Rudolf Korn erhob sich. »Ich kann Ihnen also mit gar nix helfen?«

»Nein, Rudolf, mit gar nichts. Was ich brauche, haben Sie mir gebracht.

Ich brauchte Herz.«

Dabei fügte es sich, daß die zwei vor dem kleinen Bücherbrett an der

Wand standen. Rudolf Korn blickte gedankenlos auf die goldbedruckten

Bücherrücken. Frau Grete aber deutete den Blick als ein Suchen, griff

hinüber, zog eines der Bücher heraus. »Das mochte Richard am liebsten.

Er hat es wohl zehnmal gelesen.«

Es war die Heiteretei von Otto Ludwig. Frau Grete neigte sich dem

Freunde ein wenig entgegen, und ihre Stimme ward noch tiefer und

dunkler. »Wissen Sie, Rudolf, wenn Richard am Leben geblieben wäre,

dann hätte ihm auch das Häuschen draußen im Grünen nicht ganz genügt.

Ich habe lange nicht gewußt, was es war, das mich aus dem Manne heraus

manchmal groß ansah. Seit ich ihn mit Ihnen zusammen reden hörte, weiß

ich's. Sein Großvater war Bauer, sein Onkel ist's noch. Er war's auch.

Das stirbt nicht so rasch. Haben Sie schönen Dank für den Besuch,

Rudolf, und, wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann kommen Sie

manchmal wieder. Dann werden wir auch über manches reden können, womit

ich heute noch nicht fertig bin.«

Und wieder kam eine stille Sommernacht, aber sie glich nicht der

Schwester, die gestern über die Erde gegangen war. Aus ihres Mantels

Falten sank dem Schönbacher Bauern nicht der Schlaf.

Rudolf Korn versuchte, von seinem Grübeln loszukommen, indem er an das

Mariele dachte, aber es war, als schwebe die lichte Mädchengestalt

irgendwo in der Ferne, ihm gewiß, ja, der Weg jedoch, der zu ihr

führte, wand sich um lauter Felsblöcke.

Es war still, ach, so still wie daheim zwischen den Feldern und

Wiesen, und doch brauste draußen das Leben in breitem Strome. Wenn der

Grübelnde jetzt aufstand und nur etliche Straßen weit ging, dann war er

mitten im Wogen. Kapellen spielten in den Gärten, Bogenlampen brannten,

die Elektrischen bimmelten, die Autos huschten hin und her. Das war die

Stadt!

Und -- draußen, fünfhundert Meter unter der Erde, klangen die Fäustel,

knirschte der Stein, klirrten die Schienen, ging der Tod um. In der

stillen Stube aber saß eine Frau, hatte ihr Mädelchen zu Bett gebracht,

würde morgen ihren Mann begraben. Sie hatte keine Träne, weil -- die

heiße inwendige Glut sie alle aufsog? Nein, weil sie tapfer war,

tapferer, als man billigerweise von einem Menschen verlangen durfte.

Wie sie das Erbe antrat! -- Und morgen schritten ihrer wieder etliche

Tausend an ihre Arbeitsstätten, sagten dem Tage Lebewohl und murrten

nicht, wenn sie sich mit der Sonne Abendgrüßen zufriedengeben mußten.

Sie hatten alle irgendwo eine stille Wunschecke. Tapfere Menschen, die

mit den Brosamen zufrieden waren, die von der Herren Tische fielen.

Wer waren die Herren? Drunten fiel aus einem Zimmer breiter Lichtschein

hinaus in den Garten. Eine Kiefer mit silberglänzenden Nadeln stand

wie ein Christbaum mitten im Lichtkegel. Er kam aus Bankier Werners

Arbeitszimmer. Der schien einer von denen zu sein, die an des Lebens

vollen Schüsseln sitzen. Und sein Gesicht war zerknittert und

zerfurcht, der Mann konnte kein Glied stillhalten, das Leben, dem er

die Sporen zu geben schien, peitschte ihn selber.

Ein breiter Giebel blickte drüben durch die Bäume. Das Hausmädchen

hatte Rudolf auf seine Frage gesagt, das sei das Krankenhaus St.

Michael. Darin gehe es zu wie im Bienenstock. Ein dauerndes Kommen und

Gehen.

