Wieder zuckte Rudolf die Achseln. »Ich kann nit anders!«

Da stürmte der Bauer an dem Sohne vorüber und verschwand hinter der

Scheunenmauer im Garten.

Rudolf kehrte noch einmal kurz in die Stube zurück.

»Mutter, es tut mir leid, aber ich kann nit anders.«

»Zeit lassen, Rudolf, nit gleich oben hinaus. Und nit vergessen, daß er

dein Vater und daß er ein guter Vater ist.«

»Habe ich zu viel gesagt?«

»Wäre manches nit nötig gewesen.«

»Dann will ich's ihm abbitten.«

»Gesagt ist gesagt.«

Rudolf nahm der Mutter Hand. »Mutter, kannst du dir denn gar nit denken

-- -- --«

»Alles kann ich mir denken. Daß du aber jetzt zum Mariele laufen mußt,

das ist nix weiter als Trotz.«

»Nein, Mutter, ich hab's versprochen. Was meinst du, wie lange sie

schon auf mich wartet. Sie hat doch niemand. Ihre Mutter kann nit mit.

Und nun ist sie ganz allein -- -- -- und weiß doch, daß es nit gut

ausgelaufen ist, denn sonst wäre ich eher gekommen.«

Da nickte die Mutter. »Ihr jungen Leute! Immer gleich, als müßte der

Himmel einstürzen. Bleib nit zu lange.«

Als Rudolf draußen eben aus dem Tore trat, lief ihm der Ender in die

Hände, der zum Vater wollte.

»Ist der Vater daheim?« fragte er.

»Ja, aber triffst's nit gut.«

»Warum nit?«

Rudolf sah ihm fest in die Augen. »Gerade vorhin hat er von dir

geredet. -- Was hast du gegen das Mariele?«

»Ich? Nit so viel.« Der Mann schnippte mit dem Finger. »Was kann ich

dafür, daß dein Vater fünftausend Taler verlangt?«

»Hat er das verlangt? Wann denn?«

»Frage ihn selber. Was geht's mich an. Ich habe mit mir zu tun. Und

jetzt gehst du zum Mariele?«

»Wenn du's wissen willst, ja.«

Er trat dicht vor ihn hin. »Ender, du hast Menschen, die dir nichts

getan haben, bittre Not gemacht. Wärst du nit ein alter Mann, dann

wollt ich dir's heimzahlen. So -- -- -- Es kommt dir von selber heim.«

Hinaus war der Bursche. Der Bauer aber verzog hämisch den Mund.

Minna Korn saß am Fenster, die Hände im Schoße, sinnend. Da trat Ender

ein. »Tag.«

»Tag, Ender. -- Du kommst mir wie gerufen. Gerade dich brauche ich. Da

kann ich mir den Weg zum Wirte ersparen.«

»Was willst du beim Wirte?«

»Wissen, was gestern abend gewesen ist.«

»Was soll gewesen sein?« Ender sah an den forschenden Augen der Frau

vorüber. »Ist dein Mann nit da?«

»Muß gleich wiederkommen. Er ist nur auf einen Sprung in den Garten

gegangen.«

»Ich wollte der Erle wegen mit ihm reden.«

»Tu's nit. Ich rate dir. Du triffst's heute schlecht.«

»Hab's schon vom Rudolf gehört. Der ist zum Mariele.«

»Das ist er. Muß einmal aufhören, die Heimlichtuerei.«

»Sage ich auch. Ich weiß gar nit, was dein Mann an dem Mariele

auszusetzen hat.«

»Nix. Gar nix. Wär ihm keine lieber, aber -- -- --«

»Das mit den fünftausend Talern ist doch dummes Zeug. Darauf braucht

~ihr~ doch am allerwenigsten zu sehen.«

»Wir sind keine reichen Leute, aber du hast nit unrecht. Rudolf braucht

nit nach dem Gelde zu heiraten. -- Und nun will ich wissen, wie das im

Wirtshause war.«

Ender hätte lieber unter der Dachtraufe gesessen als vor den klaren,

entschlossenen Augen der Hohlöfnerin. Er drehte und wand sich, gab da

eine Kleinigkeit zu und dort eine. Die Bäuerin aber war wie ein zäher

Bergsteiger, der, wenn es not tut, sich mit seinem Blute festklebt.

Schritt für Schritt erkämpfte sie, sah auch zuletzt nicht völlig klar,

wußte aber doch, daß ihr harmloser, polteriger, überehrlicher Mann

das Opfer eines niederträchtigen Streiches geworden war. Sie richtete

ihre Augen voll und klar auf den Enderbauer, sprach, wie Rudolf vorhin

gesprochen, aber innerlicher, mütterlich herzlich, und der Mann ward

ganz klein und still vor ihr.

