Der Hohlofenbauer horchte auf. »War das nit eben gedonnert?«

»Es donnert schon eine ganze Weile.«

»Ist Rudolf wieder heim?«

»Er ist ja kaum fort.«

»So. Hältst ihm die Stange. Ich weiß schon.«

»Nit mehr, als recht ist. -- Ihr Männer! Bindet euch andermal Schürzen

um, wenn ihr ins Wirtshaus geht. Uns Weibern passieren solche

Dummheiten nit. Hast einen schönen Streich gemacht.«

Der Bauer paffte jetzt, daß er in Wolken gehüllt war. Aus dem Gewoge

kam es dumpf und knurrend: »Laß mich nit auslachen.«

»Das ist der Popanz, auf den du aus bist wie ein junges Mädel auf den

Tanz. Mach's danach, und es lacht dich niemand aus.«

Und ernster und herzlicher: »Vater, ich weiß genug vom Ender, um mir

die Sache zusammenreimen zu können. Nun tu mir den Gefallen und

erzähle, wie's richtig war. Dann brauch ich nit andere Leute drum zu

fragen, und wir können sehen, wie wir weiterkommen; denn aus der Welt

~muß~ die Sache. Ich kenne meinen Hohlöfner gut genug, weiß, wie

lieb dir das Mariele ist, und daß die Hälfte vorhin Getue war.«

Wieder kämpfte die Bäuerin sich schrittweise vorwärts. Heinrich Korn

wand sich, wie vorhin der Ender. Er war seiner Frau nicht gewachsen.

Gab er sich jetzt wahr, so daß ein ehrlicher Schmerz in seiner Stimme

klang, so polterte er nachher in gemachtem Zorn. Eigensinnig aber

beharrte er darauf: »Ich geb nit nach, und ich laß mich nit auslachen.«

»Nun will ich auf Ehr und Seligkeit wissen, ob du etwas gegen das

Mariele hast,« verbiß sich sein Weib.

»Was soll ich gegen das Mädel haben? Hab immer meinen Spaß mit ihr

gemacht.«

»Gut. Dann ist's also das Geld. Woher soll sie das nehmen?«

»Kann mir egal sein. ~Ich~ geb's ihr nit.«

»Gib's mir. Dann will ich's ihr geben.«

»Untersteh dich!«

»Daß ~ich~ von den beiden armen Weibsleuten lasse, das wirst du

nit verlangen, und ich tu's auch nit. -- Mann! Mann! Gib nach, sag

dieses einzige Mal nur: Ich hab mich überrumpeln lassen.«

»Du willst mich kennen und verlangst, daß ich hier nachgebe? Nit einen

Schritt! Das Mädel bringt die fünftausend Taler und dann -- -- --« Er

brach ab und zuckte die Achseln, »oder -- es wird nix daraus.«

»Und Rudolf?«

»Soll er tun, was er nit lassen kann.«

»Und wenn er fortgeht?«

»Mache ~ich~ ihm noch die Türe auf.«

»Das ist nit dein Ernst.«

»Mein heiliger.«

Da ging die Bäuerin langsam auf ihren Fensterplatz. Wieder nach einem

Weilchen stand der Bauer auf, sich einen Krug Wasser zu holen.

In der Küche trat ihm die Kleinmagd entgegen, die eben ausgehen wollte.

Sie schlug lachend die Hände zusammen: »Jesses, Bauer, wie seht Ihr

denn aus?«

»Noch lange nit so dämlich wie du.« Er nahm sie am Arme und schob das

kichernde Ding hinaus.

Als er in die Stube zurückkehrte, setzte draußen urplötzlich der Regen

ein, als wenn Mulden vom Himmel herab ausgeschüttet würden.

* * * * *

Marie Berteles saß harrend am Fenster. Das Herz schlug ihr bis zum

Halse. Die zaghafte, kleinmütige Mutter machte es ihr nicht leicht.

