Das Feld
kann nur helle Bauernaugen brauchen. Rudolf hat sie gehabt, die weit
auslangenden Augen, die in die Tiefe sehen, in der sich die Wurzeln
nähren, und in die Höhe, aus der der Segen strömt. Schreibt der Bauer
nicht dem Herrgott unmittelbar in die Hand? Das kann nur mit festen
Fingern geschehen. Zitternde Finger schreiben eine krause Schrift, und
die kann weder der Herrgott noch der Mensch lesen.
Heinrich Korn ward das Wort vom innerlich müden Lehrling nicht los.
Hundert Ursachen fand er, zu sagen: »Er muß wieder her.« Lauter
äußere Gründe. Sie könnten nicht allein mit der Ernte fertig werden;
wer sollte im Herbste ackern und das neue Saatbeet herrichten? Die
~eine~ Ursache, die ihn wie ein verhaltener Schrei bedrückte: »Die
Stadt nimmt mir in meinem Jungen den Bauern!« verschwieg er, und seine
kluge Frau brachte es nicht fertig, sie als Unterton zu hören.
Wohl ahnte sie Sorge, aber sie erachtete sie nicht als so groß, daß
sie in ihr die Düsterkeit gerechtfertigt zu sehen vermocht hätte, die
in stillen Stunden auf dem Manne lastete. Rudolf schrieb seltener als
früher, aber seine Briefe waren zuversichtlich. Der Bauer las nicht,
was ~auf~ den Zeilen stand, er las zwischen ihnen, und -- er
übertrieb.
Seine Frau redete ihm zu, in die Stadt zu fahren, und, wenn er dem
Sohne eine ganz besondere Freude machen wolle, das Mariele mitzunehmen.
Heinrich Korn polterte in gemachtem Zorn dagegen: »Das könnte dem
Ausreißer so passen, daß ihm sein alter Vater nachläuft! Und das Mädel
mitnehmen? Du bist nit gescheit, Mutter! Ich bin der letzte, der dem
Dorfe den Hanswurst macht!«
Und doch zog es den Mann zu dem Sohne, dem er in die Augen sehen
wollte. Aber er fürchtete sich. Herrgott, wenn Rudolf, der, war er auch
stets langsam und bedächtig gewesen, doch Leben und Arbeit immer mit
festen Händen angefaßt hatte, als ein müder Mann vor ihm stand, dem
die Bitterkeit allen Geschmack auf der Zunge verdarb! Er würde nichts
sagen, aber, ein Angeklagter, würde der Hohlöfner vor seinem Richter
stehen.
Heinrich Korn übertrieb. Was war zu machen? Er übersteigerte immer. --
-- --
Heiß durchmaß der Juli den ihm bestimmten Weg, heißer trat ihn der
August an. Stiller ward es auf den reifenden Äckern, zu denen herüber
die Berge grüßten. Die Halme wurden gelb, die Ähren schwer. »Morgen
wollen wir anfangen zu schneiden,« sagte der Hohlöfner ernst.
»Es steht eine gute Ernte draußen, Vater. Der Herrgott hat uns auch
dies Jahr nit verlassen.«
Eine gute Ernte? Der Hohlöfner wußte es lange und hätte in jedem
anderen ähnlichen Jahre lachend gesagt: »Ja, sie verlassen uns beide
nit, der Herrgott und der gute Mist.« Heuer sprach er stirnrunzelnd:
»Da kann man noch gar nix sagen. Erst muß die Ernte in der Scheune
sein, und dann muß man sehen, was sie beim Dreschen gibt.«
Am selben Abend stand die Bäuerin vor Marie Berteles. »Mariele, halt
beide Hände über den Vater!«
»Korns Mutter,« sagte das Mariele traurig, »das tu ich, sosehr ich
kann, aber -- er zupft mich nit ein einzigmal mehr an den Zöpfen.«
Es wurde im ganzen eine unfrohe Ernte. Meist hieß der Bauer das Mariele
auf den Wagen steigen und laden. Das Mädchen hatte wahrlich flinke
Hände, und der Wille, dem künftigen Schwiegervater Freude zu machen,
erhöhte ihre Arbeitslust. Sie war nie so fleißig gewesen, aber sie tat
dem Hohlöfner nicht genug. Er gabelte wie wild. Als ob jeder Handgriff
unter einem heißen Zorn geschähe, spießte er die Garben auf und warf
sie auf den Wagen. Sie flogen wie Bälle, und Mariele Berteles hatte nur
zwei Hände.
Da schrie sie der Bauer an: »Ihr habt nit arbeiten gelernt. Zimperlich
seid ihr. Geh herunter vom Wagen. Ich hole die alte Norle (Leonore),
die kann's besser als du.«
Die Tränen in des Mädchens Augen wollte er so wenig sehen wie das, daß
ihr Gesicht allmählich seine frische Farbe verlor. Der bittende Blick
aus Mädchenaugen machte ihm wohl Not, aber er erschlug sie mit seiner
größeren.
Die hätte helfen können und die gesehen hätte, wo und wie zu helfen
war, die Bäuerin, war nicht mit auf dem Felde.
Es ging auf das Ende der Ernte zu. Die Leute vom Hohlofenhofe waren am
Hafer. Selten war der so lang und schwer gewesen. Der Abend kam, das
letzte Fuder war für heute geladen, das Mariele ließ sich am Wagenseil
herab und -- sank mit einem leisen Wehschrei auf die Stoppeln.
Heinrich Korn hatte eben die Pferde herumlenken wollen. Nun sprang er
herzu, weil die Magd aufschrie: »Jesus, das Mariele!« Sie warf sich
über das Mädchen, rüttelte es, bat: »Mach doch die Augen auf, Mariele!«
Das Mädchen lag bleich und still wie eine Gestorbene.
