Da keifte der Hohlöfner: »Halt das Maul. Laß mir von dir keine
Vorschriften machen.«
Immer stärker schüttelte die Bäuerin den Kopf. In Rudolfs Gesicht aber
trat ein trotziger Zug.
Der Tisch war abgeräumt, Heinrich Korn hatte sich die Pfeife gestopft
und lehnte in der Sofaecke, die Bäuerin las, die Brille auf der Nase,
im kirchlichen Wochenblatte. Rudolf saß am Tische.
»Ich möchte etwas mit euch bereden,« begann er.
Die Mutter ahnte, was er vorbringen wollte, und wehrte ab. »Muß denn
das jetzt sein? Du siehst doch, daß der Vater -- -- --«
Da fuhr der Bauer hoch. »Was soll mit mir sein? Noch bin ich der Herr
im Hause!«
»Aber Vater, es ist doch nit ein Tag wie der andere, und du bist heut
mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett gestiegen.«
»Steige immer mit dem richtigen aus dem Bett. -- Und nun will ich
wissen, was du angestellt hast.«
»Angestellt?« fragte Rudolf verwundert. »Was soll ich angestellt haben?«
»Hab schon einen Vogel pfeifen hören.«
»Kann ich mir denken, aber vielleicht hat er doch nit ganz richtig
gepfiffen. -- Ich möchte heiraten.«
Der Hohlöfner pfiff durch die Zähne, sah seine Frau triumphierend an,
nickte ihr zu: »Hab ich's nit gesagt?« Und sich an den Sohn wendend:
»Da bin ich auch noch da, und eine Sünde und Schande ist's.«
Immer verdutzter ward Rudolfs Gesicht. Zorn stieg stärker in ihm auf.
»Ich bin kein Schuljunge mehr, habe das Alter reichlich, habe mir bei
den Soldaten die Nase putzen lassen -- -- --«
»Lange nit genug,« fuhr der Bauer dazwischen.
Nun aber riß die Bäuerin mit einem Ruck die Brille von der Nase und
trat an den Tisch heran. »Vater, das ist nit von ungefähr. -- Was
willst du denn eigentlich? Du weißt noch gar nit, wen der Rudolf
bringen will -- -- --«
»Wen er bringen will? Warum geht er nit damit heraus? Weil er weiß,
daß du so gut nein sagen wirst wie ich; weil er weiß, daß das nit sein
kann. Eine auf dem Hohlofenhofe, die -- -- --«
Minna Korn legte ihrem Manne die Hand auf den Mund. »Abwarten, Vater.
Nit gleich so wild. Wenn's die ist, die ~ich~ denke, dann bist
du's ebenso zufrieden wie ich. Rudolf, wer ist's?«
»Das Mariele. Doch keine andere.«
Minna Korn sah, durch ein paar vorwitzige Tränen lächelnd, auf ihren
Mann. »Na und nun?«
Dem war der Mund offen stehengeblieben, er hielt die kurze Pfeife
in der Rechten, sah ungläubig vom einen zum andern, war so völlig
überrascht und hilflos, wie ihn auch seine Frau nie gesehen hatte.
Die strich ihm über den Kopf. »Gelt, Vater, wär alles nit nötig
gewesen. Das liebe, liebe Mariele. Hast sie selber gern.«
Sie glaubte, völlig gewonnen zu haben.
Der Bauer aber schüttelte ihre Hand ab, fuhr sich über das Gesicht,
stand auf, ging kopfschüttelnd hin und her. »Das Mariele! Das hätt ich
nit gedacht. Alles andere, aber das nit.«
Da erkannte Minna Korn, daß sie doch noch nicht am Ziele war, und
stutzte stärker als vorhin bei des Mannes grundloser Erregtheit. Er
stampfte mir harten Schritten, bald den Namen »Mariele« murmelnd, bald
ein »Dunnerlichting« zwischen den Zähnen zerbeißend, hin und her.
Rudolf begann, seine Sache wieder selber zu führen.
»Vater, gegen das Mariele wirst du kaum etwas haben können.«
»Hm,« brummte der Hohlöfner.
»Es gibt keine rechtschaffenere weit und breit.«
»Das ist das wenigste.«
»Ist heutzutag gar nit das wenigste. Die Zeiten sind anders geworden.«
»Mußt du mir das sagen?« Der Bauer fuhr sich durch die Haare, lachte
zornig auf. »Abgekartetes Spiel. Ihr scheinheiliges Volk! Erst gehe ich
euch auf den Leim, dann dem -- -- --« Er brach ab und hieb durch die
Luft.
Sein Weib ahnte deutlich irgendein Vorkommnis.
»Wem bist du auf den Leim gegangen?« fragte sie.
»Den zweien. Dem Rudolf, der das Maul nit aufgetan hat, und dem
Mariele, der -- Scheinheiligen, die -- --« Er arbeitete sich in hellen
Zorn hinein, die Bäuerin aber ließ sich nicht verblüffen.
»Und wer ist der andere?«
»Der andere? Habe ich was von einem anderen gesagt? Nit ein Wort.«
»Doch, Vater, du sagtest: Und dem -- --«
»Hör andermal besser hin. Überhaupt: Kümmer dich um deine Gänse und
rede nit in Männergeschäfte.«
»Vor dem Essen waren's Weibersachen.«
»Kreiz Deibel, wer ist hier der Herr im Hause, du oder ich?«
»Das hat mit Herr und Haus nix zu tun. Du bist Rudolfs Vater und ich
bin die Mutter, die ihn geboren hat.«
Rudolf trat dem Vater einen Schritt näher, und der Hohlöfner war
überrascht, als er ihn mit den Augen maß. Geradezu eine Offenbarung
war ihm sein Fleisch und Blut. War das sein Junge, der entschlossene,
ruhige, kernige Mensch, in dessen Gesicht nur eins geschrieben stand:
Ich weiß, was ich will, und ich gebe nicht nach!