Alle Bedenken und Einwände, die das Mädel selber wußte, unterstrich sie

mit einem »Du wirst sehen, daß ich recht habe. Wo kann das sein, daß

du armes Mädel auf den großen Hof kommst, wo der Rudolf noch dazu der

Einzige ist!«

»Mutter,« bat die Tochter gequält, »mach mir's nit noch schwerer, als

es schon ist. Was kann ich dafür, daß wir uns gern haben?«

Sie sah zum Fenster hinaus, blickte zum Himmel empor, an dem sich die

Wolken türmten, lief rasch noch einmal in den Garten und brach ein

paar Fliederdolden, kehrte zurück und wartete. Und die Uhr schlug,

der und jener ging draußen vorüber, der Wind machte sich auf, und die

Baumkronen rauschten; den sie erwartete, der kam nicht. Sie schlang die

Hände ineinander, wickelte sich nach ihrer Gewohnheit die Zöpfe um die

Handgelenke, zerdrückte eine Träne im Augenwinkel.

Es war also doch anders gegangen, als Rudolf erwartet, anders, als sie

im stillen gehofft. O weh! Und Rudolf hatte sich das so schön gedacht:

Der Vater, lachend und gewichtig, als Freiwerber, dann er selber,

zuletzt die Mutter, darüber Sonne und Sommerglück. O weh, nun kam eine

harte Zeit.

Die Uhr tickte. Zimmermann Witter, der am Fenster vorüberging, wies

nach dem Walde: »Es kommt aus dem Schlachthaken her. Wir müssen uns auf

was gefaßt machen.«

Da -- kam Rudolf die Straße herab, allein, schon im Gehen verratend,

daß er tief erregt war. Und sein Gesicht, als er näher kam! Blutleer,

ernst, hart. Das Mariele wagte nicht, von der Bank aufzustehen.

»Tag!« Rudolf reichte Mutter Berteles die Hand. »Berteles-Mutter, Ihr

wißt, wie es um uns beide steht. Wir wollen nun zum Heiraten tun, und

ich will Euch fragen, ob Ihr etwas dagegen habt. Bin ich Euch recht?«

Alles kurz und knapp und hart.

Und die Mutter weinerlich: »Ach Gott, Rudolf, ob du mir recht bist! Ich

wüßte keinen, dem ich das Mariele lieber gäbe, aber ich weiß halt nit,

ob sie deinen Leuten recht ist.«

»Darüber reden wir nachher.« Er trat auf das Mariele zu, zog sie von

der Bank empor, nahm sie in die Arme: »Ich laß nit von dir!«

Sie barg sich wie ein verängstigter Vogel an seiner Brust.

»Der Vater will's nit?« fragte sie leise.

Rudolf streichelte ihr das Gesicht. »Nit so ängstlich sein. -- Ob

er will?« Er zuckte die Schultern. »Vorläufig tut er so, als ob er

nit wollte, aber ich glaube nit, daß das seine richtige Art ist. Ich

habe ihm gesagt, der da so wild täte wie ein Stier, das wär nit der

Hohlöfner.«

»Rudolf, um Gottes willen, du hast doch nit zuviel gesagt?«

»Ich denk nit. Würde auch ~jetzt~ kein Wort anders sagen.«

Mutter Berteles saß weinend hinter dem Tische. »Ich hab's gesagt, ich

hab's doch gesagt.«

»Was hat er gegen mich?« fragte das Mariele.

»Bring fünftausend Taler mit.«

Die Mutter schlug die Hände zusammen, das Mariele hätte Rudolf nicht

überraschter ansehen können, wenn er ihr erzählt, am Fliederstrauche im

Berteles-Garten seien Trauben gereift.

»Fünf--tau--send Taler!« Mutter und Tochter riefen es aus einem Munde.

Während aber die Mutter bestätigend nickte und murmelte: »Ja, die

reichen Leute!« schwieg die Tochter in Weh darüber, daß das Bild des

lieben, fröhlichen Mannes so häßlich verzerrt ward. Er war -- wie die

anderen, und sie hatte ihn hoch ~über~ die anderen gestellt.

Und eine Stunde später lebte doch wieder etwas wie Zuversicht in

ihr. Rudolf glaubte nicht, daß der Vater unerschütterlich bei seiner

Forderung bleiben werde. Darin ging das Mariele gern mit ihm. Zaghaft

aber nur folgte sie ihm, als er allen Ernstes erklärte. »Und gibt er

doch nit nach, dann, Mariele, schaffe ich uns ein ander Unterkommen.

Es geht nit so rasch mit dem Heiraten, aber es geht.«

»Nit, nit,« schrie die Bertelessin auf. »Nit gegen den Vater! Ist kein

Segen dabei!«

»Soll ein Segen dabei sein, wenn ein Vater seinen Einzigen zeitlebens

unglücklich machen will?« trotzte Rudolf.

