»Heute hat man andre Gedanken.«
»Was denn? Hast du etwa darüber nachgedacht, wie das Mariele zu ihrem
Gelde kommt?«
»Das ist doch nit meine Sache.« Und dabei langt der Bauer in Gedanken
tief in das Bettstroh, wo der Sparstrumpf steckt.
»Vater! Das wär nit deine Sache? Wem seine denn sonst?«
»Den zweien ihre.«
»Dann denk ja nit dran, den Rudolf einmal wieder daheim zu haben.«
»So? Wär doch noch schöner, wenn wir uns immer mit fremden Leuten
herumschlagen müßten.«
Eben kuschelte sich die Bäuerin in das Bett, klopfte die Federn alle
nach den Füßen zu und sagte so ganz nebenbei im Klopfen: »Der Rudolf
braucht frische Wäsche, und ich wollte mir schon lange ein neues Kleid
kaufen. Was meinst du, Vater, wenn ich einmal zu ihm führe?«
Da schlägt dem Bauern wahrhaftig das Herz bis zum Halse. Soll er
poltern oder soll er gütlich ausreden? Die Mutter darf auf keinen
Fall fahren. Lieber Gott, wenn sie hinkäme, und der Rudolf läge im
Krankenhause!
Der Bauer schlägt einen Mittelweg ein. Halb ist es Poltern, halb
gütliches Zureden.
»Jetzt hinfahren, wo wir alle Hände voll zu tun haben? Ich habe nix
dagegen, wenn du im Winter einmal hinfährst, obwohl er's nit wert ist,
aber jetzt ist dazu keine Zeit.«
»Nit wert, Vater? Das mußt du nit sagen. So was tut einer Mutter weh.«
Der Hohlöfner knurrt, aber es ist nicht zu verstehen, was er zwischen
den Zähnen malmt.
Schon redet die Frau weiter. »Und das mit der Arbeit stimmt auch nit.
Ihr braucht mich ja gar nit. Was ich mache, das Essen herrichten, das
kann die alte Henriette auch. Und einen Tag geht's allemal. Länger
bleibe ich ja doch nit.«
»Hör auf, Mutter. Ich will's nit haben. Warum läßt er so lange nix von
sich hören.«
»Hast doch selber gesagt, daß er in der Stadt so viel zu sehen und zu
hören hat, daß er darauf vergißt.«
»Ich weiß nit, ob ich das gesagt habe. -- Aber er hätte lange wieder
schreiben können, und dabei bleib ich.«
»Vater,« eine arbeitsharte Hand langt herüber und findet die des
Mannes, »ich sehne mich halt so nach ihm. Ihr Männer seid härter, aber
eine Mutter ist eine Mutter.«
Dagegen kommt der Mann schwer auf, und wenn jetzt überhaupt noch etwas
zu erreichen ist, dann nur mit gütlichem Zureden.
»Er ist doch kein kleines Kind mehr.«
»Vater, einer Mutter bleibt ihr Kind immer so, daß sie ihm helfen
möchte.«
»Er braucht keine Hilfe, verlaß dich drauf.«
»Ich will ja auch nit um seinetwillen hin, es ist doch um meinetwillen.«
»Sei vernünftig, Mutter. -- Warum willst du denn gerade jetzt fahren?«
»Weil ich gerad jetzt so ein Sehnen in mir hab. Ich möchte wissen, wie
er aussieht und wie er wohnt, und den Frieders möchte ich kennenlernen
und seine Frau auch. Das müssen rechtschaffene Leute sein.«
Den Frieders kennenlernen! Mutter, wenn du wüßtest!
»Dazu ist Zeit nach der Heuernte. Noch acht Tage, dann sind wir fertig,
und wenn es durchaus sein muß, dann fahre nachher.«
Die Bäuerin ist zu klug, die Sache auf die Spitze zu treiben. Das müßte
den Mann mißtrauisch machen. Aber sie wird morgen wieder davon reden
und -- wird ihr Ziel erreichen; denn morgen darf die Sehnsucht gut und
gern ein Stück größer sein.
»Schlaf gut, Vater.«
»Du auch, Mutter.«
Und kurz darauf schläft die Frau tief und fest. Sie hat sich in
schlichtem Sinn mit einem kurzen Gebet geholfen, und es war ihr nicht
schwer, da sie den Sohn nicht in körperlicher Not suchte, für die
seelische aber vertraute, daß auch Rudolf den alten Bauernweg zu finden
wissen werde.
Der Mann aber stand wieder bis an den Hals in seiner Not. Verstummt
das Lied der gesegneten Felder, versiegt des befruchtenden Regens
silberne Melodie, ausgelöscht der feine Hauch auf den Ähren. Die Nacht
regiert und mit ihr die Not, die gesteigert wird durch das Erbarmen mit
seinem Weibe. Und alles um ein unbedachtes Wort und eine lächerliche
Empfindlichkeit. Es ist zwar nicht zu glauben, aber in ~der~ Nacht
ist der Hohlöfner dicht daran, sich umzukrempeln, und das wäre ein
Jammer.
