Rascher Zorn wollte in dem Manne auflodern. Er atmete ein paarmal
langsam und tief.
»Mutter, so geht das nit, sag ich, und so darf das nit werden! Das geht
mir gegen den Strich.«
»Hast ja auch nit gefragt, ob mir das andere nit gegen den Strich war!«
»Kreizdeibel, ist mir auch nit nach der Mütze, aber -- -- --«
»Du bist der Hohlöfner.«
Das besänftigte den Mann. Es wetterleuchtete noch in seinem Gesicht,
aber die Gutmütigkeit siegte. Er suchte nach der richtigen Maske, kniff
das linke Auge halb zu und dozierte, was er auf dem Bodenwege dem Ender
gesagt.
Seine Frau sah ihn halb lächelnd, halb ärgerlich an. »Kannst gut
Theater spielen. ~Mir~ spielst du nix vor. Ich kenne meinen
Hohlöfner besser, als er sich selber kennt.«
Da lachte Heinrich Korn.
»Brauchst nit zu lachen, wo der Rudolf jetzt -- -- -- Wer weiß, wo er
gerade steckt.« Die Frau hob den Schürzenzipfel, als wolle sie eine
rasche Träne trocknen, und schwieg einen Augenblick. »Hast dein Fleisch
und Blut aus dem Hause gejagt. Daran ändern deine Faxen nix. Magst
anderen weismachen, was du mir einlöffeln wolltest. Es hört sich gut
an, ist aber nit ehrlich von dir.«
»Bist du noch nit fertig, Mutter? Ich dächte, es langte für den Anfang.«
»Halt still, alter Hitzkopf. ~Das~ mußt du dir gefallen lassen,
und dann -- wollen wir sehen, wie wir zurechtkommen. Bist auf denselben
Trichter gekommen, auf den ich auch gekommen war, aber ich kam von der
andern Seite her, mach keine Faxen und will den Leuten nix weismachen.
Die Zeit wird dem Rudolf nicht schaden, und vor dem Dorfe wirst du ja
mit deinen Flausen zurechtkommen, so daß du nit Schaden leidest. Das
aber sage ich dir: Ich vermisse den Rudolf auf Schritt und Tritt.«
»Ich auch, Mutter. Hab's gar nit gedacht.«
»Aber ich hab's gedacht für dich. Und jetzt lernst du deinen Jungen
erst kennen, weißt jetzt erst, was du an ihm hast. Er ist die
Schlafmütze nit, für die du ihn gehalten hast, ist anders wie du, aber
nit weniger wert. Ein anderer wär ~nit~ so gegangen wie er. Beide
Hände hält er über dich. Nun halt du sie auch über ihn und -- über das
Mariele. Das verlang ich; denn ich bin die Mutter.«
Heinrich Korn sah seinem Weibe in das Gesicht, und ein Funke der alten
Schelmerei glomm in seinen Augen auf.
»Nun bist du wirklich fertig, Mutter?«
»Für's erste ja.«
Da ward der Bauer ernst. »Nit für's erste, für immer. So darfst du nit
wieder reden. Das vertrag ich nit oft.«
Und noch ernster: »Hast recht, Mutter, hast völlig recht. Die Hand
drüber halten. Das Mariele aber bleibt aus dem Spiele. Daß sie auf den
Hof kommt, will niemand lieber als ich, aber -- ich bin der Hohlöfner.
Langsam, Mutter, keine Dummheiten.«
»Du willst so tun, als gehöre das Mariele nit zu uns?«
»Ich denk nit dran. Grad erst recht soll sie zu uns gehören.«
»Mein ich auch.«
»Aber du kannst dem Dorfe nit von heut zu morgen weismachen, daß sie
die fünftausend Taler beieinander hätte. Das muß Zeit haben.«
»Wie willst du das überhaupt anfangen?«
»Das laß meine Sorge sein.«
»Die Dummheiten, die ich nit machen soll, die willst du selber machen?«
Da ging die helle Freude wieder über des Mannes Gesicht.
»Wenn's sein kann, ja, Mutter. Die Dummheiten behalt ich mir vor. Ich
bin der Hohlöfner.«
Sie hatten sich beide erhoben und standen voreinander. Heinrich Korn
nahm seine rundliche Frau in die starken Arme und klopfte ihr den
Rücken.
