»Ja, kein Kornfeld!«
»Und unser Korn steht so dick, und der Hafer ist so lang! Und er kann
nit auf dem Rain hingehen, die Ähren in die Hand nehmen und sagen: Das
habe ~ich~ gebaut! -- Wo er sonst die Hand aufhalten und sich die
Sonne hineinscheinen lassen konnte, da ist's jetzt finster. Er hat
immer so gerne auf dem Nußbühl gestanden und sich umgeguckt, hat den
Bergkirchenturm über dem Walde gesehen -- -- --«
»Mutter!« Der Bauer lief im Sturmschritt hin und her. »Hör auf, es
langt.« Er hieb zornig durch die Luft. »Und nix ist, das einen ein
bissel freuen tät! Warum kommt nit wenigstens das Berteles-Mädel
einmal her? Hab die ganzen Tage her schon auf sie gelauert, aber sie
macht sich so rar wie eine Stecknadel in den Dielenritzen.« Er begann
zu poltern. »Ist das eine Art? Ich dächte, wenn sie unseren Jungen
haben will, könnte sie sich auch ein bissel um die Alten kümmern.
Aber so sind sie. Taugt heute eine nit mehr als die andre. Sind alle
miteinander nit wert, daß man sich um sie kümmert.«
Minna Korn lächelte leise. »Hast recht, Vater. Hätt sich wohl ein
bissel nach uns umtun können, wird sich's nur nit getraut haben.«
»Nit getraut? Soll ich's ihnen etwa noch leichter machen, als ich's
ihnen schon gemacht habe?«
Die Bäuerin hatte es auf der Zunge, zu sagen: Hast es ihnen wahrlich
leicht genug gemacht, aber sie schwieg. Der Mann warf sich in die
Sofaecke und langte nach der Zeitung, die Bäuerin ging, in der
Wirtschaft noch einmal zum Rechten zu sehen, und draußen feierte ein
stiller Sommerabend. Die Frau kehrte nach kurzer Zeit zurück, und eine
kleine halbe Stunde später trat das Mariele in die Stube, lebhaft von
der Hohlöfnerin begrüßt. Heinrich Korn nahm es für Zufall, daß sie kam.
Die kleine Magd hatte ihre Sache gut gemacht. Marie Berteles verriet
mit keinem Wimperzucken, daß die Bäuerin nach ihr geschickt. Mit dem
überlegenen Feingefühl des Weibes fand sie sich in die Sachlage. »Guten
Abend,« grüßte sie.
Die Hohlöfnerin streckte ihr schon von weitem die Hand entgegen. »Guten
Abend, Mariele. Das ist recht, daß du dich einmal nach uns zwei alten
Leuten umsiehst. Gerade vorhin haben wir von dir geredet.«
Heinrich Korn saß brummend in seiner Sofaecke. Die Bäuerin nötigte
das Mädchen, sich an den Tisch zu setzen, aber sie wußte es so
einzurichten, daß der Hohlöfner nur ihren Rücken sah. Und das verdroß
ihn. Er hätte viel lieber das gute Gesicht gesehen.
»Was macht die Mutter?« fragte die Hausfrau.
»Es geht ihr nit gut. Sie hat immer ihre Not, und wenn ich ihr auch die
Arbeit abnehmen will, sie leidet es nit, denkt immer, es geht nit ohne
sie.«
»Lernt's auch nit, die Frau,« kam es knurrend aus der Sofaecke. »Geht
freilich ohne die Alten. Die Jungen machen ihr Zeug heutzutage für
sich, brauchen uns nit mehr.«
Heinrich Korn stopfte sich eine Pfeife, seine Frau lächelte und nickte
dem Mädchen zu.
»Ist nit so schlimm, gelt, Mariele? Weißt schon, was du deiner Mutter
schuldig bist. -- Hast du nit auch einen Brief gekriegt?«
»Ja. Da ist er.« Das Mädchen zog einen Brief aus der Tasche. Minna Korn
schob ihr den anderen zu. »Da lies, was der Rudolf an uns geschrieben
hat.«
Sie lasen, der Hohlöfner paffte und war wütend, daß seine Frau den
Brief, den Marie erhalten, nicht laut vorlas. Ja, sie tat nicht einmal,
als wolle sie ihm den Brief geben, sondern legte ihn lächelnd auf den
Tisch zurück.
»Er hat's gut getroffen, der Rudolf; hat schon immer so große Stücke
auf den Frieders gehalten und oft von ihm erzählt, und nun ist er mit
ihm zusammen.«
»Korns-Mutter,« sagte das Mädchen mit schwingender Stimme, »gut hat
er's doch nit getroffen!«
»Warum denn nit? Die Bergleute verdienen unter allen das meiste Geld.«
»Ja aber, wenn da so ein Stein herabfällt. Und dann schießen sie doch
auch da drunten.«
»Sogar mit Pulver,« grollte es vom Sofa her. »Ist das ein Getue! Hat
früher auch schon geschossen, der Rudolf.«
»Aber nit so tief unter der Erde.« Marie Berteles wandte den Kopf ein
wenig.
»Unter der Erde oder auf der Erde ist egal. Schießen ist Schießen.«
»Da bin ich doch nit deiner Meinung, Vater,« warf die Bäuerin bedächtig
ein.
Der Hohlöfner war selber nicht seiner Meinung, aber er wehrte sich.
»Das verstehst du nit, Mutter.«
»Nein, Vater, aber auf der Erde kann man aus dem Wege gehen. Dort
drunten nit.«
Das war es ja, was sich der Bauer auch sagte, aber er murrte weiter:
»Werden sich schon zu helfen wissen, ist nit unsre Sache. Jeder
liegt, wie er sich das Bett macht.« Um ein Haar wäre das Mariele
eingeschüchtert worden. Die Bäuerin aber nickte ihr wiederum zu. »Sage
ich auch. Deswegen brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Ich denke,
der Rudolf wird seinen Spaß daran haben. Er hat sich ja immer in alles
geschickt. -- Wie steht denn euer Korn, Mariele?«
»Das wird eine traurige Ernte. Was der Hagel zusammengeschlagen hat,
steht halt doch nit wieder auf.«
Minna Korn strich ihr über die Hand. »Werdet nit verhungern, ihr zwei.
Da sind wir auch noch da.«
Die Reden gingen hin und her. Eine Weile hielt es der Hohlöfner noch
in seiner Sofaecke aus. Dann stand er auf, trat an den Tisch, ließ
sich dem Mädchen gegenüber nieder, nahm den Brief, der da noch lag,
las ihn und legte ihn wortlos wieder auf seinen Platz. Die Rauchwolken
wirbelten immer dicker aus seiner Pfeife, aber er schwieg. Von unten
her aber sah er dem Mädchen mit scharfen Augen in das offene, klare
Gesicht, und sein Blick verfing sich jedesmal in dem feingekräuselten
Blondhaar über der Stirn. Als das Mariele im Plaudern einmal
spielerisch einen der langen Zöpfe aufhob und ihn sich, wie es ihre
Gewohnheit war, um das Handgelenk wickelte, lächelte der Bauer sogar
mit verkniffenem Munde vor sich hin.