»Was ist?« fragte der Hohlöfner rauh.
»Sie ist weggeblieben.« Und grollend setzte die Magd hinzu: »Ihr habt
zuviel von ihr verlangt. Gerade als wenn sie ein Stück Vieh wäre.«
»Was -- hab -- ich?« Es kam fremd und verwundert aus des Mannes Munde.
Da belferte die Magd los: »Ihr habt das freilich nit sehen wollen, wie
sie von Kräften gekommen ist. Gegabelt habt ihr, daß sie zehn Hände
hätte haben müssen.«
Da fuhr der Bauer auf. »Halt das Maul!« Und zu dem Knechte: »Fahr zu.
Wir kommen nach.«
Er hob das Mädchen auf und bettete es auf die zur Seite liegenden
Hafergarben. Dann neigte er sich über sie. Die Ohnmacht war tief
und lang. »Mariele,« rief der Bauer leise und nahm ihre kalte Hand.
»Mariele.« Sie regte sich nicht. Jetzt riß er ihre Hand an sich und
suchte den Puls. Er fand ihn nicht. Da drückte er den Kopf auf die
junge Brust. Er hörte den Herzschlag nicht. Tot? Ein Herzschlag infolge
Überarbeitung? »Mariele!« schrie der Bauer auf, daß es weit über die
Felder schallte. Sein eigener Herzschlag setzte jetzt aus und raste
hernach. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Mariele!« Da holte
sie tief Atem, schlug die Augen auf, sah den Bauer an und lächelte.
»Gott sei Dank!« stöhnte der Mann aus tiefer Brust. »Was war denn das
jetzt, Mariele?«
»Ich weiß auch nit.«
»War das schon öfter?«
»Nein. Heute das erstemal.«
Sie erhob sich, taumelte noch ein wenig und lächelte doch dabei. Da
nahm der Mann sie in seine Arme und drückte sie an die Brust. »Mariele,
hast eine schwere Zeit gehabt. Ich -- will's gutmachen.«
Und das Mädchen, in dessen Augen die Tränen selten waren, drückte das
Gesicht fest an des Hohlöfners breite Brust und weinte.
Unbeholfen strich ihr der Mann über die feinen Haare. »Mußt nit,
Mariele, mußt nit. -- Kannst du gehn oder soll ich dich tragen?«
Da löste sie sich aus dem Mannesarm, sah dem Bauern mit rührendem
Lächeln in das Gesicht: »Tragen? Ich kann laufen. Es ist mir wieder
gut.« Sie drängte ihre Hand in die des Bauern. »Nit böse sein, gelt?
Ich habe nix dafür gekonnt.«
Sie gingen miteinander heim. Der Hohlöfner litt es nicht, daß das
Mädchen mit auf den Hof ging, um beim Abladen zu helfen. Er brachte sie
bis an das Häuschen der Mutter und drückte ihr die Hand. »Hast dir ein
ordentlich Erntegeschenk verdient. Gute Nacht, Mariele.«
Das kleine Erlebnis war dem Bauern gut. Von dem Tage an sah er nicht
mehr nur in sich hinein, sondern auch wieder um sich her. Und siehe,
es war viel da, sich zu freuen. Wenn er jetzt auf den abgeernteten
Feldern hinter dem Pfluge schritt, die Griffe festhielt, daß die Arme
schütterten, und die Pferde leise schnauften, dann ließ er den Blick
über die Wälder im Osten gehen, suchte und fand seinen Sohn und sah
allmählich einen vor sich, dessen Gesicht wohl harte Linien hatte,
dessen Augen aber nicht müde und stumpf waren, sondern in festem Willen
aufleuchteten.
Die Bäuerin merkte die Veränderung und machte das Mariele darauf
aufmerksam. »Der Vater wird wieder anders.«
»Ja, aber er zupft noch nit.«
»Kommt auch wieder, Mariele.«
Und es kam.
Kartoffeln und Rüben waren geerntet, die Kirmes war vorüber, über
dem Lande lag alle Tage ein feiner Nebelhauch. Auch der letzte
Schlehdornstrauch besann sich darauf, daß er seine Blätter dem Herbste
opfern müsse, und ließ sie langsam aus den Händen gleiten.
Da holten die Schönbacher ihre Dreschmaschine aus dem Maschinenhause.
Anton Dreier säuberte den Kessel vom Staube, prüfte die Ventile, ölte
und sagte: »Nun kann's losgehn. Jetzt wollen wir mal wieder Speck
ansetzen.« Er freute sich darauf, daß er nun acht Wochen lang werde
jeden Tag Klöße und Schweinefleisch essen können, obwohl er wußte, daß
es auch in diesem Jahr so gehen werde, daß er nach vier Wochen um ein
Erbsengericht zum Mittag bitten werde.
Hopp, der Kessel klapperte und klirrte über die Schwelle. Danach kam
die Maschine, die Emil Eckart nachgesehen hatte, und dann fand sich
auch Ernst Wichmann ein, der an der Maschine der Ersatzmann war. Nun
war alles beieinander, Kessel, Maschine und Menschen.
Rumpelnd fuhren des Hohlöfners Pferde den Kessel in Adolf Wiegands Hof,
der in diesem Jahre zuerst dran war. Es war schon höllisch kalt. Jeden
Morgen lag dicker Reif auf dem Grase. Aber es war doch im ganzen Dorfe,
als ginge es auf eine Festzeit zu.
Dreschen war ein Fest! Die Nachbarn halfen einander aus. Der schickte
seinen Knecht, der die Magd, der andere Sohn oder Tochter. Dieser oder
jener kam auch selber. --
Die Nacht lag auf dem Lande, die gefrorenen Gräser klirrten und brachen
bei jedem Schritte, da schürte Anton Dreier das Feuer unter dem Kessel,
stellte die große Wanne zur Seite, in der der Sauger lag, paffte
aus der kurzen Pfeife und plauderte mit dem Hausherrn. Er war ein
bewanderter Mann, der Heizer, wußte, was von ~der~ Kohle und von
jener zu halten war, kannte sich aus unter den Leuten im Dorfe und in
den Nachbarorten und hatte mehr als eine Heirat gestiftet.
