Das Wort fing der Hausherr auf. »Sie sind eigentlich Bergmann?«

»Das war ich bis gestern. Als ich die Pferde aufhielt, war ich's schon

nit mehr.«

»Sie hatten Schicht gemacht?«

Da erzählte Rudolf mit ein paar kurzen Worten, was er erlebt. Es

berührte den Herrn wenig.

»Das kommt leider immer wieder einmal vor. In dem Falle ist ja aber der

Mann selber schuld gewesen. -- Im übrigen paßt es ganz gut. Sie haben

zurzeit keinen anderen Posten. Wenn Sie wollen, können Sie bei mir

bleiben. Es wird nicht viel von Ihnen verlangt, aber ich brauche einen

unbedingt zuverlässigen Mann. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Rudolf Korn.«

»Aus?«

»Aus Schönbach.«

»Kenne ich nicht. Ihre Papiere können Sie mir gelegentlich vorlegen.

Sie gehen am besten gleich nachher einmal nach der Bank und fragen nach

Herrn Siebold. Der wird Ihnen alles weitere sagen. Ich bin gewohnt,

meinen Kutscher Johann zu rufen.«

»Ich heiße Rudolf.«

»Der andere hieß Anton. Bei mir heißen Sie Johann.« Der Mann zog die

Uhr. »In zwanzig Minuten fahre ich zur Bank.«

Es lag eine nervöse Hast über allem, was der Mann tat und sagte. Er war

wohl kaum über die Vierzig hinaus, aber das Gesicht war tief gefurcht,

die Mundwinkel zuckten unaufhörlich, und die Augen irrten unruhig

hin und her. Selbst die Hände vermochte er nicht einen Augenblick

stillzuhalten. Die Augen funkelten unter einem Klemmer mit starken

Gläsern, und hastige Finger fuhren unter den Gläsern weg bald über das

rechte, bald über das linke Auge.

Es hatte Rudolf auf den Lippen gelegen, zu erklären, daß er den ihm

angebotenen Posten nicht annehmen könne, aber ein Blick auf die Frau

hatte ihn still gemacht. Auch ihr Antlitz war älter, als es die Jahre

rechtfertigen konnten. Sie sah geradezu verhärmt aus.

Als Rudolf aus dem Zimmer trat, fing ihn das junge Hausmädchen wieder

ab.

»Wie gefällt Ihnen der Herr?«

»Da kann ich noch gar nix sagen.«

»Pst, nicht so laut! Sie dürfen sich nicht verblüffen lassen. Er hat

seinen Kopf voll.«

»Das kann man sich denken, aber -- -- --«

»Wissen Sie,« sie drängte sich dichter an ihn, »er hat seine Sorgen.

Es steht faul mit der Bank. Der alte Herr soll helfen, der Vater der

Frau, aber der tut's nicht mehr. Oh, Sie müßten manchmal hören, wie das

zugeht. -- Aber um Gottes willen kein Wort! Ja nicht! Die Frau ist gut,

seelengut. Die macht alles wieder glatt. Für den Herrn sind wir alle

bloß Nummern, aber er tut uns doch auch leid. Der Alte könnte ruhig

noch was herausrücken.«

Sie sprang davon, wandte sich um und legte den Finger warnend auf den

Mund.

Eine reichliche Stunde später war Rudolf wieder zurück und brachte die

Pferde in den Stall.

Da ließ ihn Frau Werner rufen und empfing ihn in ihrem eigenen Zimmer.

In einer Ecke spielten zwei Kinder, ein Junge von etwa fünf und ein

Mädchen von drei Jahren.

»Bitte, setzen Sie sich,« bat die Hausfrau. Sie rief die Kinder heran.

»Das ist unser Ludwig und das unsere Ursula. Nun gebt mal dem Herrn die

Hand und sagt: Danke.«

Der Junge legte die weiche Kinderhand in Rudolfs breite Rechte, machte

seinen Diener: »Danke,« und ging wieder in seine Spielecke. Das

Mädelchen sah aus wie ein hergewehtes Schneeflöckchen. »Danke ssön.«

Die Hand mußte Rudolf festhalten, die allerliebste runde Kinderhand.

Blaue Augen sahen vertrauend zu ihm auf. »Du bist ein Mann?«

»Ich bin ein Mann, aber kein großer.«

»Is bin droß.«

»Freilich, du bist groß, Urselchen. Nun geh wieder zu deinen Puppen.

-- Sie wird Ihnen noch oft genug lästig werden, der kleine Irrwisch,«

sagte Frau Werner freundlich.

»Das wird sie nit,« erklärte Rudolf. »Ich mag Kinder gern.«

»Um so besser. -- Sagen Sie, Sie sind doch nicht immer Bergmann

gewesen?«

Eine kleine halbe Stunde später hatte die kluge, warmherzige Frau einen

tiefen Blick in das Herz getan, das sich ihr nicht verschloß, sondern

gern öffnete.

