Heinrich Korn lachte. »August, ich will den Hammel gewinnen!«

»Du? Möchte mancher gern. Auf mich kommt's an!« Und der harmlose Mensch

warf sich in die Brust. Ununterbrochen aber kamen die Kugeln die Straße

heraufgeflogen. Es war kein Kollern, es war ein Werfen. Manch einer

der kräftigen Burschen schleuderte die Kugel, daß sie fast den ganzen

etwa fünfzig Schritt langen Raum durchflog und erst kurz vor dem Kegel

zu rollen begann. Die Entfernung aber war so groß, das Ziel so klein,

daß unter dreißig Würfen kaum ein einziger den Kegel traf. Die Kugeln

knallten hüben und drüben an die Balken, donnerten gegen die Querlage,

trudelten zurück.

Gänseaugust hüpfte wie ein Böckchen, sprang hoch und ließ die Kugel

unter seinen bloßen Füßen durchrollen, sprang rechts, sauste links,

setzte hinaus über die Balken, wenn die Sache allzu gefährlich ward,

hatte seine Militärmütze auf eines der Balkenenden gelegt und fand

dazwischen Zeit, einem vorlauten Jungen, der ihn mit »Gikgak!« neckte,

den Hut vom Kopfe zu schlagen.

Und alles war wie immer, und alles gehörte zum Festprogramm. Seit

zwanzig Jahren schrie die Schuljugend ihr »Gikgak«, schlug August den

Jungen die Hüte vom Kopfe, hüpfte er wie ein gewandter Seiltänzer

zwischen den sausenden Kugeln hin und her, übte er strenge Polizei,

denn die Sache war zuweilen nicht ganz ungefährlich. Über dem Tale

drüben, in Goßberg, das auf der Höhe lag, war erst im vorigen Jahre

die Kugel einem Jungen an den Kopf geflogen, daß der wie ein Stück

Holz hinschlug, und sie ihn für tot vom Platze trugen. Der Schädel war

glücklicherweise dick genug gewesen, es war in der Hauptsache bei dem

Schreck geblieben, aber der schon war groß genug gewesen.

Nun mischte sich der Hohlöfner unter die Männer. Die machten beim

Hammelschießen Kompaniegeschäfte, wie es denn uraltes Herkommen

war, daß jede der dörflichen Gesellschaften gemeinsam vorging, die

Männer-Gesellschaft, die erste und zweite Burschen-Gesellschaft. Die

Mädchen schieden heute aus.

Schmied Anders war der Wortführer der Männer-Gesellschaft und ihr

bester Kämpe im munteren Spiel. Er warf die Kugeln für die meisten,

hatte am warmen Maientage Jacke und Weste abgelegt, und das Hemd stand

weit offen über der dichtbehaarten Brust. Wie ein Bär sah der Mann aus,

aber er war gutmütig und hätte nicht einmal einer Fliege etwas zuleide

tun können. Sie alle grüßten den Hohlöfner nachbarlich, und einzig der

gallige Fritz Ender hielt sich zurück. Heinrich Korn zahlte seinen

Beitrag zu dem gemeinsamen Loserwerb, plauderte kurz da und dort,

pflanzte sich mitten auf der Straße auf und beobachtete die Würfe.

»Willst nit mitmachen?« fragte ihn der Schmied.

»Gleich,« antwortete der Hohlöfner, wartete noch ein Weilchen,

beobachtete und wußte dann Bescheid. Etwa zwanzig Schritte von unten

herauf war ein Buckel in der Straße, die sich, täglich stark befahren,

von Jahr zu Jahr veränderte. An den Buckel prallten viele Kugeln an und

wurden dadurch von ihrer Richtung abgelenkt. Der also war zu vermeiden.

Die Spieler wurden eifrig. Hüben und drüben standen Frauen und Mädchen,

lobten oder lachten. Auch die Berteles-Mutter war da. Minna Korn hatte

sie begrüßt, sich aber dann, um den Leuten nicht Gelegenheit zum

Reden zu geben, unter die anderen Bäuerinnen gemischt. Die Musikanten

bliesen, die Sonne schien, der Maibaum rauschte, die Kugeln knallten,

Gikgak hüpfte, und die Kinder jubelten. Der Hammel aber, um den der

Kampf ging, war auf dem Dorfplan angepflockt, hatte sich faul in den

Schatten der Linde gelegt und kaute wieder.

Heinrich Korn war nun im Bilde, legte die Jacke ab, langte sich eine

Kugel nach der anderen, bis er die herausgefunden hatte, die ihm in

Gewicht und Größe am passendsten war.

Hopp, Gikgak machte einen Luftsprung, die Kugel knallte gegen das

obere Gebälk. Noch immer lächelnd, hatte der Hohlöfner doch jetzt ein

ander Gesicht. Jede Muskel gespannt, der ganze Mann gestrafft, die

Augen blitzend. Die vierte Kugel saß, die fünfte, die sechste. Korn

lächelte stärker, er wußte, was er wußte, trat zurück, wartend, bis er

wieder aufgerufen wurde, schlenderte durch die Reihen, traf auf das

Berteles-Mariele, zupfte es an den langen Zöpfen, nickte ihm schelmisch

zu, hob bedeutsam den Zeigefinger und schlängelte sich weiter, bis er

neben seiner rundlichen Ehehälfte stand. Da blieb er stehen, bis sein

Name wieder gerufen ward.

Langsam trödelte der Nachmittag hin. Von den etwa tausend Losen waren

die meisten ausgespielt, die Konkurrenz ward schärfer. Es traten nur

die Stecher in Wettbewerb, das heißt die Lose, auf die ein Treffer

gefallen war. Nach einer weiteren Stunde ging es auf die Entscheidung

zu.

Rudolf Korn, der als Schriftführer den ganzen Nachmittag lang

gewissenhaft notiert hatte, war mit einem Male von seinem Platze

verschwunden. Die Frauen waren daheim gewesen, hatten das Vieh

gefüttert und waren zurückgekommen, die Entscheidung nicht zu versäumen.

Das Berteles-Mariele stand auf der Wirtshaustreppe. Der

Vergißmeinnichtkranz war verwelkt, ihre Augen blickten gespannt, das

Gesicht war stärker gerötet und, selber nicht wissend, was sie tat,

zog sie einen der langen Zöpfe nach dem anderen heran und wickelte ihn

sich um das Handgelenk. So stand sie da, ein liebes Bild, ihrer selbst

vergessend, und nur den Wunsch im Herzen: Wenn doch der Hohlöfner

gewinnen wollte!

Immer schärfer ward der Kampf. Ringsum hastig atmende Menschen, vor

der Querlage vier Männer, ihre Geschicklichkeit messend, keiner mehr

ein Lächeln auf den Lippen, aber nur Heinrich Korn verkörperte ruhige

Sicherheit. Gänseaugust hüpfte höher, die Wucht der Kugeln ward größer.

Schmied Anders strich über die sehnigen, dicht behaarten Arme:

»Heinrich, gilt das noch für die Männer-Gesellschaft?«

»Nein, das gilt für mich selber. Die Männer haben noch vier Stecher,

ich noch sechs für mich.«

Jetzt war der Goßberger Hannickel, der die dortige

Burschen-Gesellschaft vertrat, ausgeschieden, jetzt warf der Limmert

aus Hirschau die letzte Kugel und fehlte. Nun blieben nur noch die

beiden Schönbacher, Schmied Anders und der Hohlöfner, übrig.

Anders lachte Heinrich Korn zu: »Wir sind die letzten.« Und der Bauer

nickte.

Der Schmied war am Wurfe, sprang zurück, schnellte vor, die Kugel

sauste durch die Luft, knallte auf die Straße, hüpfte und -- hüpfte

vorbei.

Heinrich Korn war daran. Marie Berteles umwickelte die Kugel, die der

Bauer in der Hand hielt, heimlich mit guten Wünschen. Ruhig ging der

Hohlöfner seine acht Schritte zurück, wog die Kugel spielend, sprang

einen einzigen weiten Satz, der Oberleib bog sich zurück, schnellte

vor, die Kugel wirbelte in der Luft, fiel etliche Schritte seitlich des

Kegels nieder, bog nach links, traf, der Kegel fiel. Hundertstimmiges

»Juhu!« und immer wieder »Juhu!«, wirbelnde Arme, bewundernde Rufe.

Gänseaugust schnellte in die Höhe, schlug dreimal Rad, raffte den Kegel

auf, langte nach der Militärmütze, sprang die Straße hinab, trat, den

Kegel präsentierend, vor den Sieger und erteilte ihm das höchste Lob,

über das er verfügte: »Du ein Donnerwetter-Hund!«

Geschäftig aber wühlten Mädchenfinger in dem zur Seite der

Wirtshaustreppe stehenden langen Pappkasten, holten die bunten seidenen

Tücher, die vorhin den Hammel geziert, und den hohen künstlichen

Strauß heraus, den Hohlöfner zu schmücken. Schmied Anders nahm ihm den

Hut vom Kopfe, Lina Franke steckte den Strauß darauf, Marie Berteles

befestigte, auf der unteren Stufe der Wirtshaustreppe stehend, dem

Bauer die beiden bunten Tücher, die des Siegers Schmuck zu bilden

bestimmt waren, auf der linken Schulter, so daß sie über den Rücken

herabfielen. Sie war fertig, ein lautes »Juhu!«, aufstürmend aus der

Menge, verfing sich im Geäst des Maibaumes, Adolf Heger brachte den

aufs neue bekränzten Hammel, die Musik blies einen schmetternden

Marsch. Ernsthaft, sich leicht verneigend, bot der Hohlöfner dem

Mariele den rechten, Lina Franke den linken Arm, und der Zug ging in

den Tanzsaal.

