Der Bauer sah sein Weib betroffen an. »Was denn, Mutter? Welches Blatt?«

Unter Tränen lächelnd nickte ihm die Frau zu und langte nach seiner

Hand. »Laß gut sein, Vater, ich habe das Blatt schon gestern abend

verbrannt.«

»Mutter!«

»Wir haben es halt beide gewußt und haben es eines vor dem andern nit

Wort haben wollen.«

Da war der Bauer ganz still, und seine Augen ruhten lange auf dem

Gesicht seiner Frau.

Die stand wieder mit beiden Beinen fest auf der Erde. »Das hat niemand

wissen können, daß es so kommen würde. Ich denke, der Rudolf klettert

schon wieder drüben hinauf.«

»Drüben hinauf?« fragte der Bauer verwundert.

Leise lächelnd erklärte ihm die Frau, wie sie sich das innerlich

zurechtgelegt habe. Des Mannes Blick hing an ihrem Gesicht, und er

schüttelte einmal über das andere den Kopf.

»Wann willst du denn nun hinfahren?« fragte er.

»Jetzt brennt's damit nit mehr. Du siehst ja, daß er schreibt, wenn

etwa eins einmal käme, dann sollte es nit in das große Haus kommen,

sondern zu dem Frieders seiner Frau gehen. Er will's nit haben, daß wir

ihn da sehen, und ich kann das gut begreifen. Ich will ihm schreiben,

und er kann es der Frau sagen.«

»Ist recht, Mutter. Aber schreib ihm gleich mit, daß ich das nit litte,

daß er den Kutscher macht.«

»Das will ich ihm lieber sagen, aber, Vater, ich glaube nit, daß da

viel zu machen ist, wenn ~er~ das will.«

Da brauste der Hohlöfner wieder auf. »Darüber ist nix zu reden. Das ist

eine Schande vor dem Dorfe, und das kommt auf mich. Wenn die Leute das

hören, dann ist's aus mit dem ganzen Schwindel.«

Die Bäuerin lächelte abermals. »Nit gleich wieder oben hinaus, Vater.

Der Rudolf wird mit sich reden lassen. -- Ob ich das Mariele mitnehme?

-- Nein, das mache ich nit. Es ist besser, ich rede allein mit ihm.«

Die Bäuerin hatte einen Haufen Strümpfe neben sich liegen. Sie war eben

dabei gewesen, für die nächste Wäsche zu rüsten. »Vater,« wandte sie

sich wieder an ihren Mann, »mir fehlt ein Strumpf von dir. Ich habe

alles durchgesucht, aber ich kann ihn nit finden. Wo hast du denn den

hingebracht?«

Der Bauer machte ein harmloses Gesicht, und nicht einmal ein Mundwinkel

zuckte. »Wie soll ich denn wissen, wo der Strumpf ist? Das ist doch nit

meine Sache.«

Diesmal täuschte er seine Frau wirklich. Sie kramte abermals und

schüttelte den Kopf über ihr erfolgloses Suchen.

Der Bauer aber war inzwischen hinauf in die Schlafkammer gegangen. Da

stand seine Truhe, und in der verwahrte er das eingehende Geld. Er hob

den Deckel, suchte in der Geldtasche, nahm einen größeren Schein heraus

und schloß die Truhe wieder. Dann ging er an sein Bett, langte tief

hinein in das Stroh und -- brachte den fehlenden Strumpf herauf.

Der war zwar nicht bis obenan gefüllt, aber es war bereits ein

ansehnlicher, schwerer Klumpen, der sich in ihm ballte. Heinrich Korn

war der sparsamste Mann im Dorfe geworden und täuschte sich vor,

die Sparsamkeit an die Stelle früherer Verschwendungssucht gesetzt

zu haben. Danach hätte der Bauer einstmals ein wüster Verschwender

sein müssen. Dabei hatte er sich in Wirklichkeit zwar nicht versagt,

wonach es den heiteren, lebenstüchtigen Mann verlangte, und das ging

über bescheidene bäuerliche Ansprüche hinaus, aber er hatte niemals

verschwendet.

Aber so war der pudelnärrische Mann. Seine Frau hatte ihn gestern

gefragt, ob er an dem schönen Abend nicht noch auf einen Sprung ins

Wirtshaus gehen wolle. Die Frage war nicht unangebracht. Er ging seit

einiger Zeit fast jeden Abend -- ~hinter~ das Wirtshaus. Die

Bäuerin wunderte sich zwar darüber, daß er jetzt so oft ausging, aber

sie entschuldigte es gern mit der Tagesarbeit in heißer Sonne, die

Durst macht, und damit, daß der Mann wahrscheinlich immer ein Stück

innerer Unruhe hinunterspülen müsse. Niemals kam er spät heim, niemals

auch nur angeheitert.