Sie reichte Rudolf die Hand. »Wenn die Sache so liegt, dann werden Sie

wahrscheinlich nicht lange bei uns bleiben. Ich werde mit meinem Manne

reden. Der -- Johann -- soll Ihnen erspart bleiben.« Sie seufzte. »Ach

ja, das Leben! Es wird keinem leicht, damit fertig zu werden. Glauben

Sie das nur. Jeder muß seinen Tribut zahlen. -- Nun wollen Sie sich

gewiß einmal nach der Witwe Ihres Freundes umsehen. Gehen Sie nur. Ich

fahre heute nicht aus. Mein Mann bleibt über Mittag in der Stadt. Er

muß um fünf abgeholt werden. Bis dahin haben Sie Zeit. Den Pferden gibt

Marie inzwischen noch einmal Futter. Sie hat das schon öfter gemacht.

Im übrigen, Rudolf, wenn Sie etwas haben, kommen Sie zu mir. Unsere

Herren stecken so tief in ihren Geschäften, es hängt oft so viel von

einem Entschluß ab, daß sie mehr als genug mit sich selber zu tun

haben. Sie dürfen darin keinen Mangel an Mitgefühl sehen.« Frau Werner

reichte ihm erneut die Hand. »Ich will hoffen, daß es Ihnen, solange

Sie bei uns bleiben, wenigstens gefällt. Und nun gehen Sie zur Bank und

bringen Sie Ihre Sache in Ordnung, dann suchen Sie die arme Frau auf.«

Der Buchhalter Siebold teilte Rudolf Korn mit, daß er von seinem Herrn

beauftragt sei, ihm für sein gestriges rasches Zugreifen fünfzig Mark

auszuzahlen. In dem Sohne des Hohlöfners wollte sich der Geist des

Vaters regen. Er biß die Zähne zusammen. Es ist für das Mariele!

Der Buchhalter sah das Zögern und lächelte.

Kurz darauf schritt Rudolf durch die Straßen.

Frieders wohnten in einem der hohen Mietshäuser. Langsam stieg der

Besucher die Treppen hinauf. Grete Frieders öffnete ihm und hatte

ihr Mädelchen auf dem Arm. Ihre Augen waren tief zurückgesunken, die

Backenknochen traten stärker als sonst aus dem schmalen Gesicht. Und

doch fiel es Rudolf Korn im ersten Augenblick auf, wie zusammengerafft

die Frau war. Nicht ein Härchen lag außer der Reihe.

Sie reichte dem Freunde ihres Mannes die Hand.

»Guten Tag, Rudolf. Kommen Sie herein. Ich habe schon gestern auf Sie

gewartet.«

»Da konnte ich nit kommen.«

Grete Frieders ging vor ihm her und sagte im Schreiten: »Das glaube ich

gern. Sie mußten auch erst wieder zu sich selber kommen. -- So, bitte,

setzen Sie sich.«

Nun saßen sie einander gegenüber und sahen sich in das Gesicht. Die

Frau hatte keine Träne, und doch waren die Wasser nicht eingefroren.

Still vor sich hinnickend, sprach sie: »Wir zwei waren zu glücklich.

Wissen Sie, so was hat selten Bestand. -- Hat er eigentlich gar nichts

geahnt?«

»Nein. Er kam ja mit lachendem Gesicht aus dem Hause.«

»Freilich, freilich.« Die Frau lief rot an. »Ja, er ging mit Lachen

fort, aber ich habe doch so eine Angst gehabt. -- Es hat keinen Zweck,

darüber zu reden. Bleiben Sie nun eigentlich in der Grube?«

»Ich bin schon nit mehr da. Das hätte ich nit fertiggebracht, noch

einmal den Stollen langzugehen.«

»Wie lag der arme Mann eigentlich da?«

Sollte Rudolf Korn die Wahrheit sagen? Die junge Frau sah sein Zögern.

»Lieber Rudolf, Sie können mir alles sagen. Ich habe ja genug gesehen.

War er eigentlich ganz verschüttet?«

»Bis auf den Kopf und die rechte Hand.«

Es zuckte krampfhaft in des Weibes Gesicht. Sie erhob sich, nahm ihr

Kindchen, das derweile hin und her getrippelt war, auf den Arm, küßte

es und stellte es wieder auf seine Füße. Rudolf Korn grübelte an der

Frau herum.

Wie ist das denkbar, daß sie nicht weint? Andere würden doch den Kopf

auf den Tisch schlagen und laut aufheulen, und sie hat keine Träne.