Er schläft ein paar kurze Stunden, ist vor der Sonne auf den Beinen,
und im Morgenlichte wird er langsam wieder er selbst. Am Kreuzwege
steht das Mariele und wartet auf die Leute vom Hohlofenhofe, die Arbeit
nimmt Leib und Seele gefangen, und -- gegen zehn kommt der Briefträger
aus dem Tale herauf und schwenkt schon von weitem einen Brief. Der
Bauer muß sich Gewalt antun, um nicht das Arbeitsgerät hinzuwerfen und
über die Wiese zu rennen. Er schickt einen kurzen Blick zum Mariele,
die auch aufmerksam geworden ist, und wartet, bis der Mann herankommt.
»Morgen, Leberecht.«
»Morgen, Hohlöfner. Da. -- Für dich ist auch einer dabei, Mariele.« Der
Briefträger kramt in seiner Tasche und reicht dem Mädchen einen Brief.
Der Bauer nickt dem Briefträger zu: »Trink ein Glas Bier auf meine
Rechnung. Ich mach's glatt mit dem Wirte,« und, als der Postbote
weitergeht, dem Mariele zunickend: »Komm.«
Sie schreiten miteinander auf den Holunderbusch zu. Korn zieht
umständlich das Taschenmesser, indes das Mariele seinen Brief
kurzerhand aufreißt. Sie ist mitten im Lesen, ehe der Hohlöfner noch
begonnen hat; er sieht, wie ihr die Tränen in die Augen schießen, wie
sie erblaßt und ihr die Hände zittern, aber er tut, als entginge ihm
das alles, vertieft sich in ~sein~ Schreiben, richtet, als er zu
Ende ist, den Blick auf das Mariele: »Ich -- hab's gewußt.«
Da fließen die Tränen stärker aus den Mädchenaugen. Der Bauer aber
beruhigt sie: »Laß das Flennen. Es ist ja nun alles gut.«
»Aber wie schwer muß das dem Rudolf geworden sein!«
»Wird ihm auch jetzt noch nit ganz leicht werden, aber er lebt und ist
gesund. Das andere findet sich. So viel weiß ich: Dem reichen Manne
darf er den Kutscher nit machen. So weit darf er's nit treiben. --
Komm, wir wollen weitermachen.«
Es leidet aber den Hohlöfner nicht lange bei seiner Arbeit. Er denkt an
seine Frau, und obwohl sie nichts weiß, war ihre Sehnsucht doch nicht
von ungefähr, und er mußte ihr helfen.
»Jesses,« sagt der Mann, als erschräke er, »der Fleischer wollte ja
heute um zehn kommen. Er will den roten Stier holen. Das muß ich selber
mit ihm ausmachen.«
Er sticht den Rechenstiel in die Erde. »In einer reichlichen Stunde bin
ich wieder da.«
Damit schreitet er langbeinig über die Wiese dem Dorfe zu.
Die Hohlöfnerin war zwar heute kaum unruhiger als gestern, aber sie
wußte, daß sie unbedingt zu dem Sohne mußte, und zerbrach sich den Kopf
darüber, wie sie ihre Worte setzen müsse, um hin zu kommen.
Da knarrte das Hoftor. Ihr Mann schritt über das Pflaster.
Minna Korn erschrak. Der Vater kam um ~die~ Zeit von der Wiese?
Das war nicht von ungefähr.
»Da, Mutter,« sagte der Bauer und reichte ihr den Brief. »Jetzt wissen
wir, warum er nit geschrieben hat. -- Du siehst ja richtig schlecht
aus! Fehlt dir etwas?«
»Nein, ich war nur erschrocken, als ich dich über den Hof kommen sah.«
»Was ist denn da zu erschrecken?«
»Von ungefähr kommst du nit um die Zeit.«
»Ach so. Ist ja auch nit von ungefähr. Lies. Das Mariele hat auch einen
Brief gekriegt und wird dasselbe drin stehen. Ist aber nix mit dem
Rudolf. Der ist gesund.«
Wieder holte sich die Bäuerin die Brille aus dem Topfbrette, setzte
sich hinter den Tisch und las. Scheinbar, um sich derweile zu
beschäftigen, griff der Bauer nach den Zeitungen. Er las aber nicht
darin, sondern warf immer nur einen Blick auf das Datum und legte das
Blatt beiseite. Die Nummer, die er suchte, fand er nicht. Da suchte
er ein zweites Mal und war eben beim dritten Male, als seine Frau den
Brief auf den Tisch legte. »Laß nur, Vater. Das Blatt ist nit mehr da,«
sagte sie mit schwingender Stimme.