Wenn ich mich nun so, in der Erinnerung, den Rhein hinunter schwimmen
sehe, wüsst' ich nicht genau zu sagen, was in mir vorging. Der
Anblick eines friedlichen Wasserspiegels, das Gefühl der bequemen
Fahrt auf demselben ließ mich nach der kurz vergangenen Zeit
zurückschauen wie auf einen bösen Traum, von dem ich mich soeben
erwacht fände; ich überließ mich den heitersten Hoffnungen eines
nächsten gemütlichen Zusammenseins.
Nun aber, wenn ich mitzuteilen fortfahren soll, muss ich eine andere
Behandlung wählen, als dem bisherigen Vortrag wohl geziemte: denn wo
Tag für Tag das Bedeutendste vor unsern Augen vorgeht, wenn wir mit
so viel Tausenden leiden und fürchten und nur furchtsam hoffen, dann
hat die Gegenwart ihren entschiedenen Wert und, Schritt vor Schritt
vorgetragen, erneut sie das Vergangene, indem sie auf die Zukunft
hindeutet.
Was aber in geselligen Zirkeln sich ereignet, kann nur aus einer
sittlichen Folge der Äußerungen innerlicher Zustände begriffen
werden: die Reflexion ist hier an ihrer Stelle, der Augenblick
spricht nicht für sich selbst, Andenken an das Vergangene, spätere
Betrachtungen müssen ihn dolmetschen.
Wie ich überhaupt ziemlich unbewusst lebte und mich vom Tag zum Tage
führen ließ, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht übel
befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nächst zu
erwartende Person noch eine irgend zu betretende Stelle voraus zu
denken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu
lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist groß: man braucht von
einer vorgefassten Idee nicht wieder zurückzukommen, nicht ein
selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulöschen und mit
Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen; der Nachteil
dagegen mag wohl hervortreten, dass wir mit Unbewusstsein in
wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden
ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreif zu finden wissen.
In eben dem Sinn war ich auch niemals aufmerksam, was meine
persönliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke, da
ich denn oft ganz unerwartet fand, dass ich Neigung oder Abneigung
und sogar oft beides zugleich erregte.
Wollte man nun auch dieses Betragen als eine individuelle Eigenheit
weder loben noch tadeln, so muss doch bemerkt werden, dass sie im
gegenwärtigen Fall gar wunderliche Phänomene, und nicht immer die
erfreulichsten, hervorbrachte.
Ich war mit jenen Freunden seit vielen Jahren nicht zusammengekommen;
sie hatten sich getreu an ihrem Lebensgang gehalten, dagegen mir das
wunderbare Los beschieden war, durch manche Stufen der Prüfung, des
Tuns und Duldens durchzugehen, so dass ich, in eben der Person
beharrend, ein ganz anderer Mensch geworden, meinen alten Freunden
fast unkenntlich auftrat.
Es würde schwer halten, auch in späteren Jahren, wo eine freiere
Übersicht des Lebens gewonnen ist, sich genaue Rechenschaft von jenen
Übergängen abzulegen, die bald als Vorschritt, bald als Rückschritt
erscheinen und doch alle dem Gott geführten Menschen zu Nutz und
Frommen gereichen müssen. Ungeachtet solcher Schwierigkeiten aber
will ich, meinen Freunden zuliebe, einige Andeutung versuchen.
Der sittliche Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man
Sehnsucht an ihm gewahr wird: sie drückt Besitz und Wunsch zugleich
aus, den Besitz eines zärtlichen Herzens und den Wunsch, ein gleiches
in andern zu finden; durch jenes zeihen wir an, durch dieses geben
wir uns hin.
Das Sehnsüchtige, das in mir lag, das ich in früheren Jahren
vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben kräftig zu
bekämpfen trachtete, wollte dem Mann nicht mehr ziemen, nicht mehr
genügen, und er suchte deshalb die volle, endliche Befriedigung.
Das Ziel meiner innigsten Sehnsucht, deren Qual mein ganzes Inneres
erfüllte, war Italien, dessen Bild und Gleichnis mir viele Jahre
vergebens vorschwebte, bis ich endlich durch kühnen Entschluss die
wirkliche Gegenwart zu fassen mich erdreistete. In jenes herrliche
Land sind mir meine Freunde gern auch in Gedanken gefolgt, sie haben
mich auf Hin- und Herwegen begleitet; möchten sie nun auch nächstens
den längeren Aufenthalt daselbst mit Neigung teilen und von dort mich
wieder zurück begleiten, da sich alsdann manches Problem fasslicher
auflösen wird.
In Italien fühlt' ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen
entrissen, falschen Wünschen enthoben, und an die Stelle der
Sehnsucht nach dem Land der Künste setzte sich die Sehnsucht nach der
Kunst selbst: ich war sie gewahr geworden, nun wünscht' ich sie zu
durchdringen.
Das Studium der Kunst, wie das der alten Schriftsteller, gibt uns
einen gewissen Halt, eine Befriedigung in uns selbst: indem sie unser
Inneres mit großen Gegenständen und Gesinnungen füllt, bemächtigt sie
sich aller Wünsche, die nach außen strebten, hegt aber jedes würdige
Verlangen im stillen Busen; das Bedürfnis der Mitteilung wird immer
geringer, und wie Malern, Bildhauern, Baumeistern, so geht es auch
dem Liebhaber: er arbeitet einsam, für Genüsse, die er mit andern zu
teilen kaum in den Fall kommt.
Aber zu gleicher Zeit sollte mich noch eine Ableitung der Welt
entfremden, und zwar die entschiedenste Wendung gegen die Natur, zu
der ich aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt
worden. Hier fand ich weder Meister noch Gesellen und musste selbst
für alles stehen. In der Einsamkeit der Wälder und Gärten, in den
Finsternissen der dunklen Kammer wär' ich ganz einzeln geblieben,
hätte mich nicht en glückliches, häusliches Verhältnis in dieser
wunderlichen Epoche lieblich zu erquicken gewusst. Die "Römischen
Elegien," die "Venezianischen Epigramme" fallen in diese Zeit.
Nun aber sollte mir auch ein Vorgeschmack kriegerischer
Unternehmungen werden: denn, der schlesischen, durch den
Reichenbacher Kongress geschlichteten Kampagne beizuwohnen beordert,
hatte ich mich in einem bedeutenden Land durch manche Erfahrung
aufgeklärt und erhoben gesehen und zugleich durch anmutige
Zerstreuung hin- und hergaukeln lassen, indessen das Unheil der
französischen Staats-Umwälzung, sich immer weiter verbreitend,
jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf
die Oberfläche der europäischen Welt zurückforderte und ihm die
grausamsten Wirklichkeiten aufdrang. Rief mich nun gar die Pflicht,
meinen Fürsten und Herrn erst in die bedenklichen, bald aber
traurigen Ereignisse des Tags abermals hinein zu begleiten und das
Unerfreuliche, das ich nur gemäßigt meinen Lesern mitzuteilen gewagt,
männlich zu erdulden, so hätte alles, was noch Zartes und Herzliches
sich ins Innerste zurückgezogen hatte, auslöschen und verschwinden
mögen.
Fasse man dies alles zusammen, so wird der Zustand, wie er
nachstehend skizzenhaft verzeichnet ist, nicht ganz rätselhaft
erscheinen; welches ich umso mehr wünschen muss, da ich ungern dem
Trieb widerstehe, diese vor vielen Jahren flüchtig verfassten Blätter
nach gegenwärtiger Einsicht und Überzeugung umzuschreiben.
Pempelfort, November 1792.
Es war schon finster, als ich in Düsseldorf landete und mich
daher mit Laternen nach Pempelfort bringen ließ, wo ich nach
augenblicklicher Überraschung die freundlichste Aufnahme fand;
vielfaches Hin- und Hersprechen, wie ein solches wieder Sehen
aufregt, nahm einen Teil der Nacht hinweg.
Den nächsten Tag war ich durch Fragen, Antworten und Erzählen
bald eingewohnt: der unglückliche Feldzug gab leider genugsame
Unterhaltung, niemand hatte sich den Ausgang so traurig gedacht.