»Ach Gott, ich hab's doch gesagt!« jammerte die Bertelessin. »Hätt'

ich's nur nit zugegeben, als noch Zeit war.« Sie ging hinaus, diese und

jene kleine Hantierung in der Wirtschaft zu verrichten; denn wenn die

Hände arbeiteten, ward es dem Herzen leichter. Die jungen Leute aber

saßen und planten und wachten erst auf aus düsteren Zukunftsträumen,

als ein Wetterschlag das Haus erzittern machte.

Ja, das Wetter kam vom Schlachthaken her, dem Waldtale, das an dem

großen Bogen des Flusses lag, in den der Schönbach mündete. Ein kurzer,

wilder Regen rauschte, dann mit einem Male dumpfe, unheimliche Stille.

In die Stille hinein ein rasender Blitz, dem unmittelbar prasselnder

Donner folgte. Die Bertelessin kam schreiend in die Stube gerannt. »Es

hat eingeschlagen!«

An ihr vorüber stürmte Rudolf die Treppe hinauf, keine Flammenzunge,

kein Schwefeldampf. Er kam zurück. »Alles in Ordnung.«

»Dann ist's nit weit gewesen,« beharrte die Bertelessin. »Horcht auf,

wenn sie das Feuerhorn blasen.«

Es schallte kein Feuerhorn. Wieder ward eine dumpfe Stille. Darauf kam

von fern her ein Rauschen. Es knirschte wie der Ton einer unheimlichen

Säge. Dann, langsam beginnend und sich jäh steigernd, das Prasseln des

Hagels.

Mutter Berteles hatte die Hände gefaltet und stammelte mit zuckenden

Lippen: »Mariele, Mariele! Was haben wir dem lieben Gott zuleide getan?

Es -- ha -- gelt!«

Schwere Hagelkörner sausten nieder und sprangen hoch auf, der

Berteles-Hof war weiß, als hätte es geschneit. Urplötzlich, wie der

Hagel eingesetzt, brach er ab und ging in einen wilden Regen über,

durch den die Blitze zischten und die Donner grollten.

Der Schönbach ward im Handumdrehen zum wildrauschenden Wasser, das sich

am Zaune des Berteles-Gartens staute, weil ihm eine niedergebrochene

Esche den Weg verlegte und in ihren Armen das Holzzeug aufhielt, das

der Bach mitbrachte. Die Esche konnte nicht liegenbleiben. Das Wasser

hätte den ganzen Berteles-Garten überschwemmt.

Rudolf Korn und das Mariele warfen sich alte Jacken über; der Bursche

ließ sich Beil und Säge geben. Im strömenden Regen arbeitete er, und

das Mädchen ging ihm zur Hand. Sausend grub sich das Beil in Äste und

Krone der Esche. Die fuhren das Wasser hinab. Der Stamm war kahl, aber

er hielt noch immer vielzuviel auf. Wieder flogen die Späne. Noch ein

Hieb. Jäh führten die Wellen die beiden Stücke des Eschenstammes mit

fort, so jäh, daß deren eines Rudolf Korn gegen die Füße schlug, daß er

stürzte, daß ihn die Wellen hineinrissen in den wilden Bach.

Das Mariele schrie auf, rannte hinab am Bache. Rudolf klammerte sich

an einen Weidenast. Sie reichte ihm die Hand, triefend stand er neben

ihr. Da umschlang sie ihn und vermochte nichts zu sagen als: »Nit

auseinander, nit, nit!«

Rudolf Korn ging kurz danach hinter dem Dorfe weg heim, begegnete

niemand im Hause, zog sich in seiner Kammer um und ging an die Arbeit

im Stalle.

Alle Felder nach der Bücherseite, die gegen den Schlachthaken zu lagen,

waren schwer vom Hagel getroffen worden. Der Hohlöfner aber hatte

seine Felder auf der anderen Seite gegen Dornweg und Nußbühl hin. Die

Hagelgrenze war wie mit dem Messer gezogen und führte unmittelbar

hinter den Häusern der linken Dorfseite weg. Hier hatten kaum die

Gärten Schaden gelitten.

Der Abend kam, ein leuchtender, frischer Sommerabend. Vom Walde her

duftete das junge Grün der Birken, Lerchen stiegen zum Himmel hinauf

und sangen ihre Lieder.

