Rudolf schüttelte den Kopf, und auch ihm schoß es heiß in die Augen.
»Mutter, ~muß~ das sein? Hätte denn das nit auch anders gehen
können? Ich weiß, was er dem Ender -- -- --«
»Still, Rudolf, halt dich an das vierte Gebot und halte dich an die
Ehre.« Sie nahm ihn fest in die Arme. »~Ein~ gutes hat die Zeit
auch. Du lernst sehen, wie es anderen Menschen zumute ist, du lernst
schätzen, was du einmal erben wirst. Es ist dem Menschen gar nit
gut, wenn alles glatt und eben geht. Bis jetzt hast du nix erlebt.
Vielleicht wirst du es deinem Vater noch einmal danken, daß du die
Fremde kennenlernen mußtest. -- Still, kein bitter Wort. Ich bitte
dich! Die Zeit soll nit lang sein, dafür wird -- der Vater sorgen. --
Gehst du noch einmal zum Mariele? Mach's kurz und halt an dich! -- Ich
gehe morgen selber einmal auf einen Sprung ins Berteles-Häusel. --
Rudolf, willst du denn ganz aufs Geratewohl in die Stadt? Hast du noch
gar keinen Plan?«
»Wenn's sonst nit klappt, suche ich den Richard Frieders auf, der
mit mir an einem Geschütz diente. Der weiß Rat.« Noch ein kurzes
Aufschluchzen, das die Mutter nicht ganz zu unterdrücken vermochte, der
Sohn war allein. --
Als Rudolf Korn am frühen Morgen die Treppe herunterkam, stand der
Vater an der Stubentür. Er heuchelte kein zufälliges Zusammentreffen,
hatte gewartet und begann mit rauher Stimme: »Sollst nit fortgehen,
ohne daß ich dir eins sag: Könnt ich's ungeschehen machen, ich
tät's. Ich kann nit. Man ist nit ungestraft der erste im Dorfe, und
Schadenfreude tut jedem gut. Nimm's, wie's ist. Lange soll's nit
dauern. Und das Mariele ist mir recht. Das habe ich dir sagen wollen,
war aber nit nötig, daß es die Mutter hörte. Da ist noch ein Zehrgeld.
Vielleicht brauchst du's nit ganz. -- Leb wohl.«
Droben am Treppengeländer aber stand die Bäuerin, hatte alles gehört,
kehrte leise in die Schlafkammer zurück, weinte und schüttelte den
Kopf. »So ein Mann!«
* * * * *
Der Weg zur nächsten Eisenbahnstation wäre anderthalb Stunden weit
gewesen. Rudolf Korn ging ihn nicht. Er wollte zu Fuß in die Stadt
gehen. Die sechs Stunden Marsch würden ihm gut tun. Herb wehte die
Morgenluft. Ringsum auf den Wiesen lagen Teiche verstreut. Schilf und
Rohr säumten sie, Erlen und Weiden überschatteten sie. Nebelfahnen
schienen in ihre Wiegen zurückzusterben. Taufeucht standen die Gräser
am Wege. Glockenblumen hingen die Köpfe. Die Sonne aber kam und küßte
ihren Kindern, die sich in der Nacht verlassen gewähnt hatten, die
Tränen aus den Augen. Rot gerändert standen feine Wolkengebilde über
den weiten Wäldern. Blaugrün grüßten die fernen Frankenwaldberge
herüber.
Waldeshallen taten sich vor dem Wandernden auf. Zwischen den Stämmen
zerflatterte die Nacht nur langsam. Auf weichem Boden war der Schritt
unhörbar, und es geschah ganz von selber, daß die Bitterkeit in Rudolf
Korn abebbte und die Augen hell wurden für die hundert wechselnden
Bilder, die den Weg kürzten. Golden leuchteten die Johannisblumen auf
den sumpfigen Wiesen. Ein Rudel Rehe äste auf einem Kleefelde, das,
zur Försterei gehörig, in den Wald hineingesprengt war, der Kuckuck
rief, im Tale rauschte ein Bach unter Farnkraut dahin, dessen Wedel an
Größe den Palmzweigen nicht nachstanden. Jetzt schimmerte eine weite
Wasserfläche durch die Stämme. Es war der große Haussee, das größte der
viel hundert Wasserbecken, die, in den Senken des weiten Landstrichs
gelegen, diesem geradezu seinen Charakter gaben.