Aber auch aussprechen konnte niemand die tiefe Wirkung eines beinahe
vierwöchentlichen furchtbaren Schweigens, die sich immer steigernde
Ungewissheit bei dem Mangel aller Nachrichten. Eben als wäre das
alliierte Heer von der Erde verschlungen worden, so wenig verlautete
von demselben; jedermann, in eine grässliche Leere hineinblickend,
war von Furcht und Ängsten gepeinigt, und nun erwartete man mit
Entsetzen die Kriegsläufe schon wieder in den Niederlanden, man sah
das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht.
Von solchen Betrachtungen zerstreuten uns moralische und literarische
Verhandlungen, wobei mein Realismus, zum Vorschein kommend, die
Freunde nicht sonderlich erbaute.
Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen
zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben
Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bund dienend,
durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und
Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eigenen Zustandes. Man
verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte
mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um
zu bemerken, dass niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine
wandernde Familie in irgendeinem Hafen und mein weiteres Manuskript
auf sich selbst beruhen.
Meine Freunde jedoch, die sich in so veränderte Gesinnung nicht
gleich ergeben wollten, versuchten mancherlei, um frühere Gefühle
durch ältere Arbeiten wieder hervorzurufen, und gaben mir "Iphigenie"
zur abendlichen Vorlesung in die Hand; das wollte mir aber gar nicht
munden, dem zarten Sinn fühlt' ich mich entfremdet; auch von andern
vorgetragen, war mir ein solcher Anklang lästig. Indem aber das Stück
gar blad zurückgelegt ward, schien es, als wenn man mich durch einen
höheren Grad von Folter zu prüfen gedenke. Man brachte "Ödipus auf
Kolonos," dessen erhabene Heiligkeit meinem gegen Kunst, Natur und
Welt gewendeten, durch eine schreckliche Kampagne verhärteten Sinn
ganz unerträglich schien; nicht hundert Zeilen hielt ich aus. Da
ergab man sich denn wohl in die Gesinnung des veränderten Freundes:
fehlte es doch nicht an so mancherlei Anhaltepunkten des Gesprächs.
Aus den früheren Zeiten deutscher Literatur ward manches einzelne
erfreulich hervorgerufen, niemals aber drang die Unterhaltung in
einen tieferen Zusammenhang, weil man Merkmale ungleicher Gesinnung
vermeiden wollte.
Soll ich irgendetwas Allgemeines hier einschalten, so war es schon
seit zwanzig Jahren wirklich eine merkwürdige Zeit, wo bedeutende
Existenzen zusammentrafen und Menschen von einer Seite sich
aneinander schlossen, obgleich von der andern höchst verschieden:
jeder brachte einen hohen Begriff von sich selbst zur Gesellschaft,
und man ließ sich eine wechselseitige Verehrung und Schonung gern
gefallen.
Das Talent befestigte seinen erworbenen Besitz einer allgemeinen
Achtung, durch gesellige Verbindungen wusste man sich zu hegen und zu
fördern, die errungenen Vorteile wurden nicht mehr durch einzelne,
sondern durch die übereinstimmende Mehrheit erhalten. Dass hierbei
eine Art Absichtlichkeit durchwalten musste, lag in der Sache; so
gut wie andere Weltkinder verstanden sie, eine gewisse Kunst in
ihre Verhältnisse zu legen: man verzieh sich die Eigenheiten, eine
Empfindlichkeit heilt der andern die Wage, und die wechselseitigen
Missverständnisse blieben lange verborgen.
Zwischen diesem allen hatte ich einen wunderlichen Stand: mein
Talent gab mir einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft, aber
meine heftige Leidenschaft für das, was ich als wahr und naturgemäß
erkannte, erlaubte sich manche gehässige Ungezogenheit gegen
irgendein scheinbar falsches Streben; weswegen ich mich auch mit den
Gliedern jenes Kreises zu Zeiten überwarf, ganz oder halb versöhnte,
immer aber im Dünkel des Rechthabens auf meinem Weg fortging. Dabei
behielt ich etwas von der Ingenuität des Voltaireschen Huronen noch
im späteren Alter, so dass ich zugleich unerträglich und
liebenswürdig sein konnte.
Ein Feld jedoch, in welchem man sich mit mehr Freiheit und
Übereinstimmung erging, war die westliche, um nicht zu sagen
französische Literatur. Jacobi, indem er seinen eigenen Weg wandelte,
nahm doch Kenntnis von allem Bedeutenden, und die Nachbarschaft der
Niederlande trug viel dazu bei, ihn nicht allein literarisch,
sondern auch persönlich in jenen Kreis zu ziehen. Er war ein sehr
wohlgestalteter Mann, von den vorteilhaftesten Gesichtszügen, von
einem zwar gemessenen, aber doch höchst gefälligen Betragen,
bestimmt, in jedem gebildeten Kreis zu glänzen.
Wundersam war jene Zeit, die man sich kaum wieder vergegenwärtigen
könnte. Voltaire hatte wirklich die alten Bande der Menschheit
aufgelöst; daher entstand in guten Köpfen eine Zweifelsucht an dem,
was man sonst für würdig gehalten hatte. Wenn der Philosoph von
Ferney seine ganze Bemühung dahin richtete, den Einfluss der
Geistlichkeit zu midnern und zu schwächen, und hauptsächlich Europa
im Auge behielt, so erstreckte de Pauw seinen Eroberungsgeist über
fernere Weltteile; er wollte weder Chinesen noch Ägyptern die Ehre
gönnen, die ein vieljähriges Vorurteil auf sie gehäuft hatte. Als
Kanonikus von Xanten Nachbar von Düsseldorf, unterhielt er ein
freundschaftliches Verhältnis mit Jacobi. Und wie mancher andere
wäre nicht hier zu nennen!
Und so wollen wir doch noch Hemsterhuis einführen, welcher, der
Fürstin Gallitzin ergeben, in dem benachbarten Münster viel
verweilte. Dieser ging nun von seiner Seite mit Geistesverwandten auf
zartere Beruhigung, auf ideelle Befriedigung aus und neigte sich, mit
platonischen Gesinnungen, der Religion zu.
Bei diesen fragmentarischen Erinnerungen muss ich auch noch Diderots
gedenken, des heftigen Dialektikers, der sich auch eine Zeitlang in
Pempelfort als Gast sehr wohl gefiel und mit großer Freimütigkeit
seine Paradoxen behauptete.
Auch waren Rousseaus und Naturzustände gerichtete Aussichten diesem
Kreis nicht fremd, welcher nichts ausschloss, also auch mich nicht,
ob er mich gleich eigentlich nur duldete.
Denn wie die äußere Literatur auf mich in jüngeren Jahren gewirkt,
ist an mehreren Orten schon angedeutet. Fremdes konnt' ich wohl in
meinem Nutzen verwenden, aber nicht aufnehmen; deshalb ich mich denn
über das Fremde mit andern ebenso wenig zu verständigen vermochte.
Ebenso wunderlich sah es mit der Produktion aus: diese heilt immer
gleichen Schritt mit meinem Lebensgang, und da dieser selbst für
meine nächsten Freunde meist ein Geheimnis blieb, so wusste man
selten mit einem meiner neuen Produkte sich zu befreunden, weil man
denn doch etwas Ähnliches zu dem schon Bekannten erwartete.
War ich nun schon mit meinen sieben Brüdern übel angekommen, weil sie
Schwester Iphigenie nicht im mindesten glichen, so merkt' ich wohl,
dass ich die Freunde durch meinen Groß-Cophta, der längst gedruckt
war, sogar verletzt hatte; es war die Rede nicht davon, und ich
hütete mich, sie darauf zu bringen. Indessen wird man mir gestehen,
dass ein Autor, der in der Lage ist, seine neuesten Werke nicht
vortragen oder darüber reden zu dürfen, sich so peinlich fühlen muss
wie ein Komponist, der seine neusten Melodien zu wiederholen sich
gehindert fühlte.