An den Bücherfeldern aber standen verstörte Menschen. Wer versichert

hatte, und das hatten die meisten getan, überrechnete, wie groß sein

Schaden trotzdem noch sein werde. Wer die Ausgabe gescheut oder sie

nicht hatte wagen können, wußte, daß er auf lange hinaus geschlagen war.

Zu den am schwersten Betroffenen gehörten Pauline Berteles und Fritz

Ender, von denen die eine nicht versichert hatte, weil ihr der Betrag

zu hoch war, der andere, weil er klüger war als andere Leute. Mit

verbissenem Gesicht stand der Enderbauer vor seinen verhagelten Äckern

und grollte: »Wer nit hochkommen soll, der kommt einmal nit hoch.«

Kantor Ritter und Lehrer Siebert kamen daher. Zwischen ihnen ging die

Hohlöfnerin. Ritter sprach dem Ender sein Bedauern aus. Er kam übel an.

»Nix glaube ich mehr,« keifte der Ender. »Hab dem Herrgott nix getan,

habe ihn in Ruhe gelassen. Warum muß er mir das antun!« Der verbitterte

Mann lief davon, kam an das Feld der Berteles, und die Alte lief ihm

entgegen, Mitgefühl suchend. »Ender, was soll nun bloß werden!«

»Was werden soll?« Der Bauer sah sie giftig an. »Nun wird das halt

länger dauern mit den fünftausend Talern.«

Das hatte die Hohlöfnerin gehört und, was sie sonst kaum getan, das tat

sie nun. Sie nahm Pauline Berteles in die Arme: »Nit jammern. Solange

~wir~ satt werden, sollt ihr auch nit Hunger leiden. Und das sag

ich,« zum Ender gewandt, »die Heimtücker sollen ihre Freude nit haben.

Komm, Mariele, morgen sieht das nit mehr so schlimm aus.«

Den dreien gesellte sich Lehrer Siebert zu. Er ging mit dem Mariele

hinter den beiden Müttern drein. »Fräulein,« sagte er leise, »ich würde

Ihnen so gern helfen. Meine Eltern sind tot, ich -- verfüge allein über

das, was sie mir hinterließen, und -- -- --«

Freudig überrascht schlug das Mädchen die Augen zu ihm auf. Der

junge Mann war blaß vor Erregung und sah sie mit einem so demütigen,

bittenden Blicke an, daß das Mariele verlegen ward, ohne indessen

zu ahnen, daß hinter den guten Augen stille, tiefe Wünsche lebten.

Sie reichte dem Lehrer die Hand: »Ich danke Ihnen. Vielleicht können

wir allein damit fertig werden. Schulden sind fix gemacht und schwer

bezahlt.«

Lehrer Siebert lächelte. »~Die~ Schulden hätten Sie nicht

gedrückt. -- Guten Abend. Ich will noch einmal durch die Bodenwiesen

gehen. Es ist so schön jetzt nach dem Regen.«

Inzwischen hatte die Bertelessin in aller Harmlosigkeit der Hohlöfnerin

von Rudolfs Unfall erzählt. Als die drei Frauen am Berteles-Garten

auseinandergingen, hielt Minna Korn Marieles Hand lange fest: »Nit den

Kopf hängen lassen, Mädel. Es ist noch lange nit aller Tage Abend.«

Wie Lehrer Siebert, so hatte auch Rudolf Korn noch einmal den Weg nach

den Wiesen eingeschlagen. Er wollte sehen, ob der Bach viel verschlammt

habe. Und siehe da, die große Grenz-Erle war weg. Der Blitz hatte sie

getroffen und ihre Trümmer weit über die Wiese hingeschleudert. Sinnend

stand Rudolf an dem Stumpfe. Wo war nun der Streit? Der Blitz, den

die Bertelessin ihrem Hause vermeint, hatte sich die Erle ausgesucht.

Kopfschüttelnd blickte der Bursche über die Wiesen, auf denen die

Blumen langsam die Häupter hoben, ging zurück, traf Lehrer Siebert und

schlenderte mit ihm auf dem Bodenwege heimwärts.

Die Eltern waren bereits zur Ruhe gegangen. Er klopfte an die Kammertür

und berichtete, daß der Blitz die Erle zerrissen und die Fetzen zum

Teil auf ihre, zum Teil auf des Enders Wiese geworfen habe.

