Nun lagen auch die letzten Halme. Aufatmend stand der Bauer breitbeinig
auf seinem Grund und Boden, ließ die Augen froh über die grünen
Schwaden gehen, langte nach der Seite und zupfte das Mariele an den
Zöpfen. »Fertig.« Die sah ihm mit leuchtenden Augen in das Gesicht.
»Für den Anfang nit schlecht.«
»Na du, hast etwa noch nit genug?«
»Hätt schon noch eine Weile mitgemacht.«
»Du bist nit gescheit!« --
Es war eine heiße Heuernte. Vater Widuwilds Leichdörner hatten gelogen.
Vierzehn Tage lang fiel kein Regen, und als er kam, war es höchste
Zeit für die Menschen, die sich allzu hart plagen mußten, und für die
Feldfrüchte, die am Vertrocknen waren.
In der Heuernte fragt der Bauer nach nichts, nicht einmal nach den
Getreidepreisen. Die Zeitungen, die ihm der Briefträger in das Haus
bringt, stapelt er auf. Langt er am Abend ja einmal danach, so schläft
er darüber ein. Er verschiebt das Lesen auf die Sonntage, und kommt
er auch dann nicht dazu, weil ein Gewitter droht und rasch noch ein
paar Fuder geholt werden müssen, so entbehrt er doch nichts. Greift er
aber am Sonntagnachmittag nach dem Blatte, so fragt er nicht nach den
Welthändeln, sondern liest, was von da und dort an Unglück, Totschlag
und Wetternot zu melden ist.
Gerade auf einen Sonntag hatte der Herrgott Regen angesetzt, und das
war recht.
Heinrich Korn saß hinter dem Tische in tiefstem Behagen. Die Pfeife
qualmte, die Fliegen summten, die Uhr tickte, und um ihn verstreut
lagen die Zeitungen der letzten vierzehn Tage. Dann und wann kam ein
Knurren aus des Mannes Brust, aber auch eine grausige Untat brachte
ihn nicht aus seiner Seelenruhe. Die Bäuerin war im Berteles-Häuschen,
und es war gut. Alles was wahr ist: Das Mariele hat sich nicht werfen
lassen. Der Hohlöfner hat es aufgegeben. Er hatte schon an dem Morgen
auf der Bodenwiese die Nase voll.
In Gedanken daran lächelnd, langt er nach einem neuen Blatte. Er liest,
stutzt, stöhnt auf, wird bleich. Da stand eine kurze Nachricht, eine
von den hundert ähnlichen, die in den vierzehn Tagen zusammengekommen
waren. Die aber schrie ihn an wie ein wildes Tier. »Der Bergmann
Richard Frieders wurde durch herunterbrechende Kohlenmassen erschlagen.
Der Schlepper Korn fand ihn tot vor Ort.«
Kreidebleich sitzt der Bauer da, wendet mit hastigen Fingern das Blatt
und sieht nach dem Datum. Heute vor fünf Tagen ist es geschehen, und
Rudolf hat noch nicht geschrieben. Herr Gott im Himmel, er wird doch
nicht auch zu Schaden gekommen sein?
Die Sorge flutet wie ein Strom durch des Mannes breite Brust, und sie
bringt die Anklagen mit, die eigentlich nie ganz geschwiegen haben. Ob
er mit Mutter darüber redet? Ein beruhigendes Wort aus ihrem Munde täte
ihm gut, aber -- -- --
Nein, er wird noch ein oder zwei Tage warten, aber er wird heute noch
dem Briefträger Weisung geben, einen etwa eintreffenden Brief nicht
seiner Frau, sondern ihm auszuhändigen, und sei es auf dem Umwege über
die Trubichswiese, die morgen und übermorgen dran ist.
