»Auf die Minute. Nit eine früher und nit eine später.«
»Gut, dann fangen wir um vier an.«
»Ich werde auf dem Platze sein. -- Gute Nacht.«
Das Mariele reichte den beiden, die sich mit ihr erhoben hatten, die
Hand und schritt aus dem Garten über den Hof.
Minna Korn schob ihren Arm in den des Mannes. Sie gingen hinter dem
Mädchen drein. Die Bäuerin drückte des Mannes Arm fest an sich.
»Vater, guck bloß ~die~ Zöpfe!«
»Die sind ja eben das Unglück.«
»Red nit so daher! Das ganze Mädel ist wie seine Zöpfe. Wenn sie nur
erst auf dem Hofe wäre!«
»Hab gar kein Verlangen danach, ins Ausgedinge zu ziehen.«
»Du bist der richtige für das Ausgedinge, alter Brummbär.«
6.
Rudolf Korn erwachte. Eine Amsel, die in der Ulme vor dem Fenster
saß, hatte ihn geweckt. Betäubt von den rasch aufeinander folgenden
Ereignissen, war er am Abend todmüde gewesen. Er wußte nur, daß er
eben noch an das Mariele gedacht und eine dumpfe Empfindung der
Ungeheuerlichkeiten gehabt, die er erlebt. Im übrigen hatte er sich
nicht einmal in seiner Kammer umgesehen.
Nun pfiff der Amselhahn, und vor den Fenstern stand die Sonne. Es war
noch still im Hause, und auch von der Straße her kam kein lauter Ton.
Auf welcher Seite war eigentlich die Straße? Rudolf Korn stand auf und
sah zum Fenster hinaus. Er blickte in einen weiten Garten mit hohen
Silbertannen und langnadeligen Kiefern. Eine Blutbuche stand inmitten
eines weiten Rasenplans, Ulmen umdrängten das Haus, auf Rosenbeeten
waren bunte Farben vertropft.
Rudolf sah nach der Uhr. Es war kurz nach vier. Er hatte ausgeschlafen
und hätte selbst, wäre er noch müde gewesen, nicht wieder einzuschlafen
vermocht. Die Gedanken drängten in dichten Schwärmen heran, aber es war
kein Heimgedenken. Auch das Mariele tauchte nicht vor ihm auf.
Er setzte sich auf den Bettrand, legte die Hände ineinander und starrte
vor sich hin. Der Blick ging den langen, dunklen Stollen entlang und
stieß sich an dem Kohlenhaufen, aus dem die tote Hand ragte. Die
Finger waren einwärts gekrümmt, die Nägel gruben sich in das Fleisch.
Eine tiefe, rissige Falte sprang dem Grübelnden in die Stirn. Aus
schmerzverkrampftem Herzen schleuderte er zum erstenmal in seinem Leben
ein: Warum? und: Wozu? gegen den Himmel. Der ganze Bau seiner Jugend-
und Mannesjahre wankte. Die Bitternis, unter der er von daheim gegangen
war, ward mit einem Male herzlich unbedeutend. Was war der Rutenstreich
gegen den Keulenhieb des Schicksals?
Lichtes Glück in den Augen, war der Freund am Morgen lachend aus der
Haustür getreten. Das war noch keine vierundzwanzig Stunden her. Er
hatte von seinem Mädchen geplaudert und hatte beide, Mutter ~und~
Kind, gemeint. Vielleicht, daß er des Weibes warme, weiche Arme noch um
seinen Hals gespürt. Er hatte mit versonnenem Lächeln die eigene Wange
gestreichelt. Und der tote, schwarze Stein hatte ihn erschlagen!
Rudolf war auch an den Sonntagen bei dem Freunde gewesen. Sie waren
alle miteinander hinaus vor die Stadt spaziert. Da standen die kleinen
Häuser mit den bescheidenen Gärten. Und jedes dünkte den sehnenden Mann
ein Paradies. Er hatte stets gelobt, wenn er auch vor dem und jenem
gesagt: »Den Garten mache ich mir anders. Das muß viel bunter sein. Ich
mag die Zirkelei nicht leiden.«
Der Mann kam von einem Bauerngeschlecht her, und wenn auch der Hof
selber im Dämmergrau der Vergangenheit versank, das Blut nährte sich
noch immer aus der Erde und wollte zur Erde zurück. So war er im
tiefsten Innern ein Bauer, der heim zur Scholle wollte.
Und alles, das tiefe Sehnen, das lichte Freuen, ja, die heilige Stimme
des Blutes, hatte der Stein zerschlagen, der tote, schwarze Stein,
in dem doch ein brennender Haß gegen die geisterte, die ihn aus den
Jahrmillionen der Versunkenheit und Stille in das Licht zerrten.
