»Ich gehe ein paar Schritte mit dir.« Minna Korn erhob sich, nickte
ihrem Manne zu: »Warte auf mich, Vater, ich bin bald wieder da. Bloß
ein paar Schritte, weil's so schön draußen ist.«
Vor dem Tore schob sie ihren Arm in den des Mariele. »Mußt nit denken,
daß der Vater böse wäre.«
»Korns-Mutter, da ist nix zu denken, er ~ist~ böse. Ich bin's
anders von ihm gewöhnt.«
Die Bäuerin streichelte ihre Hand. »Mußt noch viel lernen, Mariele.
Auch die besten Männer haben ihren Kopf für sich. -- Klug ist nit
falsch. Falsch darf eine Frau nit sein, aber klug muß sie sein für
zwei, ach nein, für viel mehr, für ihren Mann und für jedes Kind extra.
Und muß auch für jedes ein extra Herzkämmerlein haben, Mariele. Das
ist wie im Hause. Allen zusammen die große Stube und jedem eine Kammer
extra. Brauchst keine Angst zu haben. Es ist nit schwer, allen ihr Teil
zu geben, gar nit. Der Vater ist nit böse, verlaß dich drauf. Ich kenne
ihn doch. Es juckt ihm lange in den Fingern, dich wieder an deinen
Zöpfen zu zupfen. Paß auf, das geschieht bald einmal wieder.«
»Wenn's nur heut schon geschehen wär.«
»Nur nit gleich zu viel verlangen. Er kommt doch noch nit einmal des
Rudolfs wegen mit sich selber zurecht. Wie soll er da dich gleich noch
mitnehmen. Nit gleich zu viel verlangen.«
»Korns Mutter, ist Euch wirklich nit bange um den Rudolf?«
»Aber gar nit. Ich möchte doch auch wissen warum.«
»Mir ist bange. Da drunten in der Finsternis -- -- --«
»Sieht er immer jemand vor sich, der lange, lichte Zöpfe hat.«
»Ach -- -- und da ist's so still.«
»Dafür hört er jemand, den er am liebsten hört.«
»Und -- -- und da passiert soviel Unglück.«
»~Auf~ der Erde noch viel mehr. Mußt nit so dumme Gedanken haben,
Mariele. Was soll denn das werden? Meinst du, ich hätt den Jungen nit
grade so gern wie du ihn hast? Ehbevor er noch sonst jemandes war,
war er mein. Ich habe ihn grad so gern wie du, aber Angst um ihn? Nit
ein Linsele. Meinst du, da geschähe etwas von ungefähr? Müßte doch
ein armer Stümper sein, der Herrgott, wenn er eine so kreuzverdrehte
Geschichte geschehen ließ, so aus einem Körnlein Sand einen Berg
machte, wenn nix Gutes dabei herauskommen sollte. Wir wollen übers Jahr
wieder darüber reden, Mariele. Und das will ich dir noch sagen: Ja nit
den Kopf hängen lassen. Werde wieder, wie du immer warst. So. Für heute
ist genug geredet. Da will ich umdrehen.«
Sie reichte dem Mariele die Hand. Grade als die zwei auseinandergehen
wollten, grüßte sie einer mit einem hellen: »Guten Abend.«
Die Hohlöfnerin erkannte den Grüßenden an der Stimme. Es war der junge
Lehrer, und den hatte sie mütterlich lieb, den einsamen, kranken,
jungen Menschen.
Herzlich und freundlich erwiderte sie den Gruß, und Lehrer Siebert trat
an die zwei heran.
»Na, Herr Lehrer,« fragte die Bäuerin, »noch spazierengehen? Ist recht.
An solch einem Abend geht man nit gern ins Bett. Nit wahr, es läßt sich
auf dem Dorfe leben? ~Die~ Abende macht uns die Stadt nit nach.«
»Ich gehe auch nicht wieder in die Stadt,« sagte der Lehrer leise, und
seine Worte hatten einen traurigen Unterton.