Mit meinen Naturbetrachtungen wollte es mir kaum besser glücken: die
ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschäft nachhing, konnte
niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten
entsprang; sie hielten dieses löbliche Bestreben für einen
grillenhaften Irrtum, ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun
und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben. Sie glaubten
sich hierzu um desto mehr berechtigt, als meine Denkweise sich an die
ihrige nicht anschloss, vielmehr in den meisten Punkten gerade das
Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isolierteren Menschen
denken, als ich damals war und lange Zeit blieb. Der Hylozoismus,
oder wie man es nennen will, dem ich anhing und dessen tiefen Grund
ich in seiner Würde und Heiligkeit unberührt ließ, machte mich
unempfänglich, ja unleidsam gegen jene Denkweise, die eine
tote, auf welche Art es auch sei, auf- und angeregte Materie
als Glaubensbekenntnis aufstellte. Ich hatte mir aus Kants
Naturwissenschaft nicht entgehen lassen, dass Anziehungs- und
Zurückstoßungskraft zum Wesen der Materie getrennt werden könne;
daraus ging mir die Urpolarität aller Wesen getrennt werden könne;
daraus ging mir die Urpolarität der Erscheinungen durchdringt und
belebt.
Schon bei dem früheren Besuch der Fürstin Gallitzin mit Fürstenberg
und Hemsterhuis in Weimar hatte ich dergleichen vorgebracht, ward
aber, als wie mit gotteslästerlichen Reden, beiseite und zur Ruhe
gewiesen.
Man kann es keinem Kreis verdenken, wenn er sich ins ich selbst
abschließt, und das taten meine Freunde zu Pempelfort redlich. Von
der schon ein Jahr gedruckten "Metamorphose der Pflanzen" hatten sie
wenig Kenntnis genommen, und wenn ich meine morphologischen Gedanken,
so geläufig sie mir auch waren, in bester Ordnung und, wie es mir
schien, bis zur kräftigsten Überzeugung vortrug, so musste ich doch
leider bemerken, dass die starre Vorstellungsart, nichts könne
werden, als was schon sei, sich aller Geister bemächtigt habe. In
Gefolg dessen musst' ich denn auch wieder hören, dass alles Lebendige
aus dem Ei komme, worauf ich denn mit bitterem Scherz die alte Frage
hervorhob: ob denn die Henne oder das Ei zuerst gewesen? Die
Einschachtelungslehre schien so plausibel und, die Natur mit Bonnet
zu kontemplieren, höchst erbaulich.
Von meinen "Beiträgen zur Optik" hatte auch etwas verlautet, und ich
ließ mich nicht lange bitten, die Gesellschaft mit einigen Phänomenen
und Versuchen zu unterhalten, wo mir denn ganz Neues vorzubringen
nicht schwer fiel: denn alle Personen, so gebildet sie auch waren,
hatten das gespaltene Licht eingelernt und wollten leider das
lebendige, woran sie sich erfreuten, auf jene tote Hypothese
zurückgeführt wissen.
Doch ließ ich mir dergleichen eine Zeitlang gern gefallen, denn ich
heilt niemals einen Vortrag, ohne dass ich dabei gewonnen hätte;
gewöhnlich gingen mir unterm Sprechen neue Lichter auf, und ich
erfand im Fluss der Rede am gewissesten.
Freilich konnte ich auf diese Weise nur didaktisch und dogmatisch
verfahren, eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war
mir nicht verliehen. Oft aber trat auch eine böse Gewohnheit hervor,
deren ich mich anklagen muss: da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich
geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte,
individuelle Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den
unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch
gewaltsame Paradoxe aufzuregen und ans Äußerste zu führen. Dadurch
war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als einem Sinn
verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, musst' ich das
böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch nicht
gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen: als Ernst
konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als
Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen
umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch
kann ich nicht leugnen, dass ich durch diese böse Manier mir manche
Person entfremdet, andere zu Feinden gemacht habe.
Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen
Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing. Auch
dahin war ich unvorbereitet, unvorsichtig gegangen; Abenteuer fehlten
keineswegs, das Land selbst, seine Anmut und Herrlichkeit hatte
ich mir völlig eingeprägt, mir war Gestalt, Farbe, Haltung jener
vom günstigsten Himmel umschienen Landschaft noch unmittelbar
gegenwärtig. Die schwachen Versuche eigenen Nachbildens hatten das
Gedächtnis geschärft, ich konnte beschreiben, als wenn ich's vor mir
sähe: von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war
jedermann von den lebhaft vorbei geführten Bilderzügen zufrieden,
manchmal entzückt.
Wünschenswert wäre nunmehr, dass man, um die Anmut des Pempelforter
Aufenthalts vollkommen darzustellen, auch die Örtlichkeit, worin dies
alles vorging, klar vergegenwärtigen könnte. Ein freistehendes
geräumiges Haus, in der Nachbarschaft von weitläufigen wohl
gehaltenen Gärten, im Sommer ein Paradies, auch im Winter höchst
erfreulich. Jeder Sonnenblick war in reinlicher, freier Umgebung
genossen; abends oder bei ungünstigem Wetter zog man sich gern in die
schönen großen Zimmer zurück, die, behaglich, ohne Prunk
ausgestattet, eine würdige Szene jeder geistreichen Unterhaltung
darboten. Ein großes Speisezimmer, zahlreicher Familie und nie
fehlenden Gästen geräumig heiter und bequem, lud an eine lange Tafel,
wo es nicht an wünschenswerten Speisen fehlte. Hier fand man sich
zusammen, der Hauswirt immer munter und aufregend, die Schwestern
wohlwollend und einsichtig, der Sohn ernst und hoffnungsvoll, die
Tochter wohl gebildet, tüchtig, treuherzig und liebenswürdig, an die
leider schon vorübergegangene Mutter und an die früheren Tage
erinnernd, die man vor zwanzig Jahren in Frankfurt mit ihr zugebracht
hatte. Heinse, mit zur Familie gehörig, verstand, Scherze jeder Art
zu erwidern, es gab Abende, wo man nicht aus dem Lachen kam.
Die wenigen einsamen Stunden, die mir in diesem gastfreisten aller
Häuser übrig blieben, wendete ich im Stillen an eine wunderliche
Arbeit. Ich hatte während der Kampagne neben dem Tagebuch poetische
Tagesbefehle, satirische Ordres du jour aufgezeichnet; nun wollte ich
sie durchsehen und redigieren, allein ich bemerkte bald, dass ich,
mit kurzsichtigem Dünkel, manches falsch gesehen und unrichtig
beurteilt habe, und da man gegen nichts strenger ist als gegen erst
abgelegte Irrtümer, es auch bedenklich schien, dergleichen Papiere
irgendeinem Zufall auszusetzen, so vernichtete ich das ganze Heft in
einem lebhaften Steinkohlenfeuer; worüber ich mich nun insofern
betrübe, als es mir jetzt viel wert zur Einsicht in den Gang der
Vorfälle und die Folge meiner Gedanken darüber sein würde.
In dem nicht weit entfernten Düsseldorf wurden fleißige Besuche
gemacht bei Freunden, die zu dem Pempelforter Zirkel gehörten; auf
der Galerie war die gewöhnliche Zusammenkunft. Dort ließ sich eine
entschiedene Neigung für die italienische Schule spüren, man zeigte
sich höchst ungerecht gegen die niederländische; freilich war der
hohe Sinn der ersten anziehend, edle Gemüter hinreißend. Einst hatten
wir uns lange in dem Saal des Rubens und der vorzüglichsten
Niederländer aufgehalten; als wir heraustraten, hing die Himmelfahrt
von Guido gerade gegenüber. Da rief einer begeistert aus: "Ist
es einem nicht zumute, als wenn man aus einer Schenke in gute
Gesellschaft käme!" An meinem Teil konnt' ich mir gefallen lassen,
dass die Meister, die mich noch vor kurzem über den Alpen entzückt,
sich so herrlich zeigten und leidenschaftliche Bewunderung erweckten;
doch sucht' ich mich auch mit den Niederländern bekannt zu machen,
deren Tugenden und Vorzüge im höchsten Grade sich hier den Augen
darstellten: ich fand mir Gewinn für ganze Leben.