Das kam der Hohlöfnerin wie gerufen. Sie hatte ihrem Krauskopf eben

berichtet, daß das Mariele den Rudolf gerettet. »Siehst du,« fuhr sie

triumphierend fort, »es ist nix von ungefähr. Warum muß dich die Biene

in die Lippe stechen, daß du jetzt nit reden kannst? Hättest du gestern

abend das Maul gehalten. Womit einer sündigt, damit wird er gestraft.«

Sie redete allerhand und kam immer wieder zu dem Schlusse: »Das sage

ich dir: ~Ich~ lasse so wenig vom Mariele wie der Rudolf.«

Der Hohlöfner aber grollte: »Und ich geb nit nach!« Er schlief wenig,

ging mit sich ins Gericht, schalt sich. Doch: »Nachgeben tu ich nit und

kann ich nit, und wenn mir der Junge den Stuhl vor die Tür setzt. Aber

das wäre das erste Mal, daß der Hohlöfner einer Sache nit gewachsen

wäre. Und das Mädel muß mir auf den Hof!«

4.

Die Tage haspelten ihre Stunden ab, jeder seine vierundzwanzig, und

deren fünfzehn oder sechzehn hatten ihr gerüttelt Maß Arbeit. Rudolf

Korn ging stiller durch das Haus als sonst, aber er ging dem Vater

nicht aus dem Wege, bot ihm die Zeit, fragte dies und jenes. Die

Antworten waren kurz und brummend. Auch die Bäuerin hatte ihre Not. Den

ruhigen Darlegungen wich der Mann jetzt um so mehr aus, je mehr ihm

sein Gewissen allein die Schuld gab.

Der und jener der Nachbarn, mit denen er am Sonnabend im Wirtshause

gesessen, traf ihn, brachte die Rede auf das Hagelwetter, deutete an,

daß der Ender beinahe verdiene, was ihm widerfahren, daß dafür aber die

Bertelesfrauen um so mehr zu bedauern seien. Er sei vorhin dem Mariele

begegnet. Die sehe ja geradezu zum Erbarmen aus.

Der Schmied, zu dem der Hohlöfner die Stute zum Beschlagen selber

führte, weil sie schwierig zu behandeln war, ward deutlicher.

»Heinrich,« zürnte er, »da hast du eine Dummheit gemacht, das sage ich.«

»Ist meine Sache. -- Beschlag die Stute.«

»Mache ich auch, aber meine Meinung sage ich doch. -- Du bist ein

Hitzkopf und mußt nachgeben.«

»Den Deibel werde ich tun.«

»Heinrich, mach dich nit zum Gelächter! Es steht außerdem keiner auf

dem Ender seiner Seite.«

»Langt, wenn er selber darauf steht. Gesagt ist gesagt. Ich habe nit zu

viel verlangt. Dabei aber bleibt's. Und nun schlag zu, sonst gehe ich

zum Goßberger Schmied.«

Wer wußte, daß der Hohlöfner Tag und Nacht über einen Weg sann, auf dem

er dem Mariele helfen könne, daß er, wenn er sich allein wußte, schon

sogar etliche Male vor sich hin genickt und gelächelt hatte, daß er

schon so weit war, zu sagen: Nachgeben? Natürlich muß ich nachgeben und

werde es tun, aber den will ich sehen, der mir's ins Gesicht sagen darf!

Der Mittwochabend kam. Heinrich Korn und sein Weib saßen in der Stube

und besprachen die Arbeit für morgen.

Da trat Rudolf herein, bescheidener noch, als es sonst seine Art war,

und doch mit entschlossenem Gesicht.

»Vater, ist dir's recht, wenn wir noch einmal über die Sache reden?«

»Recht oder nit, red. Was herauskommt, müssen wir sehen.«

»Vater, wenn ich am Sonntag zu viel gesagt habe, dann denk nit mehr

daran. Ich hab dir nit wehtun wollen.«

Der Hohlöfner wischte mit der Hand über den Tisch. »Wenn die Schüssel

zerschlagen ist, kann sie bloß wieder geflickt werden. Ganz wird sie

nit wieder.«

»Habe ich denn wirklich zu viel gesagt? Ich -- könnte ja heute auch nit

anders reden.«

»Ich auch nit.«

»Du bleibst also bei den fünftausend Talern?«

»Ja. Anders nit.«

»Und das Mariele selber?«

»Hab nit gedacht, daß ~die~ einmal an Mutters Stelle treten

könnte, aber -- -- --« Er strich wieder über den Tisch.