Sie hörten ihn beide, die Hohlöfnerin und das Mariele, aber während
das Mädchen nicht zu antworten vermochte, weil sie nicht unwahr sein
wollte, wußte sich Minna Korn zu helfen. »Ist recht, Herr Lehrer, ist
recht. Hat Sie jeder gern, vor allem die Kleinen. -- Wollen Sie nach
den Bodenwiesen?«
»Nein. Ich will an die Bärenäcker. Da schlägt eine Wachtel.«
»Was Sie sagen! Eine Wachtel? Wüßte nit, wann ich einmal wieder eine
bei uns gehört. Es scheint den Tierlein bei uns zu kalt geworden zu
sein. So vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren hatten wir sie immer
da. Hast du eigentlich schon einmal eine Wachtel gehört, Mariele?
Nit? -- Herr Lehrer, nehmen Sie das Mariele mit. Ist ja nur ein paar
Schritte. Das mußt du hören. Es heißt immer: Fürchte Gott, und heute
Abend heißt's: Fürchte ~dich~ nit! -- Ich muß umdrehen. Der Vater
wartet. -- Gute Nacht.«
Langsam gingen die zwei jungen Menschen das Dorf hinab. Minna Korn
kehrte auf den Hof zurück. Der Bauer saß, wo er gesessen, las keine
Zeitung, wie er gern nach der Arbeit tat, sondern paffte und grübelte
und grollte in sich hinein.
Mit raschen Schritten trat seine Frau auf ihn zu.
»Sinnst du noch immer, Vater?«
»Nein. Auf dich gewartet hab ich. Hat lange genug gedauert. -- Hast
gewiß dem -- Mädel abgebeten.«
»Ach nein, das mach selber. Ich hab ihr nit weh getan. Bin nit einmal
mit bis zum Berteles-Häusel gegangen, hab das Mariele bloß dem jungen
Lehrer überantwortet.«
Heinrich Korn sah seine Frau verwundert an.
Die nickte ihm zu. »Er will nach den Bärenäckern. Da schlägt eine
Wachtel.«
Ungläubig forschte der Mann im Gesicht seiner Frau. »Eine Wachtel? Und
-- deswegen -- -- --«
»Das Mariele hat noch keine gehört, und,« Minna Korn legte ihrem Manne
die Hand auf die Rechte, »wenn's gesagt ist, ist's ausgestanden.
Ungesagtes macht viel mehr Not. Dem armen Menschen sitzt der Tod in der
Brust. Mit dem muß man Erbarmen haben.«
»Ja, Mutter, wie denn?«
»Vater, das sieht ein Blinder. Laß ihn reden. Dann kann ihm das Mariele
später einmal Gutes tun. Ist's nit gesagt, findet sie den Weg nit, wenn
er sie einmal braucht.« Sie zerdrückte einen Tropfen im Augenwinkel.
»Wem so viel gegeben ist wie dem Mariele, der kann auch viel Gutes tun.«
»Übertreib nit, Mutter. Sie ist ein Mädel wie andre auch.«
Minna Korn nickte ihrem Manne zu. »Weiß schon, darum soll sie ja auch
auf den Hohlofenhof. -- Komm, wir wollen schlafen gehen. Der Rudolf
wird jetzt auch schlafen.«
»Wenn er nit etwa Nachtschicht hat.« --
Lehrer Siebert und das Mariele gingen das Dorf hinab. Am
Berteles-Häuschen klopfte das Mädchen an, der Mutter zu sagen, daß sie
noch ein paar Schritte ins Feld ginge.
Nun schlenderten sie auf dem benachbarten Wegrain dahin. Der Abend war
still und feierlich, das Land wallte in langen, ruhigen Wellen hinüber
zum fernen Horizont, Sterne blinkten. Zu seiten des Weges rauschte
das Korn, Nachtschmetterlinge summten und schwirrten, und Fledermäuse
huschten.
Da kam es hell und wohltönend aus dem Felde: »Pickberwick,
pickberwick.« Mariele Berteles stand still und lächelte. »Das ist sie.«
»Ja,« entgegnete Lehrer Siebert, »das ist sie.«
Sie standen und lauschten, und in des Mädchens Augen lag eine kindliche
Freude.
»Man kann es wohl als: Fürchte Gott, deuten,« sagte sie leise. »Fürchte
Gott, fürchte Gott.«
»Die Bäuerin deutet es als: Fürcht dich nit.«