Auch das war die Stadt, aber wer fremd von draußen kam, sah dies

Gesicht nicht.

Stadt, Leben, Schicksal, -- -- Gott! Lauter Kreise, die ineinander

wogen, sich niemals lösen, sich immer tiefer verwirren. Und davor ein

Mensch, der mit der Faust Felsen zertrümmern möchte! -- --

Rudolf Korn schlief ein, schritt im Traume über den Angeracker und warf

die Körner mit weitem Schwunge auf das Land. So schön der Traum war,

die trotzige Falte in der Stirn wich doch nicht aus des Schlafenden

Gesicht.

Am andern Tage gab er dem toten Freunde das letzte Geleit. Als er vom

Grabe schritt, haßte er die Stadt. Die Friedhofskapelle ward nicht

leer. Dem Bauernsohn hatte die Stille des Dorfkirchhofs gefehlt. Ein

Begräbnis in Schönbach rüttelte den ganzen Ort durcheinander. Hier ging

es auf die Minute. 3.15 Uhr der, 3.35 der andere. So bis zum Abend.

Um das Grab harte Bergmannsgesichter ohne Tränen. Heute der, morgen

wir. Wir sind Nummern auf des Lebens Nummertafel. Der Pförtner streicht

jetzt eine durch und schreibt eine andere.

Still und tränenlos hatte auch Grete Frieders am Grabe gestanden.

Rudolf Korn hatte sich wahrhaftig geschämt, daß ihm, als dem wohl

einzigen, die hellen Tränen über das Gesicht gelaufen waren. Und gerade

hatte ihm Grete Frieders in das Gesicht gesehen, hatte gestutzt und ihm

zugenickt.

Da war er still aus dem Haufen getreten, heimzugehen. Er war auf einen

gestoßen, den er oberflächlich von der Grube her kannte. Es war ein

ernster Mann mit rötlichem Barte. Der hatte sich Korn angeschlossen

und hatte unterwegs allerlei geredet. Nicht anklagend und verbittert

und doch in einem tiefen Groll. Rudolf hatte lange geschwiegen; denn

er glaubte, des Lebens heißen Notschrei zu vernehmen. Dann war ihm ein

Wort gegen das Herz geflogen, daß er darauf antworten ~mußte~.

»Frieders ist nicht mehr gewesen wie du und hätte das doch nit gesagt.«

»Du meinst das Wort: Sklave? -- Was sind wir denn sonst? Wir haben den

Mann übrigens nie verstanden.«

»Soll ich dir sagen, warum nit? -- Weil er ~in~ der Erde stand und

du bloß ~drauf~.«

»Das sind Redensarten, und das hast du in einem Buche gelesen.«

»Ich lese selten ein Buch.«

»Dann redest du's einem andern nach.«

»Nein, ich sage, was ich selber weiß. Ich brauche niemand dazu.«

»Du, darüber müßten wir ein andermal mehr reden. Ich will dich einmal

aufsuchen.«

»Ist nit nötig. Ich komme gern zu dir. Ich bin bei fremden Leuten, du

bist daheim.«

»Komm, wann du willst. Du weißt ja, wann Schicht ist. Ich wohne in der

Erbestraße Nummer 48, zwei Treppen rechts.«

Als Rudolf Korn heimkehrte, erwartete ihn das Hausmädchen. »Rudolf, es

ist gut, daß Sie kommen. Der Herr wartet schon auf Sie. Sie sollen ihn

zum alten Herrn fahren.«

»Wer ist das, und wohin muß ich fahren?«

»Das wissen Sie nicht? Das ist der alte Herr Schmidt, der Vater der

gnädigen Frau. Dem gehört doch die große Eisengießerei nach Braunsdorf

zu. Sechshundert Menschen sollen drin stecken. Seine Villa hat er in

der Jakobstraße. Es ist die mit den dicken Säulen vorn. Sie können sie

gar nicht verfehlen. Passen Sie auf, daß Sie richtig halten. Der Herr

hat schlechte Laune. Es ist wieder böses Wetter. Ich ging vorhin an

der Tür vorbei, und ich glaube, die gnädige Frau hat geweint. -- Los,

Rudolf, spannen Sie an. Wissen Sie die Jakobstraße?«

»Ja, die weiß ich.«

»Also die dritte Villa links.«

Kurz darauf lenkte Rudolf den Wagen durch die Straßen, und hinter ihm

saß ein Mann, der nicht rechts und nicht links sah, dem der Zorn das

Gesicht rötete, der aus dem Wagen sprang und in barschem Ton befahl:

»Warten!«

Rudolf hielt vor der breiten Freitreppe. Er war abgestiegen und

streichelte das Handpferd. Da kam um die Hausecke ein alter Herr mit

schlohweißem Haar. Er war untersetzt und hatte ungewöhnliche Augen.

