Dazu nickte Rudolf. »Das liegt an dem Umgange.«

»Mag sein. Sie sind der Erde näher.«

Da brach es warm aus dem Manne herauf. In der Ferne erblickte er sein

Heimatdorf und erlebte er sein Mädel. Seine Augen gingen durch den

stillen, weiten Park und sahen doch die Bodenwiesen vor sich, den

Schönbach mit seinen Wellen und seinen Erlen am Ufer. Er stand auf dem

Anger und sah von weitem den Turm der Bergkirche, hörte die Dorfglocken

und sah sein Mädel die braunen Arme regen, indes ihm die langen,

blonden Zöpfe immer wieder über die Schultern fielen.

Als er aufhörte zu sprechen, sagte Frau Grete: »Für heute ist es genug,

Rudolf. Jetzt reden wir nichts weiter.«

»Aber das Mariele müssen Sie kennenlernen.«

»Ja, das will ich.«

»Und meine Mutter auch.« Er lächelte. »Ich müßte sie schlecht kennen,

wenn sie auf meinen Brief nit herkäme. Aber ich habe ihr geschrieben,

sie soll dann zu Ihnen kommen. Das ist Ihnen doch recht?«

»Ja, Rudolf. Bei meinen guten Günthers kann ich zu jeder Stunde

abkommen. Gott sei Dank, daß ich die habe.«

»Sind denn da keine eigenen Kinder?«

»Nein, die alten Leute sind kinderlos.«

»Dann können Sie doch das Geschäft übernehmen.«

»Das könnte ich,« entgegnete die Frau, wieder ein gutes Lächeln um den

Mund, »wenn ich -- das Geld dazu hätte. Sie müssen doch schließlich für

ihr Alter sorgen.«

»Lassen Sie mich erst wieder daheim sein, dann können wir weiter

darüber reden.«

»Nicht doch, Rudolf. Ich schlage mich schon durch. -- Sie müssen ja

überhaupt erst Ihre fünftausend Taler beieinander haben.«

»Das ist dummes Zeug, und davon kann gar keine Rede sein.«

»Wenigstens nicht ernsthaft. Das denke ich auch.«

»Wenn der Vater nit so ein Pulverkopf wäre -- -- --«

»Nicht, Rudolf. Er ist Ihr Vater. Ich glaube, er weiß schon seinen Weg.«

»Wird er wohl wissen, aber nötig war's nit.«

»Nötig nicht, aber es ist doch gut. Ihre Mutter sieht die Sache richtig

an, und Sie tun es ja auch. -- Wann wollen Sie denn heim?«

»Das kann ich noch nit sagen, und das kommt ganz darauf an, aber das

weiß ich, daß ich ein Jahr aushalte.«

»Ein Jahr ist lang.«

»Für das, was ich möchte, nit lang genug, aber noch länger will ich's

doch nit hinausziehen.«

Sie waren wieder in die Straße gekommen, in der Frau Frieders wohnte,

und sagten sich gute Nacht.

Zwei Tage vergingen, Tage, in denen jedes die starke Spannung spürte,

die über dem Hause des Bankiers lag. Der Herr schrie zuweilen bei

den Auseinandersetzungen mit seiner Frau, daß es keines Horchens

bedurfte, um zu wissen, daß schwere Sorgen die Einigkeit hinausgejagt

hatten. Frau Werner war eine stille Frau. Sie hatte den Mann lieb,

hätte fraglos ihr ganzes Vermögen geopfert, wäre ihr Vater nicht

dazwischengetreten.

»Rudolf,« sagte das Hausmädchen am Morgen wispernd zu Rudolf Korn, »es

steht auf der Kippe.«

»Dummes Zeug, Marie. Wenn das wäre, dann würde er doch zuerst das Zeug

verkaufen, das hier herumsteht und hängt, meinetwegen auch das Haus und

die Pferde.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie denken Sie sich das denn eigentlich?

Erstens gehört das meiste der Frau, zweitens wäre es ein Tropfen auf

einen heißen Stein. -- Sie sind komisch, Rudolf. Unsereins weiß mit

neunzehn Jahren mehr als Sie mit siebenundzwanzig. Dabei sind Sie ein

Mann. Passen Sie auf: Sie müssen heute die gnädige Frau zu ihrem Vater

fahren. Sie wird die Kinder mitnehmen. Der Herr hat sie noch einmal

breitgeschlagen. Das ist der letzte Versuch, und wenn der fehlschlägt,

dann -- -- -- Aber nichts verraten, Rudolf, ja nicht. Die gnädige Frau

tut mir ja in der Seele leid.«

»Abwarten, Marie. Vielleicht haben Sie -- falsch gehört.«

»Ich habe überhaupt nichts gehört, aber ich weiß.« Weg war sie und

schlug die Tür hinter sich zu.

Und es geschah, was die Kluge vermutet. Um neun fuhr Rudolf den Bankier

nach der Bank. Als er zurückkehrte, wartete seine Herrin auf ihn, die

Kinder an den Händen. »Spannen Sie nicht erst aus, Rudolf. Sie sollen

mich zu meinem Vater fahren. Wenn wir ihn nicht mehr im Hause treffen,

müssen wir nach dem Werke.«

Der alte Herr Schmidt war schon seit über einer Stunde von daheim fort.

Rudolf mußte nach der Eisengießerei fahren. Er war nie da draußen

gewesen. Das ungeheure, hin und her flutende Leben auf dem Werke

betäubte ihn. Wohl stellte er vergleichend fest, daß in der Grube

nicht weniger, sondern wahrscheinlich noch sehr viel mehr Menschen

beschäftigt gewesen waren, und doch wirkte das Werk gewaltiger.

Abgesehen davon, daß sich alles im Lichte des Tages abspielte, es war

zusammengeballter und vielseitiger. Die Arbeit war einer ungeheuren

Brandung gleich, aus der herauf einzelne Stimmen als Kreischen,

Hämmern, Stöhnen, Rollen brachen. Es herrschte nicht die dumpfe,

drohende Stille der Grube, die Arbeit schrie ihr Lied, und das kam

nicht daher in einzelnen Tönen, das brauste auf als ein einziger

gewaltiger Akkord.

Rudolf war, indes die Pferde wartend vor der Tür standen, beobachtend

hin und her gegangen. Mit welcher Leichtigkeit die mächtigen Kräne

die Lasten emporhoben, drehten, beförderten, sinken ließen. Aus einem

düsteren Gebäude glotzten glühende Augen. Da standen die Schmelzöfen

und, wie in der Grube, hantierten da Männer mit entblößtem Oberleib.

Dem Beobachtenden aber schien es, als seien diese Männer stärker als

die Bergleute, stärker in ihren Leistungen und in ihren Forderungen.

Ihre Gesichter waren trotzig und hart und ohne die besinnliche Linie,

die das Leben tief drunten in der Erde in jedes Antlitz zeichnet.

Als er sich wandte, sah er Frau Werner aus dem Hause treten. Der

Großvater führte die Kinder. Rudolf war mit ein paar raschen Schritten

am Wagen und lüftete die Mütze vor dem alten Herrn.

Der erwiderte den Gruß, aber sein Gesicht war tief ernst, beinahe

traurig.

»Auf Wiedersehen, Elisabeth.« Er reichte der Tochter die Hand.

»Wiedersehn, Kinder.«

Der Wagen fuhr vom Werke. Rudolf mußte den Weg über die Bank nehmen.

Frau Werner stieg aus, kehrte aber nach kurzer Zeit, noch bleicher im

Gesicht, als sie in das Haus gegangen war, zurück.

Der dumpfe Druck auf dem Hause ward immer stärker. Es gab keine laute

Auseinandersetzung mehr. Selbst Marie wußte nichts zu berichten, und

Rudolf hatte nicht nötig, sie zu bitten, die Zuträgerei zu lassen.

Das allzeit heitere Mädel hatte rotgeweinte Augen, schämte sich und

sah an Rudolf vorüber, wenn sie einander über den Weg liefen. Die

Tage schlenderten langsam dahin und wuchsen dem jungen Hohlöfner ins

Endlose. Er machte sich da zu schaffen und dort, hatte sich sogar von

Grete Frieders das Buch geholt, das sein Freund so gern gehabt, und

hatte es gelesen. Die Heiteretei gefiel ihm. Er lächelte oft vor sich

hin und stellte Vergleiche an. »So wäre das Mariele auch gewesen, das

hätte sie geradeso gesagt, und der Heiteretei fehlen, wie es scheint,

bloß die langen Zöpfe, dann wäre sie auf und ab das Mariele.«

Als er gegen Abend in die Küche kam, reichte ihm Marie einen Brief. Die

Mutter schrieb, übermorgen wolle sie kommen. Sie würde um dreiviertel

zehn auf dem Bahnhofe eintreffen. Das paßte Rudolf. Um die Zeit war er

frei. Er konnte sie abholen, aber er mußte Grete Frieders Nachricht

geben, damit die auch daheim war. Das tat er, aber er hielt sich nicht

auf.

* * * * *

Harrend stand Rudolf Korn auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr ein, und

-- da war die Mutter, breit, gesund, lachend. Sie trug eine schwere

Reisetasche.

»Guten Tag, Mutter.«

»Tag, Rudolf. Da bist du ja. Hätt mich schon durchgefunden zu der Frau,

wenn du nit hättest abkommen können.«

»Gib die Tasche her, Mutter.«

»Die ist schwer. Deine Wäsche ist drin und was zu essen. Sie lassen

alle schön grüßen, der Vater und das Mariele und der Lehrer und

Berteles-Mutter und der Schmied.«

»Das ist ja bald das ganze Dorf.«

»Ja. Könnte gern noch ein paar herzählen. Nimm's für die andern gleich

mit. -- Du liebe Zeit, ist das ein Leben! Da getraut man sich ja nit

über die Straße.«

»Ist auch nit ganz ungefährlich. Komm nur, ich führe dich. -- So, da

wären wir schon auf der richtigen Seite. Es ist nit weit zu Grete

Frieders. Wir brauchen nit erst zu fahren.«

»Aber freilich laufen wir. Wir werden doch nit unnütz Geld ausgeben.«

»Das wäre nit teuer. Kostet nur einen Groschen.«

»Und dafür kann man fahren, wohin man will?«

»Dafür kannst du eine Stunde lang fahren.«

»Ist nit zu glauben! Das ist freilich kommod. Rudolf, du siehst nit gut

aus. Bist du krank?«

»Nein, Mutter, ich bin gesund, aber unser Herr hat sich die Nacht

erschossen.«

Die Hohlöfnerin schrie auf.

»Er -- schossen?«

»Nit so laut, Mutter. Komm nur weiter. Ja, erschossen. Seine Frau hat

ihn heute früh tot vor dem Schreibtisch gefunden.«

»Sind denn Kinder da?«

»Ja, zwei.«

»Dann muß sich der Mann ins Grab hinein schämen, daß er den Kindern das

angetan hat.«

»Darüber denkt man hier anders.«

»Da ist gar nix zu denken. Mensch ist Mensch, ob in der Stadt oder

auf dem Dorfe. Der Herrgott ist überall, und jeder Vater hat an seine

Kinder zu denken, damit sie nit zeitlebens mit einem Flecken auf ihrem

Namen herumlaufen müssen. Warum hat er denn das gemacht?«

»Er soll schwere Verluste im Geschäft gehabt haben.«

»Du meine Zeit, hätte er halt wieder von vorn angefangen.« Sie

schüttelte den Kopf. »Wie kann sich ein Mensch das Leben nehmen! Alles

ist wieder gutzumachen, aber das nit. -- Was wird denn nun mit dir?«

»Darüber wollte ich eben reden. Die Frau hat mir sagen lassen, ich

solle um elf zu ihr kommen. Da wird ihr Vater da sein. Es tut mir leid,

Mutter, daß ich euch eine Weile allein lassen muß.«

»Da ist nix leid zu tun. Mach du nur deine Sachen. Die gehen vor. Ich

fahre erst morgen wieder fort. -- Nun hast du doch fürs erste keinen

Posten?«

»Nein, vorläufig nit, aber es wird sich schon wieder etwas finden.«

»Dummes Zeug, Rudolf. Hört auf mit euren Dummheiten, ihr zwei

Dickköpfe. Komm heim.«

»Noch nit, Mutter. Nun habe ich erst Appetit gekriegt.«

»Und der auf daheim vergeht dir?«

»Nein, der wird Hunger.«

»So. Darüber müssen wir mehr reden.«

»Da wohnt Grete Frieders.«

Die Hohlöfnerin sah an dem himmelhohen Hause hinauf.

»Wieviel Leute wohnen da eigentlich?«

»Ich weiß nit, aber hundert werden das wohl sein.«

»Du bist nit gescheit! Das ist ja das halbe Dorf.«

»Es gibt Häuser, in denen mehr wohnen als in ganz Schönbach.«

»Hör auf! Wenn ich das nit mit eigenen Augen sähe, tät ich's nit

glauben.«

Sie stiegen die Treppe hinauf, und Korns Mutter blieb öfter stehen.

»Ach du lieber Gott, du lieber Gott! Immer noch höher?«

»Bis unter das Dach.«

»Rudolf!«

»Dafür ist's droben um so hübscher.«

»Junge, hübsch kann ~das~ nit sein!«

Grete Frieders stand schon wartend vor der Tür, hörte die zwei sprechen

und lächelte.

Sie ging der Hohlöfnerin mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Guten Tag, Frau Korn.«

»Guten Tag und schönen Dank, daß sie mich aufnehmen. Werde Ihnen doch

auch nit zu viel?«

»Gar nicht. Ich freue mich, daß Sie zu mir kommen. Rudolf hat mir schon

so viel erzählt.«

»Was ist denn von mir groß zu erzählen? Ich komme vom Dorfe.«

Grete Frieders hielt ihre Hand fest und sah ihr hellen Auges in das

gute Gesicht. »Kommen Sie nur, Frau Korn, mein Mädelchen wartet auch

schon auf Sie.«

Die Hohlöfnerin nahm das Kind auf den Arm. »Du kleines Dingelchen. --

Fragt sie nit manchmal nach dem Vater?«

»Das tut sie, aber sie weiß ja, wo er ist.«

»Im Himmel, gelt, du kleines Herzblatt. -- Ach, lieber Gott, ist das

eine Welt! Nun hat sich auch noch dem Rudolf sein Herr erschossen.«

Frau Grete wußte es schon. »Es soll schlecht mit ihm gestanden haben,«

sagte sie.

Die Bäuerin ließ keine Entschuldigung gelten.

Rudolf sah nach der Uhr. »Mutter, ich muß jetzt gehen. Es wird nit

lange dauern, dann bin ich wieder da.«

»Geh nur, Rudolf. Wir erzählen uns derweile.«

Als er die Tür hinter sich geschlossen, nahm die Hohlöfnerin Frau

Gretes Hand. »Sie gefallen mir. Ich muß das immer sagen, wie ich's

meine. Sie gefallen mir, und ich danke Ihnen, daß Sie den Jungen so

aufgenommen haben. Da hat er doch wenigstens ein bissel ein Zuhause.«

»Und ich habe einen Menschen, mit dem ich wie mit einem Bruder reden

kann.«

Minna Korn nickte und berichtete, wie sie und ihr Mann die kurze

Nachricht in der Zeitung gelesen und wie sie versucht hätten, sie

voreinander zu verbergen.

»Das hat uns in der Seele leid getan,« fuhr sie fort. »So jung, und Sie

haben so gut miteinander gelebt.«

»Frau Korn, wir leben noch miteinander und werden immer miteinander

leben.«

»Na ja, aber -- -- -- Man begreift den Herrgott manchmal nit.«

»Den begreift man überhaupt niemals, und begriffe man ihn, dann wäre er

nicht mehr der Herrgott.«

»Das möchte ich doch nit sagen. Ich muß mir das anders zurechtlegen.«

»Dafür leben Sie mitten zwischen Feldern und Wiesen, ich in der Stadt.«

»Aber der Herrgott ist doch überall derselbe.«

»Der Herrgott ja, aber die Menschen stellen sich anders zu ihm ein.

Denken Sie doch, unsere Stadt hat etwa dreihunderttausend Einwohner.

Von denen leben vielleicht dreißig -- vierzigtausend so, daß sie die

Erde noch unter sich fühlen und sich selber noch wichtig und ernsthaft

nehmen als Herren dieser ihrer Erde. Hunderttausend nehmen ~sich~

noch wichtig und ernsthaft, aber nicht mehr die Erde, und die andern

nehmen ~weder~ sich noch die Erde ernsthaft und wichtig.«

Minna Korn saß der klugen jungen Frau mit ernsten Augen gegenüber.

»Sich nit mehr und die Erde nit mehr,« sagte sie traurig. »Was machen

die?«

»Sie leben.«

»Das ist kein Leben!«

»Nein, das ist es nicht, und es sind arme, arme Leute, die in

~den~ Schuhen stecken.«

»Aber mit Geld hat das nix zu tun.«

»Nein, das liegt jenseits davon. Das sind die armen Menschen, die sich

selber nichts weiter mehr sind als Nummern. -- Wir, mein Mann und ich,

gehörten zu denen, die sich noch ernst und wichtig nahmen und auch die

Erde so wichtig nahmen, daß sie zu ihr zurück wollten. -- Ich weiß,

Rudolf hat sich gewundert, daß ich bei dem Tode meines Mannes keine

Tränen hatte.«

»Daran hängt's nit,« fiel die Hohlöfnerin ein, »und gerade das tut am

meisten weh, wenn man nit flennen kann.«

Grete Frieders schüttelte den Kopf. »Das war es aber nicht, Frau Korn.

Es war etwas anderes.«

»Das möcht ich wissen.«

»Es sagt sich schwer. Etwa so war es: Das Leben schlägt nach rechts und

links, und wen es trifft, den trifft es.«

»Geschieht nix ohne den Herrgott.«

»Wenn halt der Herrgott und das Leben dasselbe sind.«

»Doch nit anders, junge Frau.«

Grete Frieders nickte. »Es ist nur viel schwerer, das zwischen den

Eisenhämmern, den Gießöfen, den Maschinen oder drunten in der Grube

zu erkennen als zwischen den stillen Wäldern und Bergen, wo alles zum

Himmel weist. -- Das Leben schlägt rechts und links, -- mein Mann und

ich haben oft genug davon geredet, -- aber es bleibt nicht stehen,

nicht, wenn einer stirbt, nicht, wenn hundert umkommen, nicht, wenn

eine Million fallen würde. Frau Korn, da lernt der ernsthafte Mensch

zweierlei: Er stellt sich immer auf das Abschiednehmen ein und nimmt

jeden neuen Tag, der ihm wird, um so dankbarer, und er stellt sich

anders zu dem Herrgott, der grausam und ganz und gar unbegreiflich

wäre, wenn er den einzelnen Menschen wichtig nehmen sollte. Was macht

es für ihn aus, ob einer dreißig oder siebzig Jahre wird? -- Ob Sie

mich begreifen, weiß ich nicht. Mein Mann und ich waren darin einig. Er

hätte, wenn ich gestorben wäre, nicht anders um mich getrauert, als ich

um ihn trauere, still, ohne Tränen, aber treu und tapfer. Ich -- werde

nie wieder heiraten.«

»Verreden Sie das nit.«

Grete Frieders lächelte. »Wir haben es uns nicht versprochen, Frau

Korn, daß der übrigbleibende Teil nicht heiratet. Ich aber tue es

nicht.«

Die Hohlöfnerin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nit, ist das mehr

traurig oder ist es etwas anderes.«

»Es ist wohl etwas anderes, aber es ist nichts für Sie und nichts für

Rudolf.«

»Dann ist es auch nix für Sie.«

»Doch, für mich ist es gerade das richtige, und es ist alles, was

der denkende Mensch sich an Religion in der Stadt retten kann, das

tiefe Gefühl des Nichtsseins an sich und des Allesseins in Gott. Was

dazwischen liegt, -- und ich wollte, ich hätte das, -- das kann nur

der haben, der mit den Füßen in der Erde steht, nicht nur, wie wir,

~auf~ der Erde.«

»Haben Sie so mit Rudolf geredet?«

»Nein. Ich werde auch nicht so mit ihm reden. Der alte Herr Schmidt hat

ihm gesagt, er sei einer, der sich selber suche.«

»Dann kann er aber auch irregehen.«

»Das brauchen Sie bei Rudolf nicht zu fürchten, aber als ein anderer

wird er Ihnen heimkommen, als er gegangen ist.«

»Am Ende gar nit mehr als Bauer.«

»Oder als ein besserer Bauer.«

»Lieber Gott, was doch aus einem unbedachten Worte werden kann!«

Sie plauderten noch eine Weile, Mutter Korn erzählte von ihrem Mann

und hielt beide Hände über ihn, sprach vom Mariele, das Frau Grete

unbedingt kennenlernen müsse, und berichtete von der Ernte, die auf den

Hofäckern wuchs.

Nach einer reichlichen Stunde kam Rudolf wieder. Der war, kaum daß er

in das Haus Werners zurückgekehrt war, gerufen worden und hatte den

alten Herrn Schmidt bei seiner Tochter gefunden. Der Mann war völlig

ruhig gewesen, und die Ruhe schien auch auf die Frau übergegangen zu

sein.

»Korn,« hatte er begonnen, »der Haushalt hier wird aufgelöst. Ihre

Stellung ist erledigt.«

»Damit habe ich gerechnet.«

»Was wollen Sie nun anfangen?«

»Das weiß ich noch nit.«

»Heimgehen wollen Sie nicht?«

»Nein, ich bin noch nit so weit.«

»Wie weit wollen Sie denn eigentlich kommen?«

»Ich möchte noch manches kennenlernen.«

»Korn, Sie wissen, was ich Ihnen an dem Abend gesagt habe, an dem

Sie vor meinem Hause hielten. Wir wollen nicht wieder von dem Dienst

reden, den Sie meiner Tochter geleistet haben, aber Sie interessieren

mich. Was Sie suchen, wissen Sie vielleicht selber nicht recht. Sie

wollen weniger die verschiedenen Arten der Arbeit kennenlernen, Sie

wollen die Menschen kennenlernen. Und dabei kann für alle Teile nur

Gutes herauskommen. Da aber die Arbeit den Menschen formt, müssen Sie

eben an die Arbeit. Der Gießer ist ein anderer als der Kranführer, der

wieder ein anderer als der Kernmacher, als der Bergmann, der Weber, der

Drahtzieher. Die Leute meinen, sie wären gleich. Das ist aber nicht

wahr. Sie haben gewisse Interessen gemeinsam, man macht sie ihnen

sogar gleich, aber es sind da doch hundert Unterschiede, die sich alle

irgendwie auswirken. Das auch nur ein klein wenig zu begreifen, dazu

gehört ein langes Leben, und selbst das längste ist zu kurz. Sie wollen

den Stadtmenschen als Ganzes sehen und verstehen, um ihm gerecht zu

werden und anderen die Augen dafür zu öffnen. Das ist gut, und dazu

biete ich meine Hand. Sie können jeden Tag auf mein Werk kommen, und

Sie können in allen Abteilungen arbeiten. Wie denken Sie darüber?«

»Ich nehme an und danke Ihnen.«

»Dann ist das erledigt. Versorgen Sie die Pferde hier noch ein paar

Tage und machen Sie den Tieren ein wenig Bewegung. -- Das Mädchen hat

meiner Tochter gesagt, daß Ihre Mutter da ist. Gehen Sie ruhig wieder

hin. Hier ist jetzt nichts weiter zu tun.«

Die Stimme des alten Mannes hatte so gemessen wie immer geklungen. Sie

war auch gestern abend kaum bewegter und doch eisern gewesen.

Ach ja, die letzte Fahrt mit dem Herrn! Rudolf Korn sah ihn wieder

vor sich. Er hatte Herrn Werner vor das stille Landhaus gefahren. Es

war ein schwüler Abend, und die Fenster standen offen. Korn hatte

wahrhaftig nicht lauschen wollen, er hatte auch seines Herrn Worte

nicht verstanden, aber er hatte aus deren Ton gehört, daß er bat,

drängte, forderte. Deutlich dagegen hatte er des alten Herrn Stimme

vernommen. Erst ein kurzes, eisernes: Nein, dann: »Georg, ich habe dich

nicht nur gewarnt, ich habe dir auch mehr gegeben, als ich verantworten

konnte. Ich habe es um Elisabeths willen getan, aber ich hätte es doch

nicht tun sollen; denn ich wußte, daß es verloren war. Es handelt sich

bei dir nicht um eine Bank der armen, ehrlichen Leute.«

»Bei mir haben Handwerker, Kaufleute und kleine Fabrikanten ihre

Konten. Sogar eine Waschfrau.«

»Und alles ist Gesindel,« hatte die eiserne Stimme geantwortet.

»Spekulantengesindel, das nicht arbeiten, das schachern wollte. Die

Sorte ist in allen Ständen vertreten, und mit denen habe ich kein

Erbarmen. Ich bin vor reichlich fünfzig Jahren als Schlossergeselle

hierher gekommen.«

»Dir hat die Zeit geholfen.«

»Das ist die richtige Auffassung. Die Zeit! Hahaha. -- Nein, mir

hat die Arbeit geholfen und die Sparsamkeit. -- Spare dir jedes

weitere Wort. Mag das Volk jetzt kriegen, was es verdient; ich greife

~nicht~ mehr zu.«

Rudolf hatte den Pferden die Köpfe gestreichelt, um nicht als Lauscher

befunden zu werden. Vom Platze aber konnte er nicht.

Da kam sein Herr, stieg wortlos in den Wagen, nannte kein Ziel und

antwortete auch nicht, als Rudolf danach fragte. So fuhr der ihn heim.

Der Hohlofenbauer · 第 37 / 53 题