~Der Stein~ haßte? Eine Macht nahm den Stein und warf ihn herab.
Dieselbe Macht, die ihn mit dem kleinen Finger, ja, mit dem Blick ihres
Auges hätte festhalten können, die ein Warnungszeichen hätte geben
können. Warum ist nicht ein Knirschen durch den Stein gegangen? Warum
hing er nicht noch eine Minute? Die einzige Minute, die ausgereicht
hätte, das von Hoffen und Freuen, von Treue und Liebe schier berstende
Herz vor dem Keulenhiebe, der es zerschmetterte, zu bewahren.
Und die Macht hieß: Gott?!
Ein schrilles Lachen gellte durch das Zimmer und prallte an der
Sonne ab, die durch das Fenster brach. Gott, Heimat, Liebe -- Lüge!
Lüge! Wirklichkeit nur das Schicksal, der Zufall, der heute einen
Stein nimmt, sich morgen eines Paares durchgehender Pferde bedient,
übermorgen den Blitzstrahl schleudert?
Rudolf Korn war mit einem Schlage daheim, und er kroch in sich
zusammen. Da liegt die blühende Bodenwiese, und -- sie streiten sich
um eine Erle! Da schreitet das Mariele mit seinen langen Zöpfen, und
sie soll fünftausend Taler mitbringen, weil der Vater nicht dem Dorfe
den Hansnarren abgeben will! Und da -- steht die Mutter, breit, gütig,
lächelnd und hebt den Finger: Nit, Rudolf, nit!
Du hast recht, Mutter. Es gibt anderes als einen lumpigen
Rutenstreich, und das weiß der Grübelnde, daß auch der Vater nur --
Werkzeug ist.
Einer, in dem das Jünglinghafte trotz allem überwog, war vor einigen
Wochen in die Stadt gewandert, ein Mann erhob sich von der harten
Bettkante. Ernst, gemessen in jeder Bewegung, das Leben nicht
verneinend, aber es mit anderem Maße als gestern messend, stieg Rudolf
Korn die Treppe hinab, die Pferde zu füttern.
Im Hausflur kam ein junges Mädchen trippelnd aus der Küche, hatte
blanke Augen und einen frischen, roten Mund, und das weiße Häubchen
stand ihm gut zu dem dunklen Haar.
»Guten Morgen,« grüßte sie. »Haben Sie gut geschlafen?«
»Ja. Ich bin nit einmal aufgewacht.«
»Haben Sie auch geträumt?«
»Nein. Gar nix.«
»Das ist das beste. -- Wie muß man Sie denn nennen? Der vorige Kutscher
hieß Johann.«
»Ich heiße Korn, Rudolf Korn.«
»Rudolf klingt gut. -- Wissen Sie Bescheid im Stalle? -- Warten Sie,
ich zeige es Ihnen.«
Sie schritt plaudernd neben ihm her, erzählte, daß der vorige Kutscher
schon lange verdient gehabt hätte, weggejagt zu werden; denn er sei
nicht nur unzuverlässig gewesen, sondern hätte auch heimlich Hafer
verkauft. Sie wisse es ganz genau. Und dann sei er immer gleich so
aufdringlich gewesen.
»Ich werde nit aufdringlich sein,« sagte Rudolf Korn lächelnd.
»Das sieht man Ihnen an,« lobte das Mädchen. Dabei hantierte sie mit
flinken Fingern da und dort, wies dies, wies jenes.
»So, nun wissen Sie alles, aber Sie brauchen nicht wieder so früh
aufzustehen. Vor neun fährt der Herr nicht zur Bank.«
»Ich bin nit gewohnt, lange zu schlafen. Und ist denn da weiter nix zu
tun, als den Herrn oder die Frau auszufahren?«
»Viel mehr nicht. Wenigstens ist das die Hauptsache.«
Das Mädchen begann zu kichern. »Ich höre Sie so gern reden. Sie sagen
immer nit und nix.«
»Das bin ich halt so gewohnt.«
»Ich würde es mir auch nicht abgewöhnen.«
»Tu ich auch nit.«
Das Mädchen kehrte in das Haus zurück. Rudolf versorgte die Pferde.
Gegen ein halb neun ließ ihn der Herr rufen. Er saß in seinem reich
ausgestatteten Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch. Ihm zur Seite saß
seine Frau.
Als Rudolf eintrat, erhob sich die Frau, ging ihm einen Schritt
entgegen und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen noch einmal
herzlich.«
»Da ist nix zu danken,« wehrte Rudolf ab. »Ich hätte nur gleich fester
zufassen sollen, dann hätten die Pferde eher gestanden, aber ich war
noch nit recht bei mir.«