Wunderbare Morgenstille über dem See. Das Röhricht rauschte, und die
Erlen wisperten. Was kam es auf eine Stunde des Verweilens an? Die
Stadt lockte wahrhaftig nicht. Der den Weg zu ihr nahm, beugte sich
bitterem ~Muß~.
Rudolf Korn ließ sich in der Nähe des Teichhäuschens nieder, das
Bild zu genießen, das morgendlich rein vor ihm lag, und kam wieder
ins Sinnen. Sein junges Mannestum bäumte auf. Der Vater ließ seinen
Einzigen ziehen! Narrheit! Narrheit! klagte das Herz an. Und das
sinnende Auge sah die Mutter vor sich, die, zwischen Tür und Angel
stehend, das Kunststück fertiggebracht hatte, zugleich den Vater
zu decken und dem Sohne gerecht zu werden. Er schüttelte den Kopf.
Um eines raschen Wortes willen solch ein Jammer! Narrheit! Eine
Stimme aber kam über das Wasser wie bittende Mutterstimme. Sag nix,
richte nit, dein Vater ist der Hohlöfner! Der ist bekannt ob seiner
Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit, ob seines heiteren Wesens, aber auch
ob seiner Empfindlichkeit und Starrköpfigkeit. Den darfst du nicht mit
gewöhnlichem Maße messen. Du mußt, im Guten und im Bösen, einen anderen
Maßstab nehmen. Wie hat er den Vaterhof übernommen, was sagte Muhme
Henriette, des Großvaters Schwester? Die Brombeeren wären durch die
halben Felder gelaufen, und die Steine hätten so dicht darauf gelegen,
daß die Körner kaum ein Plätzchen zwischen ihnen hätten finden können.
In guten Jahren hätten sie ihre fünf Zentner auf den Morgen gebaut, in
schlechten drei. Und heute? Kein Brombeergerank mehr auf irgendeinem
der Äcker. An ihren Rändern Steinhalden, auf denen die Schieferbrocken
und -platten zu Millionen gehäuft waren. In schlechten Jahren auf den
Morgen zehn Zentner Frucht, gewöhnlich deren zwölf bis fünfzehn. Hat
der Vater nicht seinerzeit -- es mag gute zehn Jahre her sein -- einmal
im Wirtshause erklärt, er wolle beweisen, daß er auch den Ertrag auf
dem Nußbühlacker bis auf fünfzehn Zentner zu bringen vermöchte? Gelänge
es nicht, möchten sie ihn alle miteinander als Großhans auslachen. Und
es gelang. Drei Jahre hintereinander wallfahrteten die Schönbacher
geradezu nach des Hohlöfners Acker auf dem Nußbühl. Endlich machten
sie es ihrem Führer nach. Er riß das ganze Dorf mit. Und so in der
Viehhaltung. Er hatte das Kroppzeug im Stalle beseitigt, hatte die
Simmentaler eingeführt, hatte wieder das Auslachen dagegengesetzt,
wenn sie nicht einschlügen. Sie waren eingeschlagen. Heut gehörten
die Schönbacher dem Herdbuchverein an. In allen Ställen standen die
starken rotbunten Simmentaler. Wie viele Ehrenämter hatte man dem
Vater angetragen. Schulze sollte er wiederholt werden, Vorsitzender in
allen möglichen Vereinen. Er hatte es abgelehnt. »Ich will nit mehr
sein, als der ich bin, der Hohlöfner!« Die Leute hatten sich damit
abgefunden, aber sie legten seine Weigerung doch als ein gut Stück
Hochmut aus, und es dauerte jedesmal seine Zeit, ehe sie ihm wieder die
alte freie Herzlichkeit entgegenbrachten. In der Zeit waren sie auch
empfindlich gegen seine Neckereien, die keineswegs immer völlig harmlos
waren, sondern, namentlich früher, die Schwächen der anderen gegeißelt
hatten.