Was mir aber noch mehr auffiel, war, dass ein gewisser Freiheitssinn,
ein Streben nach Demokratie sich in die hohen Stände verbreitet
hatte; man schien nicht zu fühlen, was alles erst zu verlieren sei,
um zu irgendeiner Art zweideutigen Gewinnes zu gelangen. Lafayettes
und Mirabeaus Büste, von Houdon sehr natürlich und ähnlich gebildet,
sah ich hier göttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und
bürgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So
seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren
selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Männer reden hören,
handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur
Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die
Sorge für das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte.
Die Not schien dringend: Emigrierte füllten Düsseldorf, selbst die
Brüder des Königs kamen an. Man eilte, sie zu sehen; ich traf sie
auf der Galerie und erinnerte mich dabei, wie sie durchnässt bei
dem Auszug aus Glorieux gesehen worden. Herr von Grimm und Frau
von Bueil erschienen gleichfalls. Bei Überfüllung der Stadt hatte
sie ein Apotheker aufgenommen: das Naturalienkabinett diente zum
Schlafzimmer, Affen, Papageien und andres Getier belauschten den
Morgenschlaf der liebenswürdigsten Dame, Muscheln und Korallen
hinderten die Toilette, sich gehörig auszubreiten. Und so war das
Einquartierungsübel, das wir kaum erst nach Frankreich gebracht
hatten, wieder zu uns herübergeführt.
Frau von Coudenhoven, eine schöne, geistreiche Dame, sonst die Zierde
des Mainzer Hofes, hatte sich auch hierher geflüchtet. Herr und Frau
von Dohm kamen von deutscher Seite heran, um von den Zuständen nähere
Kenntnis zu nehmen.
Frankfurt war noch von den Franzosen besetzt, die Kriegsbewegungen
hatten sich zwischen die Lahn und das Taunusgebirge gezogen; bei
täglich abwechselnden, bald sichern bald unsichern Nachrichten war
das Gespräch lebhaft und geistreich; aber wegen streitenden
Interesses und Meinungen gewährte es nicht immer eine erfreuliche
Unterhaltung. Ich konnte einer so problematischen, durchaus
ungewissen, dem Zufall unterworfenen Sache keinen Ernst abgewinnen
und war mit meinen paradoxen Späßen mitunter aufheiternd, mitunter
lästig.
So erinnerte ich mich, dass an dem Abendtisch der Frankfurter Bürger
mit Ehren gedacht ward: sie sollten sich gegen Custine männlich und
gut betragen haben; ihre Aufführung und Gesinnung, hieß es, steche
gar sehr ab gegen die unerlaubte Weise, wie sich die Mainzer betragen
und noch betrügen. Frau von Coudenhoven, in dem Enthusiasmus, der sie
sehr gut kleidete, rief aus: sie gäbe viel darum, eine Frankfurter
Bürgerin zu sein. Ich erwiderte: das sei etwas Leichtes; ich wisse
ein Mittel, werde es aber als Geheimnis für mich behalten. Da man
nun heftig und ehftiger in mich drang, erklärt' ich zuletzt, die
treffliche Dame dürfe mich nur heiraten, wodurch sie augenblicklich
zur Frankfurter Bürgerin umgeschaffen werde. Allgemeines Gelächter!
Und was kam nicht alles zur Sprache! Als einst von der unglücklichen
Kampagne, besonders von der Kanonade bei Valmy die Rede war,
versicherte Herr von Grimm, es sei von meinem wunderlichen Ritt ins
Kanonenfeuer an des Königs Tafel die Rede gewesen. Wahrscheinlich
hatten die Offiziere, denen ich damals begegnete, davon gesprochen;
das Resultat ging darauf hinaus, dass man sich darüber nicht wundern
müsse, weil gar nicht zu berechnen sei, was man von einem seltsamen
Menschen zu erwarten habe.
Auch ein sehr geschickter, geistreicher Arzt nahm teil an unsern
Halbsaturnalien, und ich dachte nicht in meinem Übermut, dass ich
seiner so bald bedürfen würde. Er lachte daher zu meinem Ärger laut
auf, als er mich im Bett fand, wo ein gewaltiges rheumatisches Übel,
das ich mir durch Verkältung zugezogen, mich beinahe unbeweglich
festhielt. Er, ein Schüler des Geheimrat Hofmann, dessen tüchtige
Wunderlichkeiten von Mainz und dem kurfürstlichen Hof aus bis weit
hinunter den Rhein gewirkt, verfuhr sogleich mit Kampfer, welcher
fast als Universalmedizin galt. Löschpapier, Kreide darauf gerieben,
sodann mit Kampfer bestreut, ward äußerlich, Kampfer gleichfalls, in
kleinen Dosen, innerlich angewandt. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich
war in einigen Tagen hergestellt.
Die Langeweile jedoch des Leidens ließ mich manche Betrachtung
anstellen, die Schwäche, die aus einem bettlägrigen Zustand gar
leicht erfolgt, ließ mich meine Lage bedenklich finden: das
Fortschreiten der Franzosen in den Niederlanden war bedeutend und
durch den Ruf vergrößert, man sprach täglich und stündlich von neu
angekommenen Ausgewanderten.
Mein Aufenthalt im Pempelfort war schon lang genug, und ohne die
herzlichste Gastfreiheit der Familie hätte jeder glauben müssen, dort
lästig zu sein. Auch hatte sich mein Bleiben nur zufällig verlängert:
ich erwartete täglich und stündlich meine böhmische Chaise, die ich
nicht gern zurücklassen wollte; sie war von Trier schon in Koblenz
angekommen und sollte von dort bald weiter herab spediert werden; da
sie jedoch ausblieb, vermehrte sich die Ungeduld, die mich in den
letzten Tagen ergriffen hatte. Jacobi überließ mir einen bequemen,
obgleich an Eisen ziemlich schweren Reisewagen. Alles zog, wie man
hörte, nach Westfalen hinein, und die Brüder des Königs wollten dort
ihren Sitz aufschlagen.
Und so schied ich denn mit dem wunderlichsten Zwiespalt: die Neigung
hielt mich in dem freundlichsten Kreis, der sich soeben auch höchst
beunruhigt fühlte, und ich sollte die edelsten Menschen in Sorgen und
Verwirrung hinter mir lassen, bei schrecklichem Weg und Wetter mich
nun wieder in die wilde, wüste Welt hinauswagen, von dem Strom mit
fortgezogen der unaufhaltsam eilenden Flüchtlinge, selbst mit
Flüchtlingsgefühl.
Und doch hatte ich Aussicht unterwegs auf die angenehmste Einkehr,
indem ich so nahe bei Münster die Fürstin Gallitzin nicht umgehen
durfte.
Duisburg, November.
Und so fand ich mich denn abermals, nach Verlauf von vier Wochen,
zwar viele Meilen weit entfernt von dem Schauplatz unseres ersten
Unheils, doch wieder in derselben Gesellschaft, in demselben Gedränge
der Emigrierten, die nun, jenseits entschieden vertrieben, diesseits
nach Deutschland strömten, ohne Hilfe und ohne Rat.
Zu Mittag in dem Gasthof etwas spät angekommen, saß ich am Ende der
langen Tafel; Wirt und Wirtin, die mir als einem Deutschen den
Widerwillen gegen die Franzosen schon ausgesprochen hatten,
entschuldigten, dass alle guten Plätze von diesen unwillkommenen
Gästen besetzt seien. Hierbei wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz
aller Erniedrigung, Elend und zu befürchtender Armut, noch immer
dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde.
Indem ich nun die Tafel hinaufsah, erblickt' ich ganz oben, quer vor,
an der ersten Stelle einen alten, kleinen, wohlgestalteten Mann von
ruhigem, beinahe nichtigem Betragen. Er musste vornehm sein, denn
zwei Nebensitzende erwiesen ihm die größte Aufmerksamkeit, wählten
die ersten und besten Bissen, ihm vorzulegen, und man hätte beinahe
sagen können, dass sie ihm solche zum Mund führten. Mir bleib nicht
lange verborgen, dass er, vor Alter seiner Sinne kaum mächtig,
als ein bedauernswürdiges Automat den schatten eines früheren
wohlhabenden und ehrenvollen Lebens kümmerlich durch die Welt
schleppe, indessen zwei Ergebene ihm den Traum des vorigen Zustandes
wieder herbeizuspiegeln trachteten.
