»Alles zu seiner Zeit. Heute nit.« Er stieg die Treppe hinauf, und
seine Frau, die eben noch mit der Milch hantierte, rief ihm nach, daß
sie nicht lange auf sich warten lassen werde.
Und dann war ihr der Abend doch zu schade. Es war erst reichlich
neun, und draußen war alles so frisch. So setzte sie sich denn an das
Fenster, noch ein Weilchen dem Treiben auf der Dorfstraße zuzusehen.
Ihr Blick fiel auf die Zeitungen. Aus denen machte sie sich zwar
niemals viel, aber so am lieben Sonntagabend kann man immerhin einmal
einen Mund voll Neuigkeiten mitnehmen.
Sie holte die Brille aus dem Topfbrette, putzte sie umständlich mit der
Schürze, langte nach den Blättern. Da ein paar Zeilen lesend und dort
ein paar, waren rasch etliche Nummern abgetan. Gleichmütig breitete sie
ein neues Blatt aus. »Der Bergmann Richard Frieders -- -- --« Reichlich
zwei Zeilen und soviel Jammer!
Dumpfe Angst stieg in ihr auf. Sie fürchtete nicht, daß auch Rudolf
zu Schaden gekommen sein könne, aber sie ahnte seine seelische
Erschütterung. Wie sollte er damit zurechtkommen? Den Frieders hatte er
liebgehabt, hatte so warmherzig von ihm, seiner Frau und seinem Heim
geschrieben, von seinem Sehnen heim zur Erde, seinem Fleiße und seinem
Streben. Und nun hatte er den Menschen erschlagen gefunden. Alles
hatte der Stein erschlagen, nicht nur den Leib. Wie das auf Rudolf
wirken mußte! Der ältere Mensch weiß, daß hinter allem Geschehen ein
Fragezeichen steht, ja, daß selbst erfülltes Hoffen noch keineswegs
erfülltes Glück bedeutet, der junge aber steht bei solch hartem
Schicksalsschlage vor einem breiten Riß, der durch sein Leben geht.
Die wenigsten fliegen mit raschem Schwunge darüber und stehen wieder
auf den Beinen. Andere zaudern, irren auf und ab, eine Brücke suchend,
wagen aber schließlich doch den Sprung, der sie hinüber trägt. Die
meisten klettern mühselig an der einen Seite hinab und an der anderen
hinauf, immer bedroht von dem Ausgleiten. Und schließlich gibt es auch
solche, die weder fliegen, noch springen, noch klettern, für die der
breite Riß vor ihnen das Ende bedeutet.
Zu denen wird Rudolf nicht gehören, aber auch er wird weder fliegen
noch springen. Er wird klettern, hinab und hinauf. Und das ist ein
mühselig Werk, und eine helfende Hand tut not.
Der Vater suchte ihn heute in Gedanken im Wirtshausgarten, den Klängen
der alten Märsche lauschend. Der Vater! Gott sei Lob und Dank, daß er
so fröhlich war. Er weiß nichts von dem Unglück. Wüßte er es, er würde
in eine Not geraten, die nicht viel geringer wäre als die des Sohnes;
denn er würde die Verantwortung fühlen, die auf ihm lastet.
Was doch aus einem raschen Worte werden kann! Heißblütig wird es auf
den Tisch geworfen, ist nicht viel mehr als ein Samenkorn, und was für
ein Baum wird daraus.
Die Hohlöfnerin nickt vor sich hin. Ein Wort aus der Bibel fällt ihr
ein: Siehe, die Zunge, welch ein kleines Glied ist sie, und was für
einen Brand vermag sie zu entzünden!
Vater, du armer, guter Mann! Dein Weib wird dich davor bewahren, daß du
zu der Last, die du, wenn du es auch zu leugnen versuchst, jetzt schon
trägst, auch noch ~die~ schwere Bürde auf dich nehmen mußt.
Die Hohlöfnerin weiß sich viel besser Rat als ihr Mann. Dort steht der
Ofen. Ein Streichholz flammt auf, das Blatt verlodert.
Dann sitzt die Frau wieder am Tische und grübelt. Was zu tun ist, weiß
sie. Es muß eines hinfahren, dem Rudolf die Hand geben und ihm in die
Augen sehen. Er ist ja doch im Hinanklettern. Drunten war er schon,
-- die Nachricht ist fünf Tage alt, -- jetzt steigt er auf der andern
Seite hinauf. Er wird auch allein fertig werden, aber wenn ihm einer
die Hand entgegenstreckt, geht es rascher und sicherer.
Wer aber soll hinfahren? Der Vater nicht; denn er weiß nichts und soll
nichts wissen. Das Mariele? Liebe hilft gewiß am ehesten, aber nicht
~die~ Liebe, die Mann und Weib zueinander führt. Hier muß die
Mutter her.
Minna Korn wird den Sohn besuchen. Aber wie es dem Vater begreiflich
machen? Eine Mutter ist zugleich Frau, und Frau sein heißt,
Schwierigkeiten, an die der Mann Hebebäume und Flaschenzüge ansetzt,
mit dem kleinen Finger beiseiteschieben, heißt, ein Guckfensterlein,
durch das man auf grüne Erde sieht, auch in der dichtesten Wolkenwand
finden, heißt, unter hundert Wegen, die alle auf das gleiche Ziel
zuzuführen scheinen und von denen dann doch neunundneunzig daran
vorbeigehen, den einen einzigen richtigen erkennen.
Ein kurzes Gedenken noch dem Sohne, -- die Mutter denkt an Krankenhaus
und Leichenkammer vorüber und findet den Sohn, wo er ist, in seiner
eigenen Kammer, -- und die Frau steigt ruhig mit festen Schritten die
Treppe hinauf.
»Schläfst du schon, Alter?«
»Noch nit ganz, aber lange dauert's nit mehr.«
»War schade, daß du schon ins Bett krochst. Jetzt ist's erst schön
draußen. Hör nur, wie die jungen Leute singen.«
»Könnten aufhören mit ihrem Geplärre. Sie wissen nix Neues. Nix weiter
als: Schön ist die Jugend, sie kommt nit mehr.«