»Ich will's ihm ja zurückgeben,« sagte er. »War ja überhaupt gar nit so

ernst gemeint.«

Minna Korn aber blickte ihn traurig an. »Da kennst du meinen Mann

schlecht. Du hast ihm den Popanz Auslachen und Hanswurst hingestellt,

er hat ihn angenommen, er ist der einzige, der ihn aus der Welt

schaffen kann und wird. Darüber aber vergehen böse Wochen und Monate,

vielleicht Jahre. Wenn ein Mann, wie der meine, etwas sagt, das wie

Eisen ist, dann stirbt er, ehe er das nit hält. Ender, Ender, was hast

du für Elend angerichtet! Das kannst du nit gewollt haben.«

»Wahrlich nit. Ich will mit deinem Manne reden.«

»Nutzt alles nix. Jetzt richtet auch der Herrgott nix mehr bei ihm aus.

Das muß durchgebissen werden. Ich rate dir, komm andermal wieder.«

Ender erhob sich, zu gehen. Als er auf die Tür zuschritt, trat der

Hohlöfner herein, die Hand auf den Mund pressend.

* * * * *

Heinrich Korn war vorhin in tiefer Erregung hinaus in den Garten

gegangen. Der von Grund aus gütige und harmlos heitere Mann war völlig

aus der Bahn geschleudert. Hintergangen! Von wem? Von seinem Sohne

und dem Mariele? Hm, auch mit, und doch nicht eigentlich. Von seiner

Frau? Offenbar hat sie mehr gewußt als er selber und doch sicher nichts

Genaues und Bestimmtes. Von den Nachbarn? Warum hat sich der Schmied

gestern auf die verschlungenen Hände geworfen? Auch sie hatten also

allerhand gewußt und hatten nicht ein Sterbenswörtchen darum verloren.

Warum nicht? Aus Falschheit? Hohlöfner, sei ehrlich. Das war nicht

Falschheit, nur: Sie kennen dich alle, sie wissen, daß du dich von

deinem raschen Herzen treiben läßt, und wissen, daß man bei dir am

allerwenigsten voraussagen kann, wie du eine Sache aufnehmen wirst.

Und du hättest ja dem Mariele beide Arme entgegengebreitet. Geld!

Was fragst ~du~ nach Geld? Du hättest über das ganze Gesicht

gelacht, hättest das Mädel mit beiden Händen an seinen blonden Zöpfen

gezupft, hättest -- -- -- Ach, was hättest du alles vor Freude darüber

angestellt, daß dein Rudolf ein so fixer, unternehmender Kerl ist, daß

dir das Mariele Enkelkinder schenken wird, daß -- -- -- Und nun! Ender!

Du -- Satan! Aber so schlecht kannst auch du nicht sein, daß du bis

aufs Tüpfelchen gewußt hättest, was du machst. Du bist auch ein Mensch,

bist Bauer und Vater! Und -- wie war das doch? -- Herrgott, ich habe ja

~selber~ das verrückte Wort gesagt. Ich, ich!

Es war eine ehrliche Selbstkritik, aber sie war doch nicht so

gründlich, daß sie die Stützen ganz verschmäht hätte. Wie der Rudolf

vorhin gesprochen! Gleich vom Fortlaufen. Aber -- -- -- Er hatte recht.

Das kann man ihm nicht zumuten, daß er alt und grau wird. Und alles um

fünftausend Taler! Ja, aber in demselben Maße um das Auslachen, um den

Hanswurst. Grade weil der Hohlöfner so heiter ist, weil er gern neckt,

lauert er darauf, daß ihn keiner für einen Hanswurst nimmt. Er weiß,

daß er eigentlich immer auf der Messerschneide läuft. Diesseits ist

er überlegen, jenseits ist er ein Narr. Und er ~ist~ kein Narr!

Er ist ein ~Mann~, der selbst im Scherz männlicher ist als die

meisten. Warum soll ein Mann nicht scherzen und lachen können? Ihm, dem

Hohlöfner, steht die Nase nun einmal so, und er kann nicht aus seiner

Haut. Von nun an knurrend durch die Tage gehen, wortlos am Mariele

vorüber?

Dem Bauer ist die Pfeife ausgegangen, wütend schreitet er auf sein

Bienenhaus zu, reißt die Tür auf, knallt sie in das Schloß. Die

Bienen aber sind erregt. Ein ganzes Volk will wandern, eine neue

Staatengründung steht bevor, Dinge, an Ernst nicht zu überbieten. Und

da fährt einer mit Geknall und tolpatschigen Händen dazwischen!

Heinrich Korn blickt auf das Gewimmel. Wie sie rennen, surren,

schwirren. Wie bei den Menschen, wie vorhin in der Stube des

Hohlofenhofes! Ist denn heute alles verrückt? Die Schwüle, die

Auseinandersetzung, das aufgeregte Hin und Her im Bienenstock, des

Sohnes Drohung: Dann treibst du mich vom Hofe!

Da: Tüt tüt. Die Königin tutet. Es geht dem Bauern durch Mark und Bein.