Gemächlich schritt er einher, legte den breiten Riemen auf, der vom
Kessel zur Maschine führte, schlug einen Keil fester, guckte auf die
Uhr, beäugte den Druckmesser und zog die Pfeife. Huiii, heulte es über
das Dorf, schlug sich durch den Nebel und zerbarst am Waldrande. Huiii!
Wohl fünf Minuten lang. Der Pfiff hatte die Wirkung eines elektrischen
Schlages. Alle Nasen hoben sich witternd in die Luft. Den Kindern, die
zur Schule gingen, ward der Weg sauer, die Knechte, die heute Säcke
tragen mußten, spuckten zum erstenmal in die Hände und erprobten, ob
sich auch die Muskeln ordentlich spannten, die Mädchen suchten nach den
Kopftüchern, und selbst den alten Weibern, die Spreu abtragen mußten,
kribbelte es in den Fingern.
Eine reichliche halbe Stunde später der zweite Pfiff. Anton Dreier
hatte schon guten Druck auf dem Kessel und goß eben noch einen Schnaps
in die Kehle, um auch innerlich auf Druck zu kommen. Nachher im Laufe
des Tages trank er nur noch, um den massenhaft umherfliegenden Staub
hinabzuspülen. Der Staub aber war zähe. Wenn der Abend kam, mußte der
Mann ordentlich Klöße und Schweinefleisch vorlegen und das aufstoßende
Fett hinabtrinken. --
Endlich kam der dritte Pfiff. Ganz kurz und befehlend: Habt acht, es
geht los! Alles war auf dem Posten. Anton Dreier drehte das Ventil auf,
zisch, zisch machten die Kolben, surre, surre sangen die Räder.
Und surre, surre sangen sie den ganzen Tag bis in die sinkende Nacht,
und das Jungvolk sang mit, wenn es nicht vor Lachen kreischte; denn
die Maschinenmänner machten Witze, die mehr Staub aufwirbelten als
die Maschine. Es war harte Arbeit, und Hand mußte in Hand greifen,
aber es war doch eine festliche Zeit. Und es war eine Zeit, in der die
Erwartung in aller Augen stand; denn das Jahr hat nur eine Ernte, und
das kommende Jahr liegt in den Ähren des vergangenen beschlossen. Die
Garben zureichen, wissen am Gewicht, welcher Art der Bauer ist, dem sie
die Frucht ausdreschen, und der Mann auf der Maschine läßt es langsam
sickern, wenn ihm die schweren Halme durch die Hände gleiten, und läßt
es rauschen und regnen, wenn er leichte Ware zwischen den Fingern hat.
Wartend aber stehen die Sackträger hinter der Maschine, haken an,
heben ab. »Schlecht,« sagen sie bei dem einen und schlagen die Arme
übereinander, und: »Sackerlot!« bei dem anderen und wuchten die
hundertdreißig Pfund auf die Schulter. Auf dem Getreideboden aber
steht der Bauer und hat die Kreide in der Hand. Bei jedem Sacke,
der abgetragen wird, macht er einen Strich, und wenn eine Fruchtart
ausgedroschen ist, dann überfliegt er zählend die Striche. Sein Gesicht
ist bekümmert, wenn es ihrer weniger sind, als er erwartet, es ist
zufrieden, wenn er seine Rechnung findet, und es geht lachend in die
Breite, wenn er seine Erwartungen übertroffen sieht.
Einerlei wie der Tag war. Was fragt das Jungvolk danach? Der Abend
kommt in jedem Falle, und der ist das Wichtigste am ganzen Tage.
Die alten Frauen, die Spreu abgetragen haben, sitzen beieinander und
plaudern von denen, die den Kranz trugen und ihn nicht verdienten,
und wissen, wer auf die Freit geht und wie die Geldsäcke zueinander
passen. Dann reden sie von denen, die aus dem Dorfe gingen und die
hereinkamen, dann von den Preisen für die Ferkel und die fetten
Schweine. Dazwischen trinken sie Punsch, bis die Augen glühen und die
Gesichter glänzen.
Bei der Gelegenheit kommen auch des Hohlöfners Rudolf und das Mariele
dran, und -- es ist eine Schande. Eine Schande ist es! Was denn? Daß
der Rudolf in die Stadt ging, oder daß er das Mariele freien will, oder
daß der Alte fünftausend Taler verlangt? Es ist eben eine Schande, aber
-- -- -- der Hohlöfner ist der Hohlöfner!
Die Bauern sitzen am Tische und karten, und wenn Christian Lorenz 50
Pfennige verloren hat, dann läßt er die Pfeife ausgehen, weil es sonst
zu teuer wird.
Das Jungvolk aber fragt nach dem allem nicht, das wartet auf Wilhelm
Hercher, der den Ziehbalg spielt. Nun ist er da, nun quäkt die
Harmonika, die Füße, die den Tag emsig hin und her gesprungen sind,
schleifen im Takte über die Dielen, daß die Splitter fliegen, und die
Hände, die heute die schweren Säcke auf den Rücken geschwungen haben,
halten die Mädel fest, daß denen vor Lust der Atem vergeht.
So acht Wochen lang Haus bei Haus. Und das sollte kein Spaß sein?
Draußen aber brauen die Nebel, die Bäume tropfen, und um die Ecke lugt
Weihnachten.
Eines Tages, es ist gegen Ende November, kommt die Hohlöfnerin in das
Berteles-Häuschen. »Berteles-Mutter, wir wollen übermorgen dreschen.