Und nun, im Ernstesten, wieder ein Wetten. »Ihr sollt mich einen
Hansnarr heißen, wenn -- -- --«
Vom Vater rasch hingesagt, niemals gesprochen, hätte er an das Mariele
gedacht, bei der bitterernsten Wiederholung nicht in seinem ganzen
Ausmaße erfaßt. Jetzt aber ein Beharren bis zum Letzten und dabei
wieder der Hintergedanke: »Ich biege auch das durch!« Herzen aber
sind keine Äcker. Bitter schürzten sich Rudolf Korns Lippen. Aber im
Morgenwinde kam eine andere Stimme herüber. Nicht minder mütterlich.
»Warum hast du nicht längst mit deinem Vater geredet gehabt, du
Allzubedächtiger, du Zauderer?«
Da riß der Bursche den Kopf in den Nacken, sandte einen langen Blick
über die Wälder, dahin, wo sein Dorf lag, wischte über die Stirn,
sprang auf.
Langsam ging er an dem See hin, freute sich des Reihers, der seine
Flugkünste zeigte, sah den Enten nach, die ihre Brut ausführten,
lächelte über den Storch, der ernsthaft durch den Sumpf watete, hatte
Herz und Augen für die tiefe Weihe, die über dem erwachenden Lande lag.
Meilenweit dehnten sich die Wälder. Die Sonne schien heiß. Rudolf
Korn wanderte im Schatten. Je länger er wanderte, um so mehr ließ die
Bitterkeit nach. Ein Jahr, zwei, sie waren zu ertragen. Der Mutter Wort
ging vor ihm her: Lehrzeit! Es hat sein Gutes, wenn du sehen lernst,
wie's andern Leuten geht. Dann erst wirst du ganz wissen, was du in der
Väter Erbe hast. Des Vaters Stimme wehte über ihm. War es nicht bei
seiner ganzen Art unerhört, was er ihm heute im grauen Morgenlichte
gesagt? Der gestrige Abend und der heutige Morgen hatten ihre eigene
Weihe gehabt. Die aber verrauschte, der Alltag kam wieder. Die Mutter
hatte gewußt, was sie wollte und mußte. Lehrzeit! Sie wäre zu vermeiden
gewesen, wenn -- -- -- Nicht grübeln! Das Leben liegt ~vor~ dir,
nicht hinter dir, und dort ist die Stadt!
Rudolf Korn schritt zum ersten Male durch ihre Straßen. Er hatte in
einer kleinen Garnison gedient, an die heran die Felder und Wiesen
brandeten. Die Zeit war ihn hart genug angekommen. Und nun das
Steinmeer, dessen Wellen hoch aufschäumten! Alle Leute liefen, als
hätten sie in der nächsten Minute ein Vermögen zu gewinnen oder zu
verlieren. Kein gemächlicher Schritt. Die Brust ward ihm zu eng, er biß
die Zähne zusammen. Hier leben beinahe eine halbe Million Menschen, und
du solltest nicht leben können? Was hast du jetzt nach dem Duft des
Heues, dem Lied der Lerche, dem Rauschen des Baches zu fragen? Die Zeit
war und kommt wieder. Jetzt ist andere Zeit. Stelle deinen Mann, daß du
dich selber achten kannst, und dein Vater dich achten ~muß~! --
Am dritten Tage danach steht Rudolf Korn neben seinem
Regimentskameraden Richard Frieders auf der Förderschale und fährt
hinab in den tiefen schwarzen Schacht der Grube »Glückauf«! Eines
hatte er in der Zeit begriffen: Es wartete niemand auf ihn, und der
Kampf der Menschen, die nicht Haus und Hof ihr eigen nannten, war
härter als der auf ererbter Scholle. Jeder aber trug eine Seele in
sich, in der ein heißes Sehnen lebte. Sie sargten sie ein, schalteten
sie aus und holten sie wie ein köstliches, sorglich gehütetes Diadem
hervor in Stunden, die sie ihrem Ich leben durften, um sie wieder zu
bergen, wenn ihr Name auf des Lebens Nummertafel erschien.
Richard Frieders war verheiratet und ein vernünftiger, ernster Mensch.
Wohl hatte er den Kopf geschüttelt, als ihm Rudolf erzählt, was ihn
fortgetrieben, aber er hatte, gleich dessen Mutter, die lichte Seite zu
sehen vermocht. »Es ist ein Übergang,« hatte er gesagt, »und es wird
dir guttun, später, wenn du wieder hinter dem Pfluge gehst, dich zu
erinnern, wie ~wir~ leben. Du kannst Schlepper bei mir werden. Das
will ich wohl fertigbringen.«
So fuhren sie auf der Förderschale hinab in die Finsternis. Richard
Frieders beobachtete des Freundes Gesicht im Schein der Grubenlampen
und freute sich, daß der sich nicht werfen ließ, sondern drunten
entschlossen und herzhaft ausschritt.
Die Schritte hallten langhin wider, der Flammenschein der Grubenlampen
blänkerte auf dem Gestein, Wasser tropfte, Wettertüren krachten, daß
es durch die Stollen dröhnte. Endlich waren sie vor Ort und damit im
Herzen der Stille und Einsamkeit.
Acht Tage schob Rudolf Korn die Hunde auf den Schienen entlang, da
wußte er, daß seines Bleibens hier nicht sein ~konnte~. Die
düstere Nacht würde ihn erschlagen, die Last des tückisch blinkenden
Gesteins ihn erdrücken. Aber nicht heute und morgen wollte er fort.
Irgend einmal. Und dieses Irgendeinmal war ihm wie ein Licht, von dem
er wußte, es war sein, wenn er es haben wollte. Der Tag sollte ein
Festtag werden, an dem er es in die Hand nahm.
Zwischen dem Gestein im großen Eingangsstollen zirpte es Tag und Nacht.
Das waren Grillen. Grillen, fünfhundert Meter tief unter der Erde! Die
Geiger der Wiesen, an Bergmanns Kleidern hinabgetragen zwischen die
lastenden Felsen, die Lichtsänger verirrt in die Nacht! Dies Zirpen
hatte etwas rührend Hilfloses und doch Trauliches. Wie es das Bild der
Bodenwiesen vor die Seele zauberte, wie es plauderte von Abendfrieden!
~Hat ein~ Mensch die bittere Träne gesehen, die der Bauer im
Auge zerdrückte? Denkt er nicht tausendmal an den Vater und an den
Enderbauer und ihren kleinlichen Streit um einen Baumstamm? Wie wichtig
sie alle die Nichtigkeiten nehmen. Lernt das Licht entbehren, wißt, was
es heißt, nach der Sonne schreien, lernt der Einsamkeit in die starren
Augen sehen!
Lehrzeit! Die ersten Früchte beginnen zu reifen!
Einst wird ein Bauer zurückkehren, dessen Augen nicht am Kirchturm
haftenbleiben.
Und die Gespräche mit dem Freunde vor Ort, wenn sie beide das Bündel
aufschnüren und essen! Der Bergmann hat Seele und hat keinen größeren
Wunsch als den, einmal ein Häuschen mit einem kleinen Garten davor,
angrenzend an Felder und Wiesen, sein eigen zu nennen. Da sät er
Mohn, roten, flammenden Mohn, und eine Handvoll Korn wird er säen.
Ganz töricht, aber er wird Korn säen, weil er sich eigene Ähren durch
die Finger gleiten lassen will. In dem Gärtchen sollen seine Kinder
spielen. Sie haben deren eins, ein Mädelchen, lieb und licht wie
ein Sonnenstrahl, aber sie werden auch einen Buben dazu kriegen. So
plaudern die Männer, und die Geister der Tiefe kichern höhnisch. Gott
sei Dank, daß Menschenohren nicht fein genug sind, dies Kichern zu
hören.
Und dann kehren die Männer wieder an ihre Arbeit zurück. Der Meißel
frißt sich in das Gestein, die Schläge hallen, die schweren Brocken
purzeln. Fleißig sein; denn Richard Frieders warten kein Haus und
kein Garten als Erbe; er muß sie aus dem Gestein herausschlagen. Er
liegt auf dem Rücken, halb bloß in der Wärme der Tiefe, umrandet mit
dem Meißel den Block über sich, setzt die Brechstange ein, wuchtet
ihn herab, mit einem Schlage mehr an Zentnern gewinnend, als er sonst
mühsam am ganzen Tage Stück für Stück loszuschlagen vermöchte.
Es ist verboten, die Blöcke zu umranden; denn einmal kann sich einer
vorzeitig lösen und den Mann unter sich erschlagen. Wer fragt danach?
Akkordarbeit! Und es winken ein Häuschen und ein Gärtchen.
Länger als vier Wochen schon hat Rudolf Korn mit Nacht und Einsamkeit
gekämpft. Er ist auf dem Wege zum Siege. Ist er ganz Sieger, dann wird
er gehen, ein Freier. --
Die Freunde sind am Morgen miteinander zum Schacht gegangen. Richard
Frieders lachend, noch das Glück in den Augen, das ihm beim Anblick
seines schlafenden Mädelchens in die Seele sprang. Er ist heute schier
noch fleißiger als sonst. Sein Schlepper kann kaum fortbringen, was
der Hauer losschlägt. Noch den mächtigen, bereits fast umrandeten,
hängenden Block, dann wird er sich Zeit zum Essen nehmen.
Rudolf Korn kehrt zurück, den Hund vor sich herschiebend. Die Schienen
rasseln, das schwankende Licht blänkert über die Steine. Jetzt muß er
einhalten; denn die Schienen führen nicht weiter. Ein paar Schritte um
die Ecke, dann sieht er des Freundes Grubenlampe.
Aber, kein Licht, kein Hammerschlag, kein Klang von Eisen auf Eisen.
Rudolf hastet heran. Ein Trümmerfeld, eine tote Hand, die aus dem
Gestein ragt, ein Gesicht, in dessen erloschenen Augen noch der letzte
Schrei des Mundes zittert. Des Mannes Körper vergraben unter schwerem
Stein, der Mann erschlagen von dem mächtigen Block, der sich zu zeitig
löste.
Rudolf Korn wühlt in den Steinen, schleudert sie beiseite, die Brust
ist frei. Das Herz schlägt nicht mehr. Als der Mann seine Hände im
Lichte der Grubenlampe betrachtet, sind sie blutigrot. Und die Geister
der Tiefe kichern.
Mit wuchtigen, lang ausholenden Schritten läuft Rudolf zurück,
erstattet Meldung, muß noch einmal mit vor Ort, hört des Steigers
Fluchen über verbotenes Tun, es dringt nicht bis hinab in seine Seele,
kehrt wieder zurück, unterschreibt das Protokoll und erklärt: »Ich
komme nit wieder.« Sie verstehen ihn, er ~darf~ fristlos gehen.
Betäubt schreitet er durch die Straßen. Wie das flutet, lacht, drängt.
Alles wie sonst. Und drüben liegt ein toter Mann, der von Haus und
Garten träumte! Wer fragt nach ihm? Morgen schwingt ein anderer an
derselben Stelle den Hammer. Heimat, Dorfheimat! Ob ich heimkehre?
Rudolf Korn geht wie ein Trunkener, stößt den und jenen an, läßt sie
knurren und murren über die groben Bergleute, geht weiter.
Da, von weitem Räderrollen und Schreie. Er erwacht. Es ist die Zeit, da
die Kinder aus der Nachmittagsschule kommen. Sie schlendern dahin, im
Ranzen klappern die Bücher, und die jungen Münder wissen Wichtiges zu
erzählen. Um die Ecke aber rast ein durchgehendes Gespann. Die Menschen
schreien, die Kinder rennen, niemand wagt es, den Tieren in die Zügel
zu fallen!
Dort aber geht einer, in dem der Bauer lebendig wird. Rudolf Korn
springt vor, fällt dem Handpferd in die Zügel, reißt, ruft, läßt sich
schleifen, gibt nicht nach. Zitternd stehen die Gäule. Aus dem Wagen
kommt eine matte Stimme: »Lieber Gott!« Eine Dame sitzt totenblaß in
den Polstern.
Nun sind die Menschen zu Haufen da. Sie sehen in ein Paar weltferne
Augen. Der sich über das Straßenpflaster schleifen ließ, löschte just
in dem Augenblicke das grause Bild auf dem Grunde seiner Seele, da er
zum Bauern ward, durch ein anderes, grün und bunt überblühtes. Nun ist
das erste wieder da, und er findet sich nicht zurecht.
Hundertmal ist dem Kutscher geboten worden, die Pferde auszusträngen,
wenn er zu rascher Besorgung in ein Geschäft tritt. Hundertmal hat er
es nicht getan, und es ging gut. ~Heute~ scheuten die Pferde.
Rudolf Korn hört anerkennende Worte, sie gehen an ihm vorüber. Er
beantwortet die Frage des Schutzmanns, ob er mit Pferden umzugehen
wisse, mit ja, steigt auf den Bock, lenkt das Gespann in die
Bergerstraße, fährt durch das Tor des schönen Hauses, ist eine halbe
Stunde später Kutscher des Bankiers Werner.
Sich selber erwacht er erst, als er in der ihm zugewiesenen Stube auf
dem Bette liegt und die Bäume vor seinem Fenster rauschen hört.
Da setzt er sich auf und horcht in sich hinein. War das alles oder
träumte er? Es ~war~. Glück und Not einander benachbart.
Finsternis und Licht einander verschwistert. Und das Ganze: Leben!
Wieder schürzt er die Lippen. Lehrzeit! Vater, wenn du ~das~
wüßtest, würdest du noch immer nicht über einen Strohhalm hinwegkommen?
Ein liebes Bild wacht auf, der Berteles-Garten und das blondhaarige
Mariele!
5.
Heinrich Korn hatte sich an dem Morgen, an dem er dem Sohne die Hand
zum Abschied gegeben, nicht wieder niedergelegt, obwohl es nur eben
zu dämmern begann und keine Arbeit auf ihn lauerte. Mit der Heuernte
wollte er noch acht Tage warten. So lief er ziellos über den Hof, durch
den Garten, hinaus in die Felder. Es war reichlich Tau gefallen. Die
Ähren hingen schwer an den Halmen, in den Glockenblumen glänzten die
klaren Tropfen. Die erste Lerche rüttelte das Gefieder, trippelte vor
dem wandernden Manne über den Wiesenweg, jubelte ein paar melodische
Töne und stieg dann an ihres Liedes Leiter zum Himmel hinauf, gerade
der Sonne entgegen. Langsam erhob sich die glühende Scheibe aus den
Wäldern im Osten. Sie sah -- Rudolf. Der konnte jetzt im »Langen Holze«
auf Breitengrunder Flur sein.
Der alte Hohlöfner fuhr sich durch das dichte Haar. »Dunnerlichting,
Dunnerlichting!« Wie soll das werden, wenn nun die Heuernte kommt! Und
dann die Schnitternte! Hernach das Ackern!
Und doch war es nicht die Arbeit, vor der es ihn leise gruselte. Der
~Sohn~ fehlte ihm. Hatte er auch nie viel Wesens um ihn gemacht,
war er sogar kürzer und herber gewesen, als es nötig und, vielleicht,
recht war, er hatte sich doch immer des stillen, zuverlässigen Menschen
gefreut. Im Morgenwandern hörte er die Klänge, die von Seele zu Seele
gegangen waren, und nun würde der Klang irregehen. Er, der Bauer,
würde ins Leere fragen, und Rudolf -- -- vielleicht fragte er überhaupt
nicht. Lüg nit, Hohlöfner, schalt sich der Mann. Lüg nit, er fragt,
-- und -- du wirst ihm antworten. Und wenn du selber fragst, wirst du
auch nicht ohne Antwort bleiben. Da drüben liegt die Stadt, dort hinter
Wäldern und Bergen. Du siehst nichts von ihr, aber was macht das aus?
Siehst vom Herrgott noch weniger und verständigst dich doch mit ihm.
Aber hart ist es, daß eure Gedanken einen so weiten Weg zu machen
haben, und es müßte nicht sein, wärst du nicht ein so querköpfiger
Vater.
»Ist ein Übergang,« sang die Lerche.
»Soll ein Übergang sein und soll nit lange dauern,« antwortete der
Mann. Die Furchen, die ihm das Grübeln durch die Stirn gezogen,
glätteten sich, die Augen, die gewohnt waren, das Nahe und das Ferne
gleichzeitig mit raschem Blick einzufangen, wurden wieder blank, der
Mund spitzte sich zum Pfeifen. Er sollte der Hohlöfner sein und nicht
auch ~dabei~ einen Spaß auflesen können? Wie sie ihn im Dorfe
ansehn, wie sie auf den Busch klopfen werden! Er wird sie alle hinter
die Fichte führen. Wer meint, ein verdrossenes Gesicht bei ihm zu
sehen, der soll sich irren.
Was er ihnen sagen wird? Ei nun, er wird den klugen Mann und
Vater spielen. Warum der Rudolf davongelaufen sei? Wer das Wort:
Davongelaufen braucht, der soll's mit ~ihm~ zu tun kriegen.
Der Einzige vom Hohlofenhofe läuft nicht davon wie ein Polacke, der
geht für einige Zeit aus dem Vaterhause, um -- zu lernen, seinen
Gesichtskreis zu erweitern. So wird er sagen. Und er wird sagen, das
sei längst unter ihnen ausgemacht gewesen; nur über die Zeit sei
man sich noch nicht einig gewesen. Mit dem Berteles-Mariele und der
Fünftausend-Taler-Wette habe das gar nichts zu tun, auch nicht einen
Deut.
Rudolf habe immer auf die Schule gewollt. Was seien Schulen! Das
~Leben~ sei die richtige Schule.
So wird der Hohlöfner sagen und dabei ein Gesicht machen, daß nicht
einmal der Ender auf einen anderen Gedanken kommen soll.
Aber -- -- die fünftausend Taler muß das Mädel in die Hand kriegen, und
das muß klug angefangen werden.
Der Hohlöfner lächelt. Darum ist ihm am wenigsten bange. Und es müßte
wunderlich zugehen, käme gerade dabei nicht mancher Spaß heraus.
Der Bauer drehte um, schlug einen Bogen, schritt den Hang hinab, zu
sehen, wie das Gras auf den Bodenwiesen stünde, und atmete mit voller
Brust den herben Duft der Wälder und Wiesen.
Im Bodenwege begegnete ihm der Ender, der mit seinen Kühen in die Mühle
fuhr. Der Mann trug ein unfrohes Gesicht in den Morgen hinaus, und die
Kühe waren, weiß Gott, die schlechtesten im ganzen Dorfe.
Heinrich Korn blieb am Wegrande stehen und schüttelte den Kopf. Ender
grüßte knurrend und kurz.
»Morgen,« erwiderte der Hohlöfner, »fahr stad, Nachbar, wirst sachte
andre Kühe einstellen müssen.«
»Mach's, wenn du Geld hast.«
»Fehlt's denn gar so sehr?«
»Frag nit so daher. Hab, dächte ich, Unglück genug gehabt.«
»Wird auch wieder besser. Wird mir in den kommenden Zeiten auch nit
ganz leicht werden.«