Die Mutter stellte sich ihm in den Weg. »Nix da! Du bleibst daheim. Das
Mariele kommt und bringt die Mutter mit. Du mußt nit denken, daß der
Vater Verstecken gespielt hätte. Was, Vater? Rudolf weiß ja gar nit,
daß du schon lange wieder zupfst.«
»So,« sagte Rudolf lachend, »dann ist's ja in Ordnung.«
Der Vater aber war ein wenig verlegen. »Noch nit ganz, Rudolf, aber das
ist wahr, Verstecken spiele ich nit, und mit dem anderen werden wir
auch fertig werden.«
Kurz hernach saßen sie auf dem Hohlofenhofe unter dem brennenden
Baum. Mutter Berteles und das Mariele waren da, die Hohlöfnerin hatte
auch den jungen Lehrer gebeten, und Rudolf begegnete ihm mit schöner
Herzlichkeit.
Schweigend aber lehnte der Hohlofenbauer in der Sofaecke, bis wohin das
Kerzenlicht nicht reichte. Er beobachtete seinen Sohn und das Mariele,
und die erfühlte Verantwortung machte ihn still; er beobachtete den
blassen, hageren, jungen Lehrer, und die Wehmut feuchtete ihm die
Augen. Keinem schien es aufzufallen, daß der allzeit muntere Mann
schweigend in der Ecke saß.
Da trat Rudolf heran und setzte sich neben ihn. Die Gespräche unter dem
Baume waren in ein Lied hinübergemündet, da sagte der Sohn, nur dem
Vater vernehmlich: »Vater, bleib ja der alte Hohlöfner! Es wäre ein
Jammer, wenn du anders würdest!«
Das war, einem raschen Herzensgebot folgend, gesagt, aber es war doch
unerhört. Rudolf hätte es früher nie über die Lippen gebracht, der
Vater es nicht vertragen.
Es rumorte in dem Bauern, aber es war nicht ein Fünklein Zorn dabei,
Verlegenheit, Fremdheit und doch eine befreiende Freude.
Das Lied unter dem Baume war zu Ende, da kam es aus der Sofaecke her:
»Ihr singt doch heute abend auf dem Turme mit?«
»Freilich,« entgegnete Rudolf und sah nach der Uhr. »Wo kommen sie denn
heute abend zusammen, Mariele?«
»Bei Widuwilds Albert.«
»Dann gehen wir in einer Stunde hin.«
Korns Mutter brachte derweile Punsch und Kuchen, die Lichter am Baume
wurden gelöscht, und nur der Hohlöfner sah, mit welch tiefer innerer
Bewegung Lehrer Siebert eine Flamme langsam zwischen den Fingern
zerdrückte.
Es war kurz vor zwölf, da gingen Rudolf und das Mariele zu Widuwilds,
um nachher mit den übrigen Burschen und Mädeln auf den Turm zu steigen
und von da herab die alten Weihnachtslieder zu singen.
Heinrich Korn saß neben dem jungen Lehrer und fragte ihn: »Was meinen
Sie, hat er etwas gelernt?«
»Ja,« antwortete der hell, »ich habe zwar noch kein Wort über die Stadt
mit ihm gesprochen, aber ich sehe, daß er ein Bauer geblieben ist. Der
wird nicht mit ungeschickten Händen zwischen das fahren wollen, was
hier in Jahrhunderten natürlich geworden ist.«
Dazu nickte der Hohlöfner.
Die kleine Glocke hub an zu läuten. Der Bauer stand auf. »Mutter, das
muß ich draußen hören.«
»Aber zieh dir wenigstens eine Jacke über, Vater. Es ist kalt.«
Korn lachte über das ganze Gesicht. »Wo denn, Mutter? Da drin ist's nit
bloß warm, da ist's heiß.«
Dabei schlug er auf seine Brust.
Mitten auf der Dorfstraße stand der Hohlöfner. Da trippelte eines heran
und stellte sich neben ihn. Es war die alte, unverheiratet gebliebene
Leonore Seidel, einst die kunstfertige Dorfschneiderin, heute die gern
gesehene Flickfrau. Sie reichte dem Hohlöfner nicht einmal bis an
die Schultern. Allezeit zierlich und feingliedrig, war sie, nun sie
im fünfundsiebzigsten Lebensjahre stand, vollends zu einem schmalen
Schatten geworden.
Ihre zitternde, kleine Hand wie ein Kind in die breite, gesunde des
Hohlöfners drängend, sagte sie mit feiner, schwingender Stimme: »Und
ich kann nit mit auf den Turm! Es geht nit mehr.«
Leonore Seidel war einst weit und breit um ihrer schönen Stimme willen
bekannt gewesen. Die war wohl noch fein und herzlich geblieben,
aber sie war gegenüber den Stimmen der starken Jugend wie ein
sturmverwehtes silbernes Glöcklein. Dabei war Leonore noch immer der
Meinung, sie allein halte den Chor auf dem Turm. Und auch der härteste
Bursche wagte nicht, den schönen Wahn der Alten zu zerstören. Noch
letzte Weihnachten war sie die Treppe zum Turm auf allen Vieren
hinaufgekrochen, hatte auf einmal mitten in der singenden Schar
gestanden und mitgesungen. Dann, als das Lied zu Ende, hatte sie
erklärt: »Ihr kommt nit nauf ohne mich.« Keiner hatte gelacht. Die
Dorfjugend, die sonst wahrhaftig nicht von Feinfühligkeit belastet ist,
hatte das natürliche Taktgefühl, die Alte in die Mitte zu nehmen, damit
sie der Winterwind nicht schädige, und ihr wohlzutun mit einem: »Komm,
Norle, jetzt wird's gleich besser gehen.«
Nun stand das Norle neben dem breiten Hohlöfner, zitterte vor Erregung
am ganzen Leibe und sagte mit zuckenden Lippen: »Ich bin neugierig.«