Ich brauche das Mariele. Wir müssen backen.«
»Freilich kann sie dir helfen.« Dabei klopft die Alte den Flachs auf
der Breche. Das Spinnrad fängt in seiner Ecke beinahe von selber an zu
schnurren.
Sie braten, backen und kochen auf dem Hohlofenhofe, und der Bauer geht
mit einem Gesicht ab und zu, auf dem Ernst und Heiterkeit streiten.
Sosehr er sich Mühe gibt, er ist innerlich noch nicht wieder der alte,
aber er spürt, daß es darauf zugeht. Heute früh hat er gepfiffen, und
nur weil der dumme Knecht sagte, das hätte er lange nicht gehört, war
der Bauer still gewesen. Hätte der Knecht den Mund gehalten, hätte
der Bauer noch länger gepfiffen. Und noch ein anderes fiel ihm auf.
Wenn das Mariele an ihm vorüberging, zuckte es ihm in den Fingern,
sie an den Zöpfen zu zupfen. Er überwand sich aber. Das Mariele blieb
ungezupft.
Die Zeit der Vorbereitungen war vorüber, die Dreschmaschine stand
auf dem Hohlofenhofe. Anton Dreier hatte zum ersten, zum zweiten und
zum dritten Male gepfiffen. Die Maschine surrte. Emil Eckart kriegte
die ersten Garben. »Langsam!« brüllte er in die Scheune hinauf. Er
konnte es nur tröpfeln lassen. »Sackerlot!« sagten die Sackträger und
verausgabten im Laufe des Tages die Spucke literweise. Der Hohlöfner
aber stand am Balken und machte Striche. »Dunnerlichting,« sagte er
nach etlichen Stunden, »seid ihr denn mit dem Korn noch nit fertig?«
»Noch lange nit!«
Da ward sein Gesicht ganz blank vor Freude.
Als er zu dem kurzen Mittagbrot hinabging, lief ihm das Mariele in den
Weg. Da konnte er wahrhaftig nicht anders, da mußte er -- zupfen.
Die sah ihm lachend in die Augen.
»Er zupft wieder,« sagte der Mann frohmütig.
Und: »Gott sei Dank, daß er wieder zupft,« das Mariele und lief rasch
wieder in die Küche.
Da stand die Bäuerin und arbeitete mit heißem Gesicht.
»Er zupft wieder,« rief ihr das Mariele schelmisch zu.
Und: »Laß ihn zupfen,« quittierte die Hohlöfnerin, lichte, erlöste
Freude in den Augen.
Einen ganzen Tag und vom anderen drei Viertel surrte die Maschine auf
dem Hohlofenhofe, und Heinrich Korn wußte zuletzt weiter nichts zu
sagen als: »Das ist noch gar nit dagewesen! Ja, unser Herrgott und der
gute Mist!« Wie oft er in der Zeit gezupft, das wußte weder er noch das
Mariele. Nur seine Frau hatte ihn einmal verwiesen: »Mach's nit gleich
gar zu arg, Vater.«
Am Abend des ersten Tages aber war es auf dem Hofe bügelhoch gegangen.
Minna Korn saß unter dem Häuflein der Alten und Christel Müller hatte
es gewagt, zu fragen: »Wird's denn nun was, Minna?«
»Warum soll's denn nit werden?« hatte die Bäuerin dagegen gefragt und
ihr harmlos in das Gesicht gesehen.
»Tja, wir haben doch gehört -- -- -- Sie soll doch fünftausend Taler
mitbringen.«
Und Minna Korn ganz ernsthaft: »Ist das etwa zuviel verlangt, wenn sie
auf den Hohlofenhof kommt?«
»Gar nit, nein, aber -- -- --« Und das Aber hatte hundert a gehabt.
Es tat den alten Frauen unendlich wohl, daß die Bäuerin so leutselig
und so offenherzig war. »Sie hat das natürlich noch nit ganz
beieinander, aber sie hat viel mehr, als man gewußt hat.«
»Was du nit sagst! Man darf wohl nit wissen, wieviel?«
»Nein, Christel, das darf man nit. Aber das darfst du wissen, daß
sie übers Jahr auf dem Hofe ist, und dann wird alles in der Ordnung
zugegangen sein.«
Inzwischen quäkte die Ziehharmonika lustig drauflos, und die Paare
wirbelten, daß es eine Art hatte.
Der Hohlöfner saß neben den Kartenspielern, und der alte Humor war
springlebendig in ihm. Er hetzte da und stachelte dort und lachte aus
vollem Halse, wenn ihm einer auf den Leim gegangen war und die Pfennige
aus der Westentasche kramen mußte.
Bei einer solchen Gelegenheit ward Christian Lorenz teufelswild, keifte
auf den Bauer los und sagte, er möge sich mit seiner Scheinheiligkeit
zu dem jungen Pack scheren, er, Christian Lorenz, habe das grüne As
nehmen wollen, und das hätte den Stich gemacht. Der Hohlöfner habe auf
dem Eichel-Alten bestanden, und nun hätte man den Dreck.
Heinrich Korn schlug ihm lachend auf die Schulter. »Ich geh zu den
jungen Leuten. Du bist mir zu grob, Christian.«
Eben spielte Wilhelm Hercher einen Walzer. Da ging der Hohlöfner
breitbeinig auf das Mariele zu.
»Komm, Mariele, wir müssen einen miteinander machen.«
Hercher zerrte den Ziehbalg, daß er doppelt laut aufschrie, Korn
umfaßte das Mariele und drehte es so zierlich und behutsam, als tanze
er mit einer Prinzessin. Rundherum aber stand das Jungvolk, juchzte
und klatschte nach dem Takte in die Hände. Kein ander Paar tanzte. Des
Hohlöfners Augen aber blitzten. Er drehte weiter, lachte nicht und
hatte doch ein strahlendes Gesicht.