Und Rudolf bitter ernst: »Was nun, Vater? Sollen wir warten, bis ich

hier auf dem Hofe die fünftausend Taler verdient habe, sollen wir

beide, du und ich, wie die letzten Tage, wie Hund und Katze umeinander

gehen? Beides kannst du nit verlangen. Ich sehe keinen anderen Weg als

den, daß ich aus dem Hause gehe und wir, wenn ich einen Posten gefunden

habe, heiraten. Ich will mir nit vor dem ganzen Dorfe die Schande

antun, daß -- -- --«

»Ist das nit schon Schande genug, daß du davonlaufen willst wie der

erste beste Ochsenknecht? Bin der Hanswurst so und so. Laß ab von

dem Mädel. Mag sie heiraten, wen sie will. Du nimmst dem Wolfert aus

Goßberg seine Klara.«

»Ich nehme keine andere als das Mariele!«

»Dann,« der Hohlöfner war unheimlich ruhig, »weißt du deinen Weg.«

Jetzt warf sich seine Frau dazwischen. »Nun hört die Narrheit auf! Was

jetzt geschieht, das ist Frevel, und das leid ich nit!«

Zum ersten Male seit dem Tage ihrer Hochzeit standen sich der Hohlöfner

und sein Weib kämpfend gegenüber. Der Bauer aber war eigensinnig wie

ein Kind. »Ich laß mich nit auslachen!«

Minna Korn legte ihre Hand hart auf den Tisch. »Du gibst nit nach,

Mann?«

»Ich kann nit.«

»Und du willst nit im Hause bleiben, Rudolf?«

»Ich -- kann nit.«

»Gut. Ihr könnt nit. Ich ~kann~ und verlange, daß ihr mich hört.

-- Du gehst, Rudolf, darin sehe ich auch keinen anderen Weg und

~will~ ihn nit sehen, aber du wirst das Mariele nit eher heiraten,

als bis dein Vater sagt: Bring sie mir.«

»Nein, Mutter, ich werde -- -- --«

»Still! Du wirst ~nit~! Ich verlang's, und ich bin deine Mutter!«

»Gut, ich will -- ein Jahr warten.«

»Ein Jahr? Wenn's zwei werden, wirst du's auch überstehn. -- Nun

macht's kurz. Was sein muß, wird am besten gleich ausgestanden. Wieviel

willst du Reisegeld haben? Gar nix? -- Und wohin willst du gehen? In

die Stadt? Geh!« Sie reichte ihm die Hand. »Halt dich brav, Rudolf, und

denk an deinen Vater und an das Mariele. An mich brauchst du nit zu

denken. ~Ich~ helfe mir durch. -- Gebt euch die Hände, ihr zwei

Dickköpfe. Wenn ihr schon auseinandergehen ~müßt~, dann -- nit in

Feindschaft.«

Wortlos hielt Rudolf dem Vater die Hand hin, murrend legte der Vater

die seine darein. Der Mann hätte aufbrüllen mögen, das Herz donnerte

ihm gegen die Rippen, es verklagte ihn. Der Sohn, der mit hart

aufeinandergelegten Lippen vor ihm stand, tat ihm in der Seele leid,

Scham und Schmerz waren hundertmal größer als der Zorn, und -- er

konnte doch nicht. Seinem Weibe tief dankbar, war er entschlossen, in

dem Augenblicke, da sie allein waren, den Rückzug, den er angetreten,

zuzugeben, mit ihr zu beraten, wie der Knoten zu entwirren sei, ohne

nach außen hin sein: Ich bin der Herr und kann nit anders! aufgeben zu

müssen.

»Leb wohl,« knurrte er, »hab nit gedacht, daß das einmal so kommen

würde, muß halt auch ertragen werden. -- Vergiß nit, wer du bist.«

Rudolf lächelte bitter, setzte an zum Sprechen, die Mutter schob ihn

aus der Tür.