Ich beschaute mir die übrigen: das bedenklichste Schicksal war auf
allen Stirnen zu lesen, Soldaten, Kommissäre, Abenteurer vielleicht
zu unterscheiden; alle waren still, denn jeder hatte sein eigene Not
zu übertragen, sie sahen ein grenzenloses Elend vor sich.
Etwa in der Hälfte des Mittagmahles kam noch ein hübscher junger Mann
herein, ohne ausgezeichnete Gestalt oder irgendein Abzeichen; man
konnte an ihm den Fußwanderer nicht verkennen. Er setzte sich still
gegen mir über, nachdem er den Wirt um ein Kuvert begrüßt hatte, und
speiste, was man ihm nachholte und vorsetzte, mit ruhigem Betragen.
Nach aufgehobener Tafel trat ich zum Wirt, der mir ins Ohr sagte:
"Ihr Nachbar soll seine Zeche nicht teuer bezahlen!" Ich begriff
nichts von diesen Worten, aber als der junge Mann sich näherte und
fragte: was er schuldig sei? erwiderte der Wirt, nachdem er sich
flüchtig über die Tafel umgeschaut, die Zeche sei ein Kopfstück. Der
Fremde schien beteten und sagte, das sei wohl ein Irrtum, denn er
habe nicht allein ein gutes Mittagsessen gehabt, sondern auch einen
Schoppen Wein; das müsse mehr betragen. Der Wirt antwortete darauf
ganz ernsthaft, er pflege seine Rechnung selbst zu machen, und die
Gäste erlegten gerne, was er forderte. Nun zahlte der junge Mann,
entfernte sich bescheiden und verwundert; sogleich aber löste mir der
Wirt das Rätsel. "Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk,"
rief er aus, "der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute
kommen."
In Duisburg wusst' ich einen einzigen alten Bekannten, den ich
aufzusuchen nicht versäumte: Professor Plessing war es, mit dem sich
vor vielen Jahren ein sentimental-romanhaftes Verhältnis anknüpfte,
wovon ich hier das Nähere mitteilen will, da unsere Abendunterhaltung
dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt
wurde.
"Werther," bei seinem Erscheinen in Deutschland, hatte keineswegs,
wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern
nur das Übel aufgedeckt, das in jungen Gemütern verborgen lag.
Während eines langen und glücklichen Friedens hatte sich eine
literarisch-ästhetische Ausbildung auf deutschem Grund und Boden,
innerhalb der Nationalsprache, auf das schönste entwickelt; doch
gesellte sich bald, weil der Bezug nur aufs Innere ging, eine gewisse
Sentimentalität hinzu, bei deren Ursprung und Fortgang man den
Einfluss von Yorik-Sterne nicht verkennen darf: wenn auch sein Geist
nicht über den Deutschen schwebte, so teilte sich sein Gefühl um
desto lebhafter mit. Es entstand eine Art zärtlich-leidenschaftlicher
Asketik, welche, da uns die humoristische Ironie des Briten nicht
gegeben war, in eine leidige Selbstquälerei gewöhnlich ausarten
musste. Ich hatte mich persönlich von diesem Übel zu befreien gesucht
und trachtete nach meiner Überzeugung andern hilfreich zu sein; das
aber war schwerer, als man denken konnte: denn eigentlich kam es
drauf an, einem jeden gegen sich selbst beizustehen, wo denn von
aller Hilfe, wie sie uns die äußere Welt anbietet, es sei Erkenntnis,
Belehrung, Beschäftigung, Begünstigung, die Rede gar nicht sein
konnte.
Hier müssen wir nun gar manche, damals mit einwirkende Tätigkeiten
stillschweigend übergehen, aber zu unseren Zwecken macht sich nötig,
eines andern großen, für sich waltenden Bestrebens umständlicher zu
gedenken.
Lavaters Physiognomik hatte dem sittlich-geselligen Interesse eine
ganz andere Wendung verliehen. Er fühlte sich im Besitz der
geistigsten Kraft, jene sämtlichen Eindrücke zu deuten, welche des
Menschen Gesicht und Gestalt auf einen jeden ausübt, ohne dass er
sich davon Rechenschaft zu geben wüsste; da er aber nicht geschaffen
war, irgendeine Abstraktion methodisch zu suchen, so heilt er sich am
einzelnen Fall und also am Individuum.
Heinrich Lips, ein talentvoller junger Künstler, besonders geeignet
zum Porträt, schloss sich fest an ihn, und sowohl zu Haus als auf der
unternommenen Rheinreise kam er seinem Gönner nicht von der Seite.
Nun ließ Lavater, teils aus Heißhunger nach grenzenloser Erfahrung,
teils umso viel bedeutende Menschen als möglich an sein künftiges
Werk zu gewöhnen und zu knüpfen, alle Personen abbilden, die nur
einigermaßen durch Stand und Talent, durch Charakter und Tat
ausgezeichnet ihm begegneten.
Dadurch kam denn freilich gar manches Individuum zur Evidenz, es
ward etwas mehr wert, aufgenommen in einen so edlen Kreis; seine
Eigenschaften wurden durch den deutsamen Meister hervorgehoben, man
glaubte, sich einander näher zu kennen: und so ergab sich's aufs
sonderbarste, dass mancher einzelne in seinem persönlichen Wert
entschieden hervortrat, der sich bisher im bürgerlichen Lebens- und
Staatsgang ohne Bedeutung eingeordnet und eingeflochten gesehen.
Diese Wirkung war stärker und größer, als man sie denken mag:
ein jeder fühlte sich berechtigt, von sich selbst, als von einem
abgeschlossenen, abgerundeten Wesen, das Beste zu denken, und in
seiner Einzelheit vollständig gekräftigt, hielt es ich auch wohl für
befugt, Eigenheiten, Torheiten und Fehler in den Komplex seines
werten Daseins mit aufzunehmen. Dergleichen erfolg konnte sich umso
leichter entwickeln, als bei dem ganzen Verfahren die besondere
individuelle Natur allein, ohne Rücksicht auf die allgemeine
Vernunft, die doch alle Natur beherrschen soll, zur Sprache kam;
dagegen war das religiöse Element, worin Lavater schwebte, nicht
hinreichend, eine sich immer mehr entscheidende Selbstgefälligkeit
zu mildern, ja es entstand bei Frommgesinnten daraus eher ein
geistlicher Stolz, der es dem natürlichen an Erhebung auch wohl
zuvortrat.
Was aber zugleich nach jener Epoche folgerecht auffallend hervorging,
war die Achtung der Individuen untereinander. Namhafte ältere Männer
wurden, wo nicht persönlich, doch im Bild verehrt; und es durfte auch
wohl ein junger Mann sich nur einigermaßen bedeutend hervortun, so
war alsbald der Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft rege, in deren
Ermangelung man sich mit seinem Porträt begnügte; wobei denn die mit
Sorgfalt und gutem Geschick aufs genauste gezogenen Schattenriss
willkommene Dienste leisteten. Jedermann war darin geübt, und kein
Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geschrieben
hätte; die Storchschnäbel durften nicht rasten.
"Menschenkenntnis und Menschenliebe" waren uns bei diesem Verfahren
versprochen; wechselseitige Teilnahme hatte sich entwickelt,
wechselseitiges Kennen und Erkennen aber wollte sich so schnell nicht
entfalten: zu beiden Zwecken jedoch war die Tätigkeit sehr groß, und
was in diesem Sinn von einem herrlich begabten jungen Fürsten, von
seiner wohlgesinnten, geistreich-lebhaften Umgebung für Aufmunterung
und Fördernis nah und fern gewirkt ward, wäre schon zu erzählen, wenn
es nicht löblich schiene, die Anfänge bedeutender Zustände einem
ehrwürdigen Dunkel anheim zu geben. Vielleicht sahen die Kotyledonen
jener Saat etwas wunderlich aus; der Ernte jedoch, woran das
Vaterland und die Außenwelt ihren Anteil freudig dahin nahm, wird
in den spätesten Zeiten noch immer ein dankbares Andenken nicht
ermangeln.