Auswandern, einen eigenen Herd bauen wie -- sein Sohn und das Mariele?

»Mußt mir das auch noch sagen, dummes Viehzeug?« keift er, poltert

heraus aus dem Bienenhause, knallt wieder die Türe zu, daß das ganze

Haus schüttert, will davongehen. Will ~gehen~ und -- rennt doch

zuletzt; denn die beleidigten Bienen sind über ihm.

Der Hohlöfner läßt sie sich sonst über die Hände laufen. Heute, --

er ist ganz von Sinnen, -- schlägt er nach ihnen. Piek, der Stich

saß im Nacken, piek, der auf der Rechten. Da ist sogar ein Vieh ins

Hosenbein gekrochen. Au! Klatsch. Dunnerlichting! Der Stich saß in der

Unterlippe. Jetzt rennt der Hohlöfner, schlimmer als vor acht Tagen der

kleine Adolf Heger. Jetzt ist er im Hausflur, jetzt reißt er die Tür

auf, und -- da steht Fritz Ender.

»Was willst ~du~?«

»Mit dir reden. -- Kannst wohl nit einmal mehr willkommen sagen?«

»Dir nit mehr.« Und immer hält der Hohlöfner die Hand vor den Mund. Wie

das anschwillt! Das geht binnen Ja und Nein. Ein paar rasche Schritte

vor den Spiegel. Richtig, der Mund ist, als wäre er vorgeschuht.

Wieder die Hand davor. Das braucht der Ender nicht zu sehen. »Was

willst du? Mach's kurz.« Es klingt bereits, als würde mit dem Stampfer

Kartoffelbrei gerührt.

»Wir müssen der Erle wegen reden. Die muß weg. Schattet mir zu viel und

tut mir zu viel Schaden an der Wiese.«

»Ist recht. Grade wie ich's haben will.«

»Vater!« Die Bäuerin legte ihm mahnend die Hand auf den Arm.

Der Mann schüttelte sie ab. »Hast etwa Mitleid mit dem? Das wäre grade

richtig. -- Die Erle ist mein!«

Und Ender ruhig: »Das eben wissen wir nit. Ich hab keine Lust, mit dir

zu prozessieren. Wir müssen ausmessen lassen.«

Der Hohlöfner juckte sich am Bein, malmte die Worte wie Brei, wirkte

komisch und erhöhte die Wirkung durch seine Erregung.

»Ausmessen? Prozessieren? Den Deibel tu ich! Nix wird gemacht.«

Dabei riß er die Hand vom Munde. Die Unterlippe hing herab wie ein

breiter Hemmschuh.

Erst stutzte der Enderbauer, dann überwog das Lächerliche allen Ernst

derart, daß er laut auflachte und in die Hände schlug. »Hohlöfner, in

aller Welt! Wo hast du denn ~den~ Hemmschuh gekauft?«

Das war unklug. Der Hohlofenbauer hob die Faust, sein Weib mußte

dazwischenspringen, fluchte und brachte doch kein Wort mehr deutlich

heraus.

»Nun erst recht ist die Erle mein. Wäre mir bei einem anderen nit

darauf angekommen, aber dir -- keinen Span!«

»Hohlöfner,« entgegnete der Enderbauer, jetzt wieder der hämische Mann,

»setz auf eine Dummheit die zweite. Ist deine Sache. Jeder, wie's ihm

paßt, aber das sage ich dir: Die Erle steht nit mehr so lange wie dein

Vorlegeschloß vor dem Maule hängt. Bis du das abgehängt hast, liegt der

Baum. -- Ich hab nix mehr zu sagen. Lebt wohl.«

Minna Korn drehte ihren Mann kurz auf dem Absatz herum. -- »Laß den.

Der ist nit wert, daß du dich mit ihm begibst. Was ~ich~ von ihm

denke, hat er gehört. -- Guck in den Spiegel. So siehst du aus. Und nun

wunder dich nit, wenn einer über dich lacht. Zum Sterben ist's nit.«

Der Bauer stand abermals vor dem Spiegel, und das verschwollene Gesicht

sah so komisch aus, daß sein Träger selber nicht wußte, sollte er

lachen oder fluchen. Er hielt es mit keinem, knurrte, warf sich in die

Sofaecke und stützte den Kopf in die Hand.

Sein Weib setzte sich kopfschüttelnd neben ihn. »Was hast du bloß mit

den Bienen gemacht, Vater? Du kannst dich doch sonst dazwischen legen

und tut dir keine was.«

»Was werde ich gemacht haben? Ist eben alles heut verrückt, und

wegkommen sie, die Viecher.«

Dann langte er nach der Pfeife, brannte sie an und qualmte in dicken

Wolken.

Es war eine Weile still, und eine dicke Brummfliege taumelte zornig

gegen Decke und Wände. Lastende Schwüle lagerte über der Stube.

Der Hohlofenbauer · 第 14 / 53 题