Heger sah ihn fragend an. »Ist da auch kein Feuerwerk drin?«

Jetzt lachte der Hohlöfner schallend auf. »Ihr traut mir wohl nit über

den Weg?«

»Das nit, aber -- -- --«

»Zünd an, es ist kein Feuerwerk drin. Und heute nachmittag will ich den

Hammel gewinnen.«

»Ist das dein Ernst?«

»Mein heiliger. Soll euer Schade nit sein. Aber halt das Maul!«

Der Bursche zwinkerte schelmisch. »Weiß schon. Muß alles in der Ordnung

zugehen. -- Guten Morgen.«

»Morgen.«

Der Hohlofenbauer ging in seinen Stall. Wohl lag noch immer eine

harmlose Fröhlichkeit auf seinem Gesicht, aber hier war er der Bauer

und der Herr, prüfte scharfen Auges jedes einzelne Stück Vieh,

prüfte Raufen und Streu, rief die Kleinmagd, dem Kalb besseres Heu

aufzustecken, und ging dann in die Stube.

Während des Essens, das die Herrenleute nur an den Sonntagen allein

in der großen Stube einnahmen, indes sie an den Wochentagen inmitten

des Gesindes in der Küche aßen, fiel kein Wort über das Fest. Heinrich

Korn erkundigte sich bei dem Sohne, ob die Wässerung auf der Bodenwiese

abgestellt sei, ob Kantor Ritters Kartoffeln gegrast seien und wie die

Rüben auf dem großen Stück stünden.

Nur als sie fertig waren und Rudolf sich zum Gehen anschickte, die

kurze Bemerkung: »Es wäre gar nit übel, wenn ich den Hammel gewinnen

tät. Ich habe ihn gestern gesehen. Er ist ein statiöser Kerl.«

»Vielleicht hast du Glück, Vater,« kam die Antwort. »Nun will ich

gehen. Macht's gut.«

»Du auch.«

Rudolf Korn ging die Straße hinab auf Albert Rösners Wirtshaus zu.

Da versammelten sich Burschen und Mädel zum Umzuge. Wie schmuck

die Mädel heute aussahen! Die einzige, die wieder ihr Kirmeskleid

angezogen hatte, indes alle anderen neue Kleider trugen, war das

Berteles-Mariele. Die konnte sich das leisten. Niemand verzog deshalb

den Mund oder sah sie geringschätzig über die Achsel an. Wie des

Mädchens ganze Gestalt in Licht getaucht war! Golden fluteten die

blonden Zöpfe, die blauen Augen lachten, und das schmale Gesicht

war rot überhaucht. Marie Berteles hatte sich einen Kranz aus

Vergißmeinnicht auf den Scheitel gesetzt. So war sie des Festes Königin.

Auf den Stufen von Albert Rösners Wirtshaus standen die Musikanten

und prüften ihre Instrumente. Sie waren alle da, die wackeren Bläser,

die seit zwanzig Jahren die dörflichen Feste mitfeierten, und -- sie

bliesen dieselben Weisen wie vor zwanzig Jahren.

Zwischen ihnen stand, auch seit Jahrzehnten eine gewohnte Gestalt,

der Gänseaugust von Schmure. Kein Hammelschießen in Schönbach ohne

den Gänseaugust. Er war schwachsinnig, aber doch nicht derart, daß

er je um eine schlagfertige Antwort verlegen gewesen wäre. Derbe

Scherze gewohnt, durfte er sich derbe Antworten erlauben, ohne daß

ihm einer darum gezürnt hätte. Sein Amt war, in Schmure die Gänse zu

hüten. Daneben war er der Helfer in allen Dingen, und sein besonderer

Stolz war die speckige Militärmütze, die ihm irgendwie aus einer

Erbschaft zugestorben war. August ging barfuß, einerlei, ob er seine

schnatternde Herde auf den Gänseanger trieb oder beim Hammelschießen

im Umzug marschierte. Meist lächelnd, machte er doch bei feierlichen

Gelegenheiten auch ein feierliches Gesicht. Dann gingen seine

wasserblauen Augen hilflos von einem zum andern. Heute nun wußte er,

daß er neben dem Hammel die Hauptperson war. Krampfhaft umklammerte er

den bändergeschmückten Kegel, den er im Zuge, unmittelbar hinter dem

Gehörnten, zu tragen hatte.

Auch die preußische Friederike war da. Sie war die Zuckerfrau, ohne

die ein Fest so wenig zu denken war, wie ein Hammelschießen ohne den

Gänseaugust. Grauhaarig, mit zerknittertem Gesicht, stand sie hinter

ihren Auslagen und stemmte die Arme in die Seiten. Noch ruhte das

Geschäft. Der Hochbetrieb begann erst am Abend, wenn die Burschen ihren

Mädeln Zuckertüten und Schokoladetafeln kauften. Sie war eine wackere

Frau, die alte Häuslerin aus dem Nachbardorfe. Eine einzige Tochter

hatte sie gehabt, und die war an einen Lüderjahn verheiratet gewesen.

Nun war sie gestorben, und die Großmutter sorgte für die drei Kinder,

deren Vater sich in der Welt herumtrieb.

So standen sie denn alle vor dem Wirtshause. Die Hauptsache fehlte

noch, der Hammel.

Da knarrte jenseits des Dorfteiches das Tor von Eduard Langers Hofe,

die Musik blies einen Tusch, Gänseaugust präsentierte den Kegel, die

Burschen brachten den Hammel. Hei, was war er für ein Kerl! Beinahe so

breit wie lang, schritt er stolz auf seinen zierlichen Beinen einher,

blickte mit blitzenden Augen hinüber und herüber, warf den Kopf zurück

und wollte anfangen zu galoppieren. Die Burschen aber hielten fest.