Wer Vorgesagtes in Gedanken festhält und sich davon durchdringt,
wird nachstehendes Abenteuer, welches beide Teilnehmende unter
dem Abendessen vergnüglich in der Erinnerung belebten, weder
unwahrscheinlich noch ungereimt finden.
Zu manchem andern, brieflichen und persönlichen Zudrang erheilt ich
in der Hälfte des Jahrs 1776, von Wernigerode datiert, Plessing
unterzeichnet, ein Schreiben, vielmehr ein Heft, fast das
Wunderbarste, was mir in jener selbstquälerischen Art vor Augen
gekommen: man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und
Universität gebildeten Mann, dem nun aber sein sämtlich Gelerntes zu
eigener innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte. Eine
geübte Handschrift war gut zu lesen, der Stil gewandt und fließend,
und ob man gleich eine Bestimmung zum Kanzelredner darin entdeckte,
so war doch alles frisch und brav aus dem Herzen geschrieben, dass
man ihm einen gegenseitigen Anteil nicht versagen konnte. Wollte
nun aber dieser Anteil lebhaft werden, suchte man sich die Zustände
des Leidenden näher zu entwickeln, so glaubte man statt des Duldens
Eigensinn, statt des Ertragens Hartnäckigkeit und statt eines
sehnsüchtigen Verlangens abstoßendes Wegweisen zu bemerken. Da ward
mir denn, nach jenem Zeitsinn, der Wunsch lebhaft rege, diesen jungen
Mann von Angesicht zu sehen; ihn aber zu mir zu bescheiden, hielt ich
nicht für rätlich. Ich hatte mir, unter bekannten Umständen, schon
eine Zahl von jungen Männern aufgebürdet, die, anstatt mit mir auf
meinem Wege einer reineren, höheren Bildung entgegenzugehen, auf dem
ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden und mich in meinen
Fortschritten hinderten. Ich ließ die Sache indessen hängen, von der
Zeit irgendeine Vermittelung erwartend.
Da erhielt ich einen zweiten, kürzern, aber auch lebhafteren,
heftigeren Brief, worin der Schreiber auf Antwort und Erklärung drang
und, sie ihm nicht zu versagen, mich feierlichst beschwor.
Aber auch dieser wiederholte Sturm brachte mich nicht aus der
Fassung; die zweiten Blätter gingen mir so wenig als die ersten zu
Herzen, aber die herrische Gewohnheit, jungen Männern meines Alters
in Herzens- und Geistesnöten beizustehen, ließ mich sein doch nicht
ganz vergessen.
Die um einen trefflichen jungen Fürsten versammelte weimarsche
Gesellschaft trennte sich nicht leicht, ihre Beschäftigungen und
Unternehmungen, Scherze, Freuden und Leiden waren gemeinsam. Da ward
nun zu Ende Novembers eine Jagdpartie auf wilde Schweine,
notgedrungen auf das häufige Klagen des Landvolks, im Eisenachschen
unternommen, der ich, als damaliger Gast, auch beizuwohnen hatte;
ich erbat mir jedoch die Erlaubnis, nach einem kleinen Umweg mich
anschließen zu dürfen.
Nun hatte ich einen wundersamen geheimen Reiseplan. Ich musste
nämlich, nicht nur etwa von Geschäftsleuten, sondern auch von vielen
am Ganzen teilnehmenden Weimarern öfter den lebhaften Wunsch hören,
es möge doch das Ilmenauer Bergwerk wieder aufgenommen werden. Nun
ward von mir, der ich nur die allgemeinsten Begriffe vom Bergbau
allenfalls besaß, zwar weder Gutachten noch Meinung, doch Anteil
verlangt, aber diesen konnt' ich an irgendeinem Gegenstand nur durch
unmittelbares Anschauen gewinnen. Ich dachte mir unerlässlich, vor
allen Dingen das Bergewesen in seinem ganzen Komplex, und wär'
es auch nur flüchtig, mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu
fassen; denn alsdann nur konnt' ich hoffen, in das Positive weiter
einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden. Deshalb
hatt' ich mir längst eine Reise auf den Harz gedacht. Und gerade
jetzt, da ohnehin diese Jahrszeit in Jagdlust unter freiem Himmel
zugebracht werden sollte, fühlte ich mich dahin getrieben. Alles
Winterwesen hatte überdies in jener Zeit für mich große Reize, und
was die Bergwerke betraf, so war ja in ihren Tiefen weder Winter noch
Sommer merkbar; wobei ich zugleich gern bekenne, dass die Absicht,
meinen wunderlichen Korrespondenten persönlich zu sehen und zu
prüfen, wohl die Hälfte des Gewichtes meinem Entschluss hinzufügte.
Indem sich nun die Jagdlustigen nach einer andern Seite hin begaben,
ritt ich ganz allein dem Ettersberge zu und begann jene Ode, die
unter dem Titel "Harzreise im Winter" solange als Rätsel unter meinen
kleineren Gedichten Platz gefunden. Im düstern und von Norden her
sich heranwälzenden Schneegewölk schwebte hoch ein Geier über mir.
Die Nacht verblieb ich in Sondershausen und gelangte des andern Tags
so bald nach Nordhausen, dass ich gleich nach Tisch weiter zu
gehen beschloss, aber mit Boten und Laterne nach mancherlei
Gefährlichkeiten erst sehr spät in Ilfeld ankam.
Ein ansehnlicher Gasthof war glänzend erleuchtet, es schien ein
besonderes Fest darin gefeiert zu werden. Erst wollte der Wirt mich
gar nicht aufnehmen: die Kommissarien der höchsten Höfe, hieß es,
seien schon lange hier beschäftigt, wichtige Einrichtungen zu treffen
und verschiedene Interessen zu vereinbaren, und da dies nun glücklich
vollendet sei, gäben sie heute Abend einen allgemeinen Schmaus. Auf
dringende Vorstellung jedoch und einige Winke des Boten, dass man mit
mir nicht übel fahre, erbot sich der Mann, mir den Bretterverschlag
in der Wirtsstube, seinen eigentlichen Wohnsitz, und zugleich sein
weiß zu überziehendes Ehebett einzuräumen. Er führte mich durch das
weite, hell erleuchtete Wirtszimmer, da ich mir denn im Vorbeigehen
die sämtlichen munteren Gäste flüchtig beschaute.
Doch sie sämtlich zu meiner Unterhaltung näher zu betrachten, gab mir
in den Brettern des Verschlags eine Astlücke die beste Gelegenheit,
die, seine Gäste zu belauschen, dem Wirte selbst oft dienen mochte.
Ich sah die lange und wohl erleuchtete Tafel von unten hinauf, ich
überschaute sie, wie man oft die Hochzeit von Kana gemalt sieht;
nun musterte ich bequem von oben bis herab also: Vorsitzende, Räte,
andere Teilnehmende und dann immer so weiter, Sekretarien, Schreiber
und Gehilfen. Ein glücklich geendigtes beschwerliches Geschäft schien
eine Gleichheit aller tätig Teilnehmenden zu bewirken, man schwatzte
mit Freiheit, trank Gesundheiten, wechselte Scherz und Scherz, wobei
einige Gäste bezeichnet schienen, Witz und Spaß an ihnen zu üben;
genug, es war ein fröhliches, bedeutendes Mahl, das ich bei dem
hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentümlichkeiten ruhig beobachten
konnte, eben als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und
einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu beschauen und zu erkennen
mich begünstigte. Und wie dies mir nach der düstersten Nachtreise
in den Harz hinein ergötzlich gewesen, werden die Freunde solcher
Abenteuer beurteilen. Manchmal schien es mir ganz gespensterhaft,
als säh' ich in einer Berghöhle wohlgemute Geister sich erlustigen.
Nach einer wohl durchschlafenen Nacht eilte ich frühe, von einem
Boten abermals geleitet, der Baumannshöhle zu; ich durchkroch sie und
betrachtete mir das fortwirkende Naturereignis ganz genau. Schwarze
Marmormassen, aufgelöst, zu weißen kristallinischen Säulen und
Flächen wieder hergestellt, deuteten mir auf das fortwebende Leben
der Natur. Freilich verschwanden vor dem ruhigen Blick alle die
Wunderbilder, die sich eine düster wirkende Einbildungskraft so gern
aus formlosen Gestalten erschaffen mag; dafür blieb aber auch das
eigne wahre desto reiner zurück, und ich fühlte mich dadurch gar
schön bereichert.