Das Mariele noch an der Hand, stand er im Kreise, sah rundum und sagte:
»Denkt ihr etwa nit, ihr Schafsköpfe?«
Sie wußten nicht, was sie »nit denken sollten«, aber sie lachten aus
vollem Halse.
Einer der Sackträger ging auf den Bauern zu und wies ihm seine Hände.
»So sehen sie aus! Und das hat einen Extralohn verdient.«
Der Bauer aber lachte ihn aus. »Das sollen Bauernhände sein? So hat sie
die alte Norle auch.«
Er war es auch, der vorschlug, dem Rudolf eine Karte zu schreiben.
Es geschah, jedes malte seinen Namen darauf, der Hohlöfner hatte
wieder einmal auf der ganzen Linie gesiegt. Und sein Weib hatte ihm
getreulicher geholfen, als er wußte; denn nicht das ist die Hauptsache,
was die Männer denken und sagen, sondern das, was sich die alten Weiber
zutuscheln. Und die sagten heute abend, daß -- die Hohlofenleute ein
rechtes Gotteswerk täten. --
Die Maschine war wieder vom Hofe gefahren worden. Heinrich Korn stand
auf seinem Getreideboden und ließ die Augen auf den Haufen ruhn.
Von denen ging sein Blick auf die Kreidestriche auf dem Balken. Er
zählte sie durch und schüttelte den Kopf. Eine solche Ernte hatte
der Hohlofenhof nie gehabt. Der armen Bertelessin aber war die Ernte
verhagelt. Der und auch dem Ender.
Nicht der Dank gegen Gott zog den Bauern auf die Knie. Den hatte er
schon am Erntefest mit einem Zehnmarkschein in den Klingelbeutel
abgemacht. Und doch war es himmelweit von Rechnen und Berechnen
entfernt, als der Bauer niederkniete und die Hände ganz tief in den
goldenen Weizen grub. Es war -- Gottesdienst. So langte er tief
hinein in des Herrgotts Herz, und ob es sich auch nicht formte, ja
nicht einmal in den Bereich des Sagbaren hereinragte, der Bauer
griff andachtsvoll die goldenen Sonnenstrahlen, die das Jahr über
gefunkelt, ließ sich den fruchtbaren Regen über die Hände rieseln,
trank die heiligen Kräfte Himmels und der Erde in sich hinein, als er,
ernst verklärten Gesichts, die Arme bis über die Ellenbogen in die
Weizenkörner grub. Er liebkoste die Frucht, liebkoste in ihr seine
Scholle und sah von unten herauf demütig dem Herrgott in die Augen.
Gottesdienst auf dem Getreideboden!
Der Hohlöfner richtete sich auf, rüttelte sich wach und schritt hinab.
Drunten langte er nach der Zeitung und studierte die Getreidepreise.
Sie waren gut. Da beschloß er, zu verkaufen. Noch nicht alles, o nein,
aber so viel, daß er -- -- -- Das brauchte er niemand zu sagen.
»Mutter,« rief er der eintretenden Bäuerin zu, »das Getreide steht nit
schlecht. Ich denke, wir fahren morgen ein Fuder in die Stadt.«
»Ist das nit ein bissel zu früh, Vater?«
»Ich denke nit.«
»Hast du denn dem Mariele überhaupt schon ein Erntegeschenk gemacht?«
»Das geht mich nix an, ist deine Sache.«
»Bring Geld, dann wollen wir wieder drüber reden.«
»Nit zu bunt, Mutter,« drohte der Bauer lächelnd.
»Nein, bloß, was es austrägt,« quittierte die Frau mit heller Stimme.
Heinrich Korn fuhr zwei volle Wagen in die Stadt. Als er am Abend
das Geld auf den Tisch zählte, langte seine Frau nach einem
Hundertmarkschein. Der Hohlöfner legte seine Hand auf die zugreifenden
Finger.
»Da wird nix draus, Mutter.«
»Aber Vater, es ist doch für das Mariele!«
»Es ist zu viel. Du machst mich bankerott.«
»Sieht ganz danach aus.« Die Frau zog den Schein unter den nachgebenden
Fingern hervor. »Laß dich's nit dauern, Vater. Kommt ja doch alles
wieder auf den Hof. Ist bloß geliehenes Geld.«
»Dunnerlichting,« der Hohlöfner runzelte die Stirn, aber die Schelmerei
saß ihm behaglich in den Augenwinkeln, »so habe ich das nit gemeint.«
»Aber ich! -- Brauchst nit auf mich zu warten. Ich geh bloß in das
Berteles-Häusel.«
»Wie ist denn das überhaupt mit den Leuten? Ich denke, sie haben soviel
wie nix geerntet?«
»Ist schon abgemacht, Vater. Gute Nacht.«
Draußen war die Frau, und der Bauer schlug lachend auf den Tisch. »Wenn
die Weiber zwei zusammenbringen wollen, dann ist eine wie die andere.
Ei, ei.«
Er raffte das Geld zusammen und stieg die Treppe hinauf. Sorgfältig
steckte er es in die Ledertasche, die in seiner Truhe lag, griff dann
in das Bettstroh und verleibte etliches dem Strumpfe ein, auf dem er
fest und ruhig schlief, als seine Frau leise in die Kammer trat. Sie
betrachtete den Schlafenden einen Augenblick und lächelte wehmütig. Du
lieber, närrischer Mann!
Am anderen Morgen ging der Hohlöfner nach dem zum Schlagen bestimmten
Waldstück. Da begegnete ihm Ender, der Waldstreu holen wollte. Er ließ
den Kopf tief hängen. Der Hohlofenbauer redete ihn an und fragte nach
der Ernte. Mürrisch entgegnete Ender, daß sie so ausgefallen sei, wie
sie nach dem Hagelschlag habe ausfallen müssen.