Aber vielleicht hat das Mariele Nachricht. Das ist ein Gedanke. Der
Hohlöfner hat es in den letzten Wochen vermieden, im Berteles-Häusel
an das Fenster zu klopfen. Heute hat er eine gute Gelegenheit. Er wird
seine Frau zu einem Gang ins Feld abrufen. Aber es regnet doch! Ach
was, wofür ist er der Hohlöfner, wenn er nicht spazierengehen soll,
wenn andere Leute daheim bleiben? Er zieht die Joppe an, stülpt die
Mütze auf den Kopf, denkt im letzten Augenblick daran, die Zeitungen
wieder aufzustapeln, aber nicht daran, das Blatt herauszunehmen, auf
dem die Nachricht steht, und geht das Dorf hinab.
Im Berteles-Häuschen haben sie eben Kaffee getrunken. Da klopft der
Bauer an das Fenster. Seine Frau tritt heran. »Ist etwas, Vater?«
»Nein, es ist nix. Ich habe nur gedacht, wir könnten mal ein paar
Schritte laufen. Möcht sehen, wie sich der Weizen jetzt macht bei dem
Regen.«
»Da kannst du doch noch nit viel sehen, regnet doch erst seit gestern
abend.«
»Ist das nit lange genug? Du willst nit mitgehen? ~Ich~ geh.«
Als dächte er nur eben im Vorübergehen daran, fragt er das Mariele, die
zur Seite steht: »Hat der Rudolf geschrieben?«
Statt ihrer antwortet die Bäuerin: »Gerade hatten wir davon geredet.
Das Mariele hat auch nix. Ich möchte wissen, was das heißen soll?«
»Gar nix soll das heißen,« antwortet der Bauer mit tiefer Stimme. »In
der Stadt gibt's mehr zu hören und zu sehen als daheim. Da denkt er
halt nit an das Schreiben.«
Die Hohlöfnerin schüttelt den Kopf. »Vater, das glaubst du doch selber
nit, daß dem die Stadt Schaden tut.«
»Schaden! Muß sie ihm denn gleich Schaden tun? Er ist ein junger Kerl!
Du liebe Zeit! -- Gehst du mit oder nit?«
»Es ist mir zu naß draußen. Kommst rückwärts wieder vorbei. Dann gehen
wir miteinander heim.«
»Meinetwegen.« Der Bauer schreitet auf dem regennassen Wege dahin, und
in ihm rumort es. Er zwingt sich zur Ruhe. Wäre etwas, dann hätten
wir bestimmt Nachricht. Eine gehässige Stimme aber raunt ihm zu: Er
braucht ja nicht tot zu sein, so arg muß es nicht gleich kommen, aber
er kann im Krankenhause liegen und hat den Ärzten gesagt, nichts heim
zu melden. Liegt aber einer im Krankenhause, dann weiß man nie, wie es
ausgeht.
Es ist eine niederträchtige, gehässige Stimme, die den Mann quält,
und die über die Felder herkommt, aus denen es doch wie ein Jauchzen
aufsteigt. Das nimmt schließlich das Bauernherz gefangen. Sommerregen
auf dürstende Flur ist wie neue Schöpfung. Das Leben baut seine
Tempel und Hallen mit tausend Händen zugleich. Lag es wie verdrossene
Müdigkeit ob den dürren Fluren, so sind sie heute eine einzige jubelnde
Melodie. Das dürstende Feld ist des grauen Zweifels unschönes Bild, das
im Sommerregen schwelgende lachender Glaube.
Und dies Bild braucht der Hohlöfner. Gerade diesen Gegensatz, diesen
Aufschwung zum Lichte aus der Düsternis der Not. Das reißt ihn mit. Er
formt es nicht in sich, aber er empfindet es, daß auch er gegenwärtig
über dürre Felder schreitet, und er weiß, daß der Regen bereits
einsetzte, der die Öde in lachende Breiten wandeln wird. Steht er
seinem Einzigen nicht heute schon ganz anders gegenüber als jemals?
Er sehnt sich nach ihm, er beginnt leise zurückzutreten, ohne daß es
schmerzt, er spürt, wie Achtung vor seinem eigenen Fleisch und Blut
wachsen will.