»Wir sind alleweil einig gewesen, Mutter, und wollen es auch jetzt
sein.«
»Wenn du es einem nur nit so schwer machen wolltest.«
Und der Bauer mit leise wehmütigem Lächeln: »Eine Wette gehe ich in
meinem Leben nit wieder ein.«
»Du, auch dafür lege ich die Hand nit in das Feuer.«
Da lachte der Mann so laut auf, daß die Mägde draußen verwundert die
Köpfe zusammensteckten. Ihre Verwunderung ward größer, als der Bauer
kurz darauf mit grimmigem Gesicht über den Hof ging. Daß er dies
Gesicht erst unter der Haustür aufgesteckt, wußten sie nicht.
»Albin,« rief er den Knecht an, »die Faulenzerei ist jetzt vorbei.
Jetzt heißt es zugreifen.«
»Hab ich immer gemacht.«
»Richtig. Bist der unebenste nit, aber jetzt muß das noch ganz anders
gehen.«
»Mehr als arbeiten kann kein Mensch.«
»Kommt bloß drauf an, ~wie~ er arbeitet. -- Der Rudolf ist fort.«
»Der -- ist -- fort?« Dem Knechte blieb der Mund offenstehen. »Wegen --
-- --«
»Brauch keine Maulaffen. Mach's Maul wieder zu. Gar nit: Wegen. Er
hat's gewollt. Will sehen, wie's andern Leuten zumute ist bei ihrer
Arbeit, und ist recht, daß er so denkt, und freut mich. Könnte keinem
schaden, wenn er wüßte, wie's hinter dem Berge aussieht und das Brot an
fremdem Tische schmeckt.«
»Da hast du recht, Bauer.«
»Also. Und nun müssen wir zwei den Rudolf ersetzen, Hopp, faß an. Ich
will dir zeigen, daß das geht.«
Hei, wie die Arbeit flog, und wie die Stunden flogen.
Die Nächte aber ließen sich nicht ausschalten. So kurz sie waren, sie
waren lang genug zum Nachdenken. Und die Gedanken waren so schwer, daß
sie dem Hohlöfner die Aussicht auf den Spaß, den er sich zu erhaschen
gedachte, oft genug verdunkelten.
Etliche Tage darauf schrieb Rudolf, daß er mit einem Regimentskameraden
zusammen im Bergwerk arbeite.
Die Hohlöfnerleute saßen am Abend am Tische. Es war still. Sie sahen
aneinander vorüber. Schwerfällig stieß eine späte Fliege laut brummend
gegen die Fensterscheiben. Der Hohlöfner stand auf, zerdrückte sie und
ging dann mit langen Schritten in der Stube auf und ab. Alles geschah
schweigend unter einem dumpfen Drucke, und der Mann preßte im Hin- und
Hergehen die breite Hand auf die Brust.
Schließlich löste sich die Spannung in einem: »Dunnerlichting,
Dunnerlichting!« Die Schritte wurden rascher. »Mußte denn das sein?
Ausgerechnet in die Grube?«
»Wird halt nit anders gegangen sein. Denkst du, in der Stadt haben
sie auf ihn gewartet und ihm den feinsten Posten präsentiert: Da hast
du, weil du dem Hohlöfner aus Schönbach sein Sohn bist. Hast du das
gedacht?«
»Red kein dummes Zeug, Mutter. -- Aber gerade das Bergwerk!«
Minna Korn war eine kluge Frau. Der Mann tat ihr leid, aber sie drängte
ihn mit Absicht tiefer in seine Not hinein. Die Stimme dämpfend,
trauriger scheinend, als sie war, begann sie: »Man muß sich das einmal
ausdenken. In der Grube kommt fast jeden Tag einer zu Schaden.«
Das verfing nicht. Minna Korn hatte ihres Struwelkopfs Gedanken noch
nicht ganz erfaßt.
»Das ist's nit,« polterte der Mann. »Auf dem Felde kann ihn der Blitz
erschlagen, im Holze ein Stamm. Das ist's nit, aber -- -- so tief unter
der Erde, keinen Himmel über sich!«
Da wußte die Frau Bescheid. Die Kerbe war angehauen, sie schlug fest
darein.
»Kein Linsele Sonne! Und kein Vögele, das ihm singt, und keine Blume,
die ihm blüht.«
»Was macht er sich aus den Blumen, aber -- -- --«