Wenn ich nicht wüßte, wie gut sie miteinander ausgekommen sind,

wunderte ich mich nicht, aber sie sagt ja selber, daß sie glücklich

waren. Grete Frieders trat an das braune Vertiko und nahm ihres Mannes

Bild, das dort im Rahmen aufgestellt war, in die Hand. Sie schien

nicht recht zu wissen, was sie tat, wischte über das Glas, sah darauf

nieder, stellte das Bild zurück und fuhr mit dem kleinen Finger in den

Augenwinkel. Es sah aus, als wäre sie unwillig über sich selber. Das

Haupt zurückwerfend, setzte sie sich wieder dem Gaste gegenüber.

»Er hat sehr viel auf Sie gehalten, Rudolf. Unter den anderen hat er

wohl kaum einen besonderen Freund gehabt, obwohl sie ihn alle gern

hatten. -- Sagen Sie,« sie blickte ihn aufmerksam an, »Sie sind nicht

mehr in der Grube? Ich dächte, Sie hätten vorhin so etwas gesagt.«

Rudolf erzählte, Grete Frieders hörte scheinbar aufmerksam zu, aber es

geschah, daß sie jetzt an ihm vorübersah, so daß er wußte, sie hört

mich nicht, dann ihn fragte: »Wie war das doch?«, dann mit dem Kopf

nickte, ohne daß eine Ursache dazu gewesen wäre. Und aus den kleinen

Zügen, aus der blitzenden Stube, aus dem sorgfältig gestrählten Haar

und den tiefen Augen, die an sich selber herumirrten und sich gegen das

Vereisen wehrten, wuchs vor dem Schönbacher Bauern ein Bild, vor dem er

sich innerlich neigen mußte.

»Rudolf,« bat die Frau, als er geendet hatte, »nicht wahr, Sie erzählen

mir das später noch einmal. -- Das ist alles so sonderbar. Ich weiß gar

nicht, ich komme noch nicht zurecht damit. Sie werden sozusagen aus

der Grube herausgeschleudert durch den Tod meines Mannes. Ich weiß gar

nicht -- -- -- Ach, man weiß ja überhaupt nichts.« Sie richtete ihre

braunen Augen groß und voll auf Rudolfs Gesicht. »Rudolf, Sie sollten

sich nicht zu lange hier aufhalten. Man kann später nicht nachholen.

Richard wollte durchaus ein Jahr eher heiraten, aber ich bestand

darauf, daß ich erst mein Zeug alles zusammenhaben müsse. So sind wir

ein Jahr weniger beieinander gewesen. -- Sie kommen doch morgen mit auf

den Friedhof? Die Beerdigung ist um drei.«

Und das alles sagte die Frau mit ruhiger Stimme, aber es war so

erschütternd in seinen Untertönen, daß es den Mann im Halse würgte, daß

das Mitleid hundertmal gewaltiger heraufbrach, als wenn die Frau laut

aufgejammert und geweint hätte, daß seine Stimme rauh ward und sein

Mund zuckte.

»Grete, wie wird das nun mit Ihnen?«

»Ach, das geht alles weiter. Ich behalte vorläufig auch unsere kleine

Wohnung. Bis ins einzelne kann ich Ihnen das natürlich nicht sagen,

aber ich komme schon durch mit meinem Kinde, soweit es sich um Essen

und Trinken dreht. Sehen Sie,« sie langte zur Seite nach einem Brief,

»da haben meine guten Günthers geschrieben, ich möchte sofort wieder

hinkommen und auch unser Kind mitbringen. -- Ach, Sie wissen da gar

nichts? Das wundert mich, daß Richard nicht davon gesprochen hat. Ich

war, bis wir heirateten, bei Günthers in der Henkelstraße. Da war ich

eigentlich alles, Tochter, Hausmädchen, Verkäuferin. Sie haben das

Weißwarengeschäft. Wie hätte ich denn sonst eine solche Einrichtung

zusammenbringen können, wenn mir die guten Leute nicht geholfen hätten?

Daß Richard etwas kaufte, habe ich nicht gelitten. Von der Stunde an,

in der er mir von dem Häuschen gesagt, wäre es ja unverantwortlich

gewesen, wenn ich etwas von ihm verlangt hätte. Ach ja, das Häuschen!

Übrigens, Rudolf, den Gedanken gebe ich nicht auf. Nein, das übernehme

ich als meines Mannes Erbe. Nur: Unser Mädelchen wird derweile groß

werden. Was schadet's? Ich bin auch ohne Garten aufgewachsen. Aber

dem Kinde will ich einmal sagen können: Das hat dein Vater für dich

gewollt.«

Und über allem, was die Frau schlicht und still daherredete, standen

die großen braunen Augen wie offene Tore, durch die man in einen Garten

mit tiefen, dunklen Gängen sieht.

Rudolf Korn erfaßte vorerst nur ahnend des Weibes Tiefe, aber

~ein~ Gedanke formte sich ihm von selber. »Sie sind doch aus der

Stadt, Grete?«

Frau Grete verstand die Beziehungen nicht. Sie nickte. »Ja, ich bin

hier geboren. Mutter lebt noch.«

Der Hohlofenbauer · 第 29 / 53 题