»Vater, das ist nit von ungefähr, daß du so wild bist. Am Mariele
kann's nit liegen. Ich bitt dich, laß uns ruhig über die Sache reden.
Was hast du am Mariele auszusetzen?«
Der Bauer ließ sich wieder in die Sofaecke fallen. »Erstens, daß sie
mir um den Bart gegangen ist, um mich zu kirren.«
»Sie hat es ehrlich gemeint und ist nit anders gewesen als früher.
Wär aber ein komisch Mädel, das den Sohn heiraten will und den Vater
schlecht behandelt.«
»Laß mich nit behandeln.« Der Hohlöfner sah an seinem Weibe vorüber,
die jetzt ruhig wartend zur Seite stand, beobachtete und kein Wort mehr
verlor. Er wußte, daß ~sie~ seine Schauspielerei durchschaute,
versuchte aber den Schein zu wahren und fuhr ruhig und scheinbar
sachlich fort: »Zweitens: Du kriegst den Hohlofenhof. Das ist der
größte in Schönbach und den Nachbardörfern. Damit übernimmst du eine
Verpflichtung, Rudolf. Du stehst nit für dich, wie ich nit allein für
mich stehe.« Im pastoralen Ton redete er, täuschte seinen Sohn, nicht
aber seine Frau, die, leise lächelnd, zum Fenster hinaussah.
Der Bauer aber, nachdem er eine Weile ruhig geblieben, sprang, der
Abmachung gedenkend, sich erinnernd, daß er erklärt, er wolle sich
einen Hanswurst nennen lassen, sich des Enders höhnisches Gesicht
vormalend, und doch in Wirklichkeit einzig überwältigt von heißem
Erbarmen mit dem lieben blondzöpfigen Mädel, mit beiden Beinen wieder
mitten hinein in seinen Zorn, gegen sich selber wütend.
»Soll der Einzige vom Hohlofenhofe nit mehr können, als das ärmste
Mädel frein? Was nutzen die langen Zöpfe? Mag sich das Zeug abschneiden
lassen, daß sie aussieht, wie sich's gehört. Könnte den beiden
Weibern so passen, sich ins warme Nest zu setzen. Ist eine verfluchte
Heuchelei, und du Hansnarr bist ihnen auf dem Leim gegangen. Soll sich
was schämen, die alte Bertelessin.« Er hieb auf den Tisch. »Kommt mir
keine auf den Hof, die nit wenigstens ihre abgezählten fünftausend
Taler hat! Punktum. Mein letztes Wort. Richte dich danach!«
Rudolf stand eine dicke Zornesader auf der Stirn. Er sah den Vater an.
Der schlug die Augen nieder. Des Sohnes Blick war schmerzlich und war
verächtlich.
»~Dein~ letztes Wort,« begann er. »Gut, wenn's denn gleich und
durchaus bis zum Letzten ausgeredet sein muß. Ich denke aber, wir
reden trotzdem noch einmal darüber. Sagen wir in drei Tagen. Das ist
Zeit genug zum Nachdenken.« Der Hohlöfner fluchte, seine Frau stand
bereit, zwischen die Männer zu springen, Rudolf beherrschte sich, aber
er ging unerbittlich auf sein Ziel los.
»Vater, hättest du dir die Mühe gemacht, mich kennenzulernen, dann
wärst du heute nit so verwundert. Ich weiß, daß du mich für einen
Schwächling gehalten hast. Du hast all die Jahre her kaum ein gutes
Wort für mich gehabt. Ich habe nie gehört, daß du etwas gelobt hättest,
das ich machte. Es war nit leicht, sich damit abzufinden. Weise mir
eine einzige Stunde nach, in der ich dir die schuldige Ehrfurcht
versagt hätte. Ich tu's auch jetzt nit, aber ich sage: Der da jetzt
redet, ist nit der Hohlöfner, das ist ein anderer. Der Hohlöfner ist
nit hartherzig, ist nit geldgierig, hat das Mariele so gern wie ich.
Dem Hohlöfner könnt ich jetzt die Hand geben und sprechen: Ich danke
dir, Vater. Du sollst sehen, daß du mit uns zweien, dem Mariele und
mir, ein schönes Alter haben wirst. Dem andern aber sage ich: Vom
Mariele lasse ich nit! Nit wenn der Himmel einstürzt! Du hast vom Hof
geredet. Was der Hof ist, weiß ich. Es ist nit ein Stein, nit eine
Furche, die mir nit heilig wären, aber: Hier das Mariele, da der Hof,
und ich nehme das Mariele. Ich will dich nit nötigen, Vater, aber tu
mir den Gefallen und laß uns in drei Tagen noch einmal darüber reden.
Daß das Mariele nit viel Geld hat, weißt du. Bleibst du dabei, daß
sie fünftausend Taler mitbringen muß, dann -- treibst du mich aus dem
Hause; denn es ist keine Aussicht, das Geld zusammenzubringen. Und
warten, bis ich graue Haare habe oder auf deinen Tod lauern, das tue
ich nit. So, Vater, das wäre, was ich zu sagen hätte. Nix zu viel, nix
zu wenig. Und jetzt gehe ich zum Mariele. Vom Mariele laß ich nit!«
Er ging mit festen Schritten zur Tür hinaus. Dem Hohlöfner aber hatten
des Sohnes männliche Worte die Sprache verschlagen. Fremd sah er sich
in der Stube um, fremd blickte er auf sein Weib. Die setzte sich neben
ihn, und die hellen Tränen liefen ihr über die Wangen: »Vater!«