»Bist schlecht daran,« bestätigte ihm Korn.
Dazu schwieg Ender, so daß der Hohlöfner fragen mußte: »Ist denn sonst
noch etwas? Du tust so niedergeschlagen.«
»Mein Paul ist krank.«
»Dein Paul? Was ist denn mit ihm?«
»Der Doktor sagt, es wäre eine Lungenentzündung.«
»Herrgott,« entfuhr es dem Hohlöfner, »immer was Neues, aber nix
Gescheites. -- Halt den Kopf hoch, Ender. Das kommt auch wieder anders.«
»Bei mir nit.« Der geschlagene Mann trottete weiter.
Die Freude, unter der er aus seinem Hause gegangen, war dem
Hohlofenbauern verhagelt. Er kam in seinen Wald, ging von Stamm zu
Stamm, schaute prüfend von unten bis in die Wipfel und beschloß, von
seinem Vorhaben abzustehn. Sosehr er sich darauf gefreut, dem Ziele
wieder ein Stück näherkommen zu können, die Sorge um sich und seine
Leute trat vor dem nachbarlichen Mitleid zurück. Wenn mich der Ender
angeht, helf ich ihm, beschloß er. Ihm selber Hilfe anzubieten, das
ging zu weit, und Heinrich Korn empfand nicht, daß er mit seinem
Gutmeinen eigentlich auf halbem Wege stehenblieb. Er kehrte heim, und
der erste Schnee sickerte.
Die Tage gingen. Still und kahl standen die Bäume in den Gärten und
an den Straßen, und in den Astwinkeln ballte sich der Schnee. Das
ganze Land lag da in weißer Reinheit. Hungrige Krähen schweiften über
die Fluren, aber sie wagten sich noch nicht in die Höfe. Anders die
Goldammern und Haubenlerchen. Wenn der Bauer den Tauben das Futter
streute, waren sie da, und wenn die Bäuerin die Hühner fütterte, holten
sie sich ihr Teil. Man freute sich ihrer, und man freute sich der
Meisen, die in den Gärten die Zweige absuchten.
Winter ist stille, aber nicht tote Zeit auf dem Dorfe. Der Hohlöfner
schritt jetzt gern, die Flinte in der Hand, über die Felder, Hasen zu
schießen, saß dann und wann an den Abenden mit den Nachbarn zusammen
und hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Er plauderte auch zuweilen
von seinem Sohne, der jetzt in der Gießerei war. Das war durchaus in
der Ordnung. Den Zufall wußte der Bauer als planmäßige Entwicklung zu
deuten. Es hätte gar nicht anders kommen dürfen.
Auf dem Hohlofenhofe fand sich jetzt öfters ein Gast ein, den die
Bäuerin jedesmal gern willkommen hieß. Sie hatte den jungen Lehrer
eines Tages einfach auf der Dorfstraße angeredet und ihn gefragt, was
er denn an den langen Winterabenden mache.
»Ich lese,« war die Antwort gewesen.
Darüber hatte sich Minna Korn entrüstet. »Immerzu lesen? Das verdirbt
die Augen und tut Ihnen auch sonst nit gut. Sie müssen mehr unter die
Leute gehn.«
»Wohin soll ich denn gehen? In das Wirtshaus?«
»Dann und wann ist's nit verkehrt, aber warum wollen Sie nit auch
zu uns kommen? Da ist weiter niemand als mein Mann und ich und das
Mariele, aber die kommt nit immer.«
»Wenn ich kommen darf, dann tue ich's gern.«
»So müssen Sie nit sagen. Kommen dürfen! Mein Mann weiß so manchmal
nit, was er machen soll.«
Da saß denn der junge Mensch am Tische des Hohlöfners. Heinrich Korn
saß ihm gegenüber, die Bäuerin und das Mariele spannen, und die Räder
schnurrten lustig.
Die Männer führten keine tiefgründigen Gespräche, aber der Bauer ließ,
wenn er merkte, daß der junge Lehrer zu husten begann, gern die Pfeife
ausgehn und entbehrte nichts dabei. Sie plauderten von der Stadt, aus
der der Lehrer kam und in der Rudolf war, und es mochte wohl die tiefe,
lange Stille sein, die den jungen Menschen erwartete, daß er die feinen
Untertöne des Lebens deutlicher vernahm und sein Urteil weiser und
ruhiger war, als es die Jahre rechtfertigten.
Schon nach wenigen Abenden hatten sie den Weg gefunden, auf dem
gemeinsam zu gehen ihnen Herzensbedürfnis war. Zwischen ihnen lag
ein Brief, den Rudolf geschrieben. Er hatte von dem Ernst und der
Vielgestaltigkeit der Arbeit berichtet und dankbar Grete Frieders
genannt, die ihn dahin und dorthin wies, zu hören und zu sehen.
»Wenn er wiederkommt,« sagte der Hohlöfner stolz, »wird er das Dorf
schon durcheinanderrütteln.«
»Hoffentlich versucht er das nicht,« entgegnete Lehrer Siebert.
»Warum nit? Dazu ist er fortgegangen, und wir haben vielzuviel faule
Köpfe. Denen tut es not, daß sie munter gemacht werden.«
»Wenn er wiederkommt,« sagte der Lehrer leise, »gehe ich.«
»Dummes Zeug,« wehrte der Bauer. »Das ist keine Art, mit fünfundzwanzig
Jahren vom Sterben zu reden.«
Siebert lächelte. »Also reden wir nicht mehr davon. -- Aber mit Ihrem
Sohne würde ich gern einmal sprechen.«
»Dazu ist bald Gelegenheit. Er kommt zu Weihnachten, aber Sie dürfen
ihn mir nit kopfscheu machen.«
»Das werde ich nicht tun, und wenn ich ihn recht beurteile, wird er,
was ich ihm sagen möchte, selber wissen.«
»Was wollen Sie ihm sagen?«
»Daß er vorsichtig sein soll, hier wie dort. In der Stadt schlagen
sie ihm die Knochen entzwei und -- -- --« Der Hohlöfner lachte. »Dazu
gehören zwei, einer, der schlägt, und einer, der sich schlagen läßt.