Auf der flachen Kuppe über der Schachenleite stehend, läßt er die Augen
über die Felder gehen. Von allen Breiten steigt ein feiner Dunst auf.
Sie werden allmählich satt. Und auf alle Breiten rauscht der leise
Regen nieder. Trinkt euch Vorrat! Die jungen Ähren tragen silbernen
Hauch. Es ist der erste leise Gruß der kommenden Erntezeit.
Tief, tief atmet der Hohlöfner. Heimatluft! Und aus befreiter Brust
steigt es: Ist ein Übergang! Es wird alles gut.
Und wieder ein Gedanke: Was wird dein Sohn für ein Mensch sein, wenn
er wieder heimkommt? Ist es eine leise Furcht, die in dem Bauern
aufsteigt? Der Hohlöfner hat keine Furcht, aber -- er hat halt auch
kein reines Gewissen.
Er kehrt heim, klopft wieder ans Fenster des Berteles-Häuschen und
bringt es spielend fertig, seine Frau zu täuschen, weil er selber auf
Festland steht. Sie sprechen von dem Sohne.
»Daß er so lange nit schreibt!« sagt Minna Korn.
»Wie lange ist's denn her, Mutter?«
»Wenigstens vierzehn Tage.«
»Und das ist lange? Wie er bei den Soldaten war, hat er alle
Vierteljahre geschrieben.«
»Aber jetzt ist er in der Grube.«
»Jetzt sicher nit. Jetzt sitzt er mit den andern in einem Garten, eine
Kapelle spielt den Radetzkymarsch und -- -- --«
»Er guckt sich nach den Mädeln um. Das willst du doch sagen.«
Der Bauer lacht. »Hab ich nit sagen wollen, aber -- -- -- Mutter, er
ist siebenundzwanzig Jahre!«
»Und hat das Mariele!« zürnt die Mutter.
»~Will~ er haben, hat er noch nit.«
»Vater! Die hat er. Und wenn er mir etwa -- -- -- Dann kriegt er's mit
mir zu tun!«
»Und du bist keine Gute!«
Jetzt lacht auch die Bäuerin. »Hättest mich beinahe kopfscheu gemacht,
Vater. -- Ich weiß, wie ich mit meinem Jungen dran bin, und das Mariele
weiß es auch.«
»Dann ist's ja gut. -- Was macht eigentlich der kleine Lehrer?«
»Gar nix. Er geht dem Mariele nit aus dem Wege, aber er sucht sie auch
nit auf. Wenn er sie trifft, freut er sich.«
»Und sie auch.«
»Ja, aber so nit, wie du denkst. Vater, Vater, wenn ich dich früher so
gekannt hätte!«
»Hättest du mich auch genommen.«
Frohgemut kamen die beiden Menschen heim. Der Knecht hatte heute frei,
eine der Mägde war zur Mutter gegangen. Da griffen die Herrenleute im
Stalle selber mit zu.
Der Abend kam, es hörte langsam auf zu regnen, in schweren, breiten
Wellen flutete der herbe Duft aus Wiesen und Feldern über das Dorf.
Es litt den Hohlöfner nicht daheim. Er spürte das frohe Drängen und
Wachsen selber in allen Gliedern und mußte wieder hinaus.
Mitten aus der starken Lebensbejahung aber stieg wie ein grauer
Notfelsen wiederum die Sorge. Wenn Rudolf nun doch im Krankenhause lag?
Und wer war letzten Endes schuld? Etwa der Ender? Hohlöfner, auf den
armseligen Menschen kannst du nichts abwälzen. Hin- und hergeworfen
zwischen Zweifel und froher Sicherheit, meinte der Bauer, er werde am
besten mit sich zurechtkommen, wenn er sich aufs Ohr lege und schlafe.
Er kehrte heim. »Mutter, morgen früh ist die Nacht weg. Wir wollen um
vier auf der Trubichswiese sein. Ich lege mich hin.«