Dabei aber warteten die Nachbarn seit Wochen vergeblich auf ihn, rieten

hin und her, schüttelten die Köpfe, und langsam kam das Fundament

ins Wanken, das der Hohlöfner seinerzeit im Wirtshausgarten an dem

Sonntagnachmittag klug erbaut hatte. Die Einigkeit zwischen Vater und

Sohn war am Ende doch nicht gar so groß gewesen, Rudolfs Weggang in

die Stadt eher unter Zwang als freiwillig geschehen, der ganze gut

klingende Erziehungsplan eine Ausrede des Hohlöfners, der den Leuten

wieder einmal Sand in die Augen streute.

Heinrich Korn sparte. Es ging gerade jetzt wenig Geld in der Wirtschaft

ein, und obwohl es nicht schwer war, bei dem oder jenem Verkauf seiner

Frau die Summe ein wenig niedriger zu nennen, so fleckte es doch nicht

recht. Also mußte sich der Mann auf den Verschwender hinausspielen.

Er hatte sich das schon an dem Montagmorgen zurechtgelegt, als Rudolf

nach der Stadt ging, aber er hatte dazumal in Gedanken viel mehr Spaß

daran gehabt, als ihm jetzt die Wirklichkeit bereitete. Überhaupt:

Jux schien bei der ganzen Sache nicht mehr herauszuspringen. Es kamen

Tage, an denen er gar nicht der alte Hohlöfner war, und wenn das etwa

für immer so werden sollte, dann wollte er wahrhaftig lieber den Spott

des ganzen Dorfes auf sich nehmen und wieder der freie, necklustige

Mann sein, als sie alle hinter die Fichte zu führen und selber als

einer übrigzubleiben, der, je länger je mehr, den anderen gleich

ward und schließlich als eine Art Widuwilds Vater die Pfeife mit dem

Bierflaschengummi in den Mund steckte.

»Dunnerlichting,« grollte Korn, riß den Strumpf auf, schob den Schein

hinein und verbarg den Klumpen wieder im Bettstroh.

Dann trat er an das Fenster und wollte eben wieder hinabgehen, als

er seine Frau die Treppe heraufkommen hörte. Da riß er rasch die

Schranktür auf und warf einen Haufen Wäsche neben sich.

Er heuchelte Überraschung, als ihm die Frau zurief: »Was soll denn das

wieder sein, Vater? Du schmeißt mir ja die ganze Wäsche durcheinander.«

»Ich hab dir doch schon zehnmal gesagt, du sollst meine Schnupftücher

obendrauf legen.«

Ein Griff der Bäuerin in den Haufen. »Da liegen sie doch. Laß andermal

die Finger von den Dingen, die du nit verstehst. Sag's mir, wenn du was

brauchst. Jetzt habe ich wieder eine Viertelstunde Arbeit. Wie sieht

das Zeug aus!«

Da lachte der Mann und tätschelte seiner Frau den breiten Rücken. »Nit

immer gleich schimpfen, Mutter. -- Ich geh jetzt wieder auf die Wiese.

Schick ein bissel mehr Fleisch mit wie die letzten Male. Ich werde

überhaupt nit mehr richtig satt.«

»Darum schickt ihr jedesmal die Hälfte wieder heim.«

»Heute bleibt nix übrig, verlaß dich drauf.«

Unterwegs traf der Hohlöfner den Wirt. Sie gingen ein Ende Weges

miteinander, und der alte Freund fragte, ob denn Heinrich Korn ein

Einsiedler geworden sei.

Der zog die Stirn in Falten. »Das nit, aber man ist ja am Abend wie

erschlagen. Der Rudolf fehlt mir doch in der Arbeit.«

»Dann mach ein Ende, hol ihn wieder.«

»Du bist nit gescheit! Er hat doch kaum angefangen, und die Schule ist

noch lang.«

»Heinrich,« der Wirt warf ihm einen vielsagenden Seitenblick zu, »die

Leute fangen an zu tuscheln, daß das mit der Lehrzeit am Ende doch nit

ganz stimmt.«

»Soll's ~mir~ einer sagen, dann wird er die richtige Antwort schon

kriegen.«

»Sie werden sich den Deibel tun. Du kannst grob werden.«

»Kann ich! -- Was soll ich denn im Wirtshause, wo der Ender das Wort

hat?«

»Hat er gar nit. Erstens kommt er selten, zweitens sitzt er ganz still

und sagt nix. Der arme Kerl hat seine Sorgen. Das Hagelwetter! Und im

Stalle hat er egal Unglück, und krank ist er auch. -- Gestern abend

hättest du dabei sein müssen. Ich habe die Nacht nur zwei Stunden

geschlafen. Als ob Pech an den Stühlen geklebt hätte!«

Der Wirt lächelte über den lustigen Abend, und der Hohlöfner

lächelte auch. »Wenn ich das gewußt hätte, dann wäre ich eingekehrt.

Vorbeigegangen bin ich.«

Sie trennten sich am Kreuzwege. Der Hohlöfner ging der Trubichswiese

zu und überlegte, daß es klüger sei, dann und wann wieder einmal in

das Wirtshaus zu gehen, nicht immer nur daran vorbei. Er hatte es in

den letzten Wochen so gehalten, daß er zwar ausging, aber durch die

Felder schlenderte und dann anderen Tages das doppelte dessen in den

Sparstrumpf steckte, das er nach seiner Schätzung verzehrt haben würde.

Heute fand er das dumm. Es fleckte nicht.

Um das, was das Mariele brauchte, zusammenzubringen, mußte er anders

aufpflastern. Der Bauer spitzte den Mund zum Pfeifen. Laßt nur erst die

Ernte kommen. Außerdem wird noch vor Weihnachten das Holz am Dreieck

geschlagen. Das soll flutschen!

7.

Das nette Hausmädchen der Frau Bankier Werner mühte sich allmählich

um den neuen Kutscher, und sie war ein hübsches, munteres Ding. Sie

fing Rudolf jeden Morgen an der Treppe ab, lachte ihm in das Gesicht,

plauderte, ging mit ihm nach dem Stalle und kicherte, wenn ihre Hände

beim Futtermischen denen des Mannes begegneten. Der war so anders

als die aus der Stadt, aber, sollte er ihr ganz gefallen, dann mußte

er doch lebendiger werden. Daß sein Gesicht im allgemeinen ernst und

nachdenklich war, das stand ihm gut, aber man mußte doch allmählich

wissen, ob er auch tanzen und küssen könne.

»Rudolf,« plauderte sie eines Morgens, »warum sind Sie denn eigentlich

in die Stadt gegangen?«

»Weil ich sehen wollte, wie's andern Leuten zumute ist.«

»Aber das geht Sie doch gar nichts an, Sie sind doch ein Bauer, der

sein Teil hat.«

»Woher wissen Sie denn das?«

Das Mädchen hob die Spitznase ein wenig höher. »Ach, die gnädige Frau

hat so einiges angedeutet, daß wir Sie nicht mit dem Johann auf eine

Stufe stellen sollten und so. Und außerdem, wie Sie der Frau von sich

erzählten, wissen Sie, am ersten Morgen, da haben Sie so laut geredet.«

Jetzt lachte Rudolf zum ersten Male hell auf. »Marie, das Horchen tut

nit immer gut.«

Das verdroß das Mädchen. »Ich habe nicht gehorcht, und ein Mädchen,

das nicht horcht, taugt nichts, hat meine Mutter gesagt, und wenn Sie

so sind, dann -- -- -- brauche ich mich ja gar nicht mehr um Sie zu

kümmern.«

Und immer noch lachend, beruhigte Rudolf: »Aber warum denn gleich

soviel auf einmal? Das ist doch nit nötig. Ja, ich hab mein Teil und,

Marie, ich habe sogar ein Mädel.«

Husch, fuhren die Arme aus dem Mischkasten, eine fliegende Röte jagte

über das hübsche Gesicht, ein rascher, prüfender Blick: Er ist ja ganz

hübsch, aber alles in allem ist er nicht mein Gusto, und -- Bauer

bleibt Bauer. Dann ein bittersüßes Lächeln. »Aha, darum sind Sie so

solide!«

Rudolf Korn lachte wieder. »Marie, Marie, Sie scheinen die Männer zu

kennen. Das ist eine miserable Sorte.«

»Och, das will ich gar nicht mal sagen, aber so in manchen Dingen

sind sie alle gleich, und es ist schon aller Ehren wert, wenn einer

wenigstens nachher treu bleibt, wenn er verlobt ist.«

Die bittere Weisheit aus so jungem Munde machte den Bauern stutzig.

»Marie, so denken wir auf dem Dorfe nit.«

»Ach, das Dorf wird auch nicht besser sein.«

»Besser? Das habe ich nit gesagt, aber wir denken nit so.«

»Auf das Denken kommt es ja gar nicht an. Wie einer handelt, das ist

die Hauptsache und da -- -- --«

»Sind sie auch nit alle gleich. Unsere Mädel halten was auf sich -- --

--«

»Denken Sie, wir nicht?«

»~Sie~ ganz gewiß, Marie, aber ich war ja auch noch nit fertig.

Und unsere Burschen, die haun wir, wenn sie etwa nit parieren.«

»Wer sind denn die wir?«

»Das sind die alten Burschen. Wir halten auf Ordnung. Sie kennen das

Dorf nit, aber das muß ich sagen: Wenn der Schulze und der Altbursch

nix taugen, dann taugt das ganze Dorf nix.«

»Das kann man nicht auf die Stadt übertragen.«

»Da muß halt jedes für sich aufpassen.«

»Wissen Sie, Rudolf, ich -- habe die Männer satt bis an den Hals.«

Und Rudolf schelmisch mit den Augen zwinkernd: »Ist das nit ein bißchen

früh? Wie alt sind Sie denn?«

»Ich bin neunzehn gewesen, aber ich habe meine Erfahrungen hinter mir.«

»Aber Sie sind doch immer so lustig.«

»Das ist meine Natur, und dafür kann ich nichts. Aber das will

ich Ihnen sagen: Hier ist es ganz schlimm. -- Ich habe eine gute,

aber strenge Mutter, und mein Vater hat Amt und Stellung. Er ist

Magistratsbote. Denen darf ich keine Schande antun, und ich will es

auch nicht, aber da war der Hans, und weil ich nicht mitmachte, wie

er wollte, ist er zur Selma gelaufen. Und dann war da der Jochen, da

war's geradeso, und er ging zur Ilse. Sehen Sie,« sagte sie wichtig,

»das ist es ja eben in der Stadt: Die Männer brauchen sich ja gar keine

Mühe zu geben und brauchen auch nichts auf sich zu halten, es warten ja

zehn Mädel auf jeden. Er hat die Wahl und,« sie schob die Unterlippe

vor, »er amüsiert sich eben. Aber das Mädel! Das soll rein sein wie ein

neues Tischtuch, von dem noch niemand gegessen hat.«

Die neunzehnjährige Weisheit hatte einen traurigen Unterton, der zwang,

sie ernst zu nehmen.

»Marie, das wird nit gar so schlimm sein.« Rudolf Korn schlug

unwillkürlich einen väterlichen Ton an. »Wenn ich an Richard Frieders

denke -- -- --«

»Natürlich,« fiel ihm das Mädchen rasch in das Wort, »gibt's auch

solche -- -- --«

Sie schien ihre Not nicht allzu schwer zu nehmen. Der Ton ward

leichter, die Neugierde brach durch.

»Rudolf, wie sieht denn Ihre Braut eigentlich aus, und wie heißt sie

denn?«

»Sie heißt auch Marie, aber jeder Mensch nennt sie das Mariele.«

Das Mädchen schwang sich auf die Futterkiste, neigte sich vor, und ihre

jungen Augen funkelten vor Erregung. »Das ganze Dorf nennt sie das

Mariele? Gott, das ist so rührend. Das ganze Dorf! Nun ja, es ist halt

eben Dorf!«

»Darauf kommt's nit an,« berichtigte Rudolf ernsthaft. »Wir haben vier

Marien im Dorfe, aber bloß eine heißt Mariele.«

»Aber wie kommt denn das? Ist sie eine so große Schönheit?«

»Das weiß ich wirklich nit. Ganz so schön wie Sie wird sie wohl nit

sein,« neckte Rudolf.

»Ach,« verwies das Mädchen, »das müssen Sie nicht sagen. Das steht

Ihnen nicht. Sie werden im Leben kein Städter.«

»Will ich auch nit werden.«

»Ich weiß aber noch nicht, warum Ihre Braut gerade das Mariele heißt.«

»Und ich kann es Ihnen auch nit sagen. Es ist halt so. Das liegt in

ihrer ganzen Art. Mag wohl auch sein, weil sie die langen Zöpfe hat.«

»Wie lang sind denn die?«

»Die gehen bis auf die Fersen.«

»Ach, Rudolf, schwindeln Sie doch nicht. Das gibt's ja gar nicht.«

»Doch, das gibt's, und Sie können mir das schon glauben. Daran ist kein

verlogen Wort.«

Da sprang das Mädchen mit einem Satze von der Futterkiste und trat

dicht vor Rudolf hin.

»Aber, Rudolf, dann hat sie doch ein Kapital.«

»Wieso denn?« fragte der verwundert.

Marie schüttelte den Kopf. Ja, die vom Dorfe! Da liegt für einen

solchen Menschen das Geld auf der Straße, und er sieht's nicht und

hebt's nicht auf. »Rudolf,« das zierliche Persönchen reckte sich

auf den Fußspitzen, »solch Haar ist doch die beste Reklame für jede

Haarwasserfabrik.« Sie schlug die Hände zusammen. »Wenn ich das hätte!

Und es ist schön?«

»Ganz fein und blond.«

»Aber damit kann sie doch alles machen! Sie kann zur Bühne gehn, sie

kann sich malen lassen, vor allen Dingen aber kann sie sich von einer

kosmetischen Fabrik anwerben lassen. Wissen Sie, dann gehen so Plakate

hinaus: So sieht das Haar aus, wenn man unser Haarwasser verwendet. --

Das hängt dann an jeder Litfaßsäule. Rudolf, das Mädel ist ja mehr wert

als Ihr ganzer Bauernhof.«

»Das weiß ich,« setzte Rudolf Korn ernst und knapp drauf.

»Und?«

»Gar nix. Das Mariele bleibt, wo sie ist und wie sie ist.«

»Rudolf, Sie sind ein Bauer!« rief das Mädchen schnippisch und drehte

sich auf dem Absatz um.

»Bin ich und bleibe ich,« hörte sie noch eben im Davongehen. Und der

Plappermund floß nachher vor seiner Herrin über, die sich gern etwas

von dem auch innerlich sauberen Mädchen erzählen ließ. »Denken Sie,

gnädige Frau -- -- --«

Die gnädige Frau hörte zu, lächelte und nickte. »Das freut mich für den

Rudolf.«

»Mich ja auch, gnädige Frau, aber es ist doch eine Sünde.«

»Nein, Marie, das ist keine. Erstens wäre es Betrug -- --«

»Weil das Haar nicht von dem Haarwasser gewachsen ist? -- Ach Gott,

gnädige Frau, wer fragt denn danach? Das ist immer so.«

»Und zweitens behält man das Beste und Schönste am liebsten für sich

zu Hause.« Sie machte eine kurze Pause. »Marie, Ihr Einfall ist nicht

schlecht, er ist sogar sehr geschäftstüchtig, aber das eben ist mir ein

sehr ernstes Zeichen: Die einen stellen sich ein auf das Geschäft und

werden oberflächlich, die anderen auf die Arbeit und bleiben tiefere

Menschen. Unterhalten Sie sich ruhig weiter mit Rudolf, solange er noch

bei uns ist.«

»Gnädige Frau meinen, daß er nicht lange bleibt?«

»Das meine ich, und ich werde recht behalten.«

»Aber er hat doch gar nicht viel zu tun.«

»Das ist es eben. -- Ziehen Sie Ursula das Russenkittelchen an, Marie.«

Nachdenklich tat das Mädchen in den nächsten Tagen seine Arbeit, und

nachdenklicher als sonst war der Sohn des Hohlofenbauern in Schönbach.

Er war am anderen Abend zu Grete Frieders gegangen, nicht im mindesten

daran denkend, daß er ihr Verlegenheiten bereiten könne. Sie hatte ihn

freundlich begrüßt, er hatte in der Sofaecke gesessen, bis sie ihr

Mädelchen zu Bett gebracht, hatte gehört, wie die Mutter mit dem Kinde

betete, und hatte dann der schwarzgekleideten Frau, in deren Gesicht

jetzt erst der Schmerz seine Zeichen zu graben schien, gegenüber

gesessen. Dann war Frau Grete aufgestanden. »Rudolf, es ist ein so

schöner Abend. Ich habe den ganzen Tag im Laden gesteckt. Wenn es Ihnen

recht ist, gehen wir ein Stündchen in den Stadtpark.«

Sie waren miteinander die Treppe hinabgegangen. Als sie an einer der

Flurtüren vorüberkamen, steckte eine Frau den Kopf lauernd durch den

Spalt, und als Grete Frieders dann, nachdem sie eine Treppe tiefer

geschritten war, den Blick hob, sah sie, wie sich der graue Kopf weit

über das Geländer herabneigte.

Die beiden waren auf der Straße, da sagte Grete Frieders bitter: »Haben

Sie die Frau in der Tür gesehen, Rudolf?«

»Ja.«

»Wissen Sie, was die jetzt sagt?«

»Was soll sie denn sagen?«

»Jetzt sagt sie es ihrem Mann, nachher weiß es die Nachbarin, morgen

das ganze Haus, was ich für eine schamlose Person bin. Kaum ist mein

Mann unter der Erde, da kommen die Männer zu mir, und ich gehe mit

ihnen spazieren, und ich bin ein ganz miserables Frauenzimmer.«

»Aber, Grete!«

Die Frau lächelte bitter. »Ich hätte es Ihnen ja nicht zu sagen

brauchen, aber ich rechne damit, daß es einmal irgendwie auf Sie

zugetragen wird. Dann wissen Sie Bescheid. Regen Sie sich nicht auf,

Rudolf, die Leute können nicht anders. Sie haben nichts, das sie tiefer

packt, und -- sie reden, was sie sehen und hören. -- Nicht aufregen,

Rudolf, es sind arme Menschen. Sehen Sie, der Mann der Frau trinkt. Ich

bin gut dafür, daß er jetzt betrunken auf seinem Bette liegt. Die Frau

hat auch schon viele Prügel gekriegt.«

»Warum geht sie da nit weg? Das ist doch ein Hundeleben!«

»Nicht so schreien, Rudolf. -- Das sind Dinge, die Sie auf Ihrem Dorfe

nicht kennenlernen, die es da wohl auch nicht gibt.«

»Wir haben in Schönbach nit einen einzigen Trinker.«

»Vielleicht hat der Mann früher auch nicht getrunken. Ich kenne die

Leute erst drei Jahre. Die Frau hat ihr Haus nicht in Ordnung, ist

liederlich und mag nicht arbeiten. Der Mann hat vielleicht im Anfange

Lärm geschlagen, nachher hat er halt angefangen zu trinken.« Grete

Frieders wies auf die großen Mietskasernen in der Ferne. »Da steckt

viel Jammer drin, Rudolf, aber es wohnen da auch viel tapfere Leute.«

»Von Ihrer Art.«

»Bei mir war so wenig Tapferkeit nötig wie bei meinem Manne. Wir

wollten beide dasselbe, wollten beide vorwärts, und wenn das ist,

Rudolf, dann ist die Stadt so gut wie das Dorf, in vielem sogar besser.

Anders aber ist's, wenn eines sparen und eines vertun will oder eines

die Häuslichkeit liebt und das andere nicht daheim bleiben will. Dann

bleibt gewöhnlich leider nicht der bessere Teil obenauf, sondern der

schlechtere, einerlei ob Mann oder Frau.«

»Grete,« sagte Rudolf Korn nachdenklich, »ich bin noch nit lange da,

aber das weiß ich jetzt schon, daß der Vater unserer Frau recht hat.

Der sagt, man muß die Stadt zuerst von der Rückseite sehen.«

Frau Grete lächelte. »Das ist leichter gesagt als durchgeführt. Sie

werden die Stadt kaum von der Rückseite kennenlernen. Wie wollen Sie

das auch machen, selbst wenn Sie es versuchen wollten? Sie können

doch nicht in die Häuser hineingucken. Meint der alte Herr aber die

Arbeitsplätze, dann hätte er die ruhig als die Vorderseite bezeichnen

können. Vielleicht hat er an die Lokale und die Auslagen gedacht. Die

sind aber nicht das Gesicht, die sind bloß die Farben drauf und die,

nun ja, in der Stadt schminkt man sich halt.«

Rudolf sah die Frau verwundert an. »Was haben Sie eigentlich für

Schulen durchgemacht?«

Wieder lächelte sie. »Gar keine weiter als eine gute Volksschule. Aber

sehen Sie, hier schon haben Sie etwas, das das Dorf doch nicht in dem

Maße bieten kann. Wir können leicht so viel lernen, wie wir wollen.«

Sie schwiegen ein Weilchen. Dann sagte die Frau sachlich und ruhig:

»Man wird in der Stadt beweglicher, aber wenn ich ~Sie~ so ansehe

und höre, dann scheint mir, man bleibt auf dem Dorfe innerlicher.«

Der Hohlofenbauer · 第 36 / 53 题