Und Rudolf müßte nit mein Junge sein, wenn er nit auf eine Backpfeife
zwei setzte.«
Lehrer Siebert lächelte. »Wie denken Sie sich eigentlich die Art, in
der er in der Stadt Einfluß auf die Leute gewinnt?«
»Wie ich mir das denke? Er soll auf den Tisch hauen und ihnen sagen,
wieviel hundertmal ein Schwein gefüttert werden muß, ehe es drei
Zentner wiegt.«
»Gut. Und?«
»Und wie unser Tag fünfzehn und achtzehn Arbeitsstunden hat.«
»Hm. Dabei muß er schon vorsichtig sein.«
»Und wie eins auf das andre angewiesen ist.«
»Das ist wieder richtig.«
»Und daß sie sich nit verhetzen lassen sollen.«
»Dann schlagen sie ihm die Knochen entzwei. -- Herr Korn, so, wie
Sie sich das denken, täte Rudolf weder sich noch der Stadt noch dem
Dorfe einen Dienst. Ein Saal voller Menschen ist nicht die Stätte der
Vernunft. Wollte er in der Stadt mit seiner Weisheit an das Rednerpult
treten und über die Köpfe das Gegenteil dessen donnern, was die Leute
hören wollen und was als Zündstoff unter ihnen liegt, dann würden ihn
hundert Fäuste zugleich hinauswerfen. Und wollte er es auf dem Dorfe
tun, dann würde ihn niemand mehr für einen Bauer ästimieren. So geht
das nicht. Ein kluges, mäßiges Wort ist angebracht und läßt die Leute
aufhorchen. Die Gebärde des Reformators aber ist überall am falschen
Platze. Ich sehe nicht mehr als Ergebnis der Lehrzeit Ihres Sohnes, als
daß der einzelne wieder den einzelnen gewinnt. Von dem einzelnen aus
muß die Sache langsam wachsen. Tropfen geben den fruchtbaren Regen.
Wenn es regnet, als wenn Mulden ausgeschüttet würden, dringt nichts in
die Erde. Wir kriegen nur Hochwasser. Wenn es aber leise und langsam
sickert und rauscht, dringt jeder Tropfen ein, die Felder trinken sich
satt, die Halme und die Ähren wachsen, und kein Bach wird zum Unhold.
So muß die Arbeit hüben und drüben getan werden, und es ist schon
viel gewonnen, wenn der gute Wille da ist, einander zu verstehen und
gerecht zu werden. -- Das wollte ich Ihrem Sohne sagen, aber es wird
nicht nötig sein. Er hat seine kluge Freundin in der Stadt, und er wird
selber genug gesehen und gehört haben.«
Der Hohlofenbauer sah den jungen Mann nachdenklich an. »Hm, das ist
freilich anders, als ich mir das gedacht hatte.«
»Bei dir soll es im Sturmschritt gehen, Vater,« sagte die Bäuerin vom
Spinnrade her.
»Wenn auch das nit grade, aber das andere ist gar zu langsam.«
»Dafür gründlich,« entgegnete der Lehrer.
»Dunnerlichting,« der Hohlöfner schnaufte, »darüber sterben wir ab.«
»Und die nach uns auch noch, und noch eine Reihe von Geschlechtern,«
kam es eindringlich aus Lehrer Sieberts Munde.
»Dann hätte Rudolf überhaupt nit in die Stadt zu gehen brauchen.«
Der Bauer war so befangen in den ernsten Erwägungen, daß er abermals
die Ursache vergaß und Dichtung ihm zur Wahrheit ward.
Die Bäuerin lächelte und nickte ihrem Manne vielsagend zu.
Lehrer Siebert aber beruhigte den Bauern. »Herr Korn, der Gewinn wird
größer sein, als Sie meinen. Ich wollte nur, das Beispiel bliebe nicht
ohne Nachahmung, und zwar von beiden Seiten her. -- Nun will ich
heimgehen. Morgen bringe ich die Dorfchronik mit, ein andermal wollen
wir von dem Werden des Bauernstandes reden, und dann kommt der Arbeiter
dran.«
»Herr Lehrer,« rief der Hohlofenbauer, »können da nit auch ein paar
andere Männer dazu kommen?«
»Ich kann den Rauch nicht gut vertragen,« wehrte Siebert verlegen ab.
»Es wird auch nit geraucht. Dafür will ich sorgen.«
So saßen denn an den kommenden Abenden fünf, sechs Männer um den Tisch
des Hohlofenhofes, hörten, tauschten ihre Meinungen aus und waren wie
Ackerfelder, in die hinein eine treue Hand Samen wirft.
Lehrer Siebert konnte meist nicht lange sprechen. Die Männer hielten
beide Hände über ihn, und wenn sie heimgingen, knurrten sie: »Es ist
ein Jammer. Gerade wo wir ihn so gut brauchen könnten, da muß er ein
Sterbling sein.« --
Immer tiefer sank das Land in Winterruhe und Winterschnee. Es kamen
lichte Sonntage, an denen der Schnee glitzerte und leuchtete, und
es kamen Nebeltage, an denen die behäbigen Häuser dastanden wie
Großmütter, unter deren dicker Pelzhaube hervor ein gutes Gesicht
lächelt. Weihnachten schritt langsam über den Berg daher. Es nahte in
Filzschuhen, aber sie hörten doch alle seinen Schritt, die Alten und
die Jungen.