Einfach gekleidet, wirkte er doch vornehm.

An Rudolf herantretend, fragte er: »Sie sind der junge Mann, der

vorgestern die Pferde aufhielt? -- Sind Sie von Hause aus gewöhnt, mit

Pferden umzugehen?«

»Ja, ich bin Bauer.«

»So. Aber Sie kamen von der Grube? Und da war eben das Unglück

passiert?«

»Da war es eben passiert.«

Der alte Herr nickte, und auf seinem Gesicht stand Teilnahme

geschrieben. »Es bleibt mancher brave Mann auf der Strecke liegen. --

Sie sind zum ersten Male in der Großstadt?«

»Ja. Ich habe zwar gedient, aber die Garnison hatte nur ein paar

tausend Leute.«

»Dann ist Ihnen die Großstadt neu. Ich will Ihnen was sagen: Sie

machen den Eindruck eines Menschen, der sucht.« Er lächelte, als ihn

Rudolf verdutzt ansah. »Das braucht Sie nicht zu wundern, daß ich das

sage. Ich bin zweiundsiebzig Jahre, und mir sind viele Menschen durch

die Finger gegangen. Meine Tochter hätte mir gar nichts zu erzählen

brauchen, ich wäre auch so mit Ihnen zurechtgekommen. Sie suchen, und

-- Sie suchen sich selber. Sie werden sich auch finden, aber mancher

geht doch gerade in der Stadt bei dem Suchen nach sich selber sich

verloren. Man muß die Stadt anfangs von der Rückseite betrachten. Ihr

Gesicht verwirrt. Mancher lernt's nie, ihr wahres Gesicht zu sehen.

Stadt heißt Arbeit, und Arbeit heißt Kampf, und Kampf ist hart.«

»Das ist bei dem Bauern auch nit anders.«

»Nur daß er,« der alte Herr lächelte wieder, »die ausschlaggebenden

Kräfte, Sonne und Regen, nicht ein- und ausschalten kann wie der

Arbeiter die Maschine. Das ist der Unterschied, und der ist so groß,

daß er geradezu zweierlei Menschen gemacht hat. -- Sie haben meinen

Schwiegersohn hergefahren? Er ist schon drin im Hause?« Der Mann

reichte Rudolf Korn die Hand. »Ich danke Ihnen noch einmal, daß Sie

Unglück verhütet haben.«

Er schritt die Treppe hinauf, und Rudolf Korn sah nachdenklich hinter

ihm drein. Das war der Mann, aus dessen Händen sechshundert Arbeiter

ihr Brot empfingen?!

Rudolf brauchte nicht lange zu warten. Bankier Werner kam die Treppe

herab, aschfahl im Gesicht. »Klubhaus.«

»Wo ist das?«

»Eliesenstraße 18.«

»Wie muß ich dahin fahren?«

»Himmeldonnerwetter, werden Sie nicht Kutscher, wenn Sie keinen

Bescheid wissen. Jakobstraße, Breiter Plan, Lindenweg, Eliesenstraße.«

Rudolf Korns Gesicht war blutübergossen, als er die Pferde wieder auf

die Straße lenkte. Er fand den Weg und fand das Haus. Der Bankier

war indes ruhiger geworden, wollte zwar nicht gutmachen durch ein

freundliches Wort, glaubte aber gutmachen zu können durch ein Trinkgeld.

Der Wagen hielt, Werner stieg langsam aus und griff in die Tasche.

»Sie können nach Hause fahren.« Er reichte seinem Kutscher ein

Geldstück hinauf.

Der Hohlofenbauer · 第 30 / 53 题