Nun sie mit ihrem Manne allein war, pflanzte sie sich in ihrer ganzen

Breite vor ihn hin. »So, nun hast du's so weit. Du wirst nit sagen

können, daß ich dir vor dem Jungen nit alle Ehre angetan hätte, nun

wir aber allein sind, nun sag ich dir: Eine Sünde und eine Schande

ist's, was du deinem unschuldigen Fleisch und Blut antust. Und um einen

Popanz! Weil du, dem ~jeder~ den Hanswurst machen soll, wenn's dir

paßt, dich selber zum Hanswurst gemacht hast. In der ganzen Welt ist's

nit erhört, daß ein Vater seinem Sohne die Heimat nimmt, der nix weiter

wollte, als ihm das beste Mädel als Schwiegertochter bringen, das einer

bringen kann.«

Der Hohlöfner, der sich erhoben hatte, wollte zu sprechen beginnen,

ganz ruhig, beinahe demütig. Sein Weib ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Sag nix!« Ihre Stimme schwankte, die Tränen ließen sich kaum noch

zurückhalten. »Wenn ich dich noch ~soviel~ achten soll,« sie wies

ihm ein Fingerglied, »wenn es nit auch zwischen uns aus sein soll, --

--«

»Herrje, Mutter, nit gar so eifrig!«

»-- -- -- dann tust du alles, daß das Herzeleid bald vorübergeht.« Ihre

Stimme brach. »Das halt ich nit lange aus, zwischen Mann und Kind zu

stehen, dem Kinde recht geben zu müssen und den Mann gegen den Sohn zu

verteidigen, wo jedes Wort eine Lüge ist. -- Zwischen dem Mariele und

dir bleibt's das alte. Du sollst den Leuten nit den Jux machen, eine

Feindschaft zu heucheln, die nit ist und nit sein darf. ~Ich~ will

dem Mariele helfen, und über mich hinweg wirst ~du~ es tun. Soll

niemand davon wissen. Auch das soll niemand wissen, daß du und Rudolf

im Bösen -- denn anders ist's nit -- auseinander gegangen seid.« Das

eifernde Weib war nun ganz Gattin und Mutter, warf sich ihrem Manne

ungestüm und laut aufweinend an den Hals. »Vater, nun sind wir allein,

und Rudolf -- --«

Auch den Hohlöfner würgte es im Halse. Er strich seiner Frau über den

Scheitel. »Still, Mutter, still. Ich weiß alles, brauchst nix mehr

zu sagen, und -- ich will's gutmachen. Es soll nit lange dauern. Der

nachgibt, Mutter, das bin ich, aber -- das verlang nit, daß ich einem

Halunken den Spaß mache, mir das ins Gesicht sagen zu können. Ich kenne

sie alle. Ist mir keiner feind und gönnt mir doch jeder einen Duck;

denn ich bin all die Jahre her besser vorwärtsgekommen als sie, und das

können sie nit gut vertragen.« Er legte ihr den Arm um die Hüfte, zog

sie an den Schreibschrank, nahm ein Papier. »Komm, wir wollen anfangen,

daß die zwei das Geld zusammenbringen, das sie mit ihrer Hände Arbeit

allein nit in Menschengedenken zusammenkriegen. Komm, setz dich,

Mutter. So. -- Wie alt ist Rudolf? Sechsundzwanzig gewesen? Er hat mir

also zwölf Jahre den Knecht gemacht. Jetzt würde er im Jahre hundert

Taler kriegen, vorher achtzig -- -- --«

Der Bauer hatte den Kopf geneigt, schrieb Zahlen, strich durch, rundete

ab, zählte zusammen, schob seiner Frau das Papier hin: »Meinst du,

daß es so recht sein wird?« Die sah darauf. Runde tausend Taler, dazu

fünfhundert von der seligen Muhme her, die der Vater für den Sohn

verwaltete, dessen Sparkassenbuch mit zweihundert Talern. Da legte sie

dem Manne die Arme um den Hals, barg ihr Gesicht in seinem dichten

Haar, weinte. »Hat der Herrgott wohl noch so einen närrischen Mann

geschaffen, wie du bist?«

Und der Bauer, wehmütig lächelnd: »Ich weiß nit, Mutter, aber mich, das

weiß ich, mußt du halt so verbrauchen, wie ich bin. -- So, Mutter, das

kannst du ihm geben. Ist ein Anfang. -- Und jetzt gehe ich schlafen.

Kommst bald nach?«

Helle Tränen in den Augen, stand die Frau, sah ihrem herzensguten

Kindskopf nach, löschte die Lampe und stieg hinauf in des Sohnes Kammer.

Der Hohlofenbauer · 第 15 / 53 题