Marie Berteles und Lina Franke knüpften bunte Tücher in die Haltekette

des Tieres und breiteten sie auf dem Rücken aus. Adolf Heger, der

eigentliche Führer des Hammels, wickelte sich den Leitstrick fest um

die Hand; die Mädchen, das Tier nur scheinbar führend, ergriffen die

Enden der langen, bunten Seidenbänder, die an den Hörnern befestigt

waren. Gikgak, der Gänseaugust, pflanzte sich vor dem Hammel auf, die

Musik setzte sich an die Spitze, und: Hm ta ta und schnetterengteng,

ging's los im fröhlichen Zuge, hinab durch das Dorf, durch alle

Gassen, die Seitenstraße hinauf, am Hause Richard Matters, den sie den

Kickeriki nannten, vorüber, im Bogen um die breitästige Friedenseiche,

zurück vor das Wirtshaus. Und vor allen Türen standen behaglich

lächelnde Menschen. Greise und Greisinnen hatten sich Stühle an die

Straße stellen lassen, lächelten mit eingefallenen Lippen, nickten

Enkel oder Enkelin, die im Zuge schritten, freundlich zu und gedachten

der Zeit, da sie selber mitmarschiert waren und juhu geschrien hatten.

Kantor Ritter stand mit dem zweiten Lehrer im Schulgarten, rauchte

seine halblange Pfeife und sagte zu dem jüngeren Kollegen: »Schade.«

»Was ist schade?« fragte Lehrer Siebert.

»Schade, daß das Mädel ausgerechnet aus einem der ärmsten Häuser

stammen muß.«

»Sie meinen Fräulein Berteles?«

»Ach was, Fräulein! Auf dem Dorfe gibt's keine Fräuleins. Das Mariele

mein ich.«

Da gingen dem »kleinen Lehrer« die Lippen über. Er verriet, was er sich

selber nur in der stillen Kammer gestand. Die allein wußte um eine

schmerzvolle Liebe, hinter der die ganz große Stille drohend aufragte.

Erhielt eine schwärmerische Lobrede. Edle Gestalt, verkörperte

Schönheit, die ihre eigenen Gesetze habe, goldenes Gemüt, ungemünzter

Reichtum, bis ihm Kantor Ritter, halb lächelnd, halb ernst, die Hand

auf den Arm legte: »Langsam, Herr Kollege. Es stimmt Wort für Wort,

was Sie sagen, aber gehen Sie mal den Gedanken lieber nicht weiter

nach. Es könnte gefährlich werden. Das Mariele paßt nur aufs Dorf,

paßt nur nach Schönbach und paßt zu dem, der sie sich ausgesucht.«

Er seufzte leise. »Aber leicht wird es nicht werden, ein solcher

Prachtmensch der Alte auch sonst ist.«

»Sie meinen -- -- --«

»Gar nix meine ich. Abwarten. Aber das weiß ich: Wenn's so weit ist,

bauen wir ihnen eine doppelte Ehrenpforte. Und nun scheren Sie sich

mal unter das Jungvolk, zu dem Sie gehören. Wir müssen mitmachen, aber

Sie sollen sich nicht gemein machen. Ja nicht etwa nachts um zwölf

Brüderschaft trinken. Ich bin fünfunddreißig Jahre hier, die meisten

Männer sind mir gut Freund, und ich achte sie alle, aber -- -- -- Viel

Vergnügen, Herr Kollege!« Er sah dem Davongehenden traurig nach. Armer

Mensch! Hast ein bös Erbteil von deinen Eltern und nun auch noch die

Herzensnot!

Eben ging draußen der Hohlöfner vorüber, sich in den Hüften wiegend,

den dichten Schnurrbart hoch gewirbelt, der ganze Mann verkörperte

Kraft und Freude.

»Tag, Korn,« grüßte Kantor Ritter. »Auch mitschießen?«

»Wär doch das erstemal, daß ich nit dabei wäre. Ich will sogar den

Hammel gewinnen.«

»Kann ich mir denken. Nehmen Sie doch mal den jungen Kollegen mit.«

»Gern.«

Die beiden gingen das Dorf hinab, und der Hohlöfner unterrichtete

unterwegs den jungen Lehrer, wie er die Kugel werfen müsse. Die Kugel

fest in der Hand halten, das Gelenk drehen, acht Schritte zurückgehen,

drei vorspringen, im Bogen werfen. Im Bogen müssen die Kugeln kommen.

Und lustig neckend: »Wer den Hammel gewinnt, hat drei Tänze mit dem

Berteles-Mariele. Wäre das nix?«

»Ja, das wäre schon etwas.«

»Gelt? Ja, das Mariele! Aber die lassen wir nit aus dem Dorfe.«

»Das kommt doch schließlich auf sie selber an.«

»Freilich. Also bleiben Sie da.«

»Ich? -- Ich denke -- -- --«

»Was denn? Sie werden sich doch nit vor einem andern fürchten?«

»Sehe ich denn gar so furchtsam aus?«

»Das nit, aber -- -- --« Und ernster: »Sie kennen doch dem Mariele

seine Mutter?«

»Ich frage nicht nach dem, was das Mädchen hat.«

»Ist recht, das gefällt mir. -- So, da sind wir. -- Tag, Gikgak!«

Gänseaugust, den Hohlöfner erkennend, belferte: »Selber Gikgak! Ich

nit!«

Der Hohlofenbauer · 第 7 / 53 题