Unter der Tür stand Rudolf Korn, begrüßte den Vater im Namen der

festgebenden Schönbacher Burschen-Gesellschaft, beglückwünschte ihn und

führte ihn und das Mariele in die Mitte des Saales, die Ehrenrunden zu

tanzen. Nicht ein Wort, nicht eine Handlung machte den Eindruck eines

Fastnachtsspiels. Uralter Volksbrauch ward in derselben Weise geübt,

in der er schon den Ahnen lieb gewesen war, und es lag eine gewisse

Feierlichkeit über der festfröhlichen Menge.

Die Reihenfolge der Tänze, wie die der Paare, war festgelegt. Der

Sieger tanzte mit der ersten Ehrenjungfrau, als welche in diesem

Jahre das Mariele bestimmt worden war, drei Tänze, einen Walzer,

einen Rheinländer, einen Galopp, und so sehr die Umstehenden während

des Tanzes jauchzten, Heinrich Korn verzog keine Miene. Er hielt

das Mariele fest, hatte die Hand unter ihre langen Zöpfe geschoben,

chassierte, drehte sich, und alles ruhig und würdig. Erst als die

letzte Runde beendet war und er seine Tänzerin, dem Herkommen gemäß,

dem ältesten Burschen -- in diesem Falle seinem Sohne -- zur Ehrenrunde

übergab, atmete er freier auf, lachte behaglich, zupfte das Mariele

rasch an den Zöpfen und sprach schmunzelnd:

»So, kleine Bertelessin. Was habe ich gesagt?«

»Hast Wort gehalten, Bauer,« entgegnete das Mädchen. »Ich bin stolz

darauf.«

»Dann stimmt's. Ich auch. Und nun will ich keinen Hammel wieder

gewinnen.«

Er genügte der Pflicht, die zweite Ehrenrunde mit dem nächsten der

Mädchen zu tanzen, holte Lina Franke, und nun waren es zwei Paare, die

sich, von den anderen umjubelt, im Saale drehten. Die Feierlichkeit

begann nachzulassen. Vielsagende Blicke gingen von Auge zu Auge, Kantor

Ritter legte der Berteles-Mutter, die, klein und verschüchtert, in der

Ecke stand, die Hand auf den Arm und nickte ihr ermunternd zu. »Kann

eine an das Mariele? Weit und breit nicht.« Mutter Berteles nahm es

kaum als Trost. Sie nickte, aber die Tränen waren ihr nahe.

Auch die zweite Ehrenrunde war vorüber, alle Förmlichkeiten waren

erfüllt. Jetzt länger im Schmuck des Straußes und der Tücher

einherzugehen, wäre Maskerade gewesen. Heinrich Korn schritt auf seine

Frau zu, überreichte ihr seinen Schmuck, ihn aufzuheben, kehrte in

die Runde der jungen Leute zurück und löste sich völlig von seinen

Verpflichtungen. Er reichte dem Mariele und Lina Franke die Hand: »Seid

bedankt, ihr zwei,« drückte dem Sohne einen größeren Schein in die

Hand: »Das ist für die Gesellschaft,« gebot seinem Kleinknecht, den

Hammel heim in den Stall zu führen, und gab Jugend und Fröhlichkeit

völlig die Bahn frei. An der Bertelessin vorüber ging er zum Schmied

und den anderen Nachbarn, setzte sich unter sie und sah schmunzelnd dem

Treiben zu.

Fritz Ender, der ihm gegenüber saß, fragte hämisch, was den Hohlöfner

der Spaß koste.

»Mehr nit, wie ich bezahlen kann,« entgegnete er kurz.

Tolpatschig ließ sich Ender nicht zurückweisen. »Hab den Hammel auch

einmal gewonnen, denk aber nit gern dran. Sie gönnen's einem nit und

haben immer so einen Verdacht, als wenn -- --«

Der Schmied unterbrach ihn: »Heute hat niemand Verdacht, daß es nit

sauber zugegangen wäre, und ist keiner, der dem Hohlöfner die Ehre nit

gönnte.«

Heinrich Korn war rot angelaufen, aber er hielt an sich. »Kannst mich

heute nit ärgern, Ender,« rief er über den Tisch hinweg.

Und der, wiederum hinterhältig: »Will ich auch nit. -- Ist ein

schmuckes Mädel, die kleine Bertelessin. Wenn sie nur nit so hoch

hinaus wollte.«

Da war der Hohlöfner mit einem Schlage wieder völlig der Alte. Fritz

Ender hatte einen Sohn, der ein braver, schlichter Mensch war und

seine Augen überhaupt nicht zum Mariele erhob. Der Vater aber tat es

für ihn, die Männer hatten dann und wann im Wirtshause spöttisch mit

kurzen Worten davon gesprochen und sich über Ender lustig gemacht.

Heinrich Korn quittierte des Bauern Anzapfung mit ein paar kurzen,

treffenden Worten, deutete auf den Fuchs hin, der vergeblich nach den

Trauben sprang, lachte hell auf und schlug auf den Tisch: »Nachbarn,

morgen stellen wir unseren Mann wieder bei der Arbeit. Soll uns keiner

nachsagen, daß wir ihn nit auch auf dem Tanzboden stellen könnten. Ich

habe heut zum letzten Male den Hammel gewonnen. Es war ein gutes Ende;

das Mariele ist das schmuckste Mädel, mit dem ich getanzt habe. Morgen

geht alles wieder im alten Hü und Hott. Heute nehme ich Abschied von

meiner Jugend. Los, Nachbarn, wir holen unsre Weiber. Die Jungen sollen

nit denken, daß sie mehr könnten als wir.«

Froh berauscht war der Mann, riß die anderen mit, und sie, die meist in

allzu schweren Stiefeln gingen, ließen sich gern mitreißen. Niemand hat

den Hohlöfner je betrunken gesehen, der Mann wußte stets Maß zu halten,

nie aber hatte er sein ganzes Dorf in seiner inneren Fröhlichkeit, die

förmlich ein Rausch war, so hinter sich gehabt wie heute.

Er ging auf seine Frau zu, die jetzt neben der Bertelessin stand.

»Komm, Mutter.« Sie reichte Tücher und Strauß der Berteles-Mutter zum

Aufheben. Sie tanzten. Nach etlichen Runden sagte die Bäuerin, hastiger

atmend, als es wohl nötig gewesen wäre: »Vater, ich kann nit mehr. Ich

bin zu stark geworden.«

»Hast dein Gewicht, stimmt.«

»Geh, führ dem Mariele seine Mutter einmal auf. Ich glaube, die hat

seit zehn Jahren nit mehr getanzt. Und dann darfst du das Mariele

selber nit vergessen, die doch heute deine Ehrenjungfer ist. Mich laß

sitzen. Ich tanze nit eher wieder, als bis der Rudolf Hochzeit hat.«

»Da kannst du lange warten. Der tut gar nit danach.«

»Kommt manchmal eher, als man denkt.«

Die laue Nacht träumte, der Flieder duftete, der Maibaum raunte,

harmlose Menschen ließen sich von des Festes hochgehenden Wogen

tragen. Und auch der Tanz selber war wie hundert andere vor ihm.

Der »Rangiermeister« war da, ein kurzer, stämmiger Bursche aus dem

Nachbardorfe, nicht mehr weit von den Dreißigern, der, bevor er zu

tanzen begann, sein Mädel fragte, ob sie »rangieren« könne, und der,

wenn sie das bejahte, sich etwas darauf zugute tat, daß er quer durch

den Saal zu chassieren vermochte; die Mädel sangen in den Tanzpausen

ihre schwermütigen Lieder, die Burschen schritten, stolz wie Könige,

die Mädchenfront ab und winkten sich die Erkorene heran.

Der Hohlöfner ging durch die Reihen, neckte da, redete ernsthaft dort,

tanzte wiederholt mit dem Mariele und tat es immer in der feinen,

zurückhaltenden Art, zu der er sich, weil er sie vor anderen gern

hatte, gerade ihr gegenüber verpflichtet fühlte. Es kam ihm, wenn er

besonders gut gelaunt war, auch einmal nicht auf einen Scherz an, der

einem Mädel eine leichte Röte über das Gesicht jagte. Dem Mariele

gegenüber wäre ihm nie ein solch loses Wort über die Lippen gegangen.

Wieder tanzte er mit ihr. Übermütig wickelte er sich, als sie wartend

in der Reihe standen, des Mädchens Zöpfe um den Arm.

»Mariele, wo hast du das bloß her? So was hat ja noch gar kein Mensch

in Schönbach gesehen.«

»Wo ich das her habe? Hab mir's halt beim lieben Gott so bestellt.« Und

neckend: »Weißt du, wenn ich einmal einen Mann habe und der nit folgen

will, dann bind ich ihn damit fest.«

»Möchte wissen, wer dir nit folgen wollte. Wirst doch nit gar soviel

verlangen.«

»Nein, bloß gern haben muß er mich und allweil seinen Mann stehen. Darf

kein Hanswurst sein.«

»So wie ich?« Und der Bauer zwinkerte ihr zu.

»Um Gottes willen,« wehrte das Mädchen ab. »Du! Ich wüßte keinen Mann,

den ich mehr achten könnte als dich. Dir kommt so leicht keiner gleich.

Und daß du dabei so lustig sein kannst, das hat der Herrgott extra gut

gemacht.«

»Willst mir schöntun, Mariele?« Und er umspannte das ganze liebe Mädel

mit einem väterlichen Blick.

»Wenn du das schöntun nennst, gern; denn ich mein's, wie ich's sage,

und niemand in Schönbach denkt anders.«

»Ist gut, Mariele, ich kenn dich lange genug.«

Der Tanz war zu Ende, Heinrich Korn setzte sich schweigend neben

sein Weib und hatte eine Falte in der Stirn. Zum ersten Male kam

ihm der Gedanke: Wie wäre es, wenn dein Sohn das Mariele heiratete?

Und das Herz schlug ihm höher. Wie das wäre, den Blondkopf mit den

langen Zöpfen und dem guten Gesicht alle Tage durch das Haus gehen

zu sehen und seine helle Stimme zu hören! Köstlich wäre es. Und dann

die Enkelkinder! Ganz heiß wurde ihm. Wohl fuhr der Gedanke, daß das

Mariele eines der ärmsten Mädchen war, wie ein rascher kalter Hauch

über die warme Freude, aber damit ward der Mann heute merkwürdig

leicht fertig. Viel schwerer lag es ihm an, daß er seinem bedächtigen,

beinahe übergewissenhaften Sohne nicht zutraute, daß er sich das

Mädchen werde erobern können. So stand er, halb zornig, auf, schob sich

durch die Reihen, trat neben seinen Sohn und raunte ihm zu: »Weißt du

nit, was du heut abend zu tun hast, wo das Mariele meine Ehrenjungfer

war? Mit den anderen kannst du ein andermal tanzen. Ich hab genug für

mein Teil. Du mußt das Mariele aufführen.« -- --

Die Sonne schickte ihre ersten Boten über die Berge, da war das Fest

aus. Seiferts Ludwig ging mit den anderen Musikanten heim und blies auf

seiner Klarinette die Straße durch Schönbach hinab: »Muß i denn, muß i

denn zum Städtele hinaus.« Erst das war der völlige Abschluß des Festes

und gehörte dazu wie der Gikgak, die preußische Friederike, der Hammel

und der Maibaum.

2.

In der Ecke, gegen die Bodenwiesen hin, stand das Berteles-Häuschen, zu

dem etwa acht Morgen Feld und Wiese gehörten. Der Berteles war, solange

er lebte, ein sparsamer Mensch gewesen. Zimmermann von Hause aus, ging

er vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst auf Arbeit, indes

sein Weib daheim die Wirtschaft besorgte. Kam er von der Arbeit, dann

griff er ebenso selbstverständlich nach Pflug, Sense oder Hacke, wie

er es am Morgen tat, bevor er auf den Zimmerplatz ging. Hochgewachsen,

blond, zuverlässig, war er ein gern gesehener Mann, sowohl als Arbeiter

wie als Mensch.

In dem Manne lebte etwas vom Dorfpoeten, aber ohne daß es aufdringlich

gewesen wäre oder daß sich der Zimmermann selber überschätzt hätte.

Seine Poetennatur machte sich auch weniger in Versen Luft, als sie sich

in seinem Hauswesen betätigte. Die Verse verbarg er scheu, und nur sein

Weib wußte darum. Von der Mutter erfuhr es das Mariele nach des Vaters

Tode. Sie übergab der Tochter ein dünnes Schulschreibheft. »Mariele,

das hat der Vater geschrieben. Ich habe immer viel darauf gehalten, und

wenn du auch jetzt noch nit alles verstehst, so halt das Buch doch in

Ehren. Mit der Zeit begreifst du auch das Letzte.«

Seitdem lag das Heft in des Mädchens Lade, die Verse aber trug sie

im Herzen, und es kam gar nicht selten vor, daß sie, wenn ihr Schatz

neben ihr in der Laube saß, einen Vers mit leise schwingender Stimme

hersagte, so wie er ihr aus dem Gemüt blühte, ihn in ~der~ Stunde

gewissermaßen selber schaffend.

Das Häuslein hatte der Berteles aus seinen und seiner Frau Ersparnissen

gekauft und es, als ihm ein kleines Erbteil zufiel, von Grund aus nach

seinen eigenen Plänen umgestaltet. Allen, die durch Schönbach gingen,

fiel es angenehm auf. Geradezu wunderschön war der Garten und war damit

etwas Außergewöhnliches weit und breit; denn Bauerngärten verraten

gewöhnlich nur, daß ihre Herren und Herrinnen keine Zeit haben. Sie

sind zumeist eine bunte Wildnis.

Bunt war auch der Berteles-Garten, am Verwildern war er aber nur

während eines Jahres gewesen. Das war in der Zeit, als sich die Witwe

in ihrem Schmerze über den jähen Tod des Mannes nicht aufzurichten

vermochte und der Tochter die Augen noch nicht aufgegangen waren für

den Reichtum, der ihre Kindertage umblüht hatte.

Der Berteles hatte vor allem den Flieder gern gehabt. In jedem

Frühjahr war denn der Garten auch ein einziges Fliedermeer, aus

dem die Duftwellen weiß und blau und rot aufschäumten. In der Ecke

kuschelte sich eine Laube unter die Fliederbüsche, dicht umrankt von

Jelängerjelieber. Aus ihrer Tür sah man auf die kleinen runden Beete

mit ihren ausdauernden Stauden und ein gutes Dutzend Rosenstöcke, die

das Mariele sorgsam im Schnitt hielt.

Am Zaune hin rauschte der Schönbach und wußte in den lauen

Sommernächten unendlich viel Schönes zu erzählen.

Das Häuslein selber stand unmittelbar am Dorfwege, und wer vorüberging,

konnte zwischen den bescheidenen Mullgardinen hindurch das saubere

behagliche Stübchen mit seinem blanken Zinn im Topfbrett, der

Nähmaschine am Hoffenster und den blühenden Blumenstöcken auf den

Fensterbrettern übersehen. Wen es danach gelüstete, der trat an eines

der Fenster heran und plauderte mit dem Mariele oder seiner Mutter. Und

das taten ihrer viele; denn von dem Berteles-Hause ging stets ein Hauch

von Zuverlässigkeit und guter, tapferer Gesinnung aus. Mutter Berteles

allerdings verwand den Bruch, der durch ihr Leben ging, nicht. Und nun

kam die Sorge um das Mariele dazu. Wo sollte das bloß noch hinausgehen!

Dabei ließen sie sich nicht raten, die jungen Leute, und, freilich,

freilich, der Hohlöfner war im Grunde eine Seele von einem Menschen,

aber -- --

So lag Pauline Berteles auch in der Nacht vom Sonntag zum Montag wieder

schlaflos vor lauter Sorgen. Und der Tag war doch so schön gewesen

und die Hohlofenleute, nein, wirklich, als wenn das Mariele schon

zu ihnen gehörte! Der Nachbar Ender, dessen Wirtschaft fünf Häuser

weiter oberhalb am Bache lag, hatte sich der heimkehrenden Bertelessin

zugesellt gehabt und, es geschah ganz gewiß in der allerbesten Meinung,

die Rede auf Rudolf und das Mariele gebracht.

Pauline Berteles kannte ihn seit dreißig Jahren, sie wußte auch, daß

die Leute manchmal nicht gut von ihm redeten und ihn einen Heimtücker

nannten, aber die Frau tat niemand Böses und traute niemand Böses zu.

Was der Ender sagte, das waren zudem Dinge, die sich die Bertelessin

selber nicht verheimlichte.

Triefend von Biederkeit, hatte er davon gesprochen, daß das Mariele

das beste Los verdiene, das einem Menschen werden könne, daß es aber

doch unklug sei, es zwischen ihr und dem Einzigen vom Hohlofenhofe so

weit kommen zu lassen, daß das Auseinandergehen mindestens nicht mehr

stillschweigend und schmerzlos geschehen könne. Ernsthaft sei ja doch

die Sache wohl kaum; denn daß Korn, der erste Bauer im Dorfe, eine

Schwiegertochter willkommen heißen werde, die so wenig hinter sich habe

wie das Mariele, das werde sich doch wohl die Berteles-Mutter selber

nicht einbilden. Im übrigen, er wolle ja nichts sagen, aber Korn sei

in der ledigen Zeit kein Guter gewesen. Dem Sohne sei gewiß nichts

nachzureden, aber -- -- -- Junge Leute!!! Und was dann?

Bislang hatte die Bertelessin geschwiegen. Bei den letzten Worten

aber war sie aufgefahren. Für das Mariele könne sie stehen und --

für den Rudolf auch. Vom Hohlöfner selber habe sie übrigens auch nie

etwas Schlechtes gehört, und die Leute lebten so einig zusammen, daß

es eine Freude sei. Ganz warm war die Berteles-Mutter geworden, hatte

mehr gesprochen als sonst in Tagen und härter aufgetrumpft, als sie

sich selber zugetraut. Der Ender war förmlich auf den Mund geschlagen

gewesen und nicht dazu gekommen, der Frau seinen Sohn als Eidam

anzubieten. Und das hatte er doch gewollt.

Hastigen Fußes kehrte Pauline Berteles heim, stand mitten in der Stube

und seufzte. Und seufzend ging sie zu Bett. Da kehrten alle die Worte

des Ender wieder, hatten ein ander Gesicht, bestachen durch ihre

Biederkeit und forderten Bejahung. Auch die verletzenden. Sooft sie

auch Mutter Berteles verneinte, sie saßen wie Widerhaken im Fleische.

Das Mariele hatte etliche schwere Tage, und als Rudolf Korn am Mittwoch

leise an das Fenster nach dem Garten zu klopfte, zankte die Mutter

ihre Tochter zum ersten Male um des Verkehrs willen aus. Das aber war

der so völlig fremd und ungewohnt, daß sie weinend zu ihrem Schatze

hinauskam.

Als Rudolf Korn erfahren, was vorlag, ging er kurzerhand zu Mutter

Berteles in die Stube. »Das Mariele hat mir erzählt, daß Ihr unsere

Heimlichkeit nit mehr leiden wollt. Ihr habt recht, und ich will da

bald Ordnung schaffen. Aber das Mariele laß ich nit. Nit im Guten, nit

im Bösen! Das sage ich. Schlechtes braucht ihr nit von mir zu denken.

Nun seid nit bös, Berteles-Mutter.«

»Rudolf,« hatte die Frau entgegnet, »dein Vater leidet's nit. Das weiß

ich, und dasselbe sagen andere Leute.«

»Wer sind denn die anderen Leute?«

»Der Ender -- -- --«

»Aha. Das ist gerade der richtige. -- Berteles-Mutter, ich weiß nit,

was der Vater sagen wird, die Mutter steht auf meiner Seite. Der Vater?

Er hat das Mariele selber viel zu gern. Will er's aber etwa doch nit

leiden, dann wird's wohl hart zugehen, aber nachgeben tu ich nit. Eher

will ich den Hof nit haben als das Mariele nit. Und die anderen Leute?

Es sind noch nie zwei zusammengekommen, über die die Leute nix zu reden

gehabt hätten. Loben tun sie bloß, die gestorben sind. Wenn mir aber

der Ender noch einmal in die Quere kommt, dann soll er sich hüten. Das

sag ich. Und nun, Berteles-Mutter, seid vernünftig. Wir zwei lassen nit

voneinander.«

Mutter Berteles freute sich der Entschlossenheit Rudolfs, ohne daß

deswegen ihre Sorge gemindert worden wäre. So hielt sie's denn mit

dem Herrgott. Er hatte ihr das Mädel gegeben, das förmlich ein liebes

Wunder war, hatte die jungen Herzen einander finden lassen und war nun

verantwortlich. --

Die Woche verging. Es war eine harte Arbeitswoche. Vom Morgen bis in

die Nacht arbeiteten die Leute auf ihren Kartoffelfeldern.

Heinrich Korn schritt im Morgenlichte hinter seinen Gäulen her, die

zwischen den Furchen gingen, sang, pfiff, wie es kam, machte das

zufriedenste Gesicht und war innerlich voll tiefen Dankes und hoher

Freude.

Wie sollte ein Mensch auf solchem Stück Erde aber auch nicht fröhlich

sein, obwohl der Boden eher dürftig als fruchtbar war. Schönbach lag

reichlich vierhundertfünfzig Meter hoch, die Winde orgelten oft mit

lauter Stimme darüber hin, die Donner vergrollten lang anhaltend in

den Tälern rundum, die Erde gebar schier in jedem Jahre Millionen

neuer Schieferplatten, aber es war Heimat, herrliche, weite Berg- und

Waldheimat, in der aus jeder Breite der Schweiß langer Geschlechter

wie frommer Opferrauch stieg. Mit der Sonne stand der Hohlöfner auf,

griff in der Wirtschaft zu und ließ es sich nicht nehmen, der erste auf

dem Felde zu sein. Dann brauten in den Tälern noch die weißen Nebel

und krochen wie lange Schlangen an der Berge trutzigen Mauern dahin.

Von den Wipfeln der Bäume pfiffen die Amseln, und über den Feldern

trillerten die Lerchen. Die Furchen dampften, Stare marschierten hinter

dem Pflüger drein, Immen flogen summend vorüber.

Die Bienen waren Heinrich Korns besondere Freunde. Er war einer

der wenigen Schönbacher Bauern, die sich selber der Bienenzucht

befleißigten, und tat es viel weniger des Honigs wegen als darum, weil

ihm das Leben im Bienenstocke Gleichnis war und er daran Freude fand.

Überhaupt sah der Mann in Tieren allezeit Kameraden. Soviel er von

seinen Pferden verlangte, er gab ihnen kaum einmal harte Worte, und das

übliche Hü und Hott hatte er in militärische Kommandos umgewandelt,

befahl: Marsch, gebot: Halt, kommandierte: Rechtsum, linksum. Der

Hohlofenhof war, obwohl der größte in Schönbach, doch keineswegs groß.

Es gehörten zu ihm etwa achtzig Morgen Feld und Wiese und knapp hundert

Morgen Wald. Die Wirtschaft aber ging am Schnürchen, die Felder trugen

gute Ernten, und Korns Vieh war stark und gut gehalten. Des Bauern

Leute hingen an ihm, kannten seine Art, freuten sich seiner Scherze,

steckten schweigend einen harten Tadel ein, weil er nie unverdient war.

So gern der Mann polterte, lieber noch scherzte er.

Nicht weit vom Hohlofenacker hatte die Bertelessin ein Stück

Kartoffelland. So ging denn das Mariele, die Hacke geschultert, das

Wäglein hinter sich herziehend, jeden Morgen am Hohlöfner vorüber. Sie

kam keinen Morgen vorbei, ohne daß er sie angehalten hätte. Über den

freundlichen Gruß hinaus wußte er stets ein Scherzwort. Einmal ging

er hinter seinen Pferden her und sang, daß es schallte: Wer recht in

Freuden wandern will, der geh' der Sonn' entgegen. Das Lied hatte einst

Kantor Ritter im Gesangverein eingeübt. Und siehe, als er so lustig

sang, kam auf einmal vom Wege her die zweite Stimme, und das war eine

Frauenstimme. Der Bauer stutzte, drehte sich um, nickte dem Mariele zu

und sang weiter. Da war das Mädchen heran, Korn kommandierte: Halt! Die

Pferde standen, er setzte sich auf den Pflug.

»Von vorne, Mariele. Das hab ich gar nit gewußt, daß du so schön singen

kannst. Wer recht ...«

Es schallte über die Felder hin, brandete an die nahe Waldmauer und

versickerte zwischen den Stämmen. Das Lied war zu Ende. »Das hast du

gut gemacht, Mariele. Was kannst du denn eigentlich nit?«

»Heiraten.«

»Wieso nit?«

»Das muß ich mir doch gefallen lassen.«

»Spottvogel. Heiratest doch auch.«

»Kommt ganz drauf an. Vielleicht muß ich ledig bleiben.«

»Wäre noch schöner. Werden doch die Burschen nit alle Schlafmützen

sein. -- Wie weit bist du eigentlich mit euren Erdäpfeln?«

»Noch zwei Tage, dann bin ich fertig. Die Mutter kann nit mit

zugreifen.«

»Hast's nit ganz leicht, Mädel.«

»Möcht's gar nit leichter haben.«

»Ist recht. -- Wenn der Rudolf nachher kommt, kann er die Pferde

nehmen. Dann bist du mit Ja und Nein fertig.«

»Hohlöfner, wir -- können's nit bezahlen.«

»Mach mich nit falsch, Mariele. Hab ich was gefordert?«

»Dann sage ich schön Dank und will's in der Ernte glattmachen.«

»Kannst du halten, wie du willst.« Der Bauer schmitzte mit der

Peitsche. »Marsch!« Die Pferde zogen an.

So schlenderte der Mai langsam aus der Welt. Es verging kein Tag,

an dem Heinrich Korn nicht mit dem Mariele Gruß und Scherzwort

ausgetauscht, und immer wärmer ward ihm bei dem Gedanken: Wenn dir der

Rudolf ~die~ als Schwiegertochter brächte! Und es war wunderlich:

Der Mann, der sonst wahrhaftig der Herr im Hause war, getraute sich

nicht, seiner Frau die heimlichen Gedanken zu verraten, weil er

glaubte, ihr sei das Mädchen zu gering.

Wieder war es Sonnabend. Der Flieder, der im hochgelegenen Schönbach

bis tief in den Juni hinein blühte, überschüttete das Berteles-Häuschen

mit Duftwellen, und wer vorüberging, brach sich gern eine der hängenden

Blütentrauben ab. Das Wetter hatte in den letzten warmen Tagen mehrfach

gedroht. Wolken waren hochgekommen und hatten sich wieder verzogen.

Heute hatten die Schönbacher bestimmt geglaubt, es werde ein Gewitter

geben. Am Abend aber spannte sich der Himmel wieder weit und klar über

das Bergland.

Abermals stand Heinrich Korn, die Pfeife im Munde, im Hoftore. Er tat

es immer gern, am liebsten aber am Sonnabend, wenn der Sonntag um die

Ecke lugte. Da blickte der Mann in tief innerlicher Freude das sauber

gefegte Dorf hinab, in dessen Mitte Kirche und Schule standen und

etliche große Linden im Abendwinde rauschten. Dann war es ihm feierlich

zumute. Ohne sich Rechenschaft darüber geben zu können, spannte er

seine Seele weit hinaus, feierte wortlos auf seine Art und war in dem

Augenblicke ein demütiger Mensch, der seiner Tage und seines Lebens

Grenzen erfühlte und ahnte, daß es schade sei um ein Leben, das sich

nicht dem Guten verschrieben.

Sich rückwärts kehrend, sah er den Sohn mit einer Schütte Stroh aus der

Scheune kommen. So wenig er mit dem ob seiner stillen Art einverstanden

war, so gern achtete er seinen nie ermüdenden Fleiß und seine

unbedingte Zuverlässigkeit. Hätte er eines gewußt, das, daß Rudolf

nicht weichlich, daß er, wenn es not tat, eisenfest und stahlhart sein

konnte, er wäre restlos mit ihm zufrieden gewesen. Dafür aber hatte

ihm der Sohn noch keinen Beweis gegeben und nicht geben können.

Rückwärtsgewandt, rief der Bauer: »Rudolf, ich gehe auf eine Weile zum

Wirt. Sag's der Mutter.«

»Ist recht, Vater.«

Heinrich Korn schlug jedoch nicht den Weg das Dorf hinab ein, er

überquerte die Straße, ging zwischen Illings und Jenkes Scheune hinaus

auf die Bücherwiesen, schlenderte einen schmalen Pfad dahin. Das

Gras stand hoch, die Heuernte würde gut werden. Schade um das bunte

Blumenzeug, das rot und blau und weiß mitten in die grüne Herrlichkeit

vertropft war. Auf den Bücherwiesen lagen eine Anzahl kleiner Teiche.

Aus denen her musizierten die Frösche, und ein wohltuender, kühler

Luftzug strich herein.

Im Bogen die Wiesen überquerend, kam Heinrich Korn am unteren Dorfende

wieder herein. Es begann zu dunkeln, aus den Bodenwiesen stiegen

leichte, feine Nebel. Am Berteles-Häuschen blieb der Hohlöfner stehen.

Marie Berteles kam über den Hof und grüßte.

»Mariele,« rief der Bauer, »ich will mir ein bißchen von eurem Flieder

mitnehmen.«

»Gerne.« Das Mädchen stellte den Eimer hin und kam raschen Schrittes

heran. Sie pflückte dem Hohlöfner einen Strauß des köstlichsten

Flieders, der im Berteles-Gärtchen wuchs.

»Hör auf, Mädel,« mahnte der Bauer, »sonst muß ich ja deinen Handwagen

nehmen.« Er maß Haus, Garten und Mädel mit einem vergleichenden Blicke.

»Ihr paßt zusammen, das Haus, der Garten und du. Hat einen guten Blick

gehabt, dein Vater. Schade um den Mann. Ist viel zu bald gestorben.

Ihr stündet heute anders da.« Der Bauer steckte seine starke,

scharfrückige Nase in den Strauß. »Da freut sich unsere Mutter. Was geb

ich dir denn nun dafür?«

»Nix.«

»Sollst einen Mann für dich allein kriegen.«

»Einen wie du bist.«

Der Hohlöfner drohte mit dem Finger. »Du, die Sorte ist nit leicht zu

behandeln. Hat lauter Raupen im Kopfe.«

»Wollt schon damit fertig werden. -- Ich muß in die Stube, die Mutter

wartet.«

»Und ich muß ins Wirtshaus. Dunnerlichting, so ein guter Geruch!«

Sie gingen lachend auseinander.

Im Wirtshause traf Heinrich Korn etliche Nachbarn, die, gleich ihm,

auf ein Ruhe- und Plauderstündchen zusammengekommen waren. Albert

Rösner, der Wirt, war des Hohlöfners Altersgenosse und guter Freund und

steckte, wie der Bauer, voller Schnurren. Wenn sie sich begrüßten, dann

lagen die Hände wie Klammern ineinander. Jeder drückte den anderen mit

aller Kraft, die er aufzubringen vermochte. Es schmerzte, aber keiner

verzog den Mund. Das war die hundertmal wiederholte Probe darauf, ob

sie noch die Alten wären.

Der Händedruck war ausgestanden. Heinrich Korn rückte sich einen der

schweren Stühle heran und schlug zur Begrüßung mit dem Knöchel der

geballten Faust auf den Tisch. Keiner der Männer dachte sich etwas bei

dieser herkömmlichen Form des Grußes, und er war doch uralte deutsche

Art. Einst hatten die Urväter, wenn sie sich zum Trunke niederließen,

die kurze scharfe Waffe mit festem Hieb neben sich in den Tisch

getrieben, damit bedeutend, daß sie sich für die Zeit des Gelages

wehrlos machten. Wenn sie den Humpen zum Munde führten und den Hals

zurückbogen, wäre es ehrlos gewesen, den Dolch zu zücken.

Der Hohlöfner kam neben einen Mann zu sitzen, der zu den ständigen

Gästen der Schönbacher gehörte und dem doch die weite Welt eben

gerade groß genug war. Niemand wußte, woher er kam, wo seine Wiege

gestanden, welch Schicksal ihn getroffen. Er war ein Landstreicher

und, vielleicht, ein Genie. Nun zog er, die Fiedel unter dem Arme,

durch die Welt, stimmte und besserte Orgeln und Klaviere aus und war

ein Meister auf allen drei Instrumenten. Überall, wohin er kam, war er

gern gesehen. Bescheiden, still, saß er unter den Männern, neigte das

blasse, von dunklem feinen Bart und Haar umrahmte Gesicht lauschend vor

und ließ die großen braunen Augen von einem zum anderen gehen. Meist

erkannte er seine Stunde, war, wenn er das Maß voll wußte, verschwunden

und suchte sein Strohlager auf. Ein Bett nahm er niemals an.

Die Fiedel unter dem Arme, kam er, fragte, ob etwas zu stimmen oder

auszubessern sei, erledigte seine Arbeit und ging, still, wie er

aufgetaucht war. In seinen Augen lag immer eine leise Trauer, und um

die schmalen Lippen zuckte der Schmerz. Keine Bitte vermochte ihn

an das Klavier zu zwingen. War aber seine Stunde da, dann stand er

auf, fragte nach niemand, ließ sich durch keinen Lärm stören, spielte

und -- spielte ein großes Schweigen herauf. Der lebendigste Mund

verstummte, der umnebeltste Sinn spürte das Wunder, das sich vor ihm

auftat, das vertrocknetste Herz ahnte die heiligen Höhen der Kunst

und die Abgründe menschlicher Not. Nicht für einen Bauernhof hätte

der Mensch gespielt, wenn es von ihm gefordert ward. Seine Geige hat

überhaupt niemand in der Nähe gehört, aber wenn Philipp Engel im Orte

war, dann konnte es geschehen, daß, wer in aller Frühe auf sein Feld

ging, stehenbleiben mußte, um den fast unirdisch schönen, wehmütigen

Geigenklängen vom Waldrande her zu lauschen. Ging er darauf zu, dann

fand er niemand. Das Spiel war verstummt, der Geiger verschwunden. Auch

die Tasten meistern hatte den Mann mancher in seinem Leben überhaupt

nicht, mancher einmal gehört, und nur Glückliche hörten ihn zwei- oder

dreimal. Wer ihn aber hörte, vergaß die Stunde nicht wieder. Neben

den kam der Hohlöfner zu sitzen, und als er sich niederließ, ging ein

heller Schein über das Gesicht des Landfahrers.

Eine eigene Art hatte Philipp Engel den Gendarmen gegenüber. Er

mochte deren einen treffen, wo er wollte, immer blieb er, geschah es

auf der Landstraße, stehen, stand er, fügte es sich im Wirtshause,

auf, zog bescheiden seine Papiere und bot sie dem Hüter der Ordnung

zur Durchsicht und Prüfung. Die Männer kannten ihn, und selbst des

Rauhesten Stimme ward weicher, wenn er abwehrte, die Papiere zu nehmen.

»Lassen Sie das doch, Mensch. Ich kenne Sie ja doch lange genug und

weiß, daß Sie keiner Fliege etwas zuleide tun.«

»Danke,« sagte dann der Fiedler mit leiser Stimme und ging, einen

Schein blasser, seines Weges weiter oder zog sich auf seinen Platz

zurück.

Heute hatte der Mann den Tag über die Schönbacher Orgel gestimmt,

Lehrer Siebert, der selber viel musizierte, hatte ihm zugesehen und

war ihm, die Tragik seines Lebens ahnend, innerlich nahegekommen. Die

beiden waren hernach miteinander in den Wald gegangen, und der junge

Lehrer hatte vor dem Landfahrer sein Herz ausgeschüttet. Er trug eine

tiefe Liebe im Herzen, und diese Liebe hieß Marie Berteles. Es war so

lächerlich, und es war so leidvoll. Ein armes, armes Mädel und -- doch

zu reich für den armen Schullehrer. Begehrt von einem, dem Haus und Hof

zu eigen wurden und der, entgegen allem Herkommen, nicht nach Besitz zu

fragen entschlossen war. Von Liebe umrankt das Mädchen. Im schlichten

Alltagskleide eine Königin an Seele und Anmut.

Philipp Engel hatte genickt. Was sagte ihm der Lehrer Neues? Einzig,

daß er Marie Berteles liebhatte. Sonst? Der Fiedler hatte sie

aufwachsen sehen, die zwei Menschen, die nun einander liebhatten, und

wem vermöchte der Weise von der Gasse her nicht in das Innerste zu

sehen? Er nickte bei des Lehrers Beichte still vor sich hin, schwieg

und streichelte leise die Jungmännerhand, die ihm zur Seite auf dem

Waldboden lag, zarter, als eine Mutter zu streicheln vermag. Wortlos

standen sie auf, schweigend gingen sie heim, still saßen sie unter den

Männern in Albert Rösners Wirtshaus.

Der Hohlöfner reichte dem Fiedler die Hand. »Willkommen, Lipp. Hab

schon gehört, daß du im Dorfe bist. Woher kommst du?«

»Weiß selber nicht.«

»Und wohin willst du?«

»Wohin? Die Wege gehen alle auf das gleiche Ziel.«

Das war so seine Art, und die Männer waren sie gewohnt. Das bisher

flache Gespräch rann flach dahin. Der Hohlöfner gliederte sich ein

und plätscherte mit. Der Fliederstrauß stand mitten auf dem Tische.

Heinrich Korn trank lebhafter, als es sonst geschah. Erst löschte er

den Durst, und dann hatte er Appetit. Er suchte heute keine Zielscheibe

lustigen Spottes. So nahm ihn sein Jugendfreund, der Wirt, selber zum

Ziele, neckte ihn mit seiner großen Nase, seinem Hedrich im Hafer,

seinem Gras in den Kartoffeln. Heinrich Korn blieb keine Antwort

schuldig und ging, warm gemacht, selber zum Angriff über.

»Was hast du heute wieder geschafft, Albert?«

»Mehr als du.«

»Ha, deine Arbeit vom ganzen Jahre trage ich im Purzelkorbe fort, und

braucht nit einmal ein großer zu sein.«

Die Neckereien gingen hin und her, wurden allgemeiner, wurden derber.

Sie beteiligten sich alle daran, wärmten alte Geschichten auf, und

einzig Philipp Engel und Lehrer Siebert saßen schweigsam in der Runde.

Dazu ward lebhafter getrunken als sonst. Keiner aber brachte die

Rede auf Mariele und Rudolf, ja, es hatte niemand gefragt, woher der

Hohlöfner den Fliederstrauß gebracht, der nun prangend in der Mitte

der Tafel stand. Sie fühlten alle, daß hier ein Rührmichnichtan war,

und hatten den Hohlöfner und die beiden jungen Menschen viel zu gern,

um mit tolpatschigen Fingern über eine Sache zu fahren, die war wie

ein zartes Pflänzlein, von dem sie wußten, daß ihm harte Stürme und

Wetterwucht drohten. Zu harmlosem Plaudern zusammengekommen, war es

ihnen doppelt lieb, wenn daraus ein paar lustige, vielleicht sogar

übermütige Stunden wurden.

Als die Lust am höchsten war, die Köpfe heißer waren, das Lachen gegen

die Decke krachte, trat Fritz Ender ein. Für einen Augenblick schien

es, als wehe ein kalter Luftzug. Ender aber setzte sich still in die

Runde, hörte zu und verzog ab und zu den Mund zu einem kleinen Lächeln.

Albert Rösner hatte eben erzählt, wie ihn Heinrich Korn einst

im Manöver aufgesucht und, nach dem Lagerplatz seiner Kompanie

zurückkehrend, über die Zeltpfähle des Hauptmannszeltes gestolpert war

und das ganze Zelt niedergerissen hatte. Bevor sich aber der Hauptmann

fluchend aus den Planen gearbeitet, war der Übeltäter verschwunden

gewesen.

»Stimmt,« bestätigte Korn lachend. »War mir dazumal nit so wohl dabei

wie heute, wo ich davon rede. Aber was will die Purzelei bedeuten? Bin

wenigstens immer ein ehrlicher Kerl gewesen, habe nit gemaust wie der

Wirt.«

»Gemaust? Wen hat er bemaust?«

Albert Rösner wußte, was nun kam, lehnte sich an den Schanktisch und

wischte sich bereits im voraus eine Lachträne aus den Augen.

Korn berichtete, lebhaft Arme und Hände bewegend, wie der Wirt, mit

ihm gleichzeitig bei der Garde dienend, mit anderen zur Hilfeleistung

anläßlich eines großen Festmahls in das Berliner Rathaus kommandiert

worden war. Es war ein heißer Sommertag, die Mannschaften hatten

blitzsauberes Drillichzeug an, trugen die schweren Platten hinauf an

die Tür des Festsaales und empfingen sie da, halb oder ganz geleert,

aus den Händen der Diener zurück. Albert Rösner ward eine Platte mit

Eis, das ein anderer vor ihm, wohlgeformt, hinaufgetragen hatte,

zur Rückgabe überantwortet. Was wußte der Schönbacher Bursche von

Fruchteis? Die Kälte der Platte fiel ihm auf, er leckte am Rande,

das Zeug schmeckte wunderschön, und Albert beschloß, sich damit zu

»betun«. An einer Ecke rasche, prüfende Blicke treppauf und -ab, ein

paar flinke Griffe, Hosen- und Jackentaschen voller Eis gestopft. Und

dann die Bescherung! Wie das Eis zerlief, wie es in langen Straßen an

den Hosenbeinen herabsickerte, wie die Jackentaschen tropften! »So ging

er,« der Hohlöfner sprang auf und lief wie ein watender Storch durch

die Gaststube, »so schlang er,« er langte mit beiden Händen in die

Taschen und stopfte sie in den Mund. Und alles wußte er so urkomisch,

so voller harmloser Neckerei darzustellen, daß die Decke förmlich zu

niedrig war für das aufstürmende Lachen.

Er setzte sich, schwang sein Glas: »Prost, Nachbarn! -- Ich habe ihm

Kinderwindeln angeboten, aber da wurde er falsch.«

Die Heiterkeit flaute ab, lebhafter aber kreisten die Gläser. Da begann

Fritz Ender: »Wie ich noch diente -- --«

»Du hast gedient? Wo denn?« fiel Eduard Langer spottend ein.

»Ach, wie er Knecht war auf dem Schmurer Gute,« bemerkte ebenso harmlos

spottend der Hohlöfner.

Fritz Ender aber ward falsch. »Konnten nit alle solche Freßkisten

kriegen wie du.«

»Freilich, bin bloß durch die Freßkisten Unteroffizier geworden.«

»Wird nit viel anders gewesen sein.«

»Nein. Akkurat so war's.«

Der Hohlöfner lachte dabei. Fritz Ender kniff die Lippen zusammen. Korn

hatte auch nicht im entferntesten die Absicht, Ender weh zu tun. Der

Zufall hatte es gefügt, daß der zur Zielscheibe wurde. Rasche Angriffe,

schlagfertige Antworten, Korn hätte lachend quittiert, der Abend wäre

ausgeklungen, wie er begonnen hatte. Im Ender-Bauern aber hatte sich

langer Groll aufgehäuft. Der Hohlöfner kam vorwärts, er mühte sich,

sicher nicht weniger ernsthaft, vergeblich. Ein nicht gerade stürmisch

auftretendes, aber dauernd nagendes Gallenleiden verbitterte ihn. Korn

bestritt ihm die Erle auf der Wiesengrenze, Rudolf schnappte das Mädel

weg, das sich Ender für seinen Sohn ausgesucht. Der Bauer fühlte sich

durch die harmlose Neckerei verletzt, er ~wollte~ weh tun.

»Wenn's mit dem Maule zu machen wäre, dann hätt'st du schon lange die

ganzen Schönbacher aufgefressen.«

Noch quittierte der Hohlöfner lachend: »Dich nit, Ender. Du hast zuviel

Knochen.«

»Tät'st lieber bei der kleinen Bertelessin anfangen, kann ich mir

denken.«

»Ach nein. ~Den~ Bissen höb ich bis zuletzt auf.«

Ender verzog den Mund und nickte vielsagend vor sich hin. »Der Apfel

fällt nit weit vom Stamme.«

Korn ward hellhörig. »Was willst du damit sagen?« fragte er scharf.

»Nix.«

Das Gespräch trödelte weiter, die Fröhlichkeit aber war verjagt. Ender

war es, der die Rede auf Freite und Heirat brachte.

»Stand zu Stand,« sagte er.

Die anderen nickten, und der Hohlöfner bekräftigte: »Stand zu Stand!

Immer, wie sich das gehört, sonst kommt nix Gutes dabei heraus.«

Ender lachte hämisch. »Wirst du das auch in der Hand haben? Sieht nit

so aus, als wenn sich dein Junge Vorschriften machen ließe. Hat, wie's

scheint, seinen eigenen Kopf.«

Was selten geschah, das geschah in dem Augenblicke. Der Hohlöfner

war überrumpelt, war auf den Mund geschlagen, dachte nicht an das

Mariele, vermutete, daß sein Sohn irgendeine leichtfertige Liebschaft

angezettelt habe, daß eine Dummheit unterwegs sei. Es war eine ganz

verrückte Enge, in der sich der Mann drehte. Das Mariele? Mit keinem

Atemzug dachte er an sie. Wie wäre das auch möglich gewesen? Das hätte

er merken müssen, wenn Rudolf ihr zu Gefallen gegangen wäre. Nein, er

mußte im Begriff sein, sich irgendwie zu verplempern. Der Heimtücker,

der Ender, wußte davon und wollte sich nun an ihm, dem Alten, reiben.

A bah, bange machen lassen? Er hatte es einen Augenblick ernst, ja,

schwer genommen. Seine Stimmung schlug um, der Grundzug seines Wesens,

Heiterkeit, der eine Neigung zur Überlegenheit nicht fremd war, brach

durch, das reichlich und rasch getrunkene Bier war nicht ohne Wirkung.

Er lachte schallend auf: »Ender, du Heimtücker, hätt'st mich, weiß

Gott, beinahe kopfscheu gemacht.« Einer raschen Eingebung folgend,

streckte er dem Ender die Hand über den Tisch entgegen: »Was gilt's?

Mein Junge heiratet, die ich will, und es kommt mir keine in das Haus,

die nit ihre abgezählten fünftausend Taler hat, oder ich will dem

ganzen Dorfe den Hanswurst machen.«

»Topp,« schrie Ender aufspringend, knallte seine Rechte in die des

Hohlöfners, hielt sie fest, ob sich auch Schmied Anders mit ganzer

Wucht dazwischen warf.

Die Abmachung, lachend vom Hohlöfner angeboten, berechnend von Ender

herbeigeführt und blutig ernst gemeint, war so rasch geschehen,

wie wenn ein Blitz herabzuckt. Alle die Männer wußten mehr als der

Hohlöfner, sahen längst im stillen dem Sturme entgegen, den sie ahnten,

waren mit einem Schlage nüchtern und erschrocken bis in das Innerste.

Schmied Anders schlug mit den Fäusten auf die verkrampften Hände. Sie

hielten fest.

»Hund,« brüllte er den Ender an, »das gedenk ich dir, daß du dem Besten

Herzeleid machen willst. Laß dich nit wieder in meiner Schmiede sehn!«

Albert Rösner, der Wirt, schlug dem Hohlöfner derb auf die Schulter.

»Heinrich, nimm's zurück. Das tut nit gut. Hast nit gewußt, was du

machst. -- Heinrich, nimm Vernunft an. Ein Mensch ist kein Scheit Holz.

Laß los, Ender. Das geht nit gut aus, und du hast keine Freude daran!«

Ender wollte loslassen. Der Hohlofenbauer aber hielt eisenfest. Er

hatte sich aufgerichtet, schwankte nicht, war blaß im Gesicht, seine

Stimme schwang in tiefer Bewegung. »Nachbarn, ich hab's für einen Jux

genommen. Ich sehe, daß es keiner ist. Nun sag ich's noch einmal: Wer

den Hohlofenhof erbt, hat nit das Recht, sich zu hängen, an wen er

möchte. Und keine kommt mir auf den Hof, die nit ihre fünftausend Taler

mitbringt, oder ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen; und

ihr wißt, daß ich nix schlechter vertrag als das Ausgelachtwerden.«

Noch einmal griff er zu, daß dem Ender alle Knochen der Hand krachten.

»Bin dir auf den Leim gegangen, Heimtücker. Freude sollst du nit daran

haben.« Mit einem Ruck schleuderte er die Hand zurück und setzte

sich, schlug auf den Tisch. »Noch eins, Albert! Ich muß das Gift

hinunterspülen. -- Macht nit solche Gesichter. Deswegen steht die

Welt nit still, und der soll erst noch kommen, dem der Hohlöfner nit

gewachsen wäre. -- Prost!«

Die schlichte Fröhlichkeit der Männer war totgeschlagen. Sie spürten,

daß Not frevelhaft heraufbeschworen war, rückten ab von Fritz

Ender, scharten sich, gleichsam eine Schutzmauer bildend, um den

Hohlöfner, aber keiner deutete selbst jetzt auch nur von fern auf das

Berteles-Mariele hin.

Als sie sich in der Runde umsahen, waren zwei nicht mehr da, die zuvor

unter ihnen gesessen. Philipp Engel hatte sich, als die Hände der

beiden Männer ineinander knallten, erhoben, war totenblaß gewesen,

hatte nach seiner Fiedel gelangt und war hinausgetaumelt. Als ihm

Lehrer Siebert auf dem Fuße folgte, fand er ihn draußen an der Mauer

lehnen. Der Mann weinte wie ein Kind, wies die Hand zurück, die ihm

tröstend über das Gesicht fahren wollte, und ging mit langen Schritten

hinaus in die Wiesen.

* * * * *

Im Berteles-Garten blühte der Flieder. Blau und weiß überschäumte

er die grünen Büsche. Die Nacht kam. Der Schönbach rauschte sein

Sommerlied hinauf zu den Erlen und Eschen und streichelte der Weiden

schwanke Zweige. Wasseramseln und Eisvögel hatten ihre Nester in

Uferlöchern und an Felsnasen aufgesucht. Eulen huschten über die

Waldränder hin, und Fledermäuse streiften ihre Reviere ab. Still

standen die Blumen, den Segen der lauen Nacht erwartend, leise

erschauernd im Ahnen nahen Wetters. Es war schwül, und aus den feuchten

Wiesen stiegen die Nebel. Da kam einer beinahe desselben Weges, den

zwei Stunden früher der alte Hohlöfner gegangen war, gehorchte gern

dem Gebot des Herzens und hatte doch eine tiefe Falte in der Stirn.

Rudolf Korn ging zu seinem Schatze und war in ernsthaftem Nachdenken

vorhin zu dem Entschlusse gekommen, morgen mit den Eltern zu reden.

Das Mariele empfing ihn am Gartentürchen, eng umschlungen gingen sie

den kurzen Weg zur Laube und ließen sich auf der Bank nieder, die einst

Vater Berteles gezimmert. Um sie sang der Flieder seine blauen und

roten Duftmelodien, der Jelängerjelieber wisperte, der Bach schwatzte,

und durch feine Wolkengespinste sah der Mond herab.

Marie Berteles hatte die langen Zöpfe rechts und links über die

Schultern gelegt, so daß ihr die Enden im Schoße lagen, hielt die Hände

leicht verschlungen und lehnte in Rudolfs Arm. Mit freudig schwingender

Stimme berichtete sie, daß Rudolfs Vater sich vorhin einen großen Busch

Flieder geholt, und der Bursche lächelte.

»Hast ihn gut im Garn, Mariele,« sagte er. »Vergangenen Sonntag die

Extratouren mit ihm getanzt, vorgestern auf dem Nußbühl zweistimmig mit

ihm gesungen, heute der Strauß. Ich wüßte nit, woran es nun noch fehlen

sollte.«

»Rudolf, ob er nix ahnt?«

»Nein. Verlaß dich darauf. Sonst hätte er etwas gesagt, dir oder mir,

vielleicht allen beiden. Er ahnt nix. Geradezu blind ist er, aber ich

weiß, was er von dir hält.«

»Es ist mir so bange.«

»Warum denn, Mariele? Tust, als hättest du gar nix mitzubringen.«

»Was habe ich denn auch? Das Häusel und unser kleines Feld? Da müssen

wir Zinsen zahlen.«

»Soll denn der Mensch bloß nach den Talern fragen?«

»Ist nit recht, aber du weißt doch, wie die Leute sind.«

»Laß die Leute. Der Hohlöfner ist nit wie die Leute.« Und ernster

redend: »Mariele, ich mache mir nix vor. Wärst du nit, die du bist,

dann brauchte ich wohl überhaupt gar nit davon anzufangen. Aber du bist

das Mariele, und das ist's. Hast mich gern, Mariele?«

»Ach, Rudolf, das mußt nit fragen.«

»Kann's aber doch gar nit oft genug hören und, weißt du, später sagt

man sich das nit mehr.«

»Kann ich mir von uns zweien nit denken.«

»Ich auch nit. -- Also hast mich gern?«

»Nit zum Sagen.«

»Womit beweist du das?«

Das Mariele lachte leise. »Ich weiß schon, was du willst. Da.« Sie

richtete sich auf und wickelte dem Burschen ihre langen Zöpfe eng um

den Hals, schmiegte sich an ihn und küßte ihn.

»Meinst du das?«

»Ja, das meine ich, und davon kann ich auch nit genug kriegen.«

»Wenn's nur nit so heimlich sein müßte.«

»Gerade darum ist's so schön. -- Mädel, was mach ich bloß vor lauter

Gernhaben? Ist's nit verrückt, geradezu verrückt, daß man einen

Menschen so gern haben muß, einen fremden Menschen? Und daß ~du

mich~ gern haben mußt! Einen Kerl wie mich!«

Und immer wieder die süßen, alten Torheiten, die der Mensch später

belächelt und um derentwillen ihm doch noch in der Erinnerung das

Herz rascher schlägt. Der Flieder sang seine duftenden Melodien, die

Nacht feierte, eine gesunde, reine Liebe ließ ihre Opferflammen hoch

aufleuchten.

Endlich rückte Rudolf mit seinem Entschlusse heraus. Das Mädchen fest

an sich pressend, bekannte er: »Morgen rede ich mit meinen Leuten.«

Da wickelte das Mariele rasch die Zöpfe von seinem Halse und rückte ein

Endchen von ihm ab. »Rudolf!«

Der aber scherzte: »Ist dir das etwa nit recht? Ich denke, du willst

das Heimlichtun nit mehr haben.«

»Das schon, aber -- -- -- Ach Gott, wenn's bloß erst vorüber wäre.«

»Mariele! Ich kenne doch den alten Hohlöfner. Wenn ich sage: Das

Mariele ist's, dann spricht er: Du Töffel, warum hast du dazu so lange

Zeit gebraucht? Und dann: Erst kommt der Alte und macht den Freiwerber,

dann komme ich. Wirst sehen, so ist's.«

»Und wenn's nit so ist?«

»Wenn's nit so ist? Dann komme ich doch. Und komme gerade auf euer Haus

zu und nit über die Wiesen. Das weißt du: Vom Mariele lasse ich nit!«

Sie schwiegen, lehnten aneinander, und aus tiefem Sinnen heraus sprach

das Mädchen einen der Verse aus ihres Vaters schlichtem Büchlein.

Die Linde rauscht, es scheint der Mond,

Da suchen sich zwei in Treuen.

Der Herrgott, der im Himmel wohnt,

Muß selber sich dran freuen.

Und geht der Neid auf krummem Weg

Und schielt aus tiefen Gründen,

So baut der Himmel doch den Steg,

Auf dem die zwei sich finden.

Marie Berteles hatte es so schlicht und mit solch innerer

Wahrhaftigkeit gesprochen, wie es der Vater einst geschrieben. Sie

schwieg, und -- da klang, kaum ein paar Schritte von ihnen, von drüben

über dem Bache her eine Geige. In einer unendlich tiefen Wehmut sang

sie, daß die Herzen sich den Klängen auftun mußten. »Der Lipp,« sagte

das Mariele leise und scheu. »Der Lipp! Er ist wieder im Dorfe.« Und

als sich Rudolf Korn erheben wollte, heiß und bittend: »Nit, nit,

lieber Rudolf! Bleib, ich bitte dich! Kein Mensch hat ihn spielen

sehen. -- Ach Gott, am Ende ist das überhaupt gar kein Mensch nit. --

So schön kann es gar keiner.«

Süß, schmerzlich süß klang die Geige durch die Nacht. Eine

gottbegnadete, von des Schicksals Geißel blutig geschlagene

Künstlerseele vertropfte hinein in des blühenden Flieders Duftmeer.

Kein wilder Strich, kein rascher Laut, lauter Wehmut. Ein Herz spielte,

das eben gesehen und gehört hatte, wie der Sturm aus seinem Schlafe

gerissen wurde, dahinzufahren über junge Liebe und zu entblättern,

was sich zum Blühen anschickte. Nicht Grabgesang war es, das der

Geiger spielte, aber es war eine Melodie, deren Grundton Herzeleid

hieß. Philipp Engel hatte schon eine ganze Weile unter der Erle

gesessen, hatte, zuckenden Herzens, die süßen Torheiten von drüben

her vernommen, sein Gesicht war darüber zu Stein erstarrt und war

zerflossen in Trauer. Einst, ach einst! Er war gekommen, den beiden ein

Lied zu spielen, wild, aufreizend: Wehrt euch! Seid stärker als die

Niedertracht! Sein Arm war lahm gewesen und hatte die Geige nicht an

das Kinn zu heben vermocht. Da kam durch die Nacht Marieles gläubiges:

So baut der Himmel doch den Steg, auf dem die zwei sich finden.

Nun hob sich dem Geiger von selber der Arm, der Bogen setzte an, zog

-- tat es der Mann, tat es der alte Weltenmeister? -- durch, fuhr

auf und ab, die Finger griffen in die Saiten. Philipp Engel spielte

Vater Bertels Lied, wehmutüberhaucht und doch voll tiefen, sieghaften

Glaubens.

Das Mariele barg sich ganz fest in Rudolf Korns Arm, er fühlte, wie sie

bebte, legte ihm die Arme um den Hals, weinte und schrieb es doch mit

leuchtenden Zeilen an den Frühlingshimmel: Es wird alles gut werden!

Der Geiger brach ab. Das Mariele drängte ihren Schatz: »Geh heim!« Sie

küßten sich nicht mehr. Ruhig, wie es immer seine Art war, ging Rudolf

Korn heim.

Als er in die Stube trat, stand da auf dem Tische der duftende

Fliederbusch. Heinrich Korn hatte ihn eine reichliche halbe Stunde

nach der Abmachung mit dem Ender vom Tische genommen, war merkwürdig

still gewesen, hatte zum Abschied wieder auf den Tisch geklopft und war

langsam die Dorfstraße hinaufgegangen. Er fand sein Weib schlafend,

legte sich nieder, grübelte eine kurze Weile, ahnte eine folgenschwere

Übereilung, schämte sich, irgendwoher läutete ein Glöcklein: Armes

Mariele! Da lächelte der Bauer wieder. Und ging es um die, war das

Fernliegendste, Unwahrscheinlichste Wahrheit und Wirklichkeit, dann

-- war er immer noch Manns genug, einen Weg zu finden. So schlief er,

leidlich beruhigt, ein. --

Philipp Engel war entschlossen, das Strohlager, das ihm Albert Rösner

bereitet, nicht aufzusuchen. Er wollte seines Weges weitergehen.

Als er aber auf den Bodenweg heraustrat, saß da unter einem wilden

Rosenstrauch ein junger Mensch, hatte die Ellenbogen auf die Knie

gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Da kam Lipp nicht

vorüber.

Er rührte sacht an Lehrer Sieberts Schulter: »Komm! Du hättest schlafen

sollen. Was treibst du dich da in der Nacht herum, du Kind? Meinst du,

du könntest nicht fertig werden mit dir? Hat sie dir Treue versprochen

und lügt sie nun? Was hast du ihr in die Hand gegeben? Nichts. Sie hat

ja nichts von dir gefordert. Geh, du Schwächling, den die Not kaum

anrührt. Bis heute hat sie dich nur gestreichelt und schon das tut dir

weh? Wie willst du denn fertig werden, wenn sie wirklich die Geißel

schwingt?« Und milder, väterlich: »Komm, mein Bub. Ich könnte gut dein

Vater sein. Komm, du mußt heim.«

Er schob seinen Arm unter den des Lehrers. Sie gingen die Dorfstraße

hinauf.

An der Kirche stand Siebert still. »Ich habe die Schlüssel noch in der

Tasche. -- Komm, tu mir die Liebe.«

Durch das dunkle Kirchenschiff geisterte der Mond. Lehrer Siebert trat

die Bälge, und Philipp Engel spielte. Der und jener der Schönbacher

Bauern wachte auf. »Mein Gott, da spielt doch jemand Orgel. Mitten in

der Nacht!«

Des Fragers Weib aber drehte sich knurrend auf die andere Seite.

»Schlaf! Du weißt doch, daß der verbummelte Orgelstimmer im Dorfe ist.«

Die Frühsonne schielte hinter gelben Wolken hervor, da trennten sich

zwei an der Kirchentür, deren einer sich einen Schüler gewonnen hatte,

der die ersten Zeilen in des Lebens krauser Notenschrift lesen gelernt

hatte.

Hand in Hand standen sie. Da sagte der Landfahrer sinnend: »Wie fing

es doch an? Ach ja: Die Linde rauscht, es scheint der Mond. -- Leb

wohl, ich muß weiter.«

»Wohin gehst du? Ich möchte dich immer zu finden wissen.«

Philipp Engel lachte wehmütig. »Du brauchst mich nicht zu suchen. Ich

bin immer bei dir. Was du von mir haben mußt, kannst du jede Stunde

haben. Das andere? Was willst du mit einem Scherbenhaufen?«

Die Fiedel unter dem Arm, schritt er das Dorf hinauf, und über ihm

summte leise die große Glocke.

3.

Der Sonntagmorgen war schwül. Die paar Blumen, die im Garten des

Hohlofenhofes standen, ließen die Köpfe hängen. Heinrich Korn selber

lag es schwer in den Gliedern.

»Mir ist heute, als hätte ich gestern abend zu viel getrunken,« sprach

er zu seinem Weibe.

Der Hohlofenbauer · 第 8 / 53 题