In gespannter Erwartung zählte der Hohlofenbauer die Tage. Je öfter die
Männer untereinander zusammenkamen, desto lauter fragte der Mann in
sich hinein: »Wie wird dein Sohn wiederkehren?«
Der Heilige Abend war da. Es schneite in großen Flocken. Langsam gingen
des Tages Stunden, und Minna Korn beobachtete lächelnd, wie unruhig ihr
Mann durch das Haus ging.
Gegen drei fuhr er in das Städtchen. Es war viel zu früh, der Zug traf
erst um fünf ein, aber es litt den Bauern nicht mehr daheim. So sagte
er, er habe noch etliches zu besorgen, und fuhr los.
Unterwegs knurrte er ein Dunnerlichting nach dem andern. Daß er die
Dummheit im Wirtshaus gemacht, daß er den Sohn in die Stadt gelassen,
daß er ihn jetzt selber vom Bahnhof abholte! Dunnerlichting! Er
hatte vor lauter innerer Unrast nicht Auge und Ohr für des Winters
wundervolle Heimlichkeiten, nicht dafür, daß Weihnachten auf jedem
Ackerrain hockte, und selbst jede armselige Meise ein: Stille Nacht,
heilige Nacht, -- sang.
Es hörte auf zu schneien. Langsam trotteten die Pferde durch den
weichen Schnee, die Schellen klingelten, der Schlitten knarrte, und,
als ob eine frohe Mutterhand das verhüllende Tuch vom Gabentisch
gezogen hätte, lag das Land da in seiner weihnachtlichen Weiße und
seiner frommen Ruhe.
Heinrich Korn stellte die Gäule für eine Stunde in den Wirtshausstall,
schlenderte durch das Städtchen, fuhr einem ärmlich gekleideten
Krauskopf, der sich das Näschen am Schaufenster platt drückte, über die
Haare und sagte: »Junge, nun kommt das Christkind.«
»Nee,« antwortete der Kleine, »wir wohnen ganz hinten am Bach in der
Ecke drin. Da, hat der Vater gesagt, findet's nicht hin, und -- da will
ich drauf warten.«
»Das ist verkehrt, Junge. Sehn läßt sich das Christkind nit.«
»Och! Auch nicht da am Markte?«
»Nein. Überhaupt nit.« Er nahm den Jungen an der Hand. »Aber was das
Christkind gebracht hat, kann man sehen.«
»Vater sagt, bis zu uns langt das Zeug nicht. Da wollte ich -- -- --«
»Ihm unterwegs was abnehmen? Ist nit schlecht gedacht.«
Kling, machte die Ladentür. Wer hätte im Städtchen den Hohlofenbauern
nicht kennen sollen? Der Kaufmann kam ihm mit ausgestreckter Hand
entgegen, Korn blinzelte ihm zu.
»Wohin gehört der Kleine?«
»Das ist ja Albin Schmidt vom Graben.«
»So.« Der Bauer langte nach einer Kleinigkeit und gab die dem Jungen.
»Da. Nun lauf heim. Vielleicht langt's bei dem Christkind heute abend
doch noch bis zu euch.«
Und der Hohlofenbauer, der oft genug am Weihnachtstage in der Stadt
gewesen war, oft genug arme Kinder gesehen und nie den Menschenfreund
in sich entdeckt hatte, spielte den Weihnachtsmann. Er griff nicht
allzu tief in die Tasche, aber er griff hinein, und als er draußen
war, sahen sich der Kaufmann und seine Frau verwundert an. Was war mit
dem Hohlofenbauern?
Ja, was war mit ihm? Er stand auf dem Bahnsteige, und -- hatte
Herzklopfen, bis der Zug herankeuchte. Da ward er ruhiger und machte
ein zorniges Gesicht.
Rudolf sah ihn schon von weitem. Freundlich ernst ging er auf ihn zu.
»'n Abend, Vater. Du bist selber gekommen?«
»Nit. Ich hatte noch beim Lorenz was zu bezahlen. Es hat gerade so
gepaßt.«
»Ihr habt viel Schnee.«
»Es langt.«
Die Pferde standen an dem Bahnhofsgebäude. Rudolf ging darauf zu,
stellte seine Handtasche unter den Sitz, streichelte die Tiere, langte
nach den Zügeln und stieg ein.
»Komm, Vater.«
Da kletterte der Vater hinter ihm drein. Rudolf zuckte an den Zügeln,
die Pferde zogen an. Solange sie durch die Stadt fuhren, ließ Rudolf
die Gäule rascher laufen. Den Berg hinan liefen die Tiere von selber
langsamer, aber auch auf der Höhe hielt er sie zurück, wenn sie traben
wollten.
»Da hätte ich ja die alten Kühe vorspannen können,« sagte der Bauer
knurrend.
»Wäre mir auch recht gewesen, Vater.«
»Hm. Scheinst an der Stadt nit viel Schönes zu finden.«
»Viel zu viel. So viel, daß man gar nit alles mitnehmen kann, aber --
-- -- Da hat ja der Günther den alten Birnbaum weggemacht!«
»Die Holzbirnen waren nix wert.«
»Aber der Baum! Nach dem haben wir uns schon als Kinder gerichtet,
wenn wir in die Pfarrstunde gingen. -- Sackerlot, der Handmann hat
ordentlich Mist aufgepflastert. -- Wie sind denn die Karpfen in dem
Jahr gewachsen?«
Hundert kurze, knappe Fragen, nicht ein Hauch von Zärtlichkeit und
nicht ein Wort von der Stadt.
Heinrich Korn aber ließ die Augen auf Rudolfs Gesicht ruhn. Er war
anders. Das Träumerische mindestens war weg. Nun kam es nur darauf an,
ob die Veränderung ein Fortschritt war.