Wieder ans Tageslicht gelangt, schrieb ich die notwendigsten
Bemerkungen, zugleich aber auch mit ganz frischem Sinn die ersten
Strophen des Gedichtes, das unter dem Titel "Harzreise im Winter" die
Aufmerksamkeit mancher Freunde bis auf die letzten Zeiten erregt hat;
davon mögen denn die Strophen, welche sich auf den nun blad zu
erblickenden wunderlichen Mann beziehen, hier Platz finden, weil sie
mehr als viele Worte den damaligen liebevollen Zustand meines Innern
auszusprechen geeignet sind.
Aber abseits, wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.
Ach, wer heilt die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungenügender Selbstsucht.
Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Dürstenden
In der Wüste!
Im Gasthof zu Wernigerode angekommen, ließ ich mich mit dem Kellner
in ein Gespräch ein; ich fand ihn als einen sinnigen Menschen, der
seine städtischen Mitgenossen ziemlich zu kennen schien. Ich sagt'
ihm darauf, es sei meine Art, wenn ich an einem fremden Ort
ohne besondere Empfehlung anlangte, mich nach jüngern Personen
zu erkundigen, die sich durch Wissenschaft und Gelehrsamkeit
auszeichneten; er möge mir daher jemanden der Art nennen, damit ich
einen angenehmen Abend zubrächte. Darauf erwiderte ohne weiteres
Bedenken der Kellner: es werde mir gewiss mit der Gesellschaft des
Herrn Plessing gedient sein, dem Sohn des Superintendenten; als Knabe
sei er schon in Schulen ausgezeichnet worden und habe noch immer den
Ruf eines fleißigen guten Kopfs, nur wolle man seine finstere Lauen
tadeln und nicht gut finden, dass er mit unfreundlichem Betragen sich
aus der Gesellschaft ausschließe. Gegen Fremde sei er zuvorkommend,
wie Beispiele bekannt wären; wollte ich angemeldet sein, so könne es
sogleich geschehen.
Der Kellner brachte mir bald eine bejahende Antwort und führte mich
hin. Es war schon Abend geworden, als ich in ein großes Zimmer des
Erdgeschosses, wie man es in geistlichen Häusern antrifft, hineintrat
und den jungen Mann in der Dämmerung noch ziemlich deutlich
erblickte. Allein an einigen Symptomen konnt' ich bemerken, dass die
Eltern eilig das Zimmer verlassen hatten, um dem unvermuteten Gast
Platz zu machen.
Das hereingebrachte Licht ließ mich den jungen Mann nunmehr ganz
deutlich erkennen: er glich seinem Brief völlig, und so wie jenes
Schreiben erregte er Interesse, ohne Anziehungskraft auszuüben.
Um ein näheres Gespräch einzuleiten, erklärt' ich mich für einen
Zeichenkünstler von Gotha, der wegen Familienangelegenheiten in
dieser unfreundlichen Jahrszeit Schwester und Schwager in
Braunschweig zu besuchen habe.
Mit Lebhaftigkeit fiel er mir beinahe ins Wort und rief aus: "Da Sie
so nahe an Weimar wohnen, so werden Sie doch auch diesen Ort, der
sich so berühmt macht, öfters besucht haben!" Dieses bejaht' ich ganz
einfach und fing an, von Rat Kraus, von der Zeichenschule, von
Legationsrat Bertuch und dessen unermüdeter Tätigkeit zu sprechen;
ich vergaß weder Musäus noch Jagemann, Kapellmeister Wolf und einige
Frauen und bezeichnete den Kreis, den diese wackern Personen
abschlossen und jeden Fremden willig und freundlich unter sich
aufnahmen.
Endlich fuhr er etwas ungeduldig heraus: "Warum nennen Sie denn
Goethe nicht?" Ich erwiderte, dass ich diesen auch wohl in gedachtem
Kreis als willkommenen Gast gesehen und von ihm selbst persönlich als
fremder Künstler wohl aufgenommen und gefördert worden, ohne dass
ich weiter viel von ihm zu sagen wisse, da er teils allein, teils in
andern Verhältnissen lebe.
Der junge Mann, der mit unruhiger Aufmerksamkeit zugehört hatte,
verlangte nunmehr, mit einigem Ungestüm, ich solle ihm das seltsame
Individuum schildern, das so viel von sich reden mache. Ich trug
ihm darauf mit großer Ingenuität eine Schilderung vor, die für mich
nicht schwer wurde, da die seltsame Person in der seltsamsten Lage
mir gegenwärtig stand, und wäre ihm von der Natur nur etwas mehr
Herzenssagazität gegönnt gewesen, so konnte ihm nicht verborgen
bleiben, dass der vor ihm stehende Gast sich selbst schildere.
Er war einige Mal im Zimmer auf und ab gegangen, indes die Magd
herein trat, eine Flasche Wein und sehr reinlich bereitetes kaltes
Abendbrot auf den Tisch setzte; er schenkte beiden ein, stieß an und
schluckte das Glas sehr lebhaft hinunter. Und kaum hatte ich mit
etwas gemäßigteren Zügen das meinige geleert, ergriff er heftig
meinen Arm und rief: "O verzeihen Sie meinem wunderlichen Betragen!
Sie haben mir aber so viel Vertrauen eingeflößt, dass ich Ihnen alles
entdecken muss. Dieser Mann, wie Sie mir ihn beschreiben, hätte mir
doch antworten sollen! Ich habe ihm einen ausführlichen, herzlichen
Brief geschickt, ihm meine Zustände, meine Leiden geschildert, ihn
gebeten, sich meiner anzunehmen, mir zu raten, mir zu helfen, und
nun sind schon Monate verstrichen, ich vernehme nichts von ihm;
wenigstens hätte ich ein ablehnendes Wort auf ein so unbegrenztes
Vertrauen wohl verdient."
Ich erwiderte darauf, dass ich ein solches Benehmen weder erklären
noch entschuldigen könne; so viel wisse ich aber aus eigener
Erfahrung, dass ein gewaltiger, sowohl ideeller als reeller Zudrang
diesen sonst wohlgesinnten, wohlwollenden und hilfsbereiten jungen
Mann oft außerstand setze, sich zu bewegen, geschweige zu wirken.
"Sind wir zufällig so weit gekommen," sprach er darauf mit einiger
Fassung, "den Brief muss ich Ihnen vorlesen, und Sie sollen urteilen,
ob er nicht irgendeine Antwort, irgendeine Erwiderung verdiente."
Ich ging im Zimmer auf und ab, die Vorlesung zu erwarten, ihrer
Wirkung schon beinahe ganz gewiss, deshalb nicht weiter nachdenkend,
um mir selbst in einem so zarten Fall nicht vorzugreifen. Nun saß er
gegen mir über und fing an, die Blätter zu lesen, die ich in- und
auswendig kannte, und vielleicht war ich niemals mehr von der
Behauptung der Physiognomisten überzeugt, ein lebendiges Wesen sei in
allem seinem Handeln und Betragen vollkommen übereinstimmend mit sich
selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas erzeige
sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentümlichkeiten. Der Lesende
passte völlig zu dem Gelesenen, und wie dieses früher in der
Abwesenheit mich nicht ansprach, so war es nun auch mit der
Gegenwart. Man konnte zwar dem jungen Mann eine Achtung nicht
versagen, eine Teilnahme, die mich denn auch auf einen so
wunderlichen Weg geführt hatte: denn ein ernstliches Wollen sprach
sich aus, ein edler Sinn und Zweck; aber obschon von den zärtlichsten
Gefühlen die Rede war, blieb der Vortrag ohne Anmut, und eine ganz
eigens beschränkte Selbstigkeit tat sich kräftig hervor. Als er nun
geendet hatte, fragte er mit Hast, was ich dazu sage? Und ob ein
solches Schreiben nicht eine Antwort verdient, ja gefordert hätte?
Indessen war mir der bedauernswürdige Zustand dieses jungen Mannes
immer deutlicher geworden: er hatte nämlich von der Außenwelt
niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektüre mannigfaltig
ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet
und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein
produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn
sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschäftigung
mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, völlig
abzugehen schien.
Da ich an mir und andern schon glücklich erprobt hatte, dass in
solchem Falle ein rasche gläubige Wendung gegen die Natur und ihre
grenzenlose Mannigfaltigkeit das beste Heilmittel sei, so wagt' ich
alsobald den Versuch, es auch in diesem Fall anzuwenden und ihm daher
nach einigem Bedenken folgendermaßen zu antworten:
"Ich glaube zu begreifen, warum der junge Mann, auf den Sie so viel
Vertrauen gesetzt, gegen Sie stumm geblieben: denn seine jetzige
Denkweise weicht zu sehr von der Ihrigen ab, als dass er hoffen
dürfte, sich mit Ihnen zu verständigen zu können. Ich habe selbst
einigen Unterhaltungen in jenem Kreis beigewohnt und behaupten hören:
man werde sich aus einem schmerzlichen, selbstquälerischen, düsteren
Seelenzustand nur durch Naturbeschauung und herzliche Teilnahme
an der äußeren Welt retten und befreien. Schon die allgemeinste
Bekanntschaft mit der Natur, gleichviel von welcher Seite, ein
tätiges Eingreifen, sei es als Gärtner oder Landbewohner, als Jäger
oder Bergmann, ziehe uns von uns selbst ab; die Richtung geistiger
Kräfte auf wirkliche, wahrhafte Erscheinungen gebe nach und nach das
größte Behagen, Klarheit und Belehrung; wie denn der Künstler, der
sich treu an der Natur halte und zugleich sein Inneres auszubilden
suche, gewiss am besten fahren werde."
Der junge Freund schien darüber sehr unruhig und ungeduldig, wie
man über eine fremde oder verworrene Sprache, deren Sinn wir nicht
vernehmen, ärgerlich zu werden anfängt. Ich darauf, ohne sonderliche
Hoffnung eines glücklichen Erfolges, eigentlich aber um nicht zu
verstummen, fuhr zu reden fort. "Mir, als Landschaftsmaler," sagte
ich, "musste dies zu allererst einleuchten, da ja meine Kunst
unmittelbar auf die Natur gewiesen ist; doch habe ich seit jener Zeit
emsiger und eifriger als bisher nicht etwa nur ausgezeichnete und
auffallende Naturbilder und Erscheinungen betrachtet, sondern mich zu
allem und jedem liebevoll hingewendet." Damit ich mich nun aber
nicht ins Allgemeine verlöre, erzählte ich, wie mir sogar diese
notgedrungene Winterreise, anstatt beschwerlich zu sein, dauernden
Genuss gewährt; ich schilderte ihm, mit malerischer Poesie und doch
so unmittelbar und natürlich, als ich nur konnte, den Vorschritt
meiner Reise, jenen morgendlichen Schneehimmel über den Bergen,
die mannigfaltigsten Tageserscheinungen, dann bot ich seiner
Einbildungskraft die wunderlichen Turm- und Mauerbefestigungen von
Nordhausen, gesehen bei hereinbrechender Abenddämmerung, ferner die
nächtlich rauschenden, von des Boten Laterne zwischen Bergschluchten
flüchtig erleuchtet blinkenden Gewässer und gelangte sodann zur
Baumannshöhle. Hier aber unterbrach er mich lebhaft und versicherte,
der kurze Weg, den er daran gewendet, gereue ihn ganz eigentlich;
sie habe keineswegs dem Bild sich gleichgestellt, das er in seiner
Phantasie entworfen. Nach dem Vorhergegangenen konnten mich solche
krankhafte Symptome nicht verdrießen: denn wie oft hatte ich erfahren
müssen, dass der Mensch den Wert einer klaren Wirklichkeit gegen ein
trübes Phantom seiner düstern Einbildungskraft von sich ablehnt.
Ebenso wenig war ich verwundert, als er auf meine Frage: wie er sich
denn die Höhle vorgestellt habe? Eine Beschreibung machte, wie kaum
der kühnste Theatermaler den Vorhof des Plutonischen Reiches
darzustellen gewagt hätte.
Ich versuchte hierauf noch einige propädeutische Wendungen, als
Versuchsmittel einer zu unternehmenden Kur; ich ward aber mit der
Versicherung, es könne und solle ihm nichts in dieser Welt genügen,
so entschieden abgewiesen, dass mein Innerstes sich zuschloss und ich
mein Gewissen durch den beschwerlichen Weg, im Bewusstsein des besten
Willens, völlig befreit und mich gegen ihn von jeder weiteren Pflicht
entbunden glaubte.
Es war schon spät geworden, als er mir den zweiten, noch heftigern,
mir gleichfalls nicht unbekannten brieflichen Erlass vorlesen wolle,
doch aber meine Entschuldigung wegen allzu großer Müdigkeit gelten
ließ, indem er zugleich eine Einladung auf morgen zu Tisch im Namen
der Seinigen dringend hinzufügte; wogegen ich mir die Erklärung auf
morgen ganz in der Frühe vorbehielt. Und so schieden wir friedlich
und schicklich. Seine Persönlichkeit ließ einen ganz individuellen
Eindruck zurück. Er war von mittlerer Größe, seine Gesichtszüge
hatten nichts Anlockendes, aber auch nichts eigentlich Abstoßendes,
sein düsteres Wesen erschien nicht unhöflich, er konnte vielmehr für
einen wohlerzogenen jungen Mann gelten, der sich in der Stille auf
Schulen und Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hatte.
Heraustretend fand ich den völlig aufgehellten Himmel von Sternen
blinken, Straßen und Plätze mit Schnee überdeckt, blieb auf einem
schmalen Steg ruhig stehen und beschaute mir die winternächtliche
Welt. Zugleich überdacht' ich das Abenteuer und fühlte mich fest
entschlossen, den jungen Mann nicht wieder zu sehen: infolge dessen
bestellt' ich mein Pferd auf Tagesanbruch, übergab ein anonymes,
entschuldigendes Bleistiftblättchen dem Kellner, dem ich zugleich
so viel Gutes und Wahres von dem jungen Mann, den er mir bekannt
gemacht, zu sagen wusste; welches denn der gewandte Bursche mit
eigner Zufriedenheit gewiss wohl benutzt haben mag.
Nun ritt ich an dem Nordosthang des Harzes, im grimmigen, mich zur
Seite bestürmenden Stöberwetter, nachdem ich vorher den Rammelsberg,
Messinghütten und die sonstigen Anstalten der Art beschaut und ihre
Weise mir eingeprägt hatte, nach Goslar, wovon ich diesmal nicht
weiter erzähle, da ich mich künftig mit meinen Lesern darüber
umständlich zu unterhalten hoffe.
Ich wüsste nicht, wie viel Zeit vorübergegangen, ohne dass ich etwas
weiter von dem jungen Mann gehört hätte, als unerwartet an einem
Morgen mir ein Billett ins Gartenhaus bei Weimar zukam, wodurch
er sich anmeldete; ich schrieb ihm einige Worte dagegen, er
werde mir willkommen sein. Ich erwartete nun einen seltsamen
Erkennungsauftritt, allein er blieb, herein tretend, ganz ruhig
und sprach: "Ich bin nicht überrascht, Sie hier zu finden; die
Handschrift Ihres Billetts rief mir so deutlich jene Züge wieder ins
Gedächtnis, die Sie, aus Wernigerode scheidend, mir hinterließen,
dass ich keinen Augenblick zweifelte, jenen geheimnisvollen Reisenden
abermals hier zu finden."
Schon dieser Eingang war erfreulich, und es eröffnete sich ein
trauliches Gespräch, worin er mir seine Lage zu entwickeln trachtete
und ich ihm dagegen meine Meinung nicht vorenthielt. Inwiefern sich
seine inneren Zustände wirklich gebessert hatten, wüsst' ich nicht
mehr anzugeben, es musste aber damit nicht so gar schlimm aussehen,
denn wir schieden nach mehreren Gesprächen friedlich und freundlich;
nur dass ich sein heftiges Begehren nach leidenschaftlicher
Freundschaft und innigster